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Strategien der Abwehr von Kontingenz
in Helmut Kraussers Roman Thanatos.
Das schwarze Buch
Diplomarbeit
zur Erlangung des Magistergrades
an der Geisteswissenschaftlichen Fakultät
der Universität Salzburg
eingereicht von
Hannes A. Pfeifhofer
Salzburg, September 2001
INHALTSVERZEICHNIS
VORWORT ... 3
1. FORM ... 4
1.1 Theoretische Vorbemerkungen ... 4
1.2 Thanatos als formale Umsetzung der Konzeption der romantischen
Ironie ... 10
1.3 Fiktion der Fiktion ... 15
1.4 Ironie des Fragments ... 16
1.5 Leben im Signifikanten ... 18
1.6 Selbstreferentialität in Thanatos ... 19
1.7 Polyphonie ... 23
2. Exkurs: ROMANTIK, ENDSTATION AUSCHWITZ ... 26
2.1 Hegel und die romantische Ironie ... 29
2.2 Georg Lukács Kritik an der deutschen Romantik ... 32
2.3 Carl Schmitts Kritik an der deutschen Romantik ... 38
2.4 Deutsche Romantik und Hollywood ... 40
3. DIE APORIEN DES KONRAD JOHANSER ... 46
3.1 Der Weg in die Bilder ... 46
3.2 Das Zauberzelt ... 54
3.3 Benjamins moderner Allegoriker ... 57
3.4 Anna, das Projekt/Objekt des Großprojektors ... 60
3.5 Die Revision ... 73
3.6 Das Idyll ... 78
3.7 Natur und Schluss ... 85
4. Bibliographie ... 89
VORWORT
Verwechslung von Symbol mit dem Symbolisierten, Literatur mit Leben. Dies impliziert integral den Diskurs der vorliegenden Arbeit. Sie versucht einerseits die romantische Selbstzerfleischung, paradigmatisch durchexerziert an der Figur Konrad Ezechiel Johanser, deutlich zu machen, zum anderen den absurden, deshalb komischen und in seiner Konsequenz fatalen Versuch dieser Figur zu illustrieren, die Kontingenz der modernen Existenz zu leugnen, um sich noch einmal der Idee der Repräsentation und Präsenz kurz - des ganzen Lebens zu widmen.
Konrad Johansers dogmatisch-romantischer Blick auf die Welt des ausgehenden 20. Jahrhunderts und seine Apologetik für verblasste Bilder und dekonstruierte Sehnsüchte, lassen ihn unverhofft zum Reaktionär, zum Gläubigen verbrauchter Illusionen werden, weil er ideengeschichtlich unrevidierbare Tatsachen nicht wahrhaben will. Was Konrad Ezechiel Johanser umtreibt, ist mehr als ein Kokettieren mit der Eschatologie im Anderen, Konrad Johanser verfolgt die Idee der Revision seiner Existenz, dabei behandelt er sein psychisches System wie einen Text.
Schließlich möchte ich mich für die Geduld und hilfreichen Ratschläge bei Frau a. o. Uni. Prof. Sigrid Schmid bedanken sowie bei Eva Fischer, die die Niederungen des Manuskripts kennen lernen musste.
1. FORM
1.1 Theoretische Vorbemerkungen
Noch einmal sattelt mir den Hippogryphen, ihr Musen
zum Ritt ins alte, romantische Land!
(Christoph Martin Wieland, Oberon)
Wohl dem, der sagen kann <als>, <ehe> und <nachdem>!
(Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften)
Kontingenz. Es gibt keinen Weg zurück zum verlorenen Ganzen, zum unmarkierten oder formlosen, universalen oder heilen Zustand der Welt. Möglicherweise ist das, was man Ganzheit der Welt nannte und nennt, sehnsüchtige Projektion des modernen Subjekts auf vermeintlich prämodernes Inder-Welt-Sein, das nie stattgefunden hat. Das wäre das Ergebnis einer zu Ende gedachten Moderne. Sie analysierte zum einen die Welt und somit die moderne Existenz als plural, gab aber zum anderen den Traum von der Erlösung des säkularisierten Individuums auf die eine, monokausale Begründung der Existenz, die zwischen Ideologie, Rausch, Liebe/Sex, Kunst, Idylle und Arbeit oszillierte und an die Stelle der Metaphysik trat, nicht auf. Das ist ihr romantischer Teil. Anders gesagt: Wie kann das Subjekt Ganzheitliches in einer säkularisierten Welt erfahren, gibt es so etwas wie transzendente Immanenz? Georges Bataille zum Beispiel meint ja, und spricht von der Entgrenzung des Subjekts in der Konfrontation mit dem Heiligen1. Das Heilige manifestiert sich in ekstatischen Zuständen. Der Weg dorthin führt über das Opfer, Sex2, Gewalt. Dort, in der Immanenz des endlichen und partikularen menschlichen Lebens, besteht für das moderne Subjekt Aussicht auf Totalität seiner Existenz, in der Ekstase, im Aufgehen im Augenblick kann der Drang nach Authentizität und Präsenz beruhigt werden, so Bataille. (Vgl. Wiechens 1995, S. 67-81) In diesen Momenten der Entgrenzung kommt das Ich zu sich, indem es sich preisgibt. Das ist romantisch, Wolfgang Welsch: Es sieht so aus, als ob "die eigentliche Hoffnung doch noch einmal anderswohin zielt. Sie gilt der Einheit. Und diese Einheit kommt: als Inzest, als Verschmelzung, als Mystik, als anderer Zustand3 - wenn auch voller Gebrochenheit. So endet, was zur Postmoderne führen könnte, doch wieder - aber schon äußerst mühsam, immer wieder aufgeschoben und schier hoffnungslos - in der Romantik." (Welsch 1988, S. 176) Die Überwindung der Romantik wäre durch das Absehen des Gedankens von der Erlösung im Anderen realisiert.
Konrad Ezechiel Johanser, "weltführende[r] Spezialist" (TH 189) und personifizierte Diskursordnung in Sachen deutsche Romantik, trotziger "romantischer Reaktionär", (Krausser 1995, S. 177) der sich die plurale Welt des 20. Jahrhunderts ins "vorwilhelminische Zeitalter" (Krausser 1995, S. 177) zurückdreht, lebt ausschließlich in der deutschen Sprache des 19. Jahrhunderts und ist auf der Suche nach der Einheit, nach dem ganzen Leben. Konrad Johanser beobachtet seine Welt des zu Ende gehenden 20. Jahrhunderts mit dem kulturkonservativen Wertekanon des 19. Jahrhunderts und wird somit zum Reaktionär4, zum Anachronismus in einer Welt vor dem Sprung ins dritte Jahrtausend. Wer beobachtet, hat Niklas Luhmann gezeigt, muss unterscheiden, wer unterscheidet, separiert die Welt in eine Form mit zwei Seiten. Auf der einen Seite, der markierten, befindet sich die beobachtete Welt, auf der anderen, der nicht markierten, der Rest. Beobachten setzt einen Beobachter voraus. Das ist banal. Nicht hingegen, dass der Beobachter von der Beobachtung nicht unterschieden ist. Der Beobachter kann nicht auf beiden Seiten der Welt, also der markierten und der unmarkierten stehen. Anders gesagt: Die Beobachtung führt eine Unterscheidung von Welt ein, kann aber diese Unterscheidung nicht unterscheiden. Die Beobachtung ist blind. Sichtbar macht dies ein zweiter Beobachter. Er sieht, dass der erste Beobachter die Welt in eine markierte, eine beobachtete und eine unmarkierte, eine unbeobachtete Form geteilt hat. Der zweite Beobachter unterscheidet zwischen Beobachter und Beobachtetem. Der zweite Beobachter zeigt die "asymmetrische Differenz zwischen den beiden Seiten der Form." (Roberts 1993, S. 24) Es gibt keinen Weg zurück zum verlorenen Ganzen, zum unmarkierten oder formlosen, universalen oder heilen Zustand der Welt. Die Welt kann man zwar beobachten, aber immer nur den markierten, den beobachteten Teil. Die Welt, wie sie wirklich ist, ist weder beobacht- noch beschreibbar. Das muss man wissen.
Konrad Johanser führt in seine Beobachtung von Welt keinen zweiten Beobachter ein. Somit sieht er nur, was er sieht. Er reflektiert nicht, was er sieht oder womit er sieht, zum Beispiel die Kategorien seiner Perzeption von Welt. Dies hat zumindest zweierlei Konsequenzen und einen Grund, der diese Konsequenzen wiederum zur Ursache hat: Erstens die Negation der Welt des 20. Jahrhunderts, weil sie Johanser zum einen sentimentalisch im Sinne5 Schillers und zum anderen mit der Sprache des 19. Jahrhunderts codiert, sie somit unsichtbar macht und zweitens: - Hybris. Hybris tritt ein, wenn der Wille nach Reflexion aussetzt. Die Ursache des Zurückdrehenwollens der Zeit ins 19. Jahrhundert liegt in der penetrant-sentimentalischen Sehnsucht des vermeintlich modernen Subjekts, das Johanser natürlich auch ist, begründet, den Wunsch nach dem Einen, nach Erlösung in postmetaphysischer Zeit zu realisieren. Das ist bei Konrad Johanser der Fall. Indem Johanser aus dem 19. Jahrhundert das ausgehende 20. beobachtet und nicht reflektiert, dass er das tut, es somit unsichtbar macht, "witterte er [in Berlin nach der Wende] Unheil, entzifferte er Menetekel, suchte sich vorzusehen, wollte jeder Gefahr ausweichen. Gerade in den Vierteln, die er nachts gern durchstreifte, erhielt er Bestätigung, spürte er Kriminalität, sah er Menschen sich bewaffnen, sah den Feuerschein von Bürgerkrieg und Straßenkampf voraus." (TH 54) "Johanser begann die Stadt6 zu hassen, erblickte in ihr die Vorhut amerikanischer Verhältnisse" (TH 55), liest von Graffitis an Häuserwänden und hört an Dialogen von Jugendlichen definitiv den Untergang des Abendlandes ab, "derart widerwärtig - gegenwärtig7 - klang es ihm in den Ohren." (TH 54) Die Negation von Gegenwart und die Sehnsucht nach Erlösung von der pluralen Welt, die, wie sich zeigen lässt, bei Johanser nichts anderes ist als der Wunsch einer Anästhesie der Sinne herbeigeführt durch ein Sichauflösen im Objekt des Anderen, diese Sehnsucht nach Erlösung, die Johanser in der Literatur8 der deutschen Romantik, dem Idyll in Niederenslingen, der Frau9 , im Rausch oder in manueller Arbeit10 sucht, macht ihn einerseits zu einer komischen, andererseits zu einer ambivalent aktuellen Figur. Komisch, weil er sich erstens trotzig weigert das Nichts als eine spezifische Variante kosmischer Einsamkeit, als ihr räumliches Ambiente zu akzeptieren, das bis auf Botho Strauß11 niemand mehr stört, komisch zweitens, weil Johanser in einem anachronistischen Verhältnis zur historisch-ideengeschichtlichen Gegenwart steht, weil er an überlebten Formen und antiquierten Inhalten festhält, egal, wie relevant und zeitgemäß diese auch immer für ihre Epoche gewesen sein mögen und komisch drittens, weil er eine missverstandene Romantik12 für lebendig, eine lebendige Gegenwart für tot hält. Ambivalent aktuell, weil offensichtlich die Heilserwartung des Subjekts und sein Bedürfnis nach esoterisch-metaphysischer Nischenspiritualität, die einerseits lediglich die Abschiebung der Verantwortung ein autonomes Leben zu führen aus prämoderner Zeit reproduziert, und andererseits erst dann zum Problem werden kann, wenn vom vermeintlich modernen Subjekt ein unhinterfragbarer Sinnzusammenhang, eine letzte Lösung oder eine ultimative Sinnsetzung supponiert wird, nicht auszurotten ist. Es sieht so aus, als manifestiere sich im Willen, die Existenz auf das Nicht-Plurale, das Eindeutige und Nichthinterfragbare rückführen zu wollen eine anthropologische Konstante, die vom Schein einer golden umglänzten Ewigkeit nur schwer ablassen kann. Von den Konsequenzen einer solchen Perzeption von Welt erzählt der Roman Thanatos. Das schwarze Buch (1996) des deutschen Schriftstellers Helmut Krausser. Interessant ist, wie dies formal realisiert wird.
[...]
1 Das Heilige ist für die Romantik das Heile, Ungeteilte. Soweit sie einem Jenseits nachstellt, handelt es sich um eine weltimmanente Transzendenz, um das in der Welt, nicht außerhalb Verborgene, mit dem im Übrigen eine geheime Tiefe im menschlichen Inneren korrespondiert. (Vgl. Pikulik 1992, S. 169) Für Novalis transformiert die in seinen philosophischen Reflexionen zentrale Denkfigur der Analogie die Welt in eine Liebesgemeinschaft, wie umgekehrt die Liebe dem romantischen Subjekt integral Analogien entdeckt. Der Liebende umarmt in der Geliebten das Universum, das Universum ist auf Grund der mikro-makrokosmischen Entsprechung „Ausdehnung“ der Geliebten. In Novalis´ Glauben und Liebe (1798) heißt es: „Was man liebt, findet man überall, und sieht überall Ähnlichkeiten. Je größer die Liebe, desto weiter und mannichfaltiger diese ähnliche Welt. Meine Geliebte ist die Abbreviatur des Universums, das Universum die Elongatur meiner Geliebten.“ (Novalis 1995, S. 488 f.) Und im Heinrich von Ofterdingen (1802) definiert Novalis Erlösung im Anderen als Religion: „Was ist die Religion, als ein unendliches Einverständniß, eine ewige Vereinigung liebender Herzen.“ (Novalis 1995, S. 336) Man sieht deutlich, dass Batailles Theorie der transzendenten Immanenz, der Entgrenzung auf säkularisiertem Boden in der Romantik wurzelt.
2 Die Faszination des Sex und der Erotik liegt für Bataille in der Verheißung, die Diskontinuität der individuellen Existenz in eine Erfahrung tiefer und intensiver Kontinuität überzuführen, die tatsächlich den Tod vorwegnimmt, in dem sie für Augenblicke die Reflexion im Individuum überwindet. Während das moderne Subjekt an seiner Isolation leidet, sind Sex und Erotik in Batailles Theorie die Konstituenten einer Utopie, die, zumindest für Augenblicke intensiver sexueller oder erotischer Vereinigung, das Außerkraftsetzen der Kontingenz verheißt.
3 Musil nennt im Mann ohne Eigenschaften (1930-1952) eine möglicherweise wiederzufindende Relation zur Transzendenz „den anderen Zustand“, also jene Sehnsucht des modernen Subjekts nach dem Gefühl der so oft beschworenen ganzen, allseitigen oder integralen Existenz, von der so prominente wie sentimentale Theoretiker wie Manfred Frank nicht müde werden zu schwärmen und ihr via Umweg einer Konzeption des essentialistisch Schönen nachstellen. Kostprobe: „Die Ästhetik wird wirklich Organon und Dokument einer aufs Absolute zielenden Philosophie; und im Schönen zeigt sich das Absolute und es zeigt sich nur im Schönen.“ (Frank 1989, S. 141, kursiv im Orig.) Derartige ästhetische Dogmatik wird sich dem Vorwurf einer metaphysischen Präsenz in der Kunst schwerlich entziehen können, weil sie letztendlich den Weg in die Nichthinterfragbarkeit antritt.
4 Hermann Broch schreibt in seinem Essay Das Böse im Wertsystem der Kunst (1933): „Ja, selbst das Konservative als eigenes Wertsystem wird sinnlos, erstarrt zum Reaktionären, sobald es sein eigenes lebendiges Ziel, die Erhaltung des Gewesenen in lebendiger Fortentwicklung, vergißt und sich ausschließlich an das Geprägte und Erstarrte klammert.“ Broch 1955, S. 340) Johanser ignoriert die „moderne“ Technik: Er kann weder einen Computer einschalten, (Vgl. TH 336) noch eine Stereoanlage bedienen. Als Joh/Fig „vorübergehend“ in Benis Zimmer einzieht, sieht er dort eine Stereoanlage: „Jedoch wirkte die Technik entmutigend kompliziert. In der Hauptstadt hatte er nur ein Kofferradio gehabt; Musik war ihm nie mehr so wichtig gewesen wie damals, als die Schalen des Kopfhörers ein Sternenzelt bedeuteten. Auf Druck des Netzschalters tat sich wenig. Ein rotes Lämpchen blinkte. Hilflos ließ Konrad seinen Zeigefinger über die Auswahl der drei Dutzend Tasten und Knöpfe gleiten, besorgt, igendwelchen irreparablen Unsinn anzustellen.“ (TH 87) Gespräche mit seinem postpubertären Cousin Benedikt verlaufen ergebnisarm, um dies zu ändern, kommt es beinahe zu einem gemeinsamen Computerspiel, doch „[d]as Unbehagen vor der Elektronik war zu stark, er mochte sich nicht verstellen. Benedikt sah sehr enttäuscht drein, Konrad entschuldigte sich und schenkte ihm eine Reclam-Ausgabe von Wackenroders >Herzensergießungen<. So zielten beide an einander vorbei“ (TH 171) Johanser kann auch nicht Auto fahren. (Vgl. Th 364) (Eine Parallele zum sympathischen und weltabgewandten Intellektuellen Pnin (1957) aus Nabokovs gleichnamigen Roman, der als gebürtiger Russe des 19. Jahrhunderts im Amerika des 20. Jahrhunderts schrulliganachronistisch wirkt, weil er beispielsweise das Autofahren im Amerika der 50er Jahren während eines Krankenhausaufenthaltes aus einem Lexikon aus der Jahrhundertwende lernt, oder, um mit amerikanischen Jugendlichen ins Gespräch zu kommen, Sport als Gesprächsthema wählt, um anschließend wesentlich zu einem amerikanischen Jungen zu bemerken, dass Tennis in der russischen Prosa des 19. Jahrhunderts das erste Mal bei Lermontrow eine Rolle spielt.) Als Johanser seinen Besuch bei Onkel und Tante in Niederenslingen ankündigt, telefoniert er nicht, sondern schickt ein Telegramm. (Vgl. Th 17) Johanser liebt konkrete, ignoriert abstrakte Kunst: „Zeitgenössische Kunst, gleich welchen Fachs, ließ ihn kalt, Begegnungen damit hatte er immer aufs nötigste Pflichtprogramm reduziert“ (TH 32) Darüber hinaus ist Johanser der Prototyp des Sprachpuristen: „Er konnte die Zeit und deren Sprache nicht leiden (..) Abgrundtief verabscheute er unnötige Anglizismen, verbannte sie aus seinem Wortschatz.“ (TH 41) Im Niederenslinger Pos twirt „stand, unbeleuchtet, ein Flipper. Es fand sich kein Umgehungswort für den verhaßten Anglizismus, beim besten Willen nicht (...)“ (TH 115 vgl. auch 54, 150, 228, 296) Schließlich empfindet er Berlin nach der Wende als Bedrohung (Vgl. TH 54, 55) und konstatiert den Verfall der abendländischen Gelehrsamkeit (Vgl. TH 47)
5 Der sentimentalische Dichter, schreibt Schiller konzis in seiner Schrift Über naive und sentimentalische Dichtung (1795), „reflektiert über den Eindruck, den die Gegenstände auf ihn machen, und nur auf jene Reflexion ist die Rührung gegründet, in die er selbst versetzt wird und uns versetzt. (Schiller 1978, S. 36) Diesem Blick ist die Natur zum Objekt geworden. Der sentimentalische Dichter, dem die Natur, das Ganze abhanden gekommen ist, der unter einem Mangel an Unmittelbarkeit leidet und diesen Mangel in die Vergangenheit, ins Gewesene projiziert, meint, dass uns das Ersehnte, das Unmittelbare durch die Dinge, durch die Erscheinungswelt verstellt wird, hinter der das Unbedingte, das „Ding an sich“ ruht. (Schiller definiert demnach die elegische Dichtung als diejenige, die die Relation zwischen Ideal und Wirklichkeit als geteilt erfährt, also beklagt. Vgl. Schiller 1978, S. 66) Freilich propagiert Schiller kein Zurückzur-Natur, sondern vielmehr, dass die Kunst Medium des wiederherzustellenden menschlichen Postulats von Ganzheit und Koinzidenz von Subjekt und Objekt sein soll. Naive Dichtung ist demnach von der Nachahmung des Wirklichen der sie umstellenden Natur bestimmt, sentimentalische durch die Darstellung des Ideals. Die Konzeption des Schillerschen Naiven erzählt die Geschichte eines grundsätzlichen Verlustes des Menschen, nämlich die der Vergegenständlichung der Natur. In der Theorie der idealistischen Dichtung (Kunst), welche die sinnliche Vergegenwärtigung des Absoluten in Aussicht stellt, erhofft sich das Subjekt den Hiat zwischen Subjekt und Objekt, Mensch und Natur zu schließen. Mit fortschreitender Industrialisierung jedoch verschwindet der warme Schoß von Mutter Natur als Rückzugsmöglichkeit des Subjekts, er nimmt vielmehr immer deutlicher utopische Züge an. Kaschiert wird dies auf unnachahmliche und geradezu heroische Weise von der Tourismus - und Reiseindustrie, die Naturidyllen wie die Mühle am rauschenden Bach und bukolische Bilder zum Reiseziel erklärt und loci amoeni sowie arkadische Gefilde pauschal anbietet, ein signifikantes Indiz dafür, dass Natur von ihrem medial vermittelten Bild abgelöst wurde. Johansers Crux besteht nun in der Aporie, dass er in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts versucht, als modernes Subjekt real in den Schillerschen Zustand des Naiven zurückzufinden, den Schiller jedoch bereits 1795 theoretisch als sentimentalisch analysiert hat, denn erst der sentimentalische Mensch kann seine Position als sentimentalisch wahrnehmen. Man könnte auch sagen, dass Johanser das Symbol mit dem Symbolisierten verwechselt. Johanser versteht nicht, dass das Ganze (in diesem Fall das Naive im Sinne Schillers) nicht mach-, sondern lediglich symbolisierbar ist, er versteht nicht, dass das Symbol nicht aus der Repräsentation zu lösen ist, weil es selbst Repräsentation ist, Repräsentation des Ganzen eben. Der naive Mensch ist Natur und macht sie deshalb nicht zum Gegenstand seiner Liebe. Der sentimentalische liebt und sucht sie, weil er sie nicht hat, für ihn wird die Natur zum Ideal. Unter dem Aspekt der idealischen Ferne manifestiert sich hier Natur als etwas dem Subjekt Entäußertes. Diese Sehnsucht nach unmittelbarer Erkenntnis, nach Ganzheit der Perzeption wird auch im ersten Blüthenstaubfragment des Novalis (1798) deutlich: „Wir suchen überall das Unbedingte, und finden immer nur Dinge.“ (Novalis 1995, S. 425)
6 Aus der Negation des 20. Jahrhunderts resultiert Johansers zum Klischee herabgesunkene Wahrnehmung der Großstadt als Moloch, in dem emotionale Eiszeit herrsche: „Er lebte seit bald zehn Jahren in der Hauptstadt, die, so schien es ihm, im Dreck erstickte, deren Straßen kalt und brutal geworden waren. Eine überschäumende Metropole, ein darwinistisches Bestiarium, worin zigtausend Übertölpelungsstrategien miteinander konkurrierten.“ (TH 54)
7 Hier tritt die Bedeutung der Wackenroderschen Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders (1797) als literaturhistorische Folie für den Roman Thanatos erstmals hervor. „Ich liebte in meiner Jugend die Kunst ungemein, und diese Liebe hat mich, wie ein treuer Freund, bis in mein jetziges Alter begleitet: ohne daß ich es bemerkte, schrieb ich aus einem inneren Drange meine Erinnerungen nieder, die du, geliebter Leser, mit einem nachsichtsvollen Auge betrachten mußt. Sie sind nicht im Tone der heutigen Welt abgefaßt, weil dieser Ton nicht in meiner Gewalt steht und weil ich ihn auch, wenn ich ganz aufrichtig sprechen soll, nicht lieben kann.“ (Wackenroder 1979, S. 5) Dies is t auch die Passage, die Johanser auf der Fahrt nach Niederenslingen zitiert, um sich von Gedanken, die den Mord an Somnanbelle umkreisen, abzulenken, „bis Vergangenheit eintrat.“ (TH 12)
8 Im Archiv, das er mit dem hermetischen Symbol Lauringarten sprachlich markiert und das somit für die Exklusion der Welt des 20. Jahrhunderts steht, ist Johanser bei sich: „Sobald er morgens durch die Portale des Archivs trat, vergaß er alles, dann sank er, fast ohne Bewußtsein für die Außenwelt, in sein hermetisch-museales Reich, in einen tranceähnlichen Zustand ab.“ (TH 43)
9 Die Frau ist hier als Topos der (deutschen) Romantik gedacht: Einerseits als Objekt männlicher Erlösungsphantasien, andererseits als Mittlerin von Welt. Für Novalis transformiert die Denkfigur der Analogie die Welt in eine Liebesgemeinschaft, wie ungekehrt die Liebe dem romantischen Subjekt integrale Analogien entdeckt. Der Liebende umarmt in der Geliebten das Universum, das Universum ist auf Grund der mikro-makrokosmischen Entsprechung „Ausdehnung“ der Geliebeten. (Vgl. Novalis 1995, S. 488 f) Novalis: „Meine Geliebte ist die Abbreviatur des Universums, das Universum die Elongatur meiner Geliebten.“ (Novalis 1995, S. 488 f.)
10 Es ist evident, dass die Arbeit neben ihrer Primärfunktion, dem Subjekt das finanzielle Auslangen zu sichern, längst eine Funktion des Inexistenzialismus erfüllt, dem es weniger mit Weltflucht, als mit der Negation von subjektimmanenten Spannungen zu tun ist. Somit übernimmt die Arbeit in ihrer aktuellsten Suchtform (des Workaholismus) die Funktion eines Inexistenzialismus, der das moderne Subjekt vor der pluralen Welt insofern in Schutz nimmt, als dass existenzielle Bedürfnisse unter der äußersten Betriebsamkeit, die der Workaholismus nun einmal mit sich bringt, begräbt. „Man verdrängt das In-der-Welt-Sein ebenso wie das Zur-Welt- Kommen durch ein permanentes Sichanfüllen mit >Themen<, >Projekten> und commitments.“ (Sloterdijk 1993, S.155)
11 Vgl. dazu Strauß 2000, S. 52
12 Mit missverstandener Romantik ist gemeint, dass Johanser, wie schon erwähnt, erstens das Symbol mit dem Symbolisierten verwechselt und zweitens den dialektischen Prozess des Romantisierens und Logarithmisierens von Welt auf das erstere beschränkt. Siehe dazu das Kapitel Die Aporien des Konrad Johanser
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