Inhalt
1. Einleitung:
Die ökologische Selbstgefährdung moderner Gesellschaften als
Gegenstand der Soziologie 1
2. Gesellschaft als sinnverarbeitendes System 3
2.1 Komplexität und Kontingenz 4
2.2 Beobachtung als Operationsweise sinnverarbeitender Systeme 6
2.2.1 Beobachtung als Einheit von distinction und indication 7
2.2.2 Die Paradoxie des re-entry 12
2.2.3 Beobachtung zweiter Ordnung als Grundoperation der Moderne 13
2.3 Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung 13
2.4 Kommunikation als Element sozialer Systeme 15
2.5 Medien, Codes und Programme 17
2.6 Der Ausschluß nicht-kommunikativen Handelns aus der Theorie
sozialer Systeme 20
3. Gesellschaft als Einheit der Differenz autopoietischer
Funktionssysteme und struktureller Kopplungen 24
3.1 Funktionale Differenzierung als primäre Differenzierungsform
moderner Gesellschaften 24
3.2 Die evolutionstheoretische Sicht auf die Ausdifferenzierung der
Funktionssysteme 26
3.3 Strukturelle Kopplung und Interpenetration 29
3.3.1 Strukturelle Kopplung 29
3.3.2 Interpenetration 31
3.4 Integration versus Autonomie 33
4. Risiko und Gefahr als zentrale Aspekte ökologischer
Selbstgef ährdung 36
4.1 Zur Riskanz von Beobachtungen und Leitdifferenzen 37
4.2 Die Beschränkung des Risikobegriffs auf Kommunikation 38
4.3 Die Ungewißheit der Zukunft 39
4.4 Riskante Entscheidungen 40
4.5 Risiken, Gefahren und ihre Bewertung 42
4.6 Neue Risiken und die Diffusion von Verantwortung und
Betroffenheit 44
5. Natur und Umwelt 46
5.1 Die systemtheoretische Konzeption von Natur 46
5.2 Die Ökologie des Nichtwissens 48
6. Die Entstehung ökologischer Gefährdungen in Wissenschaft
und Wirtschaft 51
6.1 Wissenschaft und Technik 51
6.1.1 Wissenschaft 51
6.1.2 Technik 52
6.1.3 Die Kopplung von Wissenschaft und Technik 55
6.2 Wirtschaft 56
6.3 Die Rolle der Massenmedien 59
7. Zur Steuerungsproblematik 64
7.1 Intervention unter dem Paradigma der Autopoiese 64
7.2 Politik als steuerndes Subsystem? 66
7.3 Steuerung durch Recht? 70
8. Protestgruppen und der Ruf nach einer neuen Ethik 73 8.1 Moral - das tertium non datur der funktionalen Differenzierung 73 8.2 Protest als Immunreaktion 75
9. Ausblick:
Möglichkeiten und Grenzen der Theorie sozialer Systeme 82 9.1 Die funktional-strukturelle Theorie autopoietischer Systeme als neues Paradigma der Soziologie? 82 9.2 Die Beschreibung der ökologischen Selbstgefährdung moderner Gesellschaften 86
Anhang 92 Anmerkungen 92 Literatur 119
1. Einleitung: Die ökologische Selbstgefährdung moderner Gesellschaften als Gegenstand der Soziologie
In immer mehr Bereichen zeichnen sich anthropogene
Umweltveränderungen ab, die sich zunehmend auch auf die menschlichen Lebensgrundlagen auswirken. Zurückzuführen ist diese Entwicklung teils auf kumuliertes Alltagshandeln im business as usual, teils auf Entscheidungen über Entwicklung und Anwendung neuer riskanter Technologien, teils auf die bewußt intendierte Anpassung der Umwelt an unsere Bedürfnisse und ihre Nutzung.
Ökologische Probleme, die sich auf die außergesellschaftliche Umwelt beziehen, haben in den letzten Jahrzehnten exponentiell zugenommen. Einzelne Komponenten aggregieren sich zu multifaktoriellen Einflüssen. Eingriffe in die Umwelt zeitigen unvorhersagbare Konsequenzen und sind in ihrem Wirkungsgrad nicht mehr überschaubar. In Bezug auf die ökologische Selbstgefährdung moderner Gesellschaften waren soziologische Theorien durch die Beschränkung auf innergesellschaftliche Perspektiven bis vor einigen Jahren blind 1 . "Der ökologische Zusammenhang von Natur und Gesellschaft wurde nicht thematisiert" 2 . Ulrich Beck spricht in Anlehnung an Günther Anders von "Apokalypse-Blindheit", und zwar als apodiktisches Wesensmerkmal von Soziologie als Wissenschaft von den sozialen Tatsachen 3 . Ohne eine grundlegende Kurskorrektur ist ein Zugang zur ökologischen Problematik nicht zu erwarten 4 .
Natur muß in die Selbstbeschreibung der Gesellschaft aufgenommen werden, nicht nur deshalb, weil ökologische Veränderungen in den letzten Jahren einen nicht mehr zu übersehenden Platz unter den Themen gesellschaftlicher Kommunikation eingenommen haben, wodurch alle Sozialformen zusätzlich belastet werden 5 . Daß die Belastung der Natur verringert werden muß, ist nicht mehr zu bestreiten. Fraglich ist, ob ein allein an gesellschaftlichen Bedürfnissen orientierter rationalerer Gebrauch von Umweltressourcen dieser Entwicklung Einhalt gebieten kann. In dieser deskriptiv-analytischen und im wesentlichen textimmanent ausgerichteten Arbeit soll untersucht werden, inwieweit die Theorie sozialer Systeme von ihrer konzeptionellen Verfassung her in der Lage ist, die
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Gefährdung der Gesamtgesellschaft durch die Diversifikation in eigenlogische Teilsysteme systemtheoretisch zu reformulieren, und wo ihre Schwierigkeiten liegen.
Die De-Ontologisierung von Realität im Gefolge des Paradigmenwechsels zu einer konstruktivistischen Soziokybernetik zweiter Ordnung, die Ablösung von Handlung als Element sozialer Systeme durch Kommunikation und die autopoietische Abkopplung der Systeme von der Umwelt ohne Rückversicherung durch evolutionäre Anpassung stellen gravierende Hindernisse für eine adäquate Beschreibung der ökologischen Krise dar.
Vorrangig wird die Perspektive auf die Gesellschaft mit ihren Funktionssystemen sowie auf die Neuen Sozialen Bewegungen, soweit sie ökologische Probleme thematisieren, eingenommen. Organisationen werden hier nur insoweit behandelt, als es das Verständnis der gesellschaftlichen und teilsystemischen Mechanismen erfordert.
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2. Gesellschaft als sinnverarbeitendes System
Luhmann legt einen makrosoziologischen Ansatz vor, eine grand theory, die Erkenntnisse aus Biologie und Neurophysiologie, aus Thermodynamik und Kybernetik, aus Kommunikationstheorie und Evolutionstheorie in die funktional-strukturelle Theorie autopoietischer Systeme transponiert 1 . Im Anschluß an Talcott Parsons beschreibt Niklas Luhmann Gesellschaft systemtheoretisch, seit Mitte der achtziger Jahre als sinnverarbeitendes autopoietisches System. Gesellschaft wird als umfassendes soziales System von Kommunikationen und kommunikativer Erreichbarkeit konzipiert. Humberto Maturana bezeichnet mit dem Begriff der Autopoiese die Systeme 2 . Selbstorganisation und Selbstreproduktion lebender
Autopoietische Systeme stellen sich in einem rekursiven Prozeß unter Verwendung der Produkte eigener Operationen als Basis für neue Operationen her und erhalten so ihre Elemente und Organisation selbst aufrecht 3 . Im selbstreferentiellen Rückbezug auf vorhergehende Elemente emergieren Systeme mit Identität, Geschichte und Gedächtnis. Basale Selbstreferenz ist Bedingung der Möglichkeit von Autopoiese 4 , prozessuale Selbstreferenz ermöglicht die Bündelung von Ereignissen zu Prozessen, an denen sich weitere Operationen orientieren. Es bildet sich ein eigener Verweisungshorizont, in dem sich Umweltkontakte de- und rekontextualisieren lassen.
Notwendig für Autopoiese ist auch die Ausbildung von Strukturen in Form von Erwartungen, die Aneinanderreihung, Temporalisierung der momenthaften Elemente und Konstitution eines Zusammenhangs als Handlungssinn vor dem Hintergrund weiterer Erwartungen 5 . Im Gegensatz zu Operationen sind Strukturen gegenüber Zeit relativ stabil. Strukturen beschränken die im System zugelassenen
Anschlußmöglichkeiten, so daß die Fortsetzung der Autopoiese nur durch bestimmte Elemente erfolgt, die sie nahelegen. Strukturen
sinnverarbeitender Systeme sind Erwartungsstrukturen, die eine Vorauswahl möglicher nachfolgender Ereignisse treffen. Strukturen sind selbst eine Auswahl aus einer Vielzahl potentieller Anschlüsse. Auf diese Weise ist eine gewisse dynamische Stabilität zwischen Kontingenz im transitorischen Dauerzerfall von Ereignissen und Kontingenzeinschränkung qua Selektion
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gewährleistet.
Strukturen nehmen aber im Luhmannschen Poststrukturalismus im Gegensatz zu Parsons' Strukturfunktionalismus keine zentrale Stelle mehr ein. Sie determinieren die Bedingungen möglicher Ereignisse durch deren Ausgang vom jeweiligen Systemzustand nicht vollständig. Das Grundproblem liegt in dieser Perspektive nicht mehr in der Erhaltung eines bestimmten Systemzustands durch Stärkung von Erwartungsstrukturen qua Wiederholung ähnlicher Ereignisse. Bestandserhaltung würde neben Ressourcen auch einen angemessenen Umgang mit Umweltirritationen erfordern. Nach Ashbys law of requisite variety müßte hierfür die Systemkomplexität der Komplexität der Umwelt entsprechen, doch dies ist durch die Selektivität von Operationen und Strukturbildungen ausgeschlossen 6 .
Theorieleitend wird stattdessen das Problem der Fortsetzung der Autopoiese. Autopoietische Systeme existieren in permanenter Selbsttransformation, ihre Elemente - bei psychischen Systemen: Gedanken und Vorstellungen, bei sozialen Systemen: Kommunikationen - zerfallen und erneuern sich kontinuierlich. Die Systeme existieren solange die Anschlußfähigkeit ihrer Operationen gegeben ist 7 . Diese ist prekär für Interaktionssysteme 8 , ggf. für Organisationen, nicht jedoch für die Gesellschaft, da jede Kommunikation Gesellschaft reproduziert.
2.1 Komplexität und Kontingenz
"Die Differenz von Umwelt und System stabilisiert [...] ein Komplexitätsgefälle. Deshalb ist die Beziehung von Umwelt und System notwendig asymmetrisch. [...] Jedes System hat sich gegen die überwältigende Komplexität seiner Umwelt zu 9 . behaupten"
In komplexen Systemen können nicht mehr alle möglichen Relationen zwischen den Elementen realisiert werden, eine Selektion wird unabdingbar 10 . Relationen sind nicht starre Verweisungen, sondern bilden chronologisch einen Horizont wahrscheinlicher Anschlußmöglichkeiten und legen anschlußfähige Elemente nahe.
Komplexität ist nicht mit Undeterminiertheit gleichzusetzen, sondern bezieht sich auf die Unvorhersagbarkeit der Reaktion rückgekoppelter Systeme 11 . Jedes System ist in seinen Operationen determiniert. Innersystemische Faktoren, die als withinputs zum Tragen kommen, sind
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aber in hochkomplexen Systemen nicht einsehbar: "Selbstreferentiellen Systemen muß von ihrer Umwelt 'Freiheit' unterstellt werden, weil die Systemkomplexität, obwohl durchaus streng deterministisch konstruiert, unüberschaubar groß ist" 12 . Auch die nicht-triviale Maschine ist "gehorsam, aber anderen Stimmen gegenüber. Man könnte vielleicht sagen, sie gehorche ihrer eigenen Stimme" 13 . Die Selbstbezogenheit der Autopoiese macht ihre Zukunft ungewiß 14 .
Die Komplexität der Umwelt ist oberstes Bezugsproblem für das System. Komplexitätsreduktion schränkt für das System die in der Welt möglichen Ereignisse ein. Voraussetzung ist ein Mindestmaß an Eigenkomplexität für adäquate Reaktionen auf wechselnde Umweltanforderungen und Einschränkung der Kontingenz weiterer Strukturwahl. Der Versuch der Reduktion von Umweltkomplexität führt zur Komplexitätssteigerung im System: nur Komplexität kann mit Komplexität umgehen 15 . Nur solange Umweltvarianzen gering und im engen Rahmen bleiben, bleiben auch die Systemstrukturen einfach, denn "kein System kann aus sich heraus evoluieren" 16 .
Systeme erleben Komplexität als Selektionszwang und damit als Kontingenz 17 .
"Kontingent ist etwas, was weder notwendig ist noch unmöglich ist; was also ist, wie es ist (war, sein wird), sein kann, aber auch anders möglich ist. Der Begriff bezeichnet mithin Gegebenes (Erfahrenes, Erwartetes, Gedachtes, Phantasiertes) im Hinblick auf mögliches Anderssein; er bezeichnet Gegenstände im Horizont
18 . möglicher Abwandlungen"
Kontingenz als Spielraum möglicher Selektionen verdeutlicht das Fehlen eines Rückhalts in der offenen Zukunft. Kontingenz bedeutet Abhängigkeit, wo Umwelt materiale Ressourcen bereitstellt, und Unsicherheit, wo Umwelt operativ verarbeitbare Informationen enthält 19 . Das Problem doppelter Kontingenz, das Wissen um die Offenheit der Wahl des beteiligten Systems selbst und des jeweils anderen, ist für Luhmann gleichzeitig der Schlüssel für die Frage nach der Emergenz sozialer Ordnung als einer auf wechselseitigen Unterstellungen beruhenden Realität sui generis 20 .
Der Umgang mit Kontingenz aktualisiert Möglichkeiten, gibt Komplexität momenthaft mit punktuellem Zugriff wieder und erlaubt so beides, Reduktion und Erhaltung von Komplexität 21 . Daß es keine Möglichkeit der Rückführung auf dauerhafte Fundamente
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mehr gibt 22 , impliziert jedoch wegen der Verankerung des Kontingenzbegriffs im Gegebenen nicht Beliebigkeit. Die Bandbreite möglicher Selektionen ist durch Kontexte vorgezeichnet. Kontingenz ist so "als Eigenwert der modernen Gesellschaft" 23 darstellbar, als Resultat und Ausgangspunkt von Systemoperationen. Luhmann stellt fest, "daß es, empirisch gesehen, Beliebigkeit überhaupt nicht gibt" 24 . Eigenwerte in Stellen oder Funktionen können immer auch anders, nicht aber beliebig besetzt werden. Durch die Begrenzung von Substitutionsmöglichkeiten entsteht Stabilität 25 .
2.2 Beobachtung als Operationsweise sinnverarbeitender Systeme
Systeme definieren sich durch die Operationsweise, mit der sie sich produzieren und reproduzieren. Zeitlich gesehen sind Operationen elementare Ereignisse 26 , die in ihrer Aufeinanderfolge das System kontinuierlich neu herstellen, sachlich produzieren sie die Differenz von System und Umwelt. Zur Ausdifferenzierung kommt es durch Kontinuität von Operationen: die anschließbaren Operationen bilden das System, alles andere wird zur Umwelt des Systems 27 . Soziale und psychische Systeme werden nicht mehr als umweltoffen, Inputs und Outputs prozessierend, begriffen. Sie sind zwar energetisch offen und von einer Umwelt, die sie toleriert, abhängig, organisatorisch aber geschlossen und selbstreferentiell. Die Selbstorganisation definiert die für das System konstitutive Grenze. Die Umwelt ist die Außenseite der System/Umwelt-Unterscheidung, von jedem System aus ein anderer "Rest der Welt" 28 . Die Welt - selbst differenzlos gedacht - wird zur übergreifenden, selbst aber unbeobachtbaren Einheit dieser Differenz. Umwelteinflüsse werden an der Grenze gefiltert und umstrukturiert. Erst abgrenzbare Systeme sind in einer als komplex und kontingent erfahrenen Welt durch Beschränkung auf wenige kontrollierbare Möglichkeiten handlungsfähig 29 .
"In diesem Sinne ist Grenzerhaltung (boundary maintenance) Systemerhaltung. Grenzen markieren dabei keinen Abbruch von Zusammenhängen. Man kann auch nicht generell behaupten, daß die internen Interdependenzen höher sind als die System/Umwelt-Interdependenzen. Aber der Systembegriff besagt, daß grenzüberschreitende Prozesse [...] beim Überschreiten der Grenze unter andere 30 . Bedingungen der Fortsetzung [...] gestellt werden" Sinnverwendende Systeme konstituieren ihre Grenzen über Sinn. Für sie ist alles nur in der Form von Sinn zugänglich. Sinn ist das Medium, mit dem
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diese Systeme versuchen, in einer hyperkomplexen Umwelt zurechtzukommen, indem sie "sinnvolle" Formen wie Objekte, Symbole oder Sätze erzeugen. Sinn ist selbst keine sinnvolle Form, sondern Weltform: eine nicht negierbare, differenzlose Kategorie, die nicht beobachtbare Einheit der Unterscheidung von Aktualität und Potentialität. Der stets zerfallende Aktualitätskern erzwingt durch Verweisungsstrukturen unablässig folgende Selektionen, vergegenwärtigt Weltkomplexität augenblickshaft und regeneriert sie fortlaufend, legt bestimmte Anschlußmöglichkeiten nahe und macht andere für den Moment unwahrscheinlich 31 .
Das Medium Sinn ist Bedingung der Möglichkeit von Formung und als solche zugänglich für verschiedene Systeme 32 . Diese überschneiden sich weder, noch verschmelzen sie durch den gemeinsamen Sinngebrauch zu einer Art Metasystem, wohl aber können sich so Kopplungen herausbilden. Sinn verbindet soziale und psychische Systeme durch das Referieren auf den gemeinsam verfügbaren, koevolutionär entstandenen
Verweisungszusammenhang, der einen Fundus an semantischen Traditionen und kulturellen Bedeutungen bildet 33 .
Sinn entfaltet sich in drei Dimensionen - zeitlich, sachlich und sozial - und kann auf die Formel gebracht werden: was kann im sozialen System wann von wem erwartet werden.
Die Funktion sozialer Systeme liegt in der dreidimensionalen Sinnkonstitution mittels Generalisierung symbolischer
Kommunikationsmedien sowie in der immer weiteren Ausdifferenzierung. Sinnkonstituierende Systeme reproduzieren sich durch Beobachtungen: sie verarbeiten Informationen, die sie durch Beobachtung gewinnen. Auch hierin folgt Luhmann Maturana 34 .
Die Logik der Beobachtung ist die Logik des beobachtenden Systems und seiner kognitiven Struktur 35 . Der Beobachter ist über die Art seiner Beobachtung darin festgelegt, was er sieht 36 . Schon die Komplexität des beobachtenden Systems schließt folglich direkte Beobachtungen aus 37 .
2.2.1 Beobachtung als Einheit von distinction und indication
Beobachtung behandelt das Beobachtete anhand eines Differenzschemas als Information. Nach Gregory Bateson ist Information ein Unterschied im
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System, der in nachfolgenden Operationen einen Unterschied ausmacht 38 . Voraussetzung hierfür ist ein Gedächtnis, um Zeitunterscheidungen zu ermöglichen, aber nicht, um die Geschichte des Systems zu erinnern: Selbstreferentielle Systeme repräsentieren in ihren Strukturen ihre Vergangenheit 39 . Beobachtungen 40 . Anhand von Unterscheidungen bezeichnen
Ausgangspunkt für jede Beobachtung sind binäre Unterscheidungen, Codes. Durch den ersten Schnitt in den unmarked space wird Welt beobachtbar, immer aber von der kontingenten Position des beobachtenden Systems aus 41 . Ereignisse in ihrer Präsenz, in ihrem An-sich entziehen sich jeder Beobachtung.
Die Komponenten distinction und indication sind selbst nur analytisch unterscheidbar. Beide Seiten der Unterscheidung können nicht gleichzeitig bezeichnet werden. Sie bleiben durch die Form der Unterscheidung - mark bei George Spencer Brown - voneinander getrennt. Die Form markiert eine Grenze
"mit der Folge, daß zwei Seiten entstehen und nur eine von ihnen als Anknüpfungspunkt für weitere Operationen benutzt werden kann. Der Übergang zur anderen Seite ist damit nicht ausgeschlossen; aber er erfordert eine spezielle Operation, braucht also Zeit und unterscheidet sich in seinen logischen Implikationen von dem, was geschieht, wenn man auf derselben Seite bleibt und
42 . die Bezeichnung dieser Seite nur kondensiert und konfirmiert" Solange die eine Seite Aufmerksamkeit beansprucht, bleibt die andere unbeachtet 43 . Möglich bleibt nur ein späteres crossing. Alle Systeme beobachten ihre Umwelt. Zwar gibt es keinen direkten Umweltkontakt - beobachtet werden immer vorgängige Beobachtungen, anders wäre ein Anschließen nicht möglich -, aber die Selbstreferenz von Beobachtungen ist immer nur mitlaufende Selbstreferenz. Die immer auch vorhandene und notwendige Fremdreferenz findet in Gestalt von Irritationen Eingang ins System. Umwelt ist das "Korrelat aller im System benutzten Fremdreferenzen" 44 . Sie ist als Interdependenzunterbrecher notwendig, "weil reine Selbstreferenz tautologisch wäre" 45 . Das unterscheidet Luhmanns Position von der des Radikalen Konstruktivismus. Er hält sich einerseits an die konstruktivistischen Theoreme der Wissenssoziologie und geht davon aus, "daß alle Erkenntnis (und damit alle Realität) eine Konstruktion ist. Denn diese Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz kann es [...] nur im System selbst" 46 geben. Andererseits
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lehnt er aber den Radikalen Konstruktivismus als "schon logisch unmögliche Position" 47 ab, da dieser mit der Leugnung der objektiven Beschreibbarkeit der Außenwelt seine eigenen Prinzipien untergräbt. Die Systemtheorie setzt eine objektiv beschreibbare Außenwelt voraus und läßt die Möglichkeit des realen Kontakts zu, auch wenn kognitiv wegen der operativen Geschlossenheit Kontaktunfähigkeit besteht. Soziale Realität und objektiv gültige Beschreibungen ergeben sich dann aus der Übereinstimmung der Beobachtungen einer Mehrheit von Beobachtern 48 . Die Systemtheorie setzt Realität aber nicht mehr im beobachteten Gegenstand an, sondern in der Beobachtung. Es gibt "keine beobachterunabhängig vorgegebene Realität" 49 . Der Beobachter ist selbst nur "asymmetrisierende Setzung eines kommunikativen Geschehens" 50 , die die Kommunikation erzwingt.
Der operative Konstruktivismus setzt die Realität der Welt als unmarked space voraus. Weil dieser Horizont unerreichbar ist, muß Realität konstruiert werden 51 . Ähnlich wie bei der Unterscheidung zwischen Medium und Form liefert der Horizont der Welt das Substrat, an das je unterschiedliche Formen angelegt werden können ohne die Welt an sich zu erreichen. Jeder kognitive Umweltkontakt kommt nur ausschnitthaft und gefiltert zustande und muß immer erst erarbeitet werden. Umwelt wird zu einem mit dem Innenhorizont korrespondierenden Welthorizont 52 . Als einziges soziales System hat das ohne Leitcodierung operierende Gesellschaftssystem die gesamte Weltkomplexität zur Verfügung. Der operative Konstruktivismus stützt die Konstruktion von Welt und Realität auf Rekursivität, Gedächtnis und Konsistenzprüfungen, nicht jedoch auf Anpassung.
Jede Beziehung zur Umwelt ist nur über Beobachtung möglich. Sichtbar ist nur, was mit der gewählten Unterscheidung in den Blick kommt. Die Unterscheidung ist das formgebende Moment: die Innenseite der Form ist das Unterschiedene, die Außenseite das Sonstige. Die jeweils nachfolgende Beobachtung muß an die Innenseite der vorhergehenden Unterscheidung anschließen. Durch Unterscheidung und Bezeichnung des Unterschiedenen entstehen Anschlußfähigkeit und Strukturen.
Jede Beobachtung ist zunächst eine Beobachtung erster Ordnung. Sie ist blind für sich selbst, weil sie die ihr zugrundeliegende Unterscheidung nicht
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gleichzeitig selbst beobachten kann 53 . Spencer Brown setzt den Beobachter selbst mit seinem blinden Fleck, dem mark, gleich 54 . Beobachtungen sind aber auch in Bezug auf Umweltdaten immer retrospektiv und holen die Gegenwart nie ein. Das aktuelle Tun bleibt intransparent: beobachtet wird immer Vergangenes. Auf der Ebene der Beobachtung erster Ordnung spielt Zeit keine Rolle. Alles geschieht gleichzeitig 55 . Jede Operation ist Beobachtung und selbst als Operation beobachtbar 56 . Beobachtungen zweiter Ordnung beobachten, wie andere Systeme beobachten. Wo die Beobachtung erster Ordnung gewissermaßen ontologisch infiziert bleibt, kommt es mit dem Umstieg auf den Modus der Kybernetik zweiter Ordnung zur Loslösung vom cartesischen Subjekt/Objekt-Schema. Das Subjekt wird ersetzt durch ein beobachtendes System, das sich selbst durch aufeinanderfolgende Unterscheidungen erzeugt. Und auch die Einheit des Objekts existiert nur in der Beobachtung 57 . Es gibt nur mehr kondensierende und konfirmierende, strukturbildende Beobachtungen in Bezug auf den Beobachter. Objekte konstituieren sich nur im Kontext von Beobachtungen zweiter Ordnung 58 . In letzter Konsequenz bezieht Luhmann auch die beobachtete Komplexität auf die Beobachtung oder Beschreibung des Systems 59 . Auch eine Beobachtung zweiter Ordnung hat ihren blinden Fleck, insofern sie sich nicht selbst beobachten kann. Aber sie ermöglicht reflexive Schlüsse auf sich selbst und kann wenigstens erkennen, daß auch sie nicht sieht, was sie nicht sieht 60 . Die Beobachtung der Art der Verwendung des Risiko/Gefahr-Schemas als Zurechnungsschema ist eine solche Beobachtung zweiter Ordnung. Einem Beobachter zweiter Ordnung kann dieselbe Entscheidungssituation aufgrund seiner Distanz und weil er auch den blinden Fleck des beobachteten Beobachters sieht, anders erscheinen als dem in der Situation befindlichen Entscheider oder Betroffenen. Daß die Theorie autopoietischer Systeme die Beobachtung von Beobachtern zuläßt, um zu sehen, wie sie Realität konstruieren, stellt eigentlich einen logischen Bruch dar 61 . Denn auch andere Beobachter gehören zur Umwelt des Beobachters und sind für diesen ebenso unerreichbar wie nichtsystemische Umweltanteile. Luhmann gesteht selbst zu, daß auch die Beobachtung zweiter Ordnung mit der Realitätsannahme der Beobachtung erster Ordnung arbeiten und mindestens den beobachteten Beobachter als
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real unterstellen muß.
"Diese Bedingung ist zwar durchschaubar. Sie ist in der Beobachtung zweiter Ordnung aufhebbar; aber dies geschieht ohne Möglichkeit des vollständigen Verzichts auf jede Beobachtung erster Ordnung, da schließlich auch die Beobachtung zweiter Ordnung noch einen Beobachter muß beobachten können; und daher bleibt auch die durchschaute Realitätsillusion ein Faktum in der realen
62 . Welt"
Das Ergebnis der Beobachtung zweiter und dritter Ordnung ist ebenso systeminterne Konstruktion anhand erst zu spezifizierender
Umweltirritationen, liefert also keine objektiv gültigen Daten. Die Umwelt ist zwar operativ nicht erreichbar, aber trotzdem sind Realitätsannahmen unabdingbar 63 . Jeder Beobachter erster Ordnung unterstellt eine ontologische, objektiv vorhandene, konstruktionsfrei erkennbare Realität. Der fremdreferentielle Anteil an der Beobachtung bezieht sich auf diese Außenwelt und impliziert damit immer auch Ontologie. Systeme operieren "unter der Illusion eines Umweltkontakts" 64 , und erst aus der Distanz und in der Reflexion der Selbstbeobachtung sind Konstruktionen oder Übertreibungen als solche erkennbar. Beobachter zweiter und dritter Ordnung finden sich in einem Dilemma: Auch sie müssen die sich der eigenen Erfahrung aufdrängende Realität 65 überwinden. Beobachtungen zweiter Ordnung relativieren diese Ontologisierung der in der Beobachtung erster Ordnung gewonnenen Welterfahrung, heben sie aber nicht auf.
Im Gegensatz zu einer mit Beobachtungen erster Ordnung operierenden empirisch orientierten Soziologie 66 wendet die Systemtheorie selbst Beobachtungen zweiter Ordnung an: sie beobachtet Beobachtungen. Sie kann so auch die eigene System/Umwelt-Unterscheidung beobachten, ohne sie verlassen zu müssen, und auf systemexterne Vorannahmen verzichten. Eine Beobachtung dritter Ordnung schließlich nimmt einen Metastandpunkt ein, von dem aus die Unterscheidungsabhängigkeit jeglichen Wissens deutlich wird, und erkennt, daß jedes System nur ein je spezifisches Bild von der Welt hat 67 .
Für einen Beobachter erster Ordnung erscheint die Welt monokontextural und zweiwertig (etwa recht oder unrecht). Für einen Beobachter zweiter und höherer Ordnung erscheint die Welt polykontextural und kontingent, relativiert, nicht aber beliebig. Eine Beobachtung dritter Ordnung entlarvt auch Korrelationen auf der zweiten Ebene als kontingente Zurechnungen.
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2.2.2 Die Paradoxie des re-entry
Die Anwendung einer Unterscheidung auf sich selbst, die Wiedereinführung in den Bereich, den sie unterscheidet - re-entry bei Spencer Brown -, etwa in Form der Frage: ist die Unterscheidung recht/unrecht selbst recht, bewirkt im Falle von Leitunterscheidungen, daß die System/Umwelt-Unterscheidung im System erscheint und damit Umwelt sowohl außen als auch innen vorliegt 68 . Jeder Wiedereintritt einer Unterscheidung in sich selbst endet zwingend im infiniten Regreß und letztlich in Unentscheidbarkeit und Verlust der Anschlußfähigkeit. Es wird sichtbar, daß das System mit seinen Unterscheidungen selbst produziert, was es sieht, mehr noch: in seinen Elementen - und Strukturen - sich selbst produziert. Die klassische Form des re-entry ist die des hermeneutischen Zirkels: Jedes System arbeitet mit nicht explizierbaren Vorannahmen, die nur im Rückgriff auf eben diese Vorannahmen definiert - nicht erklärt - werden können. Alle Aussagen über Sprache fallen hierunter und ebenso Luhmanns selbstreferentiell-zirkuläre "Auto-Ontologisierung" 69 des Beobachters: "Beobachter ist der, der als Beobachter beobachtet wird" 70 . Aber jede Beobachtung weist auf ein re-entry hin: Immer wird fremdreferentiell im System ein Objekt als außerhalb befindlich konstruiert. Der einzige Ausweg aus der Aporie der Selbstanwendung liegt in Entparadoxierung durch Invisibilisierung: das System tut, als wäre die Welt so wie sie ihm erscheint: "In der Wahrnehmung des Systems verwischt sich die Unterscheidung der Welt wie sie ist, und der Welt, wie sie beobachtet wird" 71 .
Eine weitere Paradoxie ergibt sich daraus, daß beide Seiten der Unterscheidung gleichzeitig vorhanden - die nicht bezeichnete Seite ist immer mit gemeint -, aber nur nacheinander über crossing benutzbar sind. Diese Paradoxie der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen kann dreifach entfaltet werden: im zeitlichen Nacheinander 72 , sozial 73 oder nach sachlicher Zuständigkeit verteilt.
Weil diese Paradoxien nur entfaltet oder invisibilisiert, nicht aber aufgelöst werden können, kann es nur noch Ziel sein, mit ihnen umzugehen, mit der Relativität von Wissen zu leben und an Widersprüchen nicht zu scheitern 74 .
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2.2.3 Beobachtung zweiter Ordnung als Grundoperation der Moderne
Systeme differenzieren sich durch Umstellung auf den Beobachtungsmodus zweiter Ordnung aus 75 : Zur operativen Schließung kommt es, weil die eigenen Operationen nicht in die Umwelt hineinverlängert werden können 76 . Die kognitive Schließung führt das System über Beobachtungen zweiter Ordnung zur Erkenntnis der Selbstproduktion seiner Beobachtungen 77 . Unterscheidungen von Beobachtungen zweiter Ordnung vernetzen sich rekursiv und bilden ein System als Netz von Differenzverweisungen. Ausdifferenzierte Teilsysteme beobachten nicht mehr ihre Umwelt, sondern beobachten, wie im System selbst Umwelt beobachtet wird: das Wissenschaftssystem beobachtet wissenschaftliche Beobachtungen erster Ordnung mittels Publikationen, Politik beobachtet die öffentliche Meinung, Wirtschaft beobachtet den Markt und orientiert sich am Konsum. Das Recht verzichtet größtenteils auf naturgegebene Rechtsgrundsätze, setzt sich statt dessen selbst und schließt sich zur Selbstreferentialität. Erst die Abkopplung von externen Bindungen ermöglicht funktionale Autonomie, multipliziert aber auch Kontingenz. Beobachtungen zweiter Ordnung ziehen Zeit- und Sozialdimension auseinander: dasselbe wird durch andere Beobachter oder zu anderen Zeitpunkten anders gesehen. Die Sachdimension wird kontingent 78 .
2.3 Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung
Zwar ist jede Beobachtung rudimentär Selbstbeobachtung 79 , aber diese Selbstreferenz ist immer nur mitlaufende Selbstreferenz 80 . Selbstbeobachtung bezieht sich auch hinsichtlich der Fremdreferenz auf das beobachtende System und seine Operationen. Beobachtet werden die eigenen Operationen und aufgrund der System/Umwelt-Unterscheidung das System als ganzes 81 . Prozessuale Reflexivität nimmt die Form von Metakommunikation an. Wissenschaftliche Forschung wird selbst Gegenstand von Forschung. Kredite können mit Geld beschafft werden 82 . Die Eigenbeobachtung des Systems schließlich führt zur Reflexion und weiteren Ausdifferenzierung von Subsystemen innerhalb der Funktionssysteme wie Wissenschaftstheorie, Staatstheorie oder
Rechtstheorie. Reflexivität und Reflexion dienen der Verteidigung der
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Autonomie und der Befriedigung einer Sinn-Nachfrage, die das System aber strukturell bereits voraussetzt.
"Wenn das System [...] reflektiert, daß es von außen beobachtet wird [...] begreift es sich selbst als beobachtbar im Medium der Öffentlichkeit. Das kann [...] zur Orientierung an generalisierbaren (öffentlich vertretbaren) Gesichtspunkten 83 , führen"
jedoch immer beschränkt auf die "gesellschaftsinterne Umwelt der gesellschaftlichen Teilsysteme" 84 , den Spiegel, in dem Systeme die Auswirkungen ihrer Operationen studieren können. Eine kontinente, aktuelle Selbstbeobachtung ist unmöglich: Jede Reflexion erzeugt als Operation eigene Effekte und verändert damit das System. Die Operation selbst und ihre Effekte können erst retrospektiv beobachtet werden. Auch sachlich erfordert jede selbstbezogene Kommunikation Selbstsimplifikation oder den Rekurs auf kontrafaktisch geltende Normen 85 . Schriftlich fixierte Selbstbeschreibungen sind Voraussetzung für die Fähigkeit zur Selbststeuerung 86 . Auch Selbstbeschreibungen simplifizieren, indem sie ein Subjekt voraussetzen, das sich beschreibt. Rationalität schließlich erwächst aus der Kontingent-Setzung der System/Umwelt-Unterscheidung. Auch vollkommene Rationalität scheitert an der Paradoxie des re-entry.
Rationalität wäre aber Vorbedingung für die Kontrolle der Einwirkungen des Systems auf seine Umwelt und ist insofern auf Impulse aus der Umwelt, die im verursachenden System als feedback sichtbar werden, angewiesen. Sie erfordert die Abbildung ausgelöster Umweltprobleme soweit sie auf das System zurückwirken 87 .
Die Besonderheit einer ökologischen Beschreibung der Gesellschaft liegt darin, daß hier zum ersten Mal die Unterscheidung von System und außergesellschaftlicher Umwelt zugrundegelegt wird. In Bezug auf Umweltveränderungen wird die so beschränkte Möglichkeit von Rationalität doppelt problematisch:
Teilsystemische Rationalität rekurriert immer auf und bemißt sich an teilsystemischer Kommunikation. Es gibt so viele Rationalitätskriterien wie es unterschiedliche Umwelten gibt. In differenzierten Gesellschaften kursiert eine Vielzahl perspektivischer Selbstbeschreibungen 88 . Für die Bewertung dieser Beschreibungen als richtig oder wahr ist ein Konsens nicht erreichbar, eine zentrale Repräsentation der Gesellschaft als ganzer fehlt. Das vormoderne Rationalitätskontinuum löst sich in polykontexturale
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Einzelrationalitäten auf 89 . Umweltbelastungen, die sich mit zeitlicher Verzögerung oder in anderen als dem verursachenden System auswirken, kann dieses nicht erkennen. Umweltschäden, die erst durch das kumulative Zusammenwirken mehrerer Faktoren entstehen, können nicht einzelnen Systemen zugerechnet werden. Ein Kausalzusammenhang muß von diesen nicht notwendig hergestellt werden.
Gesamtgesellschaftlich gibt es auch keine kompetente soziale Instanz, die die Beziehung der Gesellschaft zur Umwelt repräsentieren könnte, kein durchgängig akzeptiertes Subsystem, das für die Wahrnehmung von Umweltproblemen zuständig wäre. Protestbewegungen differenzieren sich zwar zu organisationsähnlichen Verbänden aus. Aber sie bilden kein gesellschaftliches Funktionssystem aus.
Georg Kneer setzt auf ein rekursives Zusammenspiel von Teilsystemen mit wechselseitigen Irritationen und Anregungen, die im Ergebnis zu Brechungen der eigenen Perspektive führen könnten. Die Funktionssysteme könnten so auch auf die Einheit der Differenz von Gesellschaft und Umwelt reflektieren und hieraus Anstöße zur Selbstreflexivität und Selbstkorrektur qua Orientierung und Kontrolle interner Operationen an externen Umwelteinwirkungen ableiten 90 . Luhmann bestreitet diese Möglichkeit vom Grundsatz her: "Kein Funktionssystem kann in sich die Gesellschaft reflektieren, weil dies die Mitberücksichtigung der
Operationsbeschränkungen aller anderen Funktionssysteme in jedem einzelnen erfordern würde" 91 .
Eine globale gesellschaftliche Rationalität ist mithin notwendig und unmöglich zugleich. Aus der Aggregation rationaler Einzelentscheidungen ergibt sich nicht notwendig ein gesamtgesellschaftlich rationaler Zustand. Im Gegenteil: Auch die Nebenfolgen individuellen rationalen Handelns können sich zu systemgefährdenden Faktoren aggregieren, eine Gesamtrationalität für das System wird unwahrscheinlich 92 .
2.4 Kommunikation als Element sozialer Systeme
Kommunikation nimmt bei Luhmann als basales Element sozialer Systeme den Platz ein, den noch Parsons dem sozialen Handeln zugedacht hatte. Gesellschaft besteht aus und beobachtet durch Kommunikationen 93 .
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Kommunikationen sind keine Übertragungen - Inputs und Outputs, weder zwischen Bewußtseinssystemen 94 noch zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Teilsystemen. Der Unterschied, den Information ausmacht, wirkt sich immer nur systemintern in nachfolgenden aus 95 . Systemoperationen Soziale Systeme stellen gegenüber
Bewußtseinssystemen eine emergente Ebene dar, eine Entität sui generis, und sind aus dem psychischen "Unterbau" nicht erklärbar 96 . Menschen sind zwar notwendig für deren Autopoiese, gehören aber zur Umwelt sozialer Systeme 97 .
"Es gibt also keine 'bewußten Kommunikationen', so wenig wie es 'kommunikatives Denken' (Empfinden, Wahrnehmen) gibt. [...] Der Mensch kann 98 . nicht kommunizieren; nur die Kommunikation kann kommunizieren" Kommunikation kann sich nur eigendynamisch in einem rekursiven Prozeß konstituieren, nicht isoliert und nicht auf Bewußtseinsleistungen reduziert. Zwischen Kommunikation und Bewußtsein besteht eine unaufhebbare operationale Differenz. Psychische und soziale Systeme operieren überschneidungsfrei, sie gehen nicht ineinander auf, und beide selegieren, was sie als Modifikation zulassen: was in Kommunikationen Eingang finden soll, muß allererst kommunikabel, sprachlich vermittelbar und verstehbar, sein. Sprache stellt ein "schmales Spektrum" für Informationsverarbeitung zur Verfügung und zwingt zu Selektionen. "Man muß Rede und Schrift sequentiell ordnen, kann also weder alles auf einmal sagen noch alle Aussagen mit allen anderen verknüpfen" 99 . Kommunikation wird aus drei Selektionen des Kommunikationsgeschehens synthetisiert: der Selektion einer Information aus dem Wissenshorizont alters, der Art der Mitteilung an ego und der Art des Verstehens bei ego 100 . Die Anschlußkommunikation fungiert immer auch als mitlaufende Verstehenskontrolle 101 .
Information liegt nicht kontextneutral in der Umwelt vor. Für alter ist Information ein Item, der aus dem eigenen Wissenshorizont selegiert und kommuniziert wird, für ego ist Information ist ein Neues, Überraschendes, das dem eigenen Wissen hinzugefügt wird 102 . Verstehen meint nicht psychisches Verstehen, sondern
Anschlußkommunikation 103 . Was nicht verstehbar ist, bleibt irritierendes "Rauschen". Kommunikation kommt
"überhaupt nur dadurch zustande, daß sie in der Selbstbeobachtung (im Verstehen) Mitteilung und Information unterscheiden kann. Ohne diese Unterscheidung würde
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Kommunikation kollabieren, und die Teilnehmer wären darauf angewiesen, etwas wahrzunehmen, was sie nur noch als Verhalten beschreiben könnten. Die Differenz von Mitteilung und Information entspricht genau dem Erfordernis, den Fortgang von Kommunikation zu Kommunikation nicht davon abhängig zu machen, daß die
104 . Information vollständig ist und zutrifft" Das heißt: alter hat die Freiheit, zu lügen oder Halbwahrheiten zu behaupten, mithin zwischen Wissen und mitgeteilter Information zu unterscheiden 105 . Es entsteht Handlungsfreiheit gegenüber bloßem Verhalten. Verstehen in der Form anschließender neuer Information und Mitteilung sichert die Anschlußfähigkeit von Kommunikation: Kommunikation wird durch die Mitteilung beobachtbar und erzeugt so weitere Kommunikation.
Über die Fortsetzung der Kommunikation entscheidet eine vierte Selektion, Annahme oder Ablehnung. Die Annahme der Kommunikation ist immer unwahrscheinlich, für erfolgreiche Kommunikation aber unabdingbar. Soziokulturelle Evolution kann so als Erweiterung der Chancen für erfolgreiche Kommunikation und Konsolidierung von Erwartungen begriffen werden. Die (Komplexitäts-)Reduktion von Kommunikation auf das
Handlungssystem Mitteilungshandlung als Mitteilung eines Senders an einen Empfänger attribuiert Kommunikation auf einzelne Personen und verknüpft sie mit Semantiken wie Absicht, Interesse oder Motiv. Personen sind aber nicht Menschen, sondern kommunikationsinterne
Identifikationspunkte und Adressaten für Kommunikationen 106 , in etwa gleichzusetzen mit sozialen Rollen bzw. Positionen. Diese Art der Simplifikation von Kommunikation "ist weder ganz falsch noch ganz richtig" 107 . Sie verfehlt den emergenten Charakter des Sozialen, hat sich aber evolutionär bewährt: Man weiß, an wen man sich zu wenden hat. Trotzdem: "Wenn ein Beobachter Verhalten auf Individuen zurechnet und nicht auf soziale Systeme, ist das seine Entscheidung" 108 .
2.5 Medien, Codes und Programme
Luhmann nennt drei Bruchstellen, an denen Kommunikation scheitern kann: ego kann nicht erreichbar sein, nicht verstehen oder nicht auf die Kommunikation eingehen 109 . Medien sind evolutionäre Errungenschaften, die erfolgreiche Kommunikation wahrscheinlicher machen. Sie bestehen aus
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lose gekoppelten Elementen, im Gegensatz zu strikt gekoppelten Formen, die sich aus diesen Medien generieren ohne sie zu verbrauchen. Technische Medien steigern die Erreichbarkeit des Adressaten, Sprache als Medium gesellschaftlicher Kommunikation dient dem Verstehen, symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien sind Mechanismen zur Selektivitätsverstärkung codegeprägter teilsystemischer Kommunikation und insofern Steuerungsmedien 110 . Geld, Macht oder Wahrheit motivieren durch Stärkung des positiven Codewertes zur Annahme des Kommunizierten und stellen so Anschlußfähigkeit her 111 . Der Gebrauch dieser Medien ist nicht auf das jeweilige Teilsystem beschränkt, außerhalb jedoch weit weniger relevant 112 . Erforderlich wurden sie wegen gestiegener Akzeptanz-Zumutungen in der funktional differenzierten Gesellschaft ohne ein integratives kulturelles System, das noch bei Parsons Garant für soziale Ordnung war.
Die aus den Medien generierten Codes sind strikt binäre Schematismen, Zwei-Seiten-Formen, zur Totalkonstruktion von Welt mit
Universalitätsanspruch, eine Kombination der Parsonsschen pattern variables Universalismus und Spezifizität 113 .
Die so codierte Weltsicht ist total, insofern sie nur zwei Werte zuläßt, die sich wechselseitig negieren 114 . Weil aber Drittes ausgeklammert wird, beschränkt sich diese Totalität der Weltsicht teleskopisch auf einen winzigen Ausschnitt möglicher Sichtweisen 115 . Die codierte Sicht ist so gleichermaßen hochunvollständig und kontinent. In einem abgegrenzten Relevanzbereich wird alles dem einen oder dem anderen Wert zugeordnet. Die Binarität der Codes führt zur sprachlichen Verdoppelung von Welt und permanenten Reflexion am Gegenwert. Wegen der operativen Nähe ist der Übergang von einer zur anderen Seite durch bloße Negation möglich. Beide Codewerte verweisen auf das System, also recht und unrecht sind Werte innerhalb des Rechtssystems. Aber der negative Wert dient in der Regel als bloßer Reflexionswert 116 . Es besteht eine prinzipielle Präferenz für den positiven Codewert, der Anschlußfähigkeit impliziert 117 . Weil ein re-entry der Unterscheidung in sich selbst in Unentscheidbarkeit münden würde, muß diese Unterscheidung asymmetrisiert werden. Der Code plaziert sich selbst im positiven Wert. Die Kommunikation einer Wahrheit und auch der Nachweis einer Unwahrheit ist selbst eine wahre Kommunikation. So
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fungiert der Positivwert auch als Legitimation für den Gebrauch des Codes 118 . Es entstehen Symmetriebrüche, die die Autopoiese voranbringen. Mit der Abstraktheit der Codes steigt die Resonanzfähigkeit im Sinne der Vielfalt möglicher Operationen. Nach Fuchs kann nur dieser "Nihilismus" die Einheit des Systems enttautologisieren und entparadoxieren: durch das Oszillieren zwischen zwei Werten im Rahmen einer kontinenten Unterscheidung desselben Systems 119 . Gleichzeitig zwingt die Indifferenz der Codes die Systeme, sich an Programmen zu orientieren. Erst die Programme stellen die Kriterien für die Zuordnung der Codewerte zu systemexternen Gegebenheiten bereit. Sie bauen Erwartungsstrukturen auf, organisieren die Ausgestaltung und Anschlußfähigkeit der Verarbeitung via Konkretisierung bzw. Operationalisierung. Programme konditionieren in Form von Theorien und Methoden, Parteiprogrammen, Preisen oder Gesetzen die Wahl des Designationswerts und können die Kommunikation auch in diese Richtung dirigieren. Gleichzeitig steigern sie die Kontingenz durch die permanente Reflexion am Gegenwert des Codes. Programmelemente und Kriterien sind teilweise selbstgeschaffen, teilweise aus Umweltbeobachtungen übernommen 120 . Programme nehmen Informationen über die Umwelt ins System auf, nicht: als Input aus der Umwelt. Sie werden nicht außerhalb aktiv, sondern bleiben sachlich und zeitlich an die basale Codierung gebunden. Sie können nicht auf einen archimedischen Punkt außerhalb des Systems zurückgreifen und richten sich auf die jeweilige Systemzeit hin aus 121 . Programme übersetzen die Geräusche anderer Systeme in die eigene Sprache. Über Programme können Beziehungen zu anderen Systemen auf struktureller Ebene diversifiziert werden, auf operativer Ebene bleiben Kontakte ausgeschlossen 122 . Auch durch die Codierung ausgeschlossene dritte Werte können über die Programmierung partiell wieder eingeführt werden. So kann die Ausrichtung anderer Systeme in den eigenen Operationen mitberücksichtigt werden.
Codes schließen, Programme öffnen das System zur Umwelt hin. Auf der Ebene der Codierung differenzieren sich Systeme aus und schließen sich operativ. Codierung ist in den meisten Teilsystemen Katalysator der Ausdifferenzierung 123 . Beobachtend aber schließen sich Systeme durch Differenzierung von Selbst- und Fremdreferenz in die Umwelt ein 124 .
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Während sich Funktionssysteme auf der Ebene ihrer Codierung konstituieren und identifizieren,
"differenzieren sie ihre Umweltbeziehungen auf der Ebene ihrer Programme. Die Differenz von Codierung und Programmierung ist in der Reflexion des Systems
125 . zugleich die Differenz von Identität und Differenz" Die Ebenendifferenz zwischen den hochabstrakten Codes und den die Vergabe dieser Werte konkretisierenden Programmen gewinnt ihre Bedeutung bei der Ausbildung von Resonanzfähigkeit. Denn die operative Geschlossenheit führt durchaus nicht in den Solipsismus, sondern ist umgekehrt Bedingung der Möglichkeit der Öffnung gegenüber der Umwelt. Während die evaluativ orientierten Codes unhintergehbar, weil für das System konstitutiv sind, ist das System auf der Ebene seiner kognitiv und normativ ausgerichteten 126 Programme lernfähig und kann seine Strukturen verändern.
2.6 Der Ausschluß nicht-kommunikativen Handelns aus der Theorie sozialer Systeme
Die Theorie sozialer Systeme ist keine Verhaltens- oder Handlungstheorie und hebt sich damit von allen bisherigen soziologischen Entwürfen ab. Vor der autopoietischen Wende begriff Luhmann Handlungen noch als basale Elemente sozialer Systeme 127 . Mit der Ablösung durch Kommunikation und dem Ausschluß des Menschen entfällt auch eine Konzeption naturaler Handlungen. Die Theorie autopoietischer Systeme bezieht sich ausdrücklich "nicht auf Handlungen. Wer Handlungen beobachtet, wird typisch können" 128 . mehrfache Systemzugehörigkeiten [...] feststellen
Systemgrenzen werden aus handlungstheoretischer Sicht verschleiert: Weder Handlungen noch Individuen können auf einzelne Systeme zugerechnet werden.
Um sich von handlungstheoretischen Ansätzen abzusetzen, konstruiert Luhmann deshalb den Kommunikationsprozeß von egos Verstehen und Erleben her 129 .
Vom Begriff des sozialen Handelns als Grundeinheit sozialer Systeme distanziert sich Luhmann aus verschiedenen Gründen. Erstens können die Funktionssysteme zwar als Handlungssysteme beschrieben werden, aber nur als aus Handlungen bestehend, nicht als
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handelnde Einheiten. Funktionssysteme als ganze können nicht handeln, weil sie nicht kollektive Akteure sind. Sie sind auch nicht Netzwerke von Handlungen, sondern zuerst und basal Kommunikation 130 . Zweitens widerspricht die Handlungssemantik der zugrundeliegenden Kybernetik zweiter Ordnung, indem sie agierende Subjekte voraussetzt. Auch in Bezug auf Handlung gilt das Theorem der Subjektlosigkeit: nicht Personen oder Systeme handeln, sondern Operationen schließen aneinander an. Auch aus diesem Grund sind Handlungen nicht mehr als Resultate von Intentionen beschreibbar.
Drittens entscheiden kontingente Faktoren über die Attribution auf systembezogenes Handeln oder umweltbezogenes Erleben. Insofern ist Handlung nicht originär, sondern eine kontingente Perspektive auf Kommunikation 131 . Handlungen sind Verkettungen zeitpunktgebundener Ereignisse, nur analytisch vom Erlebensmodus zu trennen und komplementär dazu. Handlungen ziehen entweder weitere Handlungen oder Erleben nach sich 132 . Und nicht nur auf Handlungen, auch auf Erleben kann mit Handlung reagiert werden. Das Konzept der Anschlußnotwendigkeit, das eine hinreichende Ähnlichkeit der Elemente voraussetzt 133 , führt zur basalen Einheit Kommunikation, die der Unterscheidung von Handlung und Erleben vorgeordnet ist.
Viertens unterläuft die Kategorie der Handlung die Ebene des Sozialen. Bei Parsons' analytischer Betrachtung ist das Letztelement Handlung willkürlich gesetzt, denn Handlungen werden auf Individuen zugerechnet, sind also nicht per se soziale Tatbestände. Luhmann konzipiert Sozialität von oben, von der Kommunikation her, nicht wie Maturana von unten. Damit umgeht er das Problem der Intersubjektivität, das Maturana nicht überzeugend konstruieren kann 134 .
Unter der primären Systemreferenz auf Kommunikation wird Handlung nur als Kommunikation relevant. Jedes Handeln mit Sinnbezug auf andere ist zwar soziales Handeln, gesellschaftlich wird Handeln jedoch erst, wenn es als Kommunikation intendiert oder erfahren wird, nicht notwendig jedoch interaktiv 135 . Konkludentes Verhalten kann kommunikativ Annahme oder Ablehnung signalisieren. Jedoch sind nonverbale Signale nicht funktional äquivalent zur Sprache 136 . Sprache bleibt als Medium die wichtigste der verschiedenen Kopplungsmöglichkeiten zwischen psychischen und sozialen
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Systemen, da Gedanken entscheidend durch Sprache geprägt sind und da erst sie "immense Überschüsse an semantischen
Selektionsmöglichkeiten" 137 zur Verfügung stellt. Die Autopoiese der Kommunikation kann nur stattfinden, wenn erstens eine Differenz zwischen Information und Mitteilung und zweitens eine Differenz zwischen Mitteilung und Verstehen entsteht, wenn also eine Mitteilung als Zeichen für eine Information genommen wird und eine Mitteilung so verstanden wird, daß an sie mit einer Gegenmitteilung angeschlossen werden kann 138 . Nur in diesem Rahmen kann Handeln gesellschaftliche Relevanz erreichen. Umgekehrt beeinflussen Kommunikationen Handlungen, indem sie die Bedingungen für anschließbares Handeln vorstrukturieren 139 . Nur als Mitteilungshandlungen sind Handlungen genuiner Teil von Kommunikation. Aus Mitteilungen wird Kommunikation erschlossen und gleichzeitig asymmetrisiert 140 : Erst Handlung erlaubt die Identifikation von Kommunikation und gibt ihr eine Richtung. Und erst die Zurechnung auf mitteilende Individuen ermöglicht den Kommunikationssystemen eine hinreichende Komplexitätsreduktion. Mitteilungshandlungen sind aber selbst nur simplifizierte
Zurechnungsartefakte von Kommunikation auf Personen oder Organisationen als Kommunikatoren oder Adressaten für weitere Mitteilungshandlungen 141 . "Kommunikation ist elementare Einheit der Selbstkonstitution, Handlung ist elementare Einheit der Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung" 142 . Akteure konstituieren sich, wenn Systeme sich selbst als Akteure beschreiben. Damit löst sich der Akteur/System-Dualismus, wie er etwa von Uwe Schimank vertreten wird, auf 143 . Der Fokus auf Kommunikation leugnet zwar nicht die Bedeutung nichtkommunikativer Handlungen, sieht aber von dieser Ebene ab, um die Eigenständigkeit kommunikativer Realitätskonstitutionen zu extrapolieren. Gesellschaft ist nicht mehr Ergebnis menschlichen Handelns, sondern ein davon unabhängiger Prozeß der Selbsterzeugung autopoietischer Systeme. Handlungen dienen aber als Anschlußstellen für die per se ausgeschlossene Körperlichkeit der Menschen. Jedem der symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien ist ein symbiotisches Symbol zugeordnet, das in die organischen Prozesse hineinreicht: für die Wissenschaft ist dies Wahrnehmung, für die Wirtschaft Bedürfnisbefriedigung, für das Recht
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Arbeit zitieren:
Andrea Priller, 1999, Die Darstellung ökologischer Selbstgefährdung funktional differenzierter Gesellschaften in Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, München, GRIN Verlag GmbH
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