Mathias Schüz: Der Mensch zwischen Bedrohtheit und Verantwortlichkeit 2
Inhalt
INHALT 2
EINLEITUNG 3
1. MERKMALE DER BEDROHTEN WELT 5
1.1. Systematische Entleiblichung
5
1.2. Spaltung von Natur und Geist
7
1.3. Anthropozentrismus
9
1.4. Sinnverlust
10
2. MERKMALE FÜR DEN VERANTWORTLICHEN
MENSCHEN 11
2.1 Wert- und Sinnorientierung
12
2.2. Erfahrung der Einheit
17
2.3. Einflußmöglichkeiten des einzelnen
18
2.4. Bewahrung und Vermehrung der Lebenschancen aller
20
Mathias Schüz: Der Mensch zwischen Bedrohtheit und Verantwortlichkeit 3
Einleitung
Der Mensch und mit ihm die Menschheit als Ganzes sind durch
Umweltzerstörung, Überbevölkerung, technische und politische
Katastrophen bedroht. Wer oder was dafür verantwortlich ist, wird
oft diskutiert. Der einzelne Mensch wird dabei häufig entlastet.
Zwar ist er, zumindest in der westlichen Welt, Nutznießer von
Technik, Wissenschaft und industrieller Massenproduktion und
hat einen Lebensstandard, den sich in früheren Epochen nicht
einmal Fürsten leisten konnten. Für die zerstörerischen Folgen
jedoch wird er häufig als Opfer, weniger als Verantwortlicher ge-
sehen. Eher werden anonyme Organisationen und verselb-
ständigte Funktionen-Systeme der modernen Gesellschaft ver-
antwortlich gemacht.
Verantwortung wird gerne bei der erst besten Gelegenheit abge-
wälzt. Es ist wie bei einem Überfall auf der Straße: Je mehr Au-
genzeugen es gibt, desto weniger fühlt sich der einzelne verant-
wortlich einzugreifen. Soziologen haben dieses Phänomen "Ver-
antwortungsabschiebung oder -diffusion" („diffusion of responsibi-
lity“) genannt. Grundsätzlich schwindet die im Einzelmenschen
allgemein vorhandene Fähigkeit, in einer Notsituation verantwort-
lich, mutig und selbstlos zu helfen, in dem Maße wie die Zahl der
Zeugen zunimmt. Bereits ab einer Gruppengröße von sechs Per-
sonen läßt die aktive Hilfsbereitschaft drastisch nach. 1 Beruht diese Lähmung darauf, daß jeder vom anderen den ersten Schritt
erwartet?
Die Zeugen der Zerstörung unserer Überlebensbasis, der Tier-,
Pflanzen- und Mineralreiche, sind wir alle. Die Erde als Mutter al-
len Lebens und mit ihr die Menschheit sind ernsthaft bedroht.
1
Darley, J. G. / Latané, B.: Wann helfen Menschen ...? (1977), S. 108 ff..
Mathias Schüz: Der Mensch zwischen Bedrohtheit und Verantwortlichkeit 4
Doch die meisten Erdenbürger lassen ihre Verantwortlichkeit et- wa über die Massenmedien diffundieren. 2
Worauf beruht nun die Bedrohlichkeit, die offenbar vom Men- schen ausgeht, und ihn gleichzeitig selber bedroht? Was sind mögliche Gründe für sein selbstzerstörerisches Verhalten? Wel- che Möglichkeiten hat der Mensch angesichts der Bedrohtheit noch, verantwortlich zu handeln? Welche Grundregeln müßte er dabei beachten?
Der vorliegende Beitrag geht in zwei Schritten auf diese Fragen ein. Im ersten Teil werden Symptome und Gründe der Bedroht- heit anhand von vier Merkmalen skizziert und dazu korrespondie- rend im zweiten Teil vier Merkmale eines verantwortlichen Men- schen aufgezeigt.
2
Vgl. Verbeek, Bernhard: Die Anthropologie der Umweltzerstörung (1994),
S. 3 f.
Mathias Schüz: Der Mensch zwischen Bedrohtheit und Verantwortlichkeit 5
1. Merkmale der bedrohten Welt
Was sind wesentliche Symptome und Gründe für die Bedrohtheit
der heutigen Welt? Ich halte vier Merkmale der bedrohten Le-
benswelt für wesentlich:
• Systematische Entleiblichung der Lebenswelt,
• dualistische Spaltung von Geist und Natur,
• Anthropozentrismus,
• Sinnverlust
1.1. Systematische Entleiblichung
Im Jahre 1909 veröffentlichte der Futurist F. T. Marinetti im Pari-
ser 'Figaro' ein Manifest, das möglicherweise noch heute für viele
Programm ist. Dort schreibt er: "Zeit und Raum sind gestern ge-
storben. Wir leben bereits im Absoluten, denn wir haben schon
die ewige, allgegenwärtige Geschwindigkeit erschaffen. ... Besin-
gen werden wir ... die Fabriken, die mit ihren sich hochwindenden
Rauchfäden an den Wolken hängen; die Brücken, die wie giganti-
sche Athleten Flüsse überspannen ..., die abenteuersuchenden
Dampfer, die den Horizont wittern; die breitbrüstigen Lokomoti-
ven, die auf den Schienen wie riesige, mit Rohren gezäumte
Stahlrosse einherstampfen und den gleitenden Flug der Flugzeu-
ge, deren Propeller wie eine Fahne im Winde knattert und Beifall
zu klatschen scheint wie eine begeisterte Menge." Und ein Jahr
später stilisiert Marinetti die Geschwindigkeit gar zu einer neuen
Religion hoch: "Mit hoher Geschwindigkeit rasen [ist] ein Gebet.
Die Heiligkeit von Rädern und Schienen. Man muß auf den Ge-
leisen knien, um zur göttlichen Geschwindigkeit zu beten ... Der
Rausch hoher Geschwindigkeiten in Autos ist nichts anderes als
das Hochgefühl, sich mit der einzigen Gottheit zu vereinigen. ...
Zukünftige Zerstörung von Häusern und Städten, um Raum zu
schaffen für große Treffpätze für Autos und Flugzeuge" steht im
Mathias Schüz: Der Mensch zwischen Bedrohtheit und Verantwortlichkeit 6
Zentrum seines Katechismus. 3 Wird hier nicht vorweggenommen, was vielfach heute schon Alltag ist?
Wissenschaft, moderne Produktionstechniken und Handel haben
dem Menschen Produkte an die Hand gegeben, die natürlich ge-
gebenen Grenzen seines Leibes in Raum und Zeit kontinuierlich
zu überwinden.
Beispiele hierfür sind:
die heutigen Verkehrsmittel, die räumliche und zeitliche Di-
•
stanzen überwinden, die moderne Telekommunikation, die über akustische und vi-
•
suelle Signale jeden Ort der Welt verbindet, medizinische Eingriffe, die mittels Satelliten und Roboter über
•
tausende Kilometer hinweg vorgenommen werden können, die Cyber-Space-Technologie, die z. B. beim Sexualverkehr
•
mit Hilfe von Ganzkörper-Daten-Anzügen und Computern die
leibliche Anwesenheit eines Partners überflüssig macht, 4
und schließlich der Bomberpilot, der sein Ziel via Bildschirm
•
findet und trifft.
Hat Erich Fromm nicht recht, wenn er von der im modernen Men-
schen angelegten Nekrophilie spricht? 5 Er liebt tote Materie mehr als lebende. Jedenfalls ist die Identifikation mit toten Maschinen
so groß geworden, daß er selbst in der Sprache eher sagt: "Man
hat mich auf dem Parkplatz angefahren" und dabei sein Auto
meint, als daß er im abgeholzten Regenwald eine Selbstverstüm-
melung sieht.
Technische Geräte ersetzen ökologisch gewachsene Welten,
gentechnische Eingriffe schaffen Körper, die gegenüber be-
3 Zit. n. Verbeek ebd. S. 203 f.
4 Vgl. DER SPIEGEL: Wollust mit dem Computer (1993) Nr. 46.
5 Erich Fromm: Anatomie der menschlichen Destruktivität (1974).
Mathias Schüz: Der Mensch zwischen Bedrohtheit und Verantwortlichkeit 7
stimmten Umwelteinflüssen immun sind, da der biologische Leib
als Feind des Überlebens angesehen wird. Was heute noch
Science Fiction ist, kann morgen bereits Realität sein: Hirne, die
ohne Leib überleben und Computer steuern, künstlich geschaf-
fene Enklaven des Überlebens auf dem Meeresgrund oder im
Weltall. Oder: die Welt degeneriert zu einem Videospiel, so wie
das Videospiel sich zur Welt aufbläht.
Alles das sind Symptome für den zunehmenden Verlust der Leib-
lichkeit unserer Lebenswelt. Diese wird gen-technisch analysiert
bzw. digitalisiert, d. h. auf einfachste Informationseinheiten, näm-
lich die biochemischen Basen A, G, T, C bzw. die Nullen und
Einsen der Computersprache reduziert, und dann wieder synthe-
tisiert und rekombiniert.
1.2. Spaltung von Natur und Geist
Auf diese Weise hat sich eine Weltsicht radikal vollendet, deren
Fundamente bereits vor mehr als 350 Jahren u. a. durch René
Descartes gelegt wurden. Seine Methode beruht auf Forderun-
gen wie:
• Jedes schwierige Problem ist möglichst in seine einfachste
Teile zu zerlegen.
• Die Teile müssen wieder so zusammengesetzt werden, daß in
den Dingen eine neue Ordnung entsteht.
• Für jede Wirkung ist eine Ursache zu suchen. 6 Werden diese Forderungen von Analyse, Synthese und dem
Kausalprinzip erfüllt, so erhält der Mensch, wie Descartes ver-
spricht, neue Kräfte und eine "unendliche Zahl von Kunstgriffen"
6
René Descartes: Von der Methode (1960), S. 15.
Arbeit zitieren:
Dr. Mathias Schüz, 1995, Der Mensch zwischen Bedrohtheit und Verantwortlichkeit, München, GRIN Verlag GmbH
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