Gott erfahren im Spannungsfeld von Offenbarung und
Verhüllung - eine theologische Verortung des Begriffs der
Gotteserfahrung
0. Einführung. 4
1. Erfahrung. 7
1.1 Erfahrung im profanen Verständnis. 7
1.1.1 Von der Wahrnehmung zur Erfahrung. 7
1.1.2 Erfahrungen sind nicht machbar. 9
1.1.3 Erfahrungen sind auf Ganzheit ausgerichtet. 10
1.1.4 Erfahrungen als Erfahrungsgeschichte. 13
1.2 Gotteserfahrung. 13
2. Offenbarung. 16
2.1 Wesentliche Aspekte zur Offenbarungslehre. 17
2.1.1 Offenbarung als Selbstmitteilung Gottes zum Heil
der Menschen. 17
2.1.2 Wie offenbart sich Gott? 22
2.1.2.1 Offenbarung in der Schöpfung. 23
2.1.2.2 Offenbarung in der Geschichte. 27
2.1.2.3 Offenbarung in Jesus von Nazareth. 30
3. Verhüllung. 34
3.1 Gott als Geheimnis. 35
3.1.1 Transzendenz Gottes. 35
3.1.2 Verhüllung in der Offenbarung. 37
3.1.3 Sünde und Sündhaftigkeit des Menschen 39
4. Glauben im Kontext von Verhüllung und
Offenbarung. 43
4.1 Was Glauben meint. 44
4.2 Glaube als personales Ereignis. 46
4.3 „Ich glaube, darum weiß ich“ 47
4.4 Glaube als Wagnis. 49
4.5 Glaube als Antwort des Menschen auf die
Selbstoffenbarung Gottes 52
5. Zusammenfassung und Fazit: Das Spannungsfeld von
Offenbarung und Verhüllung, in dem sich Gotteserfahrungen
und Glauben ereignen. 56
6. Abschließender Ausblick. 61
7. Literaturverzeichnis 66
0. Einführung
Die Motivation zu der hier vorliegenden Diplomarbeit mit dem Titel: Gott erfahren im Spannungsfeld von Offenbarung und Verhüllungeine theologische Verortung des Begriffs der Gotteserfahrung entstand aus folgender Beobachtung heraus: Bei Diskussionen in Vorlesungen und Seminaren des Studiums der Praktischen Theologie schien es oft, als verstünde jeder etwas anderes über grundsätzliche Begriffe der Theologie wie Gott, Spiritualität, Glaube oder das Christliche... usw. Mit dem Begriff Gotteserfahrungen war es nicht anders. Wenn jeder unter diesen Begriffen etwas anderes versteht, wie soll man sich dann noch verständigen? Dabei standen sogar Meinungen im Raum, welche jede Prämisse über Gott bzw. Gotteserfahrung ignorierten und dennoch beharrlich eine persönlichen Beziehung zu Gott konstatierten. „Doch macht die Rede von einer persönlichen Beziehung [zu Gott] wenig Sinn, solange nicht inhaltlich Aussagen wenigstens vorausgesetzt werden.“ 1
Unzufrieden über diesen Beliebigkeitspluralismus erwuchs das Bedürfnis, hier eine Diplomarbeit zu erstellen, die sich eingehend der Gotteserfahrung widmet und sie im Spannungsfeld von Offenbarung einerseits und Verhüllung andererseits zu verorten versucht. Denn der Begriff der Gotteserfahrung „[...] existiert in dem Bewußtsein der meisten Benutzer in der elementaren Weise eines ‚Vor-Urteils’, d.h. in der Weise einer Überzeugung, die unzähligen weiteren Entscheidungen und Ansichten zugrunde liegt, die aber selbst unbegründet bleibt, oder besser gesagt: die scheinbar gar keiner Begründung bedarf, da ihre Richtigkeit unmittelbar einleuchtet.“ 2
Ziel der Arbeit ist es daher, wesentliche Charakteristika zu beleuchten die Gotteserfahrungen kennzeichnen und umgeben. Denn die Frage, ob Gott sich heute noch erfahren läßt bzw. überhaupt erfahren werden kann, ist von großer Wichtigkeit für den christlichen Glauben; liegt
1 Mackie, John Leslie: Das Wunder des Theismus. Argumente für und gegen die
Existenz Gottes. (Aus dem Englischen übersetzt von Rudolf Ginters.) Stuttgart 1985,
S. 13.
2 Hoye, William J.: Gotteserfahrung? Klärung eines Grundbegriffs der gegenwärtigen
Theologie. Zürich 1993, S.11.
4
darin doch die Frage nach Gott selbst verborgen. Erheben Christen die Frage nach Gott, so stellen sie die Frage nach der ureigenen Mitte des Glaubens. 3 Wenn Gott nicht erfahrbar ist, welche Relevanz hätte er dann noch in dieser Welt und im Leben der Menschen? Gott ist es, auf den hin sämtliche Aussagen der Theologie vorgenommen werden. Fiele Gott weg, so fehlte der Theologie dasjenige, was sie erst zur Theologie, also zur Lehre bzw. Rede von Gott machte. Gott ist - und das ist mehr als ein Gemeinplatz - bleibender Bezugspunkt jeder Theologie und des christlichen Glaubens.
Allerdings wäre es verfehlt, hier auch eine umfassende Antwort auf die Frage nach Gott und seiner Erfahrbarkeit zu erwarten. Der Fokus der Arbeit liegt auf der Spannung zwischen der Offenbarung Gottes und der Tatsache, daß Gott der Welt dennoch unzugänglich und verhüllt ist. Dieser Spannung sind Gotteserfahrungen ausgesetzt. Deshalb wird aber keine methodisch-didaktische bzw. religionspädagogische Vermittlung vorgestellt, wie Gott sich im Spannungsfeld von Offenbarung und Verhüllung erfahren ließe, sondern es soll eine systematischtheologische Fundierung bzw. Artikulation dieser Spannung erfolgen. Aber auch mit dieser Beschränkung ist das Feld, was im Fortgang betreten wird, noch sehr weitläufig. Sehr groß sind die Möglichkeiten des Ausschweifens und Exkursierens. Aber gerade darin liegt die Herausforderung der Arbeit, wesentliche Inhalte des Glaubens zur Sprache und verständlich auf den Punkt zu bringen. Ohne die christliche Religion im Kern verkürzen zu wollen, muß es dennoch möglich sein, nicht in Form ganzer Bibliotheken auf die Frage nach Gotteserfahrung zu antworten, sondern in wichtigen Grundzügen auf wenigen Seiten vo n Erfahrungen Gottes zu sprechen. Die Diplomarbeit baut sich ihrem Titel gemäß auf: Im Kapitel 1 wird zunächst einmal zu klären sein, was Erfahrung als solche kennzeichnet bevor sich mit Gotteserfahrungen näher beschäftigt werden kann. Sodann wird diese Si chtweise auf die Gotteserfahrung transferiert und festgestellt, daß die Gotteserfahrung die Offenbarung Gottes voraussetzt. Kapitel 2 wird dann wesentliche Aspekte zur
3 Vgl. Pesch, Otto Hermann: Heute Gott erkennen, Mainz 1980, S.9.
5
Offenbarungslehre behandeln. Im Kapitel 3 wird der Offenbarung die Verhüllung Gottes gegenüber gestellt und näher untersucht. Kapitel 4 versucht im Anschluß zu sagen, welche Konsequenzen sich daraus für den Glauben ergeben bzw. was Glauben im Kontext zur Offenbarung und Verhüllung eigentlich bedeutet. Im Kapitel 5 werden die Ausführungen der vorherigen Kapitel zusammengefaßt und ein Fazit über die dargelegten Inhalte gezogen. Im letzten Kapitel, dem Kapitel 6, findet dann noch ein abschließender Ausblick statt. Es sei zum Schluß noch darauf hingewiesen, daß sämtliche in dieser Diplomarbeit zitierten Bibelstellen, sich auf die allgemein gebräuchliche Einheitsübersetzung beziehen. Desweiteren ist diese Arbeit unter Verwendung der alten Rechtschreibregelung verfaßt worden. Ebenso wurde auf die Ergänzung weiblicher Endungen bei Berufs- und Rollenbezeichnungen zugunsten eines flüssigeren Lesens verzichtet. Der Autor ist sich aber bewußt, daß beim Gebrauch von männlichen Berufs- und Rollenbezeichnungen, auch stets Frauen damit gemeint sein können. 4
4 Anm. d. Verf.: Aus Perspektive der Frauen wäre allerdings zu fragen, ob auch sie
mit diesem Vorgehen einverstanden sind.
6
1. Erfahrung
„Bevor die Eigenart einer Erfahrung Gottes sichtbar werden kann, ist es erforderlich, in wesentlichen Zügen zu klären, was Erfahrung als solche ausmacht.“ 5
1.1 Erfahrung im profanen Verständnis
1.1.1 Von der Wahrnehmung zur Erfahrung
Den Anfang jeder Erfahrung bildet die den Menschen vorgegebene materielle Welt, welche mit den Sinnen wahrgenommen wird. Erfahrung basiert folglich auf sinnlicher Wahrnehmung, sie endet aber dort nicht, sondern reicht darüber hinaus. Bei Erfahrungen dreht es sich nämlich nicht um flüchtiges Wahrnehmen, um ein bloßes Rezipieren oder um oberflächliches Erleben. 6 Erfahrungen kommen erst immer dann zustande, wenn diese sinnlichen Eindrücke auch verarbeitet und dadurch in einen bestimmten Kontext eingeordnet werden. Was Menschen alltäglich geschieht, was s ie erleben und mitmachen, vermittelt noch keine Erfahrungen. Zu Erfahrungen werden die Widerfahrnisse im Leben erst durch eine jeweilige Verarbeitung. 7 Dieses Verarbeiten von Erlebnissen geschieht zumeist durch Deutung, Beurteilung, Bewertung bzw. Interpretation, wodurch dem sinnlichen Eindruck eine adäquate Relevanz für das eigene Leben beigemessen wird. Erfahrungen realisieren sich also erst in der Verarbeitung des sinnlich Wahrgenommenen. 8 Sie erwachsen aus gedeuteter Wahrnehmung und interpretiertem Erlebnis. Das Machen von Erfahrungen ist mithin ein interpretatorisches, ein deutendes Geschehen. Die mit den Sinnen aufgenommenen Informationen werden auf diese Weise in einen bestimmten Zusammenhang gestellt, und es
5 Wenzler, Ludwig: Erfahrungen mit Gott. In: Ders.[Hrsg.]: Die Stimme in den
Stimmen. Zum Wesen der Gotteserfahrung, Düsseldorf 1992, S.7-29, S.9.
6 Vgl. Scholl, Norbert: Auf den Spuren des dreieinen Gottes. In: Schriftenreihe der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, Band 17, Weinheim 1994, S. 13.
7 Vgl. insgesamt Spital, Hermann-Josef: Gott läßt sich erfahren. Über die Weitergabe
des Glaubens. Trier u.a. 1995, S. 15.
8 Vgl. Werbick, Jürgen: Glaubenlernen aus Erfahrung. Grundbegriffe einer Didaktik
des Glaubens. München 1989, S.118.
7
werden Vergleiche mit bereits früher gemachten Erfahrungen vorgenommen. 9
Zu solcher Interpretation kommt es, wenn Menschen erkennen, daß das von außen an sie Herangetragene sie nicht unberührt läßt. Denn die schlichte Wahrnehmung kann Menschen auch innerlich unbeteiligt lassen. Sie muß den Menschen nichts mitteilen. Wahrnehmung kann aber demgegenüber auch Betroffenheit auslösen. Menschen bemerken in diesem Moment, daß jene Situation oder dieses Ereignis sie nicht in Ruhe läßt. Solche Wahrnehmungen betreffen die Person unmittelbar, sie gehen den M enschen förmlich an. Hinter dem vordergründig Wahrgenommenen verbirgt sich dann offenbar mehr, als dies auf den ersten Blick scheint. Auf diese Weise vollzieht sich ein Kommunikationsprozeß zwischen dem sinnlichen Eindruck und der Person. So redet quasi das Wahrgenommene zum Menschen, es spricht ihn an und fordert den Menschen heraus über das Erlebte nachzudenken. 10
Auf diesem Wege werden dem Menschen neue Dimensionen des Selbst-, Fremd- und Weltverständnisses zugänglich. Diese neu eröffneten Dimensionen vertiefen die Existenz des Menschen und verändern etwas an und in seinem Dasein. 11 Erfahrungen können deshalb auch als Erschließungsvorgänge bezeichnet werden, weil anhand von Erfahrungen, die den Menschen umgebende Wirklichkeit erschlossen wird bzw. der Mensch sich selbst dadurch erschließt. 12 Wird etwas von großer Wichtigkeit für das eigene Leben evident oder leuchtet eine Wahrheit ein, die am bisherigen Leben etwas ändert, so kann dieser Prozeß als Erschließungsvorgang bzw. -erfahrung gekennzeichnet werden. Erfahrungen bewirken deshalb
konsequenterweise eine ständige Erweiterung des Bewußtseins. 13 Das eigene Denken, Fühlen und Verhalten wird von Erfahrungen
9 Vgl. Scholl (1994), S.13.
10 Vgl. insgesamt ebd., S.16.
11 Vgl. insgesamt Schmitz, Josef: Offenbarung. Leitfaden Theologie 19. Düsseldorf
1988, S.21.
12 Vgl. ebd. S.23.
13 Vgl. Scholl (1994), S.13f.
8
geprägt und bestimmt, wodurch Erfahrungen schließlich zur Bildung der Gesamtpersönlichkeit eines Menschen beitragen. 14
1.1.2 Erfahrungen sind nicht machbar
Wurde eben noch gesagt, daß Erfahrungen gemacht werden, indem Geschehnisse in eine bestimmte Richtung interpretiert werden, so muß diese Aussage auch gleich wieder relativiert werden. Zwar bleibt der deutende Grundzug jeder Erfahrung unangetastet, doch wenn einmal genauer hingeschaut wird, so können Erfahrungen eigentlich nicht gemacht werden. 15 Denn: „Allein das Interesse bringt noch keine Erfahrung zustande“. 16 Erfahrungen welche in unterschiedlicher Art auf die Lebensgestaltung des Menschen verändernd einwirken, sind von geschenkhaftem Charakter. Es handelt sich bei ihnen um nicht herstellbare, nicht erzwingbare Vorgänge. 17 Der richtige Moment, die begünstigenden Verhältnisse müssen hinzutreten, die entsprechende Situation muß das Zustandekommen einer Erfahrung zulassen. 18 Deswegen lassen sich Erfahrungen nicht im voraus berechnen und ins eigene Leben einplanen. Sie sind der menschlichen Verfügung entzogen. Von daher braucht es Geduld und einen langen Atem, um etwas zu erfahren. Denn Erfahrungen können mitunter auf sich warten lassen. Viel Zeit kann verstreichen, bis sich eine für das eigene Leben wichtige Erfahrung zuträgt.
Können Erfahrungen in diesem Sinne also nicht gemacht werden, verlangen s ie aber wohl eine prinzipielle Aufmerksamkeit bzw. Wachheit mit der man durchs Leben geht. Erfahrungen werden Menschen zuteil, die zuvor stehende Wahrnehmung muß aber auch den Menschen erreichen, sie muß auf fruchtbaren Boden fallen, soll sich daraus eine n Erfahrung realisieren. Die Sinne dürfen nicht betrübt sein. Suchende und forschende Sinnesorgane sind gefragt. NORBERT SCHOLL beschreibt diesen Vorgang folgendermaßen:
14 Vgl. Hessischen Kultusministerium [Hrsg.]: Rahmenplan Grundschule. Wiesbaden 1995, S.13.
15 Vgl. Scholl (1994), S.17.
16 Ebd., S.17.
17 Vgl. insgesamt Schmitz (1988) S.21.
18 Vgl. Scholl (1994). S.17.
9
„Suchen heißt: mit gespannter Aufmerksamkeit auf jede Spur achten, die sich den Sinnen zeigt. Forschen bedeutet: die Augen nicht nur an der Oberfläche der Dinge haften lassen und sich dem schnell Gesehenen abfinden, sondern tiefer dringen, weiter fragen, dahinter schauen.“ 19
1.1.3 Erfahrungen sind auf Ganzheit ausgerichtet
Spätestens seit der anthropozentrischen Wende der Theologie durch KARL RAHNER u.a. ist bekannt: Zur Wesensart des Menschen gehört seine Ausrichtung auf Ganzheit, sein Streben nach Sinn, sein Suchen nach gelingendem Leben 20 LUDWIG WENZLER knüpft daran an, indem er schreibt: „Eine solche Auslegung auf Ganzheit und Gestalt hin vollbringen wir in allen unseren Erfahrungen, zumeist ohne daß wir eigens darauf aufmerksam sind“. 21 NORBERT SCHOLL führt diesen Gedanken fort, denn:
„Was er [d.i. der Mensch] dabei er-fährt, das verarbeitet und ordnet er in persönlicher Reflexion und Auseinandersetzung zu einem Ganzen. In der ständig neu aufgenommenen Wahrnehmung des zunächst Unbekannten, im Deuten des Unverstandenen, das ihm begegnet, im Hinterfragen des Vordergründigen auf das Letztgültige ergibt sich das, was man die Lebenserfahrung eines Menschen nennen kann. Sie bildet zugleich die Grundlage für die Aufnahme neuer Erfahrungen und führt zu einem individuellen Weltverständnis.“ 22
Erfahrung ist also den Menschen und seine Welt umfassend und nicht selektiv. 23 Erfahrung stellt die ihr zugrunde liegenden „[...] Deutungen in einen Gesamtzusammenhang und bemüht sich, hinter dem Chaos des vielen Einzelnen den Kosmos des großen Ganzen zu erkennen.“ 24 Denn durch Erfahrungen werden keine isolierten Einzelheiten vermittelt, „[...] sondern Sachverhalte und Sinnzusammenhänge.“ 25 An dieser Stelle ist es nicht verfehlt, ein Beispiel zu geben, was das bisher Gesagte verdeutlicht. Dabei sei darauf hingewiesen, daß das folgenden Beispiel einer eigenen Erfahrung entstammt bzw. einer
19 Scholl, Norbert: Was der christliche Glaube will. München 1988, S.34.
20 Vgl. Rahner, Karl: Grundkurs des Glaubens. Einführung in den Begriff des
Christentums. Freiburg i. Br. 1976, S. 35ff.
21 Wenzler (1992) S.10.
22 Scholl (1994) S.13.
23 Vgl. ebd., S.17.
24 Ebd., S.13.
25 Ebd., S.17.
10
persönlich gemachten Erfahrung zugrunde liegt. Dieses Vorgehen begründet sich im individuellen Charakter von Erfahrungen: „Jeder muß sich seine Erfahrung selbst aneignen. Erfahrung kann nicht einfach unreflektiert übernommen werden. Erfahrung erhält damit individuelle, subjektive Gestaltung und Prägung. Es gibt nicht „die“ Erfahrung schlechthin, die für alle gleich ist und bei allen die gleichen Wirkungen hervorruft.“ 26 Damit ist aber nicht von vorneherein ausgeschlossen, daß dieses Beispiel auch für andere Menschen von Bedeutung sein kann. Die Teilhabe an fremden Erfahrungen können Menschen durchaus in ihrem eigenen Erfahrungsschatz bereichern. Deshalb soll dieses Beispiel auch in sehr allgemeiner Form dargestellt werden: Im Rahmen einer gemeindediakonischen Tätigkeit oder im Rahmen des Zivildienstes oder sei es aufgrund von Pflegebedürftigkeit eines eigenen Angehörigen, besucht man anzunehmenderweise die verschiedenen Orte, wie Altersheime, Krankenhäuser oder Familien, in denen sic h die sog. Szenen an der ‚Grenze zwischen Leben und Tod’ abspielen. So wird man sicherlich Zeuge vielfältiger Erlebnisse, aus diesem sensiblen zwischenmenschlichen Bereich. Vielleicht kann dort auch einmal folgende Situation - wenn gleich auch in ähnlicher Form - beobachtet werden: Eine alte, kranke und höchst pflegebedürftige Frau wird von der eigenen Tochter zum Mittagessen geduldig und liebevoll gefüttert. Dem Betrachter bietet sich dabei ein Bild der Mitmenschlichkeit und Wärme. Diese Beobachtung muß zunächst keinen Gehalt haben, sie braucht den Betrachter nichts mitzuteilen. Das kann sich aber plötzlich ändern, nämlich daß es dem Zuschauer just in diesem Moment förmlich - dem Sprichwort folgend - ‚wie Schuppen von den Augen fällt’. In diesem Moment steigt es zu Bewußtsein: Jegliche Streitigkeiten und Konflikte, die man im Laufe des Lebens gegeneinander austrägt bzw. ausgetragen hat, treten in diesem Augenblick in den Hintergrund und werden sekundär. Dagewesene Mißverständnisse und Intrigen werden überholt und unwichtig. Am Ende eines Lebens, im Angesicht des nahen Todes, reduziert sich - aus der Sicht des Angehöriger bzw. des
26 Scholl (1988) S.35. Anm. d. Verfassers: Vor diesem Hintergrund scheint es
angebracht zu sein, ein Beispiel mit persönlichen Erfahrungshintergrund zu geben und
keine fremden Erfahrungen aus der Literatur zu rezitieren, die beim Verfasser dieser
Arbeit nicht so recht Anklang finden.
11
Betrachters - der Blick auf das Wesentliche. Das in diesen Moment Notwendige ist nicht die Chance, hier noch irgendwelche Vorwürfe auszusprechen, weil sie bald - wie zu vermuten ist - von der altgewordenen, gebrechlichen und hilflosen Frau nicht mehr vernommen werden können. Was statt dessen auf die letzten Tage zählt ist Nähe, Fürsorge und Liebe. Wenn sich diese Erkenntnis einstellt, so geschieht in jenem Moment auch Versöhnung. Denn indem man sich von (Selbst)-Vorwürfen und Ungereimtheiten die das zwischenmenschliche Leben mitbestimmten verabschiedet, versöhnt man sich in gewissem Maße mit vielem Fragmentarischem, mit manchem Liegengebliebenen und Unfertigem: Hat man etwa einmal zu forsch die Stimme gegen den anderen erhoben und ist dabei hinterher die Entschuldigung ausgeblieben? Hätte man sich schon früher um die alte Frau kümmern sollen? Wollte man nicht noch gemeinsam etwas unt ernehmen, wofür jetzt keine Chance mehr ist? Dieses Beispiel macht dreierlei deutlich. Erstens zeigt es, wie aus einer sinnlichen Wahrnehmung eine Erfahrung wird, und zweitens wie diese Erfahrung nicht einkalkulierbar ist. Sie passiert einfach, ohne Vorbereitung. Sie wird wie ein Geschenk dem Menschen zu teil und bereichert das eigne Leben bzw. die individuelle Weltsicht, sofern man ihr Raum gibt. Denn solch eine Erfahrung wirft für den Betrachter ein besonders Licht auf die eigene Familie und die Möglichkeit, daß eines ihrer Mitglieder einmal pflegebedürftig wird. Sie macht deutlich bzw. für die eigene Person konkret spürbar, worin ein sinnvolles Leben besteht: Mitmenschlichkeit und Liebe sind Bestandteile des wahren Lebens und zwar in allen Lebensbereichen und nicht bleibende Verbitterung und Destruktivität resultierend aus Streitigkeiten und Häme. Damit wird drittens klar, wie Erfahrungen auf Ganzheit hinstreben. An einer punktuell sich ereignenden Erfahrung ordnet sich die Welt des Menschen. Es werden Z usammenhänge im Leben offenbar. Es ist, als wenn man durch Erfahrung dem Geheimnis des Lebens, Stück für Stück näher kommt und immer mehr davon versteht, was das menschliche Leben im Kern zusammenhält.
12
1.1.4 Erfahrungen als Erfahrungsgeschichte Menschen machen im Laufe ihres Lebens eine Vielzahl
unterschiedlicher Erfahrungen. Erfahrungen stehen dabei nicht für sich isoliert. Sie bestehen miteinander und nicht nebeneinander. Alles was Menschen zustößt, unterziehen sie unbewußt auch einer Bewertung, verarbeiten es und stellen Vergleiche zwischen bereits gemachten Erfahrungen her. 27 Als Folge dessen, werden dem Menschen Querverstrebungen in seinem Leben deutlich, ein Kontext wird manifest, und das hinter den Dingen Stehende leuchtet auf. 28 LUDWIG WENZLER kommt deshalb zum Ergebnis, daß keine Erfahrung für sich alleine bleibt,
„[...] sondern Erfahrungen werden miteinander verknüpft, sie bilden eine Geschichte. In dieser Geschichte werden unterschiedliche Erfahrungen überprüft, sie müssen aneinander bewähren [...]. Erfahrung ist kein punktuelles Geschehen, sondern das Durchleben einer längeren Geschichte. Erfahrung im vollen Sinn ist Erfahrungsgeschichte [...]. Vor dem Hintergrund dieses gefüllten Erfahrungsbegriffs stellt sich die Frage, ob es auch in bezug auf Go tt eine solche Geschichte von Erfahrungen gibt, [...].“ 29
1. 2 Gotteserfahrung
„Was für die Erfahrung im innerweltlichen- irdischen Rahmen gilt, besitzt auch für die Erfahrung Gottes Gültigkeit.“ 30 Ausgangspunkt jeder Gotteserfahrung, jeder Erfahrung mit Gott bzw. Erfahrungsgeschichte mit Gott, ist die sinnlich wahrnehmbare Welt. Aber die Gotteserfahrung umgibt ein besonderes Problem, worauf NORBERT SCHOLL aufmerksam macht.
„Allerdings steht der Erfahrbarkeit Gottes ein prinzipielles Hindernis entgegen. Denn das macht ja gerade das Gott-Sein Gottes aus, daß er nicht zu dieser Welt gehört, daß er vielmehr der streng Jenseitige, diese Welt Übersteigende, der „ganz Andere“ (K. Barth) ist. Gott und Welt stehen nicht auf einer Erfahrungsebene.“ 31
27 Wenzler (1992) S.10.
28 Scholl (1994) S.16.
29 Wenzler (1992) S.10f.
30 Scholl (1994) S.14.
31 Ebd., S.14f.
13
Gott ist deshalb nur in der Weise erkennbar bzw. erfahrbar, wie er sich in dieser Welt zu erkennen gibt! D.h. wie er sich in dieser Welt offenbart und sich damit der menschlichen sinnlichen Wahrnehmung zugänglich macht:
„Es gibt nur ein Einfallstor für die Gotteserfahrung: die sinnliche Wahrnehmung. Den Menschen ist kein anderes ‚Anschauungsmaterial’ für die Gotteserfahrung gegeben als die materielle Welt. Die Bibel liefert hierfür Belege. Sie erzählt davon, wie Gott durch dieses Einfallstor hindurch erfahrbar wurde, wie er sich des Anschauungsmaterials ‚Welt’ bediente und so sich den Menschen zu erkennen gab. Gott machte sich als Gott auf nicht-göttliche Art in der für den Menschen sinnlich wahrnehmbaren Welt und ihrer Geschichte erfahrbar.“ 32
Für die Gotteserfahrung ist damit die Offenbarung Gottes konstitutiv, der allerdings der Makel des Indirekten anhaftet. Denn für die Menschen ist Gott prinzipiell ein „verborgener Gott“ (Jes 45,15), dem menschlichen Erkennen nicht offenkundig zugänglich. Der Wesensart Gottes entspricht die menschliche Unfähigkeit Gott unmittelbar zu erfahren. Ein Indiz dafür findet sich zum Beispiel im Buch Exodus: „Laß mich doch deine Herrlichkeit sehen!“(Ex 33,18), lautet die Bitte Mose, doch muß er aber von seinem Herrn vernehmen: „Du kannst mein Angesicht nicht sehen; denn kein Mensch kann mich sehen und am Leben bleiben“ (Ex 33,20). Deshalb gibt sich Gott den Menschen durch seine Offenbarung in dieser und mittels dieser Welt zu erfahren. Allerdings ist die Gotteserfahrungen für den Menschen deshalb immer eine mittelbare Erfahrung. „Gott handelt [...] nie direkt und unmittelbar, sondern durch die Ereignisse, Situationen und Fähigkeiten des Menschen hindurch; sie alle haben für den Glaubenden Zeichencharakter und müssen darauf hin befragt werden, wo und wie sich in ihnen die Stimme Gottes hören läßt.“ 33 Von daher bedarf eswie bei der profanen Erfahrung - geöffneter und wacher Sinne, um Gott in seiner Offenbarung bzw. in den Dingen des Lebens zu entdecken. Die Menschen sind nicht in der Lage die Offenbarung Gottes herbei zu rufen; nicht durch Opferriten oder andere kultische Praktiken. Gott ist -
32 Ebd.,S.15.
33 Schneider, Michael: Wege des neuen Lebens. Modelle christlicher Existenz.
Freiburg i. Br. 1992, S.88.
14
Arbeit zitieren:
Niels Hoffmann, 2001, Gott erfahren im Spannungsfeld von Offenbarung und Verhüllung - eine theologische Verortung des Begriffs der Gotteserfahrungen, München, GRIN Verlag GmbH
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