oder zumindest indirekten (gesuchten) Erfahrungsbereich Jugendlicher 4 , bedürfen nicht wiederum einer Motivation und können emotional besetzt werden. Sie bringen ein existentielles Potential mit und stoßen direkt in das Ringen um Identität und eigene Persönlichkeit. In ihrer Ironie und ihrem Witz kommen sie dem menschlichen Bedürfnis entgegen, über menschliche Fehler und Schwächen zu lachen, aber auch die eigenen Unzulänglichkeiten humorvoll zu betrachten.
So ergeben sich nicht nur Leit- und Gegenbilder, Identifikations- und Abgrenzungsobjekte 5 , sondern vielschichtige Formen, wobei der Transfer wirklich in das Leben und aus ihm stattfindet, nicht im Kollektiv und nicht immer in ein vorgefertigtes Tafelbild umgießbar, aber greifbar, nachwirkend und aus einem echten Dialog erwachsen. Antike wird erspürt und erlebt. Eine gründliche philologische Werkinterpretation des Lehrers ist eine notwendige Vorstufe 6 , bevor er die didaktischen Umsetzungen prüfen kann. Zuerst sollte er die verschiedenen Deutungsmöglichkeiten des Textes kennen und auszuloten verstehen. Es gilt dann in einem zweiten Schritt (was didaktisch schwierig ist), die vielfachen sprachlichen und inhaltlichen Pointierungen, Brechungen, Vielschichtigkeiten und Spielarten von Witz und Ironie aus dem Schüler zu erfragen, sie ihm also nicht überzustülpen. Hier ist starke didaktische Reduktion erforderlich.
Gerade bei Martial können zudem in Partner- und Gruppenarbeit, bei der überschaubaren Textmenge und hohen Dichte in Inhalt und Stil, auch eigene Interpretationsansätze gewonnen und kreativ präsentiert werden. Man kann so Gängelung und Kleinschrittigkeit in der sonst üblichen Lehrer-Schüler-Interpretation vermeiden, auch wenn das Optimum in der Schülerinterpretation nicht immer erreicht wird.
Für die Lektüre von Martial sollte der Lehrer ein großes Maß an Textwissen und Interpretationsfähigkeit, Methodenvielfalt und pädagogischem Geschick, aber auch an persönlicher Leichtigkeit, Lebendigkeit und Aufgeschlossenheit mitbringen. Fachwissen und Fähigkeiten zur Interaktion und Humor sind gefragt. Bei unserem Autor könnte der Satz von Schmitz zutreffen: „Nicht der Text muß aktualisiert werden, sondern der Altphilologe.“ 7 Die fachwissenschaftliche Werkinterpretation und verschiedene Möglichkeiten der didaktischen Textbehandlung und -umsetzung werden im Folgenden am Epigramm VI 39 aufgezeigt: 8
2
Marulla machte dich, Cinna, zum Vater von sieben „Nicht-Kindern“: Denn kein einziges stammt von dir, und es ist auch kein Sohn dabei von einem Freund oder Nachbarn, nein, auf Pritschen und auf Matten gezeugt, verraten sie in ihren Gesichtern die Fehltritte ihrer Mutter. Der hier, der Maure, der mit krausem Haar daherkommt, kann nicht verleugnen, daß er der Sprößling Santras, des Kochs, ist. Doch jener mit der platten Nase und den wulstigen Lippen ist exakt das Abbild von Pannychos, deinem Trainer im Ringen. Daß des Bäckers Sohn der dritte ist, wer wüßt` es nicht, der den triefäugigen Dama kennt und vor sich sieht? Den vierten mit der schwulen Miene und dem blassen Teint hat dir dein Lustknabe Lygdus gezeugt:
treib´s, wenn du willst, mit deinem eignen Sohn: das ist kein Verbrechen. Aber der hier mit dem spitzen Kopf und den langen Ohren, die so beweglich sind wie sonst nur bei Eseln, wer kann bestreiten, daß er der Sohn des Hausnarren Cyrta ist? Die beiden Schwestern dort, die schwarze und die rote, sind die Töchter von Crotus, dem Flötenspieler, und von Carpus, deinem Pächter.
Schon hättest du die Schar der Niobiden voll, wären Coresus und Dindymus nicht Eunuchen. 9
Werkinterpretation
Pater gibt das Leitthema an und steht wie eine Überschrift vor dem Poem. Die Mutter fügt sich mit Namensnennung 10 an, bevor Cinna 11 die erste Einheit beendet. Es entsteht, verstärkt durch den Inreim, der Eindruck, als umschließe Cinna beschützend seine Frau und stehe zugleich im Mittelpunkt der Familie (Spiel mit der pater familias Vorstellung). Die Erwartungen des Lesers zielen
3
auf ein inniges Familien- bzw. Grabepigramm ab. Factus es ist Feststellung und rechtliche Tatsache und eröffnet mittels der Du-Form eine fiktive Anrede durch die Sprecher-persona, um Unmittelbarkeit herzustellen, bevor septem 12 , noch inhaltlich unbestimmt, den Vers schließt. Die Erwartungen des Lesers gehen auf Kinder hinaus, die den Kreis der Familie erweitern und ihr (römische) Qualität verleihen.
Non liberorum bildet die erste verblüffende polysemische Pointe: es sind Kinder, die nicht von Cinna gezeugt wurden, und zugleich solche, die selbst nicht frei sind, da sie von Nicht-Freien stammen. 13 Das themengebende pater vom Gedichtanfang bekommt somit rückwirkend seine ironische Einfärbung, zugleich freut sich der Leser, durch namque schon angedeutet, auf eine möglichst schlüpfrige und ausmalende Darstellung des Geschehens. Nec tuus quisquam nec est amici filiusve vicini ist negativ feststellend und damit eindeutig verstärkend 14 : der innere Kreis über Familie und Freunde ist schon bis zu den römischen Bekannten und Nachbarn ausgeweitet, die alle nicht als Väter in Betracht kommen. Der äußerste römische Kreis endet mit dem Vers. So bleiben nur die Nicht-Römer im eignen Haus übrig. Der Leser erwartet eine witzige Aufklärung. Das antithetische sed leitet sie positiv ein. Die Metapher in grabatis tegetibusque ist durch die Merkmale (+)ärmlich, (+)sklavisch, (+)heimlich, (-)unehelich, (-)unrömisch besetzt. Mit concepti zusammen gaukelt sie dem Leser geile Bilder vor Augen, über die er mehr erfahren möchte (Spiel mit Andeutungen und Assoziationen).
Materna führt das concepti-Motiv weiter, wobei das folgende produnt vorbereitet, das Heimlichkeitsmotiv aufzudecken. Capitibus suis sagt das Instrument an, womit sich die Geheimnisse der Herkunft lüften lassen. Es wird von jetzt an als eindeutig und beweiskräftig angenommen: Individualität und Herkunft einer Person zeigen sich im Gesicht, an den verschiedenen Sinnesorganen des Kopfes, an Kopfform und Haaren. Furta schließt mit weitem Hyperbaton und syntaktischem Endreim die Sinneinheit. Es fasst Heimlichkeitsmotiv 15 und Untreuemotiv von weiblicher Seite zusammen, bringt aber auch zur Sprache, dass Cinna als römischem Mann angeblich die Möglichkeit gestohlen ist, sich fortzupflanzen und somit Römisches weiterzugeben. Fortzupflanzen scheinen sich hier die Nicht-Römer. Der Leser ist durch capitibus suis animiert, nun witzige und pointierte Beispiele zu erfahren, wobei die Täter (Marulla) - Opfer (Cinna) Rolle offensichtlich festgelegt ist (Spiel mit Sympathien).
Im Weiteren ist, wie in einer Komödie, vor Cinna und der Sprecher-persona (sowie vor dem Leser) eine Bühne aufgeschlagen: auf ihr ziehen die sieben Kinder (ironisches Spiel mit der Zahl der Vollkommenheit) nebst ihren Vätern vorbei. Martial verfolgt nicht das concepti-Motiv weiter, legt also nicht den Schwerpunkt auf obszöne Bilder. Natürlich werden Vorstellungen frei, wie und unter welchen Umständen die Kinder gezeugt wurden. Aber das dient Effekten, die vornehmlich komisch und skurril wirken sollen.
4
Hic, qui eröffnet den lustigen Reigen der Beispiele. Der Ablativus qualitatis retorto crine und das Attribut Maurus beschreiben einen schlanken und zarten nordafrikanischen Jungen. Fatetur nimmt das Motiv von Untreue und Diebstahl (furta) wieder auf. Der Junge bekennt gleichsam durch das Aussehen seine unbestreitbare Herkunft. Der umschließende AcI subolem .. esse se vermittelt diese als Tatsache. Coci Santrae setzt eine witzige Vorstellung frei, wie ein Negerkoch wohl aussieht, der in seinen Töpfen herumhantiert und Koteletts absäbelt: groß, dick und schwarz. Die Vorstellung vom schlanken Jungen wird ironisiert. Gleichzeitig wird das concepti-Motiv belebt: man stellt sich die Zeugung zwischen Herd und Hackklotz vor. 16 Der Phantasie sind kaum Grenzen gesetzt.
At nimmt die Antithese von sed wieder auf. Sima nare, turgidis labris vermittelt wieder witzige und direkte Bilder, wobei zuerst eine gewisse Ähnlichkeit zum Koch beabsichtigt scheint. Ipsa est imago ist die stärkste Wendung für vollkommene Gleichheit: Es kann und darf kein Zweifel über die Vaterschaft aufkommen. Das alliterierende Pannychi 17 (die ganze Nacht lang) palestritae trägt mehrfache Pointen in sich: Die Ähnlichkeit zum dicken afrikanischen Koch wird revidiert. Man sieht einen gedrungenen, muskulösen Griechen, mit dem die Hausfrau auf eine ganz besondere Art ringt. Die platte (Affen)Nase ist wohl auf Verletzungen in seiner Ringer- und Boxerkarriere zurückzuführen, ebenso die geschwollenen und vernarbten Lippen (turgidis labris), die er aus seinen Kämpfen davongetragen hat. Hier wird ein witziges Spiel mit vererbbaren und erworbenen Kennzeichen betrieben: Die Väter geben wohlweislich alles an die Söhne weiter.
Da aber Pannychos der Ringlehrer des Hausherren ist, liegt schon jetzt die Vermutung nahe: auch er übt mit seinem Trainer spezielle Griffe und Stellungen. Turgidis labris könnte ein (un)bewusstes orales Signal dafür setzen. Die Ringermatte (tegetibus) ist Symbol für die sexuellen Aktivitäten des Hausherren und für den Ort der Zeugung des Sohnes. Schon jetzt beschleichen den Leser Verdachtsmomente, wieso Cinna keine eigenen Kinder hat. Er ist wohl nicht der gehörnte Ehemann, dem es versagt bleibt, Römisches weitergeben zu dürfen.
Mit weiterführender Alliteration nimmt pistoris die Berufe in der Hausgemeinschaft des Cinna weiter auf, wobei auch die Tätigkeit des Bäckers und Konditors zu erotischen Assoziationen verführt. 18 Esse tertium ist feststellend und abhängig von dem ironischen Fragesatz, bei dem das Merkmal (+positiv) gegen das Merkmal (-positiv) ausgetauscht ist, um Affirmation zu erzeugen. Lippum, an exponierter Stelle, streicht ein anti-erotisches Kennzeichen heraus. 19 Die Attribuierung ist durch novit et videt bekräftigt, bevor Damam 20 Satzeinheit und Vers schließt. Auch hier setzt Martial ein durch Krankheit erworbenes Kennzeichen mit einem ererbten gleich. Witzig könnte für römische Leser an der Verbindung zwischen Marulla und Dama auch sein, dass der Bäcker wenig zu sehen braucht, es genügt, wenn die Dame des Haus einen Blick für die erotischen Qualitäten ihres Personals hat. Es kommt aber
5
immer mehr zum Tragen, dass Marulla bestimmt mehr bezweckt als erotische Abenteuer.
Dem gliedernden quartus folgt asyndetisch zweimal ein Ablativus qualitatis, wobei fronte und vultu fast synonym sind. Cinaeda beschreibt mehr den emotionalen und inneren Aspekt, das alliterierende candido vorherrschend den mentalen und äußeren. Beide zusammen ergeben das Kennzeichen eines puer delicatus. Ex concubino, ironisierend zu ex Marulla gesetzt, gibt hier schon Rückschlüsse auf den wirklichen Vater an, bevor die Sprecher-persona es in direkter Anrede mit natus est tibi dem Hausherren unter die Nase reibt. Auch hier werden Aussehen und Verhalten (hier das sexuelle) gleichermaßen als ererbt betrachtet. Lygdo (weißer Marmor) 21 schließt wieder mit Namensnennung den Vers. Spätestens hier ist offensichtlich, dass Cinna stockschwul ist und wohl auch keinerlei sexuelle Beziehungen zu Marulla unterhält. Er hat vielmehr - und das kann auch Koch und Bäcker einschließen - vielfältigen Kontakt zu seinen männlichen Untergebenen. Doch Marulla scheint ihren eigenen Plan zu verfolgen.
Percide 22 , si vis, filium ist eine brutale Aufforderung, dass der junge Sohn nunnach dem Belieben des Cinna - die Dienste des Vaters übernehmen kann. Der Verweis auf die Rechtlichkeit des Vorgehens (nefas non est) wird durch die doppelte Verneinung ironisiert.
Der zweimalige Ablativus qualitatis, in chiastischer Stellung und mit et- Verbindung,bereitet das Bild eines Esels vor. Es liegen polysemische Ausdrücke vor: acuto capite deutet auf einen witzigen, pfiffigen, aber auch geistreichen Typen hin, während auribus longis jemanden beschreibt, der alles mithört und dem nichts verborgen bleibt, weil er es vielleicht einmal gebrauchen kann. Das Bild vom dummen Esel wird ironisiert. In den Begriffen kann man zugleich sexuelle Anspielungen (Verschiebungen) heraushören, wobei auch die umgangssprachliche Wendung vom geilen Esel durchschimmert. Quae sic moventur, ut asellorum befriedigt die Vorliebe des Römers, über angeborene oder erworbene Abnormitäten Späße zu machen. 23 Zugleich wird Spannung aufgebaut, wer von der Hausgemeinschaft nun herausgenommen wird. Der Leser kommt immer mehr in den Sog der Geschichte. Er stellt sich (un)bewusst die verschiedenen Sklaven eines Hauswesens nach ihren körperlichen, geistigen und charakterlichen Attributen und den damit verbundenen Funktionen vor (Türwächter/Bademeister/Pferdeknecht etc.) und malt sich dann die verschiedenen Söhne aus. Gleichzeitig werden sie mit Marulla und Cinna in sexuelle Situationen gebracht.
Der ironische Fragesatz quis ... negat (siehe quis ignorat) erzeugt Affirmation. Die Festlegung des Hofnarren (morionis) als Vater des fünften Sohnes ist in mehrfacher Weise witzig: Der angeblich dümmste Sklave hat schon lange herausgehört (auribus longis), was Marulla braucht und beabsichtigt, und schenkt ihrem Ansinnen reichlich Gehör. An seinen sexuellen Qualitäten scheint kein Zweifel zu bestehen. Er muss wohl auch die sexuellen Vorlieben und Späße des Cinna ertragen, doch hat er dem Hausherren die wahren Eselsohren längst
6
Arbeit zitieren:
Michael Wenzel / Dr. Wolfgang Hippmann, 2008, Interpretation, Interaktion, Illustration zu Martial VI 39, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Anonym hat den Text Interpretation, Interaktion, Illustration zu Martial VI 39 veröffentlicht
0 Kommentare