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„Es gibt im Leben Augenblicke, da die Frage, ob man anders denken kann, als man denkt, und anders wahrnehmen kann, als man sieht, zum Weiterschauen oder Weiterdenken unentbehrlich ist.“
(Michel Foucault, Sexualität und Wahrheit, Bd.2: Der Gebrauch der Lüste, Frankfurt a.M. 1986, S.15.)
In diesem Sinne gilt mein besonderer Dank Sandra Marschner, Christian Modersbach und Anke Hansing.
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Inhaltsverzeichnis
Seite
Einführung 5
a Gender-Studies 5
b Was diese Arbeit nicht zu erreichen vermag 7
c Was diese Arbeit zu leisten versucht 8
d Der Aufbau 10
I Die Ordnung der Geschlechter 11
1. Geschlecht als kulturelle Konstruktion 11
1.1. Biologisches Geschlecht und Geschlechtsidentität 11
1.2. Becoming a gender : Geschlechtsidentität als performativer Akt 14
1.3. Kernidentität als kulturelles Konstrukt 18
1.3.1. Identität als normatives Ideal 21
1.4. Revision des biologischen Geschlechts 23
1.5. Der kulturelle Rahmen der Identitätsbildung 25
1.5.1. Der patriarchalische Aspekt 25
1.5.2. Der zwangsheterosexuelle Aspekt 27
1.5.3. Die Familie 29
1.5.4. Kleidung als Ausdruck der Geschlechterdifferenz 32
2. Die Gespenster der Diskontinuität und Inkohärenz 33
2.1. Die Grenzen der Intelligibilität 33
2.1.1 Inkohärenz zwischen Körper und Geschlechtsidentität: Transsexualität 34
2.1.2. Performanz der Geschlechtsidentität: Cross-Dressing 36
2.1.3. Geschlechtsidentität und Begehren: Homosexualität 39
2.2. Die Bedeutung des Inkohärenten innerhalb des kulturellen Systems 41
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3. Emanzipation und Dekonstruktion 43
3.1. Die Konzeption Foucaults 43
3.1.1. Das Disparate und die Geschlechterordnung 43
3.1.2. Die Ambivalenz von Emanzipationsbewegungen 44
3.2. Judith Butlers Politik der Geschlechterunordnung 47
4. Gender und Film 50
Exkurs: Franquistisches und nachfranquistisches Spanien 54
1. Die politische Situation 54
2. La Movida 57
3. Der Regisseur Pedro Almodóvar 59
II Die Filme Pedro Almodóvars 60
1. Identitätsdiskurse 60
1.1. Personenwechsel 60
1.2. Identität als Imitationsstruktur 64
1.3. Filmische Metaebene: image und figure 67
2. Repräsentation kultureller Kategorien 69
2.1. Transsexualität: Das Spiel mit den Körpern 69
2.1.1. Die Figur Tina 69
2.1.2. Die Schauspielerinnen Carmen Maura und Bibi Andersen 73
2.2. Homosexualität 77
2.3. Cross-Dressing 81
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3. Das Geschlechterverhältnis 82
3.1. Die Familie 82
3.2. Frauenbilder 85
3.2.1. Mutterschaft 85
3.2.2. Berufstätigkeit 89
3.2.3. Sexualität 90
3.2.4. Vergewaltigung 92
3.2.5. Chica almodovariana 95
3.3. Die Inszenierung der Frauenfiguren 98
3.4. Männerbilder 101
3.4.1. Machismo 101
3.4.2. Schwache Männerfiguren 102
3.4.3. Differenzierte Männerfiguren 102
3.5. Almodóvar als Regisseur der Frauen 104
4. Die Ästhetik 108
4.1. Die dramatische Organisation 108
4.1.1. Plots und Subplots 108
4.1.2. Genrevielfalt 110
4.2. Almodóvar und die Allgemeinkultur 111
4.3. Camp 113
Fazit: Der Almodóvarsche Kosmos - Ende der Eindeutigkeit 115
Literaturverzeichnis 120
Bildnachweis 128
Anhang ................................................................................................................. 129 129
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Einführung
Wenn ich mir einen Film des spanischen Regisseurs Pedro Almodóvar ansehe, erlebe ich einen filmischen Kosmos, der geprägt ist von Ambivalenz: schrill und überdreht, zugleich glanzlos nüchtern, melodramatisches Gefühlskino, zugleich kühl realistisch, parodistisch, zugleich von einem bedrückenden Ernst. Nichts erscheint eindeutig. Dieses trifft in besonderem Maße auf die Geschlechterordnung zu, die im Alltag so gesichert und naturgegeben wirkt und die bei Almodóvar auf den Kopf gestellt ist. Klischees werden durcheinandergewirbelt, alles scheint möglich zu sein: man begeg- net Transsexuellen, Männern als Frauen und Frauen als Männer, der transsexuellen Schauspielerin Bibi Andersen in einer Mutterrolle, dem spanischen Star Miguel Bosé in Frauenkleidern, Homosexualität und einer ganzen Schar hysterisch-exaltierter Frauenfiguren. Es liegt nahe, den Aspekt der Geschlechterordnung analytisch zu re- flektieren und die Eindrücke, die die Rezeption der Almodóvarschen Filme hinter- läßt, wissenschaftlich zu beschreiben. Die These, daß in den Filmen Pedro Almodó- vars eine eindeutige Geschlechterordnung dekonstruiert wird, soll in der vorliegen- den Arbeit verifiziert werden. Die Argumentation orientiert sich dabei an folgenden Fragen:
Welcher filmische Diskurs über Geschlechterkonstruktion findet sich in den Filmen Pedro Almodóvars? Durch welche filmischen und narrativen Elemente wird eine Eindeutigkeit von Geschlechterordnung bei Almodóvar dekonstruiert? Inwiefern spiegeln die Filme eine postmoderne Sichtweise auf Geschlechterordnung wider?
a. Gender-Studies
Als analytisches Instrument prädestiniert für die Beschreibung von Geschlechterord- nung und -dekonstruktion sind die Theorien der Geschlechterforschung, der Gender- Studies. Die Gender-Studies haben sich in den 80er und 90er Jahren im anglo- amerikanischen Raum entwickelt. Die Wurzeln liegen in den Frauenstudien der 70er Jahre, den Women’s Studies. Der Wandel von den Women’s Studies zu den Gender- Studies hat sich auf dem Hintergrund „eines theoretischen Paradigmawechsels“ voll- zogen, bedingt durch „ein neues poststrukturalistisches Text- und Subjektverständ- nis“ 1 . Die Forschung begann, die Kategorie ‘Geschlecht’ nicht mehr als primär bio- 1 Sabine Sielke, Why Gender Matters: Zur Bedeutung der Geschlechterforschung für die Amerikastu- dien, in: Gender Matters - Geschlechterforschung und Amerikastudien, hg. dies., Berlin 1997, S.2.
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logisch bedingte Differenz zu verstehen, sondern ihr Augenmerk auf die kulturelle Verfaßtheit dieser Differenz zu legen, mit dem Ziel, „die Formel ‘Biologie ist Schicksal’ anzufechten“ 2 .
Die Gender-Studies verstehen sich als interdisziplinäre Forschung 3 , deren wachsende akademische Akzeptanz in Deutschland sich auch daran belegen läßt, daß 1997 an der Humboldt-Universität Berlin der Magisterstudiengang ‘Geschlechterstudien /Gender Studies’ eingerichtet wurde. Die Gründung eines entsprechenden Studien- ganges ist ebenfalls an der Universität in Potsdam, Bremen und Oldenburg geplant. 4 Die an dem Studiengang ‘Gender Studies’ an der Humboldt-Universität beteiligten, wissenschaftlichen Disziplinen veranschaulichen die Bedeutung des interdis- ziplinären Ansatzes der Gender-Studies: Sozialwissenschaften, Erziehungswissen- schaft, Rechtswissenschaft, Medizin und Sexualwissenschaft, Literatur-, Sprach-, Kultur- und Kunstwissenschaft, Geschichtswissenschaften, Theologie und Philoso- phie. 5 Als analytische Kategorien wird in den Gender-Studies zwischen ‘biologischem Ge- schlecht’ und ‘kulturell geprägter Geschlechtsidentität’ unterschieden. Diese Unter- scheidung differenziert im Deutschen den umfassenderen Begriff ‘Geschlecht’. In der englischen Sprache wird zur Beschreibung des biologischen Geschlechts der Terminus sex verwendet, der an physische Eigenschaften geknüpft ist. Für die kultu- rell erworbene Geschlechtsidentität wird der Begriff gender gebraucht, welcher der Linguistik entlehnt ist und ursprünglich das grammatische Geschlecht bezeichnete. 6 Die Begriffe sex und gender wurden im Englischen bis in die siebziger Jahre sprach- lich neutral und synonym verwendet und bezeichneten allgemein ‘das Geschlecht’. Während im Deutschen der allgemeine Begriff ‘Geschlecht’ sprachlich durch ‘biolo- 2 Judith Butler, Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt a.M. 1991, S.22.
3 Zum interdisziplinären Ansatz der Gender Studies vgl. André Kieserling, Konstruktion als interdis- ziplinärer Begriff - Zum Theorieprogramm der Geschlechterforschung, in: Konstruktion von Ge- schlecht, hg. Ursula Pasero und Friederike Braun, Pfaffenweiler 1995, S.89-114.
4 Vgl. Martina Kretschmann, „Raus aus dem Ghetto“, in: Der Tagesspiegel, Nr.15876 (29.April 1997), S.36.
5 Vgl. Studienordnung für den Magisterteilstudiengang ‘Geschlechterstudien/Gender Studies’, ent- nommen der Homepage des Studienganges ‘Gender Studies’, im Internet unter http://www2.rz.hu- berlin.de/zif/studor.htm.
6 Zur Geschichte des Begriffes ‘gender’ vgl. u.a. Sielke, Why Gender Matters, S.1f.
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gisches Geschlecht’ und ‘Geschlechtsidentität’ differenziert wird, wurden im Engli- schen im Rahmen der Gender-Studies zwei schon vorhandene Begriffe, die einst dasselbe bezeichneten, mit neuer Bedeutung gefüllt 7 . Daraus ergibt sich für deutsche Autoren ein schwieriges praktisches Problem: es gibt keine adäquaten Übersetzun- gen der englischen Begrifflichkeiten. Die deutschen Übersetzungen ‘biologisches Geschlecht’ und ‘Geschlechtsidentität’ bleiben ungenau und verschärfen sich bei Begriffen wie ‘gender identity’ oder ‘gendered identity’. Judith Butler bemerkt hier- zu:
„Mir wurde in der Reaktion auf [meine] Arbeit klar, daß ‘das Biologische’ im Deutschen und in den deutschsprachigen Kulturen eine Anzahl von Wertigkeiten getragen hat, die ich nicht vollends erfaßt hatte. Tatsächlich läßt schon die Schwierigkeit, eine angemessene Übersetzung für ‘gender’ zu fin- den, deutlich werden, daß die Trennung von sex und gender in dieser Sprache nicht leicht ist.“ 8
Da sich die Begriffe ‘biologisches Geschlecht’ für ‘sex’ und ‘Geschlechtsidentität’ für ‘gender’ sowohl in den deutschen Übersetzungen der englischsprachigen Werke als auch in den Arbeiten deutschsprachiger Autoren und Autorinnen überwiegend durchgesetzt haben, werde auch ich in meinen Ausführungen diese Begriffe benut- zen. Für ein besseres Verständnis und um Mißverständnisse auszuräumen, werde ich an relevanten Stellen im deutschen Text die englischen Begriffe benutzen oder sie in Klammern dahintersetzen.
b. Was diese Arbeit nicht zu erreichen vermag
Die Gender-Studies operieren nicht zuletzt wegen ihrer Interdisziplinarität mit einer ganzen Bandbreite an theoretischen Ansätzen, die zum Teil eine Menge fachlichen Vorwissens voraussetzen. Dadurch ist die Gefahr gegeben, sich bei solchen Vorbe- dingungen im Detail zu verlieren. Um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen, soll das Augenmerk auf die Darstellung der zentralen Thesen liegen, ohne tiefer auf die vielfältigen Diskussionen innerhalb der Gender-Studies einzugehen. Durch diese 7 Vgl. Sabine Wolf, Ökonomie und ‘Geschlechterverhältnis’, Pfaffenweiler 1996, S.42. 8 Judith Butler, Körper von Gewicht - Die diskursiven Grenzen des Geschlechts, Berlin 1995, S.9.
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fokussierende Vorgehensweise werden nicht alle Fragen beantwortet werden können. Die Interpretation der Almodóvarschen Filme bezieht sich auf dessen gesamte Fil- mographie, die bis dato 12 Filme umfaßt. In allen Filmen findet sich eine Vielzahl an Themen, so daß es unmöglich ist, eine umfassende Interpretation zu liefern. Viel- mehr soll ausschließlich auf die für die Geschlechterordnung relevanten Aspekte eingegangen werden. Dadurch mag der Eindruck entstehen, die Filme drehten sich nur um das Thema ‘Geschlecht’, was natürlich nicht der Fall ist. Diese Verengung auf einen Aspekt ist der Preis einer wissenschaftlichen Vorgehensweise. Werner Faulstich bemerkt hierzu:
„„Die analytisch fundierte, methodengesteuerte, reflektierte Interpretation eines Filmes ließe sich vielleicht mit einer ‘Brille’ vergleichen, die es uns gestattet, bestimmte Aspekte eines Films besser zu sehen oder Momente in den Blick zu bekommen, die uns vorher nicht sichtbar waren. Aber die Nut- zung dieser ‘Brille’ bringt auch Nachteile mit sich: beispielsweise den Nachteil, daß anderes verzerrt oder aus dem Blickwinkel verdrängt oder auch daß das Gesehene eingefärbt und damit verändert wird.“ 9
Desweiteren soll mit der vorliegenden Arbeit keine Filmanalyse im Sinne der her- kömmlichen Analysemodelle vorgelegt werden. Da ich mich nicht auf einen einzel- nen Film konzentriere, sondern vielmehr den Geschlechterdiskurs aus der gesamten Filmographie abstrahieren möchte, erscheinen mir Sequenzprotokolle wenig sinn- voll. Statt dessen findet sich im Anhang eine Liste der verwendeten Filme mit den Produktionsdaten; dieser Liste können auch die deutschen Titel der Filme und die in der Arbeit verwendeten Kürzel entnommen werden. Filmtechnische Aspekte wie Licht, Ton, Kamera und Schnitt werden bewußt zweitrangig behandelt und nur an für die Themenstellung relevanten Stellen untersucht.
c. Was diese Arbeit zu leisten versucht
Der Ansatz und das vorrangige Ziel dieser Arbeit liegen darin, mit Rückgriff auf die Theorien der Gender-Studies ein Modell zu entwerfen, mit welchem die Filme Al- modóvars auf ihre Aussagen zu Geschlechterordnung und Geschlechterkonstruktion untersucht werden können. Wie schon angesprochen, beziehe ich mich dabei auf die gesamte verfügbare Filmographie Almodóvars, die im Anhang dieser Arbeit aufge- listet ist. Grundlage sind ausschließlich die spanischen Originalfassungen. Zur präzi-
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seren Erklärung bestimmter Aspekte werde ich mich an einigen Stellen auf Elemente der Filmtheorie von Umberto Eco und Stephen Heath beziehen. Um meine Ausfüh- rungen zu veranschaulichen, sind den einzelnen Kapiteln exemplarisch einige Abbil- dungen beigefügt.
Auffällig selten beziehen sich in den Filmwissenschaften konkrete Filminterpretati- onen auf die Theorien der Gender-Studies. Die vorliegende Magisterarbeit soll des- halb auch ein Schritt sein, dieses Manko auszugleichen. Dabei stehen gleichzeitig die abstrakt-philosophischen Theorien der Gender-Studies auf dem Prüfstand, ob sie geeignet sind, sich konkret anwenden zu lassen und über „Seminargeschwätz“ 10 hi- nausgehen.
Ein weitergehendes Ziel dieser Arbeit liegt darin, eine kritische Distanz zu kulturel- len Kategorien aufzuzeigen und das scheinbar ‘Natürliche’ zu hinterfragen. Da wir aber alle von den hegemonialen kulturellen Diskursen geprägt sind und nur in Kate- gorien denken können, die wir erlernt haben und die unserer Erfahrung entsprechen, stellt dieses Ziel mitunter ein schwieriges Unterfangen dar. Wir können nur Dinge in Worte fassen, indem wir ordnen, strukturieren und kategorisieren, und „die zwang- hafte Einschränkung [ist] gleichsam in das eingebaut, was von der Sprache als Vor- stellungshorizont möglicher Geschlechtsidentitäten festgelegt wird.“ 11 Damit ist das Subjekt der jeweiligen Kultur beim Reden und Analysieren notwendigerweise selbst schon eingeschränkt. Trotz dieser Schwierigkeiten, die sich aus der Begrenztheit der Vorstellung und dem Umsetzen bestimmter Gedanken in Sprache ergeben, soll die vorliegende Arbeit anhand der Interpretation von Almodóvars Filmen ein möglichst kritisches Aufzeigen der kulturellen Mechanismen leisten.
9 Werner Faulstich, Die Filminterpretation, Göttingen 1988, S.13.
10 Gert Mattenklott in einem Gespräch mit Catrin Phischkowsky, „Wie marktgerecht ist Gender? - Der Literaturwissenschaftler Gert Mattenklott über Gender Studies und gesellschaftliche Modernisie- rung“, in: Jungle World, Nr.26 (24.Juni 1998), S.5.
11 Butler, Unbehagen der Geschlechter, S.27.
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d. Der Aufbau
Die vorliegende Arbeit gliedert sich in zwei Hauptteile, die durch einen Exkurs ver- bunden sind.
Der erste Teil beschäftigt sich mit den Theoremen der Gender-Studies, die wegen ihrer Komplexität entsprechend Raum in der Arbeit benötigen. Das Augenmerk liegt hierbei auf der These von der kulturellen Konstruktion der Kategorie ‘Geschlecht’, auf der Rolle, die der biologische Körper in diesem Prozeß einnimmt, auf ‘margina- le’ Identitäten und deren Bedeutung in der Geschlechterordnung und auf der Mög- lichkeit von Emanzipation und Dekonstruktion. In den Ausführungen möchte ich mich hauptsächlich auf die Arbeiten von Judith Butler und Michel Foucault bezie- hen, welche die Theoriebildung der Gender-Studies weitreichend beeinflussen. Die Ergebnisse des ersten Teils sollen dann als theoretische Basis für die Interpretation der Filme Almodóvars dienen.
Als nächstes sollen die Filme Almodóvars zeitlich verortet werden, um nicht in ei- nem historischen Vakuum zu verharren. Die Kapitel, die sich mit der historischen Situation beschäftigen, werden als Exkurs präsentiert, da sie sich nicht unmittelbar auf die Fragestellung der Arbeit beziehen. Der Exkurs beschreibt einige Aspekte der Franco-Diktatur und die gesellschaftlichen und politischen Konsequenzen, die sich aus dem Umbruch nach Francos Tod ergaben. Es soll eine Idee davon gegeben wer- den, wie 36 Jahre Franquismus, eng verzahnt mit der katholischen Kirche, die Wert- vorstellungen und kulturellen Bilder der spanischen Gesellschaft geprägt haben und bis in die nachfranquistische Ära hineinwirkten.
Der zweite Teil widmet sich der Interpretation der Almodóvarschen Filme unter dem Aspekt der Geschlechterordnung und der Geschlechterdekonstruktion. Die filmi- schen Diskurse über Identität, die filmische Repräsentation kultureller Kategorien, der Geschlechterrollen und des Geschlechterverhältnisses sollen herausgearbeitet werden. Auch möchte ich kurz auf die Almodóvarsche Ästhetik und ihren Bezug zur Geschlechterrepräsentation eingehen.
Im Fazit sollen die Ergebnisse zusammengefaßt und die Theorien der Gender-Studies noch einmal explizit zu den Filmen Almodóvars in Bezug gesetzt werden.
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I. Die Ordnung der Geschlechter
1.Geschlecht als kulturelle Konstruktion „[Alice erblickte] eine seltsam schattenhafte Erscheinung in der Luft. Im ersten Augen- blick wußte sie nicht, was das zu bedeuten hatte, nach näherer Beobachtung aber er- kannte sie, daß es das Grinsen der Grinsekatze war. - Jetzt habe ich wenigstens jemand, mit dem ich reden kann! dachte sie. ‘Na, wie wirst du mit dem Spiel fertig?’ erkundigte sich das Grinsen, nachdem es sich zum Katzenmaul vervollständigt hatte. Alice wartete, bis auch die Augen der Grinsekatze sichtbar wurden, und nickte zunächst nur, denn sie dachte: Ihr was zu sagen, hat noch keinen Zweck, bevor nicht auch Ohren da sind, zu- mindest eines davon erkennbar ist. Als kurz darauf der ganze Kopf sich zeigte, setzte sie ihren Flamingo zu Boden und verbreitete sich über das Spiel, sehr erfreut, eine Zu- hörerin zu haben. Die Grinsekatze war anscheinend der Meinung, daß mit dem Kopf genügend von ihr sichtbar war, jedenfalls ließ sie nicht mehr von sich sehen.“ 12 Lewis Carroll, „Alice im Wunderland“
1.1. Biologisches Geschlecht und Geschlechtsidentität
Eines der grundlegenden Unterscheidungsmerkmale und eine grundlegende Basis der Identität eines Menschen scheint die Kategorie des Geschlechtes zu sein. Mann oder Frau zu sein, ist ein elementares Unterscheidungsmerkmal, die scheinbar unverän- derliche und unvergängliche Grundsubstanz eines Individuums: „Männlich oder weiblich ist die erste Unterscheidung, die Sie machen, wenn Sie mit einem anderen menschlichen Wesen zusammentreffen, und Sie sind gewöhnt, diese Unterscheidung mit unbedenklicher Sicherheit zu machen.“ 13 Das Geschlecht eines Menschen ist bestimmt durch den sexuell differenzierten Körper (sex) und der Bedeutung, die die- sem Körper zugeschrieben wird, nämlich die der Geschlechtsidentität (gender). 14 Jeder Mensch kommt unweigerlich mit einem sexuell ausdifferenzierten Körper zur Welt, welchen Simone de Beauvoir als „geschlechtlichen Körper“ bezeichnet und
12 Lewis Carroll, Alice im Wunderland, Berlin 1968, S.136. Die Relevanz dieses Zitates soll in den
nächsten Kapiteln deutlich werden.
13 Sigmund Freud, Die Weiblichkeit, in: Gesammelte Werke, Bd.15: Neue Folge der Vorlesungen zur
Einführung in die Psychoanalyse, Frankfurt a.M. 1940, S.120.
14 Ich folge hier Gesa Lindemann, die „Körper als ein Zeichen und das Geschlecht als dessen Bedeu-
tung“ versteht. Gesa Lindemann, Geschlecht und Gestalt: Der Körper als konventionelles Zeichen der Geschlechterdifferenz, in: Konstruktion von Geschlecht, hg. Ursula Pasero und Friederike Braun, Pfaffenweiler 1995, S.118.
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welcher für sie „konkreter Ausdruck der Existenz“ ist. 15 In der konventionellen Wahrnehmung folgt aus der physischen Beschaffenheit des Körpers, dem ‘biologi- schen Geschlecht’, kausal und zwangsläufig die Geschlechtsidentität eines jeden Menschen. Hierbei bestimmen die männlichen oder weiblichen Genitalien, welche Geschlechtsidentität dem Körper verliehen wird. Das jeweilige Geschlechtsorgan „als einziger Signifikant und als universales Signifikat“ 16 wird zum konstituierenden Zeichen in der Bedeutungsbildung und dient gleichzeitig als naturalisierendes Zei- chen, mit dem ein bestimmter Naturbegriff gerechtfertigt wird.
Unter Berufung auf das biologische Geschlecht werden bestimmte Geschlechtsiden- titäten als natürlich legitimiert und die Geschlechter in zwei entgegengesetzte, sich ausschließende Kategorien geordnet. Dabei wird eine scharfe biologische Trennung zwischen den beiden Geschlechtern postuliert. In Anbetracht des gegenwärtigen Standes der biologischen Forschung ist diese Annahme allerdings so nicht haltbar. Danach stellen die Geschlechter in einer eindeutigen physischen Ausprägung eher ideale Pole dar, denen sich die Individuen „je nach quantitativem Verhältnis von männlichen und weiblichen Realisatoren“ 17 in unterschiedlichem Maße nähern. Gay- le Rubin bemerkt hierzu:
„…the idea that men and women are two mutually exclusive categories must arise out of something other than a nonexistent ‘natural’ opposition. Far from being an expression of natural differences, exclusive gender identity is the suppression of natural similarities.“ 18
[Die Vorstellung, daß Männer und Frauen zwei sich gegenseitig ausschließende Kategorien sind, muß aus etwas anderem als einem nichtexistierenden, ‘natürlichen’ Gegensatz entspringen. Weit davon entfernt, natürliche Unterschiede auszudrücken, ist eine ausschließende, geschlechtlich bestimmte Identität die Unterdrückung natürlicher Ähnlichkeiten.] 15 Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht - Sitte und Sexus der Frau, Reinbek bei Hamburg 1992 [ 1 1951], S.70.
16 Michel Foucault, Sexualität und Wahrheit, Bd.1: Der Wille zum Wissen, Frankfurt a.M. 1977, S. 184.
17 Kerrin Christiansen, Biologische Grundlagen der Geschlechterdifferenz, in: Konstruktion von Ge- schlecht, a.a.O., S.15.
18 Gayle Rubin, The Traffic in Women - Notes on the ‘Political Economy’ of Sex, in: Toward an Anthropology of Women, hg. Rayna R. Reiter, New York 1975, S.180.
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Die ‘Dualität der Geschlechter’ wird demzufolge eher auf einer kulturellen Grundla-
ge instituiert als auf einer biologischen. Sie äußert sich in dem Sinne, daß ein Indivi-
duum seine Bedeutung in Relation zu einer entgegengesetzten Bedeutung gewinnt.
Oder konkreter ausgedrückt: Ein Mann oder eine Frau ist in dem Maße ein Mann
oder eine Frau, wie er / sie nicht das andere ist. Die Definition erfolgt in Abgrenzung
zum jeweiligen anderen. Irene Fast untermauert diese These aus psychoanalytischer
Sicht, indem sie in der Geschlechtsentwicklung von Jungen eine frühe Phase postu-
liert,
„in der die Selbstrepräsentanzen des Jungen, die seine Vorstellungen von seinen sexuellen und ge- schlechtlichen Möglichkeiten verkörpern, noch nicht geschlechtlich differenziert sind. Differenzie- rungsprozesse setzen ein, sobald der Junge sich des Geschlechtsunterschieds bewußt wird. Dieses Bewußtwerden hat zur Folge, daß er die durch sein tatsächliches Geschlecht gesetzten Grenzen er- kennt, sein Erleben geschlechtsbezogen rekategorisiert, eine in seiner körperlichen Männlichkeit zentrierte männliche Identität entwickelt, auf Weiblichkeit (Femininität) als Möglichkeiten für sich selbst verzichtet und anerkennt, daß sie die Privilegien des anderen Geschlechts darstellen.“ 19
An späterer Stelle schließt Fast Mädchen in dieses Modell ein und schreibt:
„Die bei Kindern beobachtbare Intensivierung des Interesses an ihren Genitalien ist nicht auf körper- liche Veränderungen zurückzuführen, sondern darauf, daß sie sie im Hinblick auf ihr Geschlecht zu kategorisieren beginnen.“ 20
Wenn also die Ausbildung einer geschlechtsspezifischen Identität nicht direkt von
körperlichen Veränderungen oder der phänotypischen Struktur des Körpers ausgelöst
wird, stellt sich die Frage, wodurch eine männliche oder weibliche Geschlechtsiden-
tität konstituiert wird. Welchen Anteil hat der kulturelle Rahmen an der Ausbildung
einer geschlechtsspezifischen Identität, und wie ist dieser kulturelle Prozeß vorstell-
bar? Welchen Platz nimmt die Natur in diesem Prozeß der Identitätsbildung ein?
Diesen Fragen möchte ich in den nächsten Kapiteln nachgehen.
19 Irene Fast, Von der Einheit zur Differenz - Psychoanalyse der Geschlechtsidentität, Berlin 1991, S.65. Obwohl Fast meiner Meinung nach bei der Verwendung von Ausdrücken wie ‘körperliche Männlichkeit’, ‘tatsächliches Geschlecht’ oder auch ‘Geschlechtsunterschied’ die kulturelle Determi- nation dieser Termini zu wenig beachtet und sie dadurch unkritisch verwendet, finde ich ihre Ergeb- nisse in diesem Zusammenhang trotzdem konstruktiv.
20 Ebd., S.93.
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1.2. ‘Becoming a gender’: Geschlechtsidentität als performativer Akt
„[Man sagt uns], die Weiblichkeit sei ‘in Gefahr’, man ermahnt uns: ‘Seid Frauen, bleibt Frauen, werdet Frauen.’ Nicht jeder weibliche Mensch ist also zwangsläufig eine Frau; er muß an jener geheimnisvollen, bedrohten Realität, der Weiblichkeit, teilhaben. Wird diese von den Eierstöcken produziert?“ 21 Simone de Beauvoir
Simone de Beauvoir konstatiert mit dieser polemischen Frage, daß die biologischen Gegebenheiten scheinbar nicht immer zwangsläufig in einer intelligiblen Ge- schlechtsidentität münden. Die Vorstellungen darüber, wann und wie das biologische Geschlecht mit der Geschlechtsidentität korrespondiert, scheinen zu divergieren. Geschlechtsidentität ist unter dieser Prämisse eine kulturelle Dimension anstatt der bloße Ausdruck biologischer Gegebenheiten. In den Gender-Studies wird Ge- schlechts-identität als etwas verstanden, das geprägt ist von dem herrschenden kultu- rellen Diskurs 22 , von der gesellschaftlichen Idee, was ‘männlich’ und was ‘weiblich’ ist. Es sind die „historisch gewachsene[n] und perpetuierte[n] Fiktionen von Weib- lichkeit und Männlichkeit“ 23 , nach denen die Körper hergerichtet und wahrgenom- men werden. Der Körper ist in diesem Zusammenhang die „vorgängige Materialität“, auf der die Geschlechtsidentität als eine Art „Akt kultureller Einschreibung“ 24 proji- ziert wird. Judith Butler begreift die Konstruktion der Geschlechtsidentität als einen Prozeß, als „die wiederholte Stilisierung des Körpers, ein Ensemble von Akten, die innerhalb eines äußerst rigiden regulierenden Rahmens wiederholt werden, dann mit der Zeit erstarren und so den Schein der Substanz bzw. eines natürlichen Schicksals des Seienden hervorbringen“ 25 . In diesem Sinne ist die Geschlechtsidentität kein angeborenes Merkmal eines jeden Menschen, sondern vielmehr eine kulturelle, scheinbar statische Markierung des Individuums. Sie formiert sich aus ständig sich wiederholenden Handlungen innerhalb eines normierten Rahmens:
22 Den Begriff ‘Diskurs’ werde ich im Foucaultschen Sinne verwenden, als „Menge von Aussagen, die einem gleichen Formationssystem zugehören“. Thomas Lemke, Eine Kritik der politischen Ver- nunft - Foucaults Analyse der modernen Gouvernementalität, Hamburg 1997, S.45. 23 Sielke, Why Gender Matters, S.6.
24 Butler, Unbehagen der Geschlechter, S.214.
25 Ebd., S.60.
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„For each person […] subjectivity is an ongoing construction, not a fixed point of departure or arrival from which one then interacts with the world. […] The process is continuous, its achievement unend- ing or daily renewed.“ 26
[Für jede Person […] ist Subjektivität eine fortlaufende Konstruktion, kein fester Punkt des Ausgan- ges oder der Ankunft, von welchem man mit der Welt in Beziehung tritt. […] Der Prozeß ist kontinu- ierlich, seine Ausführung unendlich oder täglich erneuert.]
Der Wiederholungscharakter der Identitätsprozesse ist nicht unbedingt entzifferbar, da gerade die scheinbare Statik und scheinbare Substanz konstitutiv ist für eine Ori- entierung im herrschenden Diskurs. 27 Die Geschlechtsidentität (gender) ist somit quasi eine kulturelle Interpretation des biologischen Geschlechts (sex):
„Überall gilt Männlichkeit als eine Eigenschaft, die sich nicht mit der geschlechtlichen Reife von selbst einstellt, sondern errungen werden muß - in harten Prüfungen und zumeist unter Qualen. Und stets kann es schiefgehen; denn weder durch den Penis noch durch besondere Hormone oder Gene wird der Mann zum Mann, sondern die Kultur allein führt die Regie im Drama der Männlichkeit; die Natur liefert lediglich die Requisiten.“ 28
Und Simone de Beauvoir bemerkt hierzu:
„Um ihn [den Jungen] auf seinem schwierigen Weg zu ermutigen, redet man ihm ein, stolz auf seine Männlichkeit zu sein. Dieser abstrakte Begriff hat für ihn eine konkrete Gestalt: er verkörpert sich im Penis. Der Knabe ist nicht etwa spontan stolz auf sein indolentes kleines Glied; dieses Gefühl wird ihm erst über die Haltung seiner Umgebung vermittelt.“ 29
Die Geschlechtsidentität ist folglich nicht expressiv sondern performativ 30 , durch die sich ständig wiederholenden performativen Akte entstehen „Realitätseffekte“, „die wir schließlich als ‘Tatsachen’ fehldeuten“ 31 . Judith Butler beschreibt die Ge-
26 Teresa de Lauretis, Alice doesn’t - Feminism, Semiotics, Cinema, Bloomington 1984, S.159.
27 Vgl. Butler, Körper von Gewicht, S.249.
28 Stefan Storz, „Das Ende der Zärtlichkeit“, in: Spiegel special, Der deutsche Mann, Nr.7 (1997),
S.130.
29 Beauvoir, S.338.
30 Judith Butler definiert eine ‘performative Äußerung’ in Anlehnung an die Sprechakttheorie als
„diejenige diskursive Praxis, die das vollzieht oder produziert, was sie benennt“. Butler, Körper von Gewicht, S.36.
31 Butler, Unbehagen der Geschlechter, S.172.
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schlechtsidentität als „ein Tun, wenn auch nicht das Tun eines Subjekts, von dem sich sagen ließe, daß es der Tat vorangeht“ 32 .
Weiterhin geht sie davon aus, daß es
„ kein Seiendes hinter dem Tun gibt, daß die ‘Täter’ also bloß eine Fiktion, die Tat dagegen alles ist. […] Hinter den Äußerungen der Geschlechtsidentität (gender) liegt keine geschlechtlich bestimmte Identität (gender identity). Vielmehr wird diese Identität gerade performativ durch diese ‘Äußerun- gen’ konstituiert, die angeblich ihr Resultat sind.“ 33
Die Äußerungen oder Akte sind die Performanzen jener Attribute, die kulturell als ‘männlich’ oder ‘weiblich’ definiert sind und die dann als ‘männliche’ oder ‘weibli- che’ Substanz konstruiert werden: „a performative understanding of gender as so- mething we do, rather than as something we are“ 34 [ein performatives Verständnis von Geschlecht als etwas, das wir tun, denn als etwas, was wir sind]. Nichtsdestotrotz wird aus den performativen Äußerungen eine scheinbar klar umris- sene, scheinbar mit Substanz gefüllte Figur von ‘Mann’ oder ‘Frau’ konstituiert. An dieser Stelle möchte ich auf das Eingangszitat aus ‘Alice im Wunderland’ verweisen, welches meiner Meinung nach als eine interessante Metapher zur ‘Sex-Gender- Theorie’ gelesen werden kann. Die Katze setzt sich schrittweise aus Attributen zu- sammen, die nacheinander in der Luft erscheinen. Alice verleiht der Erscheinung dadurch eine kulturell intelligible Bedeutung, daß sie von den freischwebenden, kul- turell als ‘Grinsekatze’ definierten Attributen auf eine Substanz schließt, die nicht vorhanden ist. Damit wird der konventionelle Prozeß, Attribute als Ausdruck einer Substanz zu deuten, umgekehrt: Es gibt keine Substanz, nur eine Erscheinung, die aufgrund der kulturellen Erfahrung interpretiert und als Substanz konstruiert wird. Die Materialisierung der Katze vollzieht sich also durch die Interpretation von ein- zelnen Attributen in der Imagination von Alice, indem sie den Attributen eine Sub- stanz zuweist.
Ausgehend von obigen Prämissen ist die Geschlechtsidentität also eine Repräsentati- on, eine Kumulation definierter und performativ vorgetragener Attribute. Damit ein- hergehend wird der biologische Körper mystifiziert, indem dieser als natürliche Ba- 32 Ebd., S.49.
33 Ebd.
34 Johannes von Moltke, „Camping in the Art Closet: The Politics of Camp and Nation in German Film“, in: New German Critique, Nr.63 (Herbst 1994), S.90.
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sis und Quelle der Geschlechtsidentität konstruiert wird: „It is the gender label that begins the process of elaboration and mysthification of the biological.“ 35 [Es ist die Geschlechterbezeichnung, die den Prozeß der Ausarbeitung und Mystifizierung des Biologischen auslöst.] Der mit einer Geschlechtsidentität versehene Körper (the gen- dered body) ist dementsprechend eine Figur, die kulturell erschaffen wird und natür- lich erscheint. In diesem Sinne ist „Geschlecht keine natürlich-biologische Entität und weniger bindend und binär denn performativ und ‘theatralisch’“ 36 . Bei der Konstruktion der Geschlechtsidentität stehen dennoch nicht alle Wege und Möglichkeiten beliebig offen. Butler grenzt diesbezüglich ein :
„Denn wenn ich argumentierte, daß die Geschlechtsidentitäten performativ sind, konnte das heißen, ich stellte mir das so vor, daß jemand morgens erwache, den Schrank [closet] oder einen etwas offe- neren Raum auf eine Geschlechtsidentität eigener Wahl hin durchsehe, dann diese Geschlechtsidenti- tät für den Tag anlege und die Einkleidung abends wieder an ihren Platz zurücklege. Ein derart ab- sichtsvoll und instrumentell vorgehendes Subjekt, das über seine soziale Geschlechtsidentität ent- scheidet, hat fraglos nicht von Anfang an seine soziale Geschlechtsidentität und versäumt, sich klar- zuwerden, daß seine Existenz schon längst von der sozialen Geschlechtsidentität entschieden ist.“ 37 [Kursiv im Original]
Die Geschlechtsidentität ist also weder völlig ungebunden, noch ist sie unabänderlich determiniert. Vielmehr wird der Körper in Identitätsprozessen, die sich in dem he- gemonialen kulturellen Rahmen vollziehen und sich an dessen Normen orientieren, hergerichtet und mit einer Geschlechtsidentität versehen. Während dieser Prozesse, die mehr als eine ritualisierte Produktion denn als vereinzelte Handlungen gedacht werden müssen 38 , werden Bedürfnisse und Wahrnehmungen des Körpers, die dem jeweils anderen Geschlecht zugeschrieben werden, vernachlässigt; andere, mit dem eigenen Geschlecht als deckungsgleich angesehene, werden gefördert und zur Identi- tät verdichtet. Ursula Scheu formuliert es folgendermaßen:
35 Mary Crawford und Roger Chaffin, The Reader’s Construction of Meaning - Cognitive Research on Gender and Comprehension, in: Gender and Reading - Essays on Readers, Texts, and Contexts, hg. Elizabeth A. Flynn und Patrocinio P. Schweickart, Baltimore 1986, S.13.
36 Sabine Sielke, Engendering the Body: Kostümierung, Camouflage und Cross-Dressing als femini- stische Praxis?, in: Gender Matters, a.a.O., S.74.
37 Butler, Körper von Gewicht, S.14.
38 Vgl. ebd., S.133.
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„Der Mensch wird nicht als fertige ‘Persönlichkeit’ geboren - weder als ‘weibliches’ Wesen noch als ‘männliches’ Wesen. Menschen entwickeln sich in ihrer Ontogenese (Individualentwicklung), d.h. im Prozeß der aktiven Auseinandersetzung mit ihrer gesellschaftlichen, geschlechts- und klassenspezifi- schen Umwelt durch die Aneignung der spezifischen gesellschaftlichen Bedingungen, indem sie mit diesen in Form von gesellschaftlichen Erfahrungen, die in Dingen und Handlungen vergegenständ- licht sind, konfrontiert werden.“ 39
1.3. ‘Kernidentität’ als kulturelles Konstrukt
In den vorangegangenen Kapiteln wird die Geschlechtsidentität als kulturelles Kon- strukt begriffen, welches sich durch unablässiges Zitieren kulturell definierter Attri- bute und durch das Stilisieren des Körpers konstituiert. Die Geschlechtsidentität als kulturell erworben zu denken und sie damit radikal zu entnaturalisieren, ist ein ele- mentares Neudenken des gewohnten Ursache-Wirkung-Prinzips:
“It is epistemologically intolerable to many people -including many literary and cultural critics- that the ground should be a figure. That gender exists only in representation.“ 40
[Es ist epistemologisch untragbar für viele Leute -inklusive vieler Literatur- und Kulturkritiker-, daß die Grundlage eine Figur sein soll. Daß Geschlecht nur in der Repräsentation existiert.]
Diese Sichtweise wirft die Frage auf, ob sich jenseits der konstruierten Geschlechts- identität eine natürliche und nicht kulturell geformte Männlichkeit oder Weiblichkeit verbirgt, die in den Prozeß der Identitätsbildung einfließt. Diese Frage soll im fol- genden diskutiert werden.
Eine Vielzahl an wissenschaftlichen Disziplinen hat in unterschiedlichen Diskursen versucht, ein vorkulturelles, außerhalb der empirisch meßbaren Realität liegendes Phänomen zu bestimmen, es als ‘Ich’, ‘Kernidentität’, ‘Selbst’, ‘Inneres eines Sub- jekts / Individuums’ bezeichnet und mit Theoriegebäuden untermauert. Auch Simone de Beauvoir geht davon aus, daß es eine ‘Immanenz der Frau’, eine ‘Essenz der Existenz’ gibt, welche allerdings so eng mit der kulturellen Konstruktion der Identität, den Äußerungen und dem konkreten Handeln, verwoben ist, daß eine losgelöste Bestimmung nicht möglich ist:
39 Ursula Scheu, Wir werden nicht als Mädchen geboren - wir werden dazu gemacht, Frankfurt a.M. 1977, S.41.
40 Marjorie Garber, Vested Interests - Cross-Dressing and Cultural Anxiety, New York 1992, S.374.
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„Ein Existierendes ist nichts anderes, als das, was es tut: das Mögliche geht nicht über das Wirkliche hinaus, die Essenz geht der Existenz nicht voraus, in seiner reinen Subjektivität ist der Mensch nichts.“ 41
Dennoch setzt die ‘Immanenz eines Individuums’ die Geschlechtsidentität permanent nach außen in Szene und wird letztendlich die Geschlechtsidentität, ohne daß Beau- voir die ‘Essenz der Existenz’ mit der kulturellen Konstruktion gänzlich gleichsetzt; beide sind nie ganz miteinander identifizierbar.
Butler geht in dieser Frage einen provokanten Schritt weiter. Sie nimmt an, daß es kein ‘Ich’ gibt, welches vor der Bezeichnung existiert, sondern sieht es als imaginier- te Kategorie der Diskurse an:
„In die repetitiven Praktiken dieses Bezeichnungsfeldes einzutreten, ist keine Wahl, weil das ‘Ich’, das hier angeblich eintritt, immer schon drinnen ist: Es gibt keine mögliche Tätigkeit oder Realität außerhalb der diskursiven Verfahren, die diesen Termini ihre Intelligibilität verleiht.“ 42
Es herrscht die paradoxe Situation, daß mit dem kulturellen Bezeichnungsmuster etwas angeblich Existierendes erfaßt werden soll, was aber nur möglich ist, indem es imaginiert wird, da es „keinen Ort vor der Sprache [gibt], der zugänglich und einhol- bar wäre“ 43 . Somit wird das ‘Ich’ als ‘Kernidentität’ erst in einem Bezeichnungspro- zeß produziert und etabliert. Das Bezeichnungssystem konstruiert ein Phänomen, welches angeblich nur beschrieben wird und seine Legitimität daraus zieht, daß es einfach als vorgängig vorausgesetzt wird:
„Die Bedingungen, die die Behauptung des ‘Ich’ ermöglichen, werden durch die Struktur der Be- zeichnung bereitgestellt, d.h. durch die Regeln, die die legitime bzw. illegitime Berufung auf dieses Pronomen regulieren, oder durch die Verfahren, die die Intelligibilitätsnormen errichten, die die Zir- kulation dieses Pronomens ermöglichen.“ 44 41 Beauvoir, S.323.
42 Butler, Unbehagen der Geschlechter, S.217.
43 Jacqueline Rose, zit. nach ebd., S.90.
44 Butler, Unbehagen der Geschlechter, S.211.
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Butler wendet sich gegen die Idee eines „globalen und globalisierenden Subjekts, das sowohl seine eigene Verortung als auch die Bedingungen für eine lokale Intervention verschleiert“ 45 . Demnach sind das ‘Ich’ als ‘Kernidentität’ und eine ‘ursprüngliche Geschlechtsidentität’ Konstrukte:
„[Die] Akte, Gesten und Begehren erzeugen den Effekt eines inneren Kerns oder einer inneren Sub- stanz; doch erzeugen sie ihn auf der Oberfläche des Körpers, und zwar durch das Spiel der bezeich- nenden Abwesenheiten, die zwar auf das organisierende Identitätsprinzip hinweisen, aber es niemals enthüllen. Diese im allgemeinen konstruierte Akte, Gesten und Inszenierungen erweisen sich insofern als performativ, als das Wesen oder die Identität, die sie angeblich zum Ausdruck bringen, vielmehr durch leibliche Zeichen und andere diskursive Mittel hergestellte und aufrechterhaltene Fabrikationen / Erfindungen sind. [...] Wenn diese Realität als inneres Wesen fabriziert / erfunden (fabricated) ist, erweist sich gerade die Innerlichkeit als Effekt und Funktion eines entschieden öffentlichen, gesell- schaftlichen Diskurses bzw. der öffentlichen Regulierung der Phantasie durch die Oberflächenpolitik des Körpers oder der Grenzkontrolle der Geschlechtsidentität, die das Innen vom Außen differenziert und so die Integrität des Subjekts stiftet.“ 46
Der Gedanke einer Identität als Kern eines Subjekts erweist sich in diesem Sinne als konstruiert. Es wird auf eine Bezeichnungspraxis zurückgegriffen, welche das ‘Ich’ als vordiskursiv voraussetzt, so daß es gar nicht mehr in Frage gestellt werden kann. Eine ‘Kernidentität’ ist insofern ein kulturell erzeugtes, raffiniertes mythisches Kon- strukt, eine ‘imaginäre’ Formation 47 , die nur dadurch als logische Gegebenheit exis- tieren kann, daß sie als Prämisse konstruiert und naturalisiert ist. Butler sieht solche Konstrukte als „künstliche, philosophische Mittel, die [die] Prinzipien Einfachheit, Ordnung und Identität wirkungsvoll […] instituieren“ 48 .
Die poststrukturalistische Denkweise geht aber davon aus, „daß Wirklichkeit vor- nehmlich diskursiv, d.h. durch sprachliche und bildliche Repräsentationen vermittelt wird“ 49 . In diesem Rahmen ist es dann unerheblich, eine Grenze zwischen einem kulturellen Konstrukt und einer Kernidentität zu ziehen; es erweist sich beides letzt- endlich als Ergebnis des hegemonialen Diskurses und in diesem Sinne konstruiert: 45 Ebd., S.217.
46 Ebd., S.200.
47 Vgl. Monique Wittig, „One is not Born a Woman“, in: Feminist Issues, Nr.2 (Winter 1981), S.48. 48 Butler, Unbehagen der Geschlechter, S.43.
49 Sielke, Why Gender Matters, S.8.
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„Der Leser mag sich nun fragen, wie ich Weiblichkeit definiere und wo ich die Grenze zwischen echter Weiblichkeit und der ‘Maskerade’ ziehe. Ich behaupte gar nicht, daß es diesen Unterschied gibt; ob natürlich oder aufgesetzt, eigentlich handelt es sich um ein und dasselbe.“ 50
Oder in den Worten von Jacqueline Rose:
„Und es gibt keine Weiblichkeit außerhalb der Sprache.“ 51
1.3.1 ‘Identität’ als normatives Ideal
Aus dem Standpunkt, daß Phänomene wie die ‘innere Substanz’ oder der ‘innere Kern’ eines Individuums Projektionen eines organisierenden Identitätsprinzips sind, ergeben sich notwendigerweise auch Konsequenzen für die Definition von ‘Identität’ und ‘Subjekt’.
Der Begriff ‘Identität’ wird im konventionellen Sinne verstanden als der kontinuier- liche, selbstidentische Status einer Person, eine Wesensgleichheit, die sich aus inhä- renten und kohärenzstiftenden Merkmalen der Person ergibt. Die Frage der post- strukturalistischen Sichtweise auf ‘Identität’ ist dagegen nicht die Frage nach dem inneren Merkmal, welches die Identität stiftet, sondern die Frage, inwieweit kulturel- le „Regulierungsverfahren“ 52 Identität konstituieren. ‘Identität’ ist nach diesem Ver- ständnis kein deskriptives Merkmal der Erfahrung, sondern ein normatives Ideal, welches dem Individuum durch ständige Prozesse der Aneignung Kohärenz verleiht:
„’Kohärenz’ und ‘Kontinuität’ der ‘Person’ sind keine logischen oder analytischen Merkmale der Persönlichkeit, sondern eher gesellschaftlich instituierte und aufrechterhaltene Normen der Intelligibi- lität.“ 53
Aus dieser Definition von ‘Identität’ ergibt sich, daß die Kohärenz und Kontinuität einer Person mehr flexible und dynamische als starre Merkmale sind. Identität wird je nach gesellschaftlicher Konstellation ausgebildet und eingesetzt. Identität ist nicht mehr eine „zuvor errichtete Position oder eine einheitliche Entität, sondern […] Teil 50 Joan Riviere, Weiblichkeit als Maskerade, in: Weiblichkeit als Maskerade, hg. Liliane Weissberg , Frankfurt a.M. 1994, S.38f.
51 Rose, zit. nach Butler, Unbehagen der Geschlechter, S.90.
52 Butler, Unbehagen der Geschlechter, S.38.
53 Ebd.
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einer dynamischen Landkarte der Macht, in der Identitäten gebildet und/oder ausge- löscht, eingesetzt und/oder lahmgelegt werden“ 54 . Machtwirkungen und Individuen stehen dabei nicht in einem antagonistischen Verhältnis, sondern gesellschaftliche Macht entfaltet sich in dem Prozeß der aktiven Aneignung und Reproduktion:
„The consequences of this are to conceptualize power as highly dispersed rather than concentrated in identifiable places or groups.“ 55
[Die Konsequenzen daraus sind, Macht eher als hochgradig verstreut denn als in identifizierbaren Orten oder Gruppen konzentriert zu konzipieren.]
Diese Sichtweise verändert die Definition des ‘Subjekts’ als erkennendes und han- delndes ‘Ich’: „das Subjekt als eine mit sich selbst identische Entität gibt es […] nicht mehr“ 56 . Der Ausgangspunkt ist keine konstitutive Subjektivität, sondern es sind Machtwirkungen, die Subjekte als Subjekte konstituieren. Oder anders formu- liert: Das Subjekt wird nicht durch etwas ihm Inhärentem konstituiert, sondern viel- mehr durch vielfältige Macht- und Regulierungsverfahren in Prozessen der Identi- tätsbildung und Selbstkonstitution hervorgebracht 57 . Jackie Stacey faßt dieses Sub- jektverständnis wie folgt zusammen:
„The term ‘subject’ is used widely to indicate that our sense of self is a construction and that we are positioned by sets of ideas and practices, or discourses: the subject here is seen as an ‘effect of lan- guage’, as ‘positioned by discourse’.“ 58
[Der Begriff ‘Subjekt’ wird benutzt um darauf hinzuweisen, daß unsere Wahrnehmung als Selbst eine Konstruktion ist und daß wir durch eine Ansammlung von Vorstellungen und Praktiken, oder Diskur-
54 Butler, Körper von Gewicht, S.161. Zu dieser Definition von ‘Identität’ vgl. auch Butler, Unbeha-
gen der Geschlechter, S.37ff.
55 Sylvia Walby, zit. nach Ann Brooks, Postfeminisms: Feminism, Cultural Theory and Cultural
Forms, New York 1997, S.6.
56 Butler, Körper von Gewicht, S.303.
57 Zu diesem Subjektverständnis vgl. u.a. Michel Foucault, Überwachen und Strafen - Die Geburt des
Gefängnisses, Frankfurt a.M. 1976, S.39ff, und Judith Butler, The Psychic Life of Power - Theories in Subjection, Stanford 1997, S.1-30 und S.83-105, und Ebd., Subjects of Desire - Hegelian Reflecti- ons in Twentieth-Century France, New York 1987, S.175ff.
58 Jackie Stacey, Feminist Theory: Capital F, Capital T, in: Introducing Women’s Studies, hg. Victoria
Robinson und Diane Richardson, New York 1997, S.55.
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se, positioniert werden: das Subjekt wird hier als ein ‘Effekt von Sprache’, als ‘vom Diskurs positio- niert’ gesehen.]
1.4. Revision des biologischen Geschlechts
Die gegenwärtige Diskussion des ‘Sex-Gender-Modells’ dreht sich um die Bedeu- tung, die dem Körper in den Prozessen der Identitätsbildung zukommt. Bisher wurde das biologische Geschlecht als natürliche Gegebenheit, die in den kulturellen Diskurs eingebracht wird, begriffen. Die These war, daß das biologische Geschlecht an sich erst einmal keine kulturelle Bedeutung in sich trägt, sondern dem Körper eine ge- schlechtliche Bedeutung durch den herrschenden kulturellen Diskurs verliehen wird. Diese Vorstellung wird zunehmend kritisiert. Ein Kritikpunkt ist, daß die begriffliche Gegenüberstellung von biologischem Geschlecht (sex) versus kultureller Ge- schlechtsidentität (gender) auch von quasi ‘natürlichen Selbstverständlichkeiten’ ausgeht und so Herrschaftsverhältnisse naturalisiert. 59 Einen wichtigen Beitrag zu dieser Diskussion leistet Judith Butler mit ihrer Publika- tion „Körper von Gewicht“. Sie unternimmt den streitbaren Versuch, die Kluft zwi- schen biologischem Geschlecht und der kulturell erworbenen Geschlechtsidentität zu schließen, indem sie auch das biologische Geschlecht entnaturalisiert. Sie beschreibt das biologische Geschlecht als etwas, was immer schon, wenn es gedacht, wahrge- nommen oder von ihm gesprochen wird, kulturell strukturiert ist, d.h. mit Bedeutung gefüllt ist. Einem Körper, von dem als biologisch männlich oder biologisch weiblich gesprochen wird, werden immer schon Zuschreibungen zugedacht, die kulturellen Ursprungs sind. Sie versteht Geschlecht somit als einen „Effekt diskursiver Praktiken und Machtstrukturen, die den vermeintlich natürlichen Körper nicht überformen, sondern diesen Körper - über Konzeptionen von Natur und Natürlichkeit beispiels- weise - überhaupt erst erschaffen“ 60 . Sie geht von „kulturellen und kulturspezifischen Strukturen [aus], die die Transformation des biologischen Geschlechts in Geschlech- teridentität steuern, gleichzeitig aber auch auf unsere Wahrnehmung des geschlecht- lichen Körpers zurückwirken“ 61 . Eine der Kultur vorgängige Materialität zu erfassen, 59 Vgl. Regine Gildemeister und Angelika Wetterer, Wie Geschlechter gemacht werden - Die soziale Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit und ihre Reifizierung in der Frauenforschung, in: Traditio- nen-Brüche, hg. Gudrun-Axeli Knapp und Angelika Wetterer, Freiburg i.Br. 1992, S.201ff. 60 Sielke, Why Gender Matters, S.10.
61 Ebd., S.11.
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ohne dabei schon in kulturellen Termini zu denken, beschreibt sie als unmöglich. Butler begreift den biologischen Körper als etwas, was immer schon nach kulturellen Geschlechtern differenziert vorgefunden wird; sie bestreitet, daß Körper unabhängig von der regulierenden Norm gedacht werden können:
„Die Unbestreitbarkeit des ‘biologischen Geschlechts’ oder seiner ‘Materialität’ ‘einzuräumen’ heißt stets, daß man irgendeine Version des ‘biologischen Geschlechts’, irgendeine Ausformung von ‘Ma- terialität’ anerkennt. Ist nicht der Diskurs, in dem und durch den dieses Zugeständnis erfolgt - und zu diesem Zugeständnis kommt es ja unweigerlich - selbst formierend für genau das Phänomen, das er einräumt?“ 62
Es gibt also keine Bezugnahme auf einen Körper, der nicht zugleich eine kulturelle Formierung dieses Körpers wäre. Die strikte Trennung zwischen biologischem Ge- schlecht und Geschlechtsidentität und damit die Trennung zwischen Natur und Kul- tur weist sie zurück, indem sie behauptet, daß die Natur immer auch eine soziale Ge- schichte hat. 63 Butler kommt zu dem Schluß, daß Materialität und Bezeichnung, also der ‘biologische Körper’ und wie er gedacht und in Sprache gefaßt wird, niemals „vollkommen identisch noch vollkommen verschieden“ 64 sind. Trotzdem wendet sie sich gegen eine völlige Negierung der Materialität des Körpers, wenn sie sagt, daß die „theoretischen Optionen“ sich nicht darin erschöpfen,
„einerseits Materialität vorauszusetzen und andererseits Materialität zu negieren. Ich möchte weder das eine noch das andere tun. Eine Voraussetzung in Frage zu stellen, ist nicht das gleiche wie sie abzuschaffen; vielmehr bedeutet es, sie von ihren metaphysischen Behausungen zu befreien, damit verständlich wird, welche politischen Interessen in und durch diese metaphysischen Plazierungen abgesichert wurden.“ 65 62 Butler, Körper von Gewicht, S.33.
63 Vgl. ebd., S.24f.
64 Ebd., S.100.
65 Ebd., S.54.
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1.5. Der kulturelle Rahmen der Identitätsbildung
Die Konstruktion von Geschlechtsidentität vollzieht sich in einem rigiden, kulturel- len Rahmen. Dieser ist „universelles Organisationsprinzip der Kultur als solcher“ 66 und stellt Strukturen bereit, durch die Grenzen gezogen, Tabus errichtet und erlaubte und verbotene Felder aufgezeigt werden können:
„Die Vorstellungen vom Trennen, Reinigen, Abgrenzen und Bestrafen [haben] vor allem die Funkti- on, eine ihrem Wesen nach ungeordnete Erfahrung zu systematisieren. Nur dadurch, daß man den Unterschied zwischen Innen und Außen, Oben und Unten, Männlich und Weiblich, Dafür und Dage- gen scharf pointiert, kann ein Anschein von Ordnung geschaffen werden.“ 67
Im folgenden soll der hegemoniale kulturelle Rahmen näher bestimmt werden. Dabei möchte ich das Patriarchat und die Zwangsheterosexualität als kulturelle Ordnungs- prinzipien skizzieren, die Familie als ‘Produktionsapparat’ beschreiben und Kleidung als kulturelle Konvention der Geschlechterdifferenz darstellen.
1.5.1. Der patriarchalische Aspekt
Simone de Beauvoir zeichnete in den 50er Jahren ein Bild der patriarchalischen Ge- sellschaft, in der es in allen gesellschaftlichen Bereichen eine klare Hierarchie und männliche Hegemonie gab 68 : Der Mann stellt in der Gesellschaft das Absolute dar und verfügt über Macht, die Frau wird immer in Bezug auf den Mann determiniert und als das Andere, das Machtlose und Passive, definiert.
Unter dem Einfluß der Frauenbewegung traten in den 60er und 70er Jahren epochale Veränderungen ein, die heute das Beauvoirsche Bild des Patriarchats differenzieren. Auf der einen Seite gibt es die rechtliche Gleichstellung, den Frauen wurde der Zu- gang zur Bildung ermöglicht und die rigiden Normen in der Sexualität lockerten sich. 69 Auf der anderen Seite gibt es neben der benachteiligenden Schieflage auf dem 66 Butler, Unbehagen der Geschlechter, S.123.
67 Mary Douglas, Reinheit und Gefährdung, Frankfurt a.M. 1988, S.15f.
68 Zum Folgenden vgl. Beauvoir, S.12ff.
69 Zum Folgenden vgl. Ulrich Beck, Freiheit oder Liebe - Vom Ohne-, Mit- und Gegeneinander der Geschlechter innerhalb und außerhalb der Familie, in: Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim, Das ganz normale Chaos der Liebe, Frankfurt a.M. 1990, S.23f.
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Arbeitsmarkt und in der sozialen Sicherung auch eine „Rhetorik der Gleichheit“, ohne den „Worten Taten folgen zu lassen“ 70 :
„Die in den siebziger Jahren geforderte (und geförderte) Integration der Frau in den Beruf folgt un- gebrochen der ‘geschlechtsständischen Gesetzmäßigkeit’ der umgekehrten Hierarchie: Je zentraler ein Bereich für die Gesellschaft (definiert) ist, je mächtiger eine Gruppe, desto weniger sind Frauen vertreten; und umgekehrt: als je randständiger ein Aufgabenbereich gilt, je weniger einflußreich eine Gruppe, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß Frauen sich in diesen Feldern Beschäftigungs- möglichkeiten erobert haben.“ 71 [Kursiv im Original]
Die traditionellen Rollenzuweisungen für Männer und Frauen büßen heutzutage an Kraft ein; was früher selbstverständlich und „stumm vollzogen wurde, muß nun be- redet, begründet, verhandelt, vereinbart und kann gerade deswegen immer wieder aufgekündigt werden. Alles wird ‘diskursiv’“ 72 . Die sich wandelnde Stellung der Frau in der Gesellschaft wurde laut Beck durch die gesellschaftlichen Umwälzungen der letzten Jahrzehnte möglich:
„In allem - demographische Freisetzung, Dequalifizierung der Hausarbeit, Empfängnisverhütung, Scheidungsrecht, Bildungs- und Berufsbeteiligung - drückt sich zusammengenommen der Grad der Freisetzung der Frauen aus den Vorgaben ihres modernen, weiblichen Ständeschicksals aus, die nicht mehr revidierbar ist.“ 73
Das heutige Bild der Geschlechterordnung ist gespalten: Einerseits gibt es zuneh- mende Partizipation und Emanzipation der Frauen und eine Auflösung der traditio- nellen Rolle, andererseits ist das von Beauvoir entworfenen Bild des Patriarchats als kulturelle Wurzel in Teilen immer noch intakt. Eine nach Geschlechtern differenzie- rende Gesellschaftsordnung benötigt in jedem Fall die eindeutig voneinander abge- grenzten, gegensätzlichen Kategorien und Identitäten ‘Mann’ und ‘Frau’ als diffe- renzierende Ordnungsprinzipien, um gesellschaftliche Rollen zu definieren, den In- dividuen einen entsprechenden Platz im Gesellschaftssystem zuweisen zu können und 70 Ebd., S.24.
71 Ebd., S.28.
72 Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim, Einleitung: Riskante Chancen - Gesellschaftliche Individualisierung und soziale Lebens- und Liebesformen, in: Das ganz normale Chaos der Liebe, a.a.O., S.15.
73 Beck, Freiheit oder Liebe, S.45f.
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das System zu erhalten und zu reproduzieren. Beck bemerkt hierzu:
„Die vorgegebenen Geschlechtsrollen sind Basis der Industriegesellschaft und nicht etwa ein traditio- nales Relikt, auf das zu verzichten ein leichtes wäre. Ohne Trennung von Frauen- und Männerrolle keine traditionale Kleinfamilie. Ohne Kleinfamilie keine Industriegesellschaft in ihrer Schematik von Arbeit und Leben. […] Die Industriegesellschaft ist insofern auf die ungleichen Lagen von Männern und Frauen angewiesen.“ 74 [Kursiv im Original]
Binäre Geschlechtsidentitäten sind somit gleichzeitig Effekt und Voraussetzung der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung, die sich durch das Hervorbringen von ‘Männern’ und ‘Frauen’ reproduziert und stabilisiert.
1.5.2. Der zwangsheterosexuelle Aspekt
Die Beziehung der binären Geschlechtsidentitäten zueinander ist durch die ‘hetero- sexuelle Aktivität’ definiert 75 . Neben dem Ziel der Fortpflanzung, die die Reproduk- tion und den Erhalt des Systems durch Nachkommen garantiert 76 , positioniert das heterosexuelle Prinzip die Körper präzise zueinander. Körper und Sexualität können im Sinne des Erhalts und der Kontinuität der binären Geschlechterordnung reguliert und kontrolliert werden. Die körperlichen Lüste und Begehren werden griffig inter- pretierbar; die „Vielfalt disparater, unverbundener Sexualfunktionen [wird] verstellt und künstlich vereinheitlicht“ 77 . Diese Einheit und Eindeutigkeit ist nur möglich, indem andere Formen des Begehrens ausgeschlossen werden. Heterosexualität wird mit Rückgriff auf einen Naturbegriff als einzige Form des Begehrens legitimiert, institutionalisiert und als „die selbstverständliche natürliche Ordnung der Dinge“ 78 konstruiert. Monique Wittig und Judith Butler sprechen in diesem Zusammenhang von dem ‘heterosexuellen Vertrag’ 79 . Adrienne Rich bezeichnet es als ‘Zwangshete- 74 Ebd., S.36.
75 Vgl. Beauvoir, S.31.
76 Ich beziehe mich hier auf Butler, die die Reproduktion der Gattung als Reproduktion von Repro- duktionsverhältnissen versteht. Vgl. Butler, Körper von Gewicht, S.223.
77 Butler, Unbehagen der Geschlechter, S.143.
78 Tim Carrigan et. al., Ansätze zu einer neuen Soziologie der Männlichkeit, in: Kritische Männerfor- schung - Neue Ansätze in der Geschlechtertheorie, hg. BauSteineMänner, Berlin 1996, S.55. 79 Vgl. Wittig, „One is not Born a Woman“, S.53 und Butler, Unbehagen der Geschlechter, S.219f.
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