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I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
Vorspann_________________________________________________________ 2
1 Einleitung 3
2 Geschichte der Fachberatung im pluralen Trägersystem 12
2.1 Das „Berliner Modell“ im Vergleich mit anderen Fachberatungsmodellen 13
2.2 Fachberatung in katholischen Kindertagesstätten am Beispiel des Deutschen Caritasverbandes 16
2.3 Fachberatung in evangelischen Kindertagesstätten am Beispiel des Diakonischen Werkes 17
2.4 Vorbildliche Zusammenarbeit zweier Bundesverbände 18
3 Fachberatung in der „Klemme“ 19
3.1 Kein objektiv definiertes Berufsbild 19
3.2 Die eingequetschte Funktion der Fachberatung 21
3.3 Die unterschiedlichen Strategien des Zwischen-den Stühlen-Phänomens 22
3.4 Ziele, Aufgaben und Schlüsselfunktionen von Fachberatung 23
3.4.1 Das Dilemma Ziele von Fachberatung ohne ein einheitliches Beratungskonzept zu formulieren 23
3.4.2 Definition von Beratung 23
3.4.3 Aufgaben der Fachberatung auf sechs verschiedenen Ebenen 25
3.5 Weitere Kompetenzen von Fachberatung 29
4 Die Methode der qualitativen Sozialforschung 31
4.1 Vorstellung der Hypothesen 31
4.2 Kriterien der Fragebögen für die vier Zielgruppen 33
4.3 Die Auswertungsmethode 35
5 Zusammenfassung der qualitativen Interviews 37
5.1 Perspektive der Fachberatung 37
5.2 Perspektive der Träger 46
5.3 Perspektive der ErzieherInnen 49
5.4 Perspektive der Politik 53
5.5 Das etwas andere Interview 56
5.6 Die unvorhergesehenen Interviews 57
6 Auswertung der Interviews 58
6.1 Perspektive der Fachberatung 60
6.2 Perspektive der Träger 65
6.3 Perspektive der Einrichtungen 68
6.4 Perspektive der Politik 71
6.4.1 Spärlich, aber dennoch vorhanden - Empirische Befunde zu Fachberatungseffekten 73
6.4.2 Axiome zur Sensibilisierung der Politik 75
6.5 Hypothesenreflexion 77
7 Perspektiven 85
7.1 Kurzfristige Perspektive 86
7.1.1 Landesweite Kommunikationsinitiative starten 86
7.1.2 Interkommunale Zusammenschlüsse (Verbünde) für Fachberatungsstellen 87
7.1.3 Schaffung von überregionaler Transfer- und Vernetzungsprozessen 88
7.2 Mittelfristige Perspektiven 88
7.2.1 Verbesserung der Rahmenbedingungen der Fachberatung 88
7.2.2 Verbesserung der Rahmenbedingungen in den Einrichtungen 89
7.3 Langfristige Perspektive 90
7.3.1 Errichtung von kommunalen und interkommunalen Fachdienststellen 90
7.3.2 Bundes- oder landeseinheitliche Regelungen 96
7.3.3 Errichtung einer intermediären Dienstleistungsstelle „Fachberatung für Fachberatung (FfF)“ 96
8 Fazit 97
Nachtrag 102
„Wenn das Management des Unternehmens keine offizielle Qualitätspolitik festlegt,
Vorspann
Aus dem Coverdesign kann eine entscheidende Symbolik herausgelesen werden. Der in Genderperspektive gestaltete Punkt symbolisiert das i-Tüpfelchen der Fachberatung für Kindertagesstätten. In der spärlichen Literatur ist von Gesichts- und Geschichtslosigkeit 1 der Fachberatung* zu lesen. Das Berufsbild Fachberatung ist undefiniert, diffus und willkürlich. Ihr Gesicht ist hauptsächlich trägerkonform und überwiegend regional strukturiert. Im sozialpolitischen Handeln von Fachberatung fehlt noch das gewisse Etwas - das i-Tüpfelchen! Schon 1995 entflammte auf der ersten Bundeskongresstagung, der vom Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge organisiert wurde, unter Fachberatungen eine kontroverse Diskussion auf, ob Fachberatung ein Konterfei braucht oder nicht. 2 Ist diese polarisierende Profildebatte immer noch aktuell? Wenn ja, wie hat sich das Verhältnis von damals zu heute verändert? Wie würde die Fachöffentlichkeit, aber auch die Öffentlichkeit, eine gut aufgestellte Fachberatung mit überregionaler Wirkung und mit Gesicht wahrnehmen? Welche Folgen hätte es, wenn Fachberatung trägerübergreifender, offensiver, sozialpolitisch engagierter und definierter wird? Wie könnte Fachberatung den Schritt von der Hinterbühne auf die Vorderbühne schaffen? Ist die Zeit dafür reif? Welche Perspektiven, Aufgabengebiete, Rahmenbedingungen, Vernetzungspotentiale, Möglichkeiten würden sich durch eine deutlichere Gesichtsgebung herauskristallisieren?
Hauptziel dieser Arbeit ist herauszuarbeiten, ob Fachberatung die Notwendigkeit einer stärkeren Profilierung für sich selbst beansprucht, ob sie diese wünscht und wie ihre Interessengruppen sich dazu positionieren. Ziel ist herauszufinden, ob Fachberatungen sich ein einheitliches Berufsbild wünschen, auf das sie sich berufen können, wenn sie im Dschungel der Interessensmühlen das Gefühl haben, sich zu verirren. Die Notwendigkeit der stärkeren Profilierung könnte sich gerade durch die neuen Anforderungen der Trias „Bildung, Erziehung und Betreuung“ 3 inhärent ergeben. „Zu keiner Zeit waren die Anforderungen höher!“ 4 schlussfolgerte in einem Interview eine langjährige Fachberatung. Trotz gestiegener Anforderungen stellt sich die Frage, ob die im Hintergrund lodernde Profildebatte 5 überhaupt politisch gewollt ist? Kann es sein, dass das Ungenaue an Fachberatung, ihre Profillosigkeit, für die Politik angenehmer und bequemer ist? Könnte ein einheitlich definiertes Berufsbild und eine berufsständische Vertretung das fehlende i-Tüpfelchen „Fachberatung“ vor den Toren einer postmodernen Kindertagesstättenpädagogik darstellen?
Ich bedanke mich bei allen, die sich mit mir auf den Weg gemacht haben, nach Antworten zu suchen und in z. T. langen Interviews die aktuelle Situation der Fachberatung reflektiert haben. Von Interview zu Interview konnten Synergieeffekte geschaffen werden, die in dieser Arbeit dargestellt werden. Ich bedanke mich auch bei den Wenigen, die aus unterschiedlichsten Gründen heraus, nicht bereit waren, sich zu diesem Thema zu positionieren, da auch durch diese Haltung Erkenntnisse gewonnen wurden. Lieben Dank an Rebekka Fedorov, die mir unterstützend zur Seite gestanden hat. Ganz besonders bedanke ich mich bei meinem Mann, der mich in dieser Zeit, entlastet hat. Einen lieben Dank möchte ich meinen beiden Söhnen Timon (7 Jahre) und Marcel (10 Jahre) aussprechen, die zwar nicht immer, aber meistens, Verständnis hatten, weil Mama ihre Bachelorarbeit schreiben musste. Theresia Friesinger
1 vgl.: Irskens, Engler 2005, 150-152.
2 vgl.: von Devivere, Irskens 1996.
3 § 22 SGB VIII.
4 Interview Nr. 7.
5 Irskens 1995, 9 u. vgl.: BAG der Landesjugendämter 2003 „Empfehlungen zur Fachberatung“.
* Der Begriff Fachberatung wird bis auf den ersten Satz der Einleitung, ohne den Zusatz für Kindertagesstätten
der Einfachheit halber verwendet.
Einleitung 3
1 Einleitung
In unserer von gesellschaftlichen Umbrüchen gezeichneten Zeit ist eine gute qualifizierte Fachberatung für Kindertagesstätten, besonders in ihrer Scharnierfunktion zwischen Trägersystem und Kindertagesstätten, wichtiger denn je. Kindertagesstätten sind für Kinder in ihrem Alltag wichtige Lebensräume, in denen sie viel und wertvolle Zeit verbringen. Die Beziehungs-, Spiel-, Lebens- und Bildungserfahrungen, die sie dort sammeln, sollten von einer unübertroffenen Qualität sein. „Die Qualität vorhandener Bildungseinrichtungen von der Krippe an ist zu sichern und weiterzuentwickeln, dazu ist ein unterstützendes System von Fachberatung für alle Bildungsstufen zu installieren.“ 6 Immer mehr Hochschulen übernehmen den schwedischen Bildungsslogan: „Die Besten für die Jüngsten! 7 Das sind Anforderungen in einem noch nie gekannten Ausmaß, die das fachliche Herz höher schlagen lassen. Dennoch scheitern allzu oft die hohen fachlichen Ansprüche der Bildungskongresse nicht am Willen der einzelnen Vertreter von politischen Parteien oder Trägern, sondern an der finanziellen Umsetzung. Aber auch auf Grund mangelnder Ressourcen bei der Konzeptualisierung und Konkretisierung des Bildungsauftrages war Deutschland lange Zeit ein „Entwicklungsland“ 8 . Die Basis, d.h. die ErzieherInnen, ist jetzt aufgefordert den Bildungsauftrag in den Einrichtungen zu konkretisieren, das verlorene Bildungsimage zu retten, ohne dass wirkliche Standards für verbesserte Rahmenbedingungen vom Bund, Land oder von den Trägern folgen. Die Stadt Stuttgart hat für die Implementierung des anspruchsvollen innovativen „Infans-Konzeptes“ 9 zwanzig Prozent mehr Stundendeputat vorgesehen. Dafür waren die Laborkindergärten in der Pflicht, aufwändige Hospitationen durchzuführen und Multiplikatoren für andere Kindertagesstätten zu werden. Sind diese ausgedünnten Rahmenbedingungen auf Dauer in der Praxis tragbar? Kommunalisierung, neue Finanzierungssysteme, Personaleinsparungen bei steigender Qualitätsanforderung, die Verschuldung von Städten und Gemeinden zeugen von einem großen Dilemma zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Hemmen rigide und föderalistische Strukturen den fachlichen Motivations-und Entwicklungsdrang? Steckt Fachberatung durch die gestiegenen Anforderungen in der Klemme? Wie muss sie sich zukünftig positionieren? Führt das Stadt-Land-Gefälle in Bezug auf Fachberatung (je ländlicher, desto dünner ist Fachberatung gesät), zu Bildungs- und Chancenungleichheit?
Die individuelle und gesellschaftliche Bedeutung frühkindlicher Bildungsprozesse ist zu groß, um ihre Förderung allein vom Engagement einzelner Personen in den Kindertageseinrichtungen oder einzelner Träger abhängig zu machen, auch wenn dies im Einzelfall noch so unterstützenswert ist. 10 Reichere Städte und starke Träger leisten sich mehr denn je den Luxus der Fachberatung; bei den ärmeren Städten und schwächeren Trägern sind in der Regel Verwaltungsangestellte zuständig für Kindertagesstättenangelegenheiten, die dem fachlichen Niveau einer fundierten Fachberatung nicht mehr standhalten können. Auf Fachberatung, wenn der Landkreis dafür überhaupt eine Stelle vorgesehen hat, wird selten bis gar nicht zurückgegriffen. Stellenreduzierung und -abbau sowie das Austreten aus den konfessionellen Landesverbänden, weil die Kommunen sich die Fachberatung nicht mehr leisten können, sind nicht nur im ländlichen Bereich keine Seltenheit mehr. Die aktuelle Bildungsdebatte wird immer wieder auf Grund des wiederholten schlechten Abschneidens der Pisa-Studie zum Dauerbrenner. Die nun schon in die Jahre gekommene Diskussion über das neue Bild vom Kind, inszeniert durch die neuen Erkenntnisse der Hirn- 6 GEW- Landesverband Thüringen - GEW Konzept „Bildung von Anfang an“.
7 Bauer 2005.
8 Diskowski 2005, 11.
9 vgl.: Landeshauptstadt Stuttgart Jugendamt 2006.
10 Gemeinsamer Rahmen der Länder für die frühe Bildung in Kindertagseinrichtungen 2005, 3.
Einleitung 4
forschung, tragen permanent dazu bei, dass neue Baustellen eröffnet werden. Kontroverse Bildungskonzepte zum postmodernen Kind sind auf dem Bildungsmarkt. Von den Vertretern der Reggio-Pädagogik oder Freinet-Pädagogik, die Bildung als Selbstbildungsprozess betrachten, bis zum Gegenpol von Fthenakis und Gisbert, die den Bildungsbegriff ausschließlich im „Sozialkonstruktivismus“ 11 sehen, gibt es einige Bildungskonzepte zur Auswahl. Der Bildungsbegriff von Laewen und Andres und das Bildungskonzept von G. Schäfer sehen Bildung als ein Selbstbildungsprozess im sozialen Kontext 12 (Ko-Konstruktivismus) an. Wenn der Bildungsbegriff nun auch noch in der Kombination des Beziehungsaspektes (sichere Bindung) von Laewen und des Verständigungsaspektes 13 (zwischen Erwachsenen/LernbegleiterInnen und Kind) von G. Schäfer verstanden wird, steht den Uneinigkeiten nicht mehr viel im Wege, da gerade diese divergenten Ansichten zum Bildungsbegriff und seine Umsetzung in der Praxis ein Grund sein könnten, warum die Resistenz gegenüber Bildungsreformen (ErzieherInnenausbildung auf Hochschulniveau umfunktionieren) immer noch anhält. Die puritanische sozialkonstruktivistische Sichtweise könnte soziale Konstruktionsprozesse mit subjektiven Konstruktionsprozessen koppeln. 14 Der Verständigungsaspekt bei Schäfer sollte auch in Relation zu den Erwachsenen unter-einander gesetzt werden und demnach auch unter den VertreterInnen der polarisierenden Bildungskonzepten, da der Bildungsbegriff sich weder nur im Sozialkonstruktivismus erschöpft noch allein im radikalen subjektiven Konstruktivismus. Sagt nicht die Postmoderne, dass Unsicherheit die Chance zu neuen Möglichkeiten birgt?
In knapper Form soll auf diesen wichtigen Verständigungsaspekt von G. Schäfer eingegangen werden, um nachvollziehbar zu machen was darunter zu verstehen ist. Wir müssen lernen, Kinder zu beobachten, um sie nicht dauernd misszuverstehen. Wie oft kommt es vor, dass ein Kind das eine denkt und der Erwachsene etwas ganz anderes versteht. Um Ursprungsgedanken und bereits Vorhandenes beim Kind verstehen zu können, ist Beobachten unabdingbar. Ansonsten übersehen Erwachsene die Denkweise und den Ursprungszusammenhang des Kindes. Auch umgekehrt haben wir Verständigungsprobleme; wir erkennen das relativ schnell am Verhalten der Kinder. Ein Praxisbeispiel: Ein Kind wollte morgens helfen, Tee für die Gruppe vorzubereiten. „Du brauchst acht Löffel Tee“, sagte die Erzieherin. Kurze Zeit später lagen acht kleine Löffelchen fein säuberlich nebeneinander auf dem Tisch. G. Schäfer sagt treffend: „Der Bildungsprozess erschöpft sich also weder in einer Art von Selbstbildung aus eigener Kraft […]. Genauso wenig vollzieht er sich aber allein durch die Interaktionsprozesse […]. Mit-Denken, was soziokulturell bereits vorstrukturiert wurde, ist die Voraussetzung und der Beginn eines inneren Auseinandersetzungsprozesses, in dem das Mit-Gedachte mit dem biografisch bereits Vorhandenen in Verbindung und in Auseinandersetzung gebracht wird.“ 15
Alle pädagogischen postmodernen Konzepte von Laewen und Andres bis Fthenakis und Gisbert, sowie die weit verbreiteten ausländischen Konzepte von M. Carr 16 , die EEC 17 , Reggio 18 usw. sollen nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung des Wissens über Kinder betrachtet werden. Fthenakis betonte in seinem Vortrag mit dem Titel, „Bildungsprozesse
11 vgl.: Schäfer 2004, 49-51.
12 Schäfer 2004, 63 und vgl.: Laewen, Andres 2002.
13 vgl.: Schäfer 2004, 53-56.
14 vgl.: Schäfer 2004, 55.
15 Schäfer 2004, 54.
16 Carr 2001, Learning Stories - ein Bildungs- und Lernkonzept aus Neuseeland, welches die Lerndisposition der Kinder berücksichtigt.
17 British Council 2004 , Early Excellence Centre (EEC)
18 Lingenauber 2007 - Handlexikon der Reggio-Pädagogik.
Einleitung 5
zwischen Subjektorientierung und Systembedingungen“ in Tübingen am 18. Mai 2001, dass die Welt aus unterschiedlichen perspektivischen Realitäten bestünde und die Komplexität und Unsicherheit als reichhaltige Quelle von Möglichkeiten bejaht werden müsse. 19 Er plädiert für einen Bildungsbegriff, der sich von der Moderne zugunsten der Postmoderne verabschieden müsse. Alle im Bildungsbereich tätigen Personen sollen sich, getragen durch ein postmodernes reformiertes Ausbildungssystem, mit dem Bild des Kindes befassen, welches ihnen dann inhärent zugrunde läge. 20
Das derzeit stark frequentierte Wort Bildung muss in der Praxis mit dem Wissen über das postmoderne Kind, mit verbesserten Rahmenbedingungen, mit entsprechendem Entgelt, mit Materialien und Qualitätsinstrumenten, mit Supervision und qualifizierter Fachberatungsleistung umgesetzt werden. Experten und Trägerverbände dulden bereits seit langem die starke politische Zurückhaltung zur Wichtigkeit der Bildung in der Frühen Kindheit zu dem ohne solides und finanzielles Depot. Die Katholische Erziehungsgemeinschaft Deutschland (KEG) setzt sich gemeinsam mit Bildungsministerin Annette Schavan für bundeseinheitliche Mindeststandards in der frühkindlichen Bildung ein. Dazu schreibt der KEG in einer Pressemitteilung am 03.08.2007: „Bundeseinheitliche Mindeststandards im frühkindlichen Bereich müssen somit zur Folge haben, dass die Rahmendbedingungen angepasst werden. Geschieht dies nicht, so ist die Ernsthaftigkeit und vor allen Dingen die Glaubwürdigkeit einer solchen Maßnahme in Frage zu stellen.“ 21 Bund, Länder und Kommunen haben im Bildungsbereich unterschiedliche Zuständigkeiten und verteilen je nach ihrer Kompetenz und Priorität die finanziellen Mittel. Forderungen von einzelnen PolitikerInnen, Verbänden, Gewerkschaften, WissenschaftlerInnen, Fachberatungen u. a. versickern im Wirrwarr des föderalistischen Systems. Wäre hier ein azyklisches, inkonsequentes Strukturdenken gefordert? Sollten im gesamten Bildungsbereich die Länder oder noch unrealistischer der Bund die Zuständigkeitshoheit erhalten? Der angedachte nationale Bildungsplan könnte bundesweit den Rahmen für die Legitimationsgrundlage der Weiterentwicklung der Kindertagesstätten vor Ort bieten, dadurch wären einheitliche und qualitativ hochwertige Bildungsstandards flächendeckend gewährleistet. Ganz aktuell hat der Pesta-lozzi-Fröbel-Verband (pfv) am 28.09.2007 an seine Mitglieder die von Heribert Mörsberger eingebrachte Erklärung „Qualität der Kindertagesbetreuung gefährdet“ 22 verschickt. Anhand von fünf exemplarischen Themen wird aufgezeigt, wie die wachsende Schere zwischen den Rahmenbedingungen und den zurecht formulierten Ansprüchen an eine gute Kindertagesstättenbetreuung immer größer wird. Die Erklärung soll über die Mitglieder an MultiplikatorInnen, Organe der Öffentlichkeitsarbeit und politische EntscheidungsträgerInnen verschickt werden. Im Anhang dieser Arbeit können die fünf Themen, die auf der pfv-Mitgliederversammlung einstimmig verabschiedet wurden, nachgelesen werden. Was können politisch Verantwortliche unternehmen, um diese sich weiter öffnende Schere zu schließen?
Würde die in der politischen Grauzone wandelnde Schnittstelle der Fachberatung, wäre sie besser definiert, auf Bundes-, Landes-, Landkreis- und kommunaler Ebene anders wahrgenommen werden? Leben uns nicht andere Länder vor, dass ein zentralistisch geführtes Bildungssystem gut funktionieren kann? Falls langfristig diese wichtige Reformen nicht durchzusetzen sind, wie könnten Kompromisse aussehen? In welchen Bereichen würde es genügen, wenn der Bund oder das Land nur Richtlinien empfiehlt und in welchen Bereichen müsste der Bund oder das Land Vorgaben machen, weil anderenorts Entwicklungen
19 vgl.: Fthenakis Vortrag am 18..05.2001 in Tübingen.
20 vgl.: Fthenakis 2002,18-19.
21 KEG 2007.
22 Anhang A.
Einleitung 6
stagnieren oder verzögert werden? Die Tendenz der Kommunalisierung ist stärker denn je. In Baden-Württemberg werden auf Gemeinde- und Städtetagsebene immer wieder umstrittene Debatten über eine komplette Auflösung des Landesjugendamtes geführt. Demnach könnten die letzten Vorgaben vom Land abbrechen und die Kommunen könnten ihre Ge-samtverantwortung 23 ohne irgendwelche Standards und Richtlinien vom Land ausführen. Alles aus einer Hand und doch in der falschen Hand? Auf der einen Seite nehmen Kommunen die Gesamtverantwortung durchaus sehr ernst und die Qualität vor Ort ist durch die Kommunalisierung sichtbar gestiegen. Auf der anderen Seite gab es schon durch die Abschaffung der Kindergartenaufsicht in manchen Kommunen starke Qualitätseinbrüche. Der Einschätzung einer Leitungsangestellten des Landesjugendamtes nach, sind es oft die weniger reichen Kommunen, welche herausragende Kindertagesstätten vor Ort präsentieren können. Bei den reicheren Städten und Kommunen, hänge es stark von den zuständigen Personen ab und wie sie sich für diesen Bereich einsetzten. 24 Dennoch fehlt es, wie erwähnt, an vielen Stellen an der Umsetzung von ganzheitlichen Bildungskonzepten, da die teuerste Variante von den Gemeinderäten oft nicht getragen wird. Die Vorbildfunktion vieler Städte wie Stuttgart, Heilbronn, Böblingen, Sindelfingen, Reutlingen usw., welche die ganzheitlichen Bildungskonzepte vorbildlich 25 implementieren, wird von vielen Kommunen nicht akzeptiert und anerkannt. Es wird selbst von Fachleuten dementiert, dass diese Städte „krank“ seien und deshalb teure Bildungskonzepte bräuchten. Auf dem Land sind diese aufwändigen ganzheitlichen Konzepte nicht notwendig, da dort noch die Welt in Ordnung wäre. 26 Wenn die Qualität in den Kindertagesstätten überall gleich sein soll, unabhängig ob vor der Türe ein Bauernhof oder ein Asylantenheim angesiedelt ist; der Wert der Kinder, was eine Kindertagesstätte kosten darf, überall derselbe sein sollte, dann ist diese Aussage nicht wirklich zu rechtfertigen. Pluralität der Konzeptionen und Träger ist wichtig, sie dürfen sich nur nicht so extrem unterscheiden, dass sie sich gegenseitig ausstechen. Es sollten gemeinsame Überlegungen angestrebt werden, wie Qualitätsdefizite flächendeckend vermieden werden können.
Wenn eine flächendeckende Qualität gefordert wird, dann stellt sich die Frage, welches postmoderne Unterstützungssystem für Deutschland denkbar und passend wäre? Nur auf überprüfbare Standards zu setzen, würde der Komplexität des Alltags in den Kindertagesstätten nicht gerecht werden. Das Unterstützungssystem müsste die Konstruktionen und De-Konstruktionen der Einrichtungen berücksichtigen. Bis dahin ist es noch ein langer Weg, weil in allen Qualitätssicherungssystemen Qualität als etwas bezeichnet wird, was überprüfbar ist und somit universell gültig. Doch das ist es eben nicht und es lässt sich auch nicht darauf simplifizieren. Qualität muss auf menschlicher Erfahrung basieren, nicht auf Kategorisierung. Die Qualität muss über einen dialogisch reflexiven Prozess geschehen, der Sinn ermöglicht, bzw. Sinnkonstruktionen zulässt. Im Qualitätsentwicklungsprozess wird aus den Ko-Konstruktionen der Anderen gelernt, da in Beziehung mit anderen die Welt/Gesellschaft konstruiert wird. Wie genannt, kann der Bildungsbegriff sich nicht ausschließlich im Sozialkonstruktivismus erschöpfen, sondern Bildung kann nur beides sein: Selbstbildung in dem sozialen Kontext. Trotzdem ist das Gedankengut von Fthenakis für die Weiterentwicklung des Evaluationsbereichs beflügelnd. Evaluation kann nicht nur von außen bestimmt werden, sondern muss immer auch Introspektion bedeuten. Nach seiner Auffassung kommt eine entscheidende Bedeutung dem Kontext zu, somit kann Qualität nicht wie bisher als ein dekontextualisiertes Konzept 27 verkauft werden. „Evaluation ist
23 Anhang B.
24 Telefongesprächsprotokoll Nr. 3 auf CD.
25 Neuß 2007, 97
26 vgl.: Interview Nr. 5.
27 Fthenakis 2002, 31.
Einleitung 7
demnach mit Prozessen der Reflektion (sic!), der Debatte und Rekonstruktionen verknüpft.“ 28 Warum ist die Sichtweise der Postmoderne, auch wenn der Begriff nicht besonders sympathisch klingt, für diese Arbeit wichtig? Es wird deshalb darauf Bezug genommen, weil diese Sichtweise zukunftsweisend auch für die Ausbildung der ErzieherInnen sein sollte. Mit dieser Sichtweise wird die Einschätzung von Fthenakis geteilt, dass die gegenwärtigen Institutionen und Denkweisen mehr der Logik der Moderne als der Logik der Postmoderne folgen. 29 In der Postmoderne werde die Verabsolutierung des Vernunftbegriffs in Frage gestellt, die wissenschaftliche Methodik und das Postulat der Wertfreiheit in einer angeblich objektiven Welt. In der Postmoderne gebe es keine universellen Gesetzmäßigkeiten und Erfahrungen mehr. 30 Es gebe demnach nicht das typische Kind von Locke, Rousseau, Bowlby oder Piaget. Dahlberg, Moss und Pence hätten darauf hingewiesen, berichtet Fthenakis, dass diesen Auffassungen von Kind und Kindheit die Annahme eines „armen“ Kindes zugrunde liege. In der Postmoderne hätte das Kind keinen Namen und solle auch keinen haben. Das Kind aus der Perspektive der Postmoderne 31 konstruiere sich mit seinen eigenen Konstruktionen von der Welt und den Ko-Konstruktionen der anderen selbst. Es sei Mit-Gestalter von Wissen und Kultur von Anfang an. Es sei rundum kompetent; die moderne Säuglingsforschung spräche von einem „kompetenten Säugling 32 “. Von Anfang an gestalte er aktiv in Interaktion mit den anderen seine Welt und seine Umwelt mit. Kind und Kindheit müssten lt. Fthenakis als eigenständige soziale Gruppe mit eigenen Themen und Interessen betrachtet werden. Diese Stufe dieser Entwicklung hätte genau so viel Bedeutung wie alle anderen Entwicklungsstufen. Fthenakis fordert diese Autonomie des postmodernen Kindes und sieht deren Abstinenz, nach der Verabschiedung der UN-Konvention über die Rechte der Kinder, in dem noch zu geringen Stellenwert in unserer Gesellschaft. 33
Alle sprechen zwar von dem neuen Stellenwert, von einer neuen pädagogischen Haltung und vom neuen Bild vom Kind, aber noch zu wenige handeln danach. In der ErzieherInnenausbildung fehlen nach wie vor Handlungsansätze dieser neuen Pädagogik. Wie werden die Fragen des Kindes beantwortet, die so vielfältig sein können, damit nachhaltig und nach seinem Interesse das Kind gefördert wird? Haltungsresistenzen sind rigide. Wenn selbst ErzieherInnen nach absolvierten Fortbildungen zum neuen Bild vom Kind noch Schwierigkeiten mit diesem haben, wie sollen es dann die Eltern verstehen? Ist es in der Praxis schon angekommen, dass Erziehungspartnerschaft nicht nur bedeutet, Eltern als Experten zu gewinnen, sondern auch die Aufgabe der Erziehungspartnerschaft darin besteht, Eltern wertschätzend in dem postmodernen Prozess der Erziehung ihrer Kinder zu begleiten, um ihnen behilflich zu sein, sie besser verstehen zu lernen? Was nützt die Theorie, wenn sie in der Praxis nicht gelingend umgesetzt wird?
Aus o.g. Blickwinkel heraus, sind die aufgestellten sieben Hypothesen (Kap. 4.1), die als Vorlage für die qualitative Sozialforschung dienten, zu verstehen. Diese Arbeit hat nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, da das System Fachberatung nur aus der Außenperspektive wahrgenommen werden konnte. Innen- und Außenperspektiven zusammenzuführen, ist die denkbare Vervollständigung dieser Situationsanalyse.
Mit dieser Arbeit soll nicht nur ein Stimmungsbild zum professionellen Berufsbild von Fachberatung eingefangen werden, sondern die Politik soll für die vorhandenen Fach-
28 Fthenakis2002, 33.
29 vgl.: Fthenakis 2002, 19.
30 vgl.: Fthenakis, 2001.
31 vgl.: Schäfer 2005, 40-43.
32 Schäfer 1995, 33.
33 vgl.: Fthenakis 2002, 22-23.
Einleitung 8
beratungsmissstände sensibilisiert werden, da diese als Entscheidungsträgerin und Finanzier für den flächendeckenden Ausbau von Fachberatung mit verantwortlich sind. „Insgesamt ist die Zahl der internen Fachberatungsstellen zurückgegangen: Weil die Zahl der Kindertagesstätten wegen des Geburtenrückgangs gesunken ist und die finanziellen Ressourcen rückläufig sind, wurden Fachberatungsstellen gestrichen oder in Halbtagsstellen umgewandelt. Doch zeigen Umfragen, dass der Beratungs- und Qualifizierungsbedarf der MitarbeiterInnen in den Einrichtungen eher wächst.“ 34 Durch diesen Zuwachs an Beratungsbedarf ist die Relation zwischen Fachberatung und Einrichtung, wie es auch der OECD-Bericht 35 mitteilt, in Deutschland nicht stimmig. Durch die gestiegenen Anforderungen und die Vielfalt der undefinierten Aufgaben kommt Fachberatung in ein Überforderungsschemata und institutionsintern wird nicht mit ausgleichenden Maßnahmen kompensiert. In einem solchen Fall ist Fachberatung gezwungen, sich mit ihren Stärken zu profilieren, um weiterhin zu bestehen. Aus dieser Not heraus legt Fachberatung keinen Wert auf Innovation, sondern ist im Konkurrenzkampf mit anderen KollegInnen, Einrichtungen und Institutionen nur darauf bedacht, irgendwie zu überleben.
In den Städten und Gemeinden, die in fachberaterischen und ganzheitlichen konzeptionellen Zusammenhängen investieren, entstehen nach und nach Einrichtungen, die auf europäischem Niveau mithalten können. Trotz allem kann durch qualifizierte Persönlichkeiten vor Ort und durch beste Konzeptionsentwicklung die Arbeit am Kind auf Grund der vorhandenen Minimalstandards „hungern“! Auch das sind Erfahrungen, die ich schon während meiner Erzieherinnenzeit beobachtet habe. Es waren nicht immer nur die Rahmenbedingungen verantwortlich, sondern die Unzufriedenheit rührte auch aus den uneinheitlichen Vorgaben und Erwartungen vor Ort. Treffend sagte dazu ein/e ErzieherIn: „Ich fühle mich vor- und zurückgeworfen! In diesem Arbeitskreis haben wir Qualitätsmanagement, im anderen Arbeitskreis haben sie noch nicht einmal damit begonnen.“ 36 Ebenso konnte ich während des Fachberatungspraktikums Ansätze von Überforderung bei den Leitungen und ErzieherInnen erkennen, obwohl sie von Fachberatungsseite bestens bedient wurden. Fachberatung kann ihr Bestes und Möglichstes tun, kann jedoch niemals alles auffangen, was systemisch, strukturell und sozialpolitisch im Argen liegt. Und übrigens, wer fängt Fachberatung auf? Wie geht sie mit all den neuen Erwartungen und Anforderungen um? Wie zufriedenstellend kann die Arbeit unter den Sparzwängen der Politik/Gemeinden sein, trotz all der neuen Anforderungen? Wie hilft sie sich selbst?
Wirkt sich nicht das Kriterium der Mitarbeiterzufriedenheit positiv auf alle Arbeitsbereiche und in den Kindertagesstätten besonders auch auf die Förderung der Kinder aus? Wie müssen Träger, Fachberatung und ErzieherInnen kooperieren und kommunizieren, um das Optimum an MitarbeiterInnenzufriedenheit zu erreichen? Wird durch eine stärkere Lobby von Fachberatung, die primär als Lobby für Kinder verstanden werden sollte, der ganze Bereich „Frühe Kindheit“ anders wertgeschätzt werden? Wie könnte sich dieses Mehr an Wertschätzung in der Praxis wiederfinden? Wird der Personalschlüssel pro Kind steigen? Werden mehr Fachberatungsstellen geschaffen werden? Werden flächendeckend alle Einrichtungen mit ihren Einverständnissen akkreditiert werden bzw. einem postmodernen Qualitätsmonitoring 37 unterzogen werden? Werden Bundes- oder Landesmittel dafür bereitgestellt werden, weil die Kommunen allein die Kosten nicht bewältigen können? Was muss Fachberatung für dieses Mehr an Wertschätzung der eigenen Profession und der ihrer Einrichtungen unternehmen?
34 Impuls Soziales Management 2007, 4.
35 OECD-Bericht 2004
36 Interview Nr. 34.
37 Tietze 2004, 416.
Braucht Fachberatung ein Gesicht? 9
Was wollen sie?
Was wollen die Einrichtungen, die Fachberatung betreut? Was wollen die Träger? Was will die Politik?
Um dies herauszufinden habe ich mich auf den Weg gemacht.
Sensibilisiert zum Einen durch meine vorhergehende Erzieherinnenpraxis, durch mein Hochschulpraktikum bei der Fachberatung eines freien Trägers, durch die Belegung des fast einmaligen Wahlbereichs Fachberatung an der Hochschule Esslingen, durch viele Vorgespräche mit Fachberatungen, die bei unterschiedlichen Trägern angestellt sind und durch persönliche Beobachtungen in größeren, mittleren und kleineren Städten und Gemeinden. Zum Anderen war ich berührt durch die Feststellung, dass es zu diesem Thema keine neuere Literatur gibt, dass die Rolle der Fachberatung, selbst in der Bildungsdiskussion so gut wie nie auftaucht und die Tatsache, dass Studenten höheren Semesters, Elternbeiratsvorsitzende, Freunde und Bekannte mir oft die Frage stellen: „Fachberatung, was ist das überhaupt, was macht die eigentlich?“ und letztendlich, das für mich ausschlaggebende Schlüsselwort von Beate Irsken, in der sie von der Gesichtslosigkeit der Fachberatung sprach. Diese Metapher war der Anlass dieser Nische nachzugehen, das Thema zu vertiefen und in diesem Bereich eine qualitative Sozialforschung im Rahmen dieser Bachelorarbeit durchzuführen. Der Titel dieser Arbeit: „Braucht Fachberatung ein Gesicht?“ ist nur der Umkehrschluss dieses Schlüsselwortes.
Am Anfang dieser Arbeit wird die noch relativ junge Geschichte von Fachberatung mit ihrer heterogenen Trägerschaft und die daraus entwachsenen unterschiedlichen Fachberatungsmodelle vorgestellt. Das Geschichts- und Kollektivbewusstsein der eigenen Berufsgruppe ist für die Identifikation mit dem eigenen Beruf von großer Bedeutung. Der Schwerpunkt wird auf dem geschichtlich in Berlin gewachsenen „Berliner Modell“ 38 liegen. Anhand dieses Modells sollen im Vergleich Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Modelle kurz angeschnitten werden. Gleich im Anschluss wird auf die Problematik des diffusen Berufsbildes von Fachberatung aufmerksam gemacht. In diesem Zusammenhang wird auf das „Zwischen-den-Stühlen-Phänomen“ eingegangen, welches in dem Fachberatungsmodell mit Delegation der Fach- und Dienstaufsicht 39 und Beratung 40 (Linienfunktion) inhärent auftritt. Weiter soll die Schwierigkeit, ohne ein einheitliches Beratungskonzept und Berufsbild Ziele und Aufgaben zu definieren, Thema des nächsten Kapitels sein. Durch den Versuch, die Aufgaben von Fachberatung auf sechs Ebenen zu setzen, bei denen zum ersten Mal (da aus der Literatur so nicht ersichtlich) die persönliche, geschichtsbiografische Ebene als eigenständiger Aufgabenbereich besonders berücksichtigt wird; durch die Zusammenstellung weiterer notwendiger Kompetenzen, die sich auf Grund der neuen Anforderungen unabdingbar ergeben, soll nicht nur für die Wichtigkeit, sondern mittlerweile für die Unverzichtbarkeit von Fachberatung geworben werden.
Bevor die einzelnen Stellungnahmen der Interviews zusammengefasst werden, wird die Methode der qualitativen Sozialforschung vorgestellt. Die sieben aufgestellten Hypothesen werden in Verbindung mit den Fragestellungen der jeweiligen Hypothese vorgestellt. Die
38 Irskens, Engler 1992, 39.
39 Fachaufsicht: Gewährleistung der Recht- und Fachmäßigkeit der fachlichen Standards. Dienstaufsicht: Vorgesetztenstatus - Gewährleistung der arbeitsvertraglichen Bedingungen. Bei Nicht-Einhaltung können Abmahnungen und Kündigungen ausgesprochen werden. Beides wird in Linienfunktion in der Regel durchgeführt.
40 Beratung: wird in der Regel in Stabfunktion durchgeführt. Anwendungsspezifische, subjektorientierte, prozesshafte und
unterstützende Methode zur Umsetzung von fachlichen und trägerspezifischen Ziele und Standards.
Braucht Fachberatung ein Gesicht? 10
Fragestellungen dienten als Gerüst für den Fragebogen der Fachberatung und der drei weiteren ausgewählten Zielgruppen, die für die Schnittstelle der Fachberatung relevant sind. Das sind Träger, ErzieherInnen und die Politik. Im Anschluss wird auf die unterschiedliche Herangehensweise bei der Konzipierung der vier Fragebögen Bezug genommen und die jeweiligen Kriterien der Fragebögen zielgruppenspezifisch dargestellt.
Im nächsten Schritt wird auf die Prozessentwicklung bei der Paraphrasierung der Interviews hingewiesen und begründet, warum die anonymisierten Interviews nicht in den Anhang gestellt wurden.
In der Zusammenfassung der qualitativen Interviews werden die Antworten der vier Zielgruppen hintereinander gerafft dargestellt. Dazu wird das Frageraster der einzelnen Fragebögen herangezogen. Dennoch wird nicht jede Frage berücksichtigt werden können. Es werden in der Zusammenfassung nicht nur Highlights dargestellt, sondern auch die in so einem Prozess erfahrenen kleinen Rückschläge. In Erzählform wird ein Konfliktgespräch mit einem freien Träger verfasst, der grundsätzlich nicht die Notwendigkeit einer Fachberatung anerkennen konnte. Obwohl zuvor ein Termin mit der Kirchenpflegerin feststand, sie im Vorfeld über das Thema informiert wurde und noch eine Stunde vor dem Termin, dieser nochmals bestätigt werden konnte, war der Dienst habende Pfarrer plötzlich vor Ort und erkundigte sich, um was es ginge. Nachdem er über das Thema des Interviews informiert wurde, war dieser zu einem Interview nicht mehr bereit. Diesem Rückschlag werde ich mich bewusst stellen, um einerseits selbst daraus zu lernen, wie man solchen Widerständen begegnen kann, aber auch, um an diesem Beispiel, auf das z. T. noch vorhandene Klischeedenken aufmerksam zu machen. In der Auswertung werden Möglichkeiten gesucht, wie es sinnvoll gelingen könnte, das noch vorhandene Rest-Klischeedenken etwas aufzuweichen. Es müssen nicht nur Hürden im Kindertagesstättenbereich abgebaut werden, sondern eine Aufgabe ist es, zu verhindern, dass nicht noch weitere Hürden aufgebaut werden. Mit einer derartigen Trägerhaltung sehe ich diese erfahrene Realität von Hürdenaufbau als Fakt an, dem man sozial- und verbandspolitisch mit Gegenmaßnahmen begegnen müsste. In der Zusammenfassung sollen auch Besonderheiten, die während der qualitativen Interviews aufgetreten sind, berücksichtigt werden. Der Hinweis einer Leitung, sie hätte über Arbeitskreise erfahren, dass die Nachbarsgemeinde eine Fachberatung vor Ort wünsche, hat mich zu Mehrarbeit veranlasst, die zunächst so nicht geplant war. Im Zusammenhang mit dieser Arbeit wurde dieser Hinweis als wichtig eingestuft und bin, nach Abwägung der Zeitkontingente, der Bitte nachgekommen (s. Kap. 5.6 „Die unvorhergesehen Interviews“). Ganz sicher wird in der Zusammenfassung der eine oder andere wichtige Standpunkt zu kurz kommen, jedoch ist das Ziel, alle Interviews in einen fairen, authentischen und objektiven Gesamtzusammenhang zu bringen.
Die Auswertung der Interviews erfolgt nach Zielgruppen. Besonderheit ist, dass nicht auf jede Frage Bezug genommen wird. Es sollen lediglich, die aus der Zusammenfassung herauszulesenden Einschätzungen, Tendenzen und Erkenntnisse kompakt nach Zielgruppen, so gut wie möglich unterteilt, dargestellt und interpretiert werden. Da sich manche Standpunkte überschneiden und um Wiederholungen zu vermeiden, können sich in der Zielgruppenauswertung der Fachberatung evtl. auch mal Standpunkte von ErzieherInnen oder Trägern vermischen. Diese werden später nicht mehr getrennt dargestellt. Die in manchen Fällen konträr verlaufenden Positionen, Standpunkte und Einstellungen werden schwerpunktmäßig ihre Berücksichtigung finden und es sollen Überlegungen angestellt werden, wie diese überwunden werden könnten. Welche Veränderungen müssen einsetzen, um Haltungsresistenzen zu durchbrechen? Wie können Nein-Stimmen überwunden werden? Bei der Auswertung werden auf Grund der Aussagen Möglichkeiten aufgezeigt, wie z. B. ein
Einleitung 11
festgestellter Qualitätseinbruch oder der Mangel an Öffentlichkeit vom System selbst behoben werden kann. Es wird zu manchen Momenten bewusst eine konstruktiv kritische Haltung eingenommen, da nur durch eine kritische Auseinandersetzung mit Themen und Gegebenheiten, die immer schon so waren (und weil sie so waren, müssten sie so bleiben), sich neue Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten ergeben. Niklas Luhmann spricht in seiner Systemtheorie von einer doppelten Kontingenz, die in der Kommunikation beachtet werden müsse, von einer notwendigen Anschlussfähigkeit in der Kommunikation, die auf Verständnis basiere. Denn es könne immer auch anders sein, als zuvor gedacht… Kommunikation höre niemals auf, es gebe kein letztes Wort. 41 „Verstehen generiert nachträglich Kommunikation.“ 42 Bei den ausgewerteten Stellungnahmen und Kommentaren einzelner Personen setze ich auf dieses Verstehen und die daraus resultierende Anschlusskommunikation bzw. auf ein weiteres Anschlusswort der Auswertungen und den vorgestellten Perspektiven und Möglichkeiten.
Vor der Hypothesenreflexion werden die spärlichen vorhandenen empirischen Befunden zu Fachberatungseffekten vorgestellt. Fachberatungen und Trägerverbände werden anschließend aufgefordert sich Verbündete zu suchen, stärkere Vernetzungen untereinander einzugehen, damit eine flächendeckende Sensibilisierung der Politik zu diesem Thema gelingen kann. Es werden drei Axiome für eine gelingende Sensibilisierung aufgestellt. Diese sollen als Anregungen für eine organisiert angesetzte Sensibilisierung dienen und darauf aufmerksam machen, dass der lebensweltorientierte Kontext einer/s Politikerin/Politikers bei ihren/seinen politischen Entscheidungen eine nicht unwesentliche Rolle spielt, die bei der Sensibilisierung mit berücksichtigt werden müsste.
Am Ende der Auswertung soll den sieben aufgestellten Hypothesen die Hypothesenreflexion gegenübergestellt werden. Die in der Auswertung erkannten Richtungen und Tendenzen werden nun nochmals zu den bereits aufgestellten Hypothesen reflektiert. Welche Hypothesen könnten politisch verwirklicht werden? Welche waren zu illusorisch und müssten verworfen werden? Die gesamte Auswertung soll dahingehend gelingen, inwiefern die aufgestellten Hypothesen durch die Expertenaussagen mehr, weniger oder gar nicht unterstützt werden konnten. Welche Hypothesen wurden fachpolitisch als absolut notwendig angesehen? Wann wurden sie als überzogen betrachtet und in welchen Bereichen oder auf welcher politischen Ebene konnten sie sogar widerlegt werden? Ein besonderer Stellenwert wird der siebten Hypothese zur Notwendigkeit eines postmodernen Unterstützungssystems eingeräumt. In diesem Zusammenhang werden die aktuellen pädagogischen Entwicklungen und philosophischen Annahmen zum Kind, wie sie im „Projekt der Postmoderne“ 43 von Fthenakis beschrieben werden, als Anregung zur weiteren Vertiefung des Gedankenguts aufgezeigt.
Die gewonnenen Erkenntnisse und Tendenzen und die herausgearbeiteten Lösungsmöglichkeiten sollen im Kapitel Perspektiven dargestellt werden. Die Perspektiven werden
41 vgl.: Luhmann 2004.
42 Luhmann 1997, 72.
43 vgl.: Fthenakis 2001, Folie 7.
in sozialpolitische Empfehlungen oder Vorgaben verfasst und in kurz-, mittel- und langfristige Perspektiven unterteilt. Diese sollen einen Ansporncharakter haben, die formulierten fachlichen Wünsche, Vorstellungen, Zukunftsszenarien, besonders die der Fachberatungen und ErzieherInnen, in absehbarer Zeit im kollektiven Miteinander (Fachberatung, Träger, ErzieherInnen, Politik und Wissenschaft) Wirklichkeit werden zu lassen.
Im Fazit werden einzelne Hypothesen nochmals kurz reflektiert und im Zusammenhang mit
den wichtigsten Positionen kompakt dargestellt. In einem darauffolgenden Schritt werden Forschungsdesiderate aufgezählt, die in diesem Bereich notwendig wären. Im letzten Abschnitt des Fazits wird ein Appell an alle, die den Stellenwert der Elementarbildung flächendeckend auf höchstem Niveau ansetzen wollen, gerichtet. Es könnte gerade jetzt die richtige Zeit sein, sich stärker für die Profilierung des Berufsbildes der Fachberatung einzusetzen. Eine Erzieherin hat die Profilierungsfrage so ausgedrückt: Sie müssten „lauter rufen!“ 44 Mit einer Metapher aus dem Kinderbuch „Momo“ 45 wird mein persönlicher Appell ein ähnlicher und dennoch ein ganz anderer sein, da nur „rufen“ allein nicht ausreicht, wenn das Rufen auf taube Ohren stößt.
Die visionären Zukunftsentwürfe des Nachtrags können nur tragen, wenn das schon Vor-handene mit dem gedanklich Entworfenen kompatibel gemacht werden kann. In der gesamten Arbeit wird die paritätische Schreibweise unterstützt, um die postulierte Öffnung des Fachberatungs- und ErzieherInnenberufs für Männer konsequent sprachlich zu berücksichtigen. Nur in den Zitaten, in denen ursprünglich die weibliche Schreibform gewählt wurde, wird diese so wiedergegeben.
Durch die vielen Interviews hat sich mir ein besonderer Zugang zu diesem Thema erschlossen und es ist mir bewusst, dass ich mich nicht immer im erforderlichen Maße vom Thema distanzieren kann. Hieraus wurde an einigen Stellen auf die Ich-Form zurückgegriffen. Diese Arbeit kann im Fluss der Zeit, in einem sich ständig verändernden Anforderungsprofil der Fachberatung, nur als Momentaufnahme angesehen werden. Sie soll als Anregung zur Weiterentwicklung der Profession von Fachberatung verstanden werden.
2 Geschichte der Fachberatung im pluralen Trägersystem
Beate Irskens und Renate Engler sprechen in ihrem Fachbeitrag: „Von der Hinterbühne auf die Vorderbühne - Schlüsselrolle der Fachberatung in Transfer- und Vernetzungsprozessen.“ von „Ges(ch)ichtslosigkeit der Fachberatung“. 46 Bei der Jahrestagung 2004 vom Pestalozzi-Fröbel-Verband wurde festgestellt, dass die meisten anwesenden Fachberatungen, die in der Vergangenheit vorhandenen Vernetzungs- und Kooperationsversuche gar nicht kannten. Es scheint kein kollektiv gepflegtes Gedächtnis des Berufsstandes zu geben, vielleicht nicht einmal einen Berufsstand mit gemeinsam zu verortenden Identitäten. 47 Beate Irskens (ehemalige Referentin des Deutschen Vereins für öffentliche und private Vorsorge und heute Mitarbeiterin der Bertelsmann Stiftung) und Renate Engler bedauern auch, dass es keine fachliche und öffentliche Resonanz findet, wenn Stellen für Fachberatungen abgebaut, gekürzt oder umstrukturiert werden. Sie bedauern ebenso immer wieder feststellen zu müssen, wie Fachberatung an ihre Trägerorganisation geknebelt wird und berufliche Netzwerke bis zu einem Aktionsverbot behindert werden. 48
44 Interview Nr. 27.
45 Ende 1973.
46 Irskens/Engler 2005, 150.
47 Irskens/Engler 2005, 151.
48 vgl.: Irskens, Engler 2005, 151.
Geschichte der Fachberatung im pluralen Trägersystem 13
Deshalb ist mir zu Beginn der Arbeit wichtig in knapper Form in die Geschichte der Fachberatung einzutauchen. Fachberatung muss, um sich als Gruppe identifizieren zu können, ihre Geschichte kennen, auch wenn sie strukturell und z. T. auch inhaltlich unterschiedlich verlaufen ist. Fachberatung hat sich aus der Notwendigkeit der Praxis entwickelt. Ende der 30er Jahre waren die damaligen JugendfürsorgerInnen mit dem Fahrrad oder mit der Bahn unterwegs, um Kindergärten zu beraten. 49 Aus dem Zentralverband katholischer Kinder-horte und Kleinkinderanstalten Deutschland nannte sich damals schon eine hauptamtlich angestellte Mitarbeiterin als Fachberatung. 50 Nach dem Krieg waren die unterschiedlichen Träger mit ihren Aufgaben überfordert und so machten sich kompetente LeiterInnen oder Vorstände von Trägerverbänden (AWO) als BeraterInnen auf den Weg Einrichtungen und auch Träger in Ehrenamtsfunktion zu beraten. Gerade große Trägerverbände (Caritas, Diakonie), deren Fachberatungsgeschichte im Kap. 2.2 und 2.3 einzeln vorgestellt werden, entwickelten im Bereich der Kindertagesstätten einen Schwerpunkt, der von den Kommunen als Zeichen für die erbrachten guten Leistungen mit weiteren Kindertagesstätten „beschenkt“ wurde. Diese Kindergärten wurden jedoch mit städtischen Mitteln gebaut. So entwickelte sich das System der städtischen Einrichtungen mit fremder Trägerschaft. Mit der Zeit reichte eine Ehrenamtsfunktion für die Betreuung dieser neuen Einrichtungen nicht mehr aus, da nun auch verstärkt verbandliche Aufgaben, Personalmanagement und Organisationsentwicklung, dazu kamen.
In den 60er Jahren steckte Deutschland in einer Bildungskrise, so dass auch offiziell von einer „Bildungskatastrophe“ 51 die Rede war. Der 1965 eingerichtete Deutsche Bildungsrat brachte eine Empfehlung heraus, dass der „Kindergarten als integraler Bestandteil des Bildungssystems - als Elementarbereich“ 52 angesehen werden sollte. Erst 1975 wurden, per Senatsbeschluss in Berlin, Mittel zur Einrichtung von Kindertagesstätten-Beraterstellen bereitgestellt. 53 Somit hat sich anfänglich in Berlin ein Netz von Beratungs- und Fortbildungsangeboten entwickelt, das Beate Irskens als „Berliner Modell“ 54 getauft hat und das als solches in Fach- und Fachberatungskreisen bekannt geworden ist. Von allen angesprochenen Fachberatungen (n=18) kannte keine einzige das Berliner Modell. Die Bekanntmachung und die Möglichkeit der Einführung eines solchen Modells, könnten für die Weiterentwicklung eines idealen Fachberatungsmodells zukunftsweisend sein.
2.1 Das „Berliner Modell“ im Vergleich mit anderen Fachberatungsmodellen
Das Berliner Modell ist ein dreigeteiltes Angebotsnetz von Beratern für den Kindertagesstättenbereich. Alle drei Angebote stehen gleichberechtigt nebeneinander und ergänzen sich. Aus diesem Grund wird das Berliner Modell in Trägerkreisen auch als Luxusmodell diskreditiert, da es nicht nur sehr kostenintensiv ist, sondern auch einen hohen Abstimmungsbedarf erfordert. Die Ablehnung liegt hauptsächlich in der Begründung, dass das Berliner Modell nur für größere Träger wie Berlin, München oder Stuttgart geeignet sei. 55 Neben dem Ruf eines Luxusmodells ist dieses Modell im Vergleich mit den anderen wahrlich ein Sondermodell. Die anderen Fachberatungsmodelle beinhalten entweder die Delegation der reinen Beratung (Stabfunktion) oder sie haben in Personalunion die Delegation der Fach- und Dienst-
aufsicht und die Delegation der Beratung (Linienfunktion). Mittlerweile werden auch Begriffe
49 vgl.: Benstetter1995, 10.
50 vgl.: Irskens 1992, 94.
51 Diskoswski 2005, 10 in Bezugnahme auf Picht 1964.
52 Irskens/Engler 1992, 33.
53 vgl.: Irskens/Engler 1992, 33-34.
54 Irskens/Engler 1992, 39.
55 vgl.: Irskens/Engler 1992, 33-34.
von interner und externer Fachberatung 56 verwendet. Die interne Fachberatung einer Kommune, Stadt oder der freien Träger kann Stabfunktion oder Linienfunktion haben. Es gibt auch Modelle in der die Stabfunktion auch noch die Fachaufsicht beinhaltet. Mit externer Fachberatung werden neue Ergänzungswege, der in der Fläche nicht ausreichenden internen Fachberatung beschritten. Bei der externen Fachberatung handelt es sich in der
Regel um ein Fortbildungsinstitut, welches für ein vertraglich definiertes Zeitfenster, hauptsächlich die fachliche Beratung (Träger/ Kindertagesstätte), z. B. ein Qualitätsmanagementprozess für Träger und Einrichtung, durchführt.
Abb. 1 Mögliche Funktionskonstellationen von Fachberatung
In der Praxis sind verstärkt Mixed-Modelle anzutreffen, die von Träger zu Träger und von Verband zu Verband, je nach gewachsenen Strukturen, komplett unterschiedlich sein können. Beispiel eines Mixed-Modells: Für manche Einrichtungen hat die Fachberatung Linienfunktion (Fach- und Dienstaufsicht und Beratung) und für manche Einrichtungen hat die Fachberatung Stabfunktion (nur Beratung). Durch so ein Mixed-Modell ist ein ständiger innerer und äußerer Rollenwechsel nötig. Wenn eine Fachberatung gleichzeitig auch noch kommunale und freie Träger betreut, dann muss sie zusätzlich noch in jeder Beratung das Leitbild und die Identität der unterschiedlichen Träger mit berücksichtigen.
Abb. 2 Mixed-Modelle für die eine Fachberatung zuständig sein kann. Sie kann für kommunale Kindertagesstätten und gleichzeitig auch für evangelische, katholische oder andere freie Träger zuständig sein.
Beim Berliner Modell sind Stab- und Linienfunktion in zwei Ebenen getrennt und zusätzlich gibt es noch die dritte externe Ebene der Supervision und Fortbildung. Auf allen drei Ebenen sind unterschiedliche Personen für unterschiedliche Aufgaben vorgesehen. Für eine Kindertagesstätte sind demnach zwei Personen zuständig. Bei Supervision- und Fortbildungsbedarf kommt noch eine dritte zuständige Person für die Kindertagesstätte hinzu. Wenn die ErzieherInnen z. B. arbeitsrechtliche Fragen haben, wenden sie sich an die erste Ebene. Haben sie fachlichen Beratungsbedarf (weniger schwerwiegende Teamkonflikte, Konzeptionsumsetzung u. a.) wenden sie sich primär an die zweite Ebene.
56 vgl.: Impuls Soziales Management 2007.
Auf Grund dieser drei parallel angeordneten Ebenen findet kaum eine Rollenkollision statt. Beim Berliner Modell sind innerhalb und außerhalb der Institution klare Absprachen nötig und erfordern ein höheres Maß an Koordination und Verhandlungsgeschick. Dennoch hat es sich in Berlin für alle Interessenvertretungen vorteilhaft bewährt. Anfänglich hatten die ErzieherInnen Zuständigkeitsschwierigkeiten. Durch eine gute Transparenz der Aufgabengebiete hätte sich lt. Irskens dieses Problem schon nach kurzer Anlaufzeit erledigt. 57 Dieses Modell könnte durch die gestiegenen Anforderungen für viele Städte und Gemeinden richtungsweisend sein, da es durchaus auch für andere Städte und Gemeinden übertragbar wäre. Eine Stabfunktion nur für Beratung einzurichten, ist zwar etwas kostenintensiver, entspricht jedoch am ehesten dem subjektorientierten, wertfreien Beratungsgrundsatz und der Wertschätzung gegenüber den zu beratenden Personen.
Fachberatungen mit Linienfunktion empfinden den polarisierenden Rollenkonflikt durch die Zermalmung der Interessensmühlen z. T. als einen Zustand der Ohnmacht. Sie sind durch diese Rolle gezwungen, je nach Persönlichkeit, eigene Strategien zu entwickeln, um mit dieser fachlich unverantwortbaren Personalunion klarzukommen. Gerade weil Berlin sich dieses teure Fachberatungsmodell leistet bzw. aus Integrationsgründen leisten musste, haben sich um Berlin-Brandenburg herum Einrichtungen mit einem sehr hohen qualitativen Niveau entwickelt. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass viele innovative Bildungskonzepte, wie z. B. das Infans-Konzept, erst in Berlin getestet wurden, bevor sie bundesweit zum Einsatz kamen. Das „Berliner Bildungsprogramm“, 58 dient als vorbildliche Anregung für alle Bildungsplaninteressierte und war das erste Kindertagesstättencurriculum der Bundesländer. Im Gegenzug war Baden-Württemberg das Bundesland, welches als letztes Bun-desland, im November 2005, einen Orientierungsplan 59 herausgebracht hat. Dieser befindet
57 ebd.
58 Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport Berlin 2004.
59 Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg 2006.
sich bis Mitte 2009 noch in der Orientierung, bevor er endgültig mit den notwendigen Revidierungen in die Praxis umgesetzt wird.
2.2 Fachberatung in katholischen Kindertagesstätten am Beispiel des Deutschen Caritasverbandes
Die Entwicklung der Fachberatung beim Deutschen Caritasverband kann nicht in Abgrenzung der zugehörenden Philosophie betrachtet werden. Da sich die Kirche noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegen die einsetzenden Modernisierungstendenzen des Staates wehrte, waren Bestandssicherung, Legitimation und Profilierung von Anfang an die Schlüsselbegriffe verbandlicher Philosophie. Hejo Manderscheid sieht in der Auseinandersetzung zwischen den Autonomieansprüchen der Kirche gegenüber den Regelungsansprüchen des Staates die Wurzel einrichtungsübergreifender Dienste und die Anfänge von Fachberatung. 60 Mit der Zeit mussten die freien Träger immer mehr Regelungseingriffe von den Kommunen hinnehmen, da diese in die Freiheit der freien Träger eingriffen. Zuwendungen wurden mit Auflagen verknüpft, wie z. B. die staatliche Anerkennung des Fachpersonals. Erst mit dem Beschluss der Deutschen Bischofskonferenz von 1951, dass jede Pfarrei ihren eigenen „Kindergarten“ haben sollte, forcierte sich der Aufbau von trägerübergreifenden Diensten. Die Diözesan-Caritasverbände richteten nach und nach Fachreferate für die katholischen Kindergärten ein. Das vom BVerfG 1967 politisch durchgesetzte Subsidiaritätsprinzip führte zu einer weiteren Expansion des Ausbaus von Kindergärten, so dass immer mehr verbandliche Fachberatung gefragt wurde. Sie war zuständig für Förderungsrichtlinien, Umsetzung der Tarifverträge, Bauberatung, Fortbildungen der Fachkräfte und immer mehr Trägeraufgaben mussten von Fachberatung übernommen werden.
In den 70er Jahren wurde verstärkt die kirchliche Trägerschaft in Frage gestellt, worauf immer mehr kirchliche Träger diese kündigten. Der politische und öffentliche Druck auf die Einrichtungen wuchs. Der Verband musste sich gegen gesellschaftliche Strömungen wehren, aber auch gegen die Lustlosigkeit der eigenen Trägerschaft eine Kindertagesstätte führen zu wollen. 61 Die Philosophie der Bestandssicherung, Legitimation und Profilierung war dieselbe wie in der Jahrhundertwende. Die Aufgabe der Verbände war nun die Legitimation nach außen und nach innen zu sichern. Es musste ein eigenständiger kirchlicher Auftrag konzipiert werden. Von da an gewannen die religionspädagogischen Fortbildungen für die konfessionellen Kindergärten an Bedeutung. Zusätzlich wurde das Funktionalitätsprinzip zum Regionalitätsprinzip für die Fachreferate der Verbände eingeführt, was schlicht und einfach bedeutete, dass die Fachreferate die Zuständigkeit für alle Einrichtungen in der Diözese haben. Diese Matrixorganisation (regionale Zuständigkeit der Fach- und Dienstaufsicht, wobei die fachliche Beratung zentral aus dem Fachreferat angeboten wird) hat sich beim Bundesverband Katholischer Tageseinrichtungen für Kinder e.V. (KTK) durchgesetzt. Die KTK ist ein starker Bündnispartner und anerkannter Fachverband vom Deutschen Caritasverband und ist in 27 Diözesen (Landesverbänden) mit 8000 Mitgliedseinrichtungen vertreten. Die verbandliche Fachberatung ist durch die Matrixorganisation nur in Stabfunktion, also rein beraterisch für alle Einrichtungen und deren Träger tätig, dadurch liegt die Fach- und Dienstaufsicht bei den katholischen Einrichtungen konsequent bei den Trägern. Der ständig fortschreitenden Modernisierungswelle konnte die neue kirchliche Profilierung auf Dauer nicht standhalten. Die pluralistische Angebotslandschaft von Kindertagesstätten wird mehr und mehr standardisiert, vom Staat reglementiert und durch gezielte Finanzpolitik und Bedarfsplanung, von der auch eine verbandliche Fachberatung mittelbar betroffen ist, beeinflusst. Auch heute besteht wieder wie in den 70er Jahren die Tendenz,
60 vgl.: Manderscheid, 1992, 93-97.
61 vgl.: Soziographisches Institut 1962.
Die Methoden der qualitativen Sozialforschung
dass immer mehr Träger die Kindertagesstätte an die Kommune abgeben. Das gegenwärtige Mischfinanzierungssystem zwischen Staat, Kirche und Elternbeiträge trägt nicht gerade dazu bei, Spannungsverhältnisse zu reduzieren. Da Kommunen immer stärker im Rahmen von Interessenbekundungsverfahren, die Qualität der neuen und schon bestehenden freien Träger prüft, hat der Bundesverband eine Qualitätsmanagementinitiative gestartet und ein KTK-Gütesiegel 62 eingeführt, „unter besonderer Berücksichtigung des Themas: ,Umsetzung der Kinderrechte in Kindertageseinrichtungen’.“ 63 Derzeit begleitet der KTK eine Initiative zur Entwicklung bundesweit abgestimmter Qualitätsstandards für den Kindertagesstättenbereich. 64 Dennoch ist der KTK davon abhängig, dass die Träger diese nationale Qualitätsinitiative annehmen und flächendeckend in den katholischen Kindertagesstätten einführen.
2.3 Fachberatung in evangelischen Kindertagesstätten am Beispiel des Diakonischen Werkes
Johann Hinrich Wichern ein bekannter Theologe und Pädagoge konzipierte 1848 beim Wittenberger Kirchentag das Programm der Inneren Mission gegen geistliche, materielle Armut sowie gegen die allgemeine soziale Not. 65 Dafür wurde der „Centralausschuß für die Innere Mission der Deutschen Evangelischen Kirche” 66 gebildet. Durch dieses Programm wurden überall in Deutschland eigenständige Verbände der Inneren Mission mit rechtlich, sozialpädagogischen, fürsorgerischen Heimen, Anstalten und Einrichtungen gegründet. Dazu zählten auch Kindergärten. „Fachberatung im evangelischen Bereich entstand aus den Forderungen nach fachlicher und struktureller Begleitung der Basis“. 67 Jedoch erst nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges wurde das Hilfswerk der Evangelischen Kirche in Deutschland gegründet. Die Innere Mission und das Hilfswerk haben sich 1957 in landeskirchlichen Werken zusammengeschlossen und 1975 wurden sie im Diakonischen Werk der EKD vereint. Zu dieser Zeit fing auch die Etablierung von Fachberatung in der Diakonie an, da die ursprüngliche kollegiale Beratung nicht mehr ausreichend erschien. Die Angliederung der verbandlichen Fachberatung kann von Gebiet zu Gebiet ganz unterschiedlich ausfallen. In manchen Gebieten (Schwaben) ist die Fachberatung an die örtliche Diakonie angebunden. In anderen Gebieten (Württemberg) ist die Fachberatung auf Landesebene beim Diakonischen Werk angesiedelt. Im Laufe der Zeit sahen die PfarrerInnen den Kindergartenbereich außerhalb ihres Verkündungsauftrages an und setzten sich für eine trägerübergreifende Fachberatung ein. Die Fachberatung der Landesverbände hat in der Regel nur Beratungsfunktion und betreut die Träger und die Kindertagesstätten der Kirchengemeinde. Jedoch sind die Fachberatungsstellen nicht zentral wie bei den Diözesen ausgelegt. Das bedeutet, dass nicht generell für alle evangelischen Kindertagesstätten nur die beraterische Funktion gilt. Vor Ort kann in einer Evangelischen Gesamtkirchengemeinde die Fachberatung trägerspezifische Funktionen haben. So ist der Anstellungsträger der Fachberatung oft auch der Anstellungsträger der ErzieherInnen. Dieses Modell ist zunehmend auch in den Städten und Kommunen anzutreffen. Fachberatung kann je nach Aufgabenbeschreibung des Trägers die Beratungsfunktion und die Fach- und Dienstaufsicht in Personalunion haben (Linienfunktion). Sie könnte aber auch nur in Stabfunktion tätig sein oder wie in Kap. 2.1 beschrieben in einem Mixed-System tätig sein. Die 22 Evangelischen Landesverbände sind Mitglied der Bundesvereinigung Evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder e.V. (BETA), welcher ein Fachverband des Diakonischen Werkes der Evange-
62 KTK- KTK-Gütesiegel.
63 KTK 2007, 2.
64 vgl.: ebd.
65 vgl.: Diakonisches Werk der EKD 2003.
66 ebd.
67 Wildt 1995, 108.
Geschichte der Fachberatung im pluralen Trägersystem 18
lischen Kirche in Deutschland ist. BETA bündelt länderübergreifend die Qualität von Bildung und Erziehung in ca. 9000 Tageseinrichtungen. 68 Heutzutage ist die Trennlinie zwischen kommunaler Beratung und kirchlicher Beratung schwammiger geworden. Viele Fachberatungen haben den Auftrag gleichzeitig kommunale und kirchliche Kindertagesstätten/Horte und Träger zu betreuen.
2.4 Vorbildliche Zusammenarbeit zweier Bundesverbände
Trotz aller Bemühungen und Zusammenarbeit in politischen Gremien und anderen Bündnispartnern ist das Bemühen der Bundesverbände nach Abschaffung der Elternbeiträge, den Forderungen nach europäischen Standards, nach Erhalt und Ausdehnung der Fachberatungsstellen noch nicht abschließend gelungen. Mit viel Einsatz und Engagement werden dank vieler aktiver Verbände wichtige Positionen in Gesetzen und Verwaltungs-vorschriften gerade noch berichtigt. (So wurde durch verbandliche Insistenz auch das Modell D 69 des Projektes „schulreifes Kind“ mitfinanziert, damit auch die Träger der Kindertagesstätten mit finanziellen Mitteln unterstützt werden konnten.)
Wie Zusammenarbeit gelingen kann, soll anhand von zwei Bundesverbänden: KTK und BETA dargestellt werden. Beide Bundesverbände verstehen sich als die Lobbyisten der Kinder und sehen sich mehr denn je in der Pflicht ihre Philosophie der Bestandssicherung und Profilierung ihrer Kindertagesstätten, sowie den Ausbau ihrer eigenen Fachberatung zu sichern und weiter auszubauen. Mit der in den letzten Jahren angefangenen Überwindung von verbandspolitischem und ideologischem Konkurrenzverhalten, wurden immer mehr Tandem-Projekte, wie „Bildung von Anfang an 70 und gemeinsame Grundsatzpapiere verfasst. Das könnte in Zukunft die Lobby der Kinder gegenüber der Politik stärken. In einem gemeinsamen Gutachten für die Notwendigkeit von Reformen fordern sie die Neuordnung der Finanzierungssysteme und das Modell eines Staatsvertrages zwischen Bund und Ländern, da Kommunen die notwenigen Bildungsreformen nicht alleine tragen können. „Die Zukunft eines jeden Landes ist verknüpft mit der Qualität der Antwort, die es auf die Frage nach der Bildung seiner Kinder bereithält. Nur ein Land, das die Bildungsbedürfnisse seiner Kinder zentral absichert, kann seiner Zukunft zuversichtlich entgegensehen.“ 71 Beide Bundesverbände fordern vorbildlich Kirchen-, Wohlfahrts- und Trägerverbände auf, bei der Ausgestaltung eines solchen Staatsvertrages mitzuarbeiten. 72 Die schon vorhandenen gemeinsamen Projekte von KTK und BETA sind äußerst begrüßenswert, haben aber noch nicht die notwendige Resonanz erreicht, um tatsächlich in den Kindertagesstätten bessere Rahmenbedingungen zu erzielen und um Fachberatung bundesweit zu etablieren. In gemeinsamen Grundsatzpapieren wird auf die Notwendigkeit des Ausbaus von Fachberatung immer wieder hingewiesen. Außerdem wird insistiert, dass das komplexe Zuständigkeitsgeflecht unbedingt durchschaubarer werden sollte.
68 vgl.: BETA - Aufgaben.
69 In der Regierungserklärung von Günther Oettinger wurde das Projekt „Schulreifes Kind“ (Modell A-D) vorgestellt.
Modell D betrifft die Förderung der Kinder in den Kindertagesstätten ohne Einbeziehung der Grundschule. Bei Modell A-C werden die Kinder in Präventivklassen oder Sondergruppen von der KooperationslehreIn gefördert.
Es war nur vorgesehen Modell A-C finanziell zu unterstützen.
70 vgl.: BETA, KTK 2002 a.
71 BETA, KTK 2004, 12.
72 vgl.: BETA; KTK 2004, 11.
Fachberatung in der "Klemme"
3 Fachberatung in der „Klemme“
3.1 Kein objektiv definiertes Berufsbild
Das erste Kriterium für ein Berufsbild ist die Ausbildung mit den anschließenden Prüfungs-anforderungen.
Im berufskundlichen Sinne ist Fachberatung ein ,unechter Anlernberuf’, für den eine kurzfristige Einarbeitung ausreichend erscheint.
73
Trotz vieler Professionalisierungsdebatten hat sich dieser Zustand nicht wesentlich verändert. Vorbildlich sind hier die Fachverbände (AWO, konfessionellen Verbände), die stetig bemüht sind, Fachberatung zu qualifizieren und zu profilieren. Nicht desto trotz sind keine einheitlichen Ausbildungsgrundlagen für dieses Berufsbild definiert. Die Unterschiedlichkeit der Träger und das zu heterogene Arbeitsfeld dienen als Begründung für die Nicht-Notwendigkeit einer standardisierten Ausbildung. Fachberatung ist trägerübergreifend noch nicht definiert, wird aber vom Anstel-
lungsträger definiert. „Hätte der jeweilige Träger ein klares fachliches Konzept und Profil, so könnte er seine Anforderungen und die Aufgaben der Fachberatung klar mitformulieren -und es würde in vielen Fällen deutlich, dass zuwenig Funktionen und Ressourcen zur Verfügung stehen. Es müssten Prioritäten gesetzt und entsprechende Kompetenzen zur Verfügung gestellt werden. Das Unklarlassen von Aufgaben verhindert ihre Erledigung.“ 74 (fett nicht im Originaltext). Fachberatung kommt in vielen Hochschulen kaum oder nur vereinzelt in einem Wahlbereich platziert vor. An der Hochschule Esslingen wurde nach dem Projekt: „ErzieherInnenausbildung und Fachberatung“ erstmals im Wintersemester 1996/1997 ein Wahlbereichsangebot für die Arbeit in der Fachberatung und an Fachschulen 75 eingeführt, der von Jahrgang zu Jahrgang durch die Evaluationen der DozentInnen und StudentInnen detaillierter und spezifischer wurde. Schon 1996 schreibt die Projektgruppe unter der Leitung von Prof. Miedaner: „Die von einigen Interviewpartnerinnen ge-forderte Arbeit am Berufsbild von Fachberaterinnen ist dringend notwendig, da Fachberatung trotz ihres gut zwanzigjährigen Bestehens in der Bundesrepublik, bisher kein auch nur annähernd klares Berufsprofil aufweisen kann.“ 76 Fachberatungen aus der Praxis unterrichten das Fach „Fachberatung“ und geben den StudentInnen einen tiefen Einblick in dieses Arbeitsfeld. Wenn, wie die ganz wenigen internationalen Forschungsergebnisse, und besonders die aus den USA (Smart Start and Child Care in North Carolina) 77 zeigen, dass die Qualität von Kindertagesstätten mit der Leistung der Fachberatung korreliert, ist es auf Dauer nicht zu verantworten, dass kein einheitliches Berufsbild der „Fachberatung für Kindertagesstätten“ in Zukunft existieren soll. Im Fazit der Studie steht: „The information provided in this report shows that these Smart Start partnerships have been successful in improving the quality of child care and that this improvement is related to participation in Smart Start quality improvement activities.” 78 Fachberatung (Technical Assistance) war Teil des Smart Start quality-Kinderbetreuungsprogramms in über 100 Landkreisen der USA.
Ebenso wenig fachlich nachvollziehbar ist, dass im Rahmen der Hochschulreform Fachberatung deutschlandweit keinen Raum eingenommen hat und bis jetzt noch keinen Raum einnimmt. Allein die Stellenbegrenzung in diesem Arbeitsbereich, sprich die Rarität von
Fachberatung, kann nicht ausschlaggebend sein für diese Ignoranz.
Schon ein auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zusammengefasstes objektiv definiertes Berufsbild könnte die Nachfrage bei den StudentInnen, Trägern und der Politik steigen
73 Irskens 1995, 9.
74 Irskens 1995, 15.
75 vgl.: Miedaner 1996.
76 Miedaner 1996, 121.
77 Bryant 2002.
78 ebd.
Fachberatung in der "Klemme" 20
lassen. Durch ein definiertes Berufsbild wird gerade nicht der spezifische Freiraum der Gestaltung von Fachberatung gefährdet, sondern es gibt Sicherheit und Orientierung für alle.
Die Zugänge zu diesem Arbeitsbereich sind interdisziplinär und nicht einheitlich geregelt. Mannigfaltige Berufsbilder von ErzieherInnen, HeilpädagogInnen, LehrerInnen, Sozial-PädagogInnen, PsychologInnen über InformationstechnikerInnen, VerwaltungswirtInnen, Verwaltungsangestellte u.v.a. sind in diesem Bereich vertreten. Originäre Ziele von Fachberatung gibt es kaum, sie werden allein durch den Einstellungsträger bestimmt. Die Bezeichnung für das Berufsbild des Lehrers, bleibt unabhängig in welcher Schule er unterrichtet, in der Regel „Lehrer“. Es kommt lediglich die Funktion Fachlehrer oder Deutschlehrer und die Schulart dazu. Die Bezeichnung der Fachberatung ist abhängig von der jeweiligen Trägerbestimmung. Durch den ungeschützten Begriff braucht die Bezeichnung Fachberatung immer noch den Zusatz „für Kindertagesstätten“, denn Fachberater gibt es auf dem Stellenmarkt in vielen anderen Bereichen auch (Kosmetik, Industrie usw.). Mit Blick in die Vergangenheit kann festgestellt werden, dass die unklaren Bezeichnungen in der Fachbe-ratungslandschaft immer präziser wurden. Jedoch fehlt immer noch die klar verständliche Berufsbezeichnung. In den 60er und 70er Jahren gab es Ausdrücke wie „laufende Aufsicht oder Besuchs- und Reisedienste.“ 79 Auch die Berufsbezeichnung von Hebenstreit „Innova- tionsagenten“ 80 konntesich nicht durchsetzen. Heute sind Bezeichnungen wie Pädagogische/r SachberarbeiterIn, Leitung im sozialpädagogischen Dienst, Verwaltungsangestellte mit dem Aufgabengebiet Kindergartenangelegenheiten, Kindergartenbeauftragte, Bezirksleitung, Fachbereichsleitung, Sachgebietsleitung, ReferentIn für Jugend und Soziales, Kin-dergartenmediatorInnen bis hin zum/zur TeamberaterInnen oder die aktuell populärste Bezeichnung Fachberatung für Kindertagesstätten, die zusammengesetzt als Kindergartenfachberatung ebenso geläufig ist, nicht weniger verwirrend. Aus dem zuletzt aufgeführten Begriff, obwohl er der weit Verbreitetste ist, lässt sich nicht die Schnittfunktion von Träger und Praxis herauslesen, die im Fachberatungsmodell mit Linienfunktion vorhanden ist. Viele Fachberatungen sehen diese Schnittfunktion als heikel und belastend an. Irskens hat schon 1992 eine subjektive Innenschau der Fachberatung in einem ersten Zustandsbericht 81 zusammengestellt und fasst zusammen: „Druck, Unklarheit und Überbelastung, das sind die drei Begriffe, die die innere Bilanz der Fachberatung am besten treffen. Aspekte wie Freude, Kreativität und Befriedigung, Spaß und Engagement treten dahinter zurück. 82 “ Hat sich dieser Zustandsbericht verbessert, verschlimmert oder ist er gleich geblieben? Da kein zweiter Zustandsbericht durchgeführt wurde, müsste darüber erst geforscht werden. In diesem Kontext drängt sich die Frage auf: Wer hätte, außer den Fachberatungen, noch Interesse an so einem Zustandsbericht?
Der erste Bundeskongressslogan der Fachberatungen hieß schon 1995 „Mit uns auf Erfolgskurs.“ 83 Damals waren sich Fachberatungen ihrer Positionen im politischen Machtapparat schon durchaus bewusst. Könnte es mittlerweile an der Zeit sein, nicht nur eine einheitliche Berufsbezeichnung zu finden, sondern auch grundsätzlich über eine neue Positionierung von Fachberatung nachzudenken? Braucht Fachberatung nicht nur ein einheitliches Berufsbild, sondern auch noch einen eigenen Stuhl?
79 vgl.: Irskens 1995, 7.
80 vgl.: Manderscheid 1992, 102 in Bezugnahme auf Hebenstreit 1984.
81 vgl.: Engler/Irskens 1992, 105-108.
82 Engler/Irskens 1992, 107.
83 von Devivere, Irskens 1996.
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3.2 Die eingequetschte Funktion der Fachberatung
Das Bild vom Eingequetscht sein wird von Beate Irskens fast phobisch beschrieben. Die Butterstulle mit ein bisschen eingequetschtem Belag zwischen Träger- und Einrichtungsscheibe. Oder anders: Oben zu und unten zu, dazwischen eingebunden! 84 Es ist bewundernswert wie ausharrend und trotzdem flexibel Fachberatung mit Linienfunktion in dieser eingeengten Sandwich-Position ihre tägliche Arbeit verrichtet. Kann dieser enge Platz auf Dauer ausreichend und zufriedenstellend sein? Braucht Fachberatung mehr Platz? Kann Fachberatung mit Linienfunktion allen Interessenvertretungen gerecht werden? Wie dehnbar ist dieser Belag? Die Beratungstätigkeit ist das Stiefkind der Fach-und Dienstaufsicht und kann nicht schön geredet werden. Selbst der Begriff „Auf-Sicht“ implementiert schon etwas Beängstigendes. Die MitarbeiterInnen spüren deutlich die Un-terworfenheit ihrer Position. Somit kann in der Beratungssituation die Vorgesetztenrolle nicht ausgeblendet werden. Auch aus humanpsychologischer Sicht ist dieser Rollenkonflikt nicht vertretbar. Niemand der ein Konflikt mit sich selbst oder mit seinem Kollegium hat und Beratung aufsucht, wird sich dem/der Vorgesetzten in Beratungsfunktion gegenüber in dem Maße öffnen können, wie es die Grundsätze einer partizipierenden Beratung erfordern, um zu guten Konfliktabkommen und Ergebnissen gelangen zu können. In einem hierarchisch angelegten Verwaltungsaufbau wird die Fach- und Dienstaufsicht als Kontrollinstrument eingesetzt und das ist dem zu Beratenden durchaus bewusst. Fach- und Dienstaufsicht gekoppelt an Beratung sind zwei Rollen, die sich gegenseitig paralysieren und polarisieren. Viele Träger entscheiden sich bewusst für die authentischste Form der Beratung und richten dafür eine Stabstelle ein. Sie überlassen die Fach- und Dienstaufsicht dem kommunalen und freien Träger vor Ort. Braucht Fachberatung, besonders mit Linienfunktion, da sie in ihrer Funktion genau zwischen den Stühlen sitzt, gerade deshalb einen eigenen Stuhl? Könnte sie von diesem Sitz aus zielgerichteter alle Ebenen bewerkstelligen? Aus einer Metaebene besser delegieren, kooperieren, beraten, supervidieren und politisch wirksamer sein? Wie muss Fachberatung kooperieren, um partnerschaftlich mit anderen Berufsgruppen ein Recht auf einen eigenen Stuhl bzw. eigenes Managementsystem zu haben? Irskens bedauert, dass nach dem zweiten trägerübergreifenden Kongress 2000 in Erfurt „keine initiierenden Impulse auf Bundesebene“ 85 stattgefunden haben. Weiter schreibt sie: „Als Berufsgruppe, deren Profil ganz eng an die Entwicklung des Elementarbereichs angebunden ist, hat es Fachberatung, haben es die Träger versäumt, eigene Profile sichtbar zu modellieren, Qualifizierungsanforderungen zu benennen und in die Fachdiskussion einzubringen.“ Entscheidungskompetenzen müssen da angesiedelt werden, wo die Einzelprobleme entstehen. Fachberatung sollte nicht als „Mädchen für alles“ 86 missbraucht werden. Arbeitszeitfressende Aufgaben, wie die Suche nach Vertretungskräften, Personaldienstpläne zusammenstellen und andere ähnliche Aufgaben könnten an die LeiterInnen delegiert werden.
Durch klare Aufgabenbeschreibungen und Entlastungsstrategien kann Fachberatung sich auf wichtigere Aufgaben, wie aktuelle Fortbildungsprogramme konzipieren oder innovative pädagogische Konzepte in die Praxis umsetzen, konzentrieren. Sie hätte Freiräume, um sich verstärkt Themen zu widmen, die in ihrem Tätigkeitsfeld nur marginal vorgesehen sind. Das wären unter anderem: aktuelle politische Fragen aufgreifen, die Qualitätsaufgabe vorantreiben, einen Fachartikel schreiben, mit Wissenschaft und Hochschulen zusammenarbeiten usw. Kann ein Paradigmenwechsel geschaffen werden, wenn Fachberatung die Zwischenfunktion bewusst verlässt und eigene Ziele verfolgt? Um qualitativ zu punkten, sollten Träger ihren Fachberatungen den Freiraum für fachlich gut überlegte Entschei- 84 Irskens/Engler1992, 14.
85 Irskens/Engler 2005, 151.
86 Irskens/Engler 1992, 121.
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dungen überlassen und sie nicht ausbremsen. Vorausschauende Träger bieten ihren Fachberatungen den Stuhl an, der ihnen gebührt.
3.3 Die unterschiedlichen Strategien des Zwischen-den-Stühlen-Phänomens Trägerspezifische Aufgabengebiete können Fachberatung dahingehend verändern, dass sie den Trägern näher stehen als ihren MitarbeiterInnen. Eine solche Fachberatung geht personalpolitisch „über Leichen“. Sie stimmt den Trägern zu, z. B. nur noch befristete Arbeitsverträge anzubieten, selbst bei Neubesetzungen. Personalpolitische Entscheidungen werden nicht immer fachlich begründet. Nimmt ein/e ErzieherIn nach der Elternzeit seinen/ihren Anspruch auf seine/ihre Stelle wieder wahr, muss der/die befristet eingestellte Kollege/Kollegin wieder gehen, ohne dass Fachberatung die Chance hat, mit dem Träger und dem Team auszuhandeln, was für die jeweilige Einrichtung am Besten wäre. Vielleicht wäre es sinnvoller den/die MitarbeiterIn in der Einrichtung zu lassen, weil das Team nach viel Personalfluktuation endlich zusammengefunden hat. Die/der MitarbeiterIn, die seinen/ihren Anspruch geltend macht, könnte in einer anderen Einrichtung, die neues Personal braucht, untergebracht werden. Durch dieses Beispiel soll nur der mögliche Handlungsspielraum von Fachberatung aufgezeigt werden, wenn sie fach- und nicht personalpolitisch entscheiden dürfte. Der zunächst befristete Vertrag des/der Mitarbeiters/Mitarbeiterin könnte durch diese Strategie in einen unbefristeten Vertrag übergehen. In all diesen Fällen steckt Fachberatung in der Klemme. Da sie keinen eigenen Stuhl hat, trotz der Fach- und Dienstaufsicht, hat sie diesbezüglich keine Kompetenzen und keinen Etat. Sie weiß zwar, was fachlich richtig wäre, kann aber aus personalpolitischer und finanzieller Sicht darauf keine Rücksicht nehmen. Da sie in dieser Klemme nicht eigenständig handeln kann, kann sie keine Lösung für die Situation entwickeln. Sie wird den Befehl „von oben“ akzeptieren und den/die befristete/n MitarbeiterIn kündigen, obwohl das Team mit dieser Entscheidung nicht konform geht.
Andererseits wird Fachberatungen mit vorangegangener ErzieherInnenausbildung von Trägerseite nicht selten unterstellt, sie würden sich zu sehr mit ErzieherInnen solidarisieren. Für den Erfolg von Fachberatung ist eine Überidentifizierung mit der eigenen Berufsgruppe oder den MitarbeiterInnen, die sich gegen hierarchische Strukturen verschwören, genauso schädlich wie eine machtbezogene Identifizierung mit dem Träger. Klare Abgrenzung, klare Absprachen, klare Ziele, Aufgabenbeschreibungen und eine klare Position aus der Metaebene kann Fachberatung aus diesem Zwiespalt befreien, ohne sich von den überzogenen Erwartungen der Anderen einschüchtern zu lassen. Ein transparentes Nein zu bestimmten Aufgaben, pädagogischen Richtungen und Projekten wäre aus der Position eines eigenen Stuhls leichter zu kommunizieren als aus der „Belagsposition“. Auf einer Fachtagung im Kontext der Projektüberflutungen, die auf Fachberatungen zukommen, sagte ein/e ReferentIn: „Das Mittel gegen die Krankheit ,Projektitis’ heißt ,Ignoritis’“ 87 .
Fachberatung kann sich in ihrer eigenen Aufgabenbeschreibung begrenzen und innerhalb dieser Beschreibung versuchen, realistische Erwartungen zu erfüllen. Sie muss aber auch die Feuerwehrfunktion gewährleisten, da sie auch dafür prädestiniert ist. Dennoch muss sie Sorge für sich und für ihre Zielgruppen tragen, nicht in ihr zu verbrennen. Den Umgang mit den Interessensmühlen kann Fachberatung nur mit einem hohen Maß an Integrität und Professionalität souverän meistern. Eine Fachberatung mit Linienfunktion, die erst seit zwei Jahren diesen anspruchsvollen Beruf ausübt, sagte im Interview: „Es ist die Herausforderung der Herausforderung! Ich hatte die Vorstellung wie es gehen könnte, jetzt habe ich die Vorstellung wie es geht! Ich bin in diesen Beruf hineingegangen mit der bewussten Entscheidung, dass das Ganze, durch meine Haltung, eine Chance hat. Das tue ich, indem
87 Aus Anonymitätsgründen wird auf das Zitieren verzichtet.
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ich verschiedene Aspekte offen äußere. Aus Sicht der Fachberatung sieht es so aus, aus Sicht des Trägers sieht es so aus. Auf Grund der Rahmenbedingungen, die ein Träger hat, versuche ich dann zu schauen, was können wir trotz alledem … umsetzen.“ 88 Diese beschriebene Haltung kostet viel Kraft und ist in der Tat ein Balanceakt. Im Rahmen eines Fachberatungsprojekts „Balanceakt Fachberatung“ an der Hochschule Esslingen, unter der Leitung von Lore Miedaner, wurden die komplexen Erwartungen an Fachberatungen abgefragt: „Am Anfang habe ich gedacht, da sitzt man furchtbar zwischen den Stühlen….ich weiß sehr wohl, welches mein Stuhl ist, und ich argumentiere nie nur im Sinne der ErzieherInnen oder Träger, sondern ich versuche, vermittelnd zu arbeiten. 89 Für manche mag die Klemmsituation weniger belastend sein, für manche scheint der Platz so eng zu sein, dass es sich wie in einem Schraubstock anfühlen muss und deshalb komme nur der eigene Stuhl in Frage 90 . Jedoch um zu wissen, auf welchem Stuhl sie eigentlich sitzt, muss sie sich ihn erst immer wieder vor Ort erkämpfen, was mehr oder weniger gelingen kann. „Ich brauche viel Platz und habe hier meinen eigenen Stuhl!“ 91 Diesen eigenen Stuhl konnte von acht befragten Fachberatungen nur eine einzige langjährige Fachberatung, die nur die Trägerberatung ausübt, für sich allein beanspruchen.
3.4 Ziele, Aufgaben und Schlüsselfunktionen von Fachberatung
3.4.1 Das Dilemma Ziele von Fachberatung ohne ein einheitliches Beratungskonzept zu formulieren
Neben dem fehlenden Berufsbild existiert für diesen Beratungssektor keine „einheitliche Beratungstheorie.“ 92 Da es keine aufbauende Hochschulausbildung zur Fachberatung gibt, kann Fachberatung ihre Tätigkeit und ihre Weiterbildungsorientierungen aus einem mannigfaltigen Nebeneinander und interdisziplinäres Durcheinander an Weiterbildungsangeboten schöpfen oder auch nicht. Praxisberatung hantiert aus den unterschiedlichsten Beratungsansätzen heraus und entwickelt jeweils eine eigene subjektive Theorie, die durchaus praxistauglich sein kann, jedoch nicht immer übertragbar ist, weil die jeweilige Persönlichkeit der Fachberatung sie für ihre zugeschnittene Stelle erschaffen hat. Brunner spricht hier von „einer gewissen Methodengläubigkeit und der Ablehnung einer wissenschaftlichen Orientierung“ 93 gerade in der Profession der Fachberatung auf Grund von einer fehlenden anwendungsbezogenen Beratungstheorie. Für Fachberatung, da sie nicht nur qualitativ sehr differenziert arbeitet, sondern auch in der Quantität mittlerweile repräsentativ ist 94 , sollte ein spezielles humanwissenschaftliches Beratungskonzept entwickelt werden. Kritische Stimmen könnten hier vermerken, dass Erfahrungswissen nicht an einer Hochschule gelernt werden kann. Dennoch wären Theoriekenntnisse mit dem dazugehörenden Handwerkszeug sinnvoll, um später in der Praxis, die Theorie in Erfahrungswissen umzusetzen. Diesen Spagat zu schaffen wäre die Herausforderung einer solchen Ausbildung.
3.4.2 Definition von Beratung
Wie könnte die Definition von Beratung für die Beratungsaufgabe der Fachberatung aussehen? Die Definition von Beratung, ob mit Stab- oder Linienfunktion, sollte aus dem Verständnis der Selbstgestaltung und Vertrauen in die Denk- und Lenkfähigkeit der Subjekte heraus definiert sein. „Beratung…. Ist eine professionelle, wissenschaftlich fundierte
88 Interview Nr. 6.
89 Miedaner 2002, 6.
90 vgl.: Interview Nr. 36.
91 ebd.
92 Brunner, Schönig 1990.
93 Laewen/Andres Projekt 1997, 19.
94 Irskens/Engler 2005, 151.
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Hilfe, welche rat- und hilfesuchenden Einzelnen und Gruppen auf der Basis des kommunikativen Miteinander vorbeugend, in Krisensituationen sowie in sonstigen Konfliktlagen aktuell und nachbetreuend, dient. Somit darf Beratung keinesfalls bestimmte Entscheidungen dem Ratsuchenden aufdrängen, bzw. diese durch offenen oder verdeckten Machtmissbrauch erzwingen. Kennzeichnend für das spezifische dieses Kontaktes ist, dass die Probleme des Ratsuchenden den Mittelpunkt bilden“. 95 Aus diesem Hintergrund heraus ist der Berater auf dieselbe Ebene zu stellen wie der zu Beratende. Er ist in demselben Maße kognitions-, handlungs- und entscheidungsfähig. Wenn eine Beratung versagt, dann wurden bestimmte Aspekte, Perspektiven und Kontingenzen noch nicht ausreichend betrachtet.
Durch die fehlende Beratungstheorie und durch die allgemein fehlenden berufsethischen Prinzipien kann Fachberatung je nach Design ihres Menschenbilds sich die Beratungsziele selbst setzen. Die Ziele von Fachberatung leiten sich von ihrer subjektiven Handlungskonzept und -kompetenz ab. Eine Fachberatung mit Linienfunktion hat andere Ziele, als wenn sie nur die Delegation der Beratung auszuführen hat. Die Ziele sollten so definiert sein, dass der Zu-Beratende die letzte Entscheidungskompetenz hat. Sie sollten bürgerorientiert, im Sinne der Allgemeinheit und zum Wohl des Kindes ausgerichtet sein. Sie sollten aus der Beratungsbeziehung heraus entwickelt und gemeinsam definiert werden. Die selbige Zielmethode sollte auch für Trägerberatung und andere Beratungskonstrukte gelten. Das Ziel der Beratung muss impulsgebend, prozess- und strukturbegleitend sein. Der zu Beratende muss als Subjekt seines eigenen Denkens, Fühlens und Handelns und als Ko-Produzent des Beratungsergebnisses betrachtet werden. Das Ziel eines solchen Beratungsprozesses, in der der zu Beratende selbst zu Konsensschlüssen fähig ist, wird ein anderes sein, als wenn durch Träger oder durch die Persönlichkeit der Fachberatung eine bestimmte vorgeschriebene Zielrichtung im Vorfeld ausselektiert wird. Fachberatungen mit Linienfunktion argumentieren oft, dass sie in bestimmten Beratungsmomenten mit reiner Beratung nicht weiterkommen und sehen sich im Zugzwang einer notwendigen Rehabilitation der Einrichtungen gezwungen, arbeitsrechtliche und fachliche Vorgaben zu unternehmen, die sie für richtig bzw. trägerrichtig erachten. Wie wird ein solches Verhalten von den MitarbeiterInnen der Einrichtungen getragen? Wie weit ist Fachberatung durch die Linienfunktion von der Basis entfernt? Kann prinzipiell dieses Doppelmandat für soziale Einrichtungen gerechtfertigt sein, besonders wenn Beratung aus dem autopoetischen und subjektorientierten Hintergrund geschehen soll? Welche zufriedenstellenden Lösungen könnten sich anbieten? Wie kann eine partnerschaftliche, gleichwertige, dennoch nicht gleichartige Beziehung, trotz Hierarchiestrukturen, gelingen? Kann sie überhaupt gelingen? Diese Fragen werden in der Auswertung der Interviews erörtert, weil sie in der Praxis für die Beziehung zwischen Fachberatung und ErzieherInnen von großer Bedeutung sind und für ein Gelingen der pädagogischen Arbeit am Kind mitverantwortlich sein könnten.
Im Zehnten Kinder- und Jugendbericht ist Fachberatung vorrangig als „Dienstleistung zum Wohle des Kindes definiert“. 96 Aus dieser allgemeinen Aussage resultieren nicht nur eigene zu verfassende Ziele in Übereinstimmung mit dem Träger zur Effizienz, Wirtschaftlichkeit, Organisationsentwicklung, Ansehen, Gemeindearbeit, Religionspädagogik, Integration u. a., sondern könnten auch viele übergeordnete Folgeziele definiert werden. Diese werden nachfolgend ohne weitere Erläuterung nur benannt:
Einrichten einer länderübergreifenden Steuerungsgruppe zur Gründung eines bundesweiten Berufsverbandes für Fachberatungen.
Qualitätsansprüche der unterschiedlichen Interessen durchsetzen und sichern.
95 Brem-Gräser 1993, 15.
96 Zehnter Kinder- und Jugendbericht 1998, 208 f.
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Weiterentwicklung der Kindertagesstätten durch ganzheitliche Konzepte und Fortbildungen. Weiterentwicklung von regionalen, überregionalen und bundesweiten Arbeitskreisen in eigener Sache und in Interessen der Zielgruppen.
Bundesweites einheitliches Berufsbild gründen, um als Lobbyisten der Kinder politisch stärker anerkannt zu werden.
Organisation und Mitgestaltung von Bundesfachtagungen etc.
3.4.3 Aufgaben der Fachberatung auf sechs verschiedenen Ebenen
Die Aufgaben von Fachberatung werden in sechs Ebenen dargestellt. Die Ebenen stehen gleichwertig nebeneinander, obwohl in der Praxis die eine oder andere Ebene, je nach Aufgabenbereich stärker in den Vorder- oder in den Hintergrund tritt. Eine Äquilibration der Aufgabenverteilung zwischen allen sechs Ebenen zu schaffen würde einem Ideal entsprechen. Die Ebenen können nur in Wechselwirkung verstanden werden. Sie bedingen sich und schließen sich nur in ganz seltenen Fällen gegenseitig aus. Eine fachpolitische Entscheidung eines Gemeinderats der Ebene drei hat Auswirkungen auf die Ebene eins des Kindertagesstättenbereichs. Anders herum kann die Kindertagesstätte sehr viel dazu beitragen, dass eine Kommune mit dem Emblem Kinderfreundlichkeit ausgezeichnet wird.
1) Ebene der Kindertagesstätten
2) Ebene der Träger (kommunale Träger, freie Träger, örtliche oder überörtliche Jugendhilfeträger, Fachverbände, Trägerverbände usw.) 3) Ebene der Institutionen und der Gremien 4) Ebene der Öffentlichkeit 5) Ebene der Verwaltung 6) Persönlichkeitsbedingte Ebene
1) Ebene der Kindertagesstätten
Eine primär wichtige Aufgabe auf dieser Ebene ist die fachliche Beratung von MitarbeiterInnen und Eltern in allen Fragen und Schwierigkeiten des pädagogischen Handelns. Da Bildung ein lebenslanger Prozess ist, kann im Angebot „lebenslanges Lernen“ eine neue wichtige und impulsgebende Aufgabe von Fachberatung gesehen werden. Sie gestaltet durch Team- und Einzelfortbildungen die Lernentwicklung von ErzieherInnen mit und trägt dazu bei, dass diese ihre eigene Bildungsbiografie reflektieren und darauf aufbauen.
Eine bedeutsame Aufgabe auf dieser Ebene ist die ständige Weiterentwicklung von Fortbildungskonzeptionen für die Einrichtungen. Der Orientierungsplan von Baden-Württemberg, der bis 2009 in den Einrichtungen implementiert wird, soll hier beispielhaft dargestellt werden. Fachberatung entwickelt zu den vorgegebenen Entwicklungsfeldern 97 des Baden-Württembergischen Orientierungsplans eigenständige z. T. auch ganzheitliche Fortbildungskonzepte oder sie bucht vorausschauend Indoor-Seminare bei den Fachverbänden (Kommunaler Verband für Jugend und Soziales - KVJS, Ev. Landesverband Baden-Württemberg, Kath. Landesverband Baden Württemberg u. a.). Fachberatung versteht diese Aufgabe als Innovation und sieht sich in der Pflicht diese auch zeitnah und vorbildlich umzusetzen. ErzieherInnen ohne Fachberatung vor Ort sind auf den Träger angewiesen oder werden von selbst aktiv. Träger mit interner Fachberatung haben z. T. schon vor 2006 mit den Fortbildungen begonnen. Manche Träger ohne Fachberatung wissen, dass sie die Fortbildungen brauchen, haben aber auf Grund der langen Implementierungszeit erst Mitte 2007 oder noch gar nicht damit begonnen. ErzieherInnen sind es leid, die Träger auf Vorgaben vom Land aufmerksam zu machen, die eigentlich selbstverständlich sein sollten.
97 Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg 2006, 66.
Arbeit zitieren:
Theresia Friesinger, 2008, Braucht Fachberatung ein Gesicht?, München, GRIN Verlag GmbH
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