Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Die so genannte „Dritte Welt“ - Begriffserklärung. 6
3. Massenmedien und Wirklichkeit 9
3.1 Realitäts- und Konstruktivismusdebatte in der Kommunikationswissenschaft 10
3.2 Medien und die soziale Konstruktion von Wirklichkeit 13
4. Die „Dritte Welt“ in der Berichterstattung - Charakteristika und
Darstellungstendenzen 16
4.1 Themenarmut, Negativismus und Stereotypisierung - Das Medienbild der Dritten
Welt 16
4.2 Einstellungen, Meinungen und Bilder - Wahrnehmung der „Dritten Welt“ 21
5. Ursachen für die defizitäre Dritte-Welt-Berichterstattung. 25
5.1 Strukturelle Gründe 25
5.2 Mediale Entwicklungstendenzen. 28
5.3 Faktoren der Nachrichtenauswahl 31
5.4 Struktur der internationalen Informationsordnung. 35
5.4.1 Die Weltnachrichtenagenturen und der Internationale Informationsfluss in
den Nord-Süd-Beziehungen. 37
5.4.2 Die NWICO und der McBride Report 42
6. Möglichkeiten einer faireren Dritte-Welt-Berichterstattung. 50
7. Conclusio 55
8. Anhang 57
8.1 Literaturverzeichnis. 57
8.2 Abbildungsverzeichnis 64
2
1. Einleitung
Die soziale Realität in den Ländern der „Dritten Welt“ ist für den Großteil der „westlichen“ Bevölkerung medial vermittelte Realität, die zumeist nicht mit Erfahrungen erster Hand korrespondiert. Sofern Länder des Südens überhaupt Eingang in die massenmediale Berichterstattung finden, wird ein Bild von ihnen gezeichnet, dass von Stereotypen und Klischees geprägt ist, und sich in einer „Mischung aus viel Krieg und Katastrophen, etwas Mitleid, einem Schuß (sic!) Exotik und wenig Hintergrundinformation“ 1 konstituiert. Die „Dritte Welt“- Berichterstattung der hiesigen Massenmedien wird seit Jahren gleichermaßen von Journalisten, Kommunikationswissenschaftlern und
Entwicklungsarbeitern wegen ihrer verzerrenden Darstellung sozialer Realität in den Entwicklungsländern kritisiert. In den 70er und 80er Jahren, nach dem Aufkommen der Nord-Süd-Konfliktes und im Rahmen der Debatte um eine Neue Weltinformationsordnung, erfreute sich der Gegenstand der medialen Inszenierung der „Dritten Welt“, nicht zuletzt aufgrund des großen Engagements der Vertreter der zu weiten Teilen gerade unabhängig gewordenen Ländern, sehr großer Beliebtheit in der Scientific Community und fand in dieser oder ähnlicher Form Eingang in zahlreiche Forschungsarbeiten bzw. öffentliche Diskurse. Dieser Hintergrund erklärt warum ein großer Teil der in dieser Arbeit verwendeten Publikationen in diesem Zeitraum entstanden sind. Ganz besonders seinen an dieser Stelle die immer neuen wissenschaftlichen Bemühungen von Universitätsprofessor Kurt Luger gewürdigt, der die mediale Abhandlung der „Dritten Welt“ immer wieder in den Mittelpunkt seiner Beschäftigung stellte und damit einen großen Teil zur theoretischen Fundierung und Weiterentwicklung des Themas beigetragen hat. Dank dieser und anderer neuer Forschungsergebnisse ist es nun möglich, differenzierter auf die Defizite der Berichterstattung einzugehen und diese vor dem Hintergrund eines umfangreicheren theoretischen Bezugsrahmens zu erklären. Obwohl der Gegenstand heute, 25 Jahre nach dem Aufkommen der verstärkten Kritik an der Wirklichkeitskonstruktion der Entwicklungsländer in der
1 Luger, Kurt: Dritte Welt-Berichterstattung: eine einzige Katastrophe? Die Konstruktion von Wirklichkeit in Theorie und Praxis, in: Luger (Hrsg.): Die Dritte Welt in den Massenmedien, Arbeitsberichte des Instituts für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg, Salzburg, 1985, S. 5
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massenmedialen Berichterstattung, längst nicht mehr zu den Mainstream-Themen der Kommunikationswissenschaft gehört, hat sich an den grundsätzlichen Anklagepunkten gegen den Journalismus, der zwar den Verwertungsgesetzen des westlichen Informationsmarktes und den Berufspraktiken hiesiger Korrespondenten entspricht, jedoch nicht der sozialen Realität in den Ländern der „Dritten Welt“, nicht viel geändert. Um diese Art des Journalismus richtig einordnen zu können, bedarf es zunächst einer Analyse der Massenmedien in ihrem gesamtgesellschaftlichen Bezugsrahmen, die die Integration einer Vielzahl von theoretischen Konzeptionen unerlässlich macht und an denen sich der Aufbau der vorliegenden Arbeit orientiert. Die Ergebnisse der Literaturrecherche sind grob auf die folgenden forschungsleitenden Fragen ausgerichtet: Welches Bild der „Dritten Welt“ wird in den Massenmedien konstruiert und welche Folgen ergeben sich dabei in Bezug auf die Wissensbestände und das Weltbild der Rezipienten? Was sind die Ursachen für die defizitäre „Dritte Welt“- Berichterstattung? Und welche Möglichkeiten und Strategien gibt es für die Behebung dieser Defizite bzw. nach welchen Kriterien müsste der Journalismus umgestaltet werden, um die soziale Realität in den Ländern der Dritten Welt besser zu erfassen? Das erste Theoriekapitel widmet sich zunächst einer Definition und Diskussion des Sammelbegriffs „Dritte Welt“, der weder eindeutig, noch in seiner Verwendung unumstritten ist, was durch die häufige Beifügung der Worte „so genannte“ illustriert wird. 2 In Kapitel 3 wird das theoretische Grundgerüst für die behandelte Problematik gelegt. Ausgehend von zentralen erkenntnistheoretischen Fragestellungen nach dem Verhältnis von Medien und Wirklichkeit wird gezeigt werden, inwieweit das System der Massenmedien, basierend auf ritualisierten Praktiken der journalistischen Berufstätigkeit an dem gesellschaftlichen Prozess der Wirklichkeitskonstruktion beteiligt sind und wesentlichen Einfluss nehmen auf Einstellungs- und Meinungsbildungsprozesse auf Seiten der Rezipienten. Darauf aufbauend wird in Kapitel 4 am Beispiel der verzerrten entwicklungspolitischen Berichterstattung dargestellt, durch welche Stereotype und kulturellen Leitwerte die Wirklichkeit einer marginalisierten „Dritten Welt“ in den Massenmedien konstituiert wird und inwiefern dieses Bild in den Wissensbeständen und Meinungen der Zielgruppenpublika internalisiert wird. Dabei werden die zentralen Kritikpunkte an der gegenwärtigen Berichterstattung zusammengefasst und kategorisiert, um an späterer Stelle Raum für Verbesserungsvorschläge und Lösungsansätze zu machen. Es wird argumentiert werden, dass ein direkter Zusammenhang besteht zwischen der „Dritte Welt“ - Berichterstattung der Massenmedien, staatlicher Entwicklungshilfe und politischer Einstellung der Bevölkerung zu den Themen
2 Vgl. Schludermann, Walter: Im Süden nichts Neues. Anmerkungen zum Kontext der Dritte Welt-Berichterstattung, in: Medien Impulse, Heft 26, Dezember 1998, S. 27
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Entwicklungszusammenarbeit und Entwicklungshilfehilfe. Im Rahmen der Diskussion um die Ursachen der attestierten defizitären journalistischen Darstellung der Länder des Südens werden in weiterer Folge strukturelle und ökonomische Hindernisse der Massenmedien, sowie Arbeitsgrundsätze der journalistischen Praxis und Verwertungsgesetze des internationalen Informationsflusses als Erklärungsansätze präsentiert. In Kapitel 6 werden schließlich Vorschläge zur Verbesserung der bestehenden Situation diskutiert, die sich vor allem auf Möglichkeiten der Veränderung der journalistischen Arbeitsbedingungen und Ansätze des kulturellen Lernens und der verstärkten entwicklungspolitischen Öffentlichkeitsarbeit beziehen. Es wurde versucht, die zum Thema zahlreich vorhandenen sozialanthropologischen Erkenntnisse in angemessenem Umfang in die Arbeit einfließen zu lassen, ohne dabei den Rahmen zu sprengen. In einem abschließenden Conclusio werden die wichtigsten Erkenntnisse der Beschäftigung mit der „Dritte Welt“- Berichterstattung der Massenmedien in komprimierter Weise aufbereitet und ausgewertet.
Die vorliegende Bakkalaureatsarbeit versteht sich dabei nicht als unreflektierter Ankläger sämtlicher journalistischer Traditionen und Werte unserer westlichen Nachrichtenkultur, sondern will lediglich den Diskurs um die Herkunft, Bedeutung und Auswirkungen des krassen qualitativen und quantitativen Missverhältnisses in der Nord-Süd-Berichterstattung (wieder) in Gang bringen, in der Hoffnung, dass dem kritisch geschärften Bewusstsein (irgendwann) entsprechende Handlungen folgen mögen.
5
2. Die so genannte „Dritte Welt“ - Begriffserklärung
Das Begriffspaar „Dritte Welt“ ist nicht nur „stets hinterfragt und häufig missverstanden“ 3 wurden, sondern auch in seinem Ursprung umstritten. Die mehrfache Annahme, dass der Terminus auf das Werk Les damnés de la terre des algerischen Unabhängigkeitskämpfers Frantz Fanon zurückgehe, wurde falsifiziert und der französische
Bevölkerungswissenschaftler und Journalist Alfred Sauvy als Urheber anerkannt. 4 Sauvy wollte „Dritte Welt“ „analog dem Begriff „Dritter Stand“ als Träger der Französischen Revolution“, neben „den beiden gesellschaftstragenden Ständen des weltlichen und geistlichen Adels“ als Bezeichnung für eine „eigenständige, revoltierende Welt“ verstanden wissen. 5
Es handelte sich dabei um einen „selbstbewussten Begriff“, mit dem sich die „Dritte Welt“ selbst identifizieren sollte und der alsbald Einzug in internationale Gremien fand als Symbolisierung eines bewusst neutralen „Dritten Weges“ bzw. einer „Dritten Kraft“ zwischen den polarisierten Gruppen der OECD- und RWG-Länder im Kalten Krieg. Es wurden damit „die Länder zusammengefasst, die nach der Bandung Konferenz 1955 die Blockfreiheit zwischen Washington und Moskau gewählt hatten und sich in weiterer Folge (1964) zur „Gruppe der 77“ (heute sind es bereits über 130 Staaten. Anm. d. Verf.) zusammenschlossen.“ 6 Der Begriff „Dritte Welt“ untermauert auch den Versuch einer eigenständigen politischen Interessenvertretung innerhalb den verschärften
Auseinandersetzungen um eine neue Weltordnung in den 70er Jahren der zum Großteil im Laufe des Entkolonialisierungsprozesses entstandenen Ländergruppe, die sich bewusst von den ehemaligen westlichen Führungsmächten distanzierte, ohne jedoch in das sowjetische Lager zu wechseln. Die Begriffe „Erste“ und „Zweite Welt“ als Bezeichnung für Letztere entstanden erst im Nachhinein.
Der Urheber der „Dritte Welt“ Terminologie, Alfred Sauvy, distanzierte sich später von dem Begriff, „da er - entgegen seiner Intention - fast immer als Reihenfolge (1., 2., 3.) verstanden wurde“ und bereits in den 60er Jahren, spätestens aber nach Zerfall der Sowjetunion, nicht mehr nur stellvertretend für Blockfreiheit, sondern vor allem für wirtschaftliche
3 Nohlen, Dieter (Hrsg.): Lexikon Dritte Welt. Länder, Organisationen, Theorien, Begriffe, Personen, vollst. überarb. Neuausgabe, Rowohlt, Hamburg, 2002, S. 194
4 Vgl. Mokre, Monika: Die Dritte-Welt-Berichterstattung in kapitalistisch orientierter Presse (am Beispiel österreichischer Tageszeitungen Ende der 50er und Anfang der 80er Jahre), Univ.-Diss., Wien, 1990, S. 28
5 Renolder, Christa: Die so genannte Dritte Welt - zur Begriffserklärung, in: Luger, 1985, S. 3
6 Kohl, Alexander: Die Inszenierung der Dritten Welt. Berichterstattung über Entwicklungsländer in der westeuropäischen Tagespresse, Univ., Dipl.-Arb., Salzburg, 2003, S. 13
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Unterentwicklung stand. 7 Aus dieser missverständlichen Konnotation wurden in den 70er und 80er Jahren auch die Klassifikationen „Vierte“ und „Fünfte Welt“ für Länder ohne Erdölvorkommen bzw. mit sehr wenig eigenen Rohstoffvorkommen abgeleitet. 8 Die im Laufe der Jahre neu hinzugekommenen und teilweise parallel verwendeten Bezeichnungen Less Developed Countries (LCDs), Least Developed Countries (LLDCs) und Most Seriously Affected Countries (MSACs), sowie Entwicklungsländer und Unterentwickelte Gebiete vermochten nicht, ein weniger verallgemeinerndes bzw. simplifizierendes und von Eurozentrismus geprägtes Staatenbild des Südens zu entwerfen. Alle der genannten Sammelbegriffe sind problematisch, da sie eine strikte Homogenität einer Gruppe von Ländern im internationalen System suggerieren, für die sich „bislang kein geeigneter Name hat finden lassen“. 9 Es handelt sich um „ein höchst heterogenes Gemisch aus großen und kleinen, […] rohstoffreichen und -armen, ethnisch vielfarbigen und kulturell vielfältigen, sozio-ökonomisch unterschiedlich strukturierten, ungleich entwickelten, innen- und außenpolitisch verschieden orientierten alten Nationalstaaten in Lateinamerika und von den Kolonialmächten künstlich geschaffenen ,jungen Staaten’ in Afrika und in großen Teilen Asiens.“ 10 Angesichts der beschriebenen Vielfalt der betroffenen Länder lässt sich kaum von einer einheitlichen Ländergruppe sprechen, die „gemeinsame Interessen, Ziele und politische Strategien verfolgt“ bzw. über eine gleichförmige Eigendynamik bezüglich ihrer Strukturmerkmale und Entwicklungskonzepte verfügt. 11 Im Zusammenhang mit der starken Ausdifferenzierung und der mangelnden Abbildung der komplexen und divergenten Wirklichkeit diagnostiziert Nohlen das (begriffslogische) Ende der „Dritten Welt“ seitens der Wissenschaft und kennzeichnet die Terminologie als das Produkt eines „eurozentristischen Ordnungs- und Kategorisierungsdranges“. 12 Die Uneinigkeit über gemeinsame Merkmale und Faktoren des Entwicklungsstandes wirken sich nicht nur erschwerend aus auf die Definitionsfindung der Begriffe „Dritte Welt“ bzw. „Entwicklungsländer“, sonders vergrößern den rhetorischen Graben zwischen Alltagsverständnis und Begriffspraxis der Internationalen Beziehungen im Umgang mit den Ländern des Südens.
7 Vgl. Renolder, 1985, S. 3
8 Vgl. Ebenda
9 Nohlen (Hrsg.), 2002, S. 194
10 Nohlen, Dieter / Nuscheler, Franz: Handbuch der Dritten Welt. Bd. 1. Grundprobleme, Theorien, Strategien, 3. völlig neu bearb. Aufl., Bonn, 1992, S. 14
11 Kohl, 2003, S. 13, zit. nach: Matthies, Volker: „Feindbild“ Dritte Welt? Wider die Militarisierung und Marginalisierung der Nord-Süd-Beziehungen, S. 8, in: Matthies, Volker (Hrsg.): Kreuzzug oder Dialog. Die Zukunft der Nord-Süd-Beziehungen, Verlag W.H.Dietz, Bonn, 1992
12 Ebenda, S. 14
7
Der Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen (ECOSOC) verfasste im Jahre 1961/62 folgende Begriffsbestimmung 13 :
• Erste Welt: Länder deren Volkswirtschaften sich hauptsächlich durch ihre Marktorientierung bestimmen.
• Zweite Welt: Länder, deren Volkswirtschaften sich hauptsächlich durch ihre zentrale Planung bestimmen.
• Dritte Welt: Länder, deren Volkswirtschaften hauptsächlich Tauschwirtschaften sind.
Nach dem Wegfall der so genannten „Zweiten Welt“ wird die „Dritte Welt“ zusammengefasst als „Welt der armen, wirtschaftlich unterentwickelten und politisch schwachen Länder auf der südlichen Halbkugel“, die in erster Linie Rohstoffe exportieren und Investitionsgüter sowie Nahrungsmittel importieren und bei 76% der Weltbevölkerung über 30% des Kapitals verfügen. 14 Weiteres Charakteristika bilden etwa „das Vorhandensein sehr starker wirtschaftlicher und sozialer Disparitäten innerhalb eines Landes und seiner Bevölkerung […] und eine große Kluft zwischen Arm und Reich.“ 15 Bei weiterer Recherche auf den Seiten von UN, Weltbank und OECD bzw. DAC finden sich eine Vielzahl weiterer Sammelbegriffe und Subgruppierungen mit ihren jeweiligen Indikatoren, auf die jedoch an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden soll.
Aufgrund des Fehlens einer geeigneten Alternative, werden im Laufe der vorliegenden Arbeit weiterhin die Begriffe „Dritte Welt“ bzw. Entwicklungsländer verwendet. Dies geschieht jedoch ausdrücklich mit dem Wissen um die Problematik von Sammelbegriffen und Verallgemeinerungen, weswegen die Bezeichnung „Dritte Welt“ stets in Anführungszeichen gesetzt wird.
13 Friedenspädagogik Tübingen e.V.: Erste, Zweite, Dritte Welt, abgerufen unter: http://www.friedenspaedagogik.de/service/unter/123welt.htm#5 (19.05.2006)
14 Ebenda
15 Kohl, 2003, S. 15, zit. nach: Fischer Weltalmanach 2002, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M., 2001
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3. Massenmedien und Wirklichkeit
Die Frage nach dem Verhältnis von Medien und Wirklichkeit beschäftigt die Massenkommunikationsforschung seit ihren Anfängen. Bereits vor über 100 Jahren (!) wurde in einer der ersten diesbezüglichen empirischen Untersuchungen festgestellt: „Our newspapers do not record the really serious happenings, but only the sensations, the catastrophes of history.“ 16
Das Fazit dieser und anderer Untersuchungen war, dass Medien in der Regel die Wirklichkeit nicht repräsentieren, sondern eine verzerrte Medienrealität wiedergeben, die nur geringfügig der „objektiven Wirklichkeit“ entspricht. „Die Berichte der Medien sind oft ungenau und verzerrt, sie bieten manchmal eine ausgesprochen tendenziöse und ideologisch gefärbte Weltsicht. Die in den Medien dargebotene Wirklichkeit repräsentiert in erster Linie Stereotype und Vorurteile der Journalisten, ihre professionellen Regeln und politischen Einstellungen, die Zwänge der Nachrichtenproduktion und Erfordernisse medialer Darstellung. Sie lässt nur bedingt Rückschlüsse zu auf die physikalischen Eigenschaften der Welt, die Strukturen der Gesellschaft, den Ablauf von Ereignissen, die Verteilung der öffentlichen Meinung.“ 17 Der Grundgedanke dieses Zitats wie auch der vorliegenden Arbeit wurzelt in konstruktivistischer Theoriebildung, die als Antipode zu realistischen Begriffsfeldern Nachrichten nicht als Abbild der Realität versteht, sondern als soziales Konstrukt basierend auf journalistischen Regelsystemen. Es wird weiters angenommen, dass „die wiederholte Berichterstattung über bestimmte Handlungen, Themen, Charakterprofile und Situationen beim Publikum bestimmte Vorstellungen von den sozialen und politischen Ereignissen (…) festschreiben.“ 18 Somit sind Medien die Vermittlungsinstanzen und Öffentlichkeitsplattformen, über die wir Teile unserer Realität definieren - sowohl die unmittelbare Umwelt als auch weniger greifbare, globale Zusammenhänge. 19 Die Rolle der Medien als Konstrukteure von Wirklichkeit soll sich mit den nachfolgenden Kapiteln über die Realitäts-und Konstruktivismusdebatte in der
Kommunikationswissenschaft und der Wahrnehmung der sozialen Konstruktion seitens der
16 Burkart, Roland: Kommunikationswissenschaft. Grundlagen und Problemfelder. Umrisse einer interdisziplinären Sozialwissenschaft, 4. überarb. u. akt. Aufl., Böhlau, Wien (u.a.), 2002, S. 270f, zit. nach: Speed, Gilmer J.: Do Newspapers Now Give the News?, in: Forum, 15 Jg., August 1893, S. 710, in: Schulz, Winfried: Massenmedien und Realität. Die „ptolemäische“ und die „kopernikanische“ Auffassung, in: Kaase, Max / Schulz, Winfried (Hrsg.): Massenkommunikation. Theorien, Methoden, Befunde, Sonderheft 30 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Westdeutscher Verlag, Opladen, 1989, S. 135
17 Ebenda, zit. nach: Schulz, 1989, S. 139
18 Luger, Kurt (Hrsg.): Images of Afrika. Das Bild Afrikas in den österreichischen Printmedien, Salzburg, 1996, S. 4
19 Vgl. Kohl, 2003, S. 23
9
Rezipienten angenähert werden. Damit wird gleichzeitig der theoretische Bezugsrahmen für die Einordnung des an späterer Stelle diskutierten Medienbildes der „Dritten Welt“ geschaffen.
3.1 Realitäts- und Konstruktivismusdebatte in der Kommunikationswissenschaft
Bezüglich der erkenntnistheoretischen Frage nach dem Zusammenspiel von Medien und Wirklichkeit gibt es zwei Hauptpositionen, die sich unter Realismus und Konstruktivismus subsumieren lassen und die von grundsätzlich verschiedenen Prämissen ausgehen. In den beiden Denkrichtungen geht es prinzipiell um die Frage „ob eine Instanz oder eine Einheit X (…) die Wirklichkeit, die sie zu erkennen glaubt, selbst hervorgebracht oder bloß abgebildet hat.“ 20 Der Realismus geht dabei von der Existenz einer Realität aus, die in ihren Grenzen objektiv erkennbar ist und von der medialen Berichterstattung abgebildet wird. Da qualitativ verlässliche externe Indikatoren verfügbar sind, kann gemessen werden, ob Medien, als passive Mittler, die Realität angemessen widerspiegeln oder diese verzerrt wiedergeben. 21 Im Gegensatz dazu beruht der Konstruktivismus auf der Prämisse, dass es keine objektive Realität gibt, von der ausgehend berichterstattet werden kann, so dass die Medien, als aktive Mittler, in die gesellschaftliche Konstruktion von Wirklichkeit eingreifen. Wirklichkeit ist damit ein Konstrukt der Journalisten mittels Berichterstattung und kann, „bedingt durch das Fehlen von medienexternen Kriterien, die eine Vergleichbarkeit zulassen würden“, nicht in Frage gestellt werden. 22 Die dualistische Perspektive der beiden Theorien lässt sich mit Abb. 1 anschaulich illustrieren.
Abb. 1: Begriffsfelder des Realismus und Konstruktivismus 23
20 Weber, Stefan: Was heißt „Medien konstruieren Wirklichkeit“? Von einem ontologischen zu einem empirischen Verständnis von Konstruktion, in: in: Medien Impulse, Heft 40, Juni 2002, S. 11
21 Vgl. Kalantzi, Marta: Das medienkonstruierte Ausland. Deutsche und Griechische Tageszeitungen im Vergleich, Peter Lang / Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt a.M., 2002, S. 15
22 Ebenda
23 Vgl. Weber, 2002, S. 12
10
„Der Realismus geht davon aus, dass es eher oder überhaupt nur die Wirklichkeit ist, die auf die Instanz (in diesem Falle: das System der Medien. Anm. d. Verf.) ein-wirkt (…), während der Konstruktivismus behauptet, dass es eher oder überhaupt nur die Instanz ist, die im Akt des Erkennens die Wirklichkeit erzeugt.“ 24 Die klassische Fragen zwischen Realismus und Konstruktivismus lauten also: „Ist die Wirklichkeit eine Entdeckung oder eine Erfindung? Spiegeln die Medien die Wirklichkeit (deckungsgleich bis verzerrt) wider, oder konstruieren sie sie erst? (…) Bilden wir die Wirklichkeit ab, oder bauen wir sie auf?“ 25 Bis heute kann man nicht von einem einheitlichen Theoriegebäude des Konstruktivismus sprechen, sondern eher von einem Diskurs, an dem ganz verschiedene Disziplinen beteiligt sind. Ausgangspunkt (allen) konstruktivistischen Denkens ist, wie bereits erwähnt, die Annahme, dass Menschen durch bestimmte Leistungen ihres Bewusstseins Wirklichkeitsvorstellungen konstruieren. Es wird dabei unterstellt, dass es „außerhalb der kognitiven Wirklichkeit eine Realität gibt, die den Anlaß (sic!) für unsere Wirklichkeitskonstruktion bietet.“ Jedoch ist diese „Realität an sich“ außerhalb unserer Erkenntnismöglichkeit und für das Individuum nicht erfassbar, „da wir nur die Wirklichkeit kennen, die wir wahrnehmen und in der wir handelnd und kommunizierend leben.“ 26 Nicht die Wirklichkeit als solche steht daher im Mittelpunkt, sondern der Vorgang der Konstruktion.
Der Begriff der „Konstruktion“, so Burkart, wird häufig missverstanden, denn „während man alltagssprachlich damit ein mehr oder weniger bewusst geplantes, absichtsvolles (intentionales) Handeln verbindet, bezeichnen Konstruktivisten mit diesem Wort Prozesse, in deren Verlauf sich Wirklichkeitsentwürfe herausbilden“ 27 , „und zwar keineswegs willkürlich, sondern gemäß den biologischen, kognitiven und sozialen Bedingungen, denen sozialisierte Individuen in ihrer sozialen und natürlichen Umwelt unterworfen sind.“ 28 Da diese Bedingungen abseits unserer willentlichen Steuerung liegen, „widerfährt uns die Konstruiertheit unserer Wirklichkeit gewissermaßen“. 29 Wir können sie erst dann wahrnehmen, wenn wir uns beim Handeln und Kommunizieren beobachten; „weshalb der Konstruktivismus zurecht als eine Theorie der Beobachtung zweiter Ordnung bezeichnet
24 Ebenda, S. 11
25 Ebenda, S. 12
26 Vgl. Burkart, 2002, S. 304, zit. nach: Schmidt, Siegfried J.: Medien, Wir verstehen uns doch? Von der Unwahrscheinlichkeit gelingender Kommunikation, in: Deutsches Institut für Fernstudien an der Universität Tübingen (Hrsg.): Funkkolleg: Medien und Kommunikation, Studienbrief 1, Beltz, Weinheim, 1990, S. 54
27 Ebenda, S. 305
28 Schmidt, Siegfried J.: Die Wirklichkeit des Beobachters, in: Merten, Klaus / Schmidt, Siegfried J. / Weischenberg, Siegfried (Hrsg.): Die Wirklichkeit der Medien. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft, durchgesehener Nachdruck der 1. Aufl., Westdeutscher Verlag, Opladen, 1994, S. 5
29 Burkart, 2002, S. 305
11
werden kann.“ 30 Da die Wahrnehmungsapparate von uns Menschen offenbar sehr ähnlich gebaut sind und daher recht ähnliche Entwürfe produzieren, ist es möglich, so Burkart, von einer gemeinsamen Wirklichkeit zu sprechen. 31 Je weiter wir uns jedoch „von sinnlichen Wahrnehmungen der natürlichen Umwelt entfernen und in den Bereich von Kommunikation, Konflikt, Diskurs und Geschichte (soziale Umwelt) geraten, desto komplexer wird die Situation.“ 32 Aus diesem Grund lassen sich Medienangebote nicht als Abbilder von Wirklichkeit bestimmen, sondern „als Angebot an kognitive und kommunikative Systeme, unter ihren jeweiligen Systembedingungen Wirklichkeitskonstruktionen in Gang zu setzen. Werden diese Angebote nicht genutzt, ,transportieren’ Medienangebote gar nichts.“ 33 In einer von den Massenmedien derart geprägten Gesellschaft ist Wirklichkeit also das, „was wir über Mediengebrauch als Gesellschaft konstruieren, dann daran glauben und entsprechend handeln und kommunizieren.“ 34 In Bezug auf das Thema der „Dritten Welt“- Berichterstattung bedeutet dies, dass Massenmedien soziale Wirklichkeit konstruieren, indem sie durch ritualisierte Praktiken der Berufstätigkeit, d.h. in diesem Fall wiederholte Berichterstattung über bestimmte Themen, Charakterprofile und Situationen, jedem, der zum Thema Entwicklungsländern über keine eigenen Erfahrungen verfügt, Informationen für die Konstruktion des persönlichen „Dritte Welt“- Bildes zur Verfügung stellt. 35 In den „mental maps“ der Rezipienten verfestigen sich dadurch die Ausprägungen dieser Berichterstattung als Weltbilder (wie in Kapitel 3.2. noch ausführlicher diskutiert wird). Indem aus der Unmenge von Ereignissen der komplexen Realität nach journalistischen Selektionskriterien jene Ausschnitte herausgefiltert werden, die in der Berichterstattung erscheinen, und gezwungenermaßen nur einen Bruchteil des Ganzes darstellen können, wird also soziale Konstruktion von Wirklichkeit praktiziert (genau wie durch die keineswegs zufällige 'Auswahl' von Satzstrukturen und semantischen Besonderheiten). Es sei also Schulz zuzustimmen, der die anfangs erläuterten grundsätzlich verschiedenen Prämissen in der erkenntnistheoretischen Debatte auf das System der Medien „umlegt“ und die Ptolemäischen Perspektive, die eine Position der Medien als Spiegel der Wirklichkeit suggeriert, aufgrund des eben gesagten hinsichtlich einer Kopernikanischen Perspektive zurückweist, die einen aktiven Eingriff in die gesellschaftliche Konstruktion vorsieht. 36 Die Erkenntnis, dass Medien „als integrativer Bestandteil der Gesellschaft“ gelten, als „aktives
30 Schmidt, 1994, S. 5
31 Vgl. Burkart, 2002, S. 307, zit. nach: Ebenda
32 Schmidt, 1994, S. 12
33 Ebenda, S. 16
34 Ebenda, S. 18
35 Vgl. Luger, 1996, S. 4
36 Vgl. Burkart, 2002, S. 272f, zit. nach: Schulz, 1989, S. 139
12
Element in einem sozialen Prozeß (sic!), aus dem eine Vorstellung von Wirklichkeit erst hervorgeht“ 37 ist für die weitere Argumentation der vorliegenden Arbeit von großer Bedeutung und soll an dieser Stelle nochmals betont werden.
3.2 Medien und die soziale Konstruktion von Wirklichkeit
In seinem Buch „Realität der Massenmedien“ hat Niklas Luhmann eine für diese Arbeit zentrale These aufgestellt: „Alles, was wir über unsere Gesellschaft wissen, ja über die Welt in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.“ 38 In der Tat sind die Medien jene Vermittlungsinstanz, mit deren Hilfe Wissen erlangt wird (oder auch nicht) und die darüber bestimmen, welche Themen im öffentlichen Diskurs auf der Tagesordnung stehen. „Worüber nicht berichtet wird, existiert nicht“ 39 ; eine Tatsache, die besonders im Zusammenhang mit der (fehlenden) „Dritte Welt“- Berichterstattung von Bedeutung ist. Das Wissen über die Welt „existiert als großer Bildervorrat in unseren Köpfen.“ 40 Massenmedien kultivieren eben diese Weltbilder im Zuge des zuvor beschriebenen Selektions- und Konstruktionsprozesses. Schulz hat in diesem Zusammenhang Medien sogar als „Weltbildapparate“ 41 bezeichnet, denn „indem sie Fakten und Ereignisse auswählen, verarbeiten und interpretieren, sind sie Teil eines kollektiven Bemühens, Realität zu konstruieren und diese Konstruktion durch Veröffentlichung allgemein zugänglich zu machen.“ 42 Über die Medien vermittelte Informationen werden so „zum Grundgerüst soziopolitischer Meinungen und Interpretationen, zur Voraussetzung für die innen-, außen-und entwicklungspolitische Realitätskonstruktion ihrer Rezipienten.“ 43 Einstellungen und Meinungen entstehen auf der Basis von Beobachtungen, Reflexionen, Informationssammlung und Interpretationsleistung. „Das gilt für Journalisten ebenso wie für Dritte Welt-Touristen, beide interpretieren Beobachtungen im Kontext ihres Wissensbestandes, ordnen Informationen um sich ein Bild zu machen, das daher immer nur eine Konstruktion sein wird.“ 44 Besonders stark sind diese Realitätskonstruktionen dann, wenn „medial vermittelte Informationen nicht auf Basis eigener Erfahrungen relativiert werden“ können. 45 Da die
37 Ebenda, S. 274
38 Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien, 2. erw. Aufl., Westdeutscher Verlag, Opladen, 1996, S. 9
39 Luger, Kurt: Das Bild der Dritten Welt in Österreichs Öffentlichkeit, in: Medien Impulse, Heft 26, Dezember 1998, S. 15
40 Kohl, 2003, S. 24, zit. nach: Steckholzer, Udo: Bilder-Welten und Welt-Bilder. Zur Rezeption des Fremden und des Unbekannten seit der frühen Neuzeit, Univ., Dipl.-Arb., Salzburg, 1990, S. 10
41 Burkart, 2002, S. 274, zit. nach: Schulz, 1989, S. 141
42 Ebenda
43 Luger, 1996, S. 4
44 Luger, 1998, S. 16
45 Luger, 1996, S. 4
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Arbeit zitieren:
Anna Fritzsche, 2006, "Im Süden nichts Neues" - Der Blick der Massenmedien auf die Dritte Welt, München, GRIN Verlag GmbH
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