Universität Potsdam
Fachbereich: Institut für Slavistik: Ostslavische Literaturen und Kulturen
Ivan A. Gončarovs Фрегат Паллада: Wahrnehmung und Erzählen
Schriftliche Hausarbeit im Rahmen der Ersten Staatsprüfung
für das Lehramt an Gymnasien
vorgelegt von: Tino Töpel
vorgelegt im: Februar 2006
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis ... 2
I. Einleitung ... 3
1. Eine Reise und ihre Texte ... 3
2. Forschungen ... 4
3. Zielstellung und Programm der Arbeit ... 7
II. (Sinn-) Strukturen des Textes ... 10
1. Erzählinstanzen ... 10
2. Titel ... 13
3. Äußere Struktur: Briefe ... 14
4. Kreisform des Textes und der Bewegung ... 17
5. Innere Struktur: drei mögliche Deutungen ... 20
III. Wahrnehmung und Darstellung des reiseliterarischen Raumes ... 25
1. Der erlebte Raum als Wahrnehmungsobjekt: Begriffe ... 25
a) Wahrnehmung ... 25
b) Der erlebte Raum ... 28
2. Das Schiff als erlebter und symbolischer Raum ... 29
3. Das Meer – eine Naturlandschaft ... 34
a) Das Meer in negativer Korrespondenz ... 35
b) Das Meer in positiver Korrespondenz ... 40
4. Landschaften als „картины“ oder: Raum und Kunst ... 43
a) Ankünfte in England und China ... 45
b) Insellandschaften: Madeira und Japan ... 50
c) Der locus amoenus oder: wie Wirklichkeit geboren wird ... 56
d) Sibirien: Rückkehr zur Wirklichkeit ... 60
IV. Wahrnehmung und Darstellung fremder Völker ... 63
1. Typische Wahrnehmungsobjekte ... 64
a) Sprache ... 64
b) Hautfarben ... 67
c) Augen ... 70
2. Der nationale Charakter: vom Massen- zum Einzelporträt ... 72
a) Der Engländer ... 72
b) Der Japaner ... 78
c) Asien und Europa ... 85
3. Frauen ... 86
V. Zusammenfassung ... 91
VI. Literaturverzeichnis ... 95
1. Primärliteratur ... 95
2. Sekundärliteratur ... 95
I. Einleitung
1. Eine Reise und ihre Texte
Als einziger der großen Realisten der russischen Literatur des 19. Jahrhundert hat Ivan Aleksandrovič Gončarov (1812 – 1892) eine Reise unternommen, die ihn über die Grenzen Europas hinweg führte. Er übernahm mehr aus Zufall den Sekretärsposten des Vizeadmirals Evfimij Putjatin, der von Zar Nikolaj I. 1852 beauftragt worden war, in geheimer Mission mit der Fregatte „Pallas“ nach Japan aufzubrechen, um Handelsbeziehungen mit dem ostasiatischen Land aufzunehmen. Gončarov begleitete zu jener Zeit den Rang eines Kollegienassessors in der Außenhandelsabteilung des russischen Finanzministeriums und war bereits als Autor des Romans Обыкновенная История (1847) und des Fragments Сон Обломова (1849) bekannt. Als das Expeditionskorps am 7.10.1852 von Kron(?)tadt aus in See stach, wusste noch niemand, dass die Fahrt nach Japan schließlich über England, die Westküste Afrikas bis zum Kap der Guten Hoffnung und weiter durch den Indischen Ozean mit Stationen auf Java, in Singapur und Hongkong führen würde. Der 1853 einsetzende Krimkrieg erschwerte die Reise, da die Expedition nun gezwungen war, einer Konfrontation mit englischen und französischen Schiffen auszuweichen und zwischen Japan, China und den Philippinen zu manövrieren, bis sie schließlich im August 1854 den Hafen Ajan im Ochotskischen Meer erreichte, wo Gončarov an Land ging, um über Sibirien nach Westrussland zurückzukehren.
Diese Reise fand eine mehrfache literarische Abbildung. Zunächst berichtete Gončarov seinen Freunden in Petersburg in Briefen von der Fahrt. Nach der Rückkehr wurden zwischen 1855 und 1857 einige dieser Briefe in nicht chronologischer Reihenfolge in verschiedenen Petersburger Literaturzeitschriften publiziert, um schließlich ein Jahr später unter dem Titel Фрегат «Паллада». Очерки путешествия в двух томах in Buchform zu erscheinen. Besonders die dritte Ausgabe von 1879 unterlag einer so starken Überarbeitung seitens des Autors, dass die Literaturwissenschaft von einem sorgfältig durchkomponierten und stilisierten Reisebericht ausgehen muss1.
Heute scheint dieser Reisetext in der westeuropäischen Slawistik beinahe vergessen zu sein, nachdem er noch von Arthur Luther zu den „schönsten Reisebeschreibungen der Weltliteratur“ (Luther 1924:233) gezählt wurde. Es gibt, meines Wissens nach, keine deutschsprachige Monographie zu diesem Text, auch wenn etwa Hans Rothe den Фрегат «Паллада» in gewissem Sinne für das wichtigste Buch des Autors hält, da Gončarov in ihm seine Ästhetik entwickelt habe (Rothe 1994:109).
Dabei ist die Gattung des Reiseberichts nicht nur aus kulturwissenschaftlicher Sicht spannend, weil in ihr die Konfrontation des Eigenen des Reisenden mit dem Fremden der bereisten Welt literarisch verarbeitet wird und aus der Wahrnehmung und Darstellung des Fremden Rückschlüsse über die Eigenkultur und Weltbilder des Reisenden gezogen werden können. Sie erhebt außerdem oft den Anspruch, „naturgetreu“ oder „wahrheitsgemäß“ über das auf der Reise Erlebte zu berichten und damit zum Bereich der diktionalen Literatur zu gehören. In einer von Gérard Genette aufgestellten Klassifikation von Texten steht sie in Opposition zu rein fiktionalen Texttypen. Da aber auch Reiseberichte in einer bestimmten literarhistorischen Tradition stehen und Ansprüchen eines historischen Publikums genügen müssen, werden oftmals fiktionale Elemente in den Text aufgenommen, um ihn attraktiver, lesbarer zu machen. Deshalb gelten Reisetexte in der Literatruwissenschaft als ein „hybrides“ Genre und werden in aktuellen Untersuchungen zur „friktionalen“ Literatur gezählt (vgl. Ette 2001:43ff.). Es soll u.a. Aufgabe der Arbeit sein, Elemente des friktionalen Charakters des Gončarovschen Reiseberichts aufzuzeigen. Was aber sagen denn bisherige Forschungen zum Problem der Wahrnehmung und Darstellung im Фрегат Паллада?
2. Forschungen
Boris Ėngel’gardt (1887 – 1942) war einer der ersten kritischen russischen Literaturwissenschaftler, dem die Aufdeckung von Wahrnehmungsprinzipien im Фрегат «Паллада» gelang. Er leitete 1935 die Herausgabe der Briefe Gončarovs von der Weltumseglung in der Zeitschrift Literaturnoe nasledstvo2 mit einem wichtigen Aufsatz ein, doch seine Monographie über den Reisebericht wurde einem breiteren Lesepublikum erst durch die Teilpublikationen von Teil II und III in Izbrannye trudy3 und von Teil IV bis VIII in Band 102 der Literaturnoe nasledstvo4 im Jahre 2000 vollständig zugänglich. Ėngel’gardts Untersuchung führt in ihrem zweiten Teil den Nachweis, dass die im Фрегат «Паллада» beschriebene Reise nicht mit der tatsächlich stattgefundenen übereinstimmt5. Der sowjetische Wissenschaftler verglich Gončarovs Text mit mehreren anderen Dokumenten über diese Reise, so z.B. Aufzeichnungen für die russischen Ministerien aus dem Archiv der Kriegsmarine und vor allem den Briefen Konstantin Nikolaevič Pos’ets (1819-1899), einem weiteren Begleiter Putjatins auf der Mission nach Japan und Vertreter der Akademie der Wissenschaften.
[...]
1 Eine ausführliche Schilderung der Textgenese findet sich in Ornatskaja, T. (1986) „Istorija sozdanija «Fregata Pallada»“ in: Gončarov, Ivan A. (1986) Fregat „Pallada“. Očerki pute(?)estvija v dvuch tomach, izd. T.I. Ornatskaja, Leningrad: Nauka, S. 763 – 787.
2 Vgl. Ėngel’gardt, Boris M. (1935) „Putevye pis’ma I.A. Gončarova iz krugosvetnogo plavanija“ in: Literaturnoe nasledstvo, Bde 22 – 24, S. 309 – 342.
3 Vgl. Ėngel’gardt, Boris M. (1995) „Fregat Pallada“ in: ders. Izbrannye trudy, pod redakciej A.B. Muratova, Sankt-Peterburg, S. 225 – 269. Im Folgenden als „Ėngel’gardt 1995“ angegeben.
4 Vgl. Ėngel’gardt, Boris M. (2000) „,Put(?)estvie vokrug sveta I. Oblomova‘. Glavy iz neizdannoj monografii B.M. Ėngel’gardta. Vstupitel’naja stat’ja i publikacija T.I. Ornatskoj“ in: Maka(?)in, S.A. u.a. [Hrsg.] I.A. Gončarov. Novye materialy i issledovanija, Reihe: Literaturnoe nasledstvo, Band 102, Moskva, S. 15 – 82. Dem Umstand dieser späten Veröffentlichungen ist es wahrscheinlich zu verdanken, dass ein großer Teil anderer Literaturwissenschaftler lediglich auf die Einleitung von 1935 Bezug nimmt (Piksanov 1946:38, Krasno(?)čekova, Nedzeckij).
5 So war z.B. der Zustand des Schiffes von Anfang an höchst Besorgnis erregend, die Ausbildung und Vorbereitung der Mannschaft unzulänglich und im späteren Verlauf die Kriegsgefahr permanent latent vorhanden. All dies spiele für den Erzähler keine Rolle, habe aber die Stimmung unter der Schiffsbesatzung wesentlich beeinflusst (vgl. Ėngel’gardt 1995:228).
Arbeit zitieren:
Tino Töpel, 2006, Ivan A. Goncarovs "Fregat Pallada": Wahrnehmung und Erzählen, München, GRIN Verlag GmbH
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