für meinen Vater
“I hope you´re doing better where you are now,
than when you were here”
Eine Diplomarbeit ist eine große Herausforderung, die nur mit Unterstützung hilfsbereiter Menschen zu vollbringen ist. Ihnen möchte ich hiermit danken:
Meinen Betreuern Prof. Dr. Dieter Läpple und Dr. Joachim Thiel danke ich für die intensive Beratung und vielfältigen Anregungen bei der Themenfindung. Ein weiterer Dank gilt Toralf Gonzalez für zwei sehr zeitintensive und fruchtbare Diskussionen sowie allen Gesprächspartnern für ihre Bereitschaft und großzügige Unterstützung bei den Recherchen.
Ian Pastoors, Daniela Riedel und Franziska Träger danke ich für ihre tatkräftige Unterstützung bei der Durchsicht der Texte und dem Visualisieren von Inhalten sowie als wichtige Impulsgeber und Ge- sprächspartner. Meinem Mann Karim gilt Dank für mentale Unterstützung, kostenlose Unterkunft und abwechslungsreiche, inspirierende Schaffungspausen. Allen Menschen in meinem Umfeld danke ich für ihre Geduld und ihren unerschütterlichen Glauben an mich und diese Arbeit, der mir immer neue Motivation gegeben hat.
Meinen Eltern danke ich, dass sie mir das Studium ermöglicht haben. Vor allem danke ich meinem Vater, der mich zu dem Studiengang ermuntert hat, und der leider nicht mehr erleben durfte, wie ich es vollendet habe.
Hamburg, Juli 2006
Inhaltsverzeichnis I
Inhaltsverzeichnis
EINFÜHRUNG 1
Einleitung 1
Erkenntnisinteresse und Ziel der Arbeit 1
Aufbau der Arbeit 2
Methodisches Vorgehen 4
Literatur- und Internetrecherche 6
Medienanalyse 6
Experteninterviews 8
Unternehmensbefragung 12
Qualitative und quantitative Kartierung 14
A Theorie
1. MIGRANTENÖKONOMIE ZWISCHEN NISCHE UND MARKT 19
1.1. Bedeutungsgewinn der Migrantenökonomie 19
1.2. strukturelle Merkmale und Besonderheiten 20
1.3. Definition und Begriffsabgrenzung 20
1.4. Entstehungstheorien und Erklärungsansätze 21
1.5. Bewertung der Entstehungstheorien und Erklärungsansätze 26
2. QUARTIERSENTWICKLUNG 32
2.1. Das Quartier als gesellschaftlicher Raum 32
2.2. Das Quartier als Ort von Milieus 33
2.2.1. Das Milieu in der Ökonomie 37
2.3. Quartiersentwicklung durch Segregation 38
2.3.1. Mechanismen der Segregation 39
2.4. Prozesse der Quartiersentwicklung 43
2.4.1. Gentrifizierung 44
2.4.2. Marginalisierung 45
2.4.3. Die Entstehung Ethnischer Kolonien 49
2.5. Die Stadt als Ort der Integration 53
2.6. Resümee 54
3. STADTTEIL- UND QUARTIERSBETRIEBE 55
3.1. Das Konzept der städtischen Teilökonomien 55
3.2. Arbeitswelten der Stadtteil- und Quartiersbetriebe:
Gemeinschaften Gesellschaften Partnerschaften 57
3.2.1. Bedeutung des Quartiers für Stadtteilbetriebe 59
II
3.2.2. Beschäftigungswirkung der Stadtteil- und Quartiersbetriebe 60
3.3. Stadtteil und Quartiersbetriebe in marginalisierten Stadtquartieren 61
3.4. Stadtteil- und Quartiersbetriebe in der Strategie der
Lokale Ökonomie 62
3.5. Stadtteil- und Quartiersbetriebe als
Lokal eingebettete Ökonomie 64
3.6. Potenziale der Stadtteilökonomie für die Quartiersentwicklung 65
4. MIGRANTENÖKONOMIEN ALS STADTTEIL- UND QUARTIERSBETRIEBE 68
4.1. Charakteristika der Migrantenökonomie 68
4.1.1. Ethnizität 68
4.1.2. soziales Kapital und Informalisierung..............................................69
4.2. Potenziale und Funktionen der Migrantenökonomie 70
4.2.1. Wirtschaft und Arbeit 70
4.2.2. Integration 71
4.2.3. Quartiersentwicklung 72
4.3. Zusammenfassung: Potenziale und Funktionen migrantischer
Stadtteil- und Quartiersbetriebe 75
5. RESÜMEE 76
B Empirie
6. EINFÜHRUNG IN DIE EMPIRISCHE UNTERSUCHUNG 77
6.1. Auswahl der Untersuchungsräume 77
6.2. Aufbau der empirischen Untersuchung 78
7. SCHANZENVIERTEL MIGRANTENÖKONOMIE IM PROZESS DER
GENTRIFIZIERUNG 79
7.1. Entstehung und Industrialisierung (1682-1939) 81
7.1.1. Baulich-räumliche Entwicklung 81
7.1.2. Sozialstruktur und Migranten 81
7.1.3. Gewerbestruktur 82
7.1.4. Image 82 Image.....................................................................................................82
7.2. Marginalisierung (1960-1985) 83
7.2.1. Baulich-räumliche Entwicklung 83
7.2.2. Sozialstruktur und Migranten 83
7.2.3. Gewerbestruktur 84
7.2.4. Image 86 Image.....................................................................................................86
7.3. Deindustrialisierung Neue Medien und Gentrifizierung (1985 bis
heute) 86
7.3.1. Baulich-räumliche Entwicklung
Inhaltsverzeichnis III
7.3.2. Sozialstruktur und Migranten 86
7.3.3. Gewerbestruktur 88
7.3.4. Image 96
7.4. Zusammenfassung der Entwicklungen 98
7.5. Migrantenökonomie 99
7.5.1. Unternehmerportraits 105
7.6. Auswertung der Wechselwirkungen von Quartiersentwicklung und
Migrantenökonomie 111
7.6.1. Quartiersentwicklung mit Migrantenökonomie Potenziale
und Funktionen der Migrantenökonomie 111
7.6.2. Die Entwicklung von Migrantenökonomie im Schanzenviertel 118
8. REIHERSTIEGVIERTEL MIGRANTENÖKONOMIE IM PROZESS DER
MARGINSALISIERUNG 121
8.1. Industrialisierung (1875-1962) 122
8.1.1. Baulich-räumliche Entwicklung 122
8.1.2. Sozialstruktur und Migranten 123
8.1.3. Gewerbestruktur 123
8.1.4. Image 124
8.2. Marginalisierung (1962-1980) 124
8.2.1. Baulich-räumliche Entwicklung 124
8.2.2. Sozialstruktur und Migranten 124
8.2.3. Gewerbestruktur 125
8.2.4. Image 125
8.3. Deindustrialisierung und Aufwertungsversuche (1980 bis heute) 125
8.3.1. Baulich-räumliche Entwicklung
8.3.2. Sozialstruktur und Migranten 125
8.3.3. Gewerbestruktur 129
8.3.4. Image 135
8.4. Aktuelle Planungen 136
8.4.1. Imagewandel 137
8.5. Zusammenfassung der Entwicklungen 137
8.6. Migrantenökonomie 138
8.6.1. Unternehmerportraits 146
8.7. Auswertung der Wechselwirkung von Quartiersentwicklung und
Migrantenökonomie 150
8.8. Quartiersentwicklung mit Migrantenökonomie Potenziale und
Funktionen der Migrantenökonomie 151
8.9. Die Entwicklung von Migrantenökonomie im Reiherstiegviertel 158
IV
C Expertise
9. QUARTIERSENTWICKLUNG MIT MIGRANTENÖKONOMIE 161
9.1. Funktionen und Potenziale der Migrantenökonomie für die Quar-
tiersentwicklung..........................................................................................161
9.1.1. Wirtschaft und Arbeit 161
9.1.2. Integration 162
9.1.3. Quartiersentwicklung 163
9.2. Entwicklungspfade der Quartiersentwicklung 165
9.2.1. Migrantenökonomie als Faktor der Gentrifizierung 165
9.2.2. Migrantenökonomie als Beitrag zur Marginalisierung 167
9.3. Gegenüberstellung und Ergebnisse 168
10. DIE ENTWICKLUNG VON MIGRANTENÖKONOMIE IM QUARTIER 170
10.1. Die diametrale Wirkung des Quartiers 170
10.2. Unternehmerisches Denken und Handeln im Quartierskontext 171
10.3. Entwicklungsstufen der Migrantenökonomie 173
11. HANDLUNGSANSÄTZE UND PERSPEKTIVEN 174
11.1. Qualifizierung von Migrantenbetrieben 174
11.2. Das Existenzgründerprojekt auf der Veddel 175
11.3. Übertragung des Konzeptes auf das Reiherstiegviertel 177
12. ERKENNTNISSE REFLEXIONEN UND AUSBLICK 179
Anhang
Quellenverzeichnisse 181
Literaturverzeichnis....................................................................................................181
Zeitungsartikel 187
Internetquellen............................................................................................................188
Gesprächspartner Experteninterviews 188
Gesprächsleitfaden Experteninterviews 189
Gesprächsleitfaden Unternehmensbefragung 191
Abbildungsverzeichnis V
Abbildungsverzeichnis
Abb 1 Methodisches Vorgehen Quelle: Eigene Darstellung 5
Abb 2 Logo Steg Hamburg
Quelle: Internetseite Steg Hamburg 9
Abb 3 Logo TU Hamburg-Harburg
Quelle: Internetseite TU Hamburg -Harburg 10
Abb 4 Logo Unternehmer ohne Grenzen e V
Quelle: Internetseite UoG 11
Abb 5 Brancheneinteilung der Stadtteil- und Quartiersbetriebe
Quelle: Eigene Darstellung nach Steg 2003 15
Abb 6 Kriterien der Bestandsbewertung
Quelle: Eigene Darstellung 16
Abb 7 Qualitätskategorien und Milieuzuordnung des Gewerbes Quelle:
Eigene Darstellung 17
Abb 8 Entstehungsmodell der Migrantenökonomie
Quelle: Eigene Darstellung 31
Abb 9 Die Sinus-Milieus in West-Deutschland 2005.
Quelle: Internetseite Sinus-Sociovision 2006......................................35
Abb 10 Der zirkuläre und kumulative Degradationsprozess aufgegebener
Stadtteile Quelle: Eigene Darstellung nach Krätke 1995...............47
Abb 11 China-Town New York 49
Abb 12 Städtische Teilökonomien in Hamburg in der Gesamt-
beschäftigung (Veränderungen 1980- 1997).
Quelle: Breckner Gonzalez 2002: 25...................................................56
Abb 13 Bedeutung des Quartiers für die beruflichen Milieusder Stadtteil- und
Quartiersbetriebe Quelle: Eigene Darstellung 60
Abb 14 Berufliche Milieus zwischen Öffnung und Schließung Quelle:
Eigene Darstellung nach Läpple Walter 2003 61
Abb 15 Sektoren der Lokalen Ökonomie Quelle: Birkhölzer 2000 63
Abb 16 Das Programm Soziale Stadt Quelle: www sozialestadt de 63
Abb 17 Potenziale und Funktionen der Stadtteil- und Quartiersbetriebe
Quelle: Eigene Darstellung 66
Abb 18: Potenziale und Funktionen der Migrantenökonomie Quelle: Eigene
Darstellung 74
Abb 19: Funktionen und Potenziale migrantischer Stadtteil- und
Quartiersbetriebe Quelle: Eigene Darstellung 75
Abb 20 Bebauungsstruktur im Reiherstiegviertel Quelle:
Eigene Aufnahmen 2006 77
Abb 21 Lage der Untersuchungsgebiete im Hamburger Stadtraum
Quelle: Eigene Darstellung 77
Abb 22 Hamburg-Plan 1730 mit Detail Sternschanze Quelle: Internetseite
Stadt Hamburg 81
Abb 23 Flora am Schulterblatt um ca 1900
Quelle: www bildarchiv-hamburg de 82
Abb 24 Branchenstruktur Schanzenviertel 1982 Quelle: Eigene Darstellung
nach GEWOS 1982.................................................................................85
VI
Abb 25 Demonstrationen am 01 Mai 2003 auf dem Schulterblatt Quelle:
www liberataerszentrum de 86
Abb 26 Ausländeranteil an Gesamtbevölkerung Quelle: Eigene Darstellung
nach Statistikamt Nord 2006 87
Abb 27 Sozialhilfeempfängeranteil an Gesamtbevölkerung Quelle: Eigene
Darstellung nach Statistikamt Nord 2006 88
Abb 28 Branchenstruktur Schanzenviertel 1982 - 1997 Quelle: Eigene
Darstellung nach GEWOS 1982 und IfG 1997.................................89
Abb 29 Die ehemalige Pianoforte Fabrik als Standort der Neuen Medien
Quelle: Eigene Aufnahmen 2006..........................................................89
Abb 30 www netzpiloten de 90
Abb 31 Arbeitsloseanteil an Gesamtbevölkerung Quelle: Eigene
Darstellung nach Statistikamt Nord 2006 91
Abb 32 Branchenstruktur Schanzenviertel 2006 Quelle: Eigene Darstellung
nach Steg 2003..........................................................................................92
Abb 33 Firmenschilder der Neuen Medien in der alten Pianofabrik
Quelle: Eigene Aufnahme 2006 92
Abb 34 Branchenstruktur Schanzenviertel 2006 Quelle: Eigene Darstellung
nach eigener Erhebung 92
Abb 35 Boutiquen im Schanzenviertel 2006.
Quelle: Eigene Aufnahme 2006 93
Abb 36 Qualitätsstruktur Gewerbe Schanzenviertel 2006 Quelle: Eigene
Darstellung nach eigener Erhebung 94
Abb 37 Gastronomiestruktur Schanzenviertel 2003 Quelle: Eigene
Darstellung nach Steg 2003....................................................................94
Abb 38 Szene-Bars und Boutiquen Quelle: Eigene Aufnahmen 2006....95
Abb 39 Das Schanzenviertel um 1999 Quelle: Internetseite
Quartiersmanagement Steg Hamburg 96
Abb 40 Rote Flora 2006 Quelle: Eigene Aufnahmen 2006...........................97
Abb 41 Milieuverteilung Quartiersökonomie Schanzenviertel 2006 Quelle:
Eigene Darstellung nach eigener Erhebung 97
Abb 42 Branchenstruktur Schanzenviertel 2003 Quelle: Eigene Darstellung
auf Basis des Gewerbe katasters der Steg 2003................................101
Abb 43 Anteil der Migrantenökonomie an Branche in Prozent Quelle:
Eigene Darstellung auf Basis des Gewerbekatasters der Steg 2003
und eigene Erhebung 2006 101
Abb 44 Türkischer Einzelhandel des täglichen Bedards: Quelle: Eigene
Aufnahme 2006 102
Abb 45 Branchenstruktur Migrantenökonomie Schanzenviertel 2006 Quelle:
Eigene Darstellung nach eigener Erhebung 2006............................102
Abb 48 Migrantische Gastronomiebetriebe im Schanzenviertel Quelle:
Eigene Aufnahmen 2006......................................................................103
Abb 46 Verteilung der Gastronomiebetriebe zwischen deutschen und
Inhabern mit Migrationshintergrund Quelle: Eigene Darstellung
nach eigener Erhebung 2006 103
Abb 47 Qualitätsstruktur des Gewerbes Schanzenviertel 2006 Quelle:
Eigene Darstellung nach eigener Erhebung 103
Abb 49 Qualitätsstruktur Migrantenökonomie Schanzenviertel 2006 Quelle:
Eigene Darstellung nach eigener Erhebung 104
Abbildungsverzeichnis VII
Abb 50 Türkischer Einzelhandel des nicht-täglichen Bedarfs Quelle:
Eigene Aufnahme 2006.........................................................................104
Abb 51 Milieus Quartiersökonomie Schanzenviertel 2006 Quelle: Eigene
Darstellung nach eigener Erhebung 104
Abb 52 Transmontana Schulterblatt Quelle: Eigene Aufnahme 2006 111
Abb 53 Bol Kepce der älteste Döner-Imbiss des Schanzenviertels Quelle:
Eigene Aufnahme 2006.........................................................................111
Abb 54 Pamukkale Restaurant-Erweiterung Quelle: Eigene Aufnahme
2006 111
Abb 55 Italienische Lebensmittel am Schulterblatt Quelle: Eigene
Aufnahme 2006 114
Abb 56 Street-Life am Schulterblatt Quelle: Eigene Aufnahme 2006...115
Abb 57 Logo Schanzenspiele Quelle: Internetseite Quartiersmanagement
Steg Hamburg 117
Abb 58 Die Wirkung des Quartiers auf die Unternehmen Quelle: Eigene
Darstellung 120
Abb 59 Eigenschaften der Unternehmer im Schanzenviertel Quelle: Eigene
Darstellung 120
Abb 60 Der umgestaltete Stübenplatz Quelle: Eigene Aufnahme 2006....121
Abb 61 Schema der natürlichen Entwicklung des Organismus Hamburg
Quelle: Internetseite Stadt Hamburg 123
Abb 62 Klein Warschau am Veringkanal Quelle: Internetseite
Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg 123
Abb 63 Die chemische Industrie am Fährstieg um 1920 Quelle:
Internetseite Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg 123
Abb 64 Die Wollkämmerei um 1926 Quelle: Internetseite
Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg 123
Abb 65 Die Sturmflut von 1962 im Reiherstiegstiegviertel Quelle:
Internetseite Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg 124
Abb 66 Verkehrsachsen auf der Elbinsel Quelle: Weißbuch
Zukunftskonferenz Wilhelmsburg 125
Abb 67: Arbeitslosenanteil an Gesamtbevölkerung in Prozent Quelle: Eigene
Darstellung nach Statistikamt Nord 2006 126
Abb 68: Sozialhilfeempfängeranteil an Gesamtbevölkerung Quelle: Eigene
Darstellung nach Statistikamt Nord 2006..........................................126
Abb 69: Ausländeranteil an Gesamtbevölkerung Quelle: Eigene Darstellung
nach Statistikamt Nord 2006 127
Abb 70 Städtische Teilökonomien in Wilhelmsburg in der
Gesamtbeschäftigung 2002 Quelle: Breckner Gonzalez 2002.....130
Abb 71: Wirtschaftszweige in Hamburg und Wilhelmsburg Quelle: Eigene
Darstellung nach Handelskammer Hamburg 2004 131
Abb 72 Wettbüro Internet- und Call-Shop im Reiherstiegviertel Quelle:
Eigene Aufnahmen 2006 131
Abb 73 Branchenstruktur Reiherstiegviertel 2006 Quelle: Eigene
Darstellung nach eigener Erhebung 131
Abb 74 Textilstände auf dem Wochenmarkt Stübenplatz Quelle: Eigene
Aufnahme 2006 132
Abb 75 Kiosk im Reiherstiegviertel Quelle:Eigene Aufnahme 2006 132
VIII
Abb 76: Qualitätsstruktur des Gewerbes Reiherstiegviertel 2006 Quelle:
Eigene Darstellung nach eigener Erhebung 132
Abb 77 Döner-Imbisse im Reiherstiegviertel Quelle: Eigene Aufnahmen
2006 133
Abb 78: Gastronomiestruktur Reiherstiegviertel 2006 Quelle: Eigene
Darstellung nach eigener Erhebung 133
Abb 79 Geschäfte mit exkludierender Wirkung auf den Straßenraum im
Reiherstiegviertel Quelle: Eigene Aufnahme 2006 133
Abb 80 Qualitätsstruktur Branchen Reiherstiegviertel 2006.
Quelle: Eigene Darstellung nach eigener Erhebung 134
Abb 81 Logo Hauptsache Wilhelmburg
Quelle: www forumwilhelmsburg de 135
Abb 82 Logos der Entwicklungskonzepte der Stadt Hamburg
Quelle: Internetseite der Stadt Hamburg 136
Abb 83 Gegenüberstellung der Branchenverteilung der
Migrantenökonomie aus der Unternehmensbefragung in
Wilhelmsburg 2002 und der eigenen Erhebung im
Reiherstiegviertel 2006 Quelle: Eigene Darstellung nach
Breckner Gonzalez 2002 und eigener Erhebung 138
Abb 84: Branchenverteilung Reiherstiegviertel 2006 Quelle: Eigene
Darstellung nach eigener Erhebung 139
Abb 85 Kulturverein im Reiherstiegviertel Quelle: Eigene
Aufnahme 2006 140
Abb 86: Branchenstruktur Migrantenökonomie Reiherstiegviertel 2006.
Quelle: Eigene Darstellung nach eigener Erhebung 140
Abb 87 Wettbüro und Handy-Geschäft im Reiherstiegviertel Quelle: Eigene
Aufnahmen 2006 140
Abb 88: Gastronomiestruktur Migrantenökonomie Reiherstiegviertel 2006.
Quelle: Eigene Darstellung nach eigener Erhebung 141
Abb 89: Qualitätsstruktur Migrantenökonomie Reiherstiegviertel 2006.
Quelle: Eigene Darstellung nach eigener Erhebung 141
Abb 90 Migrantische Einzelhandelsgeschäfte des nicht-täglichen Bedarfs im
Reiherstiegviertel mit geringer Qualität Quelle: Eigene
Aufnahmen 2006 141
Abb 91: Ausbildung der selbstständigen Migranten Quelle: Eigene
Darstellung nach Breckner Gonzalez 2002......................................143
Abb 92 DAS portugiesische Café im Reiherstiegviertel Quelle: Eigene
Aufnahme 2006 155
Abb 93 Hammam in St Pauli Quelle: Eigene Aufnahme 2006..................156
Abb 94 Türkenmarkt am Maybachufer in Berlin-Kreuzberg Quelle:
Eigene Aufnahme 2005 156
Abb 95 Die Wirkung des Quartiers auf die Unternehmen Quelle: Eigene
Darstellung..............................................................................................160
Abb 96 Eigenschaften der Unternehmen im Reiherstiegviertel Quelle:
Eigene Darstellung 160
Abb 97 Gegenüberstellung der Funktionen und Potenziale der
Migrantenökonomie im Bereich Wirtschaft und Arbeit Quelle:
Eigene Darstellung 181
Abb 98 Gegenüberstellung der Funktionen und Potenziale der
Migrantenökonomie im Bereich Integration Quelle: Eigene
Darstellung..............................................................................................182
Abbildungsverzeichnis IX
Abb 99 Gegenüberstellung der Funktionen und Potenziale der
Migrantenökonomie im Bereich Quartiersentwicklung Quelle:
Eigene Darstellung 184
Abb 100 Gegenüberstellung der Sozialstruktur Schanzenviertel und
Reiherstiegviertel Eigene Darstellung n Statistikamt Nord 2006 188
Abb 101 Die Wirkung des Quartiers auf die Entwicklung von Unternehmen
Quelle: Eigene Darstellung 191
Abb 102 Wirkung unterschiedlicher Quartiersmilieus auf Innovationen.
Quelle: Eigene Darstellung 191
Abb 103 Unternehmerisches Denken und Handeln in unterschiedlichen
Quartierskontexten Quelle: eigene Darstellung 192
Abb 104 Die Elbinsel Wilhelmsburg mit dem Stadtteil Veddel im Nordosten
Quelle: www wikipedia de 195
Abb 105 Luftbild von der Veddel Quelle: www hamburgfotos de 196
Abb 106 Plakat Studentisches Leben auf der Veddel.
Quelle: www saga-gwg de 196
Planverzeichnis
Plan 1 Übersichtsplan Gebietsabgrenzungen Schanzenviertel Quelle: Eigene
Darstellung 79
Plan 2 Qualitätsstruktur Gewerbe Schanzenviertel 2006 Quelle: Eigene
Darstellung nach eigener Erhebung 93
Plan 3 Qualitätsstruktur Gewerbe Schanzenviertel mit Szene -Geschäften 2006
Quelle: Eigene Darstellung nach eigener Erhebung 95
Plan 4 Nationalitätenverteilung Gewerbe Schanzenviertel 2006 Quelle: Eigene
Darstellung nach eigener Erhebung 102
Plan 5 Übersichtsplan Gebietsabgrenzungen Reiherstiegviertel Quelle: Eigene
Darstellung u a nach Statistikamt Nord 2006 121
Plan 6 Qualitätsstruktur Gewerbe Reiherstieg mit exkludierend wirkenden
Geschäftsflächen 2006 Quelle: Eigene Darstellung nach eigener
Erhebung 134
Plan 7 Nationalitätenstruktur Gewerbe Reiherstieg 2006 Quelle: Eigene
Darstellung nach eigener Erhebung 139
Abkürzungsverzeichnis
Anm. d. Verf. Anmerkung der Verfasserin
DL Dienstleistung
Ebd. Ebenda
EZH Einzelhandel
FHH Freie und Hansestadt Hamburg
GEWOS Institut für Stadt-, Regional- und Wohnforschung GmbH
GWG Gesellschaft für Wohnen und Bauen mbH
IBA Internationale Bauausstellung
IfG Institut für Geographie 1997 (s. Literaturverzeichnis)
Ifm Institut für Mittelstandsforschung
IGS Internationale Gartenschau
n.z. nicht zuordenbar
SAGA Siedlungs-Aktiengesellschaft Hamburg
SGB Sozialgesetzbuch
Steg Stadtentwicklungsgesellschaft Hamburg
UNO United Nations Organisation
u.a. und andere
UoG Unternehmer ohne Grenzen e.V.
WIS Projektgruppe „Wohnen im Stadtteil“ 1982
Glossar
Migration mit dem Ziel der Aufnahme einer abhängigen Arbeitsmigration oder selbstständigen Beschäftigung im Aufnahmeland
(Selbstständige) ökonomische Tätigkeit am Rande des Armutsökonomie Existenzminimums zur Sicherung des Überlebens
Die Mehrheitsgesellschaft im Ziel- und Aufnahmeland Aufnahmegesellschaft der Zuwanderung
Ausländischer Staatsbürger, der die Mehrheit der Jahre Bildungsinländer seiner Schul- und Ausbildungszeit im Aufnahmeland absolviert hat
Räumliche Konzentration von Migranten im Aufnah- Ethnische Kolonie meland
Selbstständige Erwerbstätigkeit von Personen mit Ethnische Ökonomie Migrationshintergrund und abhängige Beschäftigung in von Personen mit Migrationshintergrund geführten Be- trieben, die in einem spezifischen Migrantenmilieu ver- wurzelt sind.
Migration wird als System verstanden, in dem Zuwande- Kettenmigration rung nicht als individuelle Handlungen von Einzelper- sonen, sondern in Netzwerken als evolutionärer und kumulativ verstärkender Prozess erfolgt
Ethnisch-kulturelle Majorität im Aufnahmeland Mehrheitsgesellschaft
Migration, Internationale Wanderung von Personen über Staatengrenzen aus einem Herkunfts- in ein Aufnahmeland, mit dem Ziel eines kurz- oder längerfristigen Wohnortwechsels
Selbstständige Erwerbstätigkeit von Personen mit Migrantenökonomie Migrationshintergrund und abhängige Beschäftigung in von Personen mit Migrationshintergrund geführten Be- trieben
Eine Person hat einen Migrationshintergrund, wenn Migrationshintergrund diese selbst zugewandert ist bzw. deren Eltern oder Großeltern
Ökonomische Tätigkeit in einer Marktnische, die sich Nischenökonomie mit ihrem Angebot an die Nachfrage einer Minorität orientiert
Rückbesinnung auf kulturelle Werte und Traditionen Rekulturalisierung insbes. von Zuwanderern in einem Aufnahmeland
Die Herausbildung einer gesellschaftlichen Unterschicht Unterschichtung durch mangelnde Teilhabemöglichkeiten einer Bevölke- rungsgruppe an den gesellschaftlichen Teilsystemen wie Arbeits- und Wohnungsmarkt, Bildung und Gesundheit
Eine Person, die aus einem Herkunfts- in ein Aufnah- Zuwanderer meland einwandert, mit dem Ziel eines kurz- oder län- gerfristigen Wohnortwechsels
Einleitung
Die Planungspolitik in Deutschland ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts vor zwei zentrale Herausforderungen gestellt: Die Verfestigung hoher struktureller Arbeitslosigkeit und die wachsende soziale und kulturelle Heterogenität der Bevölkerung.
Der im Juni 2006 vorgelegte Bericht der UNO dokumentiert, dass jeder fünfte Mensch in Deutschland einen Migrationshintergrund aufweist. Mit dem am 01.01.2005 in Kraft getretenen Zuwanderungsgesetz wurde die Zuwanderung nach Deutschland erstmals rechtlich geregelt und sich von politischer Seite zu Deutschland als einem Einwanderungsland be- kannt. Zurzeit leben knapp 9% ausländische Staatsbürger in Deutsch- land, die überwiegend in den städtischen Ballungsräumen in West- deutschland ansässig sind.
Der Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft und den Folgen der Globalisierung geht mit einer tief greifenden Umstrukturie- rung der nationalen Wirtschaft einher. Den neu entstehenden Arbeits- plätzen im hochqualifizierten Bereich stehen die freigesetzten Arbeits- plätze im industriellen Bereich sowie eine Vielzahl an unregelmäßigen und prekären Arbeitsverhältnissen gegenüber. Die Migranten sind ge- genüber dem Durchschnitt der deutschen Bevölkerung besonders stark von Arbeitslosigkeit und prekärer Beschäftigung betroffen.
Durch den Rückzug der öffentlichen Hand aus der Regulierung des Wohnungsmarktes überlagern sich die Probleme der hohen Arbeitslosig- keit mit der hohen Konzentration von Migranten auf der Ebene des Quartiers. Damit sind besondere Herausforderungen für die Quartiers- entwicklung in den Bereichen der sozialen und ökonomischen Integrati- on, der Sicherung von Infrastruktur und Versorgung und der Bekämp- fung von Armut, Arbeitslosigkeit und Ausgrenzung auf Quartiersebene entstanden.
Bei der Auseinandersetzung mit den Problemstellungen wurden die Stadtteil- und Quartiersbetriebe als Akteure entdeckt, um strukturelle Verbesserungen vor Ort herbeiführen zu können. In jüngerer Zeit sind besonders die Migrantenökonomien in den Mittelpunkt des Interesses gerückt, da sie die Schnittstelle zwischen Mehrheitsgesellschaft und Migranten sowie zwischen Erwerbslosigkeit und Beschäftigung darstel- len.
Erkenntnisinteresse und Ziel der Arbeit
Migrantenökonomien sind in deutschen Großstädten zu einem festen Bestandteil der Stadtteil- und Quartiersökonomie geworden. Einzelhan- delsgeschäfte und internationale gastronomische Angebote prägen das Straßenbild vieler Quartiere und gehören als Selbstverständlichkeit zu den Konsummustern von Großstädtern. Gleichwohl sind Migrantenö- konomien erst seit wenigen Jahren zum Untersuchungsgegenstand der wirtschafts- und kommunalwissenschaftlichen Forschung geworden. Neben ihrer Entstehung und Funktionsweise haben bisherige Untersu- chungen besonders die Bedeutung der Migrantenökonomie für benach- teiligte Stadtquartiere sowie für die Integration von Zuwanderern her- ausgestellt. Demgegenüber werden Migrantenbetriebe im Quartier als ein Integrationshemmnis sowie als Verstärker von sozialer Ausgrenzung be- schrieben.
2
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es herauszustellen, in welchem Wechsel- verhältnis die Migrantenökonomie zu der Entwicklung von Quartieren steht. Grundlage der Untersuchung ist die Annahme, dass Quartiere kei- ne neutralen Unternehmensstandorte sind, sondern die Entwicklungs- perspektive von Unternehmen ebenso beeinflussen, wie die Unterneh- men die Entwicklung von Quartieren mit bestimmen. Ausgehend von dem Verständnis wird untersucht, in wie weit die Migrantenökonomien die Entwicklungspfade eines Quartiers beeinflussen können und wie sich im Gegenzug das Quartiers auf das unternehmerische Denken und Han- deln der migrantischen Unternehmer auswirken kann.
Es wird davon ausgegangen, dass sich die Ausprägung und Verbreitung der Migrantenökonomien in Abhängigkeit der unterschiedlichen Struktu- ren im Quartier vollziehen und in der Folge die Funktionen und Poten- ziale variieren, welche die Migrantenökonomie für das Quartier und sei- ne Bewohner übernehmen kann. Ein Schwerpunkt der Arbeit liegt in der analytischen Auseinandersetzung der Potenziale und Funktionen der Migrantenökonomie, die ihnen von der Politik und der sozial-, wirt- schafts- und kommunalwissenschaftlichen Forschung zugeschrieben werden. Im Zuge dessen wird analysiert, wie Migrantenökonomien im Zusammenspiel mit anderen lokalen Faktoren die baulich-räumliche, so- ziale und ökonomische Struktur von Quartieren beeinflussen und welche Bedeutung den Migrationsbetrieben im Vergleich zu anderen Faktoren in dem Prozess zukommt.
Die Diplomarbeit zeigt theoretisch und empirisch auf, wie sich die Migrantenökonomie im Spannungsfeld von Gentrifizierungs- und Mar- ginalisierungsprozessen entwickeln und verändern. Dabei wird der Blick nicht nur auf das Unternehmen als ökonomische Einheit, sondern auch auf den Unternehmer als individuell denkendes und handelndes Subjekt gerichtet.
Am Ende der Arbeit entsteht ein mehrschichtiges Bild der Wirkungszu- sammenhänge von Migrantenökonomie und Quartiersstrukturen, das zeigt, wie ihre enge Wechselbeziehung zur Synchronisation von Entwick- lungsmöglichkeiten und einer Determinierung gemeinsamer Zukünfte führt.
Aufbau der Arbeit
Dieser Abschnitt gibt einen kurzen Überblick über die einzelnen Kapitel dieser Arbeit und ihre Zusammenhänge. Die Arbeit gliedert sich in fünf Bereiche:
Einführung
Teil A Theorie (Kapitel 1,2,3,4 und 5)
Teil B Empirie (Kapitel 6,7 und 8)
Teil C Expertise (Kapitel 9, 10, 11 und 12)
Anhang
In der Einführung erfolgten eine erste Einordnung des Untersuchungs- gegenstandes und die Eingrenzung des Erkenntnisinteresses der Arbeit. Die Darstellung des methodischen Vorgehens beschließt die Einführung Teil A befasst sich mit dem aktuellen wissenschaftlichen Diskussions- stand zu den Themen Migrantenökonomie (Kapitel 1), Quartiersent- wicklung (Kapitel 2) und Stadtteilökonomie (Kapitel 3). Nachdem eine Einführung in das Themenfeld der Migrantenökonomie mit einer Be-
schreibung des Bedeutungsgewinns (Kapitel 1.1), der strukturellen Merkmale und Besonderheiten (Kapitel 1.2), einer Definition und Beg- riffsabgrenzung (Kapitel 1.3) und einer Diskussion der Erklärungsansät- ze und Entstehungstheorien (Kapitel 1.4) vorgenommen wurde, wird die wechselseitige Beziehung von Raum und gesellschaftlichen Prozessen anhand der Modelle des „gesellschaftlichen Raumes“ und von „Milieus“ verdeutlicht. Als treibende Kraft der Quartiersentwicklung wird folgend die Segregation vorgestellt, die über die aktuellen Entwicklungen am Ar- beits- und Wohnungsmarkt wesentlich gestaltet wird. (Kapitel 2.3) Die gesellschaftlichen und ökonomischen Veränderungen führen auf Quar- tiersebene zu den Prozessen der Marginalisierung und Gentrifizierung sowie zu der Entstehung ethnischer Kolonien. (Kapitel 2.4) In Anbet- racht der Segregationsentwicklungen wird im Anschluss die heutige In- tegrationsfunktion von Städten diskutiert (Kapitel 2.5) und abschließend eine Zusammenfassung über die Mechanismen und Prozesse der Quar- tiersentwicklung und ihre Auswirkungen auf die Quartiersbewohner ge- geben. (Kapitel 2.6)
Vor dem Hintergrund der divergierenden Quartiersentwicklung werden Stadtteil- und Quartiersbetriebe als städtische Teilökonomie (Kapitel 3.1) in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen und Vernetzungsarten mit den Strukturen des Quartiers vorgestellt. (Kapitel 3.2) Vor dem Hin- tergrund der sozialen und ethnischen Segregation wird die Entwicklung von Stadtteil- und Quartiersbetrieben in marginalisierten Stadtteilen be- schrieben (Kapitel 3.3) und daraus resultierend ihre Bedeutung in der Strategie der „lokalen Ökonomie“ (Kapitel 3.4) und in ihrem Verständnis als „lokal eingebettete Ökonomie“. (Kapitel 3.5) In Kapitel 3.6 werden schließlich die Potenziale und Funktionen zusammenfassend dargestellt, die den Stadtteil- und Quartiersbetrieben aus ihrer Einbettung in die Strategien und Konzepte zugeschrieben werden.
Migrantenökonomien werden in Kapitel 4 als besondere Form der Stadt- teil- und Quartiersbetriebe dargestellt, was aus ihrer doppelten Einbet- tung in ethnische Zusammenhänge und die Quartiersökonomie sowie aus ihren charakteristischen Merkmalen der Ethnizität und Informalisie- rung resultiert. (Kapitel 4.1) Anhand dieser Charakteristika werden den Migrationsökonomien ebenso Potenziale und Funktionen zugeschrieben, die sie innerhalb eines Quartiers und der Gesellschaft einnehmen kön- nen. (Kapitel 4.2) Diese werden abschließend den Funktionen der Stadt- teil- und Quartiersbetriebe gegenübergestellt und partiell ergänzt. (Kapi- tel 4.3) Den Abschluss von Teil A bildet einen kurzen Überblick über die gewonnen Erkenntnisse und eine Überleitung zur empirischen Untersu- chung. (Kapitel 5).
Im Teil II werden nach einer kurzen Einführung in die empirische Un- tersuchung (Kapitel 6) die Wechselwirkung von migrantischen Stadtteil- und Quartiersbetriebe und der Quartiersentwicklung anhand den Fall- studien Schanzenviertel (Kapitel 7) als Beispiel für ein gentrifiziertes Stadtquartier und dem Reiherstiegviertel (Kapitel 8) als Beispiel für ein marginalisiertes Stadtquartier untersucht. Dafür werden die Stadtquartie- re in ihren einzelnen Entwicklungsphasen dargestellt und die Verände- rungen der baulich-räumlichen, der sozialen und der ökonomischen Strukturen sowie des Images in den jeweiligen Phasen aufgezeigt. (Kapi- tel 7.1-7.4; 8.1-8.5) Im Anschluss wird anhand des bestehenden Daten- materials sowie der Ergebnisses der Erhebung und Befragung, die Ent- stehung und Ausprägung der Migrantenökonomie hergeleitet. (Kapitel 7.5; 8.6) Ergänzt wird die Darstellung durch die Betrachtung der Quar- tiers- und Betriebsentwicklung aus Sicht der Migrantenunternehmer, die
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anhand von Unternehmerportraits aufgezeigt wird. (Kapitel 7.5.1; 8.6.1) Am Ende der Fallstudien erfolgt eine Auswertung der Wechselwirkung von Quartiersentwicklung und Migrantenökonomie. (Kapitel 7.6; 8.7) Die aufgezeigten strukturellen Veränderungen des Quartiers werden mit denen der Migrantenökonomie in Verbindung gesetzt und anhand des- sen die Funktionen und Potenziale der Migrantenökonomie für den je- weiligen Untersuchungsraum überprüft (Kapitel 7.6.1; 8.7.1) sowie die Wirkung des Quartiers auf die Unternehmer analysiert. (Kapitel 7.6.2; 8.7.2)
In Teil C wird durch eine vergleichende Analyse der unterschiedlichen Bedeutungen der Migrantenökonomie bei Aufwertungs- und Abwer- tungsprozessen von Quartieren sowie anhand ihrer Entwicklungspfade in unterschiedlichen Quartierskontexten die Wechselwirkungen von Quartieren und migrantischer Quartiersökonomie auf verschiedenen E- benen herausgestellt. Neben der Überprüfung der Potenziale und Funk- tionen (Kapitel 9.1) wird die Bedeutung den Migrantenökonomien bei den Marginalisierungs- und Gentrifizierungsprozessen (Kapitel 9.2) ana- lysiert, um abschließend ihre grundsätzliche Wirkung auf die Quartiers- entwicklung abstrahieren zu können. (Kapitel 9.2) Im Gegenzug wird analysiert, welche Funktionen die unterschiedlichen Quartiersstrukturen für die Entstehung und Entwicklung von Migrantenökonomien über- nehmen (Kapitel 10.1), welches unternehmerische Denken und Handeln in verschiedenen Quartierskontexten zu Grunde liegt (Kapitel 10.2) und welche Entwicklungsstufen Migrantenökonomie in Abhängigkeit unter- schiedlicher Quartiersstrukturen durchlaufen. (Kapitel 10.3)
Nachdem die aus der Untersuchung gewonnen Erkenntnisse dargestellt wurden, wird illustriert, wie sich das aufgezeigt Wechselverhältnis von Quartier und Quartiersökonomie in der Praxis auf die Handlungsmög- lichkeiten kommunaler Akteure auswirkt. (Kapitel 11) Neben dem Ver- such der Aktivierung endogener Potenziale (Kapitel 11.1) wird am Bei- spiel Veddel gezeigt, wie durch äußere Einwirkung auf die Stadtteilökonomie und die Zusammensetzung der Quartiersbevölkerung der Entwicklungspfad eines Quartiers beeinflusst werden kann. (Kapitel 11.2) In wie weit sich das Konzept auf das Reiherstiegviertel übertragen lässt, wird im Anschluss erörtert. (Kapitel 11.3)
In Kapitel 10 werden die Erkenntnisse der vorliegenden Untersuchung zusammengefasst und über zukünftige Handlungsfelder und Aufgaben- bereiche von Politik, Planung und Verwaltung reflektiert.
Im Anhang befindet sich neben den Quellenangaben, die Liste der Ge- sprächspartner sowie der Interviewleitfaden für die Experteninterviews und der Unternehmensbefragung.
Methodisches Vorgehen
Um die Wechselwirkung von migrantischen Stadtteil- und Quartiersbe- trieben und der Quartiersentwicklung zu analysieren, wurde der Stand der wissenschaftlichen Forschung zu den Themen „Migrantenökono- mie“ und „Stadtteil- und Quartiersbetriebe“ über eine Literatur- und In- ternetrecherche in Kenntnis gebracht. Aus der bestehenden wissen- schaftlichen Diskussion wurden sowohl für die Stadtteil- und Quartiersbetriebe als auch für die Migrantenökonomien Funktionen und Potenziale für die Quartiersentwicklung abgeleitet. Die Funktionen und Potenziale wurden anhand der empirischen Untersuchung hinsichtlich ihrer Wirksamkeit und Entfaltung untersucht.
Das gleiche Vorgehen wurde zum Thema „Quartiersentwicklung“ ge- wählt. Es konnte herausgestellt werden, dass die beiden aktuellen und diametralen Prozesse, welche die heutige Quartiersentwicklung bestim- men, die Gentrifizierung und Marginalisierung darstellen. Anhand dieser Erkenntnis wurden zwei Untersuchungsräume ausgewählt, die einerseits einem Gentrifizierungs- und andererseits einem Marginalisierungspro- zess unterworfen sind.
Abb. 1 Methodisches Vorgehen. Quelle: Eigene Darstellung
In der empirischen Untersuchung wurde zu beiden Quartieren eine Se- kundäranalyse qualitativer und quantitativer Daten sowie eine Experten- befragung vorgenommen, um die bauliche, soziale und ökonomische Entwicklung des Quartiers sowie die Entstehung und Verbreitung der Migrantenökonomie vor Ort analysieren zu können. Um einen Einblick in das unternehmerische Denken und Handeln der Migranten zu erhal- ten, wurden Unternehmensbefragungen in beiden Untersuchungsgebie- ten durchgeführt und zur Analyse der heutigen Qualität und Verbreitung der Migrantenökonomie in den Untersuchungsräumen wurde eine quali- tative und quantitative Kartierung vorgenommen. Mittels dieser Vorge- hensweise können die aus der Theorie abgeleiteten Funktionen und Po- tenziale überprüft und so die Bedeutung der Migrationsökonomie für die Quartiersentwicklung herausgestellt sowie Aussagen über die Entwick- lung von Migrantenökonomie im Quartier getroffen werden. (s.Abb.1)
Das methodische Vorgehen stützt sich folglich auf verschiedene qualita- tive und quantitative Methoden der empirischen Sozialforschung. Neben einer Literatur- und Internetanalyse wurden eine Sekundäranalyse quali- tativer und quantitativer Daten, Experten- und Unternehmerinterviews sowie eine quantitative und qualitative Kartierung vorgenommen. Fol- gend werden die Methoden kurz vorgestellt:
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Für die inhaltliche Auseinandersetzung erfolgte eine interdisziplinäre Li- teratur- und Internetrecherche. Es wurden Bibliographien, Monogra- phien und Aufsätze ausgewertet. Bei der Internetrecherche wurden onli- ne zugängliche Informationen über die Thematik recherchiert. Mittels der Literatur- und Internetrecherche wurde der aktuelle Stand der theo- retischen Forschung und praktischen Diskussion („state-of-the-art“- Analyse) zusammengetragen. Aufgrund des jungen Forschungsfeldes be- steht zum Thema „Migrantenökonomie“ wenig Literatur und Datenma- terial. Die Heterogenität der Migrantenökonomie hinsichtlich ethnischer Zugehörigkeit und Diversität der Wirtschaftssegmente spiegelt sich in den vielfältigen, selektiven soziologischen und wirtschaftswissenschaftli- chen Untersuchungen wieder und erschwert einen Überblick über die Entwicklung und Struktur von Migrantenökonomie.
Als Grundlagen für die theoretische Auseinandersetzung mit Migrante- nökonomie wurden im Wesentlichen folgende qualitativen und quantita- tiven Forschungen ausgewertet:
• Schuleri-Hartje u.a. 2005: Ethnische Ökonomie – Integrationsfaktor und Integrationsmaßstab. Eine Untersuchung der Integrationsfunktion und Integrationspotenziale sowie der rechtlichen Maßgaben und ihre Auswirkungen auf die Entwicklung türksicher, italienischer und russischer Ökonomie am Beispiel verschiedener deutschen Großstädte
• Fischer 2001: Ethnische Ökonomie als Potenzial zur Stabilisierung be- nachteiligter Stadtteile? Unveröffentlichte Diplomarbeit zur Analy- se der Bedeutung von Migrantenökonomie in benachteiligten Stadtquartieren
• Burgbacher 2004: Migrantenunternehmer. Existenzgründung und – förderung am Beispiel Hamburg. Eine Erhebung der Hochschule für Wirtschaft und Politik, bei der 427 in Hamburg ansässige Un- ternehmer aus Ex-Jugoslawien, China, Afghanistan, Iran, Polen und der Türkei befragt wurden.
• Institut für Mittelstandsforschung (ifm) 2005: Die Bedeutung der ethni- schen Ökonomie in Deutschland. Eine Untersuchung der Push- und Pull-Faktoren für Unternehmensgründungen ausländischer und ausländischstämmiger Mitbürger auf Basis einer Befragung von
2.010 Unternehmer griechischer, italienischer und türkische
Herkunft
Um die bauliche, soziale und ökonomische Entwicklung der Untersu- chungsräume rückblickend rekonstruieren zu können, wurde eine Se- kundäranalyse qualitativer und quantitativer Daten durchgeführt.
Zum einen wurde ein repräsentatives Sample von Medienprodukten zu den Untersuchungsräumen ausgewertet (Pressespiegel) und zum anderen wurden die im Zusammenhang mit den Untersuchungsräumen entwi- ckelten Dokumente und Erhebungen (Dokumentensammlung) ausge- wertet.
Die Auswertung der Medien erfolgt analog folgender Fragen:
• Welches Ereignis bzw. welcher Akteur löste den Artikel/ Do- kument aus?
• Welches Primärinteresse wird im Artikel/Dokument diskutiert?
• Welche weiteren (Sekundär-) Themen werden thematisiert?
• In welcher Weise wird auf das Quartier Bezug genommen?
• Welche Zuschreibungen werden über das Medium transportiert (in Bild und Text)?
Ausgewertet wurde ein repräsentatives Sample von Medienprodukten zu den Themen: „Schanzenviertel“, „Reiherstiegviertel/Wilhelmsburg“ und „Migrantenökonomie“. In einem ersten Schritt erfolgte eine Auswahl und Kategorisierung der zu untersuchenden Medien (Print-, Onlineme- dien) sowie die Festlegung eines begrenzten, zeitlichen Untersuchungs- rahmens.
Im Besonderen konzentrieren sich die Auswertungen auf Artikel der Lo-
kalpresse der Hamburger Printmedien. Nach STEGMANN (1997)
werden darunter Zeitungen und Zeitschriften verstanden,
• deren überwiegender Teil der Auflage im Hamburger Stadtge- biet abgesetzt wird (Hamburgbezogene Adressatenorientierung),
• deren Themenstruktur durch eine Hamburgbezogene Berichter- stattung gekennzeichnet ist (Hamburgbezogene Sachorientie- rung) und/oder
• die ihre (Lokal-)Redaktion mit Sitz in Hamburg haben (Ham- burgbezogene Autor- bzw. Verlegerorientierung).
Dementsprechend wurden das Hamburger Abendblatt, die Hamburger Morgenpost und die taz ausgewertet. Darüber hinaus werden überregio- nale Zeitungen und Zeitschriften hinzugezogen, wie die Zeit, die Welt und der Spiegel.
Für die Rekonstruktion der baulichen, sozialen und ökonomischen Ent- wicklung der Untersuchungsgebiete und zur Analyse des Wirkungszu- sammenhanges mit der dort ansässigen Migrantenökonomie wurden fol- gende Dokumente und Materialien verwendet, die sowohl qualitative Informationen und als auch quantitative Daten beinhalten.
Schanzenviertel
• GEWOS GmBH 1982: Vorbereitenden Untersuchungen Ham- burg St. Pauli–Nord Schulterblatt Teil A+B
• Projektgruppe „Wohnen im Stadtteil“ 1982: Der Schulterblatt – Ein Viertel verändert sich. Hamburg 1982
• Institut für Geographie Hamburg 1997: Lokale Ökonomie im Hamburger Schanzenviertel. Universität Hamburg, Institut für Geographie, Arbeitsbereich Wirtschaftgeographie. Arbeitsbe- richte Februar 1997
• Walter, Gerd / Läpple, Dieter 2000: Im Stadtteil arbeiten. Be- schäftigungswirkung wohnungsnaher Betriebe. Gutachten im Auftrag der Stadtentwicklungsbehörde der Freien und Hanse- stadt Hamburg. Hamburg, Mai 2000
• Steg Hamburg: Unveröffentlichtes Gewerbekataster 2003
• Steg Hamburg: Quartiersnachrichten Schanzenviertel. Viertel- jährliche Veröffentlichung (Nr. 23 Juli 2000 - Nr. 42 Dezember 2005)
• Steg Hamburg: Schanze. Zeitung für das Quartiersmanagement. (Nr. 01 Februar 2000 - Nr. 14 April 2004)
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• Steg Hamburg: S.U.N Newsletter – Schanzen-Unternehmer- Netzwerk. (07.2003 - 01.2004)
Reiherstiegviertel
• Breckner, Ingrid / Gonzalez, Toralf 2002: Qualifikations- und Potenzialanalyse der Hamburger Elbinsel im Rahmen der „Ent- wicklungspartnerschaft Elbinsel“ im EU-Programm EQUAL.
TU Hamburg-Harburg, Oktober 2002
• Breckner, Ingrid / Gonzalez, Toralf 2005: Evaluationsbericht „Entwicklungspartnerschaft Elbinsel“ im EU-Programm EQUAL. TU Hamburg-Harburg, Juli 2005
• Sprung über die Elbe. Dokumentation der Internationalen Ent- wurfswerkstatt 17.-24. Juli 2003. Freie und Hansestadt Ham- burg. Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt. [Hrsg.]
• Handelskammer Hamburg [Hrsg.] 2004b: Leben und Arbeiten im Herzen Hamburgs – Die Entwicklungsperspektive der Elb- insel. Hamburg 2004
• SAGA GWG: Hamburgs Süden. Bestandsaufnahme und Aus- blick. Ergebnisse einer Projektarbeit des Wohnungsunterneh- mens SAGA GWG, Hamburg 2005
Eine Einführung in die Dokumentensammlung bezüglich Inhalt, Art und Aussagekraft der Informationen erfolgt jeweils am Anfang der Kapitel des jeweiligen Untersuchungsraums.
Experteninterviews kommen in den verschiedensten Forschungsfeldern zum Einsatz, oft im Rahmen eines Methodenmix. In Anlehnung an
MEUSER/NAGEL 1991 wird der Expertenbegriff methodologisch auf-
gefasst, indem eine Person zum Experten wird, weil sie durch ihre Posi- tion in einer Institution oder durch ihr unterstelltes Sonderwissen, zum Experten im Rahmen des Forschungsinteresses wird. Der Expertensta- tus wird somit auf eine vom Forscher verliehene spezifische Fragestel- lung begrenzt. Implizit wird angenommen, dass die jeweilige Person über ein Wissen verfügt, das sie zwar nicht alleine besitzt, das jedoch nicht je- dem in dem interessierenden Handlungsfeld zugänglich ist. (Meu- ser/Nagel 1991: 443f) Experten werden somit als „Funktionsträger inner- halb eines organisatorischen oder institutionellen Kontextes“ (Meuser/Nagel 1991: 444) verstanden. Die Autoren nennen zwei Kriterien für die Quali- fikation einer Person zum Experten. Als Experte ist nach
MEUSER/NAGEL (1991: 443) ansprechbar:
• wer über einen privilegierten Zugang zu Informationen über Personengruppen oder Entscheidungsprozesse verfügt.
• wer in irgendeiner Weise Verantwortung trägt für den Entwurf, die Implementierung oder die Kontrolle einer Problemlösung.
Als Experten durch ihre institutionalisierte Kompetenz dienen für die Diplomarbeit jene Menschen, die Aussagen über die soziale, bauliche und ökonomische Entwicklung der Untersuchungsräume treffen können oder über Informationen zu der Entstehungs- und Handlungslogik von Migrantenökonomien in den Quartieren verfügen. Sie dienen neben der Medien- und Inhaltsanalyse als weitere Datenquelle für die Analyse der Untersuchungsräume Schanzenviertel und Reiherstiegviertel.
Die Experten wurden anhand eines offenen, leitfadengestützten Inter- views befragt. In Anlehnung an erprobte Verfahren wurden die relevan- ten Fragekomplexe vorab in einem Interviewleitfaden (siehe Anhang) konkret definiert und gegliedert. So kann eine größtmögliche „Vollstän- digkeit“ und „Vergleichbarkeit“ der Interviews erreicht werden. „Eine leitfadenorientierte Gesprächsführung wird beidem gerecht, dem thematisch begrenzten Interesse des Forschers an dem Experten und auch dem Expertenstatuts des Gegen- übers.“ (Meuser/Nagler 1991: 448) Der Leitfaden stellt keine Festlegung über die Reihenfolge der zu behandelnden Themen dar, vielmehr orien- tierten sich die Gespräche an den Themenkomplexen, die in ihrer Rei- henfolge dem Gesprächsverlauf frei angepasst werden konnten. (vgl. u.a.
Diekmann 2001: 446f.)
Bei den Experteninterviews steht das für die Fragestellung relevante Ex- pertenwissen im Zentrum des Interesses. Da es für die Diplomarbeit wichtig war, die soziale und ökonomische Entwicklung der Untersu- chungsräume sowie die Entstehung und Verbreitung der Migrantenöko- nomien zu rekonstruieren, erfolgte die Auswahl der Interviewpartner an- hand ihres Involvierungsgrades in die Prozesse des Quartiers bzw. in das Milieu der Migrantenökonomien. So konnten anhand der Literatur- und Medienanalyse drei Expertengruppen ermittelt werden, welche über die vorgenannten Informationen verfügen: 1) Die Stadtentwicklungsgesell- schaft Hamburg (Steg), 2) Das Institut Stadt- und Regionalökonomie/- soziologie der TU Hamburg-Harburg/HCU und 3) Unternehmer ohne Grenzen e.V. (UuG).
Folgende Kriterien liegen der Auswahl zugrunde:
• Zugang zu Informationen, Zusammenhängen und Hintergrün- den über die Entwicklung des Quartiers und der Migrantenöko- nomie vor Ort
• Spezifisches Orts- und Detailwissen zu den Prozessen und Entwicklungen des Quartiers und der Migrantenökonomie
• „Gestalter“ der Quartiersentwicklung bzw. der Entwicklung von Migrantenökonomien
Innerhalb der Expertengruppen wurden anhand der oben angeführten Fragestellung die jeweiligen Schlüsselpersonen ermittelt, die mit einem leitfadengestützten Interview (s. Anhang) befragt wurden. Folgend wer- den kurz die einzelnen Expertengruppen und Schlüsselpersonen vorge- stellt:
Stadtentwicklungsgesellschaft Hamburg (Steg)
nierungsgebiete („Eimsbüttel S1 Schanzenviertel/Weidenallee“ 1980; „St. Pauli Nord S2 Schulterblatt“ 1986). 1999 wurde als Baustein der „in- tegrierten Stadtteilentwicklung“ zusätzlich zu den bestehenden Sanie- rungsgebieten ein Quartiersmanagement für das Schanzenviertel auf vier Jahre begrenzt eingerichtet. An die Steg wurden u.a. die Aufgaben ge- stellt, die Sauberkeit und Sicherheit im öffentlichen Raum zu verbessern
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und Lösungsprobleme für die Drogenproblematik im Viertel zu finden, um so das Quartier für Familien und Haushalte mit Kindern attraktiver zu gestalten und das Image des Stadtteils zu verbessern. Förderung und Vernetzung der bestehenden kleinteiligen Quartiersökonomie stellte e- benfalls ein Inhalt des Managements dar.
Folgende Experten wurden interviewt:
Julia Dettmer, Dipl.-Ing. Stadtplanung, seit 1998 bei der Stadtentwicklungsgesell- schaft Hamburg. Julia Dettmer ist von 1999 bis 2003 im ehemaligen „Un- tersuchungsgebiet St. Pauli Nord / Eimsbüttel Süd“ tätig gewesen. Das Gebiet befindet sich im heutigen Bereich der Piazza im Schanzenviertel. Zeitgleich hat sie für das Quartiersmanagement gearbeitet und das Betei- ligungsprojekt „Kinder und Verkehr“ sowie die ersten „Schanzenspiele“ im Juni 2002 durchgeführt. Darüber hinaus wohnt sie seit sechs Jahren im Quartier, wodurch sie zu der beruflichen Perspektive auch aus Sicht der Anwohner den Stadtteil und seine Veränderungen bewerten kann, wodurch sie als Gesprächspartner besonders interessant ist.
Stefan Kreutz, Dipl.-Ing. Stadtplanung, seit 2000 bei der Stadtentwicklungsgesell- schaft Hamburg. Nach mehrjähriger Arbeit im Bereich der Bürgerbeteili- gung und Quartiersentwicklung in Hamburg-Wilhelmsburg sowie im Be- reich der Wirtschaftsförderung im Bezirksamt Altona ist Stefan Kreutz seit September 2000 bei der Steg. Dort ist er u.a. für quartiersbezogene Projekte der Gewerbeentwicklung und des Standortmarketings verant- wortlich. Im Schanzenviertel war Stefan Kreutz von 2000 bis 2003 bei der Quartiersentwicklung mit dem Schwerpunkt Öffentlichkeitsarbeit und Gewerbeentwicklung beschäftigt. Durch den Arbeitsschwerpunkt hat er sich intensiv mit der Stadtteilökonomie vor Ort auseinandergesetzt und die gegenseitigen Beeinflussungen von Veränderungen im Quartier und Gewerbeentwicklung bewusst wahrgenommen. Seine beruflichen Erfahrungen in Wilhelmsburg zeichnen ihn zusätzlich als Experte aus.
Ulf Spiecker, Dipl.-Ing. Städtebau und Stadtplanung, seit 1993 bei der Stadtent- wicklungsgesellschaft Hamburg. Ulf Spiecker hat nach einer Ausbildung als Landschaftsgärtner und dem Studium der Stadtplanung als Verkehrs- und Anwaltsplaner für (Verkehrs-)Initiativen gearbeitet. Bei der Steg war er bisher im Karolinenviertel, in Altona-Nord und in Ottensen tätig, be- vor er im Juni 2000 ins Schanzenviertel kam, wo er seitdem das Sanie- rungsgebiet „St. Pauli Nord S2 Schulterblatt“ betreut. Nach sechs Jahren intensiver Arbeit im Schanzenviertel, zu der ebenfalls die wöchentliche Sprechstunde im Stadtteilbüro gehört, ist Ulf Spiecker hinsichtlich der Entwicklungen und Veränderungen im Quartier hochgradig sensibilisiert. Zudem hat er über die Arbeit im Stadtteilbüro unmittelbaren und z.T langjährigen Kontakt zu Anwohnern und Unternehmern vor Ort
Umfeld wurden ebenfalls Migrantenökonomien als eine besondere Art der Unternehmen hinsichtlich ihrer inneren Organisation und Unter-
1 Heute Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU)
nehmensführung analysiert. Eines der vier Untersuchungsräume des Gutachtens stellt das Schanzenviertel dar.
Das Institut Stadt- und Regionalsoziologie an der TU Hamburg- Harburg 2 führte die „Qualifikations- und Potenzialanalyse der Hambur- ger Elbinsel“ (2002) im Rahmen der "Entwicklungspartnerschaft Elbin- sel" im EU-Programm EQUAL 3 sowie die wissenschaftliche Begleitung dieses Projektes (2005) durch. In diesem Zusammenhang wurde sich in- tensiv mit den sozialen und ökonomischen Strukturen der Elbinsel aus- einandergesetzt mit einem Schwerpunkt auf das Thema der Migrantenö- konomie. Darüber hinaus wurde eine qualitative Evaluation des ESF 4 - Projektes eines Informations- und Beratungszentrums für ausländische Existenzgründer und Betriebe „Unternehmer ohne Grenzen e.V.“ durchgeführt.
Toralf González, Dipl.-Soziologe, seit 1997 am Institut für Stadt- und Regional- ökonomie/ Stadt- und Regionalsoziologie. Toralf González studierte Soziologie und Städtebau/Stadtplanung in Hamburg. Neben einer freiberuflichen Tätigkeit wirkte er seit 1997 in unterschiedlichen Forschungsprojekten am Institut mit. Er war an dem Gutachten „Im Stadtteil arbeiten“ betei- ligt und führte die Unternehmensbefragungen auch bei Migrantenbetrie- ben durch. Zudem hat er die Projektbearbeitung sowohl für die „Quali- fikations- und Potenzialanalyse“ als auch für die wissenschaftliche Begleitung der "Entwicklungspartnerschaft Elbinsel" durchgeführt. E- benso war er für die Evaluation von „Unternehmer ohne Grenzen“ zu- ständig in dessen Rahmen 16 Migranten zu ihren Unternehmen befragt wurden. Toralf González hat aufgrund seiner direkten und persönlichen Auseinandersetzung mit Migrantenbetrieben ein umfangreiches Exper- tenwissen auf dem Gebiet. Neben seinem Expertenwissen über Migran- tenökonomien und Milieus weist er umfangreiche Kenntnisse über Wil- helmsburg und das Reiherstiegviertel auf, was dadurch verstärkt wird, dass er seit 2002 im Reiherstiegviertel lebt und zudem zu einem Thema promoviert, dass im Quartier verortet ist.
Unternehmer ohne Grenzen e.V. (UoG)
Der Verein „Unternehmer ohne Grenzen“ wurde im Jahr 2001 von
mehreren Hamburger Firmeninhabern unterschiedlichster Branche und Nationalität gegründet, um Menschen mit Migrationshintergrund bei der Existenzgründung und Betriebsführung zu beraten und zu qualifizieren. Das Projekt wurde von 2001 bis 2004 aus Mitteln des Europäischen So- zialfonds gefördert. In den fünf Jahren, die der Verein besteht, wurden über 2000 Migranten aus über 80 Ländern beraten. Neben dem daraus resultierenden Expertenwissen über Migranten als Unternehmer weisen „Unternehmer ohne Grenzen“ mit ihren Standorten im Schanzenviertel und im Reiherstiegviertel darüber hinaus Kenntnisse über die regionalen Unterschiede der Migranten und ihrer Betriebe auf.
Kazim Abaci, Dipl.-Volkswirt und Sozialökonom, Geschäftsführer und Grün- dungmitglied von „Unternehmer ohne Grenzen e.V.“. Kazim Abaci war als As- sistent bei einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft beschäftigt bevor er 1999 von der Steg im Rahmen eines EU-Projektes für die Beratung von
2 Seit 01.01.2006 Hafen City Universität Hamburg (HCU)
3 Die „Entwicklungspartnerschaft Elbinsel“ ist ein Projekt im Rahmen der aus dem Eu-
ropäischen Sozialfonds geförderten Gemeinschaftsinitiative EQUAL, die darauf abzielt,
neue Wege zur Bekämpfung von Diskriminierung und Ungleichheiten von Arbeitenden
und Arbeitsuchenden auf dem Arbeitsmarkt zu erproben. (www.euqal-de.de)
4 Europäischer Sozialfond. Vgl. http://www.esf-hamburg.de;
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gründungswilligen Migranten sowie für deutsch-türkische Infoveranstal- tungen gewonnen werden konnten. Nach ehrenamtlicher Tätigkeit mit bis zu 60 anderen migrantischen Unternehmern eröffnete er mit den Mitteln des Fonds und der Unterstützung der damaligen Stadtent- wicklungs-, der Wirtschafts- und der Sozialbehörde die erste Beratungs- stelle am Standort St. Pauli. Aufgrund seiner langjährigen Beratungstätig- keit in der Sternschanze weist er exklusives Expertenwissen über die Gründungsarten und Unternehmertypen in diesem Gebiet auf.
Metin Harmanci, Dipl.-Soziologe und Personalentwickler, seit 2003 bei „Unter- nehmer ohne Grenzen e.V.“. Metin Harmanci ist seit 3 Jahren bei UoG am Standort Reiherstiegviertel beschäftigt. Als Diplom-Soziologe und Per- sonalentwickler ist er in der Beratung und dem Coaching bestehender Betriebe tätig und Ansprechpartner für Fragen der Betriebswirtschaft, des Marketings und in allen finanziellen Angelegenheiten. Darüber hin- aus ist er für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig und bereitet die Themen „Migrantenökonomie“ und „Migranten und Selbstständigkeit“ analytisch auf. Metin Harmanci verfügt durch seine Tätigkeiten im Quartier nicht nur ein explizites Wissen über die dortigen Migrantenökonomien, son- dern er hat ebenfalls an den Projekten der EP Elbinsel zur Beratung und Qualifizierung von Migrantenbetrieben sowie bei dem Existenzgründer- projekt auf der Veddel mitgewirkt. (s.Kap.11)
Die Ergebnisse der Experteninterviews liefern Erkenntnisse zum „Über- individuell-Gemeinsamen, Aussagen über gemeinsam geteilte Wissensbe- stände, Relevanzstrukturen, Wirklichkeitskonstruktionen, Interpretatio- nen und Deutungsmustern.“ (Meuser/Nagel 1991: 452) Die Auswertung der Experteninterviews orientiert sich an thematischen Ein- heiten, wobei die Äußerungen im Kontext der institutionellen Hand- lungsbedingung gesehen werden. Ausgewertet wurden die transkribier- ten Einzelinterviews nach der Methode der interpretativen Auswertungsstrategie nach MEUSER/NAGEL (1991: 455ff). Folgende
sechs Auswertungsschritte werden von MEUSER/NAGEL vorgeschla-
gen und für die Auswertung der Experteninterviews angewendet: Transkription, Paraphrase, Überschriften, Thematischer Vergleich, So- ziologische Konzeptualisierung und Theoretische Generalisierung.
Das Auswertungsverfahren nach MEUSER/NAGEL hat sich als überaus fruchtbar erwiesen. Möglich war auf diesem Wege eine Typisierung des Materials vorzunehmen und die Erkenntnisse der Experteninterviews zusammenzubringen. Mit den durchgeführten Experteninterviews wird kein Anspruch auf Repräsentativität erhoben.
Um die Entwicklung von Migrantenökonomie im Quartier aus der Ak- teursperspektive zu analysieren, wurden migrantische Unternehmer als Akteure vor Ort interviewt. Die Auswahl der Gesprächspartner erfolgte nach den folgenden Kriterien:
• Repräsentation einer bestimmten Branche im Quartier
• Qualität des Unternehmens
• Ansässigkeit der Unternehmen im Quartier
• Möglichkeiten der sprachlichen Verständigung (Deutsch- bzw. Englischkenntnisse)
• Zugang und Verfügbarkeit der Personen (Zeit)
Die Unternehmer wurden dabei so ausgewählt, dass ein vielfältiges Spektrum von Qualitäts-, Branchen- und Unternehmertypen befragt werden konnten. Dadurch wird der Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Unternehmerpersönlichkeiten und Biographien Rechnung getragen und eine möglichst differenzierte Sichtweise auf die Untersuchungsthematik ermöglicht.
Die Auswahl der zu befragenden Unternehmer erfolgte mit vorheriger Rücksprache der Experten, um die vorgenannten Kriterien hinsichtlich der potenziellen Interviewpartner zu erörtern. Im Reiherstiegviertel er- folgte die Kontaktaufnahme über Metin Harmanci von UoG, da bereits im Schanzenviertel die Erfahrung gemacht wurde, dass die Gesprächsbe- reitschaft sehr gering und das Misstrauen verhältnismäßig hoch waren. Hinzukam ein hohes Maß an terminlicher Unzuverlässigkeit. So wurden 70% der vorher vereinbarten Interviewtermine nicht eingehalten und auch im Vorfeld nicht abgesagt. Zugesagte Rückmeldungen bezüglich gemeinsamer Terminabsprachen sind ebenfalls nicht erfolgt. Die mit ho- hen zeitlichen Kosten verbundenen terminlichen Schwierigkeiten konn- ten durch eine vorherige Anmeldung von UoG vermieden werden.
Um die subjektive Problemsicht der einzelnen Akteure herauszuarbeiten, wurden problemzentrierte leitfadenorientiertes Interviews (s. Anlage) durchgeführt. Das problemzentrierte Interview zielt nach WITZEL (2000:
1) auf „eine möglichst unvoreingenommene Erfassung individueller Handlungen so- wie subjektiver Wahrnehmungen und Verarbeitungsweisen gesellschaftlicher Reali- tät.“ „Problemzentrierung“ bedeutet, dass sich das Interview an einer ge- sellschaftlich relevanten Problemstellung orientiert, deren objektive Rahmenbedingungen vorab untersucht wurden, um die Darlegungen der Interviewten verstehen und am Problem orientierte Fragen bzw. Nach- fragen stellen zu können. Während des Gespräches kann so die subjekti- ve Sichtweise des Befragten herausgearbeitet und die Kommunikation auf das Forschungsproblem zugespitzt werden. Das problemzentrierte Interview beinhaltet eine prinzipielle Offenheit des Interviewers gegen- über der Empirie, wodurch der Erhebungs- und Auswertungsprozess durch ein induktives-deduktives Wechselverhältnis. (vgl. Witzel 2000: 2f) Das heißt, es könne sowohl aus der Allgemeinheit Rückschlüsse auf den Einzelfall als auch vom Einzelfall auf die Allgemeinheit abgeleitet wer- den.
Bei der Auswahl der Unternehmer wurde neben den oben genannten Kriterien und einer möglichst heterogenen Auswahl ebenfalls darauf Wert gelegt, Betriebe auszuwählen, die nach den Ergebnissen der Kartie- rung als repräsentativ für die Quartiere stehen können oder nach Aussa- ge der Experten als Schlüsselpersonen im Quartier fungieren. Im Schan- zenviertel wurde zudem besonders darauf Wert gelegt, dass die Unternehmer seit längerer Zeit dort ansässig sind, um ihre Reaktionen auf die Veränderungen im Quartier ermitteln zu können. Die Unterneh- mer wurden anonymisiert, da die Mehrzahl der Unternehmer nur auf dieser Basis bereit waren, ein Interview zu geben. Die Aufzeichnung der Gespräche zur anschließenden Transkription wurde bei zwei Interviews verweigert.
Im Schanzenviertel wurden drei Betriebe befragt: Ein türkischer Le- bensmitteländler, eine türkische Einzelhändlerin des nicht-täglichen Be- darfs und ein italienischer Feinkosthandel mit gastronomischem Bereich. Im Reiherstiegviertel wurden ein türkischer Einzelhändler des nicht-
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täglichen Bedarfs, ein türkischer Einzelhändler des täglichen Bedarfs, ein türkischer Inhaber eines Gastronomiebetriebes und die Inhaberin eines portugiesischen Cafés befragt. Da die Befragten in den Unternehmer- portraits (s.Kap.7.6.2; 8.7.2) ausführlich dargestellt werden, kann an die- ser Stelle auf eine weiterführende, detaillierte Beschreibung der Inter- viewpartner verzichtet werden.
Die Auswertung der Unternehmerinterviews erfolgt mittels einer qualita-
tiven Inhaltsanalyse. In Anlehnung an KROMREY (2001: 298) wird unter
Inhaltsanalyse eine „Forschungstechnik, mit der man aus jeder Art von Bedeu- tungsträgern durch systematische und objektive Identifizierung ihrer Elemente Schlüs- se ziehen kann, die über das einzelne analysierte Dokument hinaus verallgemeinerbar sein sollen“ verstanden. Die Methode der Inhaltsanalyse will Kommunika- tion analysieren, indem sie die Sprache, Texte, Bilder, symbolisches Ma- terial auswertet und sie als Teil des Kommunikationsprozesses begreift. Durch Aussagen „über das zu analysierende Material will sie Rückschlüsse auf bestimmte Aspekte der Kommunikation ziehen, Aussagen über den ‚Sender’ (z.B. dessen Absichten), über Wirkungen beim ‚Empfänger’ o.ä. ableiten.“ (Mayring 2003: 12) Das Material wurde unter den theoretischen Fragestellungen systematisch untersucht, wobei die Ergebnisse vor dem jeweiligen Theo- riehintergrund interpretiert wurden. Ziel der Inhaltsanalyse war es, über die Strukturierung und Analyse des Textmaterials, Aussagen über die Wechselwirkung von Quartier als gesellschaftlichem Raum und Migran- tenökonomien sowie Einblicke über das unterschiedliche unternehmeri- sche Denken und Handeln der Befragten unter Einbeziehung des Quar- tierskontextes zu erhalten.
Zur Untersuchung der Gewerbestruktur der Untersuchungsräume sowie zur Analyse der Art und Verbreitung der Migrantenökonomien wurde eine quantitative und qualitative Kartierung des Gewerbes vorgenom- men. Dafür wurden in beiden Untersuchungsräumen zwei repräsentative Straßenabschnitte gewählt, in denen sich die höchste Geschäftsdichte be- findet und wie in den Experteninterviews ermittelt werden konnte, sich die grundlegendsten strukturellen Veränderungen vollzogen haben und die größten Differenzen hinsichtlich des Qualitätsniveaus bestehen. Bei der Bestandsaufnahme wurden die straßenseitigen Erdgeschoss- nutzungen kartiert, da die dort ansässigen Stadtteil- und Quartiers- betriebe den größten Einfluss auf die Angebotsstruktur, die Nut- zungsvielfalt und die Wirkung auf das Straßenbild aufweisen. Bei der quantitativen Gewerbeerhebung wurden die Geschäfte nach Branchen kategorisiert. (s.Abb.5)
Abb. 5 Brancheneinteilung der Stadtteil- und Quartiersbetriebe. Quelle: Eigene Darstellung nach
Steg 2003
Die Einteilung der Branchen erfolgte in Anlehnung an die Un- terteilungen des Gewerbekatasters der Steg. (vgl. Steg 2003) Zum Ein- zelhandel des täglichen Bedarfs gehören neben Lebensmittelgeschäften u.a. auch Drogeriemärkte, Bäcker und Kioske. Personbezogene Dienst- leistungen sind neben Frisören auch Wettbüros, Spielhallen und Call- Shops. Die Unterscheidungen in der Gastronomie wurden anhand des Angebotes und der Ausstattung vorgenommen. So werden zu der Un- terkategorie „Kneipe“ ausschließlich Betriebe gezählt, die nur Getränke und keine Nahrungsmittel anbieten, während in Cafés und Bars ebenfalls Essen gereicht wird, ihre Primärfunktion jedoch im Konsumieren von Getränken liegt.
Über die Kartierung der Branche, die in den meisten Fällen von außen absehbar war, wurde ebenfalls die Nationalität des Inhabers kartiert. Da aufgrund der vorherigen Auseinandersetzung mit Migrantenökonomien davon auszugehen war, dass die äußere Erscheinung eines Geschäftes nur bedingt einen Rückschluss über die Nationalität des Inhabers zulässt, wurde eine direkte Befragung der Mitarbeiter/Inhaber bezüglich des Migrationshintergrundes des Unternehmers vorgezogen. Mit der vielfach misstrauischen, abweisenden und z.T auch feindseligen Reaktion auf die Nachfrage wurde in der Form nicht gerechnet. Dies erschwerte die For- schungsarbeit und erhöhte den zeitlich und emotionalen Aufwand der Erhebung ungemein.
Mit der qualitativen Kartierung wurde die Qualität der vorhandenen Gewerbe in den Untersuchungsräumen dokumentiert, um so ihre Funk- tionen und Wirkungen auf das Quartier und seine Bewohner analysieren zu können. Daher erfolgte eine Einteilung nicht nur nach Branche und Nationalität, sondern ebenfalls nach qualitativen Gesichtspunkten. Dabei wurde die Angebots- und Versorgungsqualität, die äußere Erscheinung
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und die Zielgruppe des Geschäftes anhand der folgenden Fragen analy-
siert. (s.Abb.6)
Abb. 6 Kriterien der Bestandsbewertung. Quelle: Eigene Darstellung
Über eine Bewertung der Angebots- und Versorgungsqualität und der
äußeren Erscheinung wurden die Geschäfte den Qualitätskategorien
niedrig, mittel und höher zugeordnet. (s.Abb.7)
Abb. 7 Qualitätskategorien und Milieuzuordnung des Gewerbes. Quelle: Eigene Darstellung
Neben der Angebots- und Versorgungsqualität und der äußeren Er-
scheinung wurde anhand der Fragestellungen erörtert, ob sich die Ge-
schäfte einer bestimmten Zielgruppe zuordnen lassen. Anhand der jewei-
ligen Auseinandersetzungen mit den Entwicklungen der
Untersuchungsräume und den Expertengesprächen konnte das Vorhan-
densein unterschiedlicher Milieus in den Untersuchungsräumen ermittelt
werden, zu denen sich über die Analyse der Zielgruppe bestimmte Un-
ternehmen zuordnen ließen.
Anhand der qualitativen und quantitativen Kartierung der deutschen und
migrantischen Stadtteil- und Quartiersbetriebe können Aussagen über
die Funktionen und Wirkungsweisen beider Unternehmenstypen im
Quartier analysiert werden.
1. Migrantenökonomie zwischen Nische und Markt
„Der Döner Kebab hat mehr zur Integration der Türken in Deutschland beigetragen als alle Bemühungen von Intellektuellen.“ (Seidel 2001)
Die Entstehung von Migrantenökonomie in Deutschland begann mit der Arbeitskräfteanwerbung in den 1950er Jahren. Mit den Anwerbeverein- barungen wurde die systematische Zuwanderung nach Deutschland ein- geleitet, die auch nach Beendigung der Anwerbung 1973 bis heute fort- besteht. Seit Anfang der 1980er Jahre nimmt die Selbstständigkeit unter der ausländischen Bevölkerung kontinuierlich zu und verstärkt sich wei- ter seit der geänderten Gesetzgebung 1 Anfang der 1990er Jahre. (vgl. Goldberg/Sen 1997: 65)
Heute sind Migrantenökonomien zu einem charakteristischen Merkmal deutscher Großstädte geworden. Mit ihren Angeboten im Einzelhandel, Gastronomie und Dienstleistungen erweitern sie die städtische Ange- bots- und Nutzungsvielfalt und prägen das Konsumverhalten der Städter ebenso wie das Warensortiment der Supermärkte. Die Verbreitung von Migrantenökonomien beschränkt sich nicht mehr auf einzelne Stadt- räume, sondern hat sich nahezu auf das gesamte Stadtgebiet ausgeweitet. Im Zuge dessen haben sich die Betriebe hinsichtlich Branche und Qua- lität differenziert entwickelt und weisen eine Vielzahl von Erscheinungs- formen auf.
1.1 Bedeutungsgewinn der Migrantenökonomie
Trotz ihrer langen Entstehungsgeschichte und weiten Verbreitung sind Migrantenökonomien in Deutschland ein aus wirtschafts- und kommu- nalwissenschaftlicher Sicht sehr junges Forschungsthema. Erst ab Mitte der 1990er Jahre wurde in Deutschland begonnen sich intensiv mit der Thematik zu befassen. Vor dem Hintergrund der Verfestigung von struktureller Arbeitslosigkeit von Migranten und deren räumliche Kon- zentration wurde festgestellt, dass sich die ausländischen Selbstständigen aus ihrer ethnischen Nische gelöst und zu Anbietern von Arbeitsplätzen entwickelt haben. (vgl. Floeting u.a. 2005: 3) In dem Zusammenhang wurde der besondere Charakter der Migrantenökonomie durch ihre Ein- bettung in wirtschaftliche und sozio-kulturelle Zusammenhänge für die Integration von Zuwanderern entdeckt. Neben ihrem ökonomischen Nutzen als Arbeits- und Ausbildungsplatzgeber (vgl. ifm 2005) sind es gerade die sozialen Funktionen, welche die Migrantenökonomie zu ei- nem wichtigen Forschungs- und Handlungsfeld für kommunale Akteure gemacht haben. In Anbetracht der anhaltenden und gerade wieder hoch- aktuellen Diskussion um Integration und die Entstehung von „Pa- rallelgesellschaften“ wird vor allem die integrative Wirkung von Migran- tenökonomie thematisiert. (vgl. Schuleri-Hartje 2005) Damit ging eine Neubewertung und veränderte Wahrnehmung von Migrantenökonomie einher. Die Sichtweise einer Nischen- und Armutsökonomie wandelte sich hin zu einem „ernstzunehmenden Faktor lokaler Ökonomie“ (Leicht 2005b).
1 Durch die geänderte Regelung des Aufenthaltsstatus für Nicht-EU-Bürger seit dem
01.01.1991 verbessern sich für viele Migranten die rechtlichen Rahmenbedingungen zur
Aufnahme einer Selbstständigkeit. Anfang der 1960er Jahre hatten nur wenige Türken ei-
nen gesicherten Aufenthaltsstatus, wodurch die Möglichkeiten einer Existenzgründung
stark eingeschränkt waren. (vgl. BMI 2006)
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1.2 Strukturelle Merkmale und Besonderheiten
Die Migrantenökonomie in Deutschland stellt einen sehr dynamischen und stark zunehmenden Wirtschaftszweig dar. Mit 286.000 ausländi- schen Unternehmern stellen die Migranten 7% der Selbstständigen in Deutschland und verzeichnen einen Gesamtumsatz von rund 44 Mrd. Euro. Mit über 600.000 Beschäftigten stellen sie 3-4% aller Arbeitsplätze in Deutschland. (vgl. ifm 2005: 13)
Die größten Gruppen selbstständiger Migranten stellen die Italiener mit 16%, die Türken mit 15% und die Griechen mit 9% Anteil an der Migrantenökonomie in Deutschland dar. (vgl. ifm 2005: 5) Die Griechen und Italiener sind mit rund 50% der unternehmerischen Tätigkeit stark auf den gastronomischen Bereich fixiert, während nur ein Drittel der Türken dort aktiv ist. Türkische Unternehmer sind stärker auf die Han- delsbranche sowie personen- und haushaltsorientierte Dienstleistungen ausgerichtet. (vgl. Burgbacher 2004: 17f). Die Türken, Griechen und Ita- liener sind sowohl im handwerklichen Bereich als auch bei den unter- nehmensnahen und freiberuflichen Dienstleistungen stark unterreprä- sentiert. (vgl. ifm 2005: 12) Die größten Betriebe befinden sich in den Branchen verarbeitendes Gewerbe, Großhandel und Gastronomie; die kleinsten Unternehmen sind Einzelhandelsbetriebe. (vgl. Burgbacher 2004: 19)
Insgesamt weisen die Migrantenökonomien eine starke Heterogenität auf. Branchenverteilung, Bildungsgrad, Gründungsalter, Nutzung von Förderung und Beratung, sozialem Kapital und Grad der Ethnisierung hängen stark von der jeweiligen Nationalität und ihrer Einwanderungs- geschichte nach Deutschland ab. Verallgemeinernde Aussagen zu „der“ Migrantenökonomie können auch aufgrund des begrenzten Datenmate- rials demnach nicht getroffen werden.
1.3 Definition und Begriffsabgrenzung
Der Begriff der „Migrantenökonomie“ wird in der Literatur synonym und zum Teil überschneidend mit den Termini „ethnische Ökonomie“, „Zuwanderer-Ökonomie“ oder „Migrationsökonomie“ verwendet. Die Definitionen, die hinter den Formulierungen stehen, weichen in Abhän- gigkeit der Autoren graduell voneinander ab. Zur Vereinfachung und Vermeidung von Begriffsüberschneidung und Irritationen wird in der Arbeit ausschließlich der Begriff „Migrantenökonomie“ verwendet, der folgend definiert wird. Von der Vielzahl der unterschiedlichen, zum Teil unklar abgegrenzten Definitionen wird die für die vorliegende Untersu- chung wesentliche Variante vorgestellt und daraus eine eigene Beg- riffseingrenzung abgeleitet.
Vorherrschend in der sozioökonomischen Diskussion ist die Definition von Migrantenökonomie nach FLOETING / HENCKEL vom Deutschen Institut für Urbanistik. Sie definieren „ethnische Ökonomie“ als „selbst- ständige Erwerbstätigkeit von Personen mit Migrationshintergrund in Deutschland und abhängige Beschäftigung in von Personen mit Migrationshintergrund geführten Betrieben (...), die in einem spezifischen Migrantenmilieu verwurzelt sind.“ (Floe- ting/Henckel 2003: 68, ebs.: Floeting u.a. 2005: 3; Schuleri-Hartje u.a. 2005: 21) Durch den von den Autoren gewählten Begriff der „ethni- schen Ökonomie“ und den als Bedingung eingeschlossenen Bezug zu ei- nem „spezifischen Migrantenmilieu“ wird der Fokus von vornherein auf kulturelle Besonderheiten dieser Unternehmensform gelegt und diese vorab zur Bedingung und damit zur Eigenschaft des Untersuchungsge- genstands gemacht. Damit werden per Definition Teile der selbstständi-
gen Tätigkeit von Migranten von der Betrachtung und Forschung ausge- schlossen.
Um dies zu vermeiden wird folgend jede Form der selbstständigen Er- werbstätigkeit von Migranten und Personen mit Migrationshintergrund unter dem Begriff der Migrantenökonomie zusammengefasst. Die Ange- stellten von Migrantenunternehmen, die „abhängige Beschäftigung in von Per- sonen mit Migrationshintergrund geführten Betrieben“, (Floeting/Henckel 2003: 68) werden ebenfalls als Teil der Migrantenökonomie verstanden. Da die Migrantenökonomie hinsichtlich ihrer Wirkung auf die Quartiersent- wicklung analysiert wird, stehen der räumliche Bezug der Betriebe und ihre lokale Eingebundenheit im Vordergrund der Untersuchung. Unter- suchungsgegenstand sind demnach Stadtteil- und Quartiersbetriebe, die von Personen mit Migrationshintergrund geführt werden. Die Einbet- tung in ein ethnisches Milieu und die Ausprägung kultureller und ethni- scher Besonderheiten werden nicht von vornherein als konstituierender Bestandteil der Migrantenökonomie verstanden. Vielmehr stellen der Grad der „Ethnisierung“ der Migrantenökonomien und ihre Auswirkun- gen auf die Entwicklung von Unternehmen und Quartier einen wesentli- chen Schwerpunkt der vorliegenden Forschungsarbeit dar. Daher wird ausschließlich der Begriff „Migrantenökonomie“ oder „Migrationsöko- nomie“ verwendet. Die Bezeichnung „ethnische Ökonomie“ bleibt Un- ternehmensformen vorbehalten, die vordergründig und nachweislich durch ethnische Faktoren in ihrer Struktur und unternehmerischen Han- deln geprägt sind.
1.4 Entstehungstheorien und Erklärungsansätze
Um zu analysieren, wie sich Migrantenbetriebe in Quartieren entwickeln und welche Rolle dem spezifischen Quartiersmilieu sowie dem unter- nehmerischen Denken und Handeln zukommt, werden einleitend die in der sozio-ökonomischen Literatur vorherrschenden Entstehungstheorien und Erklärungsansätze von Migrantenökonomien vorgestellt. Anhand der strukturellen Daten, die neben den qualitativen Zugängen der Theo- rie einen quantitativen Überblick über Wesen und Verbreitung der Migrantenökonomie in Deutschland vermitteln, werden die Entste- hungstheorien und Erklärungsansätze hinsichtlich ihrer Aussagekraft a- nalysiert. Anhand der bewerteten Erklärungsansätze werden erste Ein- schätzungen des unternehmerischen Denkens und Handelns der Migrantenunternehmer vorgenommen sowie ihre mögliche Beeinfluss- barkeit gegenüber äußeren Einflüssen abgeleitet.
In der Literatur lassen sich kulturelle und strukturelle Erklärungsan- sätze unterscheiden. Kulturelle Erklärungsansätze „heben die Besonderheiten „Ethnischer Ökonomie“ hervor und machen ihre Entstehung und Funktionsweise an kulturellen Besonderheiten der ethnischen Gruppe fest.“ (Fischer 2001: 30) Zu ih- nen lassen sich das Kulturmodell und der Ressourcenansatz zählen. Strukturelle Erklärungsmodelle leiten hingegen die Entstehung und Funktionsweise aus den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ab, die Betriebsgründungen von Migranten fördern oder erschweren. Zu ihnen werden das Ergänzungs- bzw. Nischenmodell sowie das Reaktionsmo- dell gerechnet. Der Interaktionsansatz versucht hingegen ethnische und strukturelle Ansätze zu verknüpfen. (vgl. u.a. Goldberg/Sen 1997: 66ff; Hillmann 2001: 43; Fischer 2001: 35ff; Floeting/Henckel 2003: 72f; Schuleri-Hartje u.a. 2005: 23ff)
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Das Kulturmodell setzt als Erklärungsansatz bei den kulturellen Unter- schieden an, die zwischen Herkunfts- und Aufnahmeland bestehen. So werden die Werte und kulturellen Normen der Zuwanderer, die sie aus ihrem Herkunftsland importieren, als ausschlaggebend für ihr wirtschaft- liches Verhalten in der Aufnahmegesellschaft gesehen. Ausländische Selbstständigkeit wird als ein „Festhalten an traditionellen Verhaltensweisen (…) aus der Herkunftsregion“ und einer so genannten „Basar-Mentalität“ er- klärt. (Wiebe 1984: 325; zit. in: Golberg/Sen 1997: 69) Demzufolge ha- ben bestimmte Kulturen eher Präferenzen für selbstständige Ge- schäftsaktivitäten als andere. (vgl. Fischer 2001: 31) Die Studie der Schader-Stiftung und des Difu belegen diese Annahme damit, dass die Selbstständigenquote in Griechenland und der Türkei Ende der 1990er Jahre bei rund 30% und in Italien bei 25% lag, während in Deutschland nur 10% Selbstständige waren. Aus diesen statistischen Werten wird eine „Mentalität der Selbstständigkeit“ abgeleitet. (vgl. Schuleri-Hartje 2005: 25)
Die Kritik am Kulturmodell beruht auf der Einseitigkeit des Erklärungs- versuches, ausländische Selbstständigkeit anhand den vom Aufnahme- land abweichenden kulturellen Werten und Normen abzuleiten. Andere Faktoren wie die strukturelle Situation im Aufnahmeland in rechtlicher, ökonomischer und sozialer Hinsicht sowie individuelle Handlungsmotive werden nicht berücksichtigt. Daher reicht auch eine reine Gegenüber- stellung der Selbstständigenquote in ausgewählten Ländern nicht aus, um eine „Mentalität der Selbstständigkeit“ nachzuweisen, wenn die divergie- rende gesamtgesellschaftliche Situation in den Ländern nicht in die Be- trachtungen mit einbezogen wird. „Das Kulturmodell beruht auf einer fest ge- fügten, von dem Herkunftsland bestimmten und unveränderbaren Kultur, die daher auch eine durch Erfahrungen in der Aufnahmegesellschaft bedingte Verhaltensände- rung, wirtschaftliche Neuorientierung etc. nicht erwarten läst.“ (Goldberg/Sen 1997: 69) Somit wird von dem Modell weder eine unterschiedliche Bran- chenwahl noch das unternehmerische Verhalten der zweiten Generation von Migranten erklärt. (vgl. Goldberg/Sen 1997: 69f; Schuleri-Hartje u.a 2005: 26) Das Modell weist allein für sich genommen einen geringen Er- klärungswert hinsichtlich der Entstehungs- und der Funktionsweise von Migrantenökonomien auf.
Im Ressourcenansatz finden sich weniger zugespitzt Hinweise darauf, dass die kulturelle Prägung des Herkunftslandes Auswirkungen auf die unternehmerischen Aktivitäten von Zuwanderern besitzt. Es wird davon ausgegangen, dass innerhalb einer ethnischen Community spezifische, ethnische Ressourcen vorhanden sind, die für die Unternehmensgrün- dung und –Führung genutzt werden. „Ethnische Ressourcen“ werden von den Anhängern dieses Erklärungsansatzes als zentrale Faktoren bei der Entstehung und Etablierung von Migrantenunternehmen angesehen. Als Ressourcen werden alle Formen von Solidarität und gegenseitiger Unterstützung z.B. in sozialer oder finanzieller Hinsicht, spezifische eth- nische Traditionen und Werte wie Arbeitstugend und Konsumgewohn- heiten, aber auch Ehre, Vertrauen, Solidarität und Loyalität sowie spezi- fische, ethnisch kooperative Strukturen in der Wirtschaftstätigkeit bezeichnet. Besonders der stärkere Familienverbund, der für die Rekru- tierung von Arbeitskräften und im Zuge der Kapitalbeschaffung genutzt werden kann, wird als ethnisches Merkmal betrachtet. Als typische Bei- spiele des Ressourcenansatzes dienen der Handel mit ethnischen Waren oder das Angebot von ethnischen Speisen und Getränken, da die Migranten in diesem Fall direkt von ihren ethnischen Spezifika profitie- ren können. (vgl. u.a. Goldberg/Sen 1997: 69; Fischer 2001: 33)
Arbeit zitieren:
Anna Becker, 2006, Quartiersentwicklung mit Migrantenökonomie - die Entwicklung von Migrantenökonomie im Quartier, München, GRIN Verlag GmbH
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