2
Erklärung
Ich versichere, daß ich die vorliegende Arbeit ohne fremde Hilfe angefertigt, noch keinem Prüfungsgremium vorgelegt habe und das wörtlich oder indirekt übernommene Gedankengut nach bestem Wissen als solches kenntlich gemacht und keine als die angegebenen Hilfsmittel benutzt wurden.
Berlin, den 26. Juni 2000
3
Inhalt
I.
Eindrücke 5
II.
Vorgehen 6
III.
Vergessene Ursprünge:
Die Zünfte in der Alten Welt als Ausgangspunkt der
Berufsausbildung in Brasilien 9
IV.
Die Kolonisation der Neuen Welt :
Die Engenhos als Zentren der brasilianischen Berufsausbildung 11
V.
Das goldene Zeitalter:
Import europäischer Berufskonzepte 20
VI.
Monarchie und koloniales Erbe:
Das Absterben des handwerklichen Berufskonzeptes der Zünfte 24
VII.
Das Ende der Sklaverei und die erste Republik:
Die Akademisierung des Berufsbegriffes der brasilianischen Elite 38
VIII.
Populismus und Arbeiterwohlfahrt:
Technisierung und Berufsausbildung 48
4
IX.
Der Desenvolvimentismo:
Institutionalisierung der Berufsausbildung und informeller Sektor.......................... 57
X.
Militärdiktatur:
Der Versuch der Entakademisierung des Berufsbegriffs.......................................... 64
XI.
Ausblick.................................................................................................................... 71
Literaturverzeichnis.................................................................................................. 74
5
I. Eindrücke
Zum Anfang des Jahres 1999 schaltete das brasilianische Bildungsministerium MEC in den - durchweg privatwirtschaftlich organisierten - brasilianischen Fernsehsendern einen Werbespot für dessen Alphabetisierungskampagnen. Eine etwa vierzigjährige schwarze Frau erzählte, wie sie in ihrer Kindheit keine Möglichkeit bekommen hatte, lesen und schreiben zu lernen. Durch vom MEC eingeführte Abend- Fernkurse hatte sie sich alphabetisiert, ihren Schulabschluß nachgeholt und befand sich jetzt im “segundo grau”, der mit dem deutschen Abitur vergleichbar ist. Auch die Zukunftspläne wurden angesprochen, eine Ausbildung wollte die früher benachteiligte Frau absolvieren. In der Krankenpflege wollte sie sich bewerben, aber nicht - wie sie stolz betonte - in einem “curso técnico”, was etwa einer deutschen Berufsausbildung entspräche - sondern an der Universität!
Auch wenn man sich daran gewöhnt hat, daß die Ministerien der Regierung Fernando Henrique Cardoso regelmäßig und auch außerhalb des Wahlkampfes solche Werbesendungen für ihre Regierungspolitik ausstrahlen lassen, bleibt die geschilderte Szene für jemanden, der im deutschen Kulturkreis mit seiner hohen gesellschaftlichen Bewertung der Berufsausbildung aufgewachsen ist, verwunderlich. Offensichtlich hat die gewerbliche Berufsausbildung in Brasilien einen viel geringeren Stellenwert als in Deutschland. Daß das bei einer benachteiligten Frau so ist, die aus dem informellen Arbeitsleben aussteigen will und jetzt nach dem höchsten Bildungsabschluß strebt, den sie erreichen kann, läßt sich leicht erklären. Aber offensichtlich existiert eine Geringschätzung der außeruniversitären Ausbildung auch bei den politisch Verantwortlichen, die die beschriebene Szene zur Werbung für ihr Wirken ausgesucht haben, während Unternehmer lauthals Reform und Ausbau der Berufsausbildung einklagen und die großen Unternehmen einen Großteil ihrer Belegschaft intern ausbilden.
Auch bei Intellektuellen läßt sich diese Tendenz beobachten. Dozenten und Studenten brasilianischer Universitäten zeigten in Gesprächen oft Unverständnis für die Wahl der Ausbildung außerhalb der Universität als Arbeitsthema und warum “die Deutschen” diesem Bereich solch große Aufmerksamkeit widmen. Auch eine in Deutschland
6
unvorstellbare Unkenntnis über die bestehenden Strukturen der Berufsausbildung läßt sich feststellen. Ebenso auf Unverständnis und oft auch Unwillen stoßen deshalb Versuche, das Duale System der Berufsausbildung einfach auf Brasilien zu übertragen, wie es von deutschen Entwicklungsorganisationen, Handelskammern und auch Unternehmen oft versucht wurde. 1
Dementsprechend prekär stellt sich die Literaturlage in diesem Bereich dar. Meist handelt es sich um schematische Darstellungen der vorhandenen Institutionen und deren Entstehung anhand von Gesetzgebungsverfahren. Diese Institutionenbildung kann und soll hier nicht detailliert beschrieben werden. Eine solche Darstellung existiert in Suckow da Fonsecas Studie über die brasilianische Berufsausbildung, die allein bereits drei Bände füllt. Zu kurz kommt hier allerdings die Analyse der Hintergründe der Ausformung des brasilianischen Berufsbildungssystems, die so aus deutscher Sicht unverständlich bleiben muß. In dieser Arbeit sollen deshalb die sozialen Voraussetzungen und politischen Konzepte im Vordergrund stehen, die die brasilianische Berufsausbildung beeinflußten und prägten. 2
II. Vorgehen
Berufsausbildung steht immer im Zwiespalt zwischen Ansprüchen der Privatwirtschaft an qualifizierte Mitarbeiter und sozialen wie auch wirtschaftlichen Zielsetzungen des Staates. Während die Unternehmen an einer spezifischen Qualifikation ihrer Mitarbeiter für den von ihnen abgesteckten Aufgabenbereich interessiert sind, muß der Staat, sofern er denn verantwortungsvoll handelt, eine längerfristige sozial- und wirtschaftspolitische Perspektive zur Grundlage seines bildungspolitischen Handelns machen. Einerseits muß er die Arbeitsmarktentwicklung i m Auge behalten, um Fehlqualifikationen zu vermeiden, andererseits wird er immer seine politischen Ziele - etwa Vollbeschäftigung, Industrialisierung des Landes oder ökologische Umgestaltung der Gesellschaft - in das
1
Diehl 1993, S. 92-98 Westphal 1993
2
Suckow da Fonseca 1986
7
Berufsbildungssystem einbringen. Die daraus entstehenden Maßnahmen entsprechen unter Umständen nicht den Vorstellungen der Unternehmen von effizienter Berufsausbildung. Es treten moralische, staatsbürgerliche und intellektuelle Komponenten in die Berufsbildung ein, die eingebunden wird in ein nationalstaatliches Institutionensystem von Bildung. Das entstehende System der Berufsausbildung birgt deshalb zwei verschiedene Logiken, die der zweckgebundenen Qualifizierung für eine wirtschaftliche Tätigkeit und die der Erziehung zum verantwortungsvollen bzw. staatstreuen Bürger, Arbeiter und Konsumenten. Diese entwicklungspolitischen Implikationen spielten und spielen gerade in einer industriell immer hinter den entwickelten Nationen zurückliegenden und sozial wie regional gespaltenen Gesellschaft, wie sie Brasilien darstellt, eine besondere Rolle. Die Berufsausbildung war dort immer eingebunden in soziale Reformen bzw. Repressionen und wirtschaftliche Abhängigkeiten oder Modernisierungsprogramme, Alphabetisierung und Industrialisierung. 3
Diese Entwicklung soll deshalb sozialgeschichtlich im Sinne der “História Nova”, der “Neuen Geschichte” erschlossen werden, die Nelson Werneck Sodré ab den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts in Brasilien prägte. Demnach sollten Gesellschaft, Kultur und Ökonomie in ihren Wechselwirkungen mit der Geschichte analysiert und damit die alte Geschichtsschreibung, die sich an großen Namen und deren Gesetzen und Befehlen festmachte, überwunden werden. Dies bedeutet für vorliegende Arbeit, sich auseinanderzusetzen mit der Entstehung der brasilianischen Kultur aus schwarzafrikanischen, portugiesischen und indianischen Elementen und deren Einfluß auf die Ausbildungsstrukturen und berufliche Semantik. Wichtige Hinweise dafür gibt der Anthropologe Gilberto Freyre, der in seinen Werken die patriarchalische Ordnung der brasilianischen Gesellschaft in der Kolonialzeit schildert. Hier finden sich auch wichtige Hinweise für die Ausbildung einer Semantik von Arbeit und Beruf, die sich wie anfangs gezeigt so deutlich von der deutschen Entwicklung unterscheidet. Auch die ökonomischen und politischen Umbruchsphasen müssen mit ihren Auswirkungen auf die Berufsausbildung analysiert werden. 4
3
Harney, Schriewer 1997 Fischlowitz 1966, S. 68-73
4
Freyre 1992
8
Diese Arbeit wird schon aus der erfahrungsweltlich weitgehend durch Deutschland geprägten Biographie des Verfassers heraus eine vergleichende werden. Die brasilianische Entwicklung soll dabei im Vordergrund stehen und es werden keine schematischen Gegenüberstellungen erfolgen. Das deutsche Berufsbildungssystem wird allerdings als Vergleichs- oder Kontrastmuster helfen, die darzustellenden Gegenstände zugänglich zu machen und zu übersetzen. Ein Rückblick auf die Berufsausbildung der Zünfte im Europa des Mittelalters wird das Erbe der portugiesischen Kolonialmacht deutlich machen und in der späteren Analyse als Abgrenzungsmuster einen Vergleich mit der durch die Zünfte geprägten deutschen Entwicklung ermöglichen. Somit kann auch der zweite Grundsatz der Methode der “História Nova” erfüllt werden, der die Einbeziehung der weltgeschichtlichen Ereignisse und Voraussetzungen in die brasilianischen Geschichte fordert. Besonders interessant sind in dieser Hinsicht auch die Berichte deutscher Reisender über Brasilien, die immer ein besonderes Interesse an den Arbeits- und Ausbildungsformen zeigten. Diese Arbeiten, teilweise voller detailgenauer Beschreibungen, sind allerdings vielfach geprägt durch die Umstände der Reise oder auch durch die Naivität der Berichtenden. Das zeigt sich besonders deutlich anhand eines der letzten dieser Berichte, dem von Stefan Zweig. Wenn er dort behauptet, die brasilianische Nation beruhe seit Jahrhunderten auf “der völligen Gleichstellung von schwarz und weiß und braun und gelb” 5 , ist das nur auf
verschiedenen Hintergründen zu verstehen, denn erst weniger als 60 Jahre zuvor war die Sklaverei in Brasilien abgeschafft worden! Natürlich mißt sich die Gleichberechtigung hier an der Rassentheorie der Nationalsozialisten, die Zweig zur Immigration gezwungen hatten. Die Suche nach einer neuen Heimat und der Ekel vor der verlorenen führten ihn sicher genauso zu Beschönigungen wie die Loyalität gegenüber einem Land, das ihn freundlich aufgenommen hatte und dessen Regierung den Anstoß und finanzielle Unterstützung zu der zitierten Veröffentlichung gab. Nur mit einem besonders quellenkritischen Vorgehen lassen sich deshalb diese Reiseberichte erschließen. 6
Schließlich sollte es auch möglich sein, die Geschichte der brasilianischen Berufsausbildung als einen Prozeß darzustellen, der bis in die Gegenwart hineinreicht. Hierbei geht es Werneck Sodré weniger darum, einen Geschichtsdeterminismus
9
aufzumachen, nachdem die Vergangenheit eine Linie zu einer vorherbestimmten Zukunft zeichnet. Vielmehr gilt es ihm, die gegenseitige Bedingtheit von Ereignissen zu berücksichtigen im Gegensatz zu deren schematischer Auflistung. Eben das heißt für diese Arbeit, nicht nur die brasilianischen Institutionen von Berufsausbildung den jeweils zeitgleich in Deutschland sich entwickelnden gegenüberzustellen, sondern ihre Entwicklung auf dem Hintergrund der sich unterschiedlich ausformenden Berufsbegriffe und -konzepte zu analysieren. Wenn in dieser Arbeit von Berufsausbildung die Rede ist, versteht sich dies im deutschen Sinne als eine Art gewerbliche Facharbeiterausbildung für manuelle, ausübende Tätigkeiten in Handwerk oder Industrie. 7
III. Vergessene Ursprünge:
Die Zünfte in der “Alten Welt” als Ausgangspunkt der
Berufsausbildung in Brasilien
Im mittelalterlichen England, Frankreich, Deutschland und auch in Portugal bildeten sich Zünfte als Gegenreaktion auf die Preismonopole der Handelsgilden. Sie errangen sich bald eine Monopolstellung über die Handwerke, die es ihnen erlaubte, die Preise für handwerkliche Produkte und Leistungen selbst festzulegen und Beruf, Ausbildung und Leben ihrer Mitglieder umfassend zu regeln. Die einzelnen Gewerke wurden in jeweils separaten Straßenzügen angesiedelt, Vertreter wurden vom Bürgermeister auf die ordnungsgemäße Ausführung ihres Handwerks vereidigt. So verkörperten die Zünfte jeweils einen traditionellen Handwerksberuf organisatorisch wie auch räumlich. Jede Werkstatt wurde von einem Meister geleitet, aus deren Kreis die dem Bürgermeister Verantwortlichen “jurados” gewählt wurden. Der Meister hatte bis zu zwei Gesellen und zwei Lehrlinge. Damit schufen die Zünfte ein patriarchalisches Hierarchiesystem, das die Familie als Stätte der Ausbildung ablöste.
10
Aber auch wenn nicht mehr der Sohn das gleiche Gewerbe des Vaters erlernen mußte und seine Werkzeuge erbte, war dies oft der Fall. In jedem Fall wurde der Lehrling in ein Vater - Sohn - Verhältnis mit dem Meister gesetzt, er wohnte und arbeitete mit ihm und assistierte bei allen Tätigkeiten, die entfernt mit dem Gewerbe zu tun hatten. Gleichzeitig übernahmen die Meister aber auch weitreichende Verantwortungen für ihre Lehrlinge. Sie mußten ihnen “gute Bücher” zu lesen geben, sie regelmäßig zur Kirche mitnehmen, ihnen alle fachlichen und weltlichen Kenntnisse weitergeben, sie wenn nötig korrigieren oder - wenn sie sich Vergehen zu Schulde kommen lassen hatten - auch körperlich bestrafen. Für diese Zeit hieß dies: Der Meister mußte den Lehrling wie seinen Sohn behandeln. Das Verhältnis von Meister und Lehrlingen war neben der wirtschaftlichen Zielsetzung immer auch ein Erziehungsverhältnis. Der Meister war eingebunden in fachliche Kontrolle, er bürgte mit seiner Signatur für die Qualität der von ihm ausgeführten Arbeiten und hergestellten Produkte. Die Religion bestimmte weitgehend das Leben der Zünfte. In Lissabon hatte jeder Handwerkszweig seinen eigenen Schutzheiligen, für den regelmäßige Prozessionen veranstaltet wurden. Die moralischen Grundsätze für Leben und Arbeit waren die der katholischen Kirche und bei den Gesellen- und Meisterprüfungen war die religiöse Integrität genauso wichtig wie die fachliche Kompetenz. So fand die Ausbildung und Erziehung der Zünfte in einem Verhältnis statt, das stark von familiären und kirchlichen Grundsätzen bestimmt war. 8
In den Zünften entwickelte sich eine starke Berufsehre und -treue, die regional unterschiedlich mit einer Vielzahl von Symbolen belegt war. Sie drückten sich aus in der Anrede des Werkstattbesitzers und Lehrers als “Meister”, der Anordnung der verschiedenen Gewerke nach Straßenzügen, Wappenschildern an den Werkstätten, die das hergestellte Produkt oder die angebotene Leistung darstellten usw. Die Übergabe eines Grundstocks der für die Ausübung des jeweiligen Handwerks nötigen Werkzeuge an den Lehrling, der seine Ausbildung abgeschlossen hatte, symbolisierte neben rein praktischen Gründen die erworbene Qualifikation und die Fähigkeit zur selbständigen Ausführung von Arbeiten ebenso wie die Verpflichtung gegenüber dem Berufsstand und die Treue zum erlernten Beruf.
8
Suckow da Fonseca 1986, Bd. 1, S. 33f, 41ff Freyre 1992, S. 212, 219ff
11
Mit der einsetzenden Kolonisation in Indien, Madeira und später Brasilien verlor das Handwerk in Portugal allerdings immer mehr an Bedeutung. Mit dem Handel von Rohstoffen aus den Kolonien und Fertigwaren aus England ließ sich mehr Geld verdienen als mit der Produktion. Die in Portugal lebenden Mauren drängten mehr und mehr in die Handwerke und verringerten damit deren Ansehen. In der portugiesischen Umgangssprache wurden körperliche und handwerkliche Arbeiten mit der Verbkreation “mourejar” abqualifiziert, eine Ersetzung des Verbs trabalhar in Anspielung auf die ehemaligen maurischen Besatzer. So konnte sich nicht wie in England, Frankreich und Deutschland eine positive gesellschaftliche Wertung des Handwerks und ein kollektives Selbstbewußtsein der in ihm Tätigen durchsetzen. 9
IV. Die Kolonisation der “Neuen Welt”:
Die Engenhos als Zentren der brasilianischen Berufsausbildung
Das Wirtschaftsleben Brasiliens war immer gekennzeichnet durch einen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften.
Die von der Flotte unter Cabral im Jahre 1500 entdeckte - für die Portugiesen “neue” - Welt besaß zunächst für ökonomische Bestrebungen wenig Anreize. Zwar schwärmten die Eroberer von dem an Portugal erinnernden Klima, üppiger Vegetation und Wasservorkommen, doch stellte sich bald heraus, daß im Gegensatz zum Traumziel Indien keine Gewürze, Gold und Edelsteine zu erbeuten waren. So hielt sich das Interesse des frisch gebackenen Mutterlandes an seiner Neuentdeckung vorläufig in Grenzen. Lediglich einige Stützpunkte zum Abbau und Verladen des Brasilholzes, das zum Einfärben von Stoffen benutzt werden konnte, wurden errichtet. Wie auch zuvor in Afrika zeigten sich die Eingeborenen in der Regel begeistert von den Werkzeugen der Portugiesen, mit denen diese ihre hölzernen Kreuze zum Zeichen der Ankunft der Christenheit errichteten. Sie ließen sich noch bereitwillig im Austausch gegen Spiegel, Glas und bunte Stoffe dazu anhalten, diese Werkzeuge zu benutzen, um das Brasilholz für die Verschiffung nach Portugal zu schlagen. Doch bald gab es erste Streitigkeiten,
12
den “Indianern” wurde mehr versprochen, als die Händler einhalten konnten, Abenteurer, Verbannte, Schiffbrüchige und Desertierte ließen sich nieder und versuchten aus den Konflikten der Stämme Profit zu ziehen. So wurden Kriegsgefangene der Befeindeten versklavt und nach Europa verschifft. 10
Jetzt stellten sich erste Engpässe bei der Versorgung der entstehenden Kolonie mit Arbeitskräften ein. Die wirtschaftliche Entwicklung stockte und - trotzdem die portugiesische Krone versucht hatte, die Entdeckung der neuen Gebiete geheimzuhalten
- machten sich bald französische Händler auf, am Brasilholzimport nach Europa teilzuhaben. Um die portugiesischen Ansprüche am okkupierten Land auch für die Zukunft und die Einnahmen aus den 20%igen Handelszöllen zu sichern, wurde das Land ab 1534 in 15 “Capitanias hereditárias” aufgeteilt. Diese nach Breitengraden abgesteckten Küstenstreifen sollten an Adlige gegeben werden, die sie mit allen Vollmachten verwalteten und dieses Recht auf ihre Kinder vererbten. Sie hatten lediglich für die Abführung der bereits erwähnten Zölle zu sorgen, verwalteten das Land allerdings auch auf eigene Kosten. Da der portugiesische Hofadel und das Handelsbürgertum sich in ihren Aktivitäten auf das ertragreichere Indien konzentrierten, wurden die Capitanias an Offiziere, Günstlinge des Königs und Beamte vergeben, die für eine Kolonialisierung finanziell nicht ausreichend ausgestattet waren. Nur eine stärkere Besiedlung und Entwicklung konnte das Land vor spanischen und holländischen Eroberungen schützen.
1549 wurde deshalb ein Generalgouverneur in Bahia eingesetzt, der Ländereien für eine sich entwickelnde Bewirtschaftungsform vergeben konnte, die bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts bestimmend für das Kolonialreich blieb: Die Zuckerrohrplantage. Hauptsächlich in Bahia und Pernambuco entwickelte sich das von Gilberto Freyre beschriebene, auf den Zucker gebaute patriarchalische Ensemble aus “Herrenhaus und Sklavenhütte” 11 . Diese Plantagen bildeten ein relativ abgeschlossenes wirtschaftlich -
politisches System, da die geschilderte staatliche Verwaltung sich auf das Abwenden schwerer Verstöße gegen Ordnung und Recht beschränkte, aber kaum auf politische Gestaltung. Das Herrenhaus war Festung, Kapelle, Schule, Werkstatt, Asyl, Harem,
9
Freyre 1992, S. 240
10
Münch 1829, S. 26ff Hell 1986, S. 28ff
11
Freyre 1992
13
Mädchenkloster, Herberge und Bank. Der entstehende “Engenho” stellte einen Komplex dar aus Plantage, Lager, Mühle und Kesselhaus, es entstanden also die ersten Manufakturen, für die auch qualifizierte Arbeiter benötigt wurden.
In Freyres Titel war schon angesprochen, daß sich die Erwirtschaftung des Zuckers auf Sklavenarbeit gründete. Durch ihre autonome Stellung in einer sich erst entwickelnden Gesellschaft waren die Zuckerrohrplantagen auch die erste und einzige Ausbildungsstätte. Allerdings verhinderten sie so auch die Ausbreitung einer institutionalisierten Berufsausbildung. Die Verwaltung der Capitanias war eher eine provisorische, die sich auf die Ausbeutung der Rohstoffe konzentrierte. Hier gab es keinen Platz für Bildung. So wurde die Verantwortung auf die Zuckerrohrplantagen verlegt, deren Besitzer diese natürlich kaum wahrnehmen konnten und wollten. Die Engenhos basierten auf einer Monokultur, die beim Anbau nur leicht anlernbare Qualifikationen erforderte. Durch ihre räumliche Abgeschlossenheit und Entfernung konnten sich keine Zunftzusammenhänge entwickeln und es herrschte ein stetiger Mangel an Zuckermeistern. Auch bei der Produktion der Nahrungsmittel machte sich das Fehlen qualifizierter Bauern und Handwerker bemerkbar. So berichtet Freyre, daß es bis tief ins 17. Jahrhundert hinein in ganz Pernambuco keine Schlachterei gab und der allgemeine Versorgungsstand mit Nahrungsmitteln auch bei den besser gestellten Schichten Grund für Fehl- und Unterernährung darstellte. 12
Auf den Engenhos wurden die Sklaven hauptsächlich für die landwirtschaftliche Tätigkeit, aber auch für einfache handwerkliche Arbeiten angelernt. Allerdings waren die Eingeborenen ursprünglich Nomaden, die hauptsächlich von Jagd und Sammeln gelebt hatten, nur die Frauen einiger Stämme betrieben sporadisch Ackerbau und Handwerk. Tiere hielten diese Stämme nur zur Vergnügung - etwa Äffchen, Vögel oder Schildkröten. Außer der geschlechtlichen kannten die “Indios” noch keinerlei Arbeitsteilung. Die Männer des Stammes fanden in Jagd und Krieg ihren Beruf und waren kaum geeignet für die zähe monotone Arbeit auf den Zuckerrohrfeldern, aber auch für handwerkliche Tätigkeiten, die bei ihnen die Frauen auszuführen hatten. Die Frauen für das Handwerk auszubilden widersprach wiederum der Gewohnheit der Portugiesen, die dies als Männersache betrachteten. Außerdem begannen sich die
14
“Indianer” zunehmend gegen die Versklavung aufzulehnen, sei es durch kriegerische Auseinandersetzungen, Flucht oder Sabotage der Arbeit. Die von den Einwanderern eingeschleppten Krankheiten rafften sie dahin und viele Stämme verzogen sich in das geschütztere Hinterland. Auch geriet das Herrenhaus immer mehr in Konkurrenz zu den Ansiedlungen der Jesuiten, deren erste Padres 1549 mit dem Genaralgouverneur aus Portugal gekommen waren und die geschützte Räume für die Eingeborenen schufen. 13
Deshalb verlagerte sich das Interesse der Gutsbesitzer bald auf afrikanische Sklaven. Diese wurden an der Westküste Afrikas gekauft, zu Hunderten beengt auf Schiffen in die brasilianischen Häfen gebracht und dort verkauft. In Afrika waren sie von Sklavenjägern gefangen oder als Kriegsgefangene von feindlichen Stämmen an die Händler verkauft worden. So gelangten Menschen völlig unterschiedlicher geographischer und sozialer Herkunft nach Brasilien. Sie wurden zwar ausschließlich nach ihrem Gesundheitszustand und nicht etwa nach Vorbildung ausgesucht, trotzdem befanden sich unter ihnen neben Nomaden auch Bauern, Handwerker bis hin zu Stammesfürsten. So konnte sich auch in den Engenhos eine Schicht handwerklich spezialisierter Sklaven bilden, die die technische Entwicklung der Zuckerherstellung beschleunigten. Auch in anderen handwerklichen Bereichen waren die schwarzen Sklaven den Indios und teilweise auch den portugiesischen Eroberern überlegen. So konnte Gilberto Freyre später die Herkunft vieler in Brasilien verwendeter Werkzeuge - vor allem im Schmiedehandwerk - aus Afrika nachweisen. Allerdings verhinderte das Sklavensein auch die Herausbildung von Bildungsstrukturen, so daß Lehren und Lernen nur informell in direkter Verbindung mit dem Arbeitsprozeß stattfinden konnte. 14
Noch schlechter als auf den Engenhos sah es in bezug auf handwerkliche Fachkräfte in den Siedlungen des Hinterlandes aus. Sie wurden geprägt von Verstoßenen, Abenteurern und Deserteuren, die von der Jagd auf die Eingeborenen lebten, die sie als Sklaven an die Händler in den Küstenstädten oder direkt an die Engenhos verkauften. Sie hatten kein Interesse am Aufbau von Versorgungsstrukturen, so daß sich ihre Ernährung noch katastrophaler darstellte als die der Sklaven in ihren den Herrenhäusern der Engenhos angegliederten Hütten, den Senzalas. Zwar hatten viele der Einwanderer nach Brasilien in Portugal als Handwerker gearbeitet, in die entstehenden Städte kamen
15
sie allerdings mit dem Ziel, sich von der mühseligen Arbeit zu befreien. Sie gaben sich entweder der Sklavenjagd hin oder strebten nach anderen gewinnträchtigen Beschäftigungen. Diejenigen Handwerker und Bauern, die sich mit manueller Arbeit eine eigene Existenz aufbauen wollten, bewirtschafteten meist ein kleines Stück Land in Subsistenzwirtschaft und waren sowohl von urbanen Ansiedlungen als auch von den Engenhos abgeschlossen. So wurden die Zuckerrohrplantagen, die wenig handwerkliche Voraussetzungen benötigten, für die brasilianische Wirtschaft bestimmend. 15
Ein Grund für die Verlagerung des Interesses der Gutsbesitzer auf die schwarzen Sklaven waren die Protektions- und Missionsversuche der Jesuiten unter den Eingeborenen. Im Gegensatz zu den Schwarzen galten den Jesuiten die Eingeborenen Amerikas als Geschöpfe Gottes, die es vor allzu großer Willkür der Sklavenhalter zu schützen galt. Im Hinterland richteten die Jesuiten landesweit kleine Siedlungen (Aldeias) für die Indianer ein. Sie sollten dort für den christlichen Glauben missioniert werden. Hier leisteten die Jesuiten ein höchst ambivalentes Werk: Einerseits beteiligten sie sich an der Zerstörung der gewachsenen Kultur eines großen Teils der Ureinwohner, andererseits schufen sie damit die Grundlage zur Entwicklung einer einheitlichen portugiesisch geprägten Kultur Brasiliens, die wichtig war für den politischen Zusammenhalt dieses enormen Landes.
Die Eingeborenen wurden in Portugiesisch und Religion unterrichtet, lernten die Bibel lesen, abschreiben und singen. Allerdings zeigten sich die Indios viel interessierter an den Werkzeugen und Waffen europäischer Herkunft. Wirtschaftliche Not zwang die Jesuiten dann auch bald, die Eingeborenen in den Handwerken nach europäischem Muster zu unterrichten. So wurde in den Aldeias Holzbearbeitung, Töpfern, Gemüseanbau und Viehzucht gelehrt und gelernt. Allerdings ließen die Padres ihre Schüler nicht mit den europäischen Werkzeugen arbeiten, für die sie sich so begeisterten und sie verloren schnell die Lust an der handwerklichen Ausbildung. Trotzdem qualifizierten sie sich gegenüber ihren nomadischen Stammesgenossen, die noch nicht missioniert waren. Das sprach sich auch bei den umherschweifenden Sklavenjägern herum, die bei ihren Raubzügen - den “Entradas” - jetzt die Indios aus den Aldeias bevorzugten, weil diese bereits an Ackerbau und Handwerk gewöhnt und
16
so leichter an die Engenhos zu verkaufen waren. Der Qualifizierungsvorsprung brachte den Indios hier also einen höheren Wert auf dem Arbeitsmarkt, der sich durch die herrschende Sklaverei höchst unvorteilhaft auf die persönliche Freiheit auswirken konnte. Auch gab es sicherlich die von Humboldt später auf seinen Reisen im spanischen Lateinamerika beobachteten Ausbeutungsformen der Indios durch die Missionare. Vielfach entwickelten sich hier ähnliche Herrschaftsformen wie auf den Engenhos, wobei der Padre die Rolle des patriarchalischen Gutsherren übernahm. Die Indios arbeiteten zum persönlichen Vorteil des Missionars, d er mit den landwirtschaftlichen und handwerklichen Produkten seiner “Schützlinge” in den Küstenstädten handelte und die dort erworbenen importierten Fertigprodukte überteuert an die Indios weiterverkaufte. Auch diese Ausbeutungsformen wirkten sich negativ auf die Lern- und Arbeitsmotivation der Eingeborenen aus. Hier reproduzierte sich im Kleinen die wirtschaftliche Unterdrückung Brasiliens durch das Mutterland Portugal, das die Ausbeutung der Rohstoffe Brasiliens genauso wie die Lieferung von Fertigwaren in die “Neue Welt” kontrollierte und sich daran bereicherte. 16
Die Indios blieben, sofern sie nicht auf Raubzügen der Sklavenhändler erbeutet und an die Engenhos verkauft wurden, mit ihrem von den Jesuiten erworbenen Wissen isoliert. Entweder verblieben sie in den Aldeias oder flüchteten vor den Entradas in abgelegene Urwaldgebiete, wo sie wieder zu ihren alten Sitten zurückkehrten. Bei den Jesuiten und nach deren Vertreibung noch stärker bei den Franziskanermönchen war die handwerkliche Ausbildung auf eine Subsistenzwirtschaft in den Aldeias angelegt, was sicherlich am ehesten dem früheren kommunalen Zusammenleben der Indios entsprach. Während nahezu alle anderen Kulturmerkmale, Religion, Sprache, Musik, Kleidung usw. von den Missionaren zerstört wurden, blieb das Zusammenleben aufgrund der äußeren Umstände isoliert, wenn auch nicht unverändert. So ging von der einzigen - wenn auch schwach - formalisierten Ausbildung zu dieser Zeit - der der Indios in den Aldeias - wenig Einfluß auf die Entwicklung von Arbeit und Beruf in Brasilien aus. 17
Deshalb kann in bezug auf die berufliche Ausbildung in Brasilien kaum von einer jesuitischen Phase gesprochen werden, wie dies später zuweilen getan wurde. Die Jesuiten verbanden die Handwerke, die sie lehrten nicht mit dem Berufsbegriff. Die
16
Humboldt 1982, S. 142ff
17
Schwach formalisiert soll heißen, daß es zwar ein fest institutionalisiertes Lehrer - Schüler - Verhältnis gab, gesetzliche Regelungen, gesellschaftliche Zielsetzungen an die Ausbildung, Benutzung von Curricula und definierte Bildungsabschlüsse aber fehlten.
Arbeit zitieren:
Stefan Dornbach, 2000, Berufsausbildung in Brasilien, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Stefan Dornbach hat den Text Berufsausbildung in Brasilien veröffentlicht
Stefan Dornbach hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare