zunächst lebte er ein Jahr als Gast der Ford-Stiftung in Berlin, dann zog er nach Vence. International bekannt wurde Gombrowicz erst in den 60er Jahren. 1967 erhielt er den internationalen Literaturpreis „Formentor“.
Gombrowicz sieht alles Zwischenmenschliche als ein wechselweises Durchdringen, Deformieren, Erschaffen. Das Einzelbewusstsein, Funktion wechselnder überindividueller Strömungen und Konstellationen, erscheint in der Dialektik zwischen Drang nach Form und Drang nach Unfertigkeit, Ausbruch aus der Erstarrung. Am Zusammenprall mit Menschen, Ideologien, Denkströmungen, Sozialstereotypen, Seinsfragen, Alltagsscherereien demonstriert Gombrowicz in seinen Tagebüchern den Versuch, „sich selbst zu erschaffen“, gerade in der eigenen Bedingtheit, Unentschiedenheit und Schwäche. Gombrowiczs Romane, von Sprachvorgängen gesteuerte Modelle totaler Kategorienwelten, sind immer mit Temperament und Witz aus der unmittelbar verspürten Welt abgeleitet.
In „Ferdydurke“ (dessen deftige Terminologie für Entfremdung, Anpassen, Einpauken in Polen volkstümlich wurde) sprengt der siebzehnjährige Jozio immer wieder mit arrangiertem Wirrwarr das aufgezwungene soziale Rollenschema und plumpst sofort ins nächste; die Revolte gegen die Deformation ist mitdeformiert. „Kosmos“ (auch unter dem Titel „Indizien“) zeigt den Gegenpol, verzweifelte Suche nach Integrierung, nach Schaffen einer Wirklichkeit aus den formlos isolierten Einzeleindrücken. Selbst ein schwach angedeuteter absurder Zusammenhang, der das Liebste zu töten nahe legt, wird begierig ergänzt, akzeptiert und sinkt doch ins Chaos zurück.
Ins Heute führende Mythen und Obsessionen stoßen auf den Leser in „Die Besessenen“, einem Mixtum von Kriminalroman und Phantasmagorie, einem Skandalon wohligen Grauens vor menschlichen Abgründen.
In „Trans-Atlantik“ wird mythologisierend von dem in Argentinien lebenden Gombrowicz erzählt. Satire richtet sich vor allem gegen die Idee des Vaterlandes, dessen Objekt man ist; dem wird das Bild vom geschichtslosen, lachenden „Sohnland“ entgegengestellt. „Pornografie“ (auch unter dem Titel „Verführung“) ist die auf ein Gut im okkupierten Polen verlegte Parabel um den Versuch, im Entzücken an der Jugend sich selbst verjüngend aus der geltenden Werthierarchie auszubrechen. Die Jugend ist aber abhängig, auf Erwachsenes ausgerichtet, wird im Lauf des Experiments manipuliert, missbraucht, der neuen Form aufgeopfert. - Von Gombrowiczs Dramen ist „Iwona“ („Yvonne, die Burgunderprinzessin“) ein Deformationsduell, „Slub“ („Die Trauung“) die tragische Variante des Motivs vom Sturz der Väter und Instanzen und vom neuen Menschenkult. „Operetka“ („Operette“) gibt
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Geschichte und Klassenkampf als Modeschau und Maskerade wieder; den Trümmern der vernichteten Kultur entsteigt die junge lebendige Nacktheit.
Über sein Drama „Die Trauung“ schreibt Gombrwicz selbst:
„Die Trauung hatte ich bereits während des Krieges begonnen. Sie komponierte sich mir langsam und gelegentlich in meiner argentinischen Existenz, von Tag zu Tag. Beispiele waren mir Faust und Hamlet, doch lediglich als Format; mir ging es darum, ein ‚großes’ und ‚geniales’ Drama zu schreiben, ich kehrte gedanklich zu den Werken zurück, die ich in meiner Jugend inbrünstig gelesen hatte. Und meiner großen Ambition gesellte sich irgendeine Listigkeit hinzu, eine schlaue Vermutung, dass es leichter sei, ein ‚großes’ als ein ‚gutes’ Werk zu schreiben. (...) Die Trauung, wie alle meine gegen die Form gerichteten Werke, ist eine Parodie der Form, eine Parodie des genialen Dramas. Ob aber, die Genialität parodierend, sich nicht ein bisschen von eigener Genialität durchschmuggeln ließe? So ein Schmuggelgut...
Die Menschheit aufzeigen in ihrem Übergang von der Kirche Gottes zu der Kirche des Menschen. Aber diese Idee war meinem Werk nicht von Anfang an gegeben - ich warf auf die Bühne erst eine Handvoll Visionen, Keime, Situationen, und allmählich und lahm führte mich das zu jener Idee. Noch in der ersten Hälfte des zweiten Aktes wusste ich nicht, worum es mir ging. Und dieses lahme wie trunkene oder träumerische oder wahnsinnige Sich-Erschaffen meiner Missa Solemnis aus den Spannungen der Form, aus ihren Verbindungen, Kombinationen, Reimen, Rhythmen, schien mir ein Korrelat zum Entstehen der Geschichte, die sich voranschiebt wie trunken und verträumt. Damals geschah es, als ich schrieb: Nichts. Wladzio Nichts. Henrik Verfälscht. Der Vater Die Mutter Ausgerenkt. Ruiniert. Wladzio Entstellt. Henrik
- - dass ich plötzlich in Weinen verfiel wie ein Kind - dies einzige Mal ist mir etwas Derartiges geschehen -, die Nerven, natürlich. Ich schluchzte bitter, und die Tränen tropften auf das Papier. Nicht der vertrauliche, meine privaten Katastrophen betreffende Inhalt dieser Worte erfüllte mich mit solcher Verzweiflung, sondern dass sie so glatt fielen, ihren
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Rhythmus und Reim empfand ich wie einen Stachel, der kein Mitleid kennt, ich schluchzte, entsetzt von der inneren Harmonie des Unglücks. Dann hörte ich auf zu schluchzen und kehrte zum Schreiben zurück.
Ich übersetzte sie (Die Trauung) ins Spanische mit Hilfe meines Freundes Alejandro Russovich, und (... sie) wurde sie in Buenos Aires veröffentlicht. Sie blieb unbeachtet von den künstlerischen Kreisen dieser Hauptstadt. Im Jahre 1963 fand sie das Interesse von J. Lavelli, einem jungen Regisseur, der sich in Paris aufhielt. Er brachte sie auf die Bühne des Théatre Récamier, und diese ausgezeichnete Inszenierung wurde zum Anfang seiner rapiden Karriere als Regisseur. Danach fand Die Trauung einen anderen großen Regisseur in der Person von Alf Sjöberg, der sie auf die Bretter des Königlichen Dramatischen Theaters in Stockholm brachte. Sjöberg steckte gewaltige Arbeit und Begeisterung in die Bearbeitung der Trauung und später auch der Yvonne, und beide Stücke trugen einen großen Erfolg davon. Eine dritte Aufführung der Trauung in großem Maßstab fand im Schillertheater in Berlin statt, wo nach der Premiere einundfünfzig Vorhänge gezählt wurden. Das verdanke ich wiederum dem Regisseur Ernst Schröder und dem vortrefflichen Ensemble der Schauspieler. Leider hat es sich so gefügt, dass ich keiner dieser Vorstellungen beiwohnen konnte. (...)“
Martin Buber äußerte sich anlässlich einer von ihm besuchten Aufführung über „Die Trauung“:
„Es ist ein experimenteller Versuch von seltener Kühnheit, ja ein gefährliches Wagnis, von einer ganz anderen Bedeutung als etwa die Kuriositäten eines Pirandello. Das Ergebnis ist ganz einzigartig, geradezu paradox, wie die Fleischwerdung dessen, das nicht Fleisch werden kann.“ (9. 7. 1951)
In seinen eigen Aufzeichnungen über « Die Trauung » fährt Gombrowicz fort:
„Als Yvonne und Die Trauung in Paris starteten, schrieb man, dass dies ‚das Theater des Absurden à la Beckett und lonesco’ sei. Aber Yvonne entstand 1936 und Die Trauung 1946, als noch niemand etwas von diesen Autoren gehört hatte. Außerdem ist mein Theater nicht absurd.
Ja, Die Trauung ist verträumt und trunken und wahnsinnig, ich selber wüsste sie nicht gänzlich zu entziffern, so viel Dunkelheit ist hier. Und recht hat der Regisseur, welcher der sphinxhaften Form gestattet, sich beliebig zu gestalten, zu brüllen, zu toben, einzig bemüht
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um eine fast musikalische Einheit dieses Zeremoniells. Dennoch hat Die Trauung eine Handlung, die sich zu einem Ganzen zusammenfügt, und es gibt keinen Grund, sie nicht dem Zuschauer zugänglich zu machen. (...)
Die Trauung ist ein Traum, der Traum Heinrichs, eines polnischen Soldaten während des letzten Krieges, irgendwo in Frankreich, der gegen die Deutschen kämpft. In diesem Traum kommen die Ängste Heinrichs um die in Polen verbliebene Familie zum Ausdruck, aber auch die grundsätzlicheren Beunruhigungen des modernen Menschen am Umbruch der Epochen. Heinrich erscheint sein Elternhaus in Polen, die Eltern und seine Verlobte Mania. Das Haus ist entwürdigt, in eine Kneipe verwandelt. Mania ist eine Magd, eine Kneipendirne. Der Vater ist ein Kneipenwirt.
Der Vater wird von Betrunkenen verfolgt. Doch dann kommt eine Schlüsselszene, in welcher der Vater, indem er seine menschliche Würde gegen die ihn angreifenden Säufer verteidigt, ausruft, er sei „unantastbar“.
„Unantastbar wie ein König“, rufen spöttisch die Säufer.
Und da huldigt Heinrich im Traume dem Vater, und der Vater verwandelt sich für ihn zu einem König. Der König-Vater erhebt Heinrich nicht nur zu einem Prinzen, sondern verheißt, dass er kraft seiner königlichen Macht befehlen werde, ihm eine „würdige kirchliche Trauung zu ermöglichen, welche Mania, diese Kneipendirne, wieder zu einer Reinen und Unbefleckten zurückverwandeln wird . . wie sie früher war. Damit endet der erste Akt. Die menschliche Würde - sollte es scheinen - ist gerettet.
Im zweiten Akt finden Vorbereitungen statt zu jenem ‚würdigen’ Ehesakrament, das der Bischof spenden soll. Doch nun sehen wir, dass in den Traum Heinrichs allmählich Zweifel eindringen. Die ganze Trauungszeremonie beginnt immer mehr zu wanken, als wäre sie von der Dummheit bedroht - als würde er, Heinrich, mit ganzer Seele auf der Seite der Klugheit, der Würde, der Reinheit, sich selber nicht trauen...
Der Anführer der Säufer dringt wieder auf die Szene, stockbesoffen wie ein Fass! Es kommt beinahe schon zu einem unmittelbaren Kampf zwischen ihm und Heinrich, als plötzlich (wie das so im Traum geschieht) die Szene sich in einen Empfang bei Hofe verwandelt. Der Anführer der Säufer wird zum Gesandten einer feindlichen Macht, will Heinrich zum Verrat überreden. „Verrate deinen Vater, den König“ - so etwa sagt der Säufer -, „denn Bischof, König, die Kirche, Gott, das ist alter Aberglaube. Erkläre dich selber zum Herrscher, und dann wird dir keine göttliche noch eine andere Autorität vonnöten sein, du wirst selber deine
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Trauung zelebrieren und wirst alle zwingen, sie anzuerkennen und Mania als Unbefleckte, dir Angetraute zu erachten.“
Dies ist der Schlüssel zur Metapher der Trauung. Der Übergang von einer Welt, die auf göttlicher Autorität beruht, einer göttlichen und väterlichen, zu einer neuen, in der sein, Heinrichs Wille, ein göttlicher, schaffender Wille sein soll . . wie der Wille Hitlers, Stalins. Heinrich unterliegt der Einflüsterung des Säufers. Stürzt den König-Vater. Wird selber zum Herrscher.
Aber dann folgt eine Szene, in welcher der Säufer Wladzio, den Freund Heinrichs, bittet, er möge eine Blume über den Kopf Manias halten, und plötzlich beseitigt er die Blume, sie beide in dieser künstlichen Position belassend, die nicht mehr durch die Blume begründet ist. Und Heinrich kommt ein schrecklicher Verdacht, dass Mania ... mit Wladzio ... ‚Du Kaplan-Schwein, du hast sie durch eine niederere, entsetzliche Trauung vereinigt!’bricht es aus ihm heraus. Ende des zweiten Aktes.
Im dritten Akt ist Heinrich Diktator, alle hat er unterdrückt, einschließlich der Eltern. Und wieder bereitet sich die Zeremonie der Trauung vor, doch einer gottlosen, die ihre Sanktion lediglich in seiner absoluten Macht besitzt.
Er fühlt jedoch, dass seine Macht nicht wirklich sein wird, solange sie nicht durch das freiwillige Opfer von jemandes Blut bestätigt sein wird. Darum verlangt er von Wladzio, er solle sich freiwillig umbringen für ihn. Das wird seine Eifersucht beruhigen und ihn gleichzeitig zu einem genügend Mächtigen und Furchtbaren machen, um die Trauung durchzuführen . . . und Mania zu einer „Unbefleckten“ machen (und auch, um den Traum wahr zu machen ... ,worum er von Anbeginn kämpft). Wladzio ist einverstanden.
In der letzten Szene bringt sich Wladzio um. Doch Heinrich bricht zusammen und zieht sich vor Entsetzen über seine Tat zurück. Die Trauung wird nicht vollzogen.
So ist diese Geschichte. Sie versucht, die Ängste und das Grauen des Menschen angesichts der kommenden Welt zu schildern, in der er sich selber ein Gott und Herr sein wird. Die „Göttlichkeit“ Heinrichs manifestiert sich im Beherrschen anderer Menschen wie die Göttlichkeit Hitlers. In der Trauung lassen sich Mechanismen erblicken von der Entstehung des modernen Menschen und der modernen Menschheit. Die unaufhörliche Gegenwart der Form auf der Bühne ist der spiritus rector des Dramas. Der Mensch sagt etwas und passt sich dann dem an, was er gesagt hat. Das eine gebiert das andere. Eine Szene die andere. Die
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Prof. Dr. Peter P. Pachl, 2004, Albtraum-Wachtraum-Traumata, München, GRIN Verlag GmbH
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