Universität Tübingen
Strategie mit Stil? - Die Rhetorik der SMS
Magisterarbeit
eingereicht von
Sandro Mattioli
2004
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung ... 3
1.1. Die Welt der Nullen und Einsen ... 3
2. Theoretischer Teil ... 8
2.1. Technischer Teil ... 8
2.1.1. Die Entwicklung des Mobilfunks in Deutschland ... 8
2.1.2. Der Short Message Service (SMS) ... 11
2.2. Sprachphilosophisch-theoretischer Teil ... 15
2.2.1. Medien sind Kultur: Es muss auch ohne Funktionalisierung gehen ... 15
2.2.2. SMS und Rhetorik – eine Analogie ... 22
2.2.3. Auf der Suche nach dem Spezifischen der SMS-Sprachpraxis ... 32
2.2.4. Wie lässt sich Sprache so fassen, dass Veränderungen möglich sind? ... 36
2.2.5. Ludwig Wittgenstein: Wer spricht, spielt das Sprachspiel ... 39
2.2.6. Donald Davidson: Verstehen ist immer Interpretation ... 42
3. Empirischer Teil ... 49
3.1. Vorgehensweise ... 49
3.2. Analytischer Teil ... 50
3.2.1. Andersartigkeiten ... 51
3.2.2. Die Analyse der SMS ... 53
4. Konklusion ... 77
4.1.1. Eine Rhetorik der SMS im Sinne eines präskriptiven Systems ... 77
5. Literaturverzeichnis ... 83
5.1. Quellen ... 83
5.2. Literatur ... 83
5.2.1. Forschungsliteratur ... 83
5.2.2. Elektronisch vorliegende Literatur ... 88
5.2.3. Zeitungen ... 89
6. Anhänge ... 90
6.1. Anhang 1: SMS-Liste ... 90
6.2. Anhang 2: Email ... 108
6.3. Anhang 3: Die Andersartigkeiten der SMS-Sprachpraktiken gegliedert aufgelistet ... 110
6.3.1. Auf Zeichenebene ... 110
6.3.2. Auf Wortebene ... 110
6.3.3. Auf Strukturebene ... 111
6.3.4. Auf Sprachebene ... 111
6.3.5. Sonstiges ... 112
6.4. Anhang 4: Das Schema der Mediolekte von Patrick Schmidli ... 113
6.5. Anhang 5: Gruß- und Schlussformeln ... 114
1. Einleitung
1.1. Die Welt der Nullen und Einsen
Der kanadische Medienforscher Marshall McLuhan rief mit seinem Buch „Die Gutenberg-Galaxis“ das Ende des Buchzeitalters aus. Er prägte damals eine Metapher, die im Gegensatz zu seiner Aussage, das Zeitalter des Drucks sei vorbei noch heute Bestand hat: die von der Welt als einem „globalen Dorf“1. Seit McLuhan sein Aufsehen erregendes Werk geschrieben hat, ist die Entlokalisierung der technisch bewerkstelligten Kommunikation beträchtlich gewachsen. Doch von einem „globalen Dorf“ ist die Welt immer noch recht weit entfernt: Vielleicht ist es ein gigantisches Missverständnis gewesen, vor der Folie einer möglichen grenzenlosen Kommunikation darauf zu schließen, dass damit auch tatsächliche Kommunikationsbedürfnisse befriedigt werden. Vielleicht ist aber der Prozess der Bedarfsweckung noch gar nicht abgeschlossen und / oder die Möglichkeiten des Medieneinsatzes vor allem im Bereich der Mobilkommunikation stehen noch am Anfang ihrer Entwicklung.
Der gegenwärtige Zustand erlaubt nicht, sich für eine Sichtweise zu entscheiden. Das, was McLuhan als Voraussetzung für das „globale Dorf“ proklamiert, die elektronische Interdependenz, erhielt mit dem Aufkommen der mobilen Telefonie tatsächlich einen Schub, dessen Kraft bis heute - so sei hier prophezeit - noch gar nicht ermessen werden kann: Die globale Vernetzung und die Überwindung von Zeit und Raum gehen in ihr einen perfekten Bund mit großem Wachstumspotenzial ein. Zugleich ist die Welt jedoch am ehesten in wirtschaftlicher Hinsicht zusammengerückt. Von einem globalen Dorf kann keine Rede sein, höchstens von einem globalen Markt. Wahrscheinlich wurde angesichts der neuen Medienmöglichkeiten die Bedeutung der Face-to-Face-Kommunikation unterschätzt. Jedenfalls zeigen sich in den SMS, die Gegenstand dieser Untersuchung sind, wenige Merkmale einer Kommunikation im globalen Dorf. Allenfalls mehrsprachige SMS können ein Anzeichen dafür sein, dass das globale Dorf Realität wird. Genauso gut kann mehrsprachige Kommunikation früher andere Wege gefunden haben. Auch vor dem Hintergrund der wachsenden räumlichsituativen Unabhängigkeit der Datenkommunikation und damit verbunden einer zunehmenden Bedeutungslosigkeit des Aufenthaltsortes eines Kommunizierenden scheint die Metapher „globales Dorf“ – ohnehin schon ein Oxymoron – gegenwärtig wenig angemessen.
McLuhan konnte die anhaltende Entlokalisierung des Datenflusses so nicht voraussehen. Heute können niedrige Datenmengen, wie sie bei Telefongesprächen und einfachen Datentransfers anfallen, ortsunabhängig übermittelt werden. Im Idealfall könnte man bei einem weltumspannenden einheitlichen Netzstandard – der jedoch noch nicht existiert - von jedem Ort der Erde mit einem Mobiltelefon mit anderen kommunizieren. Der am weitesten verbreitete Netzstandard GSM ist in 197 Ländern präsent. Für die Zukunft sind mobile Datenübermittlungen in einer Größe von 2 Megabit pro Sekunde geplant damit lassen sich beispielsweise simultan fünf hochwertige Videokonferenzen realisieren.
Geht man daher von einer Determiniertheit der Veränderungen im Kommunikationswesen aus2, gelangt man zu der Vermutung, dass in nicht allzu ferner Zukunft jeder von jedem Ort der Welt via Funk oder Mobilfunk Zugriff auf seine Daten oder die anderer haben wird. Statt einer Festplatte wird jeder Nutzer3 wohl irgendwo einen Datenspeicher haben und mittels unterschiedlicher Geräte – digitaler Kameras, mobiler Telefone und Computer etc. – von überall darauf zugreifen können; ständig online zu sein wird zur Norm werden. Mediale Kommunikation und das Internet als Geflecht von Datenkabeln, das die Weiterleitung unterschiedlicher medialer Kommunikationscontainer ermöglicht, wird eine völlig neue Bedeutung bekommen. Darauf deuten zumindest die gegenwärtige Entstehung von lokalen kabellosen Netzwerken (W-LAN) und die anstehende Einführung des UMTS-Standards hin.
Eine Einschränkung ist hier angebracht: Das zunehmende Vernetzen der Welt findet derzeit nur dort statt, wo genügend Geld dafür vorhanden ist. Das „globale Dorf“ ist so entgegen der Intention der Schöpfer des Internets zu einer Siedlung für die geworden, die sich ein Haus dort leisten können.4 Allerdings ist die These, dass die zunehmende Vernetzung der Welt nicht zu einem Zusammenwachsen der Menschen führt, als gegenwartsbezogen zu sehen. Denn bis eine technische Neuerung ihre Hauptnutzung gefunden hat, vergeht einige Zeit. 5
Das weit größere Verdienst von McLuhan ist in der Begründung eines neuen Paradigmas zu sehen, demzufolge Medien nicht nur Kommunikationsträger sind, sondern auch Auswirkungen auf ihre Nutzer haben. Das meint McLuhan mit dem Satz „Das Medium ist die Botschaft“. McLuhan belegt dies anhand eines Ganges durch die Mediengeschichte. Die Frage, inwiefern diese Auswirkungen Sprache im Sinne einer Summe aller Sprachpraktiken verändern, steht auch bei dieser Untersuchung im Hintergrund.
Diese allmählich ausgeprägte Hauptnutzung von technischen Neuerungen, also auch von Mediengeräten, kann sich später noch ändern. Es dauert also, bis sich die Botschaft eines Mediums6 dauerhaft manifestiert. Insofern ist McLuhans statische Sicht der Botschaft eines Mediums falsch. Denn diese Botschaft ist keine dem Medium eigene Auswirkung auf den Menschen, sie ist dynamisch und entsteht erst im sozialen Kontext. Zudem differiert sie innerhalb verschiedener sozialer Kontexte in einem gewissen Maß. Anschaulich wird dies am Beispiel des Internets, das nur in einigen Teilen der Erde an seiner vermutlichen Hauptnutzung angekommen ist, in anderen Teilen dagegen sehr dünnmaschig ist und damit anders, nicht als Massenkommunikationsnetz, genutzt wird.
Ein schöner Beleg für McLuhans „Botschaft“ ist, dass der Ausdruck „globales Dorf“ einhergehend mit der Durchsetzung des Internets in der heutigen Form in vielen Teilen der Erde Gemeingut geworden ist.
Ganz neu ist McLuhans Vorstellung von der Botschaft eines Mediums nicht. Sie findet sich ansatzweise schon in einem Briefwechsel aus dem Jahr 1882 zwischen Friedrich Nietzsche und Heinrich Köselitz, wie Friedrich Kittler schreibt. Mit dem Satz „Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken“7 habe Nietzsche in einem Brief an Köselitz McLuhan vorgegriffen. Allerdings hat Kittler etwas übersehen: Das Verdienst des Mc-Luhan-Vorgriffes gebührt nämlich Köselitz, der zuvor auf einer Postkarte an Nietzsche schrieb:
„Für ihre gütig übersandte Schriftprobe danke ich Ihnen vielmals herzlich. Sowohl von der Deutlichkeit der Lettern, noch mehr aber von der Kernigkeit der Sprüche war ich sehr überrascht. Woher haben Sie auf einmal diesen altdeutschen Ton und den selben Geschmack in der Bilderrede? [...] Nun möchte ich gerne sehen, wie mit dem Schreibapparat manipuliert wird; ich denke mir, dass es viel Übung kostet, bis die Zeilen laufen. Vielleicht gewöhnen Sie Sich mit diesem Instrument gar eine neue Ausdrucksweise an; - mir wenigstens könnte es so ergehen; ich leugne nicht, dass meine „Gedanken“ in der Musik und Sprache oft von der Qualität der Feder und des Papiers abhängen [...].“ 8
Nietzsche entgegnete:
„Sie haben Recht – unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken.“ 9
Es ist reizvoll, sich die Folgen des technischen Fortschritts, wie McLuhan es damals tat, auszumalen – doch es ist auch hypothetisch. Die Veränderung des Menschen durch das Medium wie sie McLuhan proklamiert lassen sich dagegen mittels empirischer Untersuchungen durchaus beobachten. Die Medienforschung ist relativ rege, spaltet sich aber in viele Richtungen auf: Die Linguistikforschung setzt sich beispielsweise mit der Einwirkung neuer Kommunikationsmöglichkeiten wie SMS und Email auf die Sprache auseinander, die Psychologie widmet sich derzeit verstärkt dem Einfluss von Computern und deren Vernetzung auf das Lernverhalten und wie sich computerbasiert lernen lässt, Kulturwissenschaftler suchen nach gesellschaftlichen Veränderungen, die auf den Gebrauch von modernen Kommunikationshilfsmitteln zurückgehen. All diese Teiluntersuchungen haben aber noch nicht zu einer gemeinsamen Technikfolgenabschätzung zusammengefunden.
Den Veränderungen durch neue Kommunikationsmöglichkeiten kann man nicht nur als Wissenschaftler nachspüren. Handybesitzer kennen die Auswirkungen aus eigener Erfahrung. Sei es, dass man erst den angemessenen Umgang mit der allzeitigen Erreichbarkeit finden muss, oder dass man bemerkt, wie sie sich auf alltägliche Verhaltensweisen auswirkt. Beispiele gibt es viele: Das Abwägen, ob man das Telefon mit sich trägt oder es aufgrund eventueller Störungen zu Hause lässt. Der Gedanke, Anrufe zu verpassen, wenn man es nicht bei sich hat. Eine andere Form von Einfluss tritt beim Schreiben von SMS auf. Jeder Handybesitzer kann sie feststellen, wenn er Inhalte in die Form kurzer Texte bringt, um sie per SMS zu übermitteln. In dieser Arbeit sollen nicht die Veränderungen untersucht werden, die das Medium SMS bei den einzelnen Nutzern hervorruft. Das wäre im gegebenen Arbeitsrahmen nicht zu bewerkstelligen.
Es soll stattdessen untersucht werden, ob sich an den Sprachpraktiken, die unter den von der Beschaffenheit der SMS vorgegebenen Bedingungen entstehen, spezifische Andersartigkeiten feststellen und diese gegebenenfalls kategorisieren lassen. Aus diesen Ergebnissen soll der Ansatz zu einer Rhetorik der SMS destilliert werden.
Diese Darstellung folgt dabei Dierk Spreen, der im „technisch-medialen Apriori“, also in der Ansicht, dass „technische Vermittlungsverhältnisse gesellschaftlichen, kulturellen und epistemologischen Strukturen vorausgesetzt sind“10, eine zentrale Rolle für medientheoretische Untersuchungen sieht.11 Denn nur unter diesen Voraussetzungen kann es so etwas wie eine Rhetorik der SMS überhaupt geben.
Die Untersuchung dieser Veränderungen benötigt freilich einen sprachtheoretischen Unterbau, und angesichts der Vielzahl unterschiedlicher Definitionen und Theorien von und über Sprache und Sprechen wird schnell klar, dass man sich auf einem gefährlich glatten sprachphilosophischen Feld bewegt. Um allzu schlimmen Stürzen vorzubeugen, soll nach einer kurzen technischen Definition der SMS und der Schilderung ihrer Entwicklung hier eine sprachtheoretische und medienphilosophische Betrachtung stehen, die die Art und Weise, wie Sprache in SMS verwendet wird, im Feld der Sprachtheorie positioniert.
Eines vorneweg: SMS müsste korrekterweise mit Kurz-Nachrichten-Dienst übersetzt werden. Man müsste also, wenn man die Textbotschaft meint, von „SM“ sprechen. Hier soll aber dennoch die gebräuchliche Abkürzung „SMS“ verwendet werden.
Diese Arbeit wäre nicht möglich gewesen ohne die 500 SMS, die mir eine Vielzahl von Personen abgetippt und zur Verfügung gestellt haben. Dafür und dass sie auch sehr persönliche SMS nicht ausgesiebt haben danke ich ihnen.
2. Theoretischer Teil
2.1. Technischer Teil
2.1.1. Die Entwicklung des Mobilfunks in Deutschland
Der Mobilfunk hatte bereits eine überraschend lange Geschichte hinter sich, bevor er sich in Deutschland in der Masse durchsetzte. Schon 1918 unternahm die Deutsche Reichsbahn bei Berlin Versuche mit Funktelefongesprächen aus fahrenden Zügen. 1926 konnten die Fahrgäste auf der Strecke Hamburg - Berlin dann tatsächlich Funkgespräche führen.
[...]
1 Marshall McLuhan: Die Gutenberg-Galaxis. Das Ende des Buchzeitalters. Düsseldorf, Wien 1968. S. 47
2 Im Gegensatz zu: Greg Hearn, Tom Mandeville und David Anthony: The Communication Superhigh-way. Social and economic Change in the digital Age. St. Leonards, Australien 1998. S. 135.
3 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in dieser Arbeit stets nur die männliche Form benutzt, sie soll aber geschlechtsneutral verstanden werden.
4 Paul Baran konzipierte den Vorgänger des Internets, das Arpanet, 1969 bewusst als dezentrales Netz-werk mit redundanten Datenleitungen. Auch Tim Berners-Ice, der das World Wide Web zur heutigen Form weiterentwickelte, erhielt das dezentrale Funktionsprinzip des Netzwerks. Berners-Ice ging es auch darum, ein demokratisches Netz zu schaffen. Vgl.: http://www.2von5.de/vier/netzaktivismus/node2.html
5 Vgl.: Jochen Hörisch: Das Medium ist die Botschaft: Zurück zur Interaktion. In: Margot Berghaus (Hg.): Interaktive Medien – interdisziplinär vernetzt. Opladen u. Wiesbaden 1999. S. 11-30. S. 15.
6 Dietrich Kerlen engt die von Harry Pross 1972 vorgelegte Unterscheidung in Primär-, Sekundär- und Tertiärmedien weiter ein. Auf seine Definition sei hier verwiesen. Vgl.: Dietrich Kerlen: Einführung in die Medienkunde. Stuttgart 2003. S. 13ff..
7 Friedrich Kittler: Grammophon Film Typewriter. Berlin 1986. S. 293.
8 Friedrich Nietzsche: Briefwechsel. Kritische Gesamtausgabe. Hrsg. v. Giorgio Colli u. Mazzino Montinari. Dritte Abteilung. Zweiter Band. Berlin u. New York 1981. S. 229.
9 Nietzsche: Briefwechsel. Erster Band. S. 172.
10 Dierk Spreen: Tausch, Technik, Krieg: die Geburt der Gesellschaft im technisch-medialen Apriori. Berlin 1998. S. 7.
11 Vgl. auch Spreen: Tausch, Technik, Krieg. S. 84.
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Sandro Mattioli, 2004, Strategie mit Stil? - Die Rhetorik der SMS, München, GRIN Verlag GmbH
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