Inhalt
Vorwort 4
Heinz Dieckmann: Entdeckung eines vergessenen Filmemachers,
Medienkritikers und Satirikers 5
Augenmensch und Globetrotter - Ausschnitte aus einem bewegten Leben
nebst kurzer Beschreibung des Staats- und Heimatsenders Saarbrücken
12
Heinz Dieckmann - Protagonist des deutschen Medienromans 33
Anmerkungen 63
2
Copyright: Armin König Illingen 2007
Armin König hat Literaturwissenschaft, Sport und Geschichte an der Universität des Saarlandes studiert. Er wurde nach seinem Staatsexamen Redakteur bei der Saarbrücker Zeitung und beim Saarländischen Rundfunk. Seit 1996 ist er urgewählter Bürgermeister (Wiederwahl 2004) in der Gemeinde Illingen.
Er veröffentlichte unter anderem Wüstensturm und Sonnenkönig, Der Saarländer, das All und das Nichts und Sturmwind und Sommerbrise sowie Kritiken und Essays zu Thomas Hürlimann, Christa Wolf und Thomas Brussig.
Mein besonderer Dank gilt Prof. Günter Scholdt, Hermann Gätje und Marc Nauhauser vom Literaturarchiv, die mich für Dieckmann sensibilisiert und ganz praktisch unterstützt haben.
Armin König
3
Vorwort
Er stichelte und spöttelte, er kritisierte und ironisierte - bissig, schnoddrig, sarkastisch, zynisch, frech -, er zog Autoritäten durch den Kakao, er lästerte über Heroen der Kultur und der Gesellschaft, der Politik und des Wirtschaftslebens, er karikierte die Wichtigtuer des Medienbetriebs und nahm sich selbst schelmisch auf den Arm: Heinz Dieckmann, Autor, Redakteur und Filmemacher (*18.5.1921 - +2.2.2002). Vor allem war er ein Vorkämpfer des modernen deutschen Medienromans. Sein Hauptwerk ist die "Narrenschaukel". Anders als andere konnte er eigene Fernseh-Erfahrungen als Kameramann und Filmemacher aus den Pionierzeiten des saarländischen Fernsehens und des ZDF umsetzen. Über mehr als zwei Jahrzehnte waren Filme seine Berufs- und Lebensinhalt. Dieckmann hat mehr als zehn Bücher geschrieben, vor allem aber hat er über 100 Filme gedreht. Wichtige waren darunter, viel diskutierte. So löste sein Fernsehfilm „Hitler und die Kunst“ heftige Zuschauerreaktionen aus, weil darin - lange vor Götz Aly - von einer Mitwisserschaft der Deutschen die Rede war und viele Zuschauer die Mitwisserrolle (und damit ihre Schuld) nicht akzeptieren wollten. Doch hat er sich auch von üblen Attacken nicht beeindrucken lassen.
Zahlreiche Prominente hat er gefilmt, interviewt, portraitiert: Künstler, Literaten, Politiker. Mit wenigen war er gut Freund, darunter der bedeutende Maler Willy Varlin der Schriftsteller Gustav Regler und Claire Goll, andere galten ihm als gute Bekannte: Nelly Sachs, Ludwig Harig und Frans Masereel. Armin König hatte Gelegenheit, im Archiv zu arbeiten, den Nachlass zu sichten und mit der Witwe des Autors in Wiesbaden zu sprechen. Dieser Materialienband soll dazu beitragen, Dieckmann neu zu entdecken. König ist hauptamtlicher Bürgermeister. Er hat Germanistik und Sport studiert und war Redakteur. Sein Essay soll dazu beitragen, Dieckmann neu zu entdecken. Es handelt sich nicht um eine abgeschlossene Studie, sondern um eine Sammlung von Vorträgen zu diesem Thema. Die große Monographie steht noch aus.
4
Heinz Dieckmann: Entdeckung eines vergessenen
Filmemachers, Medienkritikers und Satirikers
Er stichelte und spöttelte, er kritisierte und ironisierte - bissig, schnoddrig, sarkastisch, zynisch, frech -, er zog Autoritäten durch den Kakao, er lästerte über Heroen der Kultur und der Gesellschaft, der Politik und des Wirtschaftslebens, er karikierte die Wichtigtuer des Medienbetriebs und nahm sich selbst schelmisch auf den Arm: Heinz Dieckmann, Autor, Redakteur und Filmemacher (*18.5.1921 - +2.2.2002). Dieser nicht ganz unbedeutende Kulturmensch, der damit kokettierte, nicht berühmt zu sein, war humorvoll und witzig, wie seine Witwe Vera erzählt und wie wir diversen Briefen in seinem Nachlass entnehmen können, und in der Redaktion konnte er den Clown spielen, wenn er denn wollte. Mit Vorliebe focht er verbal mit dem Florett, doch konnte er auch mit dem Säbel umgehen und Hiebe setzen, die trafen. Dieckmann war ein Profi, der seine Worte treffsicher wählte und der von der Sprache und mit der Sprache lebte und arbeitete.
Vor allem war er ein Vorkämpfer des modernen deutschen Medienromans, einem Genre, das noch recht jung und nicht allzu verbreitet ist. Vor ihm war Böll mit der „verlorenen Ehre der Katharina Blum“ 1 , doch dann folgte lange nichts, schon gar nicht über das Fernsehen. In dem Metier wurde Dieckmann zum Pionier. Erst nach Dieckmanns „Narrenschaukel“ 2 hat der Medienroman sich in Deutschland etabliert. Josef Haslinger hat mit seinem radikalen Roman „Opernball“ 3 wichtigen Anteil daran, auch Walter Kempowski mit seinem ungewöhnlichen Zapping-Mix „Bloomsday 97“ 4 . Und doch sind es völlig andere Texte als der des saarländischen (und später hessischen) Filmemachers Dieckmann. Anders als andere konnte er eigene Fernseh-Erfahrungen als Kameramann und Filmemacher aus den Pionierzeiten des saarländischen Fernsehens und des ZDF umsetzen. Über mehr als zwei Jahrzehnte waren Filme seine Berufs- und Lebensinhalt.
5
Dieckmann hat mehr als zehn Bücher geschrieben, vor allem aber hat er über 100 Filme gedreht 5 . Wichtige waren darunter, viel diskutierte. So löste sein Fernsehfilm „Hitler und die Kunst“ heftige Zuschauerreaktionen aus, weil darin von einer Mitwisserschaft der Deutschen die Rede war und viele Zuschauer die Mitwisserrolle (und damit ihre Schuld) nicht akzeptieren wollten. Doch hat er sich auch von üblen Attacken nicht beeindrucken lassen.
Zahlreiche Prominente hat er gefilmt, interviewt, portraitiert: Künstler, Literaten, Politiker. Mit wenigen war er gut Freund, darunter der bedeutende Maler Willy Varlin 6 , der Schriftsteller Gustav Regler 7 und Claire Goll 8 , andere galten ihm als gute Bekannte: Nelly Sachs, Ludwig Harig und viele andere. In Kontakt stand er vor allem mit Künstlern. Frans Masereel 9 hat ihm geschrieben und ihm den Rücken gestärkt, als er angegriffen wurde, Michael Mathias Prechtl 10 , der Maler des süddeutschen Welttheaters, hat mit ihm zusammengearbeitet - ebenso der scheue Fritz Aigner 11 . Er filmte viele, auch Unbekannte wie Schlotter, schrieb ihnen, tauschte Erfahrungen über die Kunst mit ihnen aus, brachte sie ins Fernsehen und machte sie damit einer großen Öffentlichkeit erst bekannt. Es war die Zeit, als man noch zur besten Sendezeit eine halbe Stunde über Kunst und Künstler senden konnte: letztes Jahrhundert, 60er und 70er Jahre. Und er reiste um die Welt, der Globetrotter und Genussmensch mit dem frankophilen Einschlag und dem neugierigen Wesen.
„Was Dieckmann von seinen Bekanntschaften mit Männern und Frauen wie Picasso oder Malraux 12 , Claire Goll oder Max Ernst 13 , Miró 14 , Varlin und vielen anderen zu berichten hat, gehört zum Schönsten und Interessantesten, was dazu geschrieben wurde“, wirbt sein Verlag im Klappentext zur „Narrenschaukel“, den Dieckmann allerdings unsäglich fand und über den er sich in Briefen an den Scherz-Verlag beklagte 15 . Doch das ist eine andere Geschichte, die noch zu erörtern ist.
Viele VIPS aus dem politischen und gesellschaftlichen Bereich betrachtete und beschrieb der sensible Sinnenmensch mit den feinen Antennen allerdings au-ßerordentlich kritisch, und auch dies hat seinen Reiz, wenngleich man dem politischen Urteil seiner „Littérature Engagée“ nicht in jedem Falle folgen muss.
6
Aber das wissen wir ja seit Marcel Reich-Ranicki, der die engagierte Literatur einerseits schätzt, andererseits aber gerade sie mit Verrissen konfrontiert.
Verreißen aber wollen wir Dieckmann nicht. Im Gegenteil. Wir wollen ihn vor dem Vergessen bewahren, seine Verdienste um den modernen Medienroman aufzeigen, den er als Fernsehroman mit Fernsehpersonal und Fernsehkulisse erst kreierte, seine kulturpolitische Arbeit würdigen, dabei aber auch auf objektive Schwächen und Probleme in der Offenheit hinweisen, wie es Dieckmann selbst praktiziert hat - sowohl als Journalist wie als Schriftsteller.
Manches in seinem Werk ist polemisch überzeichnet, insbesondere in der Narrenschaukel, anderes gar nicht erst gedruckt, sondern im Laufe des Buch-Produktionsprozesses vom Verlag oder von ihm selbst gestrichen worden. Briefwechsel mit unterschiedlichen Lektoren und Verlagen geben Auskunft über die Schwierigkeiten, die Dieckmann bei und mit der Verbreitung des offenen Wortes überwinden musste.
Politisch pflegte Dieckmann klare Feindbilder. Das kommt vor allem in der „Narrenschaukel“ eindeutig zum Ausdruck, aber mehr noch zeigen (nicht veröffentlichte) Varianten, wem seine Abneigung galt. ER nahm vor allem die Christsozialen aus Bayern aufs Korn - allen voran Franz-Josef Strauß - und Konrad Adenauer, den ersten deutschen Kanzler . Ob es auch mit seiner Sozialisation als „Graupässler“ an der Saar und seinen Konflikten mit der Christlichen Volkspartei (CVP) Johannes Hoffmanns zusammenhängt, deren Vertreter ihn zum Teil heftig attackierten, wissen wir nicht. Sein Verhältnis dazu war ambivalent. Es war (laut Aktenlage) Johannes Hoffmann, der sich auf Bitten des Verlegers Lackas dafür einsetzte, dass Dieckmann nach politischer Verfolgung und angesichts drohender Verhaftung aus der Sowjetisch Besetzten Zone fliehen und ins Saargebiet einreisen konnte.
Aber auch an der Saar war nicht alles gold, was zunächst europäisch glänzte. Durch das Land ging ein Riss, der vor der Volksabstimmung 1955 besonders deutlich wurde. Zwei Richtungen bekämpften einander bis aufs Messer: DieStatus-Quo’ler und die Pro-Deutschen. Dies blieb auch beim Rundfunk nicht ohne Auswirkungen.
7
Dieckmann schaffte es trotz aller Konflikte, stets auf der Seite der „Guten“ zu stehen.
Im Laufe der Jahre und der Erfahrungen wurde Dieckmann, der Humorvolle, zynischer, direkter, unverblümter. Aus dem Ironiker wurde der Bissige, der mit der grünen Richtung liebäugelte. 16
In der Darstellung griff er zuweilen verbal zum Holzhammer, um seine Abneigung deutlich zu machen und holzschnittartig Charaktere zu zeichnen. Am deutlichsten wird dies in der grotesken Starnberger See-Geschichte zu beginn der „Narrenschaukel“, wo Dieckmann die Krachledernen aus süddeutschen Landen zur Zielscheibe macht und sie mit Rechtsaußen-Gedankengut in Verbindung bringt. Die Assoziation zu Ernst Jüngers „Oberförstern“ lässt sich nicht leugnen und ist von Dieckmann auch so gewollt, denn die politische Narrenschaukelei sollte ziemlich plastisch-drastisch erscheinen.
Unterschiedliche Auffassungen zu politischen oder gar parteipolitischen Betrachtungen ändern aber nichts an der Tatsache, dass Dieckmann ein sprachmächtiger Autor mit großem Talent war. Er schrieb wie kein Anderer „visuell“ und schaffte damit die Verbindung zwischen Literatur und Filmemachen - wie übrigens auch Jean Cocteau.
Und doch hat er in der saarländischen Literaturszene nie den Rang eines Ludwig Harig erreicht. Welche Ironie: Hatte doch ausgerechnet Dieckmann den später so bedeutenden Dichter mit den Werken Sigmund Freuds bekannt gemacht und ihm darüber hinaus Carola Giedion-Welckers „Anthologie des Abseitigen“ geschenkt, in der Harig die deutschen Expressionisten und die französischen Surrealisten kennen lernte. Und beim Radio hat Dieckmann den später so Bekannten wohl auch eingeführt, denn dort durfte Harig zur Dieckmanns Zeiten Buchbesprechungen und Zeitbetrachtungen für den Funk verfassen, etwa ein „Feature über den Maler Paul Gauguin, der Ende des vergangenen Jahrhunderts, des europäischen Wohllebens überdrüssig, in die Südsee gereist, dort aber, vom langen Arm der westlichen Zivilisation an die Kandare genommen, jammervoll zugrunde gegangen war“. 17
8
Dass Dieckmann nicht die Wirkung erzielte wie andere hängt sicher damit zusammen, dass er seinen großen Medienroman- den ersten großen „Fernsehroman“ in Deutschland - erst spät geschrieben hat. Immerhin war er zum Zeitpunkt der Veröffentlichung schon 63 Jahre alt. Zudem erschien die „Narrenschaukel“ nicht wie geplant bei Hanser, obwohl das Manuskript dort zunächst angenommen worden war 18 , sondern im literarisch weniger renommierten Alfred Scherz-Verlag. Das beeindruckende Buch mit seinem zeitkritischen Einschlag und einem Thema, das in der Luft lag, war der Hanser-Führung letztlich zu gewagt.
Fakt ist, dass Dieckmann in der saarländischen Kulturszene nach dem Krieg als „junger Erzähler“ bereits eine nicht unbedeutende Rolle spielte. Mit mehreren Veröffentlichungen in schmalen, aber sehr beachteten Büchern machte er unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg im kleinen Kultur-Biotop an der Saar auf sich aufmerksam.
Bekannt war er nicht nur in Presse, Funk und später im Fernsehen, sondern auch in der Regierungszentrale Johannes Hoffmanns 19 , weil er gegen den Stachel löckte. Mit kritischen Radiobeiträgen provozierte er Anhänger der CVP 20 und „Johos“ zu Eingaben an die Staatskanzlei, den Innenminister und das Presse- und Informationsamt, die Einfluss auf den Staatssender ausübten und auch in der Saarländischen Volkszeitung vorgeblichen Volkszorn inszenierten. 21
Dieckmann war Romanautor, Fernsehfilmer, Essayist, Medien-Satiriker, Homme de lettres. Er scheute sich nicht, triviale Themen wie Die Kunst, poetisch zu küssen in Buchform zu fassen.
Aber die Art, wie er dies schrieb - mit der Belesenheit eines Bildungsbürgers, pfiffig, spritzig, witzig, geistreich, macht ihn zu einer ungewöhnlichen Erscheinung der kleinen saarländischen Literaturszene. Ohnehin blieb sein Wirkungskreis nicht auf das Saarland beschränkt.
Sein eigentliches Metier war das Fernsehen, nachdem er in der Nachkriegszeit bei Radio Saarbrücken Pionierarbeit als Erster Redakteur in der Kulturredaktion geleistet hatte.
9
In Saarbrücken entdeckte er auch das Fernsehen für sich, nachdem er Pauschalist geworden war und die Freiheit eines Kunstmenschen erfahren konnte. Reich war er nicht - im Gegenteil. Die Honorare blieben bescheiden. Und so steuerte er auf eine Festansteuerung als Fernsehredakteur zu, die ihm aber zunächst verwehrt blieb. Daran waren nach Aussagen von Zeitzeugen interne Auseinandersetzungen innerhalb des Senders schuld. Dieckmann wurde erst auf Anordnung des Intendanten Dr. Franz Mai am 27. Dezember 1960 rückwirkend zum 1. Oktober 1960 als „erster Programmgestalter mit besonderen Aufgaben aus der Programmdirektion (Hörfunk) zum Fernsehen übernommen“. Als Vergütung erhielt er 1250 DM brutto. Mai schätzte Dieckmann.
Ungeachtet dessen fasste Dieckmann einen wichtigen Entschluss:
Als das Zweite Deutsche Fernsehen aus der Taufe gehoben wurde, wagte er den Wechsel zum neuen Medium - zunächst als freier Mitarbeiter, später als fest Angestellter. Und dort fand er auch sein Aus- und Einkommen. Er drehte über 100 Fernsehfilme und Serienbeiträge, spezialisierte sich dabei vor allem auf Kulturbeiträge.
Mit seinem Hauptwerk „Narrenschaukel“ bewies er, dass er plastischer, drastischer, lebendiger als die meisten anderen Autoren der Region schreiben konnte. Trotzdem hat er auf dem Gebiet der Literatur den Durchbruch nicht geschafft - trotz seiner unbestreitbaren stilistischen und erzählerischen Kompetenz.
Diese biografisch angelegte Skizze soll dazu beitragen, einen saarländischen Autor neu zu entdecken, der als einer der ersten in Deutschland einen kritischen Medienroman geschrieben und damit über das Land hinaus Akzente gesetzt hat.
Im Mittelpunkt steht deshalb die „Narrenschaukel“ als Mischung eines Schelmenromans und eines kritischen Medienromans - mit Elementen des Schäfer-und des Abenteuerromans und der Sozial- und Reisereportage. Nach seinem sehr persönlichen Tagebuch „Ich höre Schritte“ 22 , nach seiner Brotarbeit als Lektor und Rundfunkredakteur, nach bildungsbürgerlichen, feuilletonistischen Darstellungen, nach den vielen bedeutenden kunsthistorischen Filmen, die
10
Dieckmann so viel bedeuteten, war der Roman „Narrenschaukel“ der Höhepunkt des Schaffens eines visuell geprägten, wortmächtigen Autors, der sich im Laufe der Jahre zum Medienkritiker und Satiriker entwickelt hat.
Dass wir vielfach eine „terra incognita“ betreten - mit vielen weißen Flecken auf der Karte - hätte Dieckmann sicher gefallen. Seine Vita ist bisher nicht ausgeleuchtet.
Dem Literaturarchiv Saar-Lor-Lux unter Prof. Günter Scholdt gebührt das Verdienst, den Nachlass Dieckmanns gesichert und inzwischen zu einem erheblichen Teil katalogisiert zu haben.
11
Augenmensch und Globetrotter - Ausschnitte aus
einem bewegten Leben nebst kurzer Beschreibung
des Staats- und Heimatsenders Saarbrücken
Geboren wurde Heinz Dieckmann am 18. Mai 1921 in Magdeburg. Er machte 1939 an einer Privatschule Abitur, nachdem er wegen Aufsässigkeit von der staatlichen Schule geflogen war und leistete von 1939 bis 1945 Militärdienst als Offizier der Wehrmacht. Diese Phase sollte erhebliche Auswirkungen auf Dieckmanns Lebensweg gewinnen, denn gegen Ende des Krieges war er in Anklam im östlichen Teil Vorpommerns in der Todeszelle inhaftiert wegen Wehrkraftzersetzung.
Dieckmanns Alter Ego im Tagebuch „Ich höre Schritte“ erlitt ebenfalls dieses Schicksal. Exemplarisch dafür, was als Wehrkraftzersetzung geahndet wurde, schildert Dieckmann:
„Ich hatte in meiner Einheit ein paar weibliche Wehrmachtsangehörige. Deren Aussagen sind die schlimmsten. Eine von ihnen hatte eine meiner kurzen Befehlsausgaben mitstenographiert, in der ich jenen berüchtigten Befehl vorlesen mußte, der es Soldaten untersagte, einzuschreiten, wenn feindliche Piloten von der Bevölkerung gelyncht würden. Mein Nachsatz, dass ich es dem Gewissen jedes Einzelnen überlasse, ob er solchen Wahnsinn befolgen könne oder nicht, war mit dickem Rotstift umrandet. Die andere hatte einen von mir achtlos liegengelassenen Abzug eines Artikels über und gegen das Thema: „Was brauchen wir Gott, die wir den ‚Führer’ haben,“ abgeschrieben.
Die beiden Dinge reichen aus, um mein ohnehin feststehendes Schicksal zu besiegeln.“
In Anklam wartet Heinz Dieckmann auf den Tod nach dem Verdikt des Volksgerichtshofs. Doch diesem Schicksal entgeht Dieckmann dann wegen des Kriegsendes - ähnlich wie Luise Rinser, die in jenen Tagen ebenfalls wegen Wehrkraftzersetzung inhaftiert war und die - wie Dieckmann - ein Gefängnistagebuch geschrieben hat, das Eindrücke der Inhaftierung notiert.
12
1945 nahm Dieckmann sein Studium in Halle auf, geriet aber schon bald in Opposition zur Staatsmacht in der Sowjetisch Besetzten Zone.
1959 schrieb sein Studienfreund Friedrich W. Siebeke, der später als Rechtsanwalt in Düsseldorf arbeitete, in einer eidesstattlichen Erklärung:
„Herr Heinz Diekmann (sic!) ist mir von meiner Studienzeit im Sommersemester 1946 an der Martin-Luther-Universität Halle-Saale bekannt. Wir waren damals Studienfreunde. Besonders verbunden hat uns die übereinstimmende Abneigung gegen das kommunistische Regime.
Ich gehörte damals einem politischen Widerstandskreis an. Im Zuge einer gegen das kommunistische Regime gerichteten Flugblattaktion habe ich zusammen mit Herrn Diekmann und anderen Gleichgesinnten einige Koffer voll Flugblätter von Berlin abgeholt und in der Zone zur Verteilung gebracht.
Auf Grund der vor den Herbstwahlen 1946 von unserem Kreis entfalteten politischen Aktivität musste ich, um der Verhaftung zu entgehen, nach West-Berlin fliehen.“ 23
Dieckmann geriet seinerseits in Gefahr, verhaftet zu werden. Er beschrieb die Lage am 26. Oktober 1959 in einer eidesstattlichen Erklärung so:
„Ich erkläre hiermit an Eides statt, dass ich, nachdem ich den Sommer 1945 als Landarbeiter in Brunau in der Altmark verbracht hatte, das Wintersemester 45/46 und das Sommersemester 46 in Halle / Saale studierte. Da bereits zu dieser Zeit die Verpolitisierung der Universität in vollem Gange war, versuchten wir - etwa ein Dutzend Studenten - eine politische Gegenbewegung. Mit einem Freund, Friedrich Siebicke (ich bin mir nicht ganz sicher, ob der Name genau geschrieben ist, seine Eltern wohnten damals Berlin Chausseestraße …. und hatten eine Bäckerei…), holte ich aus Berlin einige Koffer voll Flugblätter, die wir im Zug durch die Zone schleusten und in Halle nachts verteilten. In der Wahl (im Herbst 46) wurden wir besonders aktiv. 24 Im September / Oktober 46 erfolgten die ersten Verhaftungen einiger Freunde, die bald darauf zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt wurden. Ende Oktober wurde ich durch unsere Mittelsmänner informiert, dass auch meine Verhaftung unmittelbar bevorstehe. Da ich mich bereits in einer öffentlichen Diskussion mit dem kommunis-
13
Arbeit zitieren:
Armin König, 2007, Fernsehhelden auf der Narrenschaukel - Materialien zum saarländischen Autor und Filmemacher Heinz Dieckmann, dem Protagonisten des modernen Medienromans, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Zweite Moderne oder Postmoderne?
Ein Architektur–Diskurs
Kunst - Architektur, Baugeschichte, Denkmalpflege
Fachbuch, 77 Seiten
Karl August Lingner - Leben und Werk eines sächsischen Großindustriell...
Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus
Forschungsarbeit, 125 Seiten
Serbien und Montenegro im Zweiten Weltkrieg 1941-1945
Geschichte Europa - and. Länder - Zeitalter Weltkriege
Wissenschaftlicher Aufsatz, 34 Seiten
Auguste Caroline Lammer (1885 - 1937) - Die bisher einzige Bankgründer...
Ihre turbulente Geschichte in ...
BWL - Wirtschafts- und Sozialgeschichte
Fachbuch, 140 Seiten
Nicolai Hartmann als Literaturtheoretiker
Wissenschaftlicher Aufsatz, 13 Seiten
Informationen zur Rechtewahrnehmung im Urheberrecht
Der Schutz von Digital Rights ...
Jura - Medienrecht, Multimediarecht, Urheberrecht
Doktorarbeit / Dissertation, 249 Seiten
Legal aspects of internet banking related to international business tr...
Jura - Andere Rechtssysteme, Rechtsvergleichung
Doktorarbeit / Dissertation, 62 Seiten
Macht und soziale Veränderungen im politikwissenschaftlichen Diskurs
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Fachbuch, 93 Seiten
Armin König's Text Fernsehhelden auf der Narrenschaukel - Materialien zum saarländischen Autor und Filmemacher Heinz Dieckmann, dem Protagonisten des modernen Medienromans ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Armin König hat den Text Fernsehhelden auf der Narrenschaukel - Materialien zum saarländischen Autor und Filmemacher Heinz Dieckmann, dem Protagonisten des modernen Medienromans veröffentlicht
Armin König hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare