Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 1
2 Fachliche Grundlagen 5
2.1 Allgemeine Definitionen 5
2.1.1 Brennstoffe 5
2.1.2 Energie 5
2.1.3 Verbrennung 6
2.2 Stoffeigenschaften 7
2.2.1 Die drei Aggregatzustände 7
2.2.2 Der Schmelz- und Siedepunkt von Wasser 8
2.3 Energieumsatz bei chemischen Reaktionen 9
2.3.1 Aktivierungsenergie 10
2.3.2 Reaktionsenthalpie (Reaktionsenergie) 10
2.3.3 Exotherme und endotherme chemische Reaktionen 11
2.4 Die Verbrennung - eine chemische Reaktion 13
2.4.1 Die Verbrennung von Kohle 13
2.4.2 Die Verbrennung von Benzin 14
2.4.3 Verbrennung von Eisenwolle 17
3 Erkenntnistheoretische Grundlagen 20
3.1 Die Kognitive Entwicklung nach PIAGET 21
3.2 Die Conceptual Change Theorie 24
3.3 Schülervorstellungen/ Alltagsvorstellungen 28
3.3.1 Phlogiston-Theorie 32
3.3.2 Vernichtungskonzept 34
4 Konzeption der Untersuchung 35
4.1 Methodik der Untersuchung 35
4.1.1 Alltagsbezug 35
4.1.2 Motivation 36
4.1.3 Zielgruppe 36
4.1.4 Wahl des Aufgabentypus 38
4.1.4.1 Die Mehrfachwahlaufgabe (Multiple-Choice Test) 38
4.1.4.2 Die verbale Begründung der Auswahl (freie Aufgabenbeantwortung) 38
4.1.5 Testlayout 39
4.1.6 Testumfang 40
Inhaltsverzeichnis
4.2 Konzeption des Untersuchungsinstrumentes 41
4.2.1 Frage 1 41
4.2.2 Frage 2 42
4.2.3 Frage 3 43
4.2.4 Frage 4 44
4.2.5 Frage 5 46
4.2.6 Frage 6 47
4.2.7 Frage 7 48
4.3 Die Gütekriterien eines Untersuchungsinstrumentes 49
4.3.1 Objektivität 49
4.3.2 Reliabilität 49
4.3.3 Validität 50
4.4 Die Voruntersuchung 51
4.4.1 Die Durchführung 51
4.4.2 Ergebnisse der Voruntersuchung 51
4.5 Konzeption der Auswertung 54
4.5.1 Auswertung der demographischen Angaben 54
4.5.2 Auswertung der Fragen 54
4.5.2.1 Auswertung der Mehrfachwahlaufgaben (Multiple-Choice Test) 55
4.5.2.2 Auswertung der freien Aufgabenbeantwortung 55
4.5.2.3 Auswertung der Modellzeichnungen (graphisch skizzierte Inhalte) 57
4.6 Durchführung der Untersuchung 59
5 Auswertung - Ergebnisse und Diskussion 60
5.1 Aufgabe 1 ) 62
5.2 Aufgabe 2 ) 67
5.3 Aufgabe 3 ) 75
5.4 Aufgabe 4 ) 84
5.5 Aufgabe 5 ) 96
5.6 Aufgabe 6 ) 105
5.7 Zusammenfassung der Auswertung 115
6 Perspektiven für den Chemieunterricht 120
6.1 Unterrichtsstruktur 120
6.2 Unterrichtsinhalte 122
7 Reflexion und Ausblick 127
8 Literatur- und Abbildungsverzeichnis 132
1 Einleitung
„Ohne Kenntnis des Standpunktes des Schülers ist keine ordentliche Belehrung desselben möglich.“ [aus: JUNG 1986, S. 100]
Diese Äußerung von F. A. W. DIESTERWEG ist rund 170 Jahre alt und hat in vielfältigen Variationen Eingang in die methodische Literatur gefunden. Auch heute noch sind anerkannte Fachdidaktiker der Auffassung, dass aller Unterricht bei der Erfahrung der Kinder anzufangen habe [DEWEY in: BARKE und HARSCH 2001]. Weiterführend sind in dieser Hinsicht Fachdidaktiker wie BARKE, JUNG, BADER, PFEIFFER, PFUNDT und natürlich DUIT zu nennen, die allesamt stellvertretend für viele andere mit kleineren oder größeren Beiträgen stehen.
HELGA PFUNDT schreibt im Jahre 1975: „Wenn ungeeignete Erklärungen der Schüler für Umweltphänomene gezielt abgebaut werden müssen, ist es eine wichtige Aufgabe der Unterrichtsplanung, diese Erklärungen zu allererst zu finden“ [PFUNDT 1975, S. 158]. Diese „ungeeigneten Erklärungen“ werden in der modernen Fachdidaktik als Schülervorstellungen oder auch Alltagsvorstellungen bezeichnet. Sie beschreiben, so BARKE, die Tatsache, dass „Lehrer und Lehrerinnen ihre Schüler keineswegs mit „unbeschriebenen Blättern“ vergleichen dürfen, die „nur zu füllen sind“(…)“ [BARKE und HARSCH 2001, S. 23]. Gerade im naturwissenschaftlichen Bereich entwickeln Schüler 1 lange vor dem schulischen Unterricht eigene Lösungs- und Denkmuster zur Deutung verschiedener, alltäglicher Phänomene 2 , die den naturwissenschaftlichen Sichtweisen in wesentlichen Aspekten konträr gegenüberstehen [JUNG 1986, BADER 2002].
Solche außerschulischen Vorstellungen, besser Schülervorstellungen, verfestigen sich im Rahmen eines langen Adaptionsprozesses in der kognitiven Struktur der Heranwachsenden und bieten den Lernenden über Jahre hinweg eine feste Orientierung in Alltagssituationen und wachsen somit zu tief
1 Im Folgenden sind mit dem Begriff Schüler im Allgemeinen sowohl männliche als auch weibliche Personen gemeint; analog werden die Begriffe Proband, Lehrer und Testperson verwendet.
2 Zum Beispiel: Brennstoffe und Energie
verwurzelten Denkmustern heran, welche von den Schülern im späteren, schulischen Unterricht zumeist den wissenschaftlichen Vorstellungen vorgezogen werden.
Ein wichtiges Ziel des Unterrichtes muss es daher sein, solche alltäglichen Vorstellungen zu berücksichtigen und sie nicht als irrelevant zu ignorieren [PFEIFER 2002]. Zunächst müssen solche Vorstellungen jedoch, wie PFUNDT bereits deutlich machte, ermittelt und der „Standpunkt des Schülers“, so DIESTERWEG, bestimmt werden, bevor anschließend von diesen Erkenntnissen ausgehend Unterricht geplant werden kann.
Thema der Arbeit:
„Brennstoffe und Energie: Empirische Erhebungen zu Schülervorstellungen und Unterrichtsvorschläge zu deren Korrektur.“
Der Gegenstand dieser Arbeit ist eine Ermittlung, Untersuchung und Auswertung von Schülervorstellungen zum Thema Brennstoffe und Energie mit den wissenschaftlichen Methoden der empirischen Sozialforschung. Im Rahmen dieser Untersuchung sollen hinsichtlich des Brennstoff- und Energiebegriffs Schülervorstellungen aufgedeckt werden, die bislang unerkannt blieben, denn während es in der Vergangenheit mehrere Untersuchungen zum Thema „Verbrennungen“ [z. Bspl.: HAUPT 1981], „Symbole im Chemieunterricht“ [z. Bspl.: BARKE 1982], „Säure-Base-Reaktion“ [z. Bspl.: SUMFLETH und GEISLER 2001] oder zum Thema „Gasbegriff“ [z. Bspl.: WEERDA 1978] gegeben hat, so sind Schülervorstellungen zum Thema Energie noch weitestgehend unerforscht. Somit dürften die Ergebnisse dieser Arbeit von besonderem Interesse sein.
Anschließend sollen in dieser Untersuchung die aus den gewonnenen Erkenntnissen resultierenden Perspektiven für den Chemieunterricht aufgezeigt, erläutert und diskutiert werden, um eine Einführung des Energiebegriffs in den schulischen Unterricht möglichst effektiv, attraktiv, sinnvoll und schülerorientiert gestalten zu können. Daher ergibt sich für die Untersuchung folgender Aufbau:
Diese Arbeit soll für Chemiker ebenso verständlich sein wie für naturwissenschaftliche Laien. Aus diesem Grund werden zunächst in Kapitel 2 elementare, fachliche und chemische Grundlagen aufgeführt und erläutert, die zum Verständnis der anschließenden Untersuchung notwendig sind. In diesem Zusammenhang sollen Themen wie allgemeine Definitionen, Stoffeigenschaften, der Energieumsatz bei chemischen Reaktionen und die Verbrennung als Oxidationsreaktion vorgestellt werden.
Weiterführend wird in Kapitel 3 das Feld der erkenntnistheoretischen Grundlagen durchleuchtet. Anfänglich wird ganz gezielt auf die kognitive Entwicklung nach PIAGET und die daraus entstandene Conceptual Change Theorie eingegangen. Anschließend wird der Begriff Schülervorstellungen beziehungsweise Alltagsvorstellungen erläutert und an bestehenden Konzepten konkretisiert.
In Kapitel 4 wird die Konzeption der Untersuchung beschrieben. Als wesentliche Hauptthemen werden die Methodik der Untersuchung, die Konzeption des Untersuchungsinstrumentes, die Voruntersuchung und die Konzeption der Auswertung konkretisiert. Als Untersuchungsinstrument wird ein Fragebogen konzipiert, mit dem Schülervorstellungen zum Thema Brennstoffe und Energie erhoben werden können.
Danach soll der empirische Teil der Arbeit durchgeführt werden.
Im darauf folgenden Kapitel 5 erfolgt eine jeweils statistische und individuelle Auswertung der Untersuchungsinstrumente. Dabei werden zunächst die statistischen Ergebnisse mithilfe des Programms SPSS ermittelt und danach diskutiert. Anschließend erfolgt eine individuelle Auswertung der Untersuchungsinstrumente, bei der ganz gezielt auftretende Schülervorstellungen aufgezeigt, erläutert und analysiert werden sollen.
Im 6. Kapitel werden abschließend Perspektiven für den Chemieunterricht bezüglich der aus der Untersuchung gewonnen Erkenntnisse aufgezeigt, erläutert und diskutiert.
Im 7. Kapitel erfolgt die Reflexion der durchgeführten Untersuchung und der
ermittelten Ergebnisse. Darüberhinaus wird im Rahmen eines Ausblicks
konkretisiert inwieweit und in welcher Form Ansätze für weitere Untersuchun-
gen existieren.
2 Fachliche Grundlagen
Um die vorliegende Arbeit für naturwissenschaftliche Laien gleichermaßen verständlich zu gestalten wie für Chemiker, werden in dem folgenden Kapitel die fachlichen und chemischen Grundlagen erläutert, die zum Verständnis der fachlichen Inhalte und Hintergründe der vorliegenden Untersuchung notwendig sind. Die Erläuterung erfolgt unter dem Gesichtspunkt ein möglichst breites Spektrum an Lesern anzusprechen, vorrangig unter Zuhilfenahme simpler Deskriptionen und Beispiele und dem absichtlichen Verzicht auf komplizierte physikalisch-chemische Herleitungen und Begriffsbestimmungen.
2.1 Allgemeine Definitionen
2.1.1 Brennstoffe
„… Bezeichnung für feste, flüssige oder gasförmige Stoffe, die, entweder in natürlicher Form oder davon durch Veredelung abgeleiteter Form, mit Sauerstoff unter Abgabe nutzbarer Wärme wirtschaftlich verbrannt werden können“ [RÖMPP 1995].
„… jede Substanz, die man zur Erzeugung von Wärme mit Luftsauerstoff verbrennen lässt...“ [MICROSOFT® 2003].
„… feste, flüssige oder gasförmige Stoffe, die in großen Mengen zur Gewinnung von Wärmeenergie verbrannt werden“ [AHLHEIM 1995, S. 67].
2.1.2 Energie
„(von griech.: energeia = Tatkraft). In den Naturwissenschaften versteht man unter Energie die Fähigkeit eines Stoffes oder eines Systems, Arbeit zu leisten…“ [RÖMPP 1995].
„…Fähigkeit eines physikalischen oder technischen Systems, Arbeit zu verrichten (…) Im Prinzip können alle Energieformen durch geeignete Prozesse ineinander umgewandelt werden. Bei den Umwandlungsprozessen können sowohl kinetische als auch potentielle Energie verloren gehen oder
gewonnen werden. Die Gesamtenergiebilanz ist jedoch immer gleich“ [MICROSOFT® 2003].
„… die in einem System gespeicherte Arbeit oder die Fähigkeit eines Systems, Arbeit zu verrichten (…) Die verschiedenen Energiearten wie z.B. mechanische Energie, thermische Energie (Wärmeenergie), elektrische Energie (…) chemische Energie (…) können weitgehend ineinander umgewandelt werden (…) Energie kann weder erzeugt noch vernichtet, sondern lediglich von einer Energieform in eine andere gebracht werden“ [AHLHEIM 1995, S. 125].
Besondere Aufmerksamkeit muss hinsichtlich der folgenden Untersuchung auf die Tatsache gerichtet werden, dass Energie nicht erzeugt, sondern ausschließlich umgewandelt werden kann. Beispielsweise wird mit einem Fahrraddynamo keine Energie erzeugt und ist salopp gesagt plötzlich da, sondern mechanische Energie (Treten des Radfahrers) wird bei diesem Vorgang durch den Dynamo in elektrische Energie (Strom) umgewandelt. Chemisch-physikalisch wird dies durch den Energieerhaltungssatz definiert der besagt, dass „die Summe aller Energien in einem abgeschlossenen System…“ [AHLHEIM 1995, S. 126] konstant ist.
2.1.3 Verbrennung
„… Bezeichnung für eine schnelle chemische Vereinigung mit Sauerstoff (…) unter Entwicklung hoher Temperaturen und Lichterscheinungen…“ [RÖMPP 1995].
„… im allgemeinen Sinn der Begriff für die schnelle chemische Reaktion einer Substanz mit Sauerstoff (…), bei der üblicherweise große Mengen an Wärme freigesetzt werden - bei Verbrennungen kommt es häufig auch zu Lichterscheinungen (Feuer)…“ [MICROSOFT® 2003].
„… unter Flammenbildung und Wärmeentwicklung ablaufende Reaktion von Stoffen mit Sauerstoff…“ [AHLHEIM 1995, S. 412].
2.2 Stoffeigenschaften
In der Chemie schreibt man Stoffen bestimmte Eigenschaften zu. Dazu zählen zahlreiche Eigenschaften wie unter anderem auch Farbe, Geruch, pH-Wert. In diesem Abschnitt sollen nun jene Stoffeigenschaften erläutert werden, die zum Verständnis der Untersuchungsvorgänge relevant sind.
2.2.1 Die drei Aggregatzustände
Bereits im Altertum unterschied man zwischen dem festen, flüssigen und gasförmigen Zustand der Materie und brachte diese mit den drei Elementen Erde, Wasser und Luft in Beziehung.
Auch heute noch unterteilt man diese Erscheinungsformen von Stoffen, die sogenannten Aggregatzustände, in fest, gasförmig und flüssig. Mit der Modellvorstellung vom Aufbau der Stoffe aus kleinsten Teilchen lassen sich die Aggregatzustände und die Übergänge zwischen ihnen sehr gut deuten (vgl. Abbildung 1).
regelmäßig angeordnet (vgl. Abb. 1). Zwischen den Teilchen wirken starke Anziehungskräfte, die sie auf ihren festgelegten Plätzen halten.
Reinstoff im flüssigen Zustand: Die kleinsten Teilchen sind weiträumiger und weniger regelmäßig angeordnet (vgl. Abb. 1). Sie nehmen keine festen Plätze
mehr ein und sind aufgrund der schwächeren gegenseitigen Anziehungskräfte gegeneinander beweglich.
Reinstoff im gasförmigen Zustand: Die kleinsten Teilchen bewegen sich völlig frei und ungeordnet im Raum (vgl. Abb. 1). Sie üben keine oder nur sehr geringe Anziehungskräfte aufeinander aus.
Die drei Aggregatzustände treten wie bereits erwähnt bei jedem Stoff in Abhängigkeit von Druck und Temperatur in Erscheinung. Das einfachste Beispiel dafür ist das Wasser. Im festen Zustand spricht man von Eis, im flüssigen Zustand von Wasser und im gasförmigen Zustand von Wasserdampf. Der Zusammenhang wird noch einmal in folgender Abbildung veranschaulicht:
Wärmezufuhr der jeweils nächste Aggregatzustand erreicht. Wärme wird im chemischen Sinne „…als Bewegungsenergie (…) der atomaren Partikel eines Körpers (…) (innere Energie)…“ [RÖMPP 1995] gesehen. Demzufolge ist die Änderung eines Aggregatzustandes immer mit einer Teilchenbewegung und Teilchenumgruppierung verbunden.
2.2.2 Der Schmelz- und Siedepunkt von Wasser
Am Beispiel von Wasser in festem Aggregatzustand (Eis; vgl. Abb. 2) führt Energiezufuhr in Form von Wärme zu Vibrationen der Teilchen in der festen, gitterartigen Struktur des Eises. Ab einem speziellen Punkt werden die Schwingungen so stark, dass die feste Ordnung verringert und damit auch die
Anziehungskraft der Teilchen untereinander teilweise neutralisiert beziehungsweise überwunden wird und sich der Aggregatzustand von fest zu flüssig ändert. Diesen Übergangspunkt bezeichnet man als Schmelzpunkt (reversibel: Gefrierpunkt/ Erstarrungspunkt), welcher bei Wasser definitionsgemäß bei exakt 0°C liegt.
Bei weiterer Wärmezufuhr erhöht sich die Teilchenbewegung zunehmend bis hin zu dem Punkt, an dem die Anziehungskräfte der kleinsten Teilchen überwunden werden. An diesem Punkt, dem sogenannten Siedepunkt (reversibel: Kondensationspunkt), wechselt der Aggregatzustand von flüssig zu gasförmig (bei Wasser liegt dieser Punkt definitionsgemäß bei exakt 100°C 3 ). Die Übergänge der einzelnen Aggregatzustände sind reversibel.
mäß bei exakt 0°C und der Siedepunkt (Sdp.) bei exakt 100°C 3 . Eine grundlegende Eigenschaft der Übergangspunkte ist die Tatsache, dass beim Schmelzpunkt die Temperatur solange bei 0°C stagniert, bis das letzte Eisstück den Aggregatzustand geändert hat (vgl. Abb. 3). Die in dieser Zeit weiter zugeführte Energie wird ausschließlich dazu verwendet, um die Anziehungskräfte der einzelnen Teilchen zu überwinden, und führt zu keinem messbaren Temperaturanstieg. Analog vollzieht sich dies beim Siedepunkt des Wassers (vgl. Abb. 3).
2.3 Energieumsatz bei chemischen Reaktionen
3 bei Normaldruck
2.3.1 Aktivierungsenergie
Bei einer chemischen Reaktion, beispielsweise bei einer Verbrennung (vgl. 2.1.3 Verbrennung), reagieren zwei oder mehr Stoffe zu einem neuen Stoff mit neuen Eigenschaften. Nur selten laufen solche chemischen Reaktionen spontan ab. In den meisten Fällen muss Energie von außen zugeführt werden, um die Reaktion zu starten. Diese Energie, die „… notwendig ist, um eine chemische Reaktion in Gang zu bringen…“ [AHLHEIM 1995, S. 16], bezeichnet man als Aktivierungsenergie [BARKE, DEHNERT et al. 1988].
Die folgende schematische Darstellung verdeutlicht den Begriff der Aktivierungsenergie in Bezug auf den Energieumsatz einer chemischen Reaktion:
Die zwei Ausgangstoffe A und B reagieren nicht freiwillig miteinander. Erst wenn die notwendige Aktivierungsenergie zugeführt wird, läuft die Reaktion spontan ab und ein neuer Stoff (AB) entsteht. Die Aktivierungsenergie ist also die Energie, die dem Stoffgemisch A+B zugeführt werden muss, damit die Reaktion ausgelöst wird. Ab dem aktivierten Zustand (vgl. Abb. 4) erfolgt die Reaktion freiwillig.
2.3.2 Reaktionsenthalpie (Reaktionsenergie)
Jede chemische Reaktion ist, neben der für Außenstehende zumeist offensichtlichen Umsetzung von Stoffen, auch stets mit einem Energieumsatz verbunden. Sowohl die Ausgangsstoffe (Edukte) als auch die Endstoffe (Produkte) einer chemischen Reaktion besitzen bei einer gegebenen Temperatur einen bestimmten Grundenergiegehalt. Dies wird schon in Abbildung 4 verdeutlicht, indem die Edukte A und B ein relativ hohes Energieniveau besitzen (vgl. „energiereich“), während das Produkt AB ein vergleichsweise niedriges Energieniveau besitzt (vgl. „energiearm“). Die Differenz zwischen der Energie der Edukte und der Energie der Produkte bezeichnet man als die Reaktionsenergie, welche in der Chemie die Abkürzung ∆U trägt. Diese bei einer chemischen Reaktion freigesetzte Reaktionsenergie ∆U lässt sich in zwei Energienanteile aufteilen: Zum einen in die Volumenarbeit, die das System verrichten muss und zum anderen in einen restlichen, als Wärme erhältlichen Energieanteil. Im chemischen Fachjargon spricht man bei diesem restlichen Energieanteil von der sogenannten Reaktionsenthalpie, welche mit der Abkürzung ∆H R versehen ist. Zusammengefasst entspricht die Reaktionsenthalpie (∆H R ) also der Energie, die vom System nach außen in Form von Wärme abgegeben wird [vgl. SCHUSEIL 1995].
2.3.3 Exotherme und endotherme chemische Reaktionen
Wie bereits im vorangegangen Kapitel besprochen sind chemische Reaktionen stets mit einem Energieumsatz verbunden. In diesem Rahmen wurde auch die Begrifflichkeit der Reaktionsenthalpie (∆H R ) anhand einer chemischen Beispielreaktion und einer diesbezüglichen schematischen Darstellung geklärt. Bei dieser Beispielreaktion (vgl. Abb. 4) lag das Energieniveau der Produkte unterhalb des Energieniveaus der Edukte. An genau diesem Punkt wird nun erneut angesetzt und eine weitere, wichtige Eigenschaft chemischer Reaktionen erläutert.
Wie anhand der obigen Abbildung deutlich wird, wird in der Chemie bezüglich des Energieumsatzes zwei Arten von Reaktionstypen unterschieden: Exotherme und endotherme chemische Reaktionen.
Bei einer exothermen Reaktion sind die Produkte energieärmer als die Edukte und demnach energetisch günstiger. Bei einer endothermen Reaktion verhält es sich genau disparat. Dort sind die Produkte energiereicher als die Edukte und demnach ist deren Zustand als energetisch ungünstiger zu beschreiben. Der Energieumsatz ∆H R wird definitionsgemäß immer von der Seite der Edukte aus betrachtet (systemegoistischer Standpunkt). Die Reaktionsenthalpie ∆H R erhält demnach bei exothermen Reaktionen ein negatives Vorzeichen, also -∆H R , da der Reaktionsverlauf mit einem Energieverlust, einer Energieabgabe, für das Ausgangssystem verbunden ist (von griech. exo = heraus). Der Energiegehalt der Produkte ist exakt um diesen Betrag ∆H R geringer als der der Edukte. Dementsprechend erhält die Reaktionsenthalpie für endotherme Reaktionen ein positives Vorzeichen, also +∆H R . Der Energiegehalt der Produkte ist exakt um diesen Betrag ∆H R höher als jener der Edukte (von griech. endo = hinein). Angegeben wird ∆H R in kJ/ mol [vgl. SCHUSEIL 1995].
2.4 Die Verbrennung - eine chemische Reaktion
Wie unter 2.1.3 bereits erläutert wurde, handelt es sich bei einer Verbrennung im chemischen Sinne um eine „ … schnelle chemische Reaktion einer Substanz mit Sauerstoff (…), bei der üblicherweise große Mengen an Wärme freigesetzt werden …“ [MICROSOFT® 2003]. Bei dieser freigesetzten Wärme handelt es sich um die in 2.3.2 erläuterte Reaktionsenthalpie. Die Substanzen, die bei einer Verbrennung mit Sauerstoff reagieren können, sind sehr verschieden. Dennoch sollen drei Beispiele einer Verbrennungsreaktion genauer erläutert werden, die es auch im Rahmen der Untersuchung zu beantworten gilt: Die Verbrennung von Kohle, die Verbrennung von Benzin und die Verbrennung von Eisenwolle. Alle drei Fälle sollen im Folgenden erläutert werden.
2.4.1 Die Verbrennung von Kohle
Kohle besteht überwiegend aus Kohlenstoff. Unter anderem kann Kohle neben Sauerstoff und cyclischen Kohlenwasserstoffen auch Stickstoff und Schwefel enthalten. Diese Stoffe und Elemente finden aber hier keine weitere Berücksichtigung.
Wie entsteht Kohle? In allen Kohlevorkommen findet man Pflanzenabdrücke. Aus Pflanzen in ausgedehnten Moor- und Sumpfwäldern haben sich vor etwa 270 Millionen bis 350 Millionen Jahren hauptsächlich Stein- und Braunkohle gebildet. Dieses Zeitalter nennen Geologen deshalb Karbon (von lat. carbo = Kohle).
Abgestorbene Pflanzen wurden von Gebirgsschutt, Sand- und Tonsedimenten überdeckt. Durch den dadurch ausgeübten Druck und die daraus resultierende Wärme verarmten die Pflanzenreste an Wasserstoff und Sauerstoff. So bildete sich aus den Pflanzen zunächst Braunkohle und unter Einwirkung von starkem tektonischen Druck und erhöhter Temperatur im Zusammenhang mit gebirgsbildenden Vorgängen schließlich auch die sogenannte Steinkohle [vgl. EISNER, FLADT et al. 1986]. Aus den organischen Verbindungen, den Pflanzenresten, entstand in dem Prozess der Kohlebildung, der sogenannten Inkohlung, ein Gemisch aus überwiegend makromolekularen Verbindungen, welche zum Großteil aus cyclischen Kohlenwasserstoffbausteinen bestehen.
Durch Energiezufuhr mittels Druck, demzufolge im Verlauf der endothermen Reaktion der Inkohlung, hat sich Kohle gebildet. Die mittels Wärme und Druck zugeführte Energie wurde demnach in der Kohle gespeichert. So lässt sich der häufig verwendete Begriff Kohle als Energieträger erklären. Reagiert die Kohle nun bei der Verbrennungsreaktion mit Sauerstoff, so wird diese gespeicherte Energie in Form von Wärme freigesetzt.
Kohlenstoff (C) + Sauerstoff (O 2 ) Kohlenstoffdioxid (CO 2 )
Wie in der obigen Reaktionsgleichung beschrieben reagiert Kohlenstoff mit Sauerstoff zu Kohlenstoffdioxid. Darüber hinaus können bei der Verbrennung aber auch andere Produkte auftreten, wie zum Beispiel Kohlenmonoxid (unvollständige Verbrennung), Schwefeldioxid, Stickoxide etc. Es handelt sich dabei um Nebenprodukte, die als Schadstoffe auftreten und zur Luftverschmutzung beitragen. Darauf wird in Punkt 2.4.2 gesondert eingegangen. Fazit: Kohle ist ein Energieträger, in welchem die zu seiner Herstellung (Inkohlung) aufgewandte Energie gespeichert ist. Diese gespeicherte Energie wird bei der exothermen Reaktion mit Sauerstoff zu Kohlendioxid (Verbrennungsprozess) in Form von Wärme freigesetzt.
2.4.2 Die Verbrennung von Benzin
Ebenso wie Kohle besteht auch Benzin überwiegend aus einem „(…) Gemisch von Kohlenwasserstoffen mit einem Siedebereich von ca. 40-220°C (…)“ [AHLHEIM 1995, S. 58]. Diese Kohlenwasserstoffe treten in sogenannten Kohlenwasserstoffketten mit etwa fünf bis zehn C-Atomen, besonders in Form von Isomeren des Oktans auf. Eine genauere molekulare Erläuterung des Benzins würde den zeitlichen Rahmen dieser Arbeit übersteigen und soll hier deshalb nicht stattfinden. Dahingegen ist es wichtig zu erwähnen, dass Benzin neben den gerad- und verzweigtkettigen Alkanen auch Spuren von Blei- und Schwefelverbindungen enthält.
Wie lässt sich Benzin herstellen? Benzin wird vorzugsweise aus Erdöl hergestellt. Man geht heute davon aus, dass Erdöl und auch Erdgas aus abgestorbenen tierischen und pflanzlichen Meeresorganismen entstanden sind, die im Laufe von Jahrmillionen unter anderem durch die Einwirkung von anaeroben Bakterien, niedrigen Temperaturen und hohem Druck über Zwischenprodukte in Erdöl und Ergas umgewandelt wurden [vgl. SCHUSEIL 1995]. Die Entstehung des Erdöls ist also eng verwandt mit der Entstehung der Kohle (vgl. Punkt 2.4.1). Aus dem Erdöl wird mittels komplizierter Verfahren in sogenannten Raffinerien Benzin hergestellt. Diese mehrstufigen, chemischen Verfahren explizit zu konkretisieren, würde den Rahmen dieser Arbeit übersteigen und daher wird darauf verzichtet.
Wichtig ist, dass Benzin aus Kohlenwasserstoffen besteht und dass es sich bei der Entstehung von Erdöl um eine endotherme Reaktion handelt, bei der mittels Wärme und Druck aus tierischen und pflanzlichen Meeresorganismen Erdöl wird. Diese Energie ist auch nach der weiteren Aufarbeitung des Erdöls im Benzin gespeichert. Daher kann Benzin, und ebenso Kohle, als Energieträger bezeichnet werden.
Die Verbrennungsreaktion von Benzin ist der der Kohle in Abschnitt 2.4.1 sehr ähnlich. Formal gesagt reagiert Kohlenstoff mit Sauerstoff zu Kohlendioxid unter Abgabe von Wärmeenergie. Die folgende Reaktionsgleichung kennzeichnet die vollständige Verbrennung von Oktan mit Sauerstoff:
2 C 8 H 18 + 25 O 2 16 CO 2 + 18 H 2 O Oktan + Sauerstoff Kohlendioxid + Wasser
[aus: RÖMPP 1995, SCHRÖTER, BIBRACK et al. 1997]
Die angeführte Reaktion läuft im Motor eines Autos ab. Das Benzin-Luft-Gemisch wird in einem Kolben zusammengepresst und durch die Zündkerze entzündet (Aktivierungsenergie). Das Benzin-Luft-Gemisch explodiert und verbrennt zu Kohlendioxid und Wasser. Diese Explosion und die auftretende Verbrennungswärme bewirken eine rasche Ausdehnung der Abgase, was sich durch die Konstruktion des Motors in mechanische Energie umwandeln lässt. Dabei wird der Kolben durch die Ausdehnung nach unten gepresst (vgl. dazu
Abb. 6). Somit ist die chemische Energie in mechanische Energie umgewandelt worden und kann zum Antrieb des Autos genutzt werden. Um den Sachverhalt zu verdeutlichen sei gesagt, dass Benzin einen Brennwert von etwa 48 MJ/ kg und Holzkohle einen Brennwert von 26 MJ/ kg besitzt [RÖMPP 1995].
Fazit: Wie bei Kohle handelt es sich auch bei Benzin um einen sogenannten Energieträger, in welchem die zu seiner Entstehung beziehungsweise Herstellung aufgewandte Energie gespeichert ist. Diese gespeicherte Energie wird bei der exothermen Reaktion mit Sauerstoff zu Kohlenstoffdioxid und Wasser (Verbrennungsprozess) in Form von Wärme freigesetzt.
Ein wichtiger Aspekt bei der chemischen Behandlung und Erläuterung von Verbrennungsreaktionen sind die dabei entstehenden Nebenprodukte: die Schadstoffe. Obgleich sie nicht direkt am eigentlichen Energieumsatz bei der Verbrennungsreaktion beteiligt sind, sollen sie in dieser Arbeit aufgrund ihrer großen Einflussnahme auf die Umwelt und den Menschen zumindest kurz erwähnt werden.
Neben Kohlenstoffdioxid treten bei der Verbrennung von Benzin und Kohle weitere Verbrennungsprodukte auf. Dabei handelt es sich um weitere Oxide der Stoffe, die neben dem Hauptreaktionspartner Kohlenstoff (C) im Energie- träger Kohle bzw. Benzin enthalten sind - wie Schwefel (S) und Stickstoff (N).
Die Oxide dieser Stoffe sind die sogenannten Schadstoffe, die für die Luftverschmutzung verantwortlich gemacht werden. Durch eine unvollständige Verbrennung kann das für den Menschen giftige Kohlenstoffmonoxid (CO) auftreten. Ebenso können sich bei der Verbrennung von Kohle und Heizöl Schwefeloxide (SO x ) bilden, welche mit dem sogenannten sauren Regen in Verbindung zu bringen sind. Darüber hinaus entstehen bei Verbrennungen im hohen Temperaturbereich giftige Stickstoffoxide (NO x ), welche unter bestimmten Voraussetzungen zu Smog führen können [vgl. SCHUSEIL 1995].
2.4.3 Verbrennung von Eisenwolle
Heizungskeller sind mit feuerhemmenden Türen aus Metall versehen. Zylinderkolben von Verbrennungsmotoren und auch ein Grill in dem Kohle verbrannt wird sind zumeist aus Metall und brennen nicht, obwohl sie hohen Temperaturen ausgesetzt sind. So ist die Verbrennung von Eisenwolle vermutlich zunächst etwas verwirrend. Dennoch verbrennt Eisenwolle unter Aufglühen. Diese Verbrennungsreaktion ist experimentell hinsichtlich des Energieumsatzes wenig aufschlussreich. Ziel ist es, sich lediglich bezüglich der Untersuchung am Grundgedanken der Verbrennung zu orientieren. Was genau geschieht also wenn Eisen verbrennt? Mehrfach wurde bereits erläutert, dass es sich bei einer Verbrennung um eine Reaktion eines bestimmten Stoffes mit Sauerstoff unter Abgabe von Wärmeenergie handelt. Die Produkte solcher Reaktionen nennt man Oxide. So verhält es sich auch bei der Verbrennung von Eisenwolle. Demnach reagiert das Eisen der Eisenwolle mit Sauerstoff zu Eisenoxid:
Eisen (fest, grau) + Sauerstoff (gasförmig) Eisenoxid (fest, Fe 3 O 4 = schwarz) 2 Fe + O 2 ∆H R = - 48,5 kJ/ mol 2 FeO 3 Fe + 2 O 2 ∆H R = -267 kJ/ mol 2 Fe 3 O 4
[aus: ATKINS und BERAN 1996, BARKE und HARSCH 2001].
Wie aus dem angeführten Reaktionsschema deutlich wird, kann auch für diese Verbrennungsreaktion eine Energiebilanz errechnet werden, aus der ersichtlich
wird, dass es sich um eine exotherme Reaktion handelt. Nennenswert ist dennoch ein anderes Phänomen dieses Versuchs. Wie in Abbildung 7 deutlich wird, ist eine Gewichtszunahme des Produktes zu erkennen. Der Verbren-nungsvorgang führt hier nicht zu einem bei der Verbrennung von beispielsweise Kohle üblichen gasförmigen Oxid (Kohlenstoffdioxid), sondern zu einem festen Oxid - dem Eisenoxid. Die beiden Eisenwolleportionen hatten bei Versuchsbeginn die gleiche Masse, aber mit Voranschreiten der Oxidationsreaktion des Eisens mit dem Sauerstoff kommt es zu einer Gewichtszunahme auf Seiten des Produkts.
Die Begründung lässt sich bei der Betrachtung der Eisenwolle im Teilchenmodell als Teilchengitter finden (vgl. Abb. 8). Die Eisenwolle (die Eisen-Teilchen werden im Teilchenmodell in Abb. 8 durch graue Teilchen symbolisiert) besteht demnach aus einem Gitter mit Zwischenräumen, in welche der Luftsauerstoff (Sauerstoff-Teilchen werden im Teilchenmodell in Abb. 8 durch rote Teilchen symbolisiert) vordringen kann. Nach Zufügen der Aktivierungsenergie reagiert der Sauerstoff mit dem Eisen an der relativ großen Oberfläche zu Eisenoxid. Dabei lagern sich nach dem Teilchenmodell Sauerstoffteilchen im Eisengitter ein. Da Sauerstoff, wie alle anderen Gase, ein Eigengewicht besitzt, führt die Bildung einer Eisen-Sauerstoff-Verbindung (Eisenoxid) zu einer Gewichtszunahme [vgl. MORTIMER 1996].
Nachdem nun im ersten Kapitel die fachlichen Grundlagen, die zum Verständ-
nis dieser Ausarbeitung notwendig sind, vorgestellt wurden, erfolgt im
folgenden Kapitel eine Vorstellung der erkenntnistheoretischen Grundlagen.
3 Erkenntnistheoretische Grundlagen
Dieses Kapitel der Untersuchung beginnt mit der grundlegenden Frage, inwieweit es nötig ist, das Feld der erkenntnistheoretischen Grundlagen zu durchleuchten. Ist es ausreichend, die naturwissenschaftsdidaktische Forschung als Grundlage zu betrachten, oder ist es darüber hinaus notwendig in den Bereich der Entwicklungspsychologie einzutauchen? Es gibt diverse öffentliche Meinungen darüber, ob dieses der Fall sein sollte oder nicht. Die Antwort auf diese Frage erhält man recht schnell, sobald man sich mit vorangegangen, älteren empirischen Untersuchungen auseinandersetzt. In nahezu allen Arbeiten werden entwicklungspsychologische Aspekte und Erkenntnisse in die Untersuchungen und Auswertungen mit einbezogen [vgl. PFUNDT 1975, GRÄBER und STORK 1984, DUIT 1996, PFEIFER 2002].
Besondere Aufmerksamkeit genießt darin die in den 70er Jahren aufblühende PIAGETSCHE Erkenntnistheorie 4 . Sie galt lange als wesentlicher Orientierungspunkt für die fachdidaktische Forschung und nicht zuletzt auch für den einzelnen Lehrer: „Auf diese Weise erhält der einzelne Lehrer allmählich einen Begriff davon, worin seine Aufgabe eigentlich besteht, wovon er in seinen Lehrbemühungen ausgehen kann und auf welche Vorstellungen er Rücksicht nehmen muss“ [KUBLI 1981].
Mitte der 80er Jahre entwickelte sich daraus die Conceptual Change Theorie 5 , unter anderem von POSNER formuliert, mit einer der Äquilibrierung von PIAGET sehr ähnlichen Grundstruktur. Sie ist in den Grundzügen kongruent mit der PIAGETSCHEN Ansicht, dass „Lernen (…) als aktive Konstruktion auf der Basis bereits vorhandener Vorstellungen“ [DUIT und GRÄBER 1993, S. 147] gesehen werden muss.
Neben diversen anderen Autoren sind auch P. PFEIFERS Ausführungen in eine konstruktivistische Sichtweise des Wissenserwerbs eingebettet. Er beschreibt den Lernprozess als eine fortlaufende, kognitive „Rekonstruktion auf der Basis von Erfahrungen“ [PFEIFER 2002, S. 125] - man lerne seiner Ansicht nach also mit anderen Worten auf der Grundlage des bereits Erlernten. Ausdruck des Lernens ist für ihn, um zu den Grundzügen PIAGETS zurückzukehren, der „subjektabhängige Aufbau von Kenntnissen, Fertigkeiten und
4 Vgl. 3.1 Die kognitive Entwicklung nach PIAGET
5 Vgl. 3.2 Die Conceptual Change Theorie
Gesinnungen - Lernen als Konstruktion von Denk- und Wissensstrukturen (Conceptual Change)“ [PFEIFER 2002, S. 122].
DUIT betitelt den Begriff Conceptual Change sogar als Kennzeichen neuer, konstruktivistisch orientierter Sichtweisen vom Lehren und Lernen der Naturwissenschaften [vgl. DUIT 1994]. Er umschreibt diese Theorie so, „…als sei Conceptual Change nichts weiter als der heute eben gebräuchliche Terminus für Lernen ganz generell“ [DUIT 1996, S. 146]. Es erweckt also den Anschein, als sei die Conceptual Change Theorie seiner Meinung nach eine fundamentale Basis bei der Betrachtung von Lehr- und Lernvorgängen, und demnach sicherlich auch eine Basis von Schülervorstellungen. Daher ist es undenkbar Schülervorstellungen naturwissenschaftsdidaktisch zu untersuchen und zu vergleichen, ohne entwicklungspsychologische Grundlagen mit einzubeziehen. Aus diesem Grund werden im Folgenden zunächst die Grundgedanken der kognitiven Entwicklung nach PIAGET vorgestellt. Darauf aufbauend wird anschließend die Conceptual Change Theorie mit ihren PIAGETSCHEN Elementen erörtert, um durch eine inhaltliche Verknüpfung dieser beiden Theorien ein stabiles Grundgerüst für eine weiterführende fachdidaktische Untersuchung zu schaffen.
3.1 Die Kognitive Entwicklung nach PIAGET
Die Ausführungen dieser Arbeit beziehen sich im Folgenden weitestgehend auf die Conceptual Change Theorie 6 . Als Grundlage dieser Conceptual Change Theorie ist die Entwicklungspsychologie von PIAGET zu betrachten. Es sollen daher an dieser Stelle die Grundzüge dieser Theorie kurz erläutert werden, um einen Einblick in die PIAGETSCHE Sichtweise zu bekommen. Ein weiterer Grund sich auf diese Theorie zu beziehen, ist der, dass sich ein Großteil vorangegangener Untersuchungen ausschließlich auf diese Theorie stützt. Die kognitive Entwicklung von Jugendlichen ist, nach PIAGETS Ansicht, an deren Reifungsprozesse gebunden und wird durch vier Stadien charakterisiert, in denen sich die Heranwachsenden in ihren Denkstrukturen in bezeichnender Weise unterscheiden:
6 Vgl. 3.2 Die Conceptual Change Theorie
(1) Das sensomotorische Stadium (vorbegrifflich-symbolisches Denken im Alter von etwa 2-4 Jahren)
(2) Das präoperationale Stadium (anschauliches Denken im Alter von etwa 4-6/7 Jahren)
(3) Das konkret-operationale Stadium (konkrete Denkoperationen im Alter von etwa 6/7-12/13 Jahren) und
(4) Das formal-operationale Stadium (formale Denkoperationen im Alter ab 12/13 Jahren)
[aus: GRÄBER und STORK 1984, PFEIFER 2002]
Für den naturwissenschaftlichen Unterricht und insbesondere für den Chemieunterricht und die damit verbundenen Schülervorstellungen, sind an dieser Stelle das konkret-operationale (3) und das formal-operationale Stadium (4) von maßgeblicher Bedeutung. Das sensomotorische (1) und das präoperationale Stadium (2) beziehen sich dahingegen, wie oben angedeutet, auf Heranwachsende im etwa zweiten bis siebten Lebensjahr. Da mit dieser wissenschaftlichen Arbeit eine Untersuchung im Bereich der Sekundarstufe I durchgeführt wird, erscheint eine genauere Erörterung dieser beiden Stadien an dieser Stelle als wenig sinnvoll. Daher werden hier ausschließlich das konkretoperationale (3) und das formal-operationale Stadium (4) im Einzelnen konkretisiert.
Das konkret-operationale Stadium bezieht sich laut PIAGET auf Kinder im Alter von etwa 7 bis 13 Jahren. Die Kinder befinden sich anders ausgedrückt im Stadium der konkreten Denkoperationen [PFEIFER 2002], welche sich vor allem auf Gegenstände, die real fassbar sind und auf Handlungen, die wirklich ausgeführt oder zumindest in der Vorstellung ausgeführt werden können, beziehen. „Ihre kognitive Aktivität ist nicht mehr an aktuelle Wahrnehmung oder aktuelle konkrete Handlungen gebunden“ [GRÄBER und STORK 1984, S. 196].
Gegen Ende des konkret-operationalen Stadiums, so PIAGET, lösen sich die Heranwachsenden von Handlungen am konkreten Gegenstand und treten in die darauf folgende Phase der formalen Denkoperationen ein (formal-operationales Stadium). Die Denkweise wird zunehmend abstrakter, d.h. die Schüler sind imstande, verschiedene Variablen in ihre Überlegungen mit einzubeziehen,
mögliche Relationen abzuleiten und formal-mathematische Operationen zu begreifen [vgl. BARKE und HARSCH 2001]. Diese letzte Stufe der PIAGET-SCHEN Entwicklungstheorie ist durch ein hypothetisch-deduktives Denken der Lernenden gekennzeichnet [vgl. GRÄBER und STORK 1984]. In der nunmehr vielmals zitierten Arbeit von WOLFGANG GRÄBER und HEINRICH STORK aus dem Jahr 1984 kommen die Autoren zu einem sehr kritischen Urteil gegenüber der PIAGETSCHEN Konzeption. Nach ihren Ausführungen erreichen beispielsweise im Durchschnitt lediglich 27% der 16jährigen Probanden der 10. Klasse eines Gymnasiums das formaloperationale Stadium, was nach PIAGETS Klassifizierung bereits mit 12 bis 13 Jahren abgeschlossen sein sollte. Die Schlussfolgerung der damaligen Arbeit war, da die Lerninhalte der naturwissenschaftlichen Fächer weitestgehend abstrakt sind und die größtenteils heute noch üblichen Lehrmethoden ein formal-operationales, folglich ein hypothetisch-deduktives Denkvermögen voraussetzen, dass der „Chemieunterricht die Schüler - vor allem in der Sekundarstufe I - intellektuell überfordere und der Motivationsschwund auch ein Ausdruck von Schülerresignation sei“ [GRÄBER und STORK 1984, S. 193]. Als Praxisbeispiel führten die Autoren an, dass in der Tat ein bestimmter Grad an Abstraktionsvermögen und geistiger Konstruktionsfähigkeit notwendig sei, um sich die Begriffe Energie oder auch Mol, die als theoretische Größen keinen konkreten Erfahrungen in der Realität entsprechen, vorstellen zu können.
Ist diese Behauptung authentisch, so scheint sich dem Schüler, durch den Mangel an Abstraktionsvermögen und das Unvermögen ein angemessenes abstraktes Denkmodell zu erstellen, eine große Kluft zu offenbaren: eine Beziehungslosigkeit zwischen den beiden Abstraktionsebenen. HANS-DIETER BARKE beschreibt 1983, dass diese Beziehungslosigkeit dazu führe, „…dass der Schüler Formeln und Reaktionsgleichungen auswendig lernt, aber nicht in der Lage ist, Stoffaufbau und Stoffumbildung zu verstehen und mit eigenen Worten zu beschreiben“ [BARKE 1983, S. 353].
Fazit: Die Schüler können im naturwissenschaftlichen Unterricht die abstrakten Unterrichtsinhalte demnach nicht bewältigen, da hierfür kognitive Fähigkeiten obligat sind, die offenbar bei einem Großteil der Lernenden noch nicht ausgeprägt sind. Diese Kluft führt, wie auch bereits BARKE ausführte, nach
GRÄBER UND STORK dazu, „…dass die Schüler sich durch verbale Einprägung und Wiedergabe der Unterrichtsinhalte, also durch Auswendiglernen, helfen“ [GRÄBER und STORK 1984b, S. 266]. Das führt nicht nur zu einer übermäßigen Belastung des Gedächtnisses, „but paralyses cognitive activity in the areas of perception and manipulation“, was empirisch belegt wird. Und „…das sind die Folgen, wenn man die wichtigste Komponente des Unterrichts ausser Acht lässt: den Schüler, wie er wirklich ist“ [GRÄBER und STORK 1984b, S. 266].
An diesem Punkt wird nun einen Schritt weitergegangen und die aus den Ansätzen PIAGETS entstandene Conceptual Change Theorie vorgestellt.
3.2 Die Conceptual Change Theorie
Im Laufe der letzten 20 Jahre hat sich im internationalen Bereich der Begriff „Conceptual Change“ in der Naturwissenschaftsdidaktik und über diesen Bereich hinaus etabliert. Die von POSNER, STRIKE, HEWSON und GER-ZOG (1982) vorgelegte Theorie wurde binnen kürzester Zeit zum paradigmatischen Orientierungspunkt für konstruktivistisch orientierte Unterrichtsansätze, wie auch für Ansätze zur Lehrerbildung [vgl. POSNER, STRIKE et al. 1982, DUIT 1994].
Die am Ende von Kapitel 3.1 herausgestellten Problematiken, also die durch fachdidaktische Untersuchungen aufgezeigten fundamentalen Schwierigkeiten von Schülern beim Erlernen naturwissenschaftlicher Vorstellungen, können, so DUIT, mittels dieser Theorie klarer gekennzeichnet und anschließend untersucht und aufgearbeitet werden. Zunächst aber zur eigentlichen Theorie: Die Conceptual Change Theorie wird durch vier wesentliche Bedingungen definiert:
(1) Die Lernenden müssen mit den bereits vorhandenen Vorstellungen unzufrieden sein (dissatisfaction)
(2) Die neue Vorstellung muss logisch verständlich sein (intelligible) (3) Sie muss einleuchtend sein (plausible)
(4) Sie muss fruchtbar sein, sich in neuen Situationen als erfolgreich erweisen (fruitable) [aus: DUIT 1994]
Man versucht mit dieser Theorie die Frage zu beantworten, wie ein Lernender den Übergang von einer Vorstellung C1 zu einer anderen Vorstellung C2 bewältigt. Dabei kommt es im Sinne der PIAGETSCHEN Vorstellung zur Äquilibrierung 7 durch Assimilation 7 bzw. durch Akkomodation 7 . Unzufriedenheit (vgl. dissatisfaction) erzeugt demzufolge ein mentales Ungleichgewicht und evoziert beim Lernenden das Bedürfnis nach erneuter mentaler Balance. Diese Balance (Gleichgewicht) kann entweder durch Assimilation oder Akkomodation wiederhergestellt werden (Äquilibrierung) [vgl. DUIT 1996]. Assimilation beschreibt die Äquilibrierung als das Angleichen des Novums an eine vorhandene Denkstruktur, während die Akkomodation von einer grundlegenden Veränderung einer bisher vorhandenen Denkstruktur ausgeht. Die Conceptual Change Theorie beschreibt nun exakt diesen PIAGETSCHEN Terminus der Akkomodation, der im deutschen häufig mit der direkten Übersetzung von „Conceptual Change“, also unter dem Namen Konzeptwechsel, in Erscheinung tritt. Der Begriff Assimilation wird in der Theorie des Conceptual Change sinngemäß als „Conceptual Growth“ deklariert. Nach Meinung vieler Autoren, zum Beispiel DUIT, ist der Ausdruck ‚Konzeptwechsel’ (engl.: conceptual change) unglücklich gewählt, da er assoziieren lässt, dass ein konkreter Austausch von einem Konzept durch ein anderes erstrebt wird. Ein solches didaktisches Ziel erscheint nach den heutigen Erkenntnissen aber als wenig sinnvoll, da die bereits bestehenden Konzepte erstens nicht unbedingt falsch sein müssen und sich zweitens während eines langen Adaptionsvorganges gefestigt haben und nur schwer zu eliminieren sind. Auf diese bestehenden Konzepte wird später im Kapitel 3.3 genauer eingegangen, gleichwohl soll aber an dieser Stelle bereits kurz erläutert werden, worum es sich bei ihnen handelt:
Schüler haben sich gerade im Bereich naturwissenschaftlicher Phänomene, wie zum Beispiel Energie und Brennstoffe, im Laufe ihrer Entwicklung durch alltägliche Ereignisse und Gegebenheiten ihre eigenen Deutungsmuster erstellt. Diese Deutungsmuster haben sich über Jahre hinweg in Alltagssituationen bewährt und sind, wenn auch in naturwissenschaftlicher Sicht teils fehlerhaft, auf einfacher Ebene durchaus richtig beobachtet und demnach für sie gültig. Diese über Jahre hinweg gefestigten Denkstrukturen sollten demnach nicht
7 Erklärung des Wortes erfolgt im weiteren Verlauf des Textes.
Arbeit zitieren:
Tobias Dörfler, 2004, Brennstoffe und Energie: Empirische Erhebungen zu Schülervorstellungen und Unterrichtsvorschläge zu deren Korrektur, München, GRIN Verlag GmbH
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