Titel des wissenschaftlichen Aufsatzes
Wer Erfolg haben will, muss verrückt sein!
Untertitel:
Genie und Wahnsinn in der Kunst
von
Dr. Volker Halstenberg
1. ES und Kreativität 2
2. Genie und Wahnsinn gehen Hand in Hand 3
3. Von Hippokrates zur Kybernetischen Medizin 5
4. Melancholie und Trauer 11
5. Melancholie und Filmästhetik 13
6. Künstlerischer Genius bei Kretschmer 14
7. Schizophrenie und Kunst 18
8. Autismus 27
9. Die Kunst der Selbststabilisierung 31
Literatur 37
1. ES und Kreativität
Eine Spur von Wahn-Sinn! und kreativer Schöpfungskraft steckt in uns allen. Schließlich hat jeder ein ES - und dort sind laut Psychoanalyse nicht nur unsere persönlichen Leichen und vieles andere begraben. Dort schlummern auch ungeahnte kreative Kräfte, die jeder mit ein bisschen Übung anzapfen kann.
Genau genommen umfasst das ES vier weitgehend unbewusste Bereiche: 1. die phylogenetische Erbschaft mit ihren evolutionsgeschichtlichen Informationsstrukturen, 2. die psychischen Repräsentanzen der Triebe, Leidenschaften und primitiven Wünsche, 3. die negativen und frustrierenden, angst- und krankmachenden Erlebnisse und Erfahrungen sowie 4. die aggressiven und autodestruktiven Impulse. Freud (1926/241) sprach diesbezüglich vom dämonischen ES.
Es gleicht in mancher Hinsicht einem Gefängnis mit asozialen Insassen, "die schon seit Jahren schmachten oder neu eingeliefert wurden, Insassen, die hart behandelt und schwer bewacht, aber kaum unter Kontrolle gehalten werden und ständig auszubrechen versuchen." (GAY 1997/150) Eine passende Metapher für die Explosivkraft des Unbewussten, das ständig danach drängt, sich auszudrücken und mitzuteilen.
Im ES geht permanent die virtuelle "Post ab": Hier wird revoluzzert, gemeuchelt, gemordet, gemobbt, gequält, gehasst und geliebt. Grenzenlos - lustvoll - frustfrei. Hier bin ich Schwein, hier darf ichs sein. Kost ja nichts. Merkt ja keiner. Im ES lebt und tobt der Neander in uns allen. Hier werden gnaden- und reuelos kollektivsinguläre Dramen und Tragikomödien aufgeführt. Ohne Unterlass. Horchen Sie mal in sich rein!
Zeit und Raum sind dem ES ebenso fremd wie die Gesetze aristotelischer Logik: Erlebnisse, wo immer und wann immer sie stattgefunden haben, sind virtuell aktiv und gegensätzliche Unterscheidungen - gut/böse, jung/alt, schön/hässlich, Liebe/Hass, Fiktion/Faktum - können problemlos koexistieren. Anything goes. Egal wie merkwürdig, irrational oder pervers die Gedanken und Vorstellungsinhalte sind. Alle Passionen und Obsessionen imaginieren augenblicklich zu einer Realität sui generis.
ES als brodelnder Schmelztiegel archaischer, verdrängter, neurotischer, paranormaler, irrationaler und fantastischer Erlebensfragmente, stellt ein schier ozeanisches Kreativitäts-Reservoir dar, aus dem der Künstler schöpfen kann. Je ES-hafter, ICH-loser, realitäts-ver-rückter er agiert, desto genialer kann das Kunstwerk sein.
Eine Auffassung, die - wohlgemerkt mit religiösem Hintergrund - schon im alten Griechenland bei Hesiod (Theogonie) und Homer (Odyssee), dann bei Platon (Phaidros) in Form des Dichters von Gottes Gnaden vorgedacht ist, später von Renaissance-Vetretern wie Giacomo Vasari und Giordano Bruno und ihrem furor poeticus, der göttlichen Inspiration, aufgegriffen und danach vom absonderlichen Manierismus mit seiner exaltierten Kunst-Wildheit spezifiziert wurde.
Auch die "Stürmer und Dränger" (Herder, Schiller) in der zweiten Hälfte des 18. und die Romantik des frühen 19. Jahrhunderts, die Arnold Hauser als Psychose bezeichnet, betonten die irrationalen Ursprünge schöpferischer Virtuosität.
Bei Schiller ist das Unbewusste eine Art Katalysator genialen Schaffens, wobei Unbewusstheit von ihm als natürliche und damit göttliche Naivität verstanden wird. "Naiv muss jedes wahre Genie sein," proklamiert er in "Über naive und sentimentalische Dichtung", "oder es ist keines." Ähnlich metaphysisch, doch mehr ins Pathologische driftend, ist die Dichtkunst des Romantikers Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis, einem 1772 in Thüringen geborenem Adelsspross, der in seinen aphoristischen Fragmenten unter dem Titel "Blütenstaub im Athenäum" die sowohl psychoanalytische als auch surrealistische Losung ausgab: "Nach innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft."
In moderner Zeit findet sich die an platonisches Gedankengut anknüpfende, positive Wahnauffassung beispielsweise bei Ernst Fuchs, dem Wiener Begründer des "Fantastischen Realismus" und beim Düsseldorfer Aktionskünstler Joseph Beuys.
2. Genie und Wahnsinn gehen Hand in Hand
Anfang des 19. Jahrhunderts vollzog sich mit Arthur Schopenhauer eine Wendung von der Gott-Natur-gegebenen Genialität zum Genie-Irrsinn-Mythos. Fortan galt das Geniale immer als pathologisch. Für Schopenhauer gehen Genialität und Wahnsinn Hand in Hand. In seinem 1818 publizierten Hauptwerk "Die Welt als Wille und Vorstellung" beschreibt er das Geniale als etwas der Person Wesensfremdes, von außen Kommendes, Übernatürliches, welches das willentliche ICH dämonisch in Besitz nimmt und zu außergewöhnlichen Leistungen befähigt.
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Arbeit zitieren:
Dr. Volker Halstenberg, 2005, "Wer Erfolg haben will, muss verrückt sein!" - Genie und Wahnsinn in der Kunst, München, GRIN Verlag GmbH
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