Der Lamaismus in China. Geschichte und
Grundlagen seiner Verbreitung
von: Andreas Gruschke
Lamaismus ist eine nicht unbedingt angemessene, aber weit verbreitete Bezeichnung für die tibetische Form des Buddhismus, auch Vajrayana - “Diamant-Fahrzeug” - oder linkshändiger tantrischer Buddhismus genannt. Jeder dieser Begriffe betont andere Aspekte dieser einst aus Indien kommenden, in Tibet weiter entwickelten und verfeinerten buddhistischen Tradition. Sind zum einen die Tantras, die esoterischen Geheimlehren inhaltlich von zentraler Bedeutung, was die Verwendung des Begriffes Tantrayana nahelegt, so ist gesellschaftlich und innerhalb der monastischen Tradition der Lama - “Lehrer” oder Guru - von überragender Bedeutung, weshalb sich der Begriff Lamaismus eingebürgert hat.
Bei dieser vom Dach der Welt geprägten Form des Buddhismus wird vor allem an Tibet gedacht, und auch in wissenschaftlichen Abhandlungen wird der Lamaismus oder tantrische Buddhismus eher in Gegensatz zur “chinesischen Form des Buddhismus” gestellt. Die Zerstörungen und Prozesse der Kulturrevolution haben zudem bei vielen den Eindruck erweckt, China habe traditionell kein Verhältnis zum tibetischen Buddhismus oder Tantrismus. Einmal davon abgesehen, dass solches Denken den Vorgängen in der Kulturrevolution in Tibet zu Unrecht jegliche Ursachen in der tibetischen Gesellschaft selbst abspricht, verkennt man so auch, welche Verbreitung der tibetische Buddhismus in China nahm und auf welcher Grundlage dies geschah. Zu oft wird bagatellisiert, zu welcher Bedeutung der Lamaismus auch in China gelangt war, angefangen von der mongolischen Yuan-Dynastie über die Ming bis hin zur Förderung durch die Qing.
Der tantrische Buddhismus war allerdings in eigenen chinesischen Formen auch ohne Zutun tibetischer Lamas in China zur Blüte gelangt. Er hatte in der Tang-Zeit in China Fuß gefasst, gegen Anfang des 8.Jh., also zu einer Zeit, als der Buddhismus in Tibet gerade einmal ein halbes Jahrhundert darum kämpfte, zur weltanschaulichen Vorherrschaft zu gelangen. Der Tantrismus ist das Resultat der Übernahme archetypischer Anschauungen in die literarische Tradition und ihrer Vermischung mit der buddhistischen Philosophie.1 Tantra (Tib. rgyud) könnte man hier als eine Tradition der buddhistischen Praxis bezeichnen, die sich auf eine bestimmte Offenbarung stützt, die zumeist in einem ‘Wurzel-Text’ (tantra) niedergelegt wurde. Ihr Ziel ist es, durch die Beschwörung bestimmter, Sambhogakaya genannter Gottheiten die Erfahrung, oder besser den Daseinszustand, zu bewirken, der im Erfolgsfall durch die Beschwörung hervorgebracht wird.2 Die Buddhisten unterscheiden das links- vom rechtshändigen Tantra, die die Bedeutung des Sexuellen unterschiedlich bewerten. Der tantrische Buddhismus, dessen esoterische Praktiken bis ins 1.Jh. n.Chr. zurückverfolgt werden können, aber erst im späten 7., frühen 8.Jh. systematisch ausreifte,3 war somit früh in China vertreten. Kaiser Xuanzong förderte diese neu buddhistische Tradition umgehend, was wohl nicht zuletzt an der Nähe des esoterischen Buddhismus (chin. mizong) zur Ritualistik des Daoismus seiner Zeit lag.4 Drei indische Meister wirkten vor allem: Shubhakarasimha (637-735, chin. Shanwuwei), der das Basissutra der Schule übersetzte, Vajrabodhi (663-723, chin. Jingangshi), und Amoghavajra (705-774, chin. Bukung), der die dazugehörigen magischen Formeln, mantras, übermittelte.5 Deren Rezitation ist, wie das Verwenden von Mudras, Mandalas und Einweihungszeremonien, eines der wichtigen Elemente im tantrischen Buddhismus. Ähnlich wie Milarepa in Tibet drei Jahrhunderte später hatte der indische Meister Shubhakarasimha seine magischen Fähigkeiten in einem Wettstreit mit einem chinesischen Zaubermeister zu beweisen.6
Von Anbeginn waren die esoterischen Meister für die Herrschenden von Bedeutung, die sie an sich banden.7 Dies wurde unterstützt durch die Vorstellungen eines cakravartin, eines Weltenherrschers, in der esoterischen Ideologie und dessen kosmokratischer Umwandlungskraft - Vorstellungen, die letztlich, nach jahrhundertelanger buddhistischer Herausforderung, das klassische konfuzianische Weltbild eher stützten als störten.8 Ein roter Faden, der sich durch alle Schriften Amoghavajras zieht, ist die gegenseitige Abhängigkeit vom Erlangen der Erleuchtung und dem Schutz des Staates, weshalb alle esoterischen Rituale scheinbar dazu dienten beide Ziele zu fördern.9 Kein Wunder, dass später auch die Kaiser der Yuan, Ming und Qing allesamt den tantrischen Buddhismus, nun halt in seiner Form als Lamaismus, förderten und stützten.
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1 Conze 1986, S.168f.
2 Samuel 1993, S.19
3 Weinstein 1987, S.168, Anm.25
4 Weinstein 1987, S.54.
5 Lexikon 1986, S. 244
6 Weinstein 1987, S.55
7 Orzech 1998, S.138
8 Orzech 1998, S.143; vgl. auch S.206.
9 Orzech 1998, S.175
Arbeit zitieren:
M.A. Andreas Gruschke, 2000, Der Lamaismus in China. Geschichte und Grundlagen seiner Verbreitung, München, GRIN Verlag GmbH
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