Inhaltsverzeichnis 1
Theoretischer Teil
1. Depressivität im Jugendalter 10
1.1 Begriffsproblematik 10
1.1.1 Major Depression - Depressivität 11
1.1.2 Frühe konzeptuelle Ansätze 11
1.1.3 Aktuelle Ansätze 12
1.2 Klassifikation 12
1.2.1 Klassifikations-Ansatz von Carlson und Garber (1986 ) 16
1.3 Symptomatik depressiver Störungen 18
1.3.1 Entwicklungsspezifische Symptomatik 19
1.3.2 Das depressive Kind in der Leistungssituation 21
1.4 Entstehungsbedingungen depressiver Störungen 24
1.4.1 Genetische Einflüsse 25
1.4.1.1 Psychische Erkrankung der Eltern 26
1.4.2 Verlust- und Trennungserlebnisse 26
1.4.3 Erworbene Vulnerabilität 27
1.4.4 Bewältigungsstrategien 27
1.4.5 Protektive Faktoren 28
1.4.6 Erlernte Hilflosigkeit - Attributionstheoretisches
Depressionsmodell der Theorie der erlernten Hilflosigkeit 29
1.4.7 Verhaltenstherapeutische Ansätze 29
1.4.7.1 Verstärkungspsychologischer Zugang von Lewinsohn (1974 ) 29
1.4.7.2 Kognitiv orientierte Zugang von Beck (1970 ) 30
1.4.7.3 Selbstkontrollansatz von Rehm (1977 ) 30
1.4.8 Psychoanalytischer Ansatz von Reich (1991 ) 31
1.5 Auftretenshäufigkeit depressiver Störungen
im Kindes- und Jugendalter 32
1.5.1 Verbreitung von Depression im Kindes- und Jugendalter 34
Inhaltsverzeichnis 2
1.5.2 Risikoalter und Erstmanifestation 35
1.5.3 Die Zunahme depressiver Syndrome in der Adoleszenz 35
1.6 Zusammenfassung 37
2. Angst 40
2.1 Theoretische Ansätze 40
2.1.1 Psychoanalytischer Ansatz 40
2.1.2 Reiz-Reaktionstheorien 40
2.1.2.1 Das State-Trait Modell von Spielberger (1972 )
Angst vs Ängstlichkeit 41
2.1.3 Kognitions- und Handlungstheoretische Ansätze 43
2.1.3.1 Angstkontrolltheorie von Epstein (1972 ) 43
2.1.3.2 Erweiterte Streßbewältigungstheorie von Lazarus (1991 ) 43
2.1.3.3 Theorie der Angstabwehr von Krohne (1975 ) 44
2.1.3.4 Kontrollprozeßtheorie von Carver und Scheier (1990 ) 45
2.2 Angst im Kindes- und Jugendalter 46
2.2.1 Auftretenshäufigkeiten und Angstinhalte 46
2.2.2 Entwicklungsspezifische Symptomatik von Angststörungen 47
2.2.2.1 Schema entwicklungsspezifischer Angstinhalte (nach Nissen, 1971 ) 48
2.2.2.2 Phobien 48
2.3 Leistungsängstlichkeit 49
2.3.1 Definition von Leistungsängstlichkeit 49
2.3.1.1 Kognitive Theorien 50
2.3.2 Entstehungsbedingungen von Leistungsängstlichkeit 51
2.3.2.1 Leistungsrückmeldung und Kausalattribuierung 53
2.3.3 Auftretenshäufigkeiten von Leistungsangst 54
2.3.3.1 Versagensangst 55
2.3.4 Differentielle Leistungsängstlichkeitsdiagnostik
(Rost Schermer, 1987 , 1989 ) 55
Inhaltsverzeichnis 3
2.3.4.1 Auslösebedingungen von Leistungsängstlichkeit 57
2.3.4.2 Manifestationen von Leistungsängstlichkeit 58
2.3.4.3 Copingstrategien- Angstbewältigung 59
2.3.4.4 Stabilisierungsformen von Leistungsängstlichkeit 60
2.4 Zusammenfassung 62
3. Aggression 64
3.1 Begriffsdefinition 64
3.1.1 Definition des Begriffes Aggression 64
3.2 Theoretische Ansätze 65
3.2.1 Triebdynamisches Aggressionsverständnis 65
3.2.2 Frustrationstheoretische Deutung der Aggression 65
3.2.3 Lerntheoretische Deutung der Aggression 66
3.2.4 Verhaltensbiologische Betrachtungen der Aggression 67
3.2.4.1 Ethnologische Erkenntnisse 67
3.2.4.2 Physiologische Erkenntnisse 68
3.3 Klassifikation der Aggression 68
3.4 Entwicklungsspezifische Symptomatik des aggressiven Störungsbildes 71
3.4.1 Geschlechtsunterschiede in der aggressiven Symptomatik 73
3.5 Auftretenshä ufigkeiten aggressiver Störungen 73
3.6 Verlauf aggressiver Störungen 74
3.7 Exkurs: Autoaggression 76
3.8 Risikofaktoren 77
3.9 Zusamme nfassung 79
4. Komorbidität zwischen (Leistungs )Angst und Depression
und Aggression und Depression 82
4.1 Begriffsdefinition 82
4.2 Definition / Beschreibung komorbider Verhaltensstörungen 82
4.2.1 Beobachtbare Komorbidität 83
Inhaltsverzeichnis 4
4.2.2 Kausale Komorbidität 84
4.2.3 Entwicklungsbezogene Komorbidität 84
4.2.4 Häufigkeiten des Auftretens zweier oder mehrerer psychischer Störungen84
4.3 Komorbidität von Aggression und Depression 85
4.3.1 Theoretische Grundlagen 85
4.3.2 Epidemiologie des aggressiv-depressiven Störungsbildes 86
4.3.3 Erscheinungsbild des aggressiv-depressiven Störungsbildes 89
4.3.3.1 Aggression als Risiko für Depression 89
4.4 Komorbidität von Angst und Depression 91
4.4.1 Theoretische Grundlagen 91
4.4.2 Epidemiologie des ängstlich-depressiven Störungsbildes 92
4.4.3 Symptomatik des ängstlich-depressiven Störungsbildes 94
4.5 Zusammenfassung 96
5. Entwicklung der Fragestellung 98
Empirischer Teil
6. Beschreibung der Stichprobe 101
6.1 Altersstufen 101
6.2 Schultypen 103
6.3 Berufstätigkeit der Mutter 104
6.4 Verständnisprobleme 104
7. Beschreibung der Testsituation 105
7.1 Alter 105
7.2 Geschlecht 106
7.3 Schultyp 107
8. Beschreibung der Testinstrumente 108
8.1 Depressivität - RADS (Reynolds, 1987 ) 109
8.1.1 Itemkennwerte 109
Inhaltsverzeichnis 5
8.1.1.1 Itemanalyse des RADS 110
8.2 DAI- Differentielles Leistungsangst-Inventar
(Detlef Rost und Franz Schermer, 1997 ) 112
8.2.1 Angstauslösung (24 Items) 112
8.2.2 Angsterscheinungsweisen (Manifestation) (24 Items) 113
8.2.3 Angstverarbeitung (Copingstrategien) (32 Items) 113
8.2.4 Angststabilisierung (Stabilisierungsformen) (16 Items) 113
8.2.5 Itemkennwerte 114
8.3 FAF - Fragebogen zur Erfassung von Aggressivitätsfaktoren
(Hampel Selg, 1975 ) 114
9. Diagnostik der Depressivität 117
9.1 Depressivität und Geschlecht 118
9.2 Schultyp und Depressivität 119
9.3 Depressivität und Altersgruppen 120
9.3.1 Depressivität und Alter 120
9.4 Vergleich von Depressiven und Nicht -Depressiven
in den Subtests des DAI und FAF 123
9.4.1 Ergebnisse des FAF. 123
9.4.2 Ergebnisse des DAI 124
9.4.2.1 Auslösebedingungen 124
9.4.2.2 Angst-Manifestation 125
9.4.2.3 Coping-Angstverarbeitung 126
9.4.2.4 Stabilisierung 127
10. Gruppenbildung / Clusteranalyse 128
10.1 Verteilung der Depressiven auf die 4 entstandenen Cluster 129
10.2 Geschlechtsunterschiede innerhalb der Cluster 131
10.2.1 Cluster 1 : Weder/Noch-Typ 132
10.2.2 Cluster 2 : Der ängstlich-depressive Typ 132
10.2.3 Cluster 3 „Der aggressiv-depressive Typ“ 133
Inhaltsverzeichnis 6
10.2.4 Cluster 4 Aggressiver Typ 134
11. Beschreibung der Cluster - Typenbildung 137
11.1 Cluster 1 : Weder/Noch-Typ 138
11.1.1 Angstauslösung 138
11.1.2 Angsterscheinungsweisen 139
11.1.3 Angstverarbeitung / Coping 139
11.1.4 Angststabilisierung 140
11.1.5 Aggressivitätsfaktoren 140
11.1.6 Zusammenfassung - Cluster 1 : Weder / Noch - Typ 141
11.2 Exkurs - Bedeutung der Cluster 2 und 3 141
11.3 Cluster 2 Der ängstlich-depressive Typ 142
11.3.1 Angstauslösung 142
11.3.2 Angsterscheinungsweisen / Manifestation 144
11.3.3 Angstverarbeitung / Coping 145
11.3.4 Angststabilisierung 147
11.3.5 Aggressivitätsfaktoren 148
11.3.6 Zusammenfassung Cluster 2 148
11.3.7 Der ängstlich-depressive Jugendliche des Clusters 2 149
11.4 Cluster 3 „Der aggressiv-depressive Typ“ 151
11.4.1 Angstauslösung 152
11.4.2 Angsterscheinungsweisen 152
11.4.3 Angstverarbeitung - Coping 153
11.4.4 Angststabilisierung 153
11.4.5 Aggressivitätsfaktoren 154
11.4.5.1 Spontane Aggressivität (x 7 ,45 ) 154
11.4.5.2 Reaktive Aggressivität 154
11.4.5.3 Erregbarkeit 155
11.4.5.4 Selbstaggression/Depression 155
11.4.6 Zusammenfassung des Clusters 3 156
Inhaltsverzeichnis 7
11.4.7 Der aggressiv- depressive Jugendliche des Clusters 3 156
11.5 Cluster 4 Der aggressive Typ 158
11.5.1 Aggressivitätsfaktoren 159
11.5.1.1 Spontane Aggressivität 159
11.5.1.2 Reaktive Aggressivität 159
11.5.1.3 Erregbarkeit 159
11.5.1.4 Selbstaggression/Depression 160
11.5.2 Zusammenfassung des Clusters 4 160
11.5.3 Der depressive Jugendliche des Clusters 4 161
12. Diskriminanzanalyse 162
12.1 Beschreibung der Ergebnisse 164
13 . Die drei Wünsche 166
13.1 Beschreibung der Ergebnisse 170
13.1.1 Geschlecht 170
13.1.2 Alt ersstufen 172
13.1.3 Schultypen 174
13.2 Wünsche der depressiven Jugendlichen 176
13.3 Zusammenfassung der drei Wünsche 179
14. Zusammenfassung der Testergebnisse 181
14.1 Cluster 1 Weder noch-Typ 183
14.2 Cluster 2 Der ängstlich-depressive Typ 183
14.3 Cluster 3 Der aggressiv-depressive Typ 184
14.4 Cluster 4 Der aggressive Typ 184
15. Diskussion 187
Einleitung 8
Einleitung
Die Depressivität im Jugendalter, als von der Erwachsenendepression abweichendes Krankheitsbild ist heute ein weitgehend anerkanntes Phänomen. Das war nicht immer so, lange Zeit galt die depressive Störung im Kindes- und Jugendalter als entwicklungsspezifische Störung und nicht als eigenständiges Krankheitsbild.
Während das klassische Bild eines depressiven Jugendliche den meisten bekannt ist, zeigt sich in letzter Zeit nicht immer nur das typische Erscheinungsbild des traurig, zurückgezogenen Jugendlichen. Ärgerlich, zornige und wütende Verhaltensweisen werden selten einem depressiven Jugendlichen zugeordnet, sind jedoch oft ebenso ein mögliches Erscheinungsbild eines depressiven Jugendlichen.
In letzter Zeit mehren sich Untersuchungen (Reicher, 1997; Kusch & Petermann, 1997), die das gemeinsame Auftreten verschiedener Verhaltensstörungen, welches Komorbidität genannt wird, beschreiben. Das isolierte Auftreten der depressiven Störung wird heute sogar eher als Ausnahme, denn als Regelfall beschrieben.
Es gibt viele Bereiche, in denen Komorbidität bei Kindern und Jugendlichen auftritt, als häufigste komorbide Störungen zur Depression werden Angst und Aggression genannt. (King et al., 1991; Garber et al., 1991) Auf diese Bereiche soll in Folge eingegangen werden, wobei der Bereich Angst eingegrenzt werden soll, auf den Spezialfall "Leistungsängstlichkeit". Vor allem im Schulbereich zeigen sich Leistungsängste bei Jugendlichen. Einerseits, weil die Schule als Schnittstelle zwischen Jugendlichen und Erwachsenen fungiert und dort etwaige Störungen eher erkannt werden können, andererseits weil die Schule als leistungsfordernde Institution oft eine Bedrohung für Kinder und Jugendliche darstellt. Aus diesem Grund wurde dieser relevante Teilbereich der Angst gewählt.
Einleitung 9
Die vorliegende Arbeit geht nun einerseits der Frage nach, wie viele depressive Jugendliche sich in einer unausgelesenen Stichprobe finden und ob sich die oft beschriebenen Alters- und Geschlechtseffekte bestätigen lassen.
Die Hauptfragestellung bezieht sich jedoch darauf, ob sich in dieser Stichprobe die in der Literatur beschriebenen Kombinationen von Leistungsängstlichkeit und Depressivität und Aggressivität und Depressivität findet. Gibt es den Typ des ängstlich- depressiven vs. aggressiv depressiven Jugendlichen?
Depressivität 10
1. Depressivität im Jugendalter
1.1 Begriffsproblematik
Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob "schwermütig-depressive Verhaltensweisen" angesichts besonderer Situationen als normal, als abnorm, oder gar als krankhaft anzusehen sind. Nach einer Definition von Kuhn trifft man folgende Unterscheidungen.
"Tritt die "schwermütig-depressive Verhaltensweise" als Reaktion auf den Verlust eines geliebten Menschen ein, spricht man von Trauer. Treten dieselben Verhaltens- und Erlebnisweisen ohne erkennbare Ursachen auf, dann nimmt man eine krankhafte Störung an, eine endogene Depression oder Melancholie falls psychosomatische Symptome hinzutreten. Dazwischen liegt die, durch ihre Intensität und Dauer als abnorm oder als krankhaft aufgefaßte reaktive Depression." (Kuhn, 1988, S.166)
Nissen (1975) definierte die Depression als eine psychische Störung mit trauriger, gedrückter Stimmung mit oder ohne somatische Begleiterscheinungen oder Selbsttötungstendenzen.
Nissen ist auch einer der Forscher seiner Zeit, welcher die kindliche Depression als eine eigenständige, von der Erwachsenendepression abweichende Krankheit sieht.
"Depressionen bei Kindern verlaufen niemals unter dem typischen psychopathologischen Bild Erwachsener. Sie haben eine eigene Symptomatik." (Nissen 1986, S. 142)
Depressivität 11
1.1.1 Major Depression - Depressivität
Von besonderer Bedeutung ist hier auch die Differenzierung zwischen dem klinischen Bild der Major Depression und der Depressivität i.S. von einer „Neigung“ zu depressivem Verhalten. Ersteres ist meist nur durch strukturierte klinische Interviews in Kombination mit Erhebungsverfahren zu diagnostizieren und stellt die klinisch relevante Form eine depressiven Erkrankung dar, während die Depressivität eine Neigung der Person zu depressiven Gedanken und Gefühlen darstellt.
1.1.2 Frühe konzeptuelle Ansätze
Betrachtet man die Entwicklung der psychiatrischen und psychologischen Forschung zum Problem depressiver Zustandsbilder bei Kindern und Jugendlichen, so zeigt sich, daß diese sich stark von der Depressionsforschung im Erwachsenenbereich unterscheidet.
Dies gilt sowohl für den Beginn der Forschung, als auch für den Verlauf und für die eingenommenen Positionen.
Bis zum Ende der sechziger Jahre konnten in den internationalen Literatur nur sehr wenige Beiträge zum Thema "Depression bei Kindern und Jugendlichen" gefunden werden. Die ersten Bücher, die sich wirklich umfassend mit dem Problem der Depression in Kindheit und Jugend befassen, erschienen erst Anfang der siebziger Jahre und galten als Pionierleistung auf diesem Gebiet der Forschung. (vgl. Arbeiten von Nissen, 1971)
Als Hauptgrund für die relativ späte Entdeckung der kindlichen Depression in Form wissenschaftlicher Betrachtungen nennt Wacker (1995) die Unterschiedlichkeit der depressiven Symptomatik von Kindern und Jugendlichen von der Symptomatik Erwachsener. Die depressive Symptomatik Erwachsener trete bei Kindern und Jugendlichen praktisch nicht auf und nach Rie (1966) sei das Auftreten solcher
Depressivität 12
Zustandsbilder bei Kindern und Jugendlichen sogar aus theoretischen Gründen gänzlich unmöglich.
" The familiar manifestations of adult, nonpsychotic depression are virtually nonexistent in childhood. There is remarkable concensus about this finding." (Rie, 1966, S. 654, zitiert nach Wacker, 1995)
1.1.3 Aktuelle Ansätze
In neuerer Zeit haben sich die Auffassungen bezüglich Kindheitsdepressionen als eigenständiges Krankheitsbild jedoch grundlegend geändert. Allgemein wird akzeptiert, daß auch Kinder depressive Erkrankungen aufweisen können. (Kovacs, 1989) Ein Großteil der Autoren, die sich mit der Depression im Kindes- und Jugendalter beschäftigen, gehen sogar davon aus, daß Kindheitsdepressionen mit den depressiven Zustandsbildern des Erwachsenenalters grundsätzliche Gemeinsamkeiten aufweisen (Friese & Trott, 1988, Rutter, 1986). Dies ist auch einer der Gründe, warum oft dieselben Diagnosekriterien sowohl für Kinder als auch für Erwachsene herangezogen werden.
1.2 Klassifikation
Bei der psychiatrisch-klassifikatorischen Differenzierung zwischen verschiedenen Formen depressiver Störungen im frühen Lebensalter wird grundsätzlich auf dieselben Kategorien Bezug genommen, die bei Erwachsenen Anwendung finden.( Saß, Wittchen & Zaudig, 1996)
Im Bereich der "Depressiven Störungen" unterscheidet DSM-IV zwei Hauptformen, nämlich die "Major Depression" als schwereres Störungsbild und die "Dysthyme Störung", welche zwar ein leichteres, aber dafür länger andauerndes Störungsbild
Depressivität 13
darstellt. Nach DSM-IV bestehen die Hauptsymptome einer Major Depression in einer depressiven, niedergedrückten Stimmung sowie dem Verlust von Interesse und Freude, ein Zeitraum von 2 Wochen, innerhalb dessen die Symptome auftreten müssen ist vorgegeben. Bei wiederholtem Auftreten einer depressiven Episode spricht man von "rezidivierenden "Störungen, wobei " ein Intervall von mindestens 2 aufeinanderfolgenden Monaten, in denen die Kriterien einer Major Depression nicht erfüllt waren , gegeben sein muß. " (Saß, Wittchen und Zaudig, 1996, S. 154)
Die diagnostischen Kriterien, die zur Bestimmung depressiver Störungsformen herangezogen werden, entsprechen im großen und ganzen jenen für Erwachsene, wenngleich im DSM-IV einige altersspezifische Modifikationen - die Angaben zur Dauer unterscheiden sich bei Kindern und Erwachsenen - vorhanden sind.
"Bei Kindern und Heranwachsenden kann reizbare Verstimmung vorliegen, und die Dauer muß mindestens ein Jahr betragen." (Saß, Wittchen und Zaudig, 1996, S. 154)
Major Depression
Depressivität 14
Tabelle 1: Grundlegende Merkmale einer Episode einer Major Depression nach DSM-III/DSM-IV
Dysthyme Störung
Tabelle 2: Grundlegende Merkmale einer Episode einer Dysthymen Störung nach DSM-III/DSM-IV
Diese alters- und entwicklungsbezogenen Spezifizierungen fehlen in der ICD-10 vollständig (Reicher, 1997). Darin findet sich nur der Hinweis, daß ein untypisches Erscheinungsbild depressiver Episoden besonders in der Jugend häufig ist.
Depressivität 15
Nach ICD-10 (Dilling et al, 1993) bestehen die Hauptsymptome einer depressiven Episode in einer Veränderung der Stimmung und d er Affektivität mit oder ohne begleitende Angst. Für therapeutische Zwecke ist im ICD-10 die Abstufung nach Schweregraden von großer Bedeutung.
"Die gedrückte Stimmung ändert sich von Tag zu Tag wenig, reagiert meist nicht auf die jeweiligen Lebensumstände, kann aber charakteristische Tagesschwankungen aufweisen." (Dillling et al, 1993, S.128)
Als Hauptmerkmale einer leichten depressiven Episode werden depressive Verstimmung, Verlust von Interesse und Freude und erhöhte Ermüdbarkeit genannt. Die Mindestdauer für die gesamte Episode sollte zwei Wochen betragen.
Das depressive Zustandsbild nach ICD-10
Depressivität 16
Tabelle 3: Klassifikation depressiver Zustandsbilder nach ICD-10 (Dilling et al., 1993)
Eine depressive Episode kann nach Petermann (1995) unterteilt werden in:
• leicht
• mittel
• ohne psychotische Merkmale
• schwer mit psychotischen Merkmalen.
Wenn die Störung keinem der Schweregrade entspricht, dann ist sie entweder teilweise oder völlig remittiert. Zusätzlich können depressive Episoden als melancholischer oder chronischer Typ spezifiziert werden. (Petermann, 1995)
Ein weiterer Ansatz zur Klassifikation der Depression im Kindesalter ist der
1.2.1 Klassifikations -Ansatz von Carlson und Garber (1986).
Dieser Ansatz zeichnet sich vor allem dadurch aus, daß er verstärkt auf die kindzentrierte Depression eingeht.
Zur ersten Kategorie gehören die akuten, reinen, einfachen oder reaktiven Depressionen. Die reaktive Depression wird definiert als "eine seelische Antwort auf
Depressivität 17
eine akute, psychische Überforderung mit Symptomen der Angst, Trauer und Erschöpfung. Sie entsteht durch umweltbedingte psychische Traumen oder längere seelische Belastung und bleibt inhaltlich und zeitlich auf die auslösenden Ereignisse und Belastungen zentriert." (Carlson und Garber, 1986, S. 413).
Hierzu gehört nach Ansicht der Autoren auch die Schuldepression. Sie kann unter ungünstigen Schulbedingungen bei emotional labilen Kindern ausbrechen.
In die zweite Kategorie fallen die chronischen Depressionen. Als mögliche Ursache für die Entstehung einer chronischen Depression werden langanhaltende Deprivation und Störungen der psychischen Verarbeitung angenommen, vor allem da sich unter den chronisch depressiven Kindern viele Heimkinder und Scheidungswaisen befinden. Es wird daher ein Fehlen von Geborgenheit und Sicherheit als begünstigend für die Entstehung einer chronischen Depressio n angenommen.
Die dritte Kategorie umfaßt alle maskierten Depressionen. Diese werden in der Literatur oft auch als larvierte Depressionen bezeichnet. Die genauere Beschreibung der larvierten Depression lautet nach der Definition der WHO (nach Kielholz & Adams, 1988) wie folgt:
"Unter larvierten Depressionen verstehen wir ein depressives Geschehen, bei dem die somatischen Symptome im Vordergrund stehen, beziehungsweise psychische Symptome in den Hintergrund treten." (Kielholz und Adams, 1988, S.149)
Larvierte Depression bedeutet also keineswegs eine Diagnose, sondern lediglich die phänomenologische Charakterisierung eines Zustandes, der auf Depression verdächtig ist. (Kielholz und Adams, 1988) Diese Diagnose wird heute kaum mehr verwendet, ist jedoch zum besseren Verständnis der Vielschichtigkeit des Phänomens Depressivität im Kindes und Jugendalter durchaus von Nutzen.
Depressivität 18
1.3 Symptomatik depressiver Störungen
Nissen (1989) gibt folgende Definition zur Symptomatik depressiver Kinder und Jugendlicher ab:
" Die Erkennung depressiver Syndrome bei Kindern ist deshalb so schwierig, weil sich ihre Symptomatik nach Geschlecht, Alter und Intelligenz wesentlich von der depressiver Erwachsener unterscheidet. (...). Die depressive Störung drückt sich vorzugsweise in Erziehungs- und Schulschwierigkeiten aus, weil dies die Berührungs- und Begegnungsstellen zwischen Erwachsenen und Kindern ist, in der feine Störungen am ehesten registriert werden." (Nissen, 1989, S.165-166)
Die Schwierigkeit dieses Ansatzes besteht vor allem darin, ein depressives Zustandsbild von anderen psychopathologischen Bildern eindeutig abzugrenzen. Wie soll man entscheiden, ob es sich bei einer aggressiven Handlung um ein verhaltensgestörtes Kind handelt, dem durch eine geeignete Behandlung am meisten geholfen werden kann oder ob diese Tat nur gesetzt wurde, um das Gefühl der Unterlegenheit und (kurzfristigen) Traurigkeit abzuwehren?
Die Frage nach der depressiven Symptomatik wird von verschiedenen Forschern (vgl. Nissen, 1989, Carlson & Garber, 1986, Kielholz & Adams, 1988) unterschiedlich beantwortet. Einig sind sie sich jedoch darin, daß sich klinisch relevante depressive Zustände in mehr als nur einer depressiven oder dysphorischen Verstimmung des Betreffenden äußern. Die gedrückte Stimmung wird dabei nur als ein (wenn auch sehr wichtiges) Symptom gesehen, das mit weiteren depressionsspezifischen Auffälligkeiten auftreten muß. (vgl. dazu Abschnitt 1.2)
Depressivität 19
1.3.1 Entwicklungsspezifische Symptomatik
Die klinischen Merkmale der Depression sind in Kindheit und Jugend aufgrund der raschen Entwicklung einer ständigen Veränderung unterworfen. Dennoch kann man einige typische Ausdrucksformen der Depression in gewissen Entwicklungsabschnitten festlegen (Graham, 1986).
Vorschule: In dieser Altersstufe ist es dem Kind noch nicht möglich depressive Gedanken und Gefühle zu äußern. Die depressive Symptomatik beschränkt sich hier weitgehend auf das Verhalten. Diese Kinder weinen viel, auch können sie Schlaf und Nahrung verweigern. Weiters zeigen sich in diesem Altersabschnitt überwiegend psychosomatische Merkmale (Kashani & Carlson, 1987).
Mittlere Kindheit / Schulalter: In dieser Altersstufe wird vor allem das gemeinsame Auftreten der depressiven Störung mit verschiedenen Formen der Angststörung verstärkt beobachtet. Kennzeichen einer depressiven Störung in diesem Alter sind weiters eventuelle psychosomatische Erkrankungen (Kopfweh, Bauchweh). Weiters werden Schulphobien, Lern- und Konzentrationsstörungen, Eß- und Schlafstörungen, sozial zurückgezogenes Verhalten vor allem gegenüber Gleichaltrigen und extreme Selbstkritik genannt (Reicher, 1998).
Adoleszenz: In diesem Alter ist die depressive Symptomatik der des Erwachsenenalters bereits sehr ähnlich. Die Jugendlichen klagen über Unlustgefühle, Schlaf- und Appetitstörungen, Energieverlust. Bei einer depressiven Störung in diesem Alter sind verstärkt Gefühle der Hoffnungslosigkeit, Nutzlosigkeit und Gedanken über eigenes Aussehen und Gesundheit zu bemerken. Etwa 80% der Jugendlichen mit einer diagnostizierten Depression berichten ebenfalls von erhöhter Gereiztheit (Reicher, 1997).
Ryan et al. (1987) konnten in einer empirischen Untersuchung weiters belegen, daß depressive Jugendliche, verglichen mit präpubertären Kindern signifikant ausgeprägtere Hypersomnie aufwiesen. Weiters waren Symptome wie Anhedonie, Hoffnungslosigkeit, Gewichtsverlust, Alkohol- und Drogenmißbrauch und Suizidalität häufiger als bei jüngeren Kindern.
Depressivität 20
Carlson & Kashani (1988) stellten einen Überblick über die altersspezifische Depressionssymptomatik auf, i n dem Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Symptomatik erkennbar sind:
Tabelle 4. Depressionssymptomatik in unterschiedlichen Altersgruppen (Carlson & Kashani, 1988)
Depressivität 21
1.3.2 Das depressive Kind in der Leistungssituation
In ihrem Artikel "Das depressive Kind in der Leistungssituation" führen H.-J. Friese und G.-E. Trott (1988) an,
"daß verschiedene Untersuchungen aus jüngerer Zeit ein gehäuftes Auftreten schulischer Leistungsstörungen bei depressiven Kindern und Jugendlichen konstatieren, ohne daß dabei die Art d er Leistungsbeschränkung näher charakterisiert wurde." (Friese und Trott, 1988, S. 191)
Bei Untersuchungen, in denen depressive Kinder in der Leistungssituation getestet wurden, konnten folgende Ergebnisse erzielt werden:
• Beck und Mitarbeiter (1987) untersuchten Jugendliche mit Lern- und Entwicklungsstörungen. Dabei zeigten jene, nach den DSM-III-Kriterien als depressiv eingestuften Jugendlichen, eine leichte, nicht signifikante Überlegenheit im Handlungs- und Verbalteil des Hawie.
• Kashani et al. (1983) stellten anhand einer unausgelesenen Stichprobe Neunjähriger, die einer umfangreichen kognitiven Testbatterie unterzogen wurden, keine Leistungsunterschiede zwischen depressiven und nicht depressiven Kindern fest. Bei den zum Teil widersprüchlichen Ergebnissen ist die unterschiedliche Operationsleistung der Depression (klinische Diagnose vs. CDI-Score inklusive des Normbereichs) sowie das Untersuchungsdesign (Kontrollgruppe vs. Korrelationsanalyse) zu berücksichtigen.
H.-J. Friese und G.-E. Trott (1988) führten an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Würzburg eine eigene Untersuchung durch. Dabei untersuchten sie 38 Kinder im Alter von 8-12 Jahren, die sich zwischen 1982 und 1985 in stationärer Behandlung befanden und eine depressive Symptomatik aufwiesen.
Depressivität 22
Aus den zeitlich als nächstes zur stationären Behandlung gekommenen gleichaltrigen Kinder ohne depressiver Symptomatik wurde eine gleich große Kontrollgruppe zusammengefaßt.
In einem ersten Schritt wurden die depressiven Kinder anhand wissenschaftlicher Dokumentation gewonnener Daten hinsichtlich leistungsrelevanter, prämorbider Verhaltensparameter mit der Kontrollgruppe verglichen. Dabei zeigten sich lediglich signifikante Unterschiede im Schulbesuch. Die depressiven Kinder besuchten häufiger regelrecht die Schule, während die nicht depressiven Kinder der Kontrollgruppe häufiger eine Klasse wiederholen mußten, oder die Sonderschule besuchten.
Außerdem wurden geschlechtsspezifische Unterschiede dahingehend festgestellt, daß bei den männlichen Patienten signifikant häufigere schulische Leistungsstörungen und Störungen im Kindergarten festgestellt wurden. Eine depressionsspezifische Einschränkung der intellektuellen Leistungsfähigkeit ist aufgrund dieser Ergebnisse daher nicht anzunehmen.
In einem zweiten Schritt wurden die Testprofile aus den vorliegenden HAWIK und HAWIK-R Ergebnissen herangezogen. Es wurden die Leistungen in den einzelnen Subtests sowohl intergruppal verglichen, als auch intergruppal mit den Referenzstichproben verglichen.
In dieser Untersuchung konnten Friese und Trott (1988) folgende Erkenntnisse gewinnen:
• Depressive Kinder zeigen eine bedeutsame Diskrepanz zwischen Verbal- und Handlungsteil. Hier läßt sich nicht eindeutig Stellung beziehen, es scheinen aber Untertestunterschiede auf anderen Dimensionen relevanter zu sein
• Depressive Kinder zeigen als Folge ihrer psychomotorischen Verlangsamung in den Speedtests (Zahlensymboltest, Bilder ordnen, Mosaiktest, Figuren legen) geringere
Depressivität 23
Leistungen als in den Powertests. Im HAWIK (alt) zeigt sich ein gegenteiliges Resultat, was allerdings mehr als Folge der subtest-spezifischen Normenverschiebung anzusehen ist. Im HAWIK-R ist die Differenz nicht signifikant.
• Depressive Kinder zeigen wegen ihrer geringen Konzentrationsfähigkeit schlechtere Leistungen im rechnerischen Denken, Zahlen nachsprechen, Zahlensymboltest. Im HAWIK (alt) ergeben sich unter Berücksichtigung der Untertestreliabilität signifikant schwächere Ergebnisse in den oben erwähnten Subtests Im HAWIK-R zeigt sich kein signifikantes Ergebnis, was eventuell auf die allgemein gesunkene Konzentrationsfähigkeit der Normpopulation zurückzuführen ist.
• "Depressive Kinder zeigen aufgrund ihrer affektiven Blockade und ihres sozialen Kompetenzdefizits Schwächen in Untertests mit hoher sozial-emotionaler Valenz (Bilder ordnen)." (Friese und Trott, 1988, S. 200)
• Depressive Kinder weisen aufgrund habitueller Mißerfolgserwartung und reduzierter Raisonabilität gegenüber positiv verstärkenden Ereignissen geringere Leistungen in Testaufgaben mit direktem Feedback (kontingenter Verstärkung) auf. Das Gesamtergebnis der entsprechenden Subtests ist nicht signifikant, weist aber in die entsprechende Richtung.
Einbeziehen der Lehrerurteile: Bei 25 % der Fälle liegt laut Meinung der Lehrer das generelle Leistungsvermögen depressiver Kinder auf dem gleichen bzw. über dem Niveau vergleichbarer Schüler, während bei 30 % der Beurteilungen das Leistungsvermögen unter dem Niveau der anderen Schüler lag. Die Unterrichtsbeteiligung wird generell als schlecht bezeichnet, auch verlangsamtes Arbeitstempo wird 13 x erwähnt.
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1.4 Entstehungsbedingungen depressiver Störungen
Bei der Frage nach den Ursachen einer depressiven Störung herrscht Einigkeit darüber, daß es sich um ein multifaktoriell bedingtes Geschehen handelt. In diesen Modellen, wird davon ausgegangen, daß eine Vielzahl an Einflußfaktoren im Sinne von Risikobzw. Vulnerabilitätsfaktoren biologischer, umweltspezifischer und psychologischer Provenienz zur Entstehung depressiver Störungen beitragen kann. (Rossmann, 1993, Reicher, 1998)
Aufgrund der enormen Fülle an ätiologischen Modellen wird hier nur ein Ausschnitt an Erklärungsmodellen angeführt. Dieser erhebt keinesfalls Anspruch auf Vollständigkeit, sondern spiegelt vielmehr die Ansichten der Autorin wieder.
"Ein Großteil der aktuellen Modelle beruht auf Streß-Diathese-Hypothesen (Diathese= Krankheitsanlage in denen Wechselwirkungsprozesse zwischen belastenden Einflußfaktoren und Vulnerabilitätsfaktoren angenommen werden)." (Reicher, 1998, S. 83)
Vereinfacht ausgedrückt, beziehen sich diese Modelle auf die Tatsache, daß das Vorhandensein von Risikofaktoren bzw. Stressoren allein noch keine depressive Reaktion auslösen. Erst wenn das Individuum eine "Vulnerabilität" aufweist, ist es verletzlich, und das Risiko für eine depressive Störung steigt beträchtlich.
Es gibt nach Rossmann (1993) eine Reihe an Faktoren, die als Risikofaktoren, bzw. Schutzfaktoren immer wieder genannt werden - einige davon sollen hier gezeigt werden:
• genetische Belastung - Depression der Eltern
• Stressoren - Verlusterlebnisse
• Erworbene Vulnerabilität
• Bewältigungsstrategien
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• Schutzfaktoren
• Theorie der erlernten Hilflosigkeit
• Verhaltenstherapeutische Ansätze
• Neurobiologische Ansätze
Die aktuelle Befindlichkeit wird durch das komplizierte Zusammenspiel all dieser Faktoren bestimmt. Ab einem gewissen, noch nicht näher bestimmten Schwellenwert depressiver Befindlichkeit werden Funktionen des Zwischenhirns in Mitleidenschaft gezogen. Diese, in phylogenetischem Sinn sehr tief liegenden Strukturen beeinflussen das Erleben von Lust und Unlust, Schlaf, Appetit und Aktivation. Dies, so wird angenommen, führe letztlich zum Bild der klinischen Depression. (Rossmann, 1993)
1.4.1 Genetische Einflüsse
In der Familienanamnese depressiver Kinder finden sich häufiger als bei nicht depressiven Kindern, Verwandte, die selbst an einer depressiven Störung oder an anderen psychischen Störungen leiden.
Zahlreiche Zwillings- und Adoptionsstudien weisen auf eine genetische Komponente in der Depression hin. So wurde in einer Untersuchung von Kashani et al. (1981) eine Konkordanzrate von 76 % für affektive Störungen bei eineiigen Zwillingen und 19 % bei zweieiigen Zwillingen festgestellt. Auch Kinder depressiver Eltern, die von gesunden Eltern adoptiert wurden, zeigten eine erhöhte Rate an depressiven Erkrankungen.
Thapar und McGuffin (1994) konnten an 316 Zwillingspaaren feststellen, daß die Heritabilität in bezug auf Depressionsscores sehr hoch war (79%), jedoch haben genetische und umweltbezogene Faktoren f ür verschiedene Altersstufen ein unterschiedliches Gewicht: Während bei Jugendlichen die genetischen Faktoren ein
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größeres Gewicht zu haben scheinen, sind es bei jüngeren Kindern eher Umweltfaktoren.
1.4.1.1 Psychische Erkrankung der Eltern
Beardslee, Keller, La vori, Klerman, Dorer und Samuelson (1988) berichteten in einem unausgelesenen Sample, daß ca. 30 % der Kinder von Eltern mit affektiven Störungen selbst affektive Störungen aufweisen, jedoch nur 2 % der Kinder mit Eltern ohne affektive Störungen, womit gezeigt wird, daß ein hoher Prozentsatz der Kinder depressiver Eltern auch unter depressiven Störungen leidet. Wie erklärt man nun diesen hohen Prozentsatz? Weintraub et al. (1986) versuchten eine mögliche Erklärung zu liefern, als sie aufzeigten, daß die soziale Kompetenz von Kindern depressiver Eltern schlechter ist, als die von Kindern gesunder Eltern. Depressive Eltern sind emotional weniger ansprechbar, da sie aber in den ersten Lebensjahren ihres Kindes dessen einzige Ansprechpartner sind, entwickeln diese Kinder oft abweichende emotionale Ausdrucksformen aufgrund der depressiven Störung der Eltern. Auch neigen depressive Eltern dazu, positive Äußerungen, auf die Depressive kaum reagieren, zu unterdrücken.
1.4.2 Verlust- und Trennungserlebnisse
Dazu gehören zu dem wohl schwerwiegendsten Verlust der Mutter oder des Vaters (bzw. einer nahestehenden Bezugsperson) durch Tod und/oder Trennung auch Verlusterlebnisse innerer Werte (Ziele, grobe Mißerfolge). Warum treten nun bei manchen Kindern nach Verlusterlebnissen Depressionen auf und bei anderen nicht?
Befunde aus der Verlust- und Seperationsforschung legen nahe, daß ein Schlüsselfaktor bei diesen sogenannten „exit events“ (Reicher, 1998) nicht der Verlust oder die Trennung an sich zu sein scheint, sondern die Tatsache, ob dieses Ereignis einen Mangel an Betreuung zur Folge hat.
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„Es ist die Bedeutung von Lebensereignissen für ein Individuum, die für psychopathologische bzw. gesunde Anpassung relevant zu sein scheint und nicht die Tatsache des Auftretens per se“ (Reicher, 1998, S. 91)
1.4.3 Erworbene Vulnerabilität
Neben der ererbten, auf genetischem Weg übertragenen Anfälligkeit für depressive Zustandsbilder, scheint es auch bestimmte erworbene Verhaltensmuster und Stile zu geben, die eine erfolgreiche Bewältigung neuer und belastender Gegebenheiten weniger wahrscheinlich machen (Rossmann, 1993). Hier sind beispielsweise die bei Depressiven oft zu beobachtende pessimistische Grundhaltung zu erwähnen, die Beck et al. (1986) beschreiben - nämlich eine generalisierte nega tive Einstellung zu sich selbst, zur Umwelt und zur Zukunft.
1.4.4 Bewältigungsstrategien
Depressive Personen sind oft nicht in der Lage, einen Grund für ihre schlechte Befindlichkeit anzugeben. Dadurch wird aber auch die aktive Veränderung der belastenden Sit uation erschwert. Problembewältigungsverhalten (Copingverhalten) gilt als ein wichtiger Faktor, der zwischen Stressoren und dem Auftreten von Streßreaktionen vermittelt. Kinder und Jugendliche mit hohen Depressionsscores verfügen über eher mangelnde Proble mlösefertigkeiten; Rückzug und
Vermeidungstendenzen scheinen markante Merkmale ihres Umgangs mit Problemen zu sein. (Reicher, 1997, u.a.)
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1.4.5 Protektive Faktoren
Es zeigte sich in mehreren Untersuchungen, daß nicht bei allen Kindern depressiver Eltern ein problematischer Entwicklungsverlauf festzustellen ist. Es scheint verschiedene Faktoren zu geben, die die Entwicklung depressiver Störungen verhindern und den Entwicklungsverlauf des Kindes günstig beeinflussen.
So fanden Beardslee und Podorefsky (1988) f olgende protektive Faktoren, die Kinder depressiver Eltern widerstandsfähiger machten:
• das Vorhandensein supportiver Personen außerhalb der Familie
• gute Anpassung in Schule und Beruf
• eine aktive Grundhaltung, sie ließen sich von der negativen Grundhaltung der Eltern nicht überwältigen
• Abgrenzung gegenüber der Gefühle und Krankheitssymptome des depressiven Elternteils
Jede Art der gelungenen sozialen Integration scheint sich weiters günstig auf die Befindlichkeit der Kinder auszuwirken. Abgesehen von der unmittelbar angenehmen Wirkung ermöglicht das Gefühl der sicheren sozialen Einbettung den Kindern auch, anderweitige Belastungen leichter zu ertragen und/oder zu bewältigen. (Blöschl, 1987)
Aufgrund der Tatsache, daß sich depressive Kinder oft durch eine bemerkenswerte soziale Inkompetenz auszeichnen, (Rossmann, 1993) nimmt das Training sozialer Fertigkeiten eine wichtige Stellung in der psychologischen Behandlung depressiver Kinder ein. Die Fähigkeit wichtige soziale Kontakte zu knüpfen und aufrechtzuerhalten, scheint ein wichtiger protektiver Faktor zu sein.
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1.4.6 Erlernte Hilflosigkeit - Attributionstheoretisches
Depressionsmodell der Theorie der erlernten Hilflosigkeit
Stiensmeier-Pelster & Schürmann (1991) beschreiben dieses Modell so, daß Personen, die dazu neigen, negative Ereignisse bevorzugt auf internale, stabile und globale Ursachen zurückzuführen, in besonderem Maß depressionsgefährdet sind, sobald sie mit negativen Ereignissen konfrontiert werden.“
In einer empirischen Arbeit von J. Stiensmeier-Pelster und M. Schürmann (1991) wurde untersucht, ob sich diese Theorie auch auf die Erklärung der Depression im Kindes- und Jugendalter übertragen läßt. Diese Untersuchung wurde anhand von 265 Schülern der 5. Klasse Gymnasium durchgeführt. Als Ergebnis läßt sich zusammenfassen, daß das Attributionstheoretische Depressionsmodell der Theorie der erlernten Hilflosigkeit auch zur Erklärung der Depressionsgenese im Kindes- und Jugendalter beiträgt. Kinder und Jugendliche, die dazu neigen, negative Ereignisse bevorzugt auf globale oder stabile Ereignisse zurückzuführen sind besonders gefährdet, an einer Depression zu erkranken.
1.4.7 Verhaltenstherapeutische Ansätze
Einige der bedeutendsten Ansätze zur Depression bei Kindern und Jugendlichen sind die verhaltenstherapeut ischen Ansätze von Lewinsohn (1974), Beck (1970) und Rehm (1977). Diese Ansätze sind zwar schon etwas älter, dienen aber heute noch als Grundlage der neuen Therapierichtungen.
1.4.7.1 Verstärkungspsychologischer Zugang von Lewinsohn (1974)
„Die Grundannahme des verstärkungspsychologischen Depressionsmodells besagt, daß die depressive Entwicklung mit massiven Verstärkungsverlusten und Verstärkerdefiziten d.h. mit massiven Reduktionen verhaltenskontingenter positiver Umweltrückmeldungen, in Zusammenhang steht.“ (Blöschl, 1988, S. 206)
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Zahlreiche empirische Befunde belegen weiters, daß die Interaktion des Individuums mit seiner Umwelt und alle Probleme und Defizite, die sich daraus ergeben, für die depressive Störung von großer Bedeutung ist. (vgl. Lewinsohn, Youngren und Grosscup 1979, Blöschl 1984)
1.4.7.2 Kognitiv orientierte Zugang von Beck (1970)
Beck (1970) geht von der Annahme aus, daß negative kognitive Grundmuster im Bereich der Wahrnehmung, des Denkens und der Einstellung als Grundlage der depressiven Entwicklung zu sehen ist. Auch negativ verzerrte Sichtweisen in bezug auf die eigene Person, die Umwelt und die Zukunft. Belegt werden diese Annahmen durch empirische Untersuchungen von Beck und Rush (1978) und von Giles und Rush (1983).
Als Kombination von kognitiv-behavioralen Ansätzen ist hier der
1.4.7.3 Selbstkontrollansatz von Rehm (1977)
zu nennen. Rehm geht davon aus, daß die depressive Störung durch ein Zusammenwirken von mangelhaften kognitiven Regelmechanismen mit externalen Verstärkerverlusten im Vordergrund steht.
Diese Modelle wurden ursprünglich als Ausgangsposition zur Erwachsenendepression entwickelt. Erst seit Beginn der Achtzigerjahre wurde die Anwendung behavioraler und kognitiver Ansätze auf Depressionen im Kindes- und Jugendalter diskutiert. Eine Reihe von Untersuchungen bestätigen die Annahme, daß verhaltensorientierte und kognitive Ansätze auch im Kindes- und Jugendalter entsprechende Anwendung finden. In bezug auf verhaltenspsychologische Hypothesen zeichnet sich eine Häufung von Problemen und Defiziten in den Interaktionen depressiver Kinder und Jugendlicher mit ihrer familiären und außerfamiliären Umwelt ab. (Jacobsen, Latrey und Strauss, 1983)
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1.4.8 Psychoanalytischer Ansatz von Reich (1991)
Reich (1991) beschreibt die Familien depressiver Kinder vor allem im psychoanalytischen Sinn als Familien mit starken Normorientierungen und einer äußerst rigiden Über-Ich-Struktur. Die intrafamiliäre Struktur scheint vorwiegend durch eine dominante Mutter und einen schwachen Vater gekennzeichnet zu sein.
In einer empirischen Arbeit, in der Reich (1991) sowohl eine „psychosomatische“ als auch eine „depressive“ Familie und deren Interaktionsmuster untersuchte, definierte er die Beziehungsäußerung der „depressiven Familie“ als deutlich negativer als in der „psychosomatischen Familie“. Die Mitglieder der „depressiven Familie“ unterbrechen einander auch weitaus häufiger. Die Affektivität in der depressiven Familie ist aggressiv gereizt.
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1.5 Auftretenshäufigkeit depressiver Störungen im
Kindes- und Jugendalter
Um die Verbreitung depressiver Störungen abschätzen zu können, wurden speziell in englischsprachigen Ländern bereits einige epidemiologische Untersuchungen durchgeführt. (Fleming, Offord, 1990)
Im Vorschulalter treten ernste depressive Störungen sehr selten auf. Wenn solche festgestellt werden, dann handelt es sich meist um Kinder in chaotischen Familiensituationen, beziehungsweise um Kinder schwer drogenabhängiger Eltern (Rossmann, 1993). Kashani & Carlson (1987) konnten 9 von 1000 Vorschulkindern nach DSM-III als depressiv diagnostizieren.
Bei der Untersuchung größerer unausgelesener Gruppen von Kindern im Schulalter wurden Zustandsbilder, wie sie oben als „Major Depression“ beschrieben wurden, bei etwa 2% der Kinder festgestellt. Ausgeprägte Geschlechtsunterschiede scheinen in dieser Altersstufe noch nicht zu existieren (Rossmann, 1993).
Mit zunehmendem Alter der untersuchten Probanden nimmt auch die Häufigkeit der depressiven Störungen zu. Bei Jugendlichen liegt der Anteil der Probanden mit einer „Major Depression“ bereits um die 5%, wobei die Störungen bei Mädchen schon häufiger auftritt. Fleming und Offord (1990) setzten in ihrer zusammenfassenden Bewertung von 14 epidemiologischen Studien den Prävalenzwert zwischen 0,4% und 6,4% an.
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Schuster (1997) berichtet eine Lebenszeitprävalenz für eine Major Depressive Episode von 12,8% in der Altersgruppe der 14 bis 24jährigen: ca. jeder Achte hat in seinem Leben schon einmal eine solche Episode erlebt.
Alter in Gruppen
Tabelle 5: Lebenszeitprävalenz depressiver Störungen von 14-24-Jährigen (Schuster, 1997)
Während bei Präadoleszenten keine signifikanten Geschlechtsunterschiede gefunden wurden, haben Studien mit Jugendlichen 2-3x höhere Depressionsraten und depressive Symptome bei Mädchen als bei Jungen erbracht (vgl. Anderson et al. 1987; Fleming, Offord & Boyle, 1989).
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Petersen et al (1991) konnten zeigen, daß Mädchen in der 12. Schulstufe deutlich depressiver sind als Jungen, wobei die Geschlechtsunterschiede in der 8. Klasse aufzutreten beginnen und mit der Zeit zunehmen. Interessant ist weiters die Tatsache, daß je weniger schwer die Depression ausgeprägt war, um so häufiger trat sie bei den Mädchen auf (Fleming et al, 1989).
1.5.1 Verbreitung von Depression im Kindes- und Jugendalter
Bei strukturierten Interviews zeigte sich eine Prävalenz von:
• weniger als 1% bei Vorschulkindern (Kashani & Carlson, 1987)
• ~ 2% bei Kindern im Schulalter (Anderson, Williams, Mc Gee &Silva, 1987)
• 4,7 % bei Jugendlichen (Kashani et al, 1987)
Bei Selbstbeurteilungsfragebögen zeigten sich höhere Prävalenzen. Unter Verwendung des Beck Depression Inventory zeigten sich Depressionsraten, die von 8,6% bis 32 % reichten (Gibbs, 1985).
Depressionsraten, die auf der Depressionsskala des Centre for Epidemiologic Studies beruhen, sind ähnlich hoch und reichen von 33- 50 % (Schoenbach et al, 1982).
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1.5.2 Risikoalter und Erstmanifestation
Die Prävalenz der Depression und depressiver Symptome nimmt mit dem Alter zu, die meisten Studien berichten höhere Raten der Depression bei Jugendlichen als bei Kindern. Beispielsweise erbrachte eine wiederholte Befragung der Zehnjährigen in der Isle-of-Wright-Studie nach vier Jahren, daß Depressionen um das Zehnfache zunahmen. (Rutter, 1986)
Mehrere Studien legen nahe, daß die erste Episode der Depression in der späten Kindheit oder der frühen Adoleszenz auftritt. Bei Jugendlichen aus der Normalbevölkerung war das Durchschnittsalter des Ausbruchs der Depression 14,3 Jahre. Ein früheres Ausbruchsalter wurde für klinische Stichproben berichtet, wobei das Durchschnittsalter für den Ausbruch elf Jahre betrug (Kovacs, Feinberg, Crouse-Novak, Paulaskas & Finkelstein, 1984).
In einer neueren epidemiologischen Studie an mehr als 1500 14-18jährigen beträgt das Erstmanifestationsalter 14,9 Jahre (Lewinsohn, Clarke, Seeley & Rohde, 1994). Die Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht und Suizidaltendenzen sind jedoch mit einem niedrigeren Erstmanifestationsalter verknüpft.
1.5.3 Die Zunahme depressiver Syndrome in der Adoleszenz
Warum ist die Depression in der Adoleszenz häufiger als in der Kindheit, und warum wird sie heute häufiger diagnostiziert als früher? F. Alonso-Fernandez (1988) einige mögliche Erklärungsansätze.
„In der Kindheit zeigt sich die Depression nur Stück für Stück in einer fragmentarisch zerissenen Form. Die unterdrückte Form der Depression des Kindesalters nimmt im Jugendalter eine strukturiertere Form an, wie wir sie in vier Unterformen im Erwachsenenalter am häufigsten sehen: Den Lebensschmerz, begleitet von vermindertem Selbstwertgefühl und unangenehmen
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Körpersensationen, dem Verlust des Antriebs, der Energie und des Interesses, Einschränkungen der Kommunikation auf verschiedenen Ebenen und der zirkadianen Rhythmusstörungen.“ (Alonso-Fernandez, 1988, S. 34)
Die größte Bedeutung in der Erklärung dieses Anstiegs der Depression sieht Alonso-Fernandez in der Soziologie des Jugendalters. Durch den Wandel der Gesellschaft den er auch als Mutation bezeichnet und die längere Lebenserwartung der Menschen kommt es zu veränderten Lebensbedingungen auch für Jugendliche. Aufbrechende Familienstrukturen, eine techno-bürokratische Gesellschaft u.v.m. führen dazu, daß folgende soziologische Faktoren verstärkt auf die Psychobiologie der Jugendlichen einwirken:
• Modifikation der Familienstruktur,
• arbeitende Mütter,
• Macho-Drogenrituale,
• hohe Bevölkerungsdichte in den Städten.
Weiters tritt heute die Phase des Jugendalters, ohnehin belastet mit Traumen und Krisen, wesentlich früher ein und hält länger an. Diese Tatsache und die oben angeführten soziologischen Faktoren führen dazu, daß die Phase der Adoleszenz unharmonischer und turbulenter verläuft als früher. Die biologische und intellektuelle Reifung wird beschleunigt, während die soziale, emotionale und affektive Reifung verlangsamt wird. Dies führt zu massiven Problemen bei den Jugendlichen. Betrachtet man die klinischen und epidemiologischen Daten kleinerer Gruppen, so meint Alonso-Fernandez, daß man in Verbindung mit epidemiologischen Studien über Selbstmord im Kindes- und Jugendalter berichten kann.
Fraglich ist jedoch, ob diese Ergebnisse nicht nur abhängig vom Zeitpunkt der Erhebung sind. Es ist heute wesentlich leichter eine psychologische oder psychiatrische Beratung aufzusuchen als vor dreißig Jahren.
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Viele Erwachsene geben an, in ihrer Jugend an Depressionen gelitten zu haben, die damals nicht erkannt wurden. Vor allem die Probleme in der Adoleszenz wurde extrem trivialisiert, indem ihre Schwierigkeiten als „normal für das Alter“ aufgefaßt wurden. Dabei war man sich der stillschweigenden Komplizenschaft der Jugendlichen sicher, die es nicht gewohnt waren, psychologische oder psychiatrische Hilfe zu suchen. Es hat sich herausgestellt,
"daß das Risiko, das Problem zu minimieren, sehr viel größer ist, als es zu psychiatrisieren.“ (Alonso-Fernandez, 1988, S. 34)
1.6 Zusammenfassung
In der Beschreibung der Depressivität finden sich anfangs eher uneinheitliche Definitionen. Erst langsam setzte sich das Bewußtsein einer eigenständigen kindlichen Depression durch, einer der ersten Vertreter auf diesem Gebiet war Nissen (1971, 1986).
Er definierte die kindliche Depression als eine eigenständige, von der Erwachsenendepression abweichende Krankheit. (Nissen, 1986) Auch in den klassischen Klassifikationssystemen DSM-IV und ICD-10 findet die Beschreibung der kindlichen D epression nur teilweise Eingang: Während im DSM-IV auf die entwicklungsspezifischen Merkmale der Depression im Kindes- und Jugendalter eingegangen wird, fehlen diese Spezifizierungen in der ICD-10 vollständig.
Bei der Symptomatologie der Depression in Kindheit und Jugend besteht die Problematik vor allem in der Abgrenzung von anderen psychischen Störungen. Gerade das Jugendalter ist von so vielen Störungen des Selbstwertes und der Befindlichkeit durchzogen, daß es oft schwierig ist, die Depression (oder depressive Verstimmung) zu diagnostizieren (Nissen, 1986) Dennoch lassen sich einige typischen Erscheinungs- formen der Depression im Jugendalter erkennen. Reicher (1997) beschrieb vor allem
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Schlaf- und Appetitstörungen, Energieverlust, Gefühle der Hoffnungslosigkeit, Nutzlosigkeit und Gedanken über eigenes Aussehen und Gesundheit. Weiters sind Symptome wie Anhedonie, Gewichtsverlust, Alkohol- und Drogenmißbrauch und Suizidalität häufiger als bei jüngeren Kindern. (Ryan et al., 1987)
Betrachtet man die beschriebenen Entstehungsbedingungen, so zeigt sich die durchgängige Ansicht mehrerer Autoren, daß es sich bei der Genese depressiver Störungen um ein multifaktorielles Geschehen handelt (Rossmann, 1993; Reicher, 1998, u.a.). Das Vorhandensein von mehreren Risikofaktoren bzw. Stressoren alleine löst jedoch noch keine depressive Reaktion aus, erst wenn ein Individuum eine Vulnerabilität aufweist, ist es verletzlich und das Risiko für eine depressive Störung steigt. Als Beispiele für die genannten Risikofaktoren s eien hier biologische, verhaltenspsychologische und psychosoziale Erklärungsmodelle genannt.
Wie viele depressive Jugendliche gibt es nun tatsächlich? Untersuchungen haben gezeigt, daß die Häufigkeit depressiver Störungen mit zunehmendem Alter ebenfalls zunimmt. Fleming und Offord (1990) setzten in ihrer zusammenfassenden Bewertung von 14 epidemiologischen Studien den Prävalenzwert zwischen 0,4 und 6,4% an. Schuster (1997) berichtet von einer Lebenszeitprävalenz für eine Major Depressive Episode von 12,8% in der Altersgruppe der 14- bis 24-jährigen; ca. jeder Achte hat in seinem Leben bereits eine solche Episode erlebt. Das Erstmanifestationsalter liegt nach Lewinsohn, Clarke, Seeley & Rohde (1994) bei 14,9 Jahren, wobei die Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht und Suizidaltendenzen mit einem niedrigeren Erstmanifestationsalter verknüpft sind.
Zusammenfassend kann man sagen, daß die Symptomatologie der Depression in Kindheit und Jugend differenziert zu betrachten ist. Sowohl entwicklungsspezifische Verhaltensweisen als auch altersspezifische (somatische) Symptomatik müssen berücksichtigt werden.
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Ein einheitliches Erscheinungsbild der Depressivität (iS. von Neigung, Empfänglichkeit) im Jugendalter kann alleine durch die „verschieden motivierte“ Depressivität nicht gegeben sein. Sowohl das Bild des zurückgezogenen, introvertierten Jugendlichen, welches eher dem „Klischee“ des depressiven Jugendlichen entspricht, als auch der zornige, wütende, weil unverstandene Jugendliche stellen beide Varianten des depressiven Erscheinungsbildes dar. Verschiedene Therapie-und
Interventionsmöglichkeiten zeigen meist nur dann Wirkung, wenn die Depression als multikausales Phänomen und nicht als isoliertes Krankheitsbild gesehen wird.
Arbeit zitieren:
Alexandra Nussbaumer, 2000, Depression im Jugendalter - unter besonderer Berücksichtigung der Komorbidität zwischen Angst und Depression und Aggression und Depression, München, GRIN Verlag GmbH
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