DIE IDENTITÄTSSTIFTENDE FUNKTION VON ÖFFENTLICHEM FREIRAUM
UNTERSUCHT AM BEISPIEL DER NEUBAUSIEDLUNG BERLIN-HOHENSCHÖNHAUSEN
BAKKALAUREATSARBEIT - LANDSCHAFTSARCHITEKTUR
Universität für Bodenkultur, Wien | Department für Raum, Landschaft und Infrastruktur | Insti-
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 7
2 Identität und Raum theoretische Annäherung 8
2.1 Identität und Identifikation 8
2.1.1 Identität 8
2.1.2 Identifikation 9
2.1.2.1 Identification of 9
2.1.2.2 Being identified 10
2.1.2.3 Identification with 11
2.1.3 Ich-Identität 11
2.1.4 Wir-Identität 12
2.2 Die Bedeutung des Raumes im Wirkungsgefüge der Identifikationsprozesse 13
2.2.1 Das Wirkungsgefüge von Identifikationsprozessen 13
2.2.2 Funktionen des Raumes im Prozess der Identitätsbildung 14
2.2.3 Raum als Bühne der sozialen Interaktion 15
2.2.4 Raum als Teil der Identität und Objekt der Identifikation 17
3 Forschungsfrage 19
4 Methoden 19
5 Identität und Raum praktische Diskussion 21
5.1 Räumliche Lage der Neubausiedlung Hohenschönhausen 21
5.2 Die Ausgangslage 1991 22
5.2.1 Gesellschaftlichen Strukturen 22
5.2.2 Struktur und Bebauung der Siedlung 23
5.2.3 Siedlungsfreiräume 25
5.3 Entwicklungsszenarien 26
5.4 Entwicklungsprofil und Entwicklungsleitsätze 26
5.4.1 Entwicklungsprofil 26
5.4.2 Entwicklungsleitsätze 27
5.5 Identitätsrelevante Planungsvorschläge 29
5.5.1 Räumliche Definition der Neubausiedlung nach Außen 29
5.5.2 Räumliche und funktionale Struktur im Siedlungsinneren 31
5.5.2.1 Stadtteile 31
5.5.2.2 Wohnquartiere 33
5.5.3 Gestalterische Umsetzung der Siedlungsstruktur 34
Roland Barthofer Bakkalaureatsarbeit Landschaftsarchitektur '3
5.5.3.1 Baumkonzept 34
5.5.3.2 Gestaltungskonzept 36
6 Abschließende Betrachtung 39
7 Literaturverzeichnis 40
8 Abbildungsverzeichnis 41
Roland Barthofer Bakkalaureatsarbeit Landschaftsarchitektur '4
Abstract
In dieser Arbeit wird die Bedeutung des (öffentlichen) Raumes für die Identitätsbildung von Wohnsiedlungen und deren BewohnerInnen erörtert. Darüber hinaus wir der Frage nachgegangen, wie die Landschaftsarchitektur zur Identitätsbildung der Siedlung und der SiedlungsbewohnerInnen beitragen kann.
Der erste Teil der Arbeit befasst sich mit einer theoretischen Annäherung an das Thema Raum und Identität. Aufbauend auf einer Literaturrecherche werden die wesentlichen Prozesse der menschlichen Identifikation behandelt, um anschließend die Bedeutung des Raumes, im Wirkungsgefüge der menschlichen Identifikationsprozesse darzustellen. Im zweiten Teil der Arbeit werden die theoretischen Erkenntnisse, mit einem praktischen Beispiel verglichen und diskutiert. Als Beispiel wurde die Neubausiedlung Berlin-Hohenschönhausen, in der über 70.000 Menschen leben, ausgewählt. Die Planergemeinschaft Hannes DUBACH und Urs KOHLBRENNER erarbeitete für diese Siedlung einen Städtebaulichen Rahmenplan. Dieser Rahmenplan beinhaltet Planungsvorschläge die der Siedlung Identität verleihen sollen und es den BewohnerInnen ermöglichen soll, sich mit ihrer Siedlung zu identifizieren. Pläne und Texte zu den identitätsrelevanten Vorschlägen werden analysiert, mit den theoretischen Erkenntnissen aus der Literaturrecherche verglichen und diskutiert. Die Ergebnisse zeigen, dass die Vorschläge der Planergemeinschaft zur Strukturierung, Gliederung und Gestaltung der Neubausiedlung, die Orientierungsmöglichkeiten in der Siedlung wesentlich verbessern und somit die Identifikation der einzelnen Stadtteile und der Siedlung selbst ermöglicht wird. Durch das gezielte etablieren von hierarchisch gegliederten, öffentlichen Räumen, wird den BewohnerInnen Raum zur sozialen Interaktion zur Verfügung gestellt. Dies ermöglicht es den BewohnerInnen ihre eigene Identität vor anderen Individuen darzustellen. Durch die Nutzung des öffentlichen Raumes erhält der Raum selbst Identität und kann somit zum Objekt der Identifikation werden.
Der Landschaftsarchitektur kommt in den Vorschlägen der Planergemeinschaft eine tragende Rolle zu, da die architektonische und städtebauliche Struktur der Siedlung keine Orientierungs- und Identifikationsmöglichkeiten bietet. Die gegebenen architektonischen und städtebaulichen Strukturen können nicht verändert werden. Somit müssen Identifikationsmöglichkeiten mit den Mitteln der Landschaftsarchitektur geschaffen werden.
Roland Barthofer | Bakkalaureatsarbeit – Landschaftsarchitektur '5
Abstract
In this paper the significance of (public) space for the shaping of identity of housing estates and their residents is discussed. Additionally, it is investigated how landscape architecture can contribute to the identity-shaping of housing estates and their residents. The first part of this paper is a theoretical approach to the topic of “Space and Identity”. Based on literature research, the significant processes of human identification are outlined; subsequently, the importance of space in an interactive structure with human identification processes is illustrated. The theoretical findings are then compared to a concrete example in the second part of the paper. The example used for the comparison is the “Neubausiedlung Berlin-Hohenschönhausen” with more than 70.000 residents. The planners Hannes DUBACH and Urs KOHLBRENNER have developed a “Städtebaulichen Rahmenplan” for this housing estate, which comprises recommendations that are intended to give the housing estate its own identity; these recommendations are also intended to enable the residents to identify themselves with their estate.
Plans and texts regarding the recommendations that are relevant for the shaping of identity are analysed and compared to the theoretical findings, and discussed. The results show that the recommendations concerning the structuring, subdivision and design of the new housing estate, made by the planners, have improved the possibilities for orientation within the estate considerably; and thus the identification of the individual districts an the housing estate itself is made possible.
Due to the systematic establishment of hierarchically structured public spaces, the residents are granted space for social interaction. This enables the residents to present their own identity in front of other individuals.
By using public space, space itself acquires identity and can consequently become an object of identification.
Landscape architecture plays a vital role in the planners’ recommendations, as the architectural and urban development structure of the housing estate does not hold opportunities for orientation and identification. The given (architectural and urban development) structures can not be changed. Thus, possibilities for identification have to be created by means of landscape architecture.
Roland Barthofer | Bakkalaureatsarbeit – Landschaftsarchitektur '6
1 Einleitung
„Die krampfhafte Suche nach einer „Standortidentität“, die immer die gleichen Kulturprogramme, ökologischen Agenden und sozialen Konsense aufbietet, verrät eine Identitätskrise moderner Siedlungsstrukturen. Sie sind in einem weitgehenden Maße neutral und auswechselbar. Die Standortbindung ist gering. Die Ausbildung einer stabilen „Corporate Identity“ bei bestimmten Unternehmen – für eine begrenzte Zeit – ist für Städte noch schwieriger. Sie sind weitgehend eine neutrale Unterlage für Aktivitäten, die ebenso gut woanders stattfinden könnten“ (HELD 1999, 76).
Dieses Zitat von Gerhard Held behandelt den zentralen Themenbereich dieser Arbeit - „Identität“ und „Raum 1 “. Er spricht von einer „Identitätskrise der modernen Siedlungsstrukturen“ und bezeichnet diese als „neutral und auswechselbar“. Weiters führt er „eine geringe Stand-ortbindung“ an und bringt diese mit der schwierigen Aufgabe der Ausbildung einer „stabilen Corporate Identity“ in Verbindung. Held beschreibt hier einen Zusammenhang zwischen einer „räumlichen Identität von Siedlungsstrukturen“ und der Standortbindung der SiedlungsbewohnerInnen. Die positive Verbindung zwischen Wohnquartier und BewohnerInnen hängt, laut Helds obigem Zitat, offenbar mit der Identität des Wohnquartiers beziehungsweise mit der Möglichkeit der Identifikation zusammen.
Ein grundlegendes Problem bei der Auseinandersetzung mit dem Themenbereich „Identität und Raum“ ist die Menge von unterschiedlichen Verwendungen und Bezügen der Begriffe Identität und Identifikation. Einerseits wird Identität auf Räume 2 bezogen – man liest von der Identität von Räumen, von räumlicher Identität, von raumbezogener Identität, von der Möglichkeit sich mit Räumen zu identifizieren, von der identitätsstiftenden Funktion von Räumen und so weiter. Andererseits wird Identität auf Individuen, also Menschen bezogen – man liest von Ich-Identität, von personaler Identität, von Selbst-Identität, von Gruppenidentität, von sozialer Identität und so weiter.
Von besonderem Interesse für diese Arbeit ist die Frage nach der „identitätsstiftenden“ Funktion von Freiräumen, also der Möglichkeit sich mit den Freiräumen eines städtischen Wohnquartiers und somit mit dem Wohnquartier selbst zu identifizieren. Um sich ernsthaft mit dem Thema der identitätsstiftenden Funktion von Raum befassen zu können ist es notwendig Klarheit in die Begriffsvielfalt zu bringen und die Prozesse der Bildung von Identität zu verstehen. Hierbei soll besonderes Augenmerk auf die Rolle des Raumes bei der Identitätsbildung genommen werden.
1 Unter dem Begriff „Freiraum“ werden hier sowohl öffentliche als auch private Freiräume verstanden.
2 Der Begriff des Raumes wird hier als ein physischer und realer verwendet. Roland Barthofer | Bakkalaureatsarbeit – Landschaftsarchitektur '7
2 Identität und Raum – theoretische Annäherung
2.1 Identität und Identifikation
Um einen Einstieg in die Thematik zu finden soll zuerst die Bedeutung des Begriffs der Identität geklärt werden. Da der Identitätsbegriff von vielen Wissenschaften verwendet wird sind eine Menge an Definitionen vorhanden. Eine allgemeine und eine Definition aus dem Bereich der Psychologie, sollen hier exemplarisch vorgestellt werden.
2.1.1 Identität
Grundsätzlich beschreibt der Begriff der Identität immer die Einzigartigkeit von Objekten oder Subjekten und ermöglicht somit deren eindeutige Identifikation und somit auch Unterscheidbarkeit. „Formal und abstrakt kann Identität zunächst als Bezeichnung für eine Sich-selbst-Gleichheit eines Sachverhaltes, einer völligen Übereinstimmung mit sich selbst verstanden werden. In Erweiterung kann darunter auch Wesensgleichheit und Relation zwischen Dingen und Begriffen verstanden werden“ (VOIGT 1999, 122). Der von Manfred VOIGT angesprochene Sachverhalt der „Sich-selbst-Gleichheit“, bedeutet nichts anderes als Einzigartigkeit – die Übereinstimmung eines Objekts oder Subjekts nur mit Sich selbst.
Im sozialpsychologischen Kontext wird unter Identität das dauernde, innere Sich-Selbst-Gleichsein und die Kontinuität des Selbsterlebens eine Individuums verstanden. Im wesentlichen wird diese Kontinuität durch die dauerhafte Übernahme bestimmter sozialer Rollen und Gruppenmitgliedschaften, sowie durch die gesellschaftliche Anerkennung als jemand, der die betreffende Rolle inne hat beziehungsweise zu der betreffenden Gruppe gehört, hergestellt (vgl. HÖRNIG 1995).
Die wesentliche „Funktion“ von Identität ist das Erlangen von Einzigartigkeit (Individualität) und damit Unterscheidbarkeit. Dies gilt für Individuen aber auch für Städte und Regionen oder in der Wirtschaft, für Brands 3 .
Besonders in der modernen, globalisierten Massengesellschaft ist Identität ein zugleich begehrtes und knappes Gut geworden. Es macht nahezu keinen Unterschied, ob man sich in einer Einkaufsstraße in Wien, Köln oder Moskau befindet, multinationale Handelsketten verkörpern in allen Städten die gleiche Corporate Identity und verkaufen die gleichen Produkte. Durch die Ausbreitung der westlichen Moderne, die Beschleunigung der Kommunikation und die Verkürzung von Reisezeiten rücken die „westlichen“ Städte immer näher zusammen – ihre Kulturen werden immer uniformer. Angeborene bodenständige Identitäten lösen sich auf oder werden mit anderen vermischt, es wird immer schwieriger Identität zu erlangen. Menschen müssen mit der Erfahrung leben, dass nicht ihr gesamtes Dasein im Zeichen der
3 Handelsmarken Roland Barthofer | Bakkalaureatsarbeit – Landschaftsarchitektur '8
Arbeit zitieren:
Roland Barthofer, 2007, Die identitätsstiftende Funktion von öffentlichem Freiraum - Untersucht am Beispiel der Neubausiedlung Berlin-Hohenschönhausen, München, GRIN Verlag GmbH
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Quo vadis Landschaftsarchitektur?
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