Inhalt
0. Einleitung 3
1. Biographische Skizze 4
2. Entwurf eines Menschenbildes mittels Figuren -
die methodische Grundlage 6
3. Die markanten Typen 8
3. 1. Die verschiedenen Figuren
und deren markanter Charakterzug 11
3. 1. 1. Stolz, Ehre, Ansehen 11
3. 1. 2. Der starke Wille 16
3. 1. 3. Hoffnung als Lebensantrieb 20
3. 1. 4. Intuitivität 25
3. 1. 5. Emotionalität 28
3. 1. 6. Zusammenfassung der Charakterzüge 33
3. 2. Die Handlungssituationen 34
3. 2. 1. Gattungszuordnung 34
3. 2. 2. Der Neue 36
3. 2. 3. Stadt - Land - Kontrast 37
3. 2. 4. Die Wandlung des Lebens 38
3. 2. 5. Kontrast der Machtverhältnisse 39
3. 2. 6. Unterschiede der Moral als Kontrast 40
3. 2. 7. Das Fest - Праздник 41
3. 3. Die Rede der Figuren 42
3. 3. 1. Die Volkssprache 43
3. 3. 2. Die Dorfsprache 44
3. 3. 3. Bürokratismen und sowjetrussische
Redewendungen S. 49
4. Ergebnisse 51
5. Der kontextuelle Bezug 54
6. Kritik 59
7. Fazit 60
8. Literaturverzeichnis 61
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0. Einleitung
Inmitten des Wiederaufbaus und der Entspannung des post-stalinistischen Sowjetischen Staates tauchen unvermittelt Probleme in der sowjetischen Bevölkerung auf, einige Menschen beginnen nachzudenken und die politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Ordnung in Frage zu stellen. Darunter sind auch Schriftsteller, die, obwohl sie in verschiedenen Teilen der Sowjetunion leben, alle heftige Kritik an der wiederholten wirtschaftlichen und strukturellen Neuordnung des ländlichen Lebens üben - es entsteht die sogenannte „Dorfprosa“ (Kasack, 1992, S. 264). Ein politischer Prozess, die Kollektivierung der Agrarwirtschaft in Kolchosen 1 und deren zentrale Lenkung durch meist landwirtschaftlich nicht ausgebildete Beamte, verursacht einen künstlerischen Prozess, der in den 60-er Jahren einsetzt und nach V. Ovečkin noch in den 70-er Jahren eine große Anzahl von kritischen Künstlern (Lyriker, Prosaisten, Sänger, Bühnenautoren und Filmemacher, auf deren Aufzählung hier verzichtet wird) hervorbringt. Unter ihnen ist auch Vasilij Šukšin, der vor allem durch seine prosaische Darstellung der „skurrilen Bauerntypen“ auffällt (Kasack, 1992, S. 265).
Eben diese „Typen“ sollen den Gegenstand der vorliegenden Arbeit bilden, indem versucht werden soll, aus ihnen ein von Šukšin entworfenes Menschenbild zu rekonstruieren. Hierzu sollen ausschließlich Erzählungen zurate gezogen werden, da in ihnen die Charaktere der Figuren am klarsten und kürzesten umrissen sind. Durch eine kurze Analyse der Dialogsprache soll veranschaulicht werden, auf welche Art Šukšin versucht, dem Leser den Figurencharakter zu demonstrieren. Im Anschluss an den Hauptteil, soll das rekonstruierte Menschenbild mit dem gesellschaftlich-kulturellen Kontext der Zeit verbunden werden, damit man ein genaueres Bild erhält. Bezüge zum Leben des Autors sollen möglichst vermieden werden, obwohl eine Kurzbiographie der Vollständigkeit halber erfolgt, auch soll hier nicht das gesamte literarische Werk von V. Šukšin untersucht werden, es soll nur auszugsweise an der passenden Stelle einbezogen werden.
1 Unter Stalin beginnt im Jahr 1928 die Zwangskollektivierung der gesamten Landwirtschaft Russlands,
es werden alle Bauern enteignet und ihr Land wird zu Kollektiven zusammengeschlossen. Die
Kollektivierung beginnt im Süden Russlands, nördlich des Schwarzen und des Kaspischen Meeres und
findet anfangs unter heftigen Widerstand seitens der Bauern statt. Letztendlich, nach den Hungersnöten
1930-32, triumphiert der Kommunismus und die Landbevölkerung muss sich fügen.
Als Folge des neuen Agrarprogramms von N. Chruščev werden auch noch Jahre nach seiner Amtszeit
riesige landwirtschaftliche Gebiete zu noch größeren „kollektiven landwirtschaftlichen Einheiten“ (dafür
steht die Abkürzung Kolchos) zusammengelegt. Dies geschieht im ganzen Land, um die Produktivität zu
steigern.
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1. Biographische Skizze
(nach den Ausführungen auf: http://www.shukshin.biusk.secna.ru/autor/dat.html, Stand: 16. 09. 2006
und bei Kasack, 1992, S. 1249 f)
Vasilij Makarovič Šukšin kommt am 25. Juli des Jahres 1929 im Süd-Osten der Sowjetunion, in der Siedlung Srotski des Bijskij Rajon im Altaj, auf die Welt. Er wächst in ländlichen Verhältnissen auf, absolviert in der Schule seiner Geburtssiedlung sieben Klassen, besucht drei Jahre lang die technische Schule (автотехникум) und arbeitet ab seinem 16. Lebensjahr im heimatlichen Kolchos, beziehungsweise später in Fabriken.
Von 1949 bis 1952 dient er erst bei der baltischen, dann bei der Schwarzmeer-Flotte, um im Anschluss bis 1954 als stellvertretender Direktor der Abendschule für die Dorfjugend tätig zu sein. Während dieser Zeit besteht er die Aufnahmeprüfungen für das Unionsinstitut für Filmwesen in Moskau, wo er von 1954 bis 1961 studiert und als Regisseur abgeht.
Von da an beginnt eine produktive Schaffenszeit, in der Šukšin beim Film tätig ist und gleichzeitig schreibt. Er spielt in 11 Filmproduktionen in Haupt- und Nebenrollen mit, produziert als Drehbuchautor und Regisseur selbst 4 Filme, die sowjetische und internationale Filmpreise verliehen bekommen. Ebenfalls in dieser Zeit entsteht sein umfangreiches Prosawerk, welches aus Erzählungen, Novellen, kurzen Anekdoten, Romanen, Fernsehnovellen, veröffentlichten Briefwechseln, Märchen und publizistischen Beiträgen zur Literaturwissenschaft, Philosophie und Gesellschaftskritik besteht.
Es muss jedoch hinzugefügt werden, dass Šukšin (im folgenden nur noch Š.) nach der technischen Schule „Anwärter“ (кандидат) der Kommunistischen Partei wird und in diese auch zwei Jahre später aufgenommen wird. Es ist anzunehmen, dass ohne Parteimitgliedschaft, eine Karriere im Filmgeschäft (oder auch in einem anderen Bereich) nicht möglich gewesen wäre. Trotz dessen hat er mit heftiger Kritik seitens des Regimes zu kämpfen, die teilweise sogar dazu führt, dass einige seiner Werke nicht veröffentlicht werden können (beispielsweise kommt es zu Š`s Lebzeiten nicht zur Verfilmung seines Romans von 1971 „Ich kam, Euch die Freiheit zu bringen“ („Я
4
пришёл, дать вам волю“), der 2. Teil des Romans „Ljubaviny“ („Любавины“) kann ebenfalls erst im Laufe der Perestrojka im Jahr 1987 veröffentlicht werden). Die Arbeit als Regisseur wird mit der als Prosaist kombiniert und es erscheinen zu Lebzeiten Š.´s seine Erzählbände, Romane und Veröffentlichungen von Erzählungen in mehr als 15 Zeitschriften, Wochenzeitungen und Literaturfachzeitschriften (zum Beispiel im „Наш современник“, zu dessen Redaktion Š. auch eine Zeit lang gehört, in der „Аврора“, in der „Неделя“ und in der „Литературная газета“), soweit diese die Zensur erfolgreich durchlaufen (eine ausführliche Bibliographie befindet sich auf: http://www.shukshin.biusk.secna.ru/autor/biblio.html, Stand: 16. 09. 2006). Die
posthume Veröffentlichung des literarischen Nachlasses übernimmt später Š.´s Tochter L. N. Fedosejeva-Šukšina.
Eine literaturhistorische Einordnung (wie bei Lauer, 2000, S. 803 ff) könnte in schematischer Form folgendermaßen aussehen:
In dieser Übersicht kann die Prosa von Š. sowohl in der Dorfprosa, als auch in der speziellen Untergruppe der Prosa der Sibiriaken eingeordnet werden, denn sie trägt sowohl auf jedes russische Dorf übertragbare Merkmale, als auch speziell nur für sibirische Dorfgegenden typische Anzeichen. (So wird zum Beispiel in der Erzählung „Шире шаг, маэстро!“ („Mit größeren Schritten, Maestro!) der Frühling beschrieben, wie er nur auf dem Gebiet der Dauerfrostböden sein kann, denn hier sind die Transportwege trotz der ersten wärmenden Sonnenstrahlen nur mit dem Pferdeschlitten befahrbar (Vgl. Šukšin, 1975, S. 127.).) Es gibt aber auch Literaturwissenschaftler, für welche die Thematik der Prosa von Š. nicht eindeutig einzuordnen ist, weil er Themen aus der Stadt, dem Dorf und dem „Übergang“ dazwischen behandelt (Vgl. Wüst, 1984, S. 34 f und S. 65).
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Am 2. Oktober 1974 stirbt Š. bei Dreharbeiten an Herzversagen im Alter von nur 45 Jahren. Im darauffolgenden Jahr wird er für eben diese letzte Rolle im Journal „Советскй экран“ zum „Besten Schauspieler des Jahres“ gekürt und erhält 1976 posthum den „Leninpreis“ für „besondere Leistungen in der letzten Lebensphase“ verliehen.
Seine Werke sind in Übersetzungen in die Sprachen der ehemaligen UdSSR, Europas und des außereuropäischen Auslandes vorhanden und werden bis heute verlegt und gelesen.
2. Entwurf eines Menschenbildes mittels Figuren - die methodische Grundlage Wie erhält man nun einen Entwurf des Menschen durch die Betrachtung einzelner Erzählungen? Wie glaubwürdig ist die Idee, dass in Erzählungen ein Entwurf eines Menschenbildes identifizierbar ist?
Die Methode, die hier angewendet werden soll, ist nicht neu - die Textanalyse gehört seit den 70-er Jahren zu den eher traditionellen Verfahren in der Literaturwissenschaft und Literaturbetrachtung. Hier wird auf das Modell von Kahrmann, Reiß und Schluchter zurückgegriffen, welches die Erzählung als Kommunikationsprozess beschreibt (Vgl. Kahrmann u. a., 1991, S. 40 f). Demnach wird die Erzählung in fünf verschiedene hierarchisch angeordnete Kommunikationsniveaus (N1 bis N5) aufgeteilt, auf denen die Kommunikation mittels Sender und Empfänger stattfindet; dabei wird in textinternen und textexternen Bereich unterschieden.
Der für den zu untersuchenden Sachverhalt entscheidende Teil der Theorie ist der, in welchem versucht wird zu verdeutlichen, dass die Botschaft (oder das Signal) des
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realen Autors mit Hilfe des Erzähltextes (und der darin implizierten drei Kommunikationsniveaus) beim realen Leser ankommen kann. Diese
Kommunikationsabsicht des Autors wird als Intention bezeichnet, wobei nicht immer klar unterschieden werden kann, was im Erzähltext auf die Intention zurückzuführen ist und was nicht intentional ist (Vgl. Kahrmann u. a., 1991, S. 45). Diesem Modell folgend, kann man nun die Hypothese aufstellen, dass Auffälligkeiten im Erzähltext, welche deutlich hervorstechen beziehungsweise zum wiederholten Male auftreten, auf eine Kommunikation seitens des realen Autors hinweisen. Wenn man nun logisch schlussfolgert, so können auch ein bestimmter Figur- bzw. Charaktertyp und die von ihm ausgeführten (oder unterlassenen) Taten eine Kommunikation des Autors darstellen.
Diese Kommunikation wiederum kann mit der Absicht verbunden sein, eine Botschaft zu übermitteln (beispielsweise ein bestimmtes Menschenbild zu entwerfen, oder hervorzuheben) oder einige Figuren und deren Charakter positiv einzufärben, während andere zu negativen Figuren „gemacht“ werden.
Genau wie man bei der Lektüre von Ėrenburgs „Tauwetter“ („Ottepel´“, 1954) auf „lebendige“ Figuren und „deformierte“ Figuren (Vgl. Lauer, 2000, S. 772) stoßen kann, kann man auch bei der Lektüre von Šukšins Kurzprosa ebenso eine Zweiteilung der darin vorkommenden Figuren vornehmen, und daraus einen vom realen Autor betonten Figurentyp (re-)konstruieren.
Diese Hypothese gilt es in dieser Arbeit zu überprüfen und zu verifizieren oder letztendlich vielleicht zu verwerfen. Zunächst jedoch soll der Versuch vorgenommen werden, aus den hervorgehobenen Einzelteilen ein Gesamtbild zusammenzusetzen - die einzelnen Charaktereigenschaften der verschiedenen handelnden Figuren aus den verschiedenen Erzählungen sollen letztendlich einen Gesamtcharakter ergeben.
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3. Die markanten Typen
Um zum gesuchten Menschenbild zu gelangen, muss erst eine Zweiteilung erfolgen, in der zwischen negativem und dem hier zu ergründenden positivem Menschenbild unterschieden wird. Es sollen also die positive Charaktereigenschaften tragenden und auch dementsprechende Taten vollbringenden Figuren von deren Gegenstück getrennt werden und in den herausragenden Einzel-Facetten betrachtet werden. In seinen Erzählungen geht Š. oft so vor, dass eine, mit Fehlern und Makeln behaftete, also eine „menschliche“, Figur eine der Hauptfiguren bildet und während der Handlung einem „Gegenspieler“ begegnet (Vgl. Binova, 1988, S. 52).
Diese mit Fehlern behafteten Figuren werden von Š. selbst als „светлые души“ („lichte Seelen“) 2 bezeichnet und Ovčarenko beschreibt sie und ihr schweres Leben folgendermaßen:
(Ovčarenko, 1977, S. 468)
Die klassische Begegnung von „Gut gegen Böse“ findet zwar nicht statt, die Thematik wird dennoch oft angedeutet (Vgl. Ovčarenko, 1977, S. 454). Viele Leser lassen sich dazu hinreißen, zu behaupten, dass diese Thematik die einzige Thematik der Prosa und des gesamten Wirkens von Š. sei (Vgl. Elistratov, 2001, insgesamt und wörtlich auf S. 399 f).
Die beiden Kontrahenten haben also im Laufe der Erzählungen eine Auseinandersetzung, bei der nicht zwingend der „menschlichere“ von beiden den „Sieg“ davonträgt, man kann sogar beobachten, dass die „Niederlage“ die „Menschlichkeit“ de Figur noch drastischer hervorhebt. Die Schwierigkeiten, mit denen die positiven Figuren zu kämpfen haben, betonen ihre Qualitäten (Vgl. Ovčarenko, 1977, S. 468). Die von der „restlichen Welt“ als nicht normal bezeichneten „Käuze“ sind auch die Träger der allgemeinen moralischen Werte (Vgl. Binova, 1988, S. 65).
2 So lautet auch der Titel einer Erzählung im ersten Sammelband „Сельские жители“ von Š. (Wüst,
1984, S. 47).
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Die positive und die negative Handlungsfigur kann man sehr gut in der Erzählung „Мой зять украл машину дров!“ („Mein Schwiegersohn hat eine Ladung Feuerholz gestohlen!“ in Šukšin, 1975, S. 15-27) ausmachen.
Die Konfliktsituation ist die, dass Venja sich mit seiner Schwiegermutter, mit der er zusammenlebt, wegen einer Kleinigkeit so zerstreitet, dass sie vor den Richter treten müssen. Venja hat sie nämlich beleidigt, anschließend im angetrunkenen Zustand eingesperrt und gedroht sie in ihrem „Karzer“ anzuzünden. Vor Gericht gibt es eine Art „Schauprozess“ bei dem verschiedene Menschen Argumente für und gegen eine Bestrafung anführen, und genau hier taucht auch die absolut negative, „deformierte“, Handlungsfigur auf.
Es ist der „Beauftragte“ (представительный мужчина, прокурор), der gegen Venja das Wort führt und aus dem relativ normalen Familienstreit eine allgemeine Angelegenheit macht, wonach Venja plötzlich eine Gefahr für die Gesellschaft darstellt. Deswegen solle man ihn „besser wegen eines kleinen Verbrechens bestrafen, anstatt auf ein größeres zu warten“ (Šukšin, 1975, S. 22), eine Art Präventivstrafe also. Venja bekommt zwei Jahre Gefängnis.
Während Venja auf die Richterentscheidung wartet eröffnet sich dem Leser folgende Introspektive in die Gedanken und Gefühle Venjas:
( Šukšin, 1975, S. 24)
Hierin grenzt also die „menschliche“ Figur Venja, der selbst seine Fehler hat (er ist klein, humpelt und trinkt ab und zu etwas zu viel), den „Beauftragten“ auf textueller Ebene selbst ab, und zwar als eine Erscheinung, von der er nie gedacht hätte, dass es sie gibt. Er gehört zu den „Angsteinflößenden“, zu fürchtenden Figuren. Er sondert den „Beauftragten“ als nicht zu den normalen Menschen zugehörig ab, denn während die
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normalen Menschen Böses nur fährlässig tun, also in Momenten, in denen sie sich selbst nicht unter Kontrolle haben, handelt der „Beauftragte“ völlig absichtlich und berechnend.
Ein weiterer Unterschied zwischen den positiven und den negativen Figuren ist die Machtnutzung. Während die Negativen ihre (verliehene oder erworbene) Macht immer nutzen, egal ob sie Gutes oder Böses damit vollbringen, tun dies die Positiven nicht so rücksichtslos - sie werden durch ihr Gewissen, welches alle menschlichen Werte konzentriert, von bösen Taten abgehalten. (Meistens gehört jedoch bei Š. das Merkmal der Machtlosigkeit zum Charakter der positiven Figur fest dazu.) Auch hierzu findet sich in derselben Erzählung ein Hinweis, denn Venja trifft den „Beauftragten“ am nächsten Tag wieder und nimmt diesen im Auto mit, weil der eine Autopanne hat. Venja könnte sich jetzt an ihm rächen, doch stattdessen jagt er ihm nur einen Schrecken ein:
(Šukšin, 1975, S. 27)
Der Verlierer der Auseinandersetzung ist hier die positive Figur Venja, doch selbst in dieser Situation, er muss 2 Jahre ins Gefängnis und verliert seine Frau und sein Haus, verhält er sich wie ein guter Mensch und lässt sich zu nichts hinreißen. Bezeichnenderweise sind die meisten der markanten Typen bei Š. nicht unter den ebenfalls zahlreichen und vielfältigen negativen Figuren zu finden, sondern in der Reihe der positiven Verlierer. All die „Träumer, Spinner und Erfinder“ (Engel, C. in: Städtke, 2002, S. 382) oder „Rabauken“ (Lauer, 2000, S. 820) oder „kauzige Menschen“ (Kasack, 1992, S. 1250) sind bei Š. immer zugleich übertriebenes Abbild des realen Menschen („люди с „чудинкой“, со странностями“, Ovčarenko, 1977, S. 469) und ein nicht zu ersetzendes, oder nicht verbesserbares Menschenideal, weswegen man den Focus der Betrachtung auf sie lenken sollte.
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3. 1. Die verschiedenen Figuren und deren markanter Charakterzug An dieser Stelle gilt es nun aus verschiedenen Erzählungen die einzelnen markanten Figuren herauszusuchen und deren hervorragende Eigenschaften zu beleuchten, um daraus dann ein Gesamtbild zu erstellen. Da die Charaktereigenschaften im Vordergrund stehen sollen ist der folgende Abschnitt dementsprechend geordnet.
3. 1. 1. Stolz, Ehre, Ansehen
In vielen Erzählungen von Š. kommt das Thema Stolz, Ehre und Ansehen vor, oftmals geht es darum, was „die Leute oder die Nachbarn über einen denken“, ob „über einen geredet wird“ oder ob „Schande über einen gebracht werden könnte“. Das Verhalten der Mitmenschen wird in Š.´s Kurzprosa durch die darin agierenden Figuren in ehrenhaft/anständig oder unehrenhaft/ungehörig eingeteilt und man vermutet einen zugrundeliegenden Kodex, welcher selbst jedoch nur durch den christlichen Glauben und das damit vorgeschrieben Verhalten angedeutet wird. (Der Kommunismus als Sammlung von Verhaltensnormen kommt zwar vor, meist wird aber daran Kritik geübt, er würde die Menschen negativ beeinflussen, in ihrer Existenz auf „Arbeit und das Kinderkriegen“ (Vgl. Ovčarenko, 1977, S. 470) beschränken.) Natürlich wird an dem, „was sich gehört“ seitens der Figuren der Erzählungen auch Kritik geübt und es deuten sich Auflösungserscheinungen der gängigen Verhaltensnormen an, trotzdem gibt es in Š.´s Erzählungen Situationen, in denen das Thema Stolz/Ehre/Ansehen unumgänglich ist und im Vordergrund steht. Besonders ausweglos sind die Situationen, in denen die positive Figur der Erzählung die Achtung und den Respekt vor sich selbst erhalten will, denn da muss er sich selbst etwas beweisen - und zwar, dass er sich selbst gegenüber noch Stolz und Ehre empfindet. Solch eine Situation tritt in der Erzählung „Ноль-ноль целых“ („Null-null Kopeken“) ein (Šukšin, 1975, S. 143 ff). Die Hauptfigur Kolja wird von der Figur des Beamten Sinel´nikov beleidigt und erpresst, als dieser sein Arbeitsbuch abholen will, denn Kolja hat im Sowchos 3 gekündigt.
3 Infolge von Zentralisierungsmaßnahmen in der jungen Sowjetunion kollektivierter Betrieb / landwirt-
schaftliches Unternehmen, welches staatlich ist und viele ehemalige Einzelunternehmen / Einzelbauern
vereint. (Synonym dazu wird Kolchos verwendet.)
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Sinel´nikov beleidigt Kolja völlig grundlos, indem er ihn als „Säufer, der nicht genug kriegen kann“ und „bemitleidenswerten Schlucker“ (Šukšin, 1975, S. 144) bezeichnet. Als Kolja ihn bittet, ihm keine „Lektion“ zu erteilen, sondern nur das Arbeitsbuch auszuhändigen, droht ihm Sinel´nikov an, einen Disziplinareintrag in sein Arbeitsbuch zu schreiben, wenn er „seine Nase zu hoch hebt“. Anschließend fährt der Beamte fort Kolja zu beschimpfen, was für Kolja zuviel ist und ihm aufgrund seines nun gereizten Temperaments der Geduldsfaden reißt. Er gießt dem Beamten wütend dessen Schreibtinte auf den Anzug.
( Šukšin, 1975, S. 145)
Die Tat der Vergeltung (beziehungsweise der Wiederherstellung der Selbstachtung Koljas) geschieht mitten im Gespräch, quasi im Moment der Beleidigung, sozusagen im Affekt. Dadurch wird angezeigt, wie viel sich die Figur Kolja gefallen lässt, wann sein „Demütigungs-Limit“ erreicht ist.
Die Vergeltungstat ist seitens der Figuren der Erzählung demonstrativ, denn genau wie der Beamte die Ehre Koljas beschmutzt hat, so beschmutzt Kolja das äußere Erscheinungsbild des Beamten mit dessen Tinte. Von der Seite des Lesers her betrachtet, trägt die Konfliktsituation symbolischen Charakter, die eine Tat (Beschmutzung des Anzugs) entspricht (vielleicht auch nur zufällig) vom Wert her der anderen Tat (Beschmutzung der Ehre).
(Bemerkenswert ist, dass Š. hier nicht zu drastischeren Mitteln greift, um den „Leidtragenden“ (Kolja) in einem besseren Licht zu präsentieren, zum Beispiel zu irgendwelchen Gewalttätigkeiten (Kolja könnte ja auch dem Beamten einfach ins Gesicht, oder vor die Füße spucken, wie es sonst bei der Demonstration von Verachtung üblich ist, jedoch würde dies wahrscheinlich der Verhältnismäßigkeit der verschiedenen Taten der Figuren widersprechen.)
Wie viel Kolja an der persönlichen Ehre liegt, wird noch einmal in eben der Kurzgeschichte unterstrichen, denn er muss die Reinigung des Anzugs des Beamten bezahlen (was ihn etwa ein Drittel seines Monatslohns kosten wird), sonst droht ihm
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Anton Reumann, 2007, Vasilij Shukshins Entwurf des Menschen in seiner Kurzprosa, München, GRIN Verlag GmbH
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