Wer sich dem Genuss von Sagaliteratur hingibt, wird – bisweilen mit Erschrecken –feststellen, dass sie in vielen Fällen einen nahezu unerträglich detailgetreuen Realismus in der Darstellung der Kampfszenen aufweist. Ganz im Gegensatz zur Heldendichtung etwa, die derartig anarchisch brutalen Schilderungen selten nähere Aufmerksamkeit widmet. Es stellt sich also das Bedürfnis ein, nach Prinzipien und Bedingungen des kriegerischen Handelns und infolge nach dessen Darstellung zu fragen: Wie wird mit dem Gegner umgegangen, gibt es ethische, den Aggressionen Einhalt gebietende Normen? Existiert ein moralisches Bewusstsein, das solches Treiben verurteilt, oder wird es als gegeben hingenommen? Sagas stehen oft unter dem Verdikt der Grobschlächtigkeit. Warum erfreuten sich Schilderungen von offensichtlich in Szene gesetzter Gewalt derartiger Beliebtheit, wie erlangten sie ihren beachtlichen Stellenwert in der Sagaliteratur? Lässt sich die Ergötzung am Tode mit den christlichen Idealen vereinbaren? Welche Rolle spielen Autor und Publikum, kann man von einer wechselseitigen Kommunikation sprechen? Lässt sich innerhalb der Kampf- und Todesdarstellungen eine Rezipientenlenkung erkennen oder gar eine Erzählkonvention feststellen? Trotz dieser – zugegebenermaßen weit gefassten – Fragestellung wagte ich mich an die wohl beliebteste, wahrscheinlich am häufigsten analysierte Saga der Isländer heran, an die Brennú Njals Saga.
Universität Wien
Diplomarbeit zur Erlangung des
Magistergrades der Philosophie aus der
Studienrichtung Skandinavistik
„... davon hatte er sogleich den Tod.” - Eine Studie zur Darstellung von Kampf und Tod in der Njals Saga
Angelika Zojer
Inhaltsverzeichnis
1.) Einleitung ... 3
2.) Über die NJALSSAGA ... 4
2.1) Einführendes zu Herkunft, Tradition, Quellenlage und Forschungsgeschichte ... 4
2.1.1) Alter, Handschriften, Ausgaben ... 4
2.1.2) Quellen ... 5
2.1.3) Schauplätze ... 6
2.2) Äquivalenzliste der in der Abhandlung vorkommenden, deutsch gebrauchten Eigennamen ... 7
2.3) Soziogramm der handlungstragenden Personen ... 9
2.4) Inhalt ... 11
2.5) Das Umfeld der Entstehung ... 18
2.5.1) Historischer Hintergrund ... 18
2.5.2) Sozialer Hintergrund ... 19
a) Der soziale Kontext der Sagaproduktion ... 19
b) Die NJÁLA und die Familie der Svínfellingar ... 20
c) Der Autor und sein Publikum ... 21
3.) Sagatradition und Erzählkunst: Auswirkungen auf Publikum und Autor. Konvention und Manipulation – unvereinbare Widersprüche? ... 24
3.1) Grundsätze der Sagatradition ... 24
3.2) Objektive Erzählweise und Rezipientenlenkung – zwei sich ausschließende Gegensätze? ... 28
3.3) Rhetorik im Dienste der Manipulation? ... 32
Exkurs: Der NEKROLOG – ein rhetorisches Werkzeug zur Rezipientenlenkung? ... 36
4.) Die FEHDE – Das Gerüst der Saga? ... 38
4.1) Verwurzelung in der Bevölkerung ... 38
4.2) Eigenheiten und Merkmale – Versuch einer Definition ... 40
4.3) Die FEHDEN der Njála ... 42
4.3.1) „Dramatische Rollen“ als Konfliktträger ... 42
4.3.2) Die Konfliktkonstellationen der Njalssaga ... 43
4.4) Grenzen und Normen, Moral und Ethik ... 46
4.4.1) Blutige Details – allzeit willkommen oder nur situationsbedingt akzeptiert? ... 46
4.4.2) Rache – Normen und Wiedergutmachung ... 47
5.) Wie stirbt „Mann“ in der Njalssaga ... 50
5.1) Todesthema HOLMGANG ... 52
5.2) Todesthema HINTERHALT ... 53
5.2.1) Analyse der Kampfsequenzen des Typus HINTERHALT ... 55
5.3) Todesthemen ATTENTAT und AFFEKT-TOTSCHLAG ... 71
5.3.1) Analyse der Kampfsequenzen des Typus ATTENTAT und AFFEKT-TOTSCHLAG ... 72
5.4) Das Todesthema ÜBERFALL ... 80
5.4.1) Analyse der Kampfsequenzen des Typus ÜBERFALL ... 81
5.4.2) Analyse der auf den Mordbrand folgenden Textstellen, um Funktion und Zugang zu Gewaltdarstellungen zu verdeutlichen ... 101
5.5) Das Todesthema SCHLACHT/GRUPPENKAMPF ... 105
5.5.1) SCHLACHT: Erläuterung und Analyse der Kampfsequenzen ... 105
5.5.2) SEESCHLACHT: Erläuterung und Analyse der Kampfsequenzen ... 110
5.5.3) LANDSCHLACHT: Erläuterung und Analyse der Kampfsequenzen ... 116
5.5.4) GRUPPENKAMPF: Erläuterung und Analyse der Kampfsequenzen ... 118
5.6) Todesthema ÜBERSINNLICHES ... 128
5.6.1) Analyse der Textstellen, in denen ÜBERSINNLICHES eine Rolle spielt ... 129
5.7) Erwähnung von Krankheit-und-Alter-Toden, Unglücken und thematisch unklare Todesdarstellungen ... 132
5.7.1) Analyse der Textstellen der Typen KRANKHEIT-UND-ALTER-TOD, UNGLÜCK und THEMATISCH UNKLARE TODESDARSTELLUNGEN ... 132
6.) Die Kampfschilderungen der Njála – Einzigartige Stilblüten oder Gemeingut der Sagatradition? ... 133
6.1) Vergleichsbeispiel I: Die LAXDÖLASAGA ... 134
6.1.1) Zur LAXDÖLASAGA ... 134
6.1.2) Komparative Analyse der Kampf- und Todesdarstellungen ... 135
6.1.3) Resümee ... 163
6.2) Vergleichsbeispiel II: Die Sturlungasaga ... 166
6.2.1) Zur STURLUNGASAGA ... 166
6.2.2) Komparative Analyse der Kampf- und Todesdarstellungen ... 166
6.2.3) Resümee ... 185
7.) Einstellung der Protagonisten zu Kampf und Todesrisiko: Vergleich mit abendländischer Denkweise und zeitgenössischer Literatur des europäischen Mittelalters ... 188
7.1) Zur Einstellung der Nordmänner ... 188
7.2) Denktraditionen des Abendlandes ... 188
7.2.1) Kampf und Tod – Fiktionale Literatur des abendländischen Mittelalters ... 191
8.) Mord, Totschlag und Christentum – ein unvereinbarer Widerspruch? ... 195
9.) Resümee ... 200
10.) Literaturverzeichnis ... 202
1.) Einleitung
Wer sich dem Genuss von Sagaliteratur hingibt, wird – bisweilen mit Erschrecken – feststellen, dass sie in vielen Fällen einen nahezu unerträglich detailgetreuen Realismus in der Darstellung der Kampfszenen aufweist. Ganz im Gegensatz zur Heldendichtung etwa, die derartig anarchisch brutalen Schilderungen selten nähere Aufmerksamkeit widmet. Es stellt sich also das Bedürfnis ein, nach Prinzipien und Bedingungen des kriegerischen Handelns und infolge nach dessen Darstellung zu fragen:
Wie wird mit dem Gegner umgegangen, gibt es ethische, den Aggressionen Einhalt gebietende Normen? Existiert ein moralisches Bewusstsein, das solches Treiben verurteilt, oder wird es als gegeben hingenommen?
Sagas stehen oft unter dem Verdikt der Grobschlächtigkeit. Warum erfreuten sich Schilderungen von offensichtlich in Szene gesetzter Gewalt derartiger Beliebtheit, wie erlangten sie ihren beachtlichen Stellenwert in der Sagaliteratur? Lässt sich die Ergötzung am Tode mit den christlichen Idealen vereinbaren? Welche Rolle spielen Autor und Publikum, kann man von einer wechselseitigen Kommunikation sprechen? Lässt sich innerhalb der Kampf- und Todesdarstellungen eine Rezipientenlenkung erkennen oder gar eine Erzählkonvention feststellen?
Trotz dieser – zugegebenermaßen weit gefassten – Fragestellung wagte ich mich an die wohl beliebteste, wahrscheinlich am häufigsten analysierte Saga der Isländer heran, an die Brennú Njals Saga.
2.) Über die NJALSSAGA
2.1) Einführendes zu Herkunft, Tradition, Quellenlage und Forschungsgeschichte
2.1.1) Alter, Handschriften, Ausgaben
Die NJALSSAGA ist wahrscheinlich die bekannteste unter den Isländersagas. Rudolf Simek vermutet, der Autor habe die komplexe, teilweise mehrsträngig verlaufende Handlung offenbar stofflich und formal völlig durchorganisiert, ehe er mit der Niederschrift begann.1
Gelegentliche Brüche im Handlungsverlauf, doppelt eingeführte bzw. als „aus der Geschichte“ bezeichnete, doch wieder auftretende Charaktere lassen diesbezüglich Zweifel aufkommen. Ob dies auf mangelnde anfängliche Organisation oder ungenaue, nachträgliche Bearbeitung zurück zuführen ist, sei dahingestellt. Und doch wird aus den etwa 600 genannten Personen eine große Gruppe von Akteuren geschickt herausgehoben.
Obschon die Handlung um die Jahrtausendwende anzusiedeln ist, wird deutlich, dass sich der Verfasser ebenso mit seiner Gegenwart auseinandergesetzt hat. Der Zeitpunkt der Aufzeichnung ist wohl zwischen 1270 und 1290 zu suchen. Laut Sverrir Tómasson lässt die in der Saga verwendete Rechtssprache die Vermutung zu, dass sie von der Járnsíða beeinflusst wurde, welche die Isländer im Jahre 1270 als Gesetzbuch annahmen. Andere Indizien verweisen auf eine erstmalige schriftliche Fixierung in den 90ern des 13. Jhs., da sich in der Saga Berichte über Hochzeiten mit neuen Gesetzesteilen der Jónsbók finden, die 1281 auf dem Allthing übernommen wurde. Diese Schreibzeit würde auch der Überlieferung der Saga in den Handschriften entsprechen, deren älteste mit etwa 1300 datiert wurde.2 Trotzdem ist zu erwähnen, dass für eine direkte Beeinflussung durch bestimmte (Rechts-)Texte keine eindeutigen Beweiße auszumachen sind.
Aus der Zeit bis 1550 sind 19 Handschriften und Fragmente erhalten geblieben, fünf weitere aus dem 17. Jh. In der Forschung ist eine Unterteilung in drei Gruppen – X, Y und Z – gebräuchlich, doch ist der Unterschied zwischen X und Y so groß, dass man von zwei Fassungen der Saga sprechen kann.
Die X-Gruppe enthält 29 zusätzliche Strophen, die die Bezeichnung vísnaauki Njáls sögu (Strophenzusatz der NJALSSAGA) erhalten haben. Hauptvertreter dieser Handschriftengruppe sind die Reykjabók (AM 468,4°) und die Kálfalækjarbók (AM 133 fol.) Im 19. Jh. veröffentlichte Konráð Gíslason die Saga der Reykjabók folgend, wich aber in weiten Teilen dennoch vom Haupttext dieser Handschrift ab.
Die wichtigste Handschrift der Y-Klasse stellt die Möðruvallabók (AM 132 fol.) dar, nach welcher 1771 unter Einar Ólafur Sveinsson die Erstedition der Njála erfolgte. Aufgrund der Unvollständigkeit der Möðruvallabók mussten fehlende Stellen nach Abschriften aus dem 17. Jh. rekonstruiert werden. Auch veröffentlichte Sveinsson die vísnaauki in einem Anhang zur Ausgabe.
Finnur Jónsson publizierte die Saga 1908 in der „Altnordischen Sagabibliothek“, verzichtete aber auf einen Strophenanhang.
Ausgaben:
Faksimiles:
2.1.2) Quellen
Primär ist zu sagen, dass es keine Hinweiße auf eine direkte Übernahme eindeutig auszumachender Quelltexte gibt. Und doch lassen sich durchgehend Merkmale dafür erkennen, dass der Verfasser über bemerkenswerte Kenntnisse anderer Literaturgattungen verfügte: Heiligenlegenden und höfische Prosawerke scheinen ihm ebenso vertraut gewesen zu sein wie alte und neue Rechtssprache. Dass dem Dichter eine Vielzahl anderer Sagas – mündliche wie auch schriftliche Versionen – bekannt waren, ist aus der NJÁLA ist besonders gut ersichtlich. So kann man z.B. zwar einen unmittelbaren Einfluss der Laxdölasaga auf den Text nicht nachweisen, doch kann man ohne Zweifel von einer ausgeprägten Intertextualität sprechen.
Ebenso verhält es sich mit anderen Texten, mit denen der Autor gut vertraut gewesen sein muss. Das Bild, welches die Saga vom Gerichtswesen zeichnet, ist nicht mit dem gleichzusetzen, was in der Sagazeit praktiziert wurde. Diesbezüglich unterlag der Autor hier weniger der mündlichen Überlieferung. Eher stützte er sich auf die geschriebene Gesetzessammlung (Grágás), die ihrerseits vielfach dem Einfluss norwegischer Gerichtsprache und Gesetzgebung aus der zweiten Hälfte des 13. Jhs. unterlag. Auch streute er neben den Gesetzestexten der Grágás einige Paragraphen jüngeren Datums ein, ohne dass man von einer direkten Beziehung zu einem bestimmten Werk sprechen könnte.
Darüber hinaus ist erkennbar, dass Schriften von Geistlichen (z.B. die Dialoge Gregors) die Anschauung des Sagaverfassers beträchtlich geprägt haben.4 Er kannte die Vorstellung vom Fegefeuer und wahrscheinlich sind ihm auch die Lehren des Augustinus nicht unbekannt gewesen: Der Gedanke einer alle Dinge betreffenden göttlichen Vorsehung, der Kampf von Gut und Böse stand ihm fortwährend vor Augen. Doch sind es Friede und Versöhnung, denen er oberste Priorität zuordnete.5
2.1.3) Schauplätze
Die Handlung der NJÁLA vollzieht sich weitestgehend auf Island. Hauptschauplatz ist das Rangárþing im Süden des Landes, doch sind auch die Dalir im Westen, wie das Gebiet um den Ostfjord von Bedeutung. Wie Sverrir Tómasson richtig feststellt, führen die Reisen der Sagahelden nicht nur in benachbarte Länder wie Norwegen, Dänemark, Schottland, Irland oder auf die Orkaden, sondern auch Rom oder Konstantinopel (Miklagarðr) finden Eingang in die Geographie der Sagahandlung.6 Den Ostseeraum hingegen lässt Tómasson gänzlich unerwähnt. Doch ist es gerade das Baltikum, welches vornehmlich als Handlungsort für Gunnars Auslandsreisen fungiert (vgl. Kap. 28-31 bzw. S. 110-113).
[...]
1 Nach Simek, Njáls saga
2 Nach Tómasson, Njáls saga 230, Sp.1
3 Nach ebd. 234, Sp.1
4 Nach ebd. 231 f.
5 Nach ebd. 233
6 Nach ebd. 232, Sp.1
Gesamte Abrufe:
Angelika Zojer hat den Text „... davon hatte er sogleich den Tod.” - Eine Studie zur Darstellung von Kampf und Tod in der Njals Saga veröffentlicht
12.06.2007 13:53:03
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