Linkspresse stützt und fördert ihre Lieblinge skrupellos und verhält sich bewußt vernichtend allem gegenüber, was Deutsch und noch potent ist.“ 2
Dieses Bewußtsein Pfitzners als kämpfender Künstler in den Wirren seiner Zeit soll im Folgenden zum Anla ß genommen werden, schlaglichtartig das ideologisch-politische Verhalten des Komponisten während des „Dritten Reiches“ zu beleuchten.
2 Vorbemerkungen zu Pfitzners biographischer Situation
Nach den Ausführungen des in diesem Band an anderem Ort nachzulesenden Artikels von Prof. Dr. Jens Malte Fischer ist es hier nicht mehr notwendig, Pfitzners Weltsicht zu Beginn des NS-Regimes in Deutschland zu umreißen, wohl aber, eine kurze Bestandsaufnahme seiner Lebensumstände im März 1933 vorzunehmen. Dabei ist die politische Situation jener Jahre bekannt: Am 30.1.1933 wurde Adolf Hitler von Paul von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt, die NSDAP als Folge des Reichstagsbrandes am 23.3.1933 durch das Ermächtigungsgesetz zur bestimmenden politischen Macht in Deutschland. Wer von nun an in Deutschland leben und arbeiten wollte, mußte mit dieser Partei und ihren politischen Zielen rechnen.
Hans Pfitzner war damals 63 Jahre alt und war 1929 „auf Lebenszeit“ an die Akademie der Tonkunst nach München berufen worden. Er wohnte im eigenen Haus in Schondorf am Ammersee, hatte nach dem Tod seiner ersten Frau 1926 eine wenig glückliche Beziehung mit seiner Kompositionsschülerin Lilo Martin begonnen und war als Dirigent, Solist, Begleiter oder auch Regisseur seiner Werke viel auf Reisen. Sein Familienverbund befand sich in Auflösung: Mit dem Bruder hatte er schon lange gebrochen, sein schwerkranker Sohn Paul war in einer psychiatrischen Klinik in München untergebracht, die anderen beiden noch lebenden Kinder befanden sich im Prozeß der Berufsfindung, der viele Komplikationen mit sich brachte. Agnes (damals 24 Jahre) hatte in jener Zeit das von ihrem Vater mißtrauisch beäugte Violinstudium aufgegeben und begonnen, sich der Medizin zuzuwenden. Der Sohn Peter (26) hatte nach einer abgebrochenen kaufmännischen Lehre, einer Episode als Schiffsjunge, zeitweiligen Germanistik- und Jura-Studien und der Tätigkeit als u.a. Bayreuther Regieassistent gerade auf den dringenden Wunsch des Vaters sein juristisches Studium wieder aufgenommen und war Rechtsreferendar in München. Das Leben Hans
2 Brief Hans Pfitzner an Tim Klein vom 30.4.1932, Österreichische Nationalbibliothek Wien.
Pfitzners war von privater Unzufriedenheit, mangelnder Geborgenheit, wohl aber auch von unstetem Reisen und Einsamkeit gezeichnet.
3 Pfitzners Wirken zur Zeit des Nationalsozialismus
Was Pfitzners Wirken betrifft, waren aber die stärksten Pflöcke längst in den Boden gerammt: Pfitzners Alterswerk wird meist 3 bereits mit dem op. 37 des 57-Jährigen angesetzt, dem Orchesterlied Lethe (1926). Als op. 38 folgt dann als Markstein des Spätwerkes das Dunkle Reich (1929/30). In den Jahren des Nationalsozialismus war Pfitzners Produktivität erschlafft, sein Schaffen wuchs nach dem 1932 entstandenen op. 36a (das sich auf sein früheres Werk, das Streichquartett op. 36 bezieht und daher die Kontin uität der Opuszahlen bricht) noch bis op. 57. Hinter diesen 16 Ziffern verbergen sich aber nicht mehr die großen oder gar abendfüllenden Werke, sondern es war schon seit ca. 1935 überwiegend Klavier- oder Kammermusik sowie Liedschaffen, die dem „Meister der Inspiration“ zufiel en. Im Werkverzeichnis finden sich für die Jahre zwischen 1933 und 1945: − Das Konzert für Violoncello und Orchester G-Dur, op. 42 − Das Duo für Violine und Violoncello mit kleinem Orchester oder Klavier, op. 43 − Kleine Symphonie G-Dur, op. 44 − Elegie und Reigen für Orchester, op. 45 − Symphonie C-Dur, op. 46 − 5 Klavierstücke, op. 47
− fons salutifer, op. 48 (Nach Text von Erich Guido Kolbenheyer) − 2 Männerchöre, op. 49 nach Gedichten von Franck und Uhland − Streichquartett c-moll, op. 50 − 6 Studie n für Pianoforte, op. 51 − Konzert für Violoncello und Orchester a-moll, op. 52 − 3 Gesänge für Männerchor und kleines Orchester, op. 53 (Nach Text von Werner Hundertmark)
− Krakauer Begrüßung für Orchester, op. 54
− Sextett für Klavier, Violine, Viola, Violoncello, Kontrabaß und Klarinette, op. 55
3 So beispielsweise von Wilhelm Mohr, Hans Pfitzners Sextett Opus 55 in: Mitteilungen der Hans Pfitzner-Gesellschaft, Heft 7, Oktober 1960, S. 2-12. Pfitzner selbst setzte es allerdings bei op. 43 an. Vgl. dazu den Brief Hans Pfitzners an Felix Wolfes vom 11.7.1946, veröffentlicht in Bernhard Adamy (Hrsg.) Hans Pfitzner Briefe, Tutzing, 1991, Nr. 936, S. 1006.
Zu Pfitzners Altersschaffen bemerkt Reinhard Ermen:
„[Pfitzner] hört nach der Komposition des ‚Hauptwerks‘ nicht auf zu produzieren, und doch setzt er mit dem ‚Palestrina‘ den ‚letzten Stein‘. Pfitzner widmet sich der Reproduktion, weil er erkennt, daß eine Gattung, die nicht mehr stark genug ist, sich schaffend zu regenerieren, auf die Pflege besonders angewiesen ist.“ 4
Über diesen Standpunkt ließe sich trefflich streiten - scheinen doch die Schaffung von Neuem und die Pflege von Bewährte m in den meisten Künstlerbiografien Hand in Hand zu gehen. Im Zusammenhang mit dem hier zugrunde gelegten Themenkreis der Politik und Ideologie bei Hans Pfitzner lassen nur drei Werke aus dem schmalen Verzeichnis jener Jahre aufhorchen: Das Lob der Karlsbader Wasser, fons salutifer, fällt durch seinen umstrittenen - weil für antisemitische und nationalistische Tendenzen bekannten - Textdichter Kolbenheyer auf. Die beiden anderen Werke, die Indizien für eine politische Dimension belegen könnten, stammen aus dem Jahr 1944: Die Drei Gesänge für Männerchor mit Begleitung eines kleinen Orchesters, op. 53 sowie die Krakauer Begrüßung, op. 54.
3.1 fons salutifer, op. 48 - ein Werk im Geiste des Nationalsozialismus?
Erwin Guido Kolbenheyer (1878-1962) - heute fast vergessen - spielte in der Literaturszene des Nationalsozialismus keine unwichtige Rolle. Der Autor von historisierenden Romanen (Amor Dei, Paracelsus-Trilogie) brachte es unter den Nationalsozialisten zum Senator der Dichterakademie innerhalb der Preußischen Akademie der Künste und galt - dank seiner der NS-Ideologie nahe stehenden Weltsicht - als einer der großen alten Herren des Literatur betriebes. So wurde er im „Dritten Reich“ für sein Werk hochkarätig dekoriert 5 , nach
Kriegsende stufte ihn die Spruchkammer zunächst als belastet, schließlich als Mitläufer ein. Er wurde zu Sonderarbeit und dem Einzug der Hälfte seines Vermögens verurteilt, von 1945-50 hatte er Schreibverbot.
Kolbenheyers Familie stammte mütterlicherseits aus Karlsbad, und er war dort aufgewachsen. Der Dichter würdigte die Stadt seiner Jugend mit der Karlsbader Novelle und dem Hymnus
4 Reinhard Ermen, Musik als Einfall. Hans Pfitzners Position im ästhetischen Diskurs nach Wagner, Aachen
1986, S. 148f.
5 1937 Goethepreis der Stadt Frankfurt; 1938 Adlerschild des Dt. Reiches; 1941 Kant-Plakette der Stadt Königsberg; 1944 Grillparzer-Preis der Stadt Wien; usw.
Fons Carolinus; beide erschienen erstmals 1929 im Sammelband Kämpfender Quell. 6 Die letzte Strophe des sechsteiligen Hymnus wurde von Pfitzner für seine Auftragskomposition vertont.
Bisher unbekannt war übrigens ein früher persönlicher Kontakt zwischen Pfitzner und Kolbenheyer, den ein in der Österreichischen Nationalbibliothek vorliegender Brief des Schriftstellers an den Komponisten aus dem Jahr 1928 belegt. Dort bedankt sich Kolbenheyer bei Pfitzner „für die freundliche Entgegennahme meines ‚Breviers‘“ und bezieht sich auf eine Rede Pfitzners, die er gehört hatte. Kolbenheyer schreibt weiter, daß er seit dem politischen Zusammenbruch versuche, „gegen die Verlotterung der Kunst“ anzugehen und prophezeit: „Wir stehen an einer Wende. Das deutsche Volk, mag auch der Himmel trüb sein, wird sich finden, seine Kunst mit ihm.“ 7 Weitere biographische Berührungspunkte zwischen den beiden Künstlern, die in ihrer Geisteshaltung sicher Ähnlichkeiten aufweisen, persönliche Begegnungen oder eine Antwort Pfitzners auf den Brief sind leider nicht bekannt. Fons salutifer, ein kurzes, ca. fünf Minuten dauerndes Werk für gemischten Chor, Orchester und Orgel wurde 1942 anlä ßlich einer Brunnenweihe in Karlsbad uraufgeführt und der Chorgesang, der nach einer langen Orchestereinleitung erklingt, könnte in Verbindung mit dem heilenden Kur-Wasser harmloser nicht sein:
„Sprudel urgeschöpfter Kräfte,
Deine Quelle Gießt in matte Lebenssäfte Eine Welle Sprühender Befeuerung!“
Kein Zeitbezug und keine irgendwie geartete regimenahe Färbung lassen sich diesem Text Kolbenheyers nachweisen, wenn auch die Stadt Karlsbad nicht unglücklich gewesen sein wird, mit Pfitzner und Kolbenheyer zwei Künstler durch eine Uraufführung zu würdigen, die den politischen Tendenzen jener Zeit nahe standen.
6 Die Fassung letzter Hand findet sich in der 17-bändigen Gesamtausgabe der Werke, Abteilung 1, Band 8: Erwin Guido Kolbenheyer, Lyrik , Gartenberg bei Wolfratshausen, 1961.
7 Brief Erwin Guido Kolbenheyer an Hans Pfitzner vom 11.11.1928, Österreichische Nationalbibliothek Wien.
Arbeit zitieren:
Dr. Sabine Busch-Frank, 2003, 'Den alten Heroismus treu bewahren' - Anmerkungen zu Pfitzners politischer und ideologischer Weltsicht in den Jahren 1933-1945, München, GRIN Verlag GmbH
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