Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
1.1 Problemstellung 4
1.2 Fragestellung 5
1.3 Aufbau der Arbeit 7
2. Bulimie - Annäherung an ein Phänomen aus kulturwissenschaftlicher Perspektive 9
2.1 Klassifizierungsprobleme - Grenzen bisheriger Betrachtungsweisen 9
2.1.1 Normal oder krank? 10
2.1.2 Sucht und Kontrollverlust 12
2.2 Eine erweiterte Perspektive von Bulimie 15
2.2.1 Zur Konjunktur eines Phänomens 16
2.2.2 Besonderheiten der Bulimie aus kulturwissenschaftlicher Perspektive 20
3. Ernährung, Körperdisziplinierung und die Konstruktion weiblicher Identität 22
3.1 Soziokulturelle Aspekte von Ernährung und Ernähren 23
3.1.1 Essverhältnisse: Von der Fremd- zur Selbstkontrolle des Appetits 24
3.1.2 Ernährung, Körper und die Konstruktion von Weiblichkeit 30
3.1.3 Die Formung des nackten Körpers 36
3.1.3.1 Diät als kulturelle Praxis zur Körperformung 36
Exkurs: Minnesota-Studie 39
3.1.3.2 Weitere anerkannte Kulturtechniken der Körperformung 42
4. Körper(leit)bilder und Normalisierung 43
4.1 Dickleibigkeit als gesellschaftliches Stigma und individuelles Manko 44
4.2 Die Bedeutung von Körper und der Spiegel der Anderen 50
4.3 Schönheit ist machbar 53
4.3.1 Schön - schlank weiblich 55
4.3.2 Schön - schlank modisch 57
4.4 Schönheit als soziales Zeichen - Körperrepräsentation und Verunsicherung 59
4.5 Bulimie auf dem Weg zur anerkannten Kulturtechnik? 63
5. Bulimie als Spiegel individualisierter Gesellschaften? 64
5.1 Kulturimperialismus und Selbstregierung 65
5.2 Ausblick: Wider Privatisierung und Individualisierung: Prävention und Kollektivität 69
Literatur 73
1. Einleitung
Die Ess-Störung Bulimie breitet sich unter Frauen und Mädchen in westlichen Industrienationen seit den Achtziger Jahren zunehmend aus und ist immer stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Spätestens seit Lady Diana ihre Ess-Störung öffentlich gemacht hat, ist Bulimie auch in der Allgemeinheit zum Begriff geworden. Eine Fülle von Publikationen sind erschienen, und auch in den Medien wird Bulimie häufig thematisiert.
Das rege Medieninteresse ist einerseits positiv und wünschenswert, andererseits ist jedoch die Darstellung und das hiermit transportierte Frauenbild, oftmals problematisch. In der Regel wird das Bild einer Frau gezeichnet, die aufgrund einer meist schwierigen Familien- oder Lebenssituation „erkrankt“ ist und nun wahllos, unkontrolliert - tierisch - riesige Essensmengen verschlingt. Hinterher erbricht sie sich schamvoll und selbsterniedrigend auf der Toilette, um nicht zuzunehmen. Sie wird als übertrieben leistungsorientiert, perfektionistisch und abhängig von Schlankheitsnormen beschrieben. 1 Bulimie wird damit als individuelles Defizit betrachtet und als Störung oder - „gestörte weibliche Entwicklung“ 2 - festgeschrieben. Wer an Bulimie „leidet“, wird in der Regel als tragischer Einzelfall behandelt, und auch so erklärt.
Eine Darstellungsweise jedoch, die Bulimie auf die Individualgeschichte einzelner Frauen reduziert, lässt entscheidende Fragen offen: Wie kommt es zur rapiden Zunahme von Bulimie? Was ist das ‚zeitgemäße‘ an dieser ‚Frauenkrankheit‘? Um sich dieser Frage annähern zu können, müssen auch soziokulturelle Faktoren systematisch in die Betrachtungsweise miteinbezogen werden. Ohne diese bleibt unerklärlich, warum die Zahlen zur Zunahme von Bulimie erschreckend sind und warum immer mehr Frauen ein gestörtes Verhältnis zum Essen und ihrem Körper entwickeln, wenn auch außerhalb pathologischer Zuschreibungskategorien.
1 Schlank, aber krank - Ess-Störungen: http://www.hr-online.de/fs/servidegesundheit/archiv/010426.html, (download 25.05.2002)
2 vgl. Thies, Christine J.: Bulimie als soziokulturelles Phänomen. Konsequenzen für Theorie und Praxis. Pfaffenweiler, 1998, S. 2
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1.1 Problemstellung
Trotz der Erkenntnis, „dass es sich bei Bulimie um ein allgemein gesellschaftliches Problem handelt, das sich mehr als andere Formen psychosomatischer Störungen mit gesellschaftlichen Normierungen verbinden lässt“ 3 und dass insbesondere das Schlankheits- und Schönheitsdiktat eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Bulimie spielen, werden die ausschlaggebenden Gründe weitestgehend im individuellen Bereich verortet.
Diese Argumentation greift jedoch zu kurz. Denn die individual-psychologische Herleitung des Phänomens Bulimie lässt die Tatsache außer Acht, dass es einen gesellschaftlichen Trend zur Bulimie gibt. Im Gegensatz zur Anorexie steigen die Zahlen der Bulimiefälle kontinuierlich an. 4 Daraus ergibt sich auch die Frage, warum bei kontinuierlichem Anstieg der Ess-Störungsfälle die absolute Zahl der Anorexiefälle stagniert, während Bulimie und Adipositas zunehmen. 5 Das legt die Vermutung nahe, dass es aktuelle gesellschaftliche Rahmenbedingungen geben muss, die die Entstehung bulimischen Verhaltens begünstigen und dass jenseits der individualpsychologischen auch soziokulturelle Faktoren hier eine entscheidende Rolle spielen.
Die Pathologisierung und Individualisierung von Bulimie blendet solche Fragen jedoch systematisch aus, statt sie ins Bild zu holen. Zwar wird im Zusammenhang mit Bulimie immer wieder darauf hingewiesen, dass es sich bei diesem Phänomen
- ähnlich wie auch bei der Magersucht - um extreme Formen des für die Mehrzahl von Frauen geltenden problematischen Verhältnisses zu ihrem Körper und zum Essen handelt. Die weiterführende Frage aber, was dies in der Konsequenz für eine veränderte Betrachtungsweise oder Definition von Bulimie bedeuten würde, wird kaum gestellt. Die Abgrenzung zwischen „kranken bulimischen Frauen“ und „normal essgestörten Frauen“ wird so lediglich zu einer Frage des Störungs-Grades. Die Feststellung, dass fast alle Frauen ein mehr oder weniger
3 Tarr-Krüger, Irmtraud: Bulimie und Widerstand. Ein musiktherapeutisch orientierter Ansatz. Heidelberg,
1990, Vorwort, S. VIII
4 Die Zahl der Anorexiefälle stagniert seit Jahren bei einem Prozent.
vgl. Buchholz, Helga: Die verzehrte Frau. Anorexie und Bulimie im Spiegel weiblicher Subjektivität. Opladen, 2001, S. 28
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problematisches Verhältnis zu ihrem Körper und mit dem Essen haben, bleibt dabei ohne weitere Bedeutung; sie führt weder zum Aufschrei noch wird sie zum Skandal. Pathologisierung und Individualisierung funktionieren hier als Muster: Indem die extremen Formen von Essstörungen wie Bulimie oder Magersucht pathologisiert und individualisiert werden, wird das ‚normal‘ gestörte Essverhalten und seine immense Verbreitung bei Frauen zur ‚unbedenklichen‘ Normalität. Die Bedingungen und Begünstigungen dieser Entwicklungen, etwa die
‚krankmachende‘ Gesellschaft rückt so gar nichts erst ins Licht der Kritik
1.2 Fragestellung
Ich werde in dieser Arbeit fragen, welche soziokulturellen Bedingungen dem Entstehen von Bulimie vorgelagert sind und wie sie die Verbreitung von Bulimie begünstigen. Dabei soll der Frage nachgegangen werden, wie das im Einzelfall als psychopathologisch eingestufte bulimische Denken und Handeln nicht tatsächlich auch Bestandteil unserer alltäglichen Normalität ist. In meiner Argumentation werde ich mich dabei immer wieder auf den dieser Arbeit vorangegangen Film 6 beziehen und insbesondere Aussagen aus den Interviews in meine theoretischen Überlegungen einfließen lassen. 7 In dem Film haben wir verdeutlichen können, dass sich die Grenze zwischen ‚gesundem’ und ‚gestörtem’ Essverhalten, als durchlässig erweist. 8 Hier haben wir, ebenso wie bei der Praxis der Gewichts- und Nahrungskontrolle, erstaunliche Parallelen zwischen bulimischen und nichtessgestörten Menschen gefunden. Die Ähnlichkeiten der Aussagen unterschieden sich teilweise so wenig, dass vielen ZuschauerInnen nicht aufgefallen ist, dass nur die Hälfte unserer Befragten bulimisch war. Auf einen erklärenden Kommentar haben wir bewusst verzichtet und den Hinweis auf die Interview-
5 Aufgrundder Themensetzung konzentriere ich mich im Folgenden in erster Linie auf das Phänomen der Bulimie und lasse die Ess-Sucht außen vor, da die Symptomatik anders gelagert ist. Die Berücksichtigung der Ess-Sucht im gesellschaftlichen Kontext würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen.
6 „Wenn’s nur mich als Maßstab gäbe...“, Anja Mayr u. Katharina Maas. Humboldt Universität zu Berlin,
2002.
7 Unsere Interviewpartner haben wir über Kleinanzeigen in verschiedenen Berliner Stadtmagazinen gefunden (siehe Anhang). Da unsere Auswahl sich darauf beschränkte, Menschen zu finden, die bereit waren vor einer Kamera zu sprechen, können unsere Interviews im Sinne einer empirischen Sozialforschung nicht generalisiert werden. Als Fallbeispiele sind sie jedoch von Relevanz und sollen in diesem Sinne entsprechend eingesetzt werden.
8 Dies wurde insbesondere an dem Beispiel deutlich, wie sich Selbstwert und Körperbild gegenseitig bedingen.
5
Zusammensetzung an das Ende des Filmes gestellt. Dadurch wollten wir einer möglichen Distanzierung und Vorverurteilung durch die ZuschauerInnen entgegenwirken und eine Sensibilisierung für die Normalität des essgestörten Alltags fördern. Denn die Absurdität des täglichen Wiegens, Kalorienzählens, der heimlichen Heißhungerattacken und des mit den Kilos schwankenden
Selbstbewusstseins verschwindet angesichts einer - in gängigen Medienberichten oftmals praktizierten - dramatisierenden Darstellung des ‚Fressens und Kotzens’ der Bulimikerin. Ein Effekt davon ist, dass erst das Extrem, nicht aber die alltägliche Praxis, hinterfragt wird. Dadurch gerät auch ins Hintertreffen, dass viele Fälle von Bulimie nicht dramatisch, sondern quasi alltagsbegleitend und unauffällig über viele Jahre oder Jahrzehnte verlaufen.
Die von uns gewählte Herangehensweise verweist ebenso darauf, dass viele Mädchen und Frauen ja nicht einfach so an Bulimie ‚erkranken’. Der Einstieg in die Bulimie beruht in der Regel zunächst auf der bewussten Entscheidung, durch selbstinduziertes Erbrechen das Gewicht zu kontrollieren, nachdem anerkannte Kulturtechniken wie Diäten oder Sport versagt haben. Dies geschieht in einem Kontext aus normativen Zwängen. Stichworte hierzu sind: Ernährungsnormen (Mäßigung im Essen), Schönheits- und Schlankheitsdruck sowie die Vielzahl divergierender Erwartungen und Anforderungen, die unsere individualisierte Gesellschaft an die einzelnen Individuen stellt. In diesem Zusammenhang ist auch das Charakteristikum der ‚Unsichtbarkeit’ von Bulimie hervorzuheben. Anders als Anorexie kann Bulimie nicht als nach außen gerichteter Protest - im Sinne einer Verweigerung - gedeutet werden 9 , denn die Verheimlichung der Krankheit und damit die Unauffälligkeit ist ein wesentliches Spezifikum. Bulimie scheint so eher als eine individualisierte Konfliktlösungs- oder Coping-Strategie, die Frauen zumindest nach außen das reibungslose „Funktionieren“ in unserer Gesellschaft ermöglicht.
Die Kernfrage meiner Arbeit lautet daher, ob und inwiefern sich bulimisches Verhalten auch als kulturelle Praktik jenseits individueller psychopathologischer Klassifizierungen beschreiben lässt. Und welche soziokulturelle Faktoren dazu beitragen, Bulimie als ‚zeitgemäße‘ Konfliktlösungsstrategie zu etablieren.
9 vgl. Braun, Christina von: Das Kloster im Kopf. Weibliches Fasten von mittelalterlicher Askese zu moderner Anorexie. In: Weibliche Adoleszenz: zur Sozialisation junger Frauen. Hg. v. K. Flaake u. V. King. Frankfurt a. M., 1998, S. 213-239
6
Ich werde der These nachgehen, ob und inwiefern Bulimie entsprechend als Antwort auf ein Dilemma verstanden werden kann, in dem sich immer mehr und jüngere Frauen befinden: Auf der einen Seite stehen erhöhte Ansprüche an das körperliche Erscheinungsbild, welches eine ausgeprägte Disziplin, sowohl im Essen als auch im Hinblick auf körperliche Fitness erfordert. Auf der anderen Seiten steht das Scheitern an eben diesen Ansprüchen. Dieses Scheitern wird durch Bulimie unsichtbar gemacht und in den privaten/intimen Bereich verlagert. Das Dilemma selbst wird dabei nicht hinterfragt, und es kommt auch nicht ‚zu Tage‘. Die Bulimikerin verliert nicht die Kontrolle über ihre - in der heutigen Zeit unabdingbare - makellose Außenwirkung. So kann sie gesellschaftlich anerkannten Werten und Anforderungen wie Disziplin und Leistungsfähigkeit weiterhin genügen. Denn im Gegensatz zu gängigen Darstellungsweisen muss Bulimie nicht zwangsläufig zu einem massiven Einbruch des sozialen Lebens führen. Damit liegt der Schluss nahe, dass Bulimie im Kontext der postmodernen, individualisierten und leistungsorientierten Gesellschaft zur wichtigen Coping-Strategie insbesondere für Frauen und Mädchen geworden ist.
1.3 Aufbau der Arbeit
An den Anfang dieser Arbeit habe ich eine Annäherung an das Phänomen „Bulimie“ gestellt. Hier wird vor allem gezeigt, wo die Grenzen herkömmlicher Annäherungs- und Betrachtungsweisen von Bulimie liegen. Dabei soll deutlich werden, dass diese auf der Ausblendung von soziokulturellen Faktoren basieren, die letztlich in einer Individualisierung und Pathologisierung münden. Es soll eine kulturwissenschaftliche Erweiterung des Begriffs der Bulimie vorgeschlagen werden. Um die Bedeutung der kulturellen Praxen um Körper und vor allem der soziokulturellen Praxis der Ernährung, insbesondere des Diäthaltens im Zusammenhang mit Konstruktionen weiblicher Identität, geht es in Kapitel drei. Im vierten Kapitel stehen Körper(leit)bilder und Normalisierungspraxen im Mittelpunkt. Im Einzelnen wird der gesellschaftliche Umgang mit Dickleibigkeit, Fremd- und Selbstbildern sowie Schönheits- und Schlankheitsvorstellungen diskutiert sowie die Frage aufgeworfen, ob Bulimie zu einer neuen Kulturtechnik geworden ist. Zum Abschluss wird in Kapitel fünf gefragt, wie Bulimie nicht nur als naheliegende
7
individuelle Problemlösestrategie in einer individualisierten Gesellschaft gefasst
werden, sondern darüber hinaus auch als Machttechnologie im Foucaultschen
Sinne betrachtet werden kann. In einem Ausblick werden Gedanken zu
Gegenstrategien skizziert.
8
2. Bulimie - Annäherung an ein Phänomen aus kulturwissenschaftlicher Perspektive
Um sich dem Phänomen Bulimie kulturwissenschaftlich zu nähern, schien mir zunächst wichtig, die herkömmlichen Einordnungen kritisch zu beleuchten und zu prüfen, um sich dann einer eigenen Einordnung anzunähern. In einem ersten Schritt wird daher betrachtet, wie die Spezifika der Bulimie in den gängigen Diskursen der Medizin und der Suchtprävention diskutiert werden und wo die Grenzen dieser Herangehensweise liegen. In einem zweiten Schritt soll eine Erweiterung des Begriffes von Bulimie vorgeschlagen werden, der über bisherige Betrachtungsweisen hinausgeht.
2.1 Klassifizierungsprobleme - Grenzen bisheriger Betrachtungsweisen
Bulimie gehört zu den sogenannten Ess-Störungen, zu denen auch Adipositas (Ess-Sucht) und Anorexie (Magersucht) gezählt werden. Nicht immer sind die verschiedenen Ess-Störungen klar von einander zu trennen, es können Überschneidungen und Verlagerungen auftreten.
Bulimia Nervosa, Bulimie oder Ess-Brech-Sucht bezeichnet das chronische Essen großer Nahrungsmengen, die anschließend selbstinduziert erbrochen werden. 10 Seltener kommt es vor, dass statt Erbrechen andere Formen der Gewichtsregulierung eingesetzt werden, etwa Abführmittel, übermäßige körperliche Betätigung oder Klistiere. 11
Der Begriff Bulimia leitet sich aus dem griechischen bous (Ochse) und limos (Hunger) ab. Der „Ochsenhunger“ bezieht sich auf eines der prägnantesten
10 Bulimia nervosa war zunächst der Anorexia nervosa untergeordnet. Als eigenständiges Krankheitsbild wird sie erst seit Ende der 70er Jahre betrachtet. Vgl. Thies, 1998, S. 3 Das Auftreten von bulimischer Symptomatik im Sinne von Heißhungeranfällen und anschließendem selbstinduzierten Erbrechen sind schon sehr viel früher (z. B. in antiken Überlieferungen) dokumentiert. Diesbezüglich gibt Habermas (1997) einen umfassenden Überblick. Er grenzt die heutige Form der Bulimie klar davon ab, indem er argumentiert, dass das Kriterium der Gewichtsregulierung als Motivation für bulimisches Verhalten tatsächlich ein Phänomen ist, das erst seit den späten siebziger Jahren dokumentiert ist.
vgl. Habermas, Tilmann: Elemente der Sozialgeschichte des Essens als Beitrag zu einer Erklärung der kulturellen Genese moderner Essstörungen. In: Klinik der Essstörungen. Hg. P.L. Janssen, W. Jens, R. Meermann. Stuttgart 1997, S.1f.
9
Merkmale der Bulimie, den Heißhungeranfall. Nervosa verweist auf den psychischen Ursprung dieser Erkrankung. Der nervlich bedingte Heißhunger bezeichnet somit nur einen Teil des Phänomens und verschweigt die anschließenden Maßnahmen, die eine Gewichtszunahme verhindern sollen. Die deutsche Bezeichnung Ess-Brech-Sucht dagegen verweist sowohl auf den Heißhunger, das Erbrechen, als auch auf den Suchtcharakter. 12
Beim Versuch der Einordnung von Bulimie unter der herkömmlichen Fragestellung, ab wann Essverhalten pathologisch oder süchtig ist, wird relativ schnell deutlich, dass Bulimie ein schwer zu fassendes Phänomen darstellt und dass es Probleme in der klaren Abgrenzung zwischen süchtigem und nichtsüchtigem, krankem, gestörtem und normalen Essverhalten gibt.
2.1.1 Normal oder krank?
Diese Probleme ergeben sich aus der pathologischen Zuschreibung. Eine klare Abgrenzung zwischen ‚gestört’ und ‚normal’, zwischen ‚krank‘ und ‚gesund‘ erweist sich als schwierig. Denn ein großer Teil der weiblichen Bevölkerung hat inzwischen ein mehr oder weniger problematisches Verhältnis zum Essen und zum eigenen Körper. Es kann davon ausgegangen werden, dass „die Mehrzahl aller Frauen ihre Nahrungsaufnahme unter dem Gesichtspunkt der damit verbundenen Gefahr einer Gewichtszunahme kontrolliert“ 13 . Die meisten Frauen kennen unregelmäßiges Essen, dauerhafte oder temporäre Kontrolle der Nahrungsaufnahme und Heißhungerattacken. Erst die Übertreibung wird als Ess-Störung klassifiziert: „Ihr (die Ess-Störungen, Anm. d. A.) gemeinsamer Nenner ist die extreme - zu starke oder zu geringe - Selbstkontrolle von Hunger oder Appetit.“ 14
11 Siehe 2.1.1
12 Im klinischen Bereich gibt es inzwischen einen Konsens darüber, dass Bulimie klare Suchtstrukturen aufweist. Dennoch wird das Syndrom nicht den Suchterkrankungen zugeordnet. vgl. Buchholz, 2001, S. 51f.
13 Stein-Hilbers, Marlene; Marion Becker: Wie schlank muss ich sein, um geliebt zu werden? Zur Prävention von Essstörungen. (Abschlussbericht der Begleitforschung zum Modellprojekt des BMfSFJ). Bonn, 1998, S. 21
14 ebd.
10
Wie fließend die Grenzen sind, zeigt sich unter anderem daran, dass die Praktik
des selbstinduzierten Erbrechens im psychologischen Sinne nicht gleichbedeutend
ist mit dem „klinischen Syndrom Bulimie“ 15 , für welches die Kriterien des
Diagnostischen und Statistischen Manuals Psychischer Störungen (DSM-IV) 16 der
American Psychiatrie Association erfüllt sein müssen. Für diese Arbeit ist es
wichtig festzuhalten, dass zwischen dem sog. „Vollbild einer klassifizierbaren
Eßstörung“ 17 und der Tatsache, dass selbstinduziert erbrochen wird, keine klare
Grenzen zu ziehen ist. So unterscheidet bspw. Buchholz zwischen einer
„klinischen Eßstörung“ 18 und Frauen, die sich regelmäßig überessen und
anschließend erbrechen, ohne sich selbst als essgestört zu bezeichnen. 19 Im
letzteren Fall liegt nach Buchholz entsprechend keine pathologische Störung vor.
Die Einordnung als „essgestört“ ist demnach eng gekoppelt an die Selbstverortung
der Betroffenen. Die von mir in der Literatur gefundenen Haupt-Merkmale für das
Vollbild einer Bulimie beziehen sich auf die Selbsteinschätzung der Patientinnen
(subjektiver Leidensdruck) und die Quantität der Ess-/Brechanfälle. Wer sich nicht
15 In mehreren Untersuchungen an nichtklinischen Populationen [...] ließ sich nachweisen, dass nicht alle
diejenigen, die hohe Werte [bezogen auf bulimische oder anorektische Symptomatik, Anm.d.A.] erzielten, auch anhand des klinischen Interviews ein stark gestörtes Ernährungsverhalten aufwiesen.[...] In Untersuchungen zum selbstinduzierten Erbrechen bei nichtklinischen Populationen kam man zum gleichen Ergebnis. Das Vorhandensein von Erbrechen kann nicht als zuverlässiger Indikator für die Psychopathologie der Bulimia nervosa gewertet werden.
Garner, D.M.: Soziokulturelle Aspekte bei Essstörungen. In: Bulimia und Anorexia nervosa: Ursachen und Therapie. Hg von Thomas Paul u. Corinna Jacobi. Berlin; Heidelberg, 1991, S. 16f.
16 Die Diagnosekriterien werden wie folgt angegeben:
A. Wiederholte Episoden von Fressanfällen mit beiden folgenden Charakteristiken:
(1) in einer bestimmten Zeitspanne (z. B. 2 Stunden) Verzehr einer Essensmenge, die bedeutend größer ist als die Menge, die die meisten anderen Menschen in einer ähnlichen Zeitspanne und unter ähnlichen Umständen zu sich nehmen würden: und
(2) ein Gefühl von Kontrollverlust hinsichtlich des Essverhaltens während dieser Episode (z. B. das Gefühl, nicht mit dem Essen aufhören zu können oder die Kontrolle über Qualität und Quantität des Essens zu verlieren)
B. Wiederholtes unangemessenes Kompensationsverhalten, um eine Gewichtszunahme zu verhindern, zum Beispiel: selbstinduziertes Erbrechen, Gebrauch von Abführmitteln, harntreibenden Mitteln oder anderen Medikamenten, Fasten oder exzessive körperliche Betätigung.
C. Durchschnittlich mindestens zwei Fressanfälle und unangemessenes Kompensationsverhalten pro Woche über einen Mindestzeitraum von drei Monaten.
D. Das Selbstwertgefühl wird unverhältnismäßig stark durch die Figur und das Körpergewicht beeinflusst. E. Die Symptome treten nicht während einer Episode von Anorexia Nervosa auf.
Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen DSM-IV. (Dt. Ausgabe der vierten Auflage des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders der American Psychiatrie Association von 1994). Göttingen, 1996
17 Fairburn, C.G.: Entwicklung der diagnostischen Kriterien für Anorexia nervosa und Bulimia nervosa. In:
Bulimia und Anorexia nervosa: Ursachen und Therapie. Hg. v. Thomas Paul u. Corinna Jacobi. Berlin; Heidelberg, 1991. S. 6
18 Buchholz, 2001, S. 27
19 Buchholz führt auf, dass 20 Prozent der deutschen Frauen regelmäßige Essanfälle kennen. Von diesen
erbrechen sich fünf Prozent anschließend selbstinduziert. Vgl. ebd., S. 27 u. 33
11
mindestens zwei Mal die Woche über einen Zeitraum von drei Monaten erbricht,
erfüllt laut DSM nicht die Kriterien für eine Bulimie.
Es zeigt sich also, dass Bulimie bzw. Ess-Störungen allgemein ein schwer zu
fassendes Phänomen darstellen. Wie oben beschrieben, lassen die Kriterien für
die pathologische Störung Bulimie die Grauzone des Erbrechens und Überessens
unberücksichtigt. Die Tatsache, dass es einen fließenden Übergang zwischen dem
was noch als ‚normales’ Essen gilt und dem Krankheitsbild Bulimie gibt, wird nicht
benannt.
Ähnlich schwierig gestaltet sich die Abgrenzung zwischen süchtigem und nicht-
süchtigem Essverhalten.
2.1.2 Sucht und Kontrollverlust
Es gibt unterschiedliche Auffassungen darüber, ob es sich bei Bulimie (bzw. Ess-Störungen im Allgemeinen) um eine psychosomatische Krankheit oder um eine
Sucht handelt. Susie Orbach verwies schon 1978 in ihrem Anti-Diät Buch 20 auf den
suchtartigen Charakter des zwanghaften Essens bzw. der Nahrungsverweigerung:
Für Esssüchtige gibt es hauptsächlich zwei Realitäten: zwanghaftes Essen (ohne jede Kontrolle) oder Zwangsdiäten (völlige Einschränkung). Wie Drogenabhängige sind die Esssüchtigen auf das Essen fixiert. Esssüchtige brauchen ihr Essen genauso dringend wie ein Drogensüchtiger sein Heroin oder ein Trinker seinen Alkohol. Sie versuchen dauernd „trocken“ zu werdendurch Fasten oder durch Diätkuren - oder sie greifen zu ihrem Methadon-Ersatz - Quark. ... Drogensüchtige verbringen Stunden ausschließlich damit, Geld aufzutreiben und an den nächsten Schuss heranzukommen. Dieselbe psychische Kraft benötigen Esssüchtige für das Nachdenken darüber, was sie essen können und was nicht. So wie das Heroin den Drogenabhängigen in einen anderen Bewusstseinszustand versetzt und der Trinker von Alkohol betäubt wird, wirkt ein Essrausch auf Esssüchtige wie eine Narkose. 21
Dieses Erleben teilen Ess-Süchtige mit Bulimikerinnen. 22 Dennoch wird Bulimie
insbesondere in der klinisch-psychologischen Literatur als psychosomatische
Erkrankung mit suchttypischen Elementen klassifiziert und von den typischen
stofflichen Suchterkrankungen (Alkohol, Drogen) abgegrenzt, wie Helga Buchholz
20 Orbach, Susie: Anti-Diät Buch. Über die Psychologie der Dickleibigkeit, die Ursachen von Esssucht.
München, 1998 (zuerst 1978)
21 Orbach 1976, S. 89
12
anhand einer umfassenden Literaturrecherche herausgearbeitet hat. 23 Sie selbst wendet die gängigen Suchtkriterien auf die bulimische Symptomatik an und kommt zu dem Schluss, dass alle Kriterien erfüllt werden (u.a. Kontrollverlust, Entzugserscheinungen, Wiederholungszwang) und auch die Betroffenen selbst sich als süchtig wahrnehmen. 24 Diese Einschätzung deckt sich mit Aussagen aus unseren Interviews:
Das ist halt echt die Sucht, dass man nicht davon loslassen kann einfach so, es geht auch nicht, dass ich mir vornehme, OK, ich mach es jetzt nicht mehrdas hab ich halt auch schon ausprobiert, und vielleicht funktioniert es ne zeitlang, aber man spürt halt, dass es nicht weg ist irgendwie, und letztendlich hab ich halt wieder dazu gegriffen. Judith, Anhang, S. 23
Ich kann fast sagen, ich war durch das Essen wie in Trance, dass ich das Gefühl hatte, und auch noch habe, in dem Moment wirklich loslassen zu können. Dass Gefühl zu haben, wirklich nur in diesem Moment, alles loslassen zu können. Dass der Verstand völlig abschaltet. Es mir alles egal. Silke, Anhang, S.39
Während für Helga Buchholz die Einordnung von Bulimie als Sucht „in erster Linie von sozialpolitischer Relevanz ist (Kostenübernahme der Behandlung und Therapie)“ 25 , ist im Rahmen dieser Arbeit vor allem die Frage nach den Grenzen der Klassifizierung von Bulimie als Sucht von Bedeutung. Denn gerade der Aspekt der Eigenverantwortlichkeit in der Sucht- oder Krankheitsentstehung scheint mir für die Entstehung und somit die Einordnung der Bulimie von herausragender Bedeutung, da zu Beginn die zunächst bewusste Entscheidung für das bulimische Verhalten steht. Damit soll hier jedoch nicht die individualisierende Sichtweise fortgeschrieben werden, sondern vielmehr gezeigt werden, was aus den skizzierten Sichtweisen ausgeblendet bleibt und was von Bedeutung für ein möglichst adäquates Verständnis des Phänomens Bulimie ist.
Eine zentrale Suchtproblematik, nämlich die des Kontrollverlusts, lässt sich im doppelten Sinne des Wortes symptomatisch am Ess-Brech-Anfall von bulimischen Frauen illustrieren. Der Ess-Brech-Anfall der Bulimikerin wird zumeist mit einem starken Kontrollverlust assoziiert. 26 Schon der Begriff „Anfall“ impliziert, dass die Betroffenen von dem Drang zu essen und zu erbrechen ‚überfallen’ werden.
22 vgl. Buchholz, 2001, S. 55 u. 57
23 vgl. ebd. S. 51ff.
24 vgl. ebd. S. 55ff.
25 ebd. S. 59
26 Prahl, Hans-Werner; Monika Setzwein: Soziologie der Ernährung. Opladen, 1999, S. 113
13
Hierbei ist jedoch zu differenzieren. Dem Drang, sich zu überessen, sieht sich die
Bulimikerin zwar ausgeliefert, gleichzeitig zeigen sich jedoch Elemente von
bewusster Entscheidung oder gar Planung, die darauf hinweisen, dass die
Bulimikerin nicht jegliche Kontrolle aufgibt.
Es ist gekippt, ich war dann - irgendwann war’s geplant, und es ging mir dann
- ich war zu der Zeit alleine -, es ging mir hauptsächlich um viel und warme Sachen, also gar nicht um Süßigkeiten oder den Geschmack, sondern einfach Kartoffelbrei, oder Auflauf oder 'ne Suppe, irgendwas, was halt viel und warm war - vieles auch, was man nebenbei knabbern konnte beim Lernen, klar, aber ich bin schon anders losgegangen - also ich bin entweder einkaufen gegangen, um zu essen, oder ich bin einkaufen gegangen, weil ich das geplant hatte. Conni, Anhang, S. 10
Über den Vorgang des Erbrechens selbst, waren in der von mir verwendeten
Literatur nur wenige Hinweise zu finden. Durch unsere Interviews bin ich auf die
Frage gestoßen, ob das Erbrechen der Bulimikerin mit dem unangenehmen,
schmerzhaften Erbrechen gleichzusetzen ist, dass jeder, der nicht an Bulimie
leidet, aus eigener Erfahrung kennen dürfte, beispielsweise bei einer Magen-Darmgrippe oder Schwangerschaftsübelkeit. Nimmt man diese Erfahrungen als
Maßstab, ist es nur schwer nachzuvollziehen, wie sich jemand diesen
Unannehmlichkeiten regelmäßig und freiwillig aussetzen kann. Die
diesbezüglichen Äußerungen der von uns befragten Bulimikerinnen legen die
Vermutung nahe, dass sich der Akt des selbstinduzierten Erbrechens deutlich vom
‚unfreiwilligen’ Erbrechen unterscheidet:
Es ist nicht mehr eklig. Das ist eigentlich erschreckend, aber es ist absolut normal geworden. Ich finde dann schon - der Geschmack ist natürlich eklig. Aber dann werden die Zähne geputzt, und dann wird vielleicht - das ist ja das, was ich jetzt mache -, dann esse ich irgendwas Kleines, irgendeinen Apfel, oder so. [...] Reine Gewöhnungssache. Genauso, wie einem zum Beispiel das erste Bier oder der erste Kaffee nicht schmeckt, aber man macht es trotzdem. Katja, Anhang, S.28
Der Akt des Erbrechens wird, ebenso wie der Essanfall selbst, nicht nur als
Kontrollverlust erlebt. Die Schilderungen unserer Interviewpartnerinnen weisen auf
eine hohe Kontrolle innerhalb des Überessens und vor allem auch auf ein
‚routiniertes’ Erbrechen hin:
Man fängt an nach ungefähr vier Stunden an, richtig doll zu verdauen. Und ich guck auch, dass ich es dann draußen habe. Denn das bringt’s ja sonst nicht. Aber ich bin auch nicht mehr so, dass ich dann da hänge, bis mir super übel wird, und mir alles weh tut. Bis die Galle kommt. Das war früher so, denn dann wusste ich ja, jetzt ist alles draußen. Jetzt ist es nur noch dieses, ja, perverse Abmessen, OK, ist genug, von der Menge, die du jetzt noch in dir hast, nimmst du nicht zu. Katja, Anhang, S. 35
14
Diesen Vorgang an sich [das Überessen und Erbrechen, Anm. d. A.], der ist natürlich schon so voll eingespielt, dass es nicht so ist, dass ich mich voll drin gehen lasse, sondern selbst diesen Vorgang hab ich voll unter Kontrolle, und irgendwie weiß ich auch schon genau, was er mir bringt und wie er ablaufen wird, und ich weiß halt, dass es mir damit danach halt schon besser geht. Judith, Anhang, S. 18
Daraus ergibt sich die Annahme, dass sich Bulimikerinnen ihrer Sucht nicht ausschließlich ausgeliefert fühlen, sondern bewusst über den Nutzen (z. B. Gewichtskontrolle, Alltagsbewältigung), den sie daraus ziehen, reflektieren.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich in den skizzierten Sichtweisen das Phänomen der Bulimie immer wieder entzieht. Dies ist unter anderem darin begründet, dass die hier zugrundegelegten Kriterien auf die Einordnung der Symptomatik in duale Kategorien wie süchtig und nicht-süchtig, krank/gestört und normal orientieren. Soziokulturelle Faktoren, Ursachen, und Gründe der Verbreitung von Bulimie bleiben dabei weitgehend ausgeblendet.
Sie basieren letztlich auf dem Denkmodell einer individualisierenden Pathologie, in welchem die Verknüpfungen der individuellen Lebensgeschichte, als Ausdruck persönlicher und kollektiver Unterdrückung und der individuell möglichen Konfliktverarbeitung, außen vor bleiben. Es ist davon auszugehen, dass eine stärkere Berücksichtigung der soziokulturellen Faktoren das Potential birgt, die Perspektive auf das Phänomen der Bulimie zu erweitern und den Blick zu verschieben. 27 So kann meines Erachtens nach auch den Gefahren eines Diskurses entgegengewirkt werden, der auf eine Individualisierung und
Pathologisierung von Bulimie zielt sowie zum einen wesentliche Faktoren, die zur Erklärung der Bulimie beitragen könnten, ausblendet und zum anderen Spezifika der Bulimie nicht erfasst.
2.2 Eine erweiterte Perspektive von Bulimie
Ausgangsthese der Arbeit war, dass Bulimie als kulturelle Praktik zunimmt und in diesem Zusammenhang bestimmte Funktionen erfüllt.
27 vgl. auch Scheffler, Sabine: Feministische Therapie. In: Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis, Bd. 17, 1986. Schwarting, Frauke: Veränderungen möglich machen. Aus der Praxis frauenspezifischer Suchtarbeit. Hamburg 1998, S. 8
15
Neben den Verkürzungen in den skizzierten Sichtweisen auf Bulimie wird in der Pathologisierung von ‚gestörten’ Essverhalten auch eine kulturelle Normalität verfestigt, in der das Streben nach „Idealmaßen“, die beständige Unzufriedenheit mit der Figur und die Kontrolle des Essens eine große Bedeutung einnehmen. Die gesellschaftliche Einordnung von pathologischem und gesundem Verhalten unterliegt dabei, ebenso wie die Definition von Gesundheit und Krankheit allgemein, einer sozialen Interpretationsleistung.
Es handelt sich hierbei um eine soziale Codierung, die u.a. mit sozialstrukturellen Aspekten, gesellschaftlichen Bewertungen und kulturellen Konstruktionen im Zusammenhang steht und sozialen Wandlungsprozessen unterliegt. 28
Diese lässt sich exemplarisch u.a. daran verdeutlichen, dass es sich hierzulande bei Diäten, Abführmitteln oder exzessiver sportlicher Betätigung um anerkannte Kulturtechniken handelt. 29 Es sind Verhaltensweisen, die sich in einem gesellschaftlich akzeptierten Rahmen bewegen, die auf Zustimmung stoßen oder sogar gefördert werden, ganz unabhängig von den Ursachen; ob sie also durch mangelndes Selbstbewusstsein oder eine verschobene Körperwahrnehmung motiviert sind. Für das selbstinduzierte Erbrechen gilt dies nicht. Beim Essen und Erbrechen wird eine gesellschaftliche Grenze überschritten. Es bleibt somit tabuisiert. Dies scheint erst dann widersprüchlich, wenn ein Zusammenhang hergestellt wird und Diäten usw. als der Bulimie ‚vorgelagerte‘ Strategien betrachtet werden. Die Widersprüchlichkeit zeigt sich darin, dass dem klinischen Bild der Bulimie eine pathologische Störung zu Grunde gelegt wird, während die oben genannten ‚vorgelagerten‘ Strategien auf Zustimmung stoßen und sogar gefördert werdenunabhängig davon, ob ihnen ähnliche Indikatoren und Motive zugrunde liegen oder nicht.
2.2.1 Zur Konjunktur eines Phänomens
Die jüngere Forschung beschreibt Bulimie als Phänomen, das in erster Linie in westlichen oder westlich orientierten Ländern auftritt, in denen ein an Schlankheit
28 Prahl; Setzwein, 1999, S. 111f.
29 vgl. Habermas, Tilmann: Bulimie. Historische Bedingungen der Bulimia Nervosa. Frankfurt a. M. 1990, S. 118
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orientiertes Schönheitsideal vorherrscht. Aus anderen Kulturkreisen sind nur vereinzelte Fälle dokumentiert, die vermutlich auf einen verstärkten westlichen Einfluss zurückzuführen sind. 30 Zudem wird konstatiert, dass die Symptomatik insbesondere bei Frauen aus höheren sozialen Schichten und mit hohem Bildungsniveau auftaucht. Allerdings scheint sich eine Tendenz abzuzeichnen, dass Bulimie sich allmählich auch in den unteren Schichten ausbreitet. 31
Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend spricht in einer großangelegten Studie über die gesundheitliche Situation von Frauen in Deutschland 32 von einer „dramatischen Zunahme“ und auch in der Fachliteratur herrscht Einigkeit darüber, dass die rapide Verbreitung alarmierend ist. 33 Dies gilt auch für Adipositas und das sog. Binge-Eating, dem sporadischen oder regelmäßigen Überessen ohne anschließendes Erbrechen. Hier wird von einer Rate von ca. 26 Prozent ausgegangen. 34 Der Einstieg in eine Ess-Störung hat sich altersmäßig sowohl nach unten als auch nach oben erweitert. Schon bei unter Zehnjährigen, aber auch bei immer mehr Frauen zwischen dreißig und vierzig wird Bulimie diagnostiziert. 35 Rund 29 Prozent aller Frauen zwischen zwölf und 32 Jahren zeigen, Erhebungen zufolge, Frühformen von Ess-Störungen. 36 Entsprechend gelten sowohl Bulimie als auch Magersucht nicht mehr als klassische Adoleszenzkrankheiten. 37 Die sog. „high-risk-group“ ist zwischen 15 und 35 Jahren angesiedelt. 38 Eine besonders hohe Rate an bulimischen und magersüchtigen Fällen ist in Bereichen festzustellen, in denen der schlanke Körper eine wichtige Rolle spielt, z. B. bei TänzerInnen, Models, SportlerInnen und SchauspielerInnen.
30 vgl. Gerlinghoff, Monika; Herbert Backmund; Norbert Mai: Magersucht und Bulimie. Verstehen und bewältigen. Weinheim, 1993. S. 25f. und Buchholz, 2001, S. 26
31 vgl. Buchholz, 2001, S. 17
32 http://bmfsj.de/dokumente/Struktur/ix_42501.htm (download 03.09.2001) Kurzfassung des Berichts des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zur gesundheitlichen Situation von Frauen in Deutschland, 2001
33 vgl. Buchholz, 2001. Thies, 1998, Habermas, 1990
34 vgl. BzgA, Pressemitteilung vom 23.10.2000
http://www.bzga.de/aktuell/presse.php3?idx=63&jahr=2000 (download 20.05.2002)
35 vgl. Gaschke, Susanne: Ende der Kindheit. In: Die Zeit, 17/2000
36 vgl. Frankfurter Rundschau. 07.06.2002, S. 18
37 vgl. u.a. Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen DSM-III (Dt. Ausgabe der dritten Auflage des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorder der American Psychiatrie Association von
1980). Weinheim 1984 und DMS IV, 1996, sowie Appel, Christa: Essstörungen. Projektstudie zur ambulanten Behandlung. Freiburg im Breisgau, 1998
38 vgl. Bulimia Nervosa: Ursachen und Therapie. Hg. v. Thomas Paul u. Corinna Jacobi. Berlin; Heidelberg,
1991. Vorwort.
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Während etwa gleichbleibend zwischen einem und zwei Prozent der weiblichen Bevölkerung in Deutschland an Anorexie leiden, ist in Bezug auf Bulimie ein stetiger Anstieg zu verzeichnen. Inzwischen wird die Rate auf drei bis sechs Prozent geschätzt. 39 Erhebungen in Groß Britannien haben ergeben, dass eine knappe Million Britinnen bulimische Symptome zeigen 40 . In den USA erscheinen die Zahlen noch erschreckender: schon in den neunziger Jahren wurde angenommen, dass jede vierte College-Studentin bulimisches Verhalten aufweist. 41 Zu betonen ist jedoch, dass es sich bei diesen Zahlen um Schätzwerte handelt:
So ist bekannt, dass an Bulimie erkrankte Frauen ihre Symptome eher verschweigen, als sie offen darzulegen. Zu befürchten ist, dass gerade betroffene Frauen sich bei Befragungen verweigern - damit wäre eine tatsächliche Prävalenz nicht zu ermitteln. 42
Festgehalten werden kann jedoch, dass insbesondere bei Bulimie von einer erhöhten Dunkelziffer ausgegangen werden muss. Dies ist sicherlich ein Grund, warum Schätzungen der Prävalenzrate divergieren. Empirische Großstudien liegen bislang nicht vor.
Offenkundig ist jedoch, dass Ess-Störungen zu den sog. klassischen Frauenkrankheiten gehören. Bei Bulimie sind bis zu 90 Prozent Frauen und Mädchen betroffen, bei Anorexie liegt der Prozentsatz bei 95 Prozent. 43
Die Zahl der essgestörten Männer liegt scheinbar seit Jahren konstant bei ca. zwei Prozent. Allerdings nimmt der Anteil an Bulimikern zu. Das Geschlechterverhältnis wird auf ungefähr 1:9 geschätzt. Eine Hochrechung der BzgA ergab ca. 70 000 betroffene Männer. 44 Der Anteil der schwulen Männer ist dabei besonders hoch: fast ein Viertel. 45 Bei Erhebungen über betroffene Männer verhält es sich jedoch
39 Werner Köpp, Leiter der Ess-Störungs-Ambulanz im Berliner Universitätsklinikum Benjamin Franklin spricht in der Berliner Zeitung von einem Prozent Anorektikerinnen und vier bis sechs Prozent Bulimikerinnen mit „steigender Tendenz“.
vgl. Brüning, Anne: Wenn sich alles nur noch ums Essen dreht. In: Berliner Zeitung, 08.03.2000
40 vgl. Assheuer, Thomas: Todeshungern. Minimalistische Jungfrauen: Models und Magersucht. In: Die Zeit, 27/2000
41 vgl. Wolf, Naomi: The Beauty Myth. London, 1991. S. 182
42 vgl. Buchholz, 2001, S. 16
43 vgl. Kurzfassung des Berichts des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zur gesundheitlichen Situation von Frauen in Deutschland, 2000
44 vgl. BzgA, Pressemitteilung vom 23.10.2000
45 vgl. Jardine, Anja: Wenn Männer zu oft kotzen. In: Hinnerk. Das schwule Magazin im Norden. Hamburg,
05.2001, S. 6-10
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Katharina Maas, 2003, "Am Anfang war’s die ideale Lösung" – Bulimie als kultureller Spiegel individualisierter Gesellschaften, München, GRIN Verlag GmbH
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