0.1. Summary
Diese Diplomarbeit stellt die Themen Selbstverwirklichung und Berufung nebenein-ander, wobei jeweils das eine im Licht des anderen deutlicher sichtbar wird. Die Gegenüberstellung zeigt harte Gegensätze, aber auch erstaunliche Parallelen auf. Im ersten Teil wird das Konzept von Selbstverwirklichung aufgrund der Forschungen des Psychologen Abraham Maslow über die menschlichen Bedürfnisse ausführlich beschrieben und auch kritisiert. Maslows Beobachtungen, daß „Selbstverwirklicher“ häufiger als andere Menschen Grenzerfahrungen machen, geben die Richtung zur Erweiterung des Konzepts der Selbstverwirklichung an. Das Erleben von Grenzerfahrungen erinnert an das Erleben der Ich-Du-Beziehung, wie der Religionsphilosoph Martin Buber sie beschreibt. Ebenso werden von den Humanistischen Psychologen auch Aussagen des Psychologen Viktor Frankl über die Sinnsuche in das Selbstverwirklichungskonzept einbezogen, die in dieser Arbeit ebenfalls betrachtet werden. Aus all dem entsteht ein Bild von Selbstverwirklichung, das nicht nur eine Sache des Selbst ist, sondern über das Selbst hinausreicht. Das führt direkt zum Thema Berufung im zweiten Teil. Ausgehend von der Hypothese, daß Christen, die nach ihrer Berufung suchen, unbewußt nach Möglichkeiten suchen, sich selbst zu verwirklichen (z. B. ihre eigenen Gaben zum Gegenstand ihrer Berufung machen wollen), wird ein Bild von Berufung entworfen, das ein Beziehungsprozeß ist. Berufung ist einerseits der Ruf Gottes in das Leben von Menschen, mit dem er sie zu sich ruft, und andererseits die Sendung zu den anderen Menschen. In der Sendung spielt zwar das Selbst des Menschen (Begabungen, Persönlichkeit) eine Rolle, ebenso will sie den Menschen über das hinausführen, was er ist. Berufung heißt nicht, daß etwas getan werden muß, sondern daß der Berufene wächst und reift.
Ein kurzer dritter Teil „Berufensein“ versucht, das theoretische Konzept von Berufung praktisch zugänglich zu machen und die Leser zu ermutigen, sich so, wie sie sind, auf den Ruf Gottes einzulassen.
Die Zielgruppe dieser Arbeit sind Menschen, die auf der vielleicht über lange Zeit vergeblichen Suche nach Berufung sind, und Menschen, die vom Blick auf sich selbst entmutigt sind. Die Diplomarbeit will die auch im christlichen Raum allgegenwärtigen Lügen des Humanismus aufdecken, der das Selbst vergöttert, und die Natur des Alten Menschen in jedem von uns entlarven, die sich selbst vergöttert. Über allem sollen Liebe und Gnade als Zentrum von Berufung aufleuchten. Alle Hervorhebungen in Zitaten sind, wenn nicht anders angegeben, von den jeweiligen Autoren. Die Bibelzitate stammen aus der Luther-Übersetzung 1984. Kursiv geschriebene Absätze am Ende einiger Kapitel sind Fazit-Gedanken. Außerdem gibt es eine Reihe Exkurse, die in kurzer Form Hintergrundwissen behan- deln, das nicht direkt zum Thema der Diplomarbeit gehören, es aber gut ergänzt.
Seite 4
0.2. Inhaltsverzeichnis
0.1. Summary 3
0.2. Inhaltsverzeichnis 4
0.3. Verzeichnis der Exkurse 8
1. Hinführung 9
1.1. Die Menschen mit Leben berühren 9
1.2. Ein persönliches Vorwort. 10
1.4. Nach der Berufung suchen? 11
1.5. Ziel und Grenzen dieser Arbeit. 13
1.5.1. Fragen und Thesen 13
1.5.2. Grenzen dieser Arbeit. 15
I. Selbstverwirklichung 17
2. Was wir suchen 18
2.1. Handlungsanweisungen und Platzanweisung. 20
2.2. Selbstwert und Identität. 22
2.3. Sinn. 23
2.4. Meine Begabungen einbringen können. 24
3. Was ist Selbstverwirklichung? 27
3.1. Humanismus. 27
3.2. Humanistische Psychologie. 28
3.2.1. Philosophische Wurzeln. 28
3.2.2. Gestaltpsychologische Wurzeln. 30
3.2.3. Menschenbild. 31
3.2.4. Weltanschauliche Lasten. 32
3.2.5. Kritik des humanistischen Menschenbildes. 33
3.3. Das Selbst 36
3.3.1. Vielfalt der Definitionen. 36
3.3.2. Verständnis der Humanistischen Psychologie. 37
3.4. Selbstverwirklichung. 38
3.4.1. Das höchste der Bedürfnisse 38
3.4.1.1. Die Maslowsche Bedürfnispyramide 38
3.4.1.2. Defizit-Bedürfnisse in der Bibel 40
3.4.1.3. Wachstums-Bedürfnisse in der Bibel 41
Seite 5
3.4.2. Wachstum. 44
3.4.2.1. „Defizit-Motivation und Wachstums-Motivation“ 44
3.4.2.2. Die Energiequelle des Wachstums 46
3.4.2.3. Wie selbstverwirklichende Menschen sind 47
3.4.2.4. Wie das Wachstum geschieht. 49
3.4.2.5. Entscheidung zwischen Wachstum und Sicherheit. 51
3.4.2.6. Beziehungen zu anderen Menschen 53
3.4.2.7. Liebe - bedürftig oder bedürfnislos? 55
3.5. Über das Selbst hinaus 57
3.5.1. Wie sich Selbstverwirklichung äußert 57
3.5.2. Grenzerfahrungen. 59
3.5.3. Begegnung mit der Welt 64
3.5.3.1. Das Selbst und die Wirklichkeit vereinen. 64
3.5.3.2. Warum die Beziehung zur Welt notwendig ist 64
3.6. Beziehungen. 66
3.6.1. Martin Buber. 66
3.6.2. Die Grundworte Ich-Du und Ich-Es 67
3.6.2.1. Beziehung und Erfahrung. 68
3.6.2.2. Die Zunahme der Es-Welt 70
3.6.2.3. Das Du und das ewige Du 73
3.6.3. Die Begrenzung der Ich-Du-Beziehung. 76
3.6.4. Sich auf das Du einlassen. 78
3.6.4.1. Mut zum Zuhören 78
3.6.4.2. Annahme 79
3.6.4.3. Vergegnungen 79
3.7. Sinnfindung 81
3.7.1. Leiden an der Sinnlosigkeit 81
3.7.2. Die „Vorsehung“ und die Freiheit 83
3.7.3. Leben als Verwirklichung von Möglichkeiten. 84
3.7.3.1. Drei Lebens-Werte 84
3.7.3.2. Einmaligkeit und Einzigartigkeit. 85
3.7.3.3. Eine Lebensaufgabe 86
3.7.3.4. Der Sinn unserer Unvollkommenheit 88
3.7.3.5. Tod und Liebe 89
3.7.4. „Ärztliche Seelsorge“ 89
3.7.5. Verantwortung übernehmen 91
3.8. Zusammenfassung. 92
3.8.1. Wortbedeutung und -herkunft. 93
3.8.2. Erweiterung des Selbstverwirklichungskonzepts. 93
3.8.3. Die Grundursache von Selbstverwirklichung 94
3.8.4. Kritik der Humanistischen Psychologie 95
3.8.5. Selbstverwirklichung und die Bibel 97
3.8.5.1. Das Doppelgebot der Liebe 98
Seite 6
3.8.5.2. Erster Deutungsvorschlag. 99
3.8.5.3. Zweiter Deutungsvorschlag 100
3.8.6. Alternativen zur Selbstverwirklichung 101
II. Berufung 103
4. Was Gott sucht 104
4.1. Gott und der Mensch. 105
4.1.1. Gott braucht uns nicht. 106
4.1.1.1. Die Schöpfung. 106
4.1.1.2. Das Volk Israel 107
4.1.1.3. Jesus Christus und die Gemeinde 108
4.1.2. Gott will uns 110
4.1.3. Gott ruft uns. 111
4.1.4. Braucht Gott uns doch? 113
4.2. Hingabe und Schwäche. 113
4.3. Gemeinschaft 114
5. Was ist Berufung? 121
5.1. Wortbedeutungen 121
5.2. Ein säkularer Erklärungsversuch 124
5.2.1. Die „innere Kraft“ 124
5.2.2. Was uns innerlich drängt 125
5.2.3. Vom Wesen des Schicksals 126
5.3. Berufung als Selbstverwirklichung? 127
5.3.1. „Grundtrieb“ Selbstverwirklichung. 127
5.3.2. Das Angerufensein erkennen 130
5.3.3. Die größere Entscheidung 132
5.4. Christliche Verständnisse. 133
5.4.1. Berufung - nur vollzeitlich? 133
5.4.1.1. Mein Gottesverhältnis 133
5.4.1.2. Mein Verhältnis zu den Mitmenschen. 134
5.4.1.3. Mein Verhältnis zu mir selber. 134
5.4.1.4. Die Gemeinde 135
5.4.1.5. Die Ursachen 136
5.4.2. Berufung - nur eine Aufgabe? 137
5.4.2.1. Beispiel: Der Gabentest. 139
5.4.2.2. Begabung - was die Wissenschaft sagt 141
5.4.2.3. Berufung und Begabung in der Bibel 144
5.4.2.4. Begabung: Stärken und Schwächen. 147
5.4.2.5. Begabte und Berufene. 150
6. Ein detailliertes Bild von Berufung 153
Seite 7
6.1. Der Ruf. 154
6.1.1. Wort und Antwort. 155
6.1.2. „Komm “ 156
6.1.3. „Hier bin ich“ 158
6.1.3.1. Hingabe. 159
6.1.3.2. Liebe als Kern von Berufung 161
6.2. Die Sendung. 162
6.2.1. „Mit dem Eigenen“ 164
6.2.2. „Ins Andere“ 165
6.2.3. Wozu wir gesandt sind. 168
6.2.4. Gegensatz oder Gemeinsamkeit? 169
6.2.5. Wozu wir nicht gesandt sind. 171
6.3. Das Berufungsmodell und die Bibel. 173
6.3.1. Berufung in der Bibel. 173
6.3.1.1. Abraham, Mose und die Propheten 173
6.3.1.2. Jünger und Apostel 179
6.3.1.3. Einzelne Berufungen. 181
6.3.1.4. Die Briefe 187
6.3.1.5. Die Schöpfung. 189
6.4. Zusammenfassung. 192
III. Berufensein. 195
7. Berufung empfangen 196
7.1. Gottes Wille und unser Wille. 198
7.1.1. Voluntarismus. 198
7.1.2. Gottes Plan und mein Wille 202
7.1.2.1. Wie ein Kaleidoskop 203
7.1.2.2. Wheelersche Realität. 203
7.1.3. Entscheiden. 205
7.1.3.1. Entscheidungsmüdigkeit 205
7.1.3.2. Schlechte Erfahrungen mit früheren Entscheidungen. 206
7.1.3.3. Zu große Entscheidungsfreiheit 207
7.2. Berührung mit dem „Eigenen“ 209
7.3. Berufen zum Dienen 213
7.3.1. Beruf und Berufung 214
7.3.1.1. Dienen oder Verdienen? 214
7.3.1.2. Historische Entwicklung 215
7.3.1.3. Verwandlung des Berufungsverständnisses 216
7.3.2. Dienst und Liebe 217
7.4. Gottes Stimme hören 219
7.4.1. „Mit meinen Augen leiten“ 219
Seite 8
7.4.2. Wenn Gott schweigt. 221
7.4.3. Gottes Reden hören 223
8. Ermutigung 227
8.1. Drei Geschichten 228
8.1.1. Umwege und Irrwege 228
8.1.2. Begabt und berufen. 231
8.1.3. Mit Tränen säen - mit Freuden ernten. 233
8.2. Ein Kapitel Gnade 234
8.3. Entmutigt? 237
8.4. Den Blick erweitern 238
8.5. Die Bitte Gottes. 239
9. Anhang. 241
9.1. Ein persönliches Nachwort. 241
9.2. „Nach Redaktionsschluß“ 243
9.3. Literatur. 244
9.4. Glossar 248
9.5. Register 253
9.5.1. Sachregister 253
9.5.2. Namensregister 260
0.3. Verzeichnis der Exkurse
Ein biblisches Bedürfniskonzept. 43
Kant und die Kategorien. 60
Erkennen - was die moderne Wissenschaft sagt. 72
Warum Gott eine Person ist 75
Logotherapie - Einbeziehung der geistigen Dimension 82
„Alles Sein ist Bezogensein“ 115
M öglichkeiten in die Wirklichkeit hinein verwirklichen 128
Der Nutzen von Gaben- und anderen Tests. 138
Tabula rasa 142
Individualismus und Kollektivismus in der Wirtschaft. 148
Berufung , Erwählung und Verwerfung. 191
Dimensionalontologie - das Sein in den Dimensionen. 201
„Entscheidungsexzeß“ 206
1. Hinführung
1.1. Die Menschen mit Leben berühren
Anita, eine Christin, beging Selbstmord - eine für die Hinterbliebenen unverständliche und schmerzvolle Tat. Auf ihrer Beerdigung predigte der Pfarrer Marcel Dietler über „Gottes wahnsinnigen Schmerz um Anita“:
„Wir können nicht verstehen, was geschehen ist. Aber der Apostel Paulus könnte es uns erklären, was in Anita vorgegangen ist. Er ist auch derjenige, der andere davon abhalten kann, denselben Schritt wie Anita zu tun. Paulus hat das, was Anita gefühlt hat, auch gefühlt. Und doch ist da ein großer Unterschied: Paulus hat dasselbe gefühlt, aber er hat es nicht getan! Im Philipperbrief 1,23-24 schreibt er: ,Beides scheint mir verlockend: Manchmal würde ich am liebsten schon jetzt sterben, um bei Christus zu sein. Gibt es etwas Besseres? Andererseits ist mir klar, daß ich bei euch noch eine wichtige Aufgabe zu erfüllen habe.‘ Paulus sagt nicht: ,Ich möchte am liebsten tot sein.‘ Er sagt: ,Ich möchte bei Christus sein.‘ Anita hat in ihren Abschiedsbriefen geschrieben: ,Ich möchte in den Armen des himmlischen Vaters sein.‘ Nicht ihre Tat, sondern die Arme des Vaters sind bei ihr das Faszinierende.
Ich habe mir in meiner Phantasie vorgestellt, ich würde Anita in die Ewigkeit folgen und beobachten, was sie dort erlebt. Eine Art Traum: Anita steht vor dem Thron Gottes. Sie will sich in die Arme des himmlischen Vaters stürzen, aber zwischen Gott und ihr steht eine dicke Glaswand. Eine Stimme, mächtig wie tausend Wasserfälle, und doch wohltuend und gut, spricht: ,Noch kannst du nicht in meine Arme, Kind, bis du vier Schmerzen gespürt hast. Bist du dazu bereit? So schließe die Augen für den ersten Schmerz.‘
Eine erste Welle von Schmerz braust über Anita. Sie bleibt gefaßt. Sie läßt die Welle abklingen. Dann öffnet sie die Augen. Die Stimme fragt: ,Was hast du gespürt?‘ Darauf Anita: ,Das war derjenige Schmerz, den ich ein Leben lang mit mir herumgetragen habe.‘
Wiederum schließt Anita die Augen. Die zweite Welle braust heran. Es muß ein sehr viel größerer Schmerz sein. Anita zuckt zusammen. Sie sagt: ,Das war ein furchtbarer, völlig unbekannter Schmerz. Was war das?‘ Die Stimme antwortet: ,Das war der Schmerz, den du deinen Angehörigen, Freunden und Freundinnen zugefügt hast. Schließe wieder die Augen, aber halte dich fest. Es ist eine neue Welle im Anzug.‘
Obschon Anita sich festgehalten hatte, wurde sie von der dritten Welle zu Boden geschleudert. Anita sagte: ,Bevor die Welle kam, war es wunderschön. Ich sah ein warmes Meer mit einladenden Inseln: rauschende Palmen, leuchtende Blumen, bunte Schmetterlinge, köstliche Früchte, herrliche Menschen, Männer, Frauen und
Kinder. Dann kam die Welle, die Inseln versanken, die Menschen ertranken und ich wurde zu Boden geschleudert. Was war das?‘ Die Stimme sprach: ,Wie diese Inseln mit ihren Palmen und Blumen, Schmetterlingen und Früchten wäre dein Leben geworden mit all den Begabungen, die ich dir geschenkt hatte. Die Menschen, die du gesehen hattest, wären durch dich mit Leben berührt worden. Die Kinder wären deine eigenen Kinder gewesen. Jetzt aber werden sie nie geboren werden. Die Männer und Frauen werden mit deinen Gaben nicht berührt werden. Sie werden deine Blumen und Schmetterlinge nicht sehen, von deinen Früchten nicht essen. Aber jetzt, Anita, leg dich zu Boden, denn jetzt kommt die größte und letzte Welle. Bis jetzt hast du nur den menschlichen Schmerz verspürt. Nun aber wirst du fühlen, was ich, Gott, für einen Schmerz in mir trage. Ich will dir zeigen, was du mir angetan hast.‘
Als Anita nach der vierten und größten Welle die Augen öffnete, lag sie in den Armen des himmlischen Vaters. Sie stammelte: ,Ich habe nichts gespürt. Aber ich weiß, daß ich bereit bin zurückzugehen.‘ ,Ich weiß‘, sprach die Stimme der tausend Wasserfälle. ,Ich weiß, daß du zurückgehen möchtest. Aber das kannst du nicht. Ich weiß auch, daß du selber soeben den größten Schmerz - meinen Schmerz - nicht verspürt hast. Mein Schmerz wäre ein ganzes Meer von Feuer gewesen; du würdest es nicht ausgehalten haben. Aber mein Sohn ist gekommen und hat dich durch das Feuermeer meines Schmerzes hindurchgetragen und in meine Vaterarme gelegt.‘
Anita hat Gott und den Menschen Schreckliches angetan. Wenn sie zurückkommen würde, würde sie es nie wieder tun. Sie würde euch allen sagen: ,Tut es nicht! Um Gottes Willen tut es nicht!‘ Jesus Christus hat gesagt: ,Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.‘ Wenn durch das Beispiel dessen, was Anita getan hat, das Ja zum Leben zur Ehre Gottes erst so richtig erwacht, dann erhält das sinnlose Sterben Anitas durch uns Sinn. Aber diesen Sinn müssen wir ihm verleihen durch ein überzeugtes Ja zum Leben.“ (Dietler, 1999, S. 21)
1.2. Ein persönliches Vorwort
Bevor ich Gott fand, kam mir mein Leben sinnlos vor. So sinnlos, daß ich als einzig logischen und folgerichtigen Ausweg aus den alltäglichen Unannehmlichkeiten des Lebens den Selbstmord sah. Nach einem gescheiterten Selbstmordversuch vor über 14 Jahren entdeckte ich Gott, vertraute ihm mein Leben an und hatte nun den Eindruck, daß mein Leben einen Sinn bekommen hätte, wenn ich auch nicht wußte, worin er bestand. Dieses Gefühl der Sinnhaftigkeit war stark genug, mich von nun an zu tragen. Selbstmord war kein Thema mehr für mich. Sicher nicht nur aufgrund dieses Sinngefühls, sondern vor allem auch deswegen, weil es da einen persönlichen Gott gab, der - so seine Botschaft von Anbeginn für mich - wollte, daß ich lebe.
Jahre später sind Begriffe wie Berufung, Lebenszielplanung und dergleichen in mein Bewußtsein gerückt. Nachdem ich als Christ lange „vor mich hin“ gelebt hatte, merkte ich nun, daß das nicht genug zu sein schien. Ich war auf der Suche nach Gottes Plan für mein Leben. Diese Suche führte mich schließlich aus dem alten Beruf heraus und zur IGNIS-Akademie. Hier erlebte ich erstmals die Erfahrung des Berufenseins. Ich traute mir mehr zu und bekam mehr Rückmeldungen, die mir wiederum Mut machten, mehr zu wagen. Sicher ist immer noch viel mehr drin, denn Gott ist ein großer Gott und hat große Möglichkeiten… So fesselt mich also nach wie vor das Thema Berufung - der Ruf Gottes in mein Leben -, und es scheint mir immer mehr eines der zentralen Themen der Beziehung zwischen Gott und Mensch zu sein.
Zum Thema Berufung existieren bereits diverse Diplomarbeiten an der IGNIS-Akademie. Sogar ein Buch mit dem Titel Berufung hat IGNIS inzwischen herausgegeben. Auch gibt es hier bereits eine Berufungsschule. Das hat mir die Themenwahl nicht einfach gemacht, schien es doch, daß dazu schon alles gesagt worden ist. Ich wollte das Rad nicht noch einmal erfinden. So suchte ich - während ich hartnäckig am Berufungsthema festhielt - monatelang nach „meinem“ speziellen Themenbereich, kam aber nicht weiter. Möglicherweise habe ich damit unnötig Zeit verschenkt und mich unnötig verzettelt. Sicher habe ich aber auch persönlich dabei gewonnen, auch wenn viele Literaturstudien jener Zeit nicht unmittelbar zum Entstehen der Diplomarbeit beigetragen haben.
Trotzdem ist es mit nicht gelungen, ein Thema zu finden, das ich mittels einer „Tiefbohrung“ ergründen könnte. Lieber wollte ich einen großen Kreis um das Berufungsthema ziehen und es gewissermaßen aus der Vogelperspektive betrachten. Diese Sicht hat mich motiviert und begeistert, und ich möchte diese Begeisterung und Motivation den Lesern dieser Diplomarbeit weitergeben. Ich wünsche mir, daß es Spaß macht, diese Arbeit zu lesen. Daher strebe ich bewußt einen lockeren, leicht verständlichen Schreibstil an, der vermutlich für Diplomarbeiten ungewöhnlich ist, aber hoffentlich nicht allzusehr die fachliche Qualität leiden läßt.
1.3. Nach der Berufung suchen?
Das Suchen nach unserer Berufung ist eine der wichtigsten Aufgaben in unserem Leben. Wo wir sie finden, werden wir Fülle und Erfüllung erleben. Wo wir an unserer Berufung vorbeileben, zahlen wir einen hohen Preis. Diese Gedanken finden sich immer wieder in Büchern, Artikeln und Abhandlungen über das Berufungsthema - nicht nur in christlichen.
Ist die Suche nach der Berufung wirklich so wichtig? In früheren Jahrhunderten war das doch für die meisten Menschen kein Thema; Handwerker, Bauern oder auch Herrscher haben ihre Lebensaufgaben innerhalb der Familie von einer Generation auf die andere übertragen. Nur wenige Menschen empfingen Berufung zu einem klösterlichen Leben oder zu einem kirchlichen Amt. (Waren die anderen
demzufolge nicht berufen?) Die Gesellschaft, Traditionen und Werte boten den Menschen einen geordneten Lebensrahmen. Sie wußten, was sie zu tun hatten, wohin sie gehörten, wer sie waren und wer nicht. Waren die Menschen damals glücklich damit? Sie hatten gewiß ihre Sorgen und Nöte. Aber sie kannten vermutlich keine Alternativen. Sich gegen Autoritäten aufzulehnen, war für die meisten Menschen undenkbar.
Doch die Zeiten haben sich geändert. Werte und Traditionen wurden nach und nach aufgegeben. Gesellschaftsstrukturen und Autoritäten gelten kaum noch etwas. Politische und industrielle Revolutionen veränderten die Welt. Der Fortschritt von Wissenschaft und Technik hat dem Menschen mehr Freizeit und unzählige Gestaltungsmöglichkeiten gegeben. Mittlerweile steht uns durch Internet und Jets buchstäblich die ganze Welt offen. Wir haben heute mehr Freiheiten als jede Generation vor uns. Sind wir heute glücklicher als die Menschen in den engen Gesellschaftsstrukturen früherer Jahrhunderte? Offensichtlich nicht. Denn wählen dürfen bedeutet auch wählen müssen. Und das ist das, was uns heute Not macht. Unsere heutige Zeit wird Postmoderne genannt. Dieser Begriff (der bemerkenswerterweise nichts Neues bezeichnet, sondern eben nur die Nach-Moderne) bezeichnet ursprünglich eine Stilrichtung in der Architektur, die nichts eigenes, Neues mehr schuf, sondern sich dem Spiel mit Stilmitteln früherer Epochen hinwandte (vgl. LexiROM, 1995). Seit den 1960er Jahren wird er nach und nach auf alle Bereiche von Kunst, Kultur, Wissenschaft und des ganzen Lebens angewandt. Heute drückt er ein Lebensgefühl aus, das von Beliebigkeit und Orientierungslosigkeit bestimmt ist. „Nunmehr sagen ihm [dem Menschen] die Instinkte nicht mehr, was er muß, und die Traditionen nicht mehr, was er soll“ (Frankl, 1971, S. 7). Immer mehr erleben wir Unsicherheit und Haltlosigkeit. Sinnlosigkeitsgefühle erfassen immer mehr Menschen. Die einen beginnen nach neuen Werten, nach Halt und Geborgenheit zu suchen (oftmals in der Esoterik oder in Sekten), die anderen lassen sich treiben und hoffen auf maximalen Genuß.
Auch als Christen können wir uns dem Lebensgefühl der Postmoderne nicht völlig entziehen. Wir leben immerhin in der Welt, und unser Leben ist vielfältig mit ihr verflochten. Wir haben gewöhnlich Anteil am Arbeitsleben der Welt und an deren Möglichkeiten der Freizeitgestaltung. Und zumindest wer sein Christsein in einer freikirchlichen Gemeinde oder einer erneuerten Kirche lebt, kennt auch hier unzählige Auswahlmöglichkeiten von der Gemeinde selbst bis zur konkreten Mitarbeit. Wir kommen um das Wählen, das Auswählen aus Möglichkeiten, um das Entscheiden nicht herum, und wir wünschen uns dabei, gerufen - berufen - zu sein. Übrigens gibt es nicht nur in der postmodernen Welt, sondern auch unter Christen ein Getriebensein. Wo wir eigene, und damit vielleicht auch beliebige Werte und Motive als Antrieb haben, werden wir zu Getriebenen. Das ist nicht erst ein Problem unserer Zeit. Schon in der Bibel finden wir Beispiele für solche Menschen. Beispielsweise war Paulus auf seiner Jagd nach den Christen getrieben, bis ihn Jesus - berief.
„Welch eine Umkehr von dem Trieb, der ihn nach Damaskus hetzte, in dem Versuch, das Christentum auszulöschen, bis zu dem dramatischen Augenblick, wo er Jesus völlig ergeben fragte: ,Herr, was soll ich tun?‘ Ein getriebener Mann wurde zu einem berufenen Mann bekehrt“ (MacDonald, 1992, S. 50). Wer vor Entscheidungen steht, wer das Getriebensein durch eigene Antriebe satt hat, wer den Plan Gottes erkennen und seinen Willen erfüllen will, wer als Christ leben will, braucht Berufung. Wir haben also genügend Grund, unsere Berufung zu suchen. Aber warum ist das so schwierig?
1.4. Ziel und Grenzen dieser Arbeit
Ich weiß von vielen Christen, die auf der Suche nach ihrer Berufung sind, und die geradezu verzweifeln angesichts der Tatsache, daß sie sie nicht finden. Ich weiß von Christen, die gerne Jesus dienen möchten, die in der Gemeinde mitarbeiten möchten, und nicht wissen, wie und wo. Ich weiß von Christen, die etwas tun wollen, sich aber nicht trauen, zu beginnen. Ich weiß von Christen, die vor Lebensentscheidungen stehen, die sie im Einklang mit Gottes Willen treffen wollen, aber sie sehen keine Lösung. Dieses Suchen nach der eigenen Berufung, nach dem Weg mit Jesus durch das Leben scheint mir im Leib Christi sehr weit verbreitet zu sein. Dafür spricht nicht zuletzt die Beliebtheit von Hilfsmitteln im Raum christlicher Gemeinden wie Gabentests und Dienstprofile.
Auch ich kenne diese Suche, und ich bin dankbar, nach und nach Antwort auf mein Fragen bekommen zu haben. Das Erlebnis, geführt und gebraucht zu werden, hat mein Leben und meinen Glauben verändert. Zugleich frage ich immer noch: „Jetzt stehe ich hier, aber wie geht es nun weiter?“ Ständig sind neue Entscheidungen zu treffen. Das Berufungsthema bleibt für mich nach wie vor aktuell.
1.4.1. Fragen und Thesen
Warum erleben wir so oft ein Schweigen Gottes auf unser Fragen nach unserer Berufung? Haben wir vielleicht ein falsches Verständnis von Berufung? Was suchen wir eigentlich, wenn wir Berufung suchen? Was sollten wir statt dessen suchen? Wo könnten wir Gottes Antworten finden? Was ist Berufung eigentlich, und wozu dient sie?
Und: Was sucht Gott eigentlich, wenn er beruft? Hat Gott einen Plan für uns, den es zu ergründen und zu befolgen gilt? Welche Rolle spielen die Begabungen, die Gott in unser Leben hineingelegt hat, für unsere Berufung? Meine Thesen, die dieser Arbeit zugrunde liegen, lauten folgendermaßen: • Berufung ist ein Ruf Gottes in unser Leben, der uns stets in Beziehungen (zu Gott selbst, zu anderen Menschen) ruft.
Das klingt zunächst einleuchtend und scheint keine These wert zu sein. Aber der Berufungsbegriff ist im allgemeinen Sprachgebrauch sehr unscharf. Wir mischen einerseits vieles hinein und verengen den Begriff andererseits. In der psychologischen Literatur taucht der Begriff entweder überhaupt nicht auf, oder er wird in der Regel undefiniert benutzt. Es gibt kaum Erklärungsversuche oder Modelle zum Thema Berufung. Deshalb erscheint es mir sinnvoll, in dieser Arbeit anfangs vom Alltagsverständnis und der Erlebnisqualität von Berufung auszugehen. • Getrieben vom alten Menschen in uns neigen wir dazu, Eigenes einbringen zu wollen, und hoffen, daß Gott uns sagt, wo und wie wir das tun können. Eigenes einbringen - oder verwirklichen - führt geradewegs zum Begriff Selbstverwirklichung. Dieses faszinierende Konzept der Humanistischen Psychologie will ich genauer betrachten und zeigen, wie weit das humanistische Gedankengut im Leib Christi verbreitet ist - und ihn beraubt. Wenn wir auf der Suche nach Berufung Selbstverwirklichung suchen, dann wird uns Gott nicht darauf antworten. Hier mag ein Grund liegen, warum wir so oft keine Antwort auf unser Fragen erhalten. Die gegensätzlichen Konzepte von Selbstverwirklichung und Berufung sollen in dieser Arbeit nebeneinandergestellt werden, so daß das eine im Licht (bzw. Schatten) des anderen jeweils deutlicher werden kann. Damit hoffe ich, daß ich angesichts der Faszination der Selbstverwirklichung einen Wegweiser zum so viel schöneren, aber schwierigeren Weg der Berufung aufzeigen kann. • Berufung gliedert sich in den Ruf zu Jesus (Berufung im engeren Sinn) und den Ruf zum Nächsten hin (Sendung, Auftrag). Der Ruf zu Jesus ist beständig und unveränderlich, der Ruf zum Nächsten hin ist dynamisch und wechselnd. Es scheint, daß die beiden Komponenten der Berufung die beiden Teile des Doppelgebotes der Liebe widerspiegeln. Ruf zu Jesus - „Liebe Gott“ und Ruf zum Nächsten - „Liebe den Nächsten“. Wie das Doppelgebot der Liebe, so lassen auch die beiden Teile der Berufung nicht trennen. Dennoch werde ich sie getrennt betrachten müssen, da eine Verwechslung der beiden zu Problemen für den Berufenen führen wird. Ebenso ist es wichtig zu unterscheiden, daß der Ruf zu Jesus, die Berufung zum Sein (Wagner, 1997), in eine neue Identität, beständig ist, während die Sendung zum Nächsten, die Berufung zum Dienst (Wagner), wechseln und mit uns wachsen kann. Gott kann uns heute diesen Auftrag geben und uns morgen dorthin senden. Immer und immer wieder wird er uns aber zu sich selbst rufen. • Der Ruf zum Nächsten gliedert sich wiederum in zwei Teile, den Ruf „ins Eigene“ und den Ruf „ins Andere“ (nach Greshake, 1991). Der Ruf ins Eigene nimmt das in Dienst, was wir bereits haben (Begabungen, Interessen, Wünsche unsere Persönlichkeit). Der Ruf ins Andere führt uns über das Eigene hinaus, erweitert Grenzen und läßt uns wachsen.
Hier zeigt sich, daß die Antwort auf die Frage, ob Gott die Begabten beruft oder die Berufenen begabt, kein Entweder-Oder ist, sondern daß beides wechselseitig zutrifft. Es scheint, daß uns Gott mit dem Ruf ins Eigene zunächst in Bewegung setzen, mit unserem Potential und unseren Begabungen in Berührung bringen,
Mut machen will, loszugehen. Begabungen werden so gesehen zu einer „Starthilfe“. Der Ruf ins Andere dagegen ist schöpferisch, er formt Neues, noch nicht Existierendes in uns. Er dient uns zum Wachstum und ist eine Herausforderung, glaubend in das Unbekannte zu treten.
Was bisher noch nicht angeklungen ist, ist der Nutzen, den der Berufene dem Reich Gottes bzw. der Gemeinde bringt. Er scheint tatsächlich nur untergeordnete Bedeutung zu haben. Daß etwas im Reich Gottes getan wird, ist wichtig, aber in diesem Zusammenhang scheint es wie ein nützliches Nebenprodukt. Zuerst geht es um uns selbst. Gott möchte Gemeinschaft mit uns haben, und er möchte, daß wir wachsen und reifen. Es geht Gott nicht zuerst um die Arbeit, sondern um uns!
1.4.2. Grenzen dieser Arbeit
Die Entstehung dieser Arbeit ist für mich mit vielen unerwarteten Schwierigkeiten verbunden. Ich bin bei dem Thema, das mich sehr bewegt, an unvermutete Grenzen gestoßen. Da ist beispielsweise das Dilemma, als IGNIS-Student einerseits nach Form und Inhalt eine wissenschaftliche Arbeit schreiben zu müssen, die nach bestimmten Kriterien bewertet wird, andererseits aber meine Motivation zu dieser Arbeit daraus zu beziehen, die Nöte der suchenden Menschen „draußen“ auf dem Herzen zu haben. Die Lösung des Dilemmas hätte darin bestanden, eine Diplomarbeit zu einem ganz anderen Thema zu schreiben und mich unabhängig davon irgendwann auch mit dem Berufungsthema zu befassen. Doch diese Entscheidung hätte ich viel, viel früher treffen müssen. Jetzt bleibt mir nur, meinen Perfektionismus loszulassen und die Diplomarbeit so unvollkommen zu schreiben, wie es jetzt noch möglich ist.
Berufung ist ein sehr persönliches und konkretes Geschehen. Es vollzieht sich in der Beziehung zwischen Gott und Mensch. Es ist lebendig. Jeder Versuch, es darzustellen, Thesen zu belegen oder Prinzipien daraus abzuleiten, nimmt dem Berufungsgeschehen das Lebendige und damit sein Wesen. Ich kann unmöglich behaupten, Gott mache etwas so oder so. Gott ist ein souveräner Gott und begegnet jedem Menschen ganz individuell. Jede Vermittlung von Prinzipien könnte manch einen Leser dazu verleiten, durch bestimmte Methoden ein Gerufensein Gottes erlangen zu wollen. Enttäuschungen und Entmutigung wären vorprogrammiert; ich würde das Gegenteil von dem erreichen, was ich mir für meine Leser wünsche. Meine Aufgabe kann lediglich darin bestehen, allgemeines Verständnis für die Zusammenhänge zu wecken und die Leser zu ermutigen, sich auf die Beziehung mit Gott einzulassen und dann zu erleben, wie Gott sie ruft. Deshalb wird diese Arbeit an vielen Stellen wissenschaftliche Schärfe vermissen lassen müssen. Das Berufungsthema ist ganz zentral in das Leben der Christen und der Gemeinde eingebunden. Daraus ergeben sich notwendigerweise Zusammenhänge zu anderen Themen wie Identität, Führung, Heiligung, Wachstum und anderen, die den Rahmen dieser Arbeit sprengen würden. Auch zur Berufung selbst ließe sich so viel mehr sagen, was ich in dieser Arbeit nur andeuten kann oder ganz auslassen
muß. In diesem Zusammenhang sei auf die Diplomarbeit von Karsten Wagner (1997) und sein Buch „Berufung - Gottes Weg erkennen und gehen“ (1998) verwiesen. Beides hat das Entstehen dieser Diplomarbeit stark beeinflußt. Die vorliegende Arbeit ist der zweite Versuch. Der erste Versuch blieb stecken. Nach Wochen mühsamen Schreibens ging es irgendwann einfach nicht mehr weiter. Es war eine sehr entmutigende Erfahrung. Ich fühlte mich beraubt, geriet in einen haltlosen, finsteren Strudel der Entmutigung, zweifelte am Sinn des Studiums, meiner Kompetenz und schließlich meines Lebens. Es schloß sich eine Zeit an, in der mich Gott durch sein Reden in Predigten, Liedern, Büchern, Bibelarbeiten, Gebeten und Gesprächen mit anderen Menschen wieder allmählich aufgerichtet hat. Ich merkte, daß ich Fehler im Herangehen an die Diplomarbeit gemacht hatte. Ich nahm mir nun Zeit, statt eines besseren Themas erst einmal Gott selbst zu suchen. Und nun entwickelte sich zunächst wie von selbst eine neue Sicht auf das Berufungsthema, die nun auch der Gliederung dieser Arbeit zugrunde liegt. All diese Erfahrungen haben mir gezeigt, wieviel mehr das Leben als die Theorie ist. Ich habe vermutlich das erlebt, was Paulus und Silas in Kleinasien erlebten: Der Heilige Geist verwehrte… (Apg. 16,6-7). Auch das Durchschreiten solch tiefer Täler ist offensichtlich ein Teil von Berufung. Zugleich wurde mir deutlich, wieviel größer die Gnade Gottes ist als all unser egoistisches Streben nach Selbstverwirklichung. Unfaßbar: Gott weiß, daß wir doch lieber unsere eigene Ehre suchen - und ruft uns trotzdem! Deshalb gehört auch das Thema Gnade in diese Arbeit - ein Thema, das ich in meinem ersten Ansatz nicht gesehen habe und mir jetzt äußerst wichtig erscheint.
Ich habe Fehler gemacht und viel Zeit verloren, was man dieser Arbeit vielleicht anmerkt. Doch ich habe vielleicht eine ganz neue Qualität meiner Beziehung zu Gott geschenkt bekommen. Ich habe nach fast 14 Jahren im Glauben vielleicht das erste Mal wirklich begriffen, was Gnade ist und damit eine meiner wertvollsten Glaubenserfahrungen gemacht. Nun bin ich mir beim Schreiben dieser Arbeit der Gnade Gottes gewiß, wünsche allen Lesern die Erfahrung dieser Gnade - und hoffe auf die Gnade meiner selbst mit mir, wenn die Diplomarbeit nicht meinen perfektionistischen Ansprüchen genügt, und derer, die meine Arbeit bewerten wer- den.
2. Was wir suchen
Als Christen beschäftigen wir uns vielleicht mehr als andere Menschen mit dem Thema Berufung. Gewöhnlich stellen wir die Frage nach der Berufung bewußt oder unbewußt in der Art, wie es der schwedische Pastor Magnus Malm in seinem bewegenden Buch „Gott braucht keine Helden“ (1998) beschreibt: „Schon als junger Christ begegnet man dieser Frage: ,Hast du schon einmal überlegt, ob Gott dich nicht zum Jungscharleiter berufen hat? Oder zum Kindergottesdienst-Mitarbeiter? Zum Jugendleiter?‘ Und das hat er wohl, denn dort haben wir unsere ersten Leitererfahrungen gemacht. Aber so leicht werden wir die Frage nicht los. Wir werden älter, wir schließen die Schule ab, und die Frage kommt wieder, in neuem Gewand: ,Hat Gott mich vielleicht berufen?‘ Womit wir für gewöhnlich meinen: ,Will er vielleicht, daß ich Pastor, Priester, Evangelist, Missionar werde?‘ Gott kann einen natürlich in andere hauptamtliche Dienste rufen, aber Berufung im ,großen‘ Sinn meint meist einen dieser christlichen Top-Berufe“ (Malm, 1998, S. 23).
Doch die meisten von uns fühlen sich nicht „richtig“, nicht im „großen“ Sinn berufen. Dennoch sind auch sie innerlich gedrängt, ihre Berufung zu finden - ihren Platz in der Gemeinde. Wie drängend diese Suche ist, zeigt den Erfolg des Gabentests von Christian A. Schwarz, der inzwischen überarbeitet als „Der neue Gaben-Test“ in neuer Auflage (1997) existiert. Auch Schwarz stellt fest: „Viele Christen sind von der Frage hin- und hergerissen, wozu sie Gott wohl berufen haben mag“ (Schwarz, 1997, S. 13).
Und Magnus Malm beschreibt einen regelrechten „Berufungskampf“ mancher Menschen. Sie…
„[…] kämpfen jahrelang und verheddern sich womöglich in einem ,Berufungskampf‘, der ihnen die letzt Kraft nimmt. Sie wälzen die Frage hin und her, her und hin, erhalten tausend Antworten gleichzeitig oder auch gar keine, sondern ein einziges leeres Schweigen. Was will Gott denn nun von mir?“ (Malm, 1998, S. 23). Warum ist uns die Frage nach unserer Berufung so wichtig? Was fehlt uns, wenn wir unsere Berufung nicht finden? Was haben wir, wenn wir unsere Berufung kennen? Und warum geraten wir eigentlich so oft in Berufungskämpfe? Warum schweigt Gott so oft? Suchen wir vielleicht das Falsche auf der Suche nach unserer Berufung? Was suchen wir, wenn wir unsere Berufung suchen? Unterliegen wir nicht einem Denkfehler in bezug auf Berufung, weil wir gar nicht wirklich wissen, was Berufung eigentlich ist (vgl. Malm, 1998, S. 24)? Der erste Teil dieser Diplomarbeit versucht herauszufinden, welchen Nutzen wir weithin erhoffen, der uns aus unserem Berufensein erwächst. Die Überschrift „Selbstverwirklichung“ weist darauf hin, daß es etwas sein könnte, was uns selbst nutzt. Meine These, die über dem gesamten ersten Teil steht, lautet: Wir neigen
gewöhnlich dazu, unseren Teil zu suchen, wenn wir Berufung suchen. Wir wollen einen eigenen Nutzen aus unserem Berufensein ziehen. Wir wollen uns selbst verwirklichen, wenn wir unsere Berufung verwirklichen. Mit einem Wort: Wir streben nach Selbstverwirklichung. Diese These ist unbequem. Sie entlarvt unsere Eigennützigkeit, das Wesen des Alten Menschen, wie es die Bibel bezeichnet. Diese These ist der Anlaß, den Begriff Selbstverwirklichung, den wir als Christen ja negativ bewerten, und die Humanistische Psychologie, die diesen Begriff zu einem Zentrum ihrer Denkweise gemacht hat, ausführlicher zu betrachten. Er ist gewissermaßen ein Gegenkonzept zu dem, was Berufung eigentlich meint. So unbequem der erste Teil für uns Christen auch ist - er soll das entlarven, was uns unfrei macht, und in unserem Denken den Weg frei machen, den wirklichen Ruf Gottes zu hören.
2.1. Handlungsanweisungen und Platzanweisung
Beim Lesen der Bibel fällt auf, wie oft Menschen, die vom Wort Gottes ins Herz getroffen worden sind, spontan fragen: „Was sollen wir tun?“ Schon als Johannes der Täufer am Jordan die um ihn versammelten Menge mit harten Worten zur Umkehr ruft, begegnet uns diese Frage gleich mehrere Male: „Und die Menge fragte ihn und sprach: Was sollen wir denn tun? Er antwortete und sprach zu ihnen: Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer zu essen hat, tue ebenso. Es kamen auch die Zöllner, um sich taufen zu lassen, und sprachen zu ihm: Meister, was sollen denn wir tun? Er sprach zu ihnen: Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist! Da fragten ihn auch die Soldaten und sprachen: Was sollen denn wir tun? Und er sprach zu ihnen: Tut niemandem Gewalt oder Unrecht und laßt euch genügen an eurem Sold!“ (Lk. 3,10-14, Hervorhebungen von mir)
Johannes gibt so praxisgerecht und bündig Antwort, wie es die Fragen verlangen. Fast meint man, daß Johannes hier zur Werksgerechtigkeit aufruft. Hier scheint sich auch eine erste Einengung des Berufungsbegriffs einzuschleichen: Berufung ist ein Ruf zu einem Tun. Erst beim genaueren Hinschauen kann man entdecken, daß Johannes hier Einzelfälle dessen nennt, was Jesus später allgemein als „Goldene Regel“ zusammenfaßt:
„Alles nun, was ihr wollt, daß euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten“ (Mt. 7,12).
Jesus selbst hörte die Frage nach dem Tun, als er am See Genezaret zum Volk sprach (Joh. 6,28). Auch der reiche Jüngling stellte diese Frage (Mk. 10,17). Nachdem Petrus seine aufrüttelnde Pfingstpredigt beendet hatte, fragten die Zuhörer ebenso (Apg. 2,37). Schließlich berichtet auch Paulus von seiner Begegnung mit Jesus, die ihn zu Boden geworfen hatte:
„Ich fragte aber: Herr, was soll ich tun? Und der Herr sprach zu mir: Steh auf und geh nach Damaskus. Dort wird man dir alles sagen, was dir zu tun aufgetragen ist.“ (Apg. 22,10, Hervorhebung von mir)
Der Mensch ist von Anfang an zum Tun, zum Handeln geschaffen. Deshalb ist es folgerichtig, daß sich auch unser Glaube im Handeln, in „Werken“ äußert. Unter Werken können wir hier auch das Verhalten verstehen. Die Werke selbst sind nicht der Glaube, sie können uns nicht gerecht machen. Aber wenn der Glaube in uns lebt und uns innerlich bewegt, dann wird es sich durch Werke zeigen - Glaube ohne Werke ist tot.
Die Frage nach dem Handeln „Was sollen wir tun?“ ist eine Reaktion auf unser Angesprochensein durch das Wort Gottes, eine Frage nach Rat und eine notwendige Ausdrucksweise unseres Glaubens. Und wir stellen damit auch die Frage nach unserer Berufung. Durch diese mehrfache Anbindung der Frage nach dem Handeln ist ihre Kraft erklärlich, und auch die Verzweiflung, die uns erfaßt, wenn wir keine Antwort auf diese Frage finden.
Welches Bild haben wir von Berufung? Wir wissen, daß Gott mit uns sein Reich bauen will. Er hat dabei das Ganze im Blick - ein Ganzes, das sich aus Millionen und Milliarden einzelner Lebensgeschichten zusammensetzt, die auf komplizierteste Weise miteinander verflochten sind. An dieser Stelle spüren wir vielleicht, wie sehr Gott Gott ist, wie unvorstellbar groß und weit er ist, wenn er all diesen Menschen dennoch ganz persönlich begegnen und sich um sie kümmern kann. In diesem gigantischen Puzzle, so scheint es, hat Gott jedem von uns einen Platz zugewiesen. Der Super-Plan vom Reich Gottes unterteilt sich in milliardenfache Einzelpläne für jedes einzelne Menschenleben. Gott hat einen Plan für uns - so lernen wir es als Christen. Daraus ergibt sich für uns die Aufgabe, diesen Plan in Erfahrung zu bringen und exakt zu erfüllen. Der Plan Gottes für unser Leben umfaßt bestimmte Aufgaben und Dienste, die wir an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit ausführen müssen. Wenn wir das Riesenpuzzle durcheinanderbringen, könnte ja das Ganze nicht funktionieren.
Mit diesem Hintergrundwissen lesen wir in der Bibel unzählige Male, wie Gott Menschen Anweisungen gegeben hat. Da gibt es z. B. die Berufung Abrahams, sein Heimatland zu verlassen. Da gibt es die Berufung des Mose, das Volk Israel aus der Knechtschaft Ägyptens in das verheißene Land zu führen. Da gibt es die Berufung des Kunsthandwerkers Bezalel zum Bau der Stiftshütte. Da gibt es die Berufung des Jona, in Ninive Buße zu predigen. Und da gibt es die unzähligen Berufungen der Propheten in ihren Dienst. Schließlich die Berufungen der zwölf Jünger in die Nachfolge und die des Paulus zum Apostel. Nicht zu vergessen die alttestamentliche Berufung des Volkes Israel, den Nationen das Heil zu bringen, und die neutestamentliche Berufung der Heiden als Hoffnung für Israel. Solche mehr oder weniger aufsehenerregenden, aber immer wichtigen Berufungen hat Gott für jeden Menschen, für Familien, Gemeinden, Berufsgruppen und Völ- ker. Angesichts der Größe dieser Zusammenhänge beginnen wir vielleicht Druck
zu spüren. So erhebend es ist, von Gott in dieses gewaltige Werk mit hineingenommen zu sein, so belastend ist es auch. Verlangt es doch von uns, alles dafür einzusetzen, Gottes Willen zu erfahren und ihm dann auch zu gehorchen. Jesus selbst, der stets das tat, was er tun sollte (oder was er den Vater tun sah), ist dabei unser großes Vorbild:
„Denn ich habe nicht aus mir selbst geredet, sondern der Vater, der mich gesandt hat, der hat mir ein Gebot gegeben, was ich tun und reden soll.“ (Joh. 12,49) Wie sehr wünschen wir uns nun, Gottes Anweisungen zu vernehmen und unseren Platz in Gottes Plan zugewiesen zu bekommen. Warum aber ist es so schwer, Gottes Willen zu erfahren? Warum schweigt Gott so oft?
Berufung, so ein weit verbreitetes Mißverständnis, sei vor allem ein Auftrag Gottes, der an uns ergeht und den wir erfüllen müssen. Dieser Auftrag ruft uns zum Tun, und er ist in den großen Plan Gottes zum Bau des Reiches Gottes eingebunden. Aus diesem Plan ergibt sich für jeden ein persönlicher Plan, den wir in Erfahrung bringen müssen damit das Ganze auch funktioniert. An dieser Stellen verspüren wir dann notwendigerweise viel Druck, insbesondere, wenn es uns nicht gelingt, Gottes Plan für unser Leben zu ergründen. Unsere Unfähigkeit, Gottes Stimme zu hören, aber auch falsche Entscheidungen unsererseits können uns demnach leicht aus Gottes Plan werfen.
2.2. Selbstwert und Identität
Noch tiefer als das verbreitete Denken „Ich bin, was ich habe“ ist das Denken „Ich bin, was ich tue“ in uns verwurzelt. Während Kinder erst dann, wenn sie mit anderen Kindern zu spielen beginnen, lernen, daß besonderer Besitz ihnen Anerkennung und Bewunderung - und damit auch Wert - bringt, wissen sie gewöhnlich schon von klein auf, daß sie dann gelobt - und damit geliebt - werden, wenn sie etwas gut oder richtig getan haben.
Diese Erfahrung setzt sich lebenslang in uns fest, weil wir sie so früh gemacht haben, und weil geliebt zu werden zu unseren stärksten Bedürfnissen zählt. Liebe ist eine Belohnung für unsere Leistung. Das Ergebnis dieser Erfahrungen ist Leistungsdenken, und eine Gesellschaft, die vom Leistungsdenken bestimmt ist, ist eine Leistungsgesellschaft. Es ist fast unmöglich, sich ihrem Leistungsdruck zu entziehen, insbesondere weil Menschen, die besondere Leistungen erbringen, der Gesellschaft am meisten nützen. Das Fundament unserer von Wohlstand und Fortschritt geprägten Gesellschaft besteht in der harten Arbeit ihrer Mitglieder. So bringt Leistung nicht nur persönliche, sondern auch gesellschaftliche Anerkennung und Achtung. Das Leistungsdenken wird so unentwegt stabilisiert. Wer versucht, daraus auszubrechen, verliert die soziale Anerkennung und wird so aus der Gesellschaft ausgeschlossen.
Doch Leistung dient nicht nur dazu, unsere Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung zu befriedigen. Sie gibt uns eine Identität. So wird berufliche Arbeit wegen ihrer wert- und identitätsstiftenden Funktion zu einem enorm wichtigen, zentralen Teil unseres Leben. Wenn wir uns einem anderen vorstellen, dann nennen wir nach Namen und Wohnort gewöhnlich gleich den Beruf. Hier liegt ein Grund, warum der Verlust der Arbeit ist so schlimm ist: Wir verlieren dann an Wert und Identität. Mütter, die nicht berufstätig sind, sagen oft verschämt, sie seien „nur“ Hausfrau. So kommt es, daß auch die Freizeit durch die Arbeit definiert ist: Sie ist das Gegenteil der Arbeit. Für die wohl meisten Menschen in der westlichen Welt besteht das Leben damit aus Arbeit und „Nicht-Arbeit“.
Wie zerstörerisch es ist, wenn ein Mensch bereits als Kind mit dem Leistungsdenken infiziert wird, beschreibt die Autorin Brigitte Rodriguez so: „Ich bin geliebt, wenn ich es richtig mache. Ich werde nicht geliebt, wenn ich es falsch mache. Daraus entsteht ein Ehrgeiz, der Beste zu sein, Erfolg zu haben, allen Erwartungen gerecht zu werden. Man baut sich ein Image auf und findet sich darin wieder, daß man eine Rolle spielt, begleitet von Stolz und Überheblichkeit, aber auch von der Angst zu versagen und von Menschenfurcht. Man vergleicht sich ständig mit anderen, um festzustellen, daß man selbst besser ist. Um nicht entdeckt zu werden, wer man wirklich ist, legt man sich im Umgang mit anderen Menschen eine Distanziertheit zu“ (Rodriguez, 1995, S. 17). Das Leistungsdenken und der Leistungsdruck der Leistungsgesellschaft - dies ist der Hintergrund, vor dem wir als Christen leben - wenn auch nicht von der Welt, so doch in der Welt. Dies ist das Denken, das tief in uns zum unhinterfragbaren Grundwert allen weiteren Denkens und Handelns geworden ist. Mit diesem Grundwert in uns begegnen wir Gott und werden Christen. Zum Beruf gesellt sich dann folgerichtig dessen christliche Variante, die Berufung, die uns nicht nur vor Menschen, sondern auch vor Gott Identität und Wert gibt.
2.3. Sinn
Mein Leben soll Sinn haben. In einer Zeit, in der immer mehr Werte schwinden und durch immer mehr Beliebigkeit ersetzt werden, bekommt die Frage „Wozu lebe ich?“ immer mehr Gewicht. Doch beantworten muß sie jeder für sich. Die alten Werte, an denen man vielleicht noch Sinn hätte festmachen können, gelten nicht mehr. Es gibt keine logische Begründung mehr für den Sinn unseres Lebens. Die naheliegendste Antwort auf die Sinnfrage in einer Leistungsgesellschaft lautet: Sinnvoll wird das Leben dadurch, daß man etwas Sinnvolles tut. Doch in einer globalisierten, arbeitsteiligen und genormten Arbeitswelt kommt an vielen Arbeitsplätzen kaum ein Gefühl von Sinn auf. Auch hier regiert die Beliebigkeit. Nur wenige haben noch das Privileg, den Nutzen ihrer Arbeit im Leben anderer Menschen unmittelbar zu erfahren. Was am Beruf noch Sinn vermittelt, ist das Gefühl, gebraucht zu werden. Das ist uns so wichtig, daß wir dafür lange Arbeitswege, unbefriedigende Tätigkeiten, Überstunden, mürrische Chefs und viele andere Un-
annehmlichkeiten in Kauf nehmen. Ständig sind Klagen über die Arbeit zu hören, und doch klammern wir uns an die Arbeit - nicht selten bis zur Arbeitssucht. Erst angesichts von Arbeitslosigkeit oder auch beim Übergang in den Ruhestand zeigt sich der hohe Stellenwert der Arbeit. Plötzlich wird die allgegenwärtige Sinnlosigkeit überstark offenbar.
Der 1905 geborene Logotherapeut Viktor Frankl hatte es sich zum Lebensziel gemacht, Menschen bei ihrer Sinnsuche zu helfen. 20 Prozent aller Neurosen sind seinen Beobachtungen zufolge auf Sinnleere zurückzuführen. Seine Hilfe bestand darin, seinen Patienten bei der Suche nach sinngebenden Werten zu helfen, und ihnen Halt im Geistigen zu vermitteln. Auch wenn diese Werte nicht unbedingt allgemeinverbindlich, sondern eher persönlich-beliebig sind, zeigt Frankl damit einen notwendigen Weg zurück zu verbindlichen Werten, den allerdings trotzdem kaum jemand geht. Viele Menschen haben heute die Sinnsuche aufgegeben und suchen nur noch nach maximalem Vergnügen.
Hier haben Christen einen großen Vorteil. Sie sind noch in Berührung mit den ewigen Werten der Bibel. Doch wieviel haben die dem modernen, vom Zeitgeist infizierten Christen noch zu sagen? Sind Christen nicht ebenso wie alle anderen Menschen auf Sinnsuche? Wenn Gott mich beruft, dann weiß ich, wozu ich lebe. Dann kann ich endlich etwas Sinnvolles in Gottes Reich tun. Ich mache mich auf die Suche nach meiner Berufung, um meinem Leben Sinn zu geben.
2.4. Meine Begabungen einbringen können
Es ist eine wichtige Erfahrung und zugleich eine biblische Wahrheit, daß Gott uns Gaben (Talente, „Pfunde“, „Zentner“) anvertraut mit dem Auftrag, sie auch zu nutzen. Gewöhnlich sehen wir nur die Gaben als das uns Anvertraute. Welche das sind, können wir mit den weitverbreiteten Gabentests herausfinden. Daß uns viel mehr anvertraut ist als nur die Fähigkeit, etwas zu tun, gerät dadurch oft aus dem Blick. Daß alles, was unser Menschsein ausmacht, jeder Tag, den wir erleben dürfen, und jeder Mensch, den wir kennenlernen dürfen, ein Geschenk Gottes ist, fällt uns bei der eingeengten Sicht nur auf die Gaben oft nicht auf. Das meiste, was uns an Menschsein anvertraut ist, können wir nur genießen. Wir können nur Mensch sein - nicht Mensch tun. Und doch legen wir den Schwerpunkt auf das, womit wir etwas tun können: Gaben und Fähigkeiten. Und selbst unsere Persönlichkeit und unseren Charakter, unser „so bin ich“, nehmen wir in den Dienst des Tuns. Persönlichkeitstests lehren uns, wie wir unser Sein für die berufliche (oder geistliche) Arbeit nützlich machen können. So erleben wir uns gewöhnlich als jemand, der in jeder Hinsicht zum Arbeiten geschaffen ist. Und ein Blick in die Bibel zeigt ja, daß das nicht falsch ist. Gott, der arbeitet, schuf den Menschen zu seinem Ebenbild und gab ihm den Auftrag zu arbeiten. Den Garten sollte er bewahren, und die Tiere benennen. Daß Adam aber
auch einfach nur gemeinsam mit Gott spazierenging, überlesen wir gern. Warum ist es uns so wichtig, unsere Gaben einzubringen?
Wenn es uns so wichtig ist, unsere Gaben einbringen und nutzen zu können, dann könnte das daran liegen, daß wir in der so erfolgenden Anerkennung der Gaben auch eine Anerkennung unserer Persönlichkeit erleben. Das führt zur nächsten Frage: Sind es überhaupt unsere Gaben, oder nicht vielmehr Gottes Gaben, die er uns lediglich anvertraut hat? Ist es unsere Persönlichkeit, oder ist es - was die These von der Gottesebenbildlichkeit nahelegt - Gottes Wesen, zumindest ein Teil davon, das da in mir steckt? Wenn ich wirklich Gottes Ebenbild bin, also ein Mosaiksteinchen aus der Fülle seines Wesens, warum habe ich es dann nötig, mich zu beweisen?
Hier zeigt sich, daß der Wunsch, die eigenen Gaben einzubringen, von einer Fülle verschiedener Motive getragen wird, von denen viele den Alten Menschen in uns offenbaren. Zutiefst ist es der Wunsch, wie Gott zu sein, der schon Auslöser des Sündenfalls war, und der nach wie vor in uns allen steckt. Da ist etwas in mir, das sich unabhängig von Gott verwirklichen will. Es ist vielleicht nicht das, was Gott in mich hineingelegt hat, was sich da in mir verwirklichen will, sondern das, was grundlegend meine menschliche („fleischliche“) Natur prägt. Dieses „Selbst“ in mir nimmt auch das in Besitz, was Gott mir geschenkt hat und betet dann auch noch: „Hier sind meine Gaben. Nun zeig mir, wo ich sie einsetzen kann.“ Dieses Selbst ist gar nicht so leicht zu entlarven, weil es sich hinter der göttlichen Berufung versteckt, die wir ja ohnehin haben: „Ich habe dir Gaben geschenkt. Und ich möchte, daß du mir und deinem Nächsten damit dienst.“ Solch eine Haltung macht es uns schwierig oder unmöglich, Gottes Ruf zu vernehmen, mit dem er uns berufen will. Wenn wir Berufung auf Begabungen reduzieren, dann verfehlen wir das Ganze. Und wenn wir sie dann noch auf das reduzieren, was in unserer eigenen Person begründet liegt, verschließen wir uns dem Rufen Gottes endgültig. So kommt es, daß unzählige Christen verzweifelt auf der Suche nach ihrer Berufung sind, und keine Antwort von Gott bekommen. Was sie tun, kann man eher mit dem Wort Selbstverwirklichung beschreiben. Die Frage nach dem, was wir suchen, wenn wir unsere Berufung suchen, führt geradewegs zum Thema Selbstverwirklichung. Es geht letzten Endes um uns selbst, um unsere Bedürfnisse, um den Versuch, etwas aus uns zu machen. Wir möchten Gott dienen - aber wir möchten dabei auch wertvoll, unentbehrlich und geliebt sein. Wir möchten in unserem Dienst für Gott als Wohltäter gelten oder vielleicht auch Macht ausüben, wir möchten durch unser Tun Dankbarkeit und Bewunderung ernten. Wenn wir ehrlich sind, kommen solche oder ähnliche, stets eigennützigen Motive zutage. Deshalb beschäftigt sich der erste Teil der Diplomarbeit ausführlich mit dem Konzept der Selbstverwirklichung, um zunächst zu zeigen, was Berufung nicht ist. Eine Erweiterung des Selbstverwirklichungsthemas führt dann Schritt für Schritt hin zum zweiten Teil der Arbeit, dem Thema Berufung.
3. Was ist Selbstverwirklichung?
Selbstverwirklichung ist einer der Schlüsselbegriffe der Humanistischen Psychologie. Ihren Namen bezieht die Humanistische Psychologie aus der gemeinsamen weltanschaulichen Grundhaltung ihrer verschiedenen Therapieansätze. Der Humanismus steht für ein Bemühen um Humanität (Menschlichkeit), um eine der Menschenwürde und freien Persönlichkeitsentfaltung entsprechende Gestaltung des Lebens und der Gesellschaft durch Bildung und Erziehung, aber auch durch Schaffung der dafür notwendigen Lebens- und Umweltbedingungen selbst. Die Humanistische Psychologie geht von positiven, wachstumsorientierten Kräften im Menschen aus. Den unterschiedlichen Therapiekonzepten gemeinsam ist die Förderung dieser Kräfte, um dem Menschen zur Entfaltung seines Wesens und seiner Fähigkeiten - seines Selbst - zu verhelfen. Woher kommt die Humanistische Psychologie eigentlich? Was will sie erreichen? Was können wir aus ihr lernen, und wo steht sie im Widerspruch zur Bibel?
3.1. Humanismus
„Der Mensch ist das Maß aller Dinge.“ So lautet ein Satz, den wir gewöhnlich dem Humanismus zuschreiben. Überraschend dürfte sein, daß dieser so modern anmutende Ausspruch schon aus der Antike stammt, und zwar von dem Philosophen Protagoras (um 480-411 v. Chr.). Protagoras war Vertreter der Sophisten, die die Existenz absoluter Wahrheit abstritten und die glaubten, daß sich Weisheit lehren und lernen lasse. Der Satz „Der Mensch ist das Maß aller Dinge“ war vor diesem Hintergrund eigentlich so gemeint, daß die gegenständliche Welt „da draußen“ daran gemessen werde, wie der Mensch sie wahrnimmt. Außerhalb des Menschen gebe es keine Möglichkeit, das Sein und Wesen der Welt zu ergründen. Überliefert wurde dieser Satz durch Platon (428-348 v. Chr.), der die Reden und Argumentationen seines Lehrers Sokrates (um 470-399 v. Chr.) niederschrieb. Sokrates hatte die Vorstellung, daß der Mensch das Maß aller Dinge sei, zurückgewiesen. Erstaunlicherweise ist dieser alte Satz heute wieder zu einem Schlagwort geworden. Wenn man bedenkt, daß der Begriff Humanismus für eine kulturelle Strömung des 14. und 15. Jahrhunderts steht, also nicht ganz jung ist, dann wird deutlich, daß dieses Schlagwort eher das heutige Lebensgefühl ausdrücken will, nämlich daß unsere Bedürfnisse und Wünsche das sind, was in der Welt zählt. (Vgl. Macrone, 1999, S. 36f.)
Der Humanismus (lat. humanitas: Menschlichkeit) ist eine Haltung der Philosophie, die die Würde und den Wert des Individuums betont. Sie entstand im 14. Jahrhundert in Italien als Folge der Wiederbelebung des Platonismus und breitete
sich bald über ganz Westeuropa aus. Der Humanismus hatte Einfluß auf Literatur, Malerei und Architektur seiner Zeit. Auch der deutsche Gelehrte Philipp Melanchthon (1497-1560) war ein Anhänger des Humanismus. Er schuf eine humanistische Theologie und Erziehung und ebnete damit nicht zuletzt den Weg für die Re-formation. Allerdings entfremdete er sich mit seinen humanistischen Ansichten später zunehmend von Martin Luther. (Vgl. Encarta, 1997, Stichwort Humanismus.)
Im 18. Jahrhundert tauchte der Humanismus als „Neuhumanismus“ erneut vor allem in der Kunst auf. Heute bezeichnet der Humanismus allgemein das „Denken und Handeln im Bewußtsein der Würde des Menschen“ und das „Streben nach einer echten Menschlichkeit“ (LexiROM, 1995, Stichwort „Humanismus“, vgl. auch Fromm, 1982, S. 147ff).
3.2. Humanistische Psychologie
Die Humanistische Psychologie gilt neben der Psychoanalyse (Tiefenpsychologie) und dem Behaviorismus (Verhaltenspsychologie) als „Dritter Weg“ oder „Dritte Kraft“ der Psychologie. Es handelt sich dabei aber um keine relativ einheitliche und geschlossene Psychologie, sondern eher um ein Sammelsurium verschiedener Therapierichtungen, die sich lediglich auf ein gemeinsames Menschenbild stützen. Die Hauptvertreter der Humanistischen Psychologie (Charlotte Bühler, Abraham Maslow, Carl Rogers u.a.) taten sich erst 1962 in den USA zusammen, um die „Gesellschaft für Humanistische Psychologie“ zu gründen. Obwohl zu den Vorläufern der „Dritten Kraft“ etliche Tiefenpsychologen gehörten (z. B. Alfred Adler, Viktor Frankl, Erich Fromm, Karen Horney), grenzt sich die Humanistische Psychologie ausdrücklich von den monokausalen, mechanistischen und deterministischen Menschenbildern der Psychoanalyse und des Behaviorismus ab und strebt eine grundlegende Erneuerung der Psychologie an. Entscheidende Impulse erhielt die Humanistische Psychologie aus philosophischer Richtung vor allem vom Existentialismus und aus psychologischer Richtung besonders von der Gestaltpsychologie nach Fritz Perls (1893-1970). (Vgl. Kriz, 1994, S. 173f.)
3.2.1. Philosophische Wurzeln
Die Existenzphilosophie (Existentialismus) geht auf Sören Kierkegaard (1813-1855) und Friedrich Nietzsche (1844-1900) zurück. Weitere bekannte Vertreter sind Karl Jaspers (1883-1969), Martin Heidegger (1889-1976), Martin Buber (1878-1965), Albert Camus (1913-1960), Jean-Paul Sartre (1905-1980) und andere. „Der Existentialismus sucht jenseits von absoluten Werten, festen Normen, Rollen und Fassaden den ,wirklichen‘ Menschen, in seiner eigentlichen und ,nackten‘ Existenz. Fragen nach dem Sein und dem Sinn der Welt werden nicht mehr im Hinblick auf absolute (ewig gültige) Antworten sondern in der Dimension der Zeit gesehen, wobei sich der Mensch in Vereinzelung, Sorge und Angst immer
wieder selbst in Frage stellen muß, sich immer wieder auf dem Weg des Selbstwerdens befindet. Das traditionell vorgegebene ,Wesen des Menschen‘, das eine ,objektive‘ Dimension der Existenz eröffnet hatte, wird also bezweifelt; statt dessen kann der Mensch nur von ,innen her‘, autonom, in seiner Zeitlichkeit und Endlichkeit begriffen werden. Der existentiell gelebte und erfahrene Augenblick gewinnt zentrale Bedeutung - nicht das, was der Mensch ist, sondern das, wozu er sich jeweils durch die Tat macht, ist sein Wesen“ (Kriz, 1994, S. 174, Hervorhebung von mir).
Hier finden wir bereits Ansätze der Selbstverwirklichung, wie sie die Humanistische Psychologie zentral lehrt. Hier ist die Wurzel für unser heutiges Lebensgefühl: Der Mensch ist, was er tut, nicht was er ist. Obwohl einige Vertreter der Existenzphilosophie wie Buber und Kierkegaard „in religiöser Gewißheit verankert“ waren (S. 174), werden absolute Werte zurückgedrängt. Was nunmehr gilt, ist der Mensch selber, autonom (im negativen Sinn: von Gott getrennt - autonom sein wollen ist die Ursünde des Menschen), nur noch in seiner Zeitlichkeit und Endlichkeit begriffen (also ohne Verankerung in der Transzendenz, der unsichtbaren Welt). Erfahrungen rücken in das Zentrum der Betrachtung: „Menschliche Grunderfahrungen (,existentielles Erlebnis‘) wie Angst (Kierkegaard), Todeserfahrung (Heidegger), Ekel (Sartre), Scheitern in Grenzsituationen (Jaspers), das Absurde (Camus), die alle vor das ,Nichts‘ führen, wurden zum zentralen Motiv für philosophische Erfahrung überhaupt“ (LexiROM, 1995, Stichwort Existenzphilosophie).
Dennoch möchte ich die positiven Gedanken des Existentialismus nicht beiseite schieben. Er sucht hinter Rollen und Fassaden nach dem wahren Menschen. Er entdeckt, daß der Mensch - nach Sartre „,zur Freiheit verdammt‘, er selbst oder nicht er selbst zu sein und zu werden“ (Kriz, 1994, S. 147) - einen Entscheidungsspielraum hat und Verantwortung für seine Entscheidungen trägt. Erst so sind Autonomie (im positiven Sinn: das Recht oder die Fähigkeit zur selbständigen Regelung der eigenen Umstände), Identität und menschliche Würde möglich geworden. Martin Buber betont zudem in besonderer Weise neben der Bezogenheit des Menschen zur Welt („Ich-Es“) die „Ich-Du“-Beziehung (Begegnung), die auch die Begegnung mit dem „Ewigen Du“ (Gott) einschließt. (Vgl. Kriz, 1994, S. 147f.) Von diesen Gedanken angeregt reicht die Humanistische Psychologie weit über die eingeengten Menschenbilder der Psychoanalyse oder des Behaviorismus hinaus und greift damit auch Elementen des biblischen Menschenbildes vor. Diese Nähe zum biblischen Menschenbild, aber auch die zentrale Bedeutung der menschlichen Erfahrungen (wir erleben, daß es sich so verhält, wie die Humanistische Psychologie lehrt) machen die zuweilen gefährliche Attraktivität des humanistisch-psychologischen Menschenbildes für Christen aus. Gerade deswegen dürfen wir die entscheidenden Unterschiede der Menschenbilder von Bibel und Humani- stischer Psychologie nicht vergessen.
3.2.2. Gestaltpsychologische Wurzeln
Während die herkömmliche „Elementen-Psychologie“ davon ausging, „daß psychische Phänomene aus (isoliert untersuchbaren) einzelnen Elementen zusammengesetzt sind, betont die Gestaltpsychologie, daß beim Wahrnehmen, beim Denken, bei Willenshandlungen und bei Bewegungsabläufen eine ganzheitliche Organisation nach übergreifenden Gestaltgesetzlichkeiten und dynamischen Gerichtetheiten stattfindet. Gestalten sind insbesondere transponierbar (z. B. eine Melodie, die in anderer Tonhöhe, von einem anderen Instrument, in anderem Rhythmus etc. gespielt werden kann) und heben sich vor einem Hintergrund als tendenziell geschlossene, in sich gegliederte Ganzheiten ab“ (Kriz, 1994, S. 176). Zunächst wurden Gestaltgesetze im Wahrnehmungsbereich entdeckt. Die Wahrnehmung (das „Gewahrwerden von Eigenschaften, von Raum, Zeit und Bewegung“, Krech/Crutchfield, 1992, S. 69) ist ein zunächst unbewußt verlaufender, spontaner, ganzheitlicher Prozeß, der erst nach und nach in das Bewußtsein übergeht. Ein Betrachter nimmt spontan und ungesteuert zunächst ein Ganzes wahr und kann dann erst nacheinander die Dinge benennen, die er durch rationale Analyse gewahr wird. Der spontane Teil des Wahrnehmungsprozesses läuft, wie vielfältige Untersuchungen zeigen, nach bestimmten Gesetzen ab, eben den Gestaltgesetzen. (Vgl. S. 69.)
Solche Gestaltgesetze beschreiben z. B., auf welche Weise sich eine optisch wahrgenommene Struktur als Figur von einem Hintergrund abhebt - also warum ein Teil der Struktur als Figur, ein anderer Teil als Hintergrund wahrgenommen werden. Kriterien für die Wahrnehmung von Gestalten können etwa Geschlossenheit, Gruppierung, Nähe, Ähnlichkeit oder Symmetrie von Strukturen sein. (Vgl. S. 70ff.) Inzwischen wurde eine Vielzahl solcher Gesetze gefunden - zudem nicht nur für die optische Wahrnehmung. Der Neurophysiologe und Psychiater Kurt Goldstein (1878-1966), Lehrer von Fritz Perls, dem Begründer der Gestaltpsychologie, hat entdeckt, daß sich die Gestaltgesetze vom Bereich der Wahrnehmung auf rein psychische Phänomene, und noch weiter auf den gesamten Organismus übertragen lassen. Das Ergebnis sind recht abstrakte Kennzeichen für die „Arbeit am Lebendigen“, die durchaus als Handlungsgrundsätze humanistischer Psychotherapeuten gelten können. Eine davon ist für das Thema dieser Arbeit interessant: „Nicht-Beliebigkeit der Form: Man kann Lebendigem ,auf die Dauer nichts gegen seine Natur aufzwingen‘; man ,kann nur zur Entfaltung bringen, was schon in dem ,Material‘ selbst an Möglichkeiten angelegt ist‘“ (nach Walter, 1977, zit. in Kriz, 1994, S. 177).
Hier ist ganz klar davon die Rede, daß da etwas Verborgenes in unserer Natur vorhanden ist, das nach Entfaltung (Verwirklichung) strebt. Dies ist ein weiterer Weg hin zum zentralen Konzept der Selbstverwirklichung.
3.2.3. Menschenbild
Entscheidende Vorarbeiten für das Menschenbild der Humanistischen Psychologie und ihre Therapiekonzepte hat der Psychiater und Philosoph Iacov Levy Moreno (1889-1974) geleistet. Moreno arbeitete wie Sigmund Freud in Wien, wurde aber kaum von Freud beeinflußt. Im Gegensatz zum Freudschen Therapiesetting (der Patient liegt auf der Couch, der Therapeut befindet sich außerhalb des Blickwinkels des Patienten) entwickelte Moreno mit dem „Psychodrama“ eine Form der Gruppenpsychotherapie, in der psychische Konflikte durch die Patienten in theater-ähnlichen Szenen dargestellt werden. (Vgl. Kriz, 1994, S. 178.) Folgende zentralen Grundbegriffe umreißen das Menschenbild der Humanistischen Psychologie (nach Kriz, 1994, S. 179):
• Autonomie und soziale Interdependenz: Mit Autonomie ist das Streben des Menschen aus der biologischen und emotionalen Abhängigkeit von der Geburt an bis hin zum Ergreifen von Verantwortung für sich selbst gemeint. Wenn ein Mensch für sich selbst verantwortlich ist, kann er auch Verantwortung für andere Menschen übernehmen und nötigenfalls auch Veränderungen in der Gemeinschaft bewirken. Dennoch bleibt der Mensch, der in der Gemeinschaft lebt, auch von anderen Menschen abhängig (Interdependenz = gegenseitige Abhängigkeit).
• Selbstverwirklichung: Die Befriedigung vieler Bedürfnisse wird in der Psychoanalyse und im Behaviorismus nach dem Homöostase-Prinzip erklärt. Homöostase heißt soviel wie Gleichgewicht und meint die Aufrechterhaltung des Gleichgewichts körperlicher oder seelischer Funktionen durch eine Art Regelkreis. Bedürfnisse werden als Auswirkungen von Ungleichgewichten interpretiert; die Befriedigung des Bedürfnisses stellt das Gleichgewicht wieder her. Beispiel: Wenn der Flüssigkeitshaushalt eines Organismus durch Flüssigkeitsverlust aus seinem optimalen Bereich kommt, dann entsteht das Bedürfnis Durst. Durch Trinken kann es befriedigt werden - die Flüssigkeitszufuhr stellt das Gleichgewicht wieder her. Doch auch wenn alle Bedürfnisse befriedigt sind, bleibt der Organismus aktiv und „unternehmungslustig“. Er strebt dann danach, seine ihm innewohnenden Potentiale (z. B. schöpferische Fähigkeiten) zu entfalten. Neben die sogenannten Defizit-Bedürfnisse, die nach dem Homöostase-Prinzip erklärbar sind, treten zusätzliche Wachstums-Bedürfnisse, „die in ständigem Austausch mit der sozialen Umwelt bei günstiger Konstellation vor-handene Fähigkeiten entfalten und ausdifferenzieren lassen“ (S. 179). • Ziel- und Sinnorientierung: Das menschliche Handeln ist absichtsbedingt und zielorientiert. Es wird nicht allein von der materiellen Seite des Seins bestimmt (von materiellen Bedürfnissen), sondern auch von humanistischen Werten wie Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde. Besonders Frankl betont in diesem Zusammenhang, daß Sinn und Erfüllung die Transzendierung des Selbst, also ein Über-sich-selbst-Hinausreichen, voraussetzt.
• Ganzheit: Von der Gestaltpsychologie übernommen hat die Humanistische Psychologie die Sicht auf den Menschen als Ganzheit von Leib und Seele, also auch beispielsweise von Gefühl und Vernunft.
Daß Gott in diesen das Menschenbild der Humanistischen Psychologie begründenden Gedanken nicht vorkommt, sei nochmals erwähnt. Dennoch ist es eine wichtige Leistung der Humanistischen Psychologie, das Menschenbild durch die Betonung des freien Willens und positiver Wachstumskräfte gegenüber den engen Sichtweisen von Psychoanalyse und Behaviorismus „menschlicher“ zu machen. Damit kommt die Humanistische Psychologie näher an das biblische Menschenbild des würdevollen, zielgerichteten, kreativen, mit freiem Willen ausgestatteten Menschen heran als die anderen Richtungen von Psychologie und Therapie. Welche schweren weltanschaulichen Lasten die Humanistische Psychologie sich und ihrem Menschenbild auflädt, die in der Öffentlichkeit und auch im Leib Christi meist ignoriert werden, zum Teil aber auch kaum bekannt sind, wird im folgenden deutlich.
3.2.4. Weltanschauliche Lasten
Die Humanistische Psychologie hat in der Tat Neues entdeckt und das Menschenbild stark erweitert. Sie geht nicht, wie frühere Ansätze, von der Beobachtung kranker, sondern gesunder Menschen aus. Zu vielem, was die Humanistische Psychologie lehrt, können wir spontan ja sagen, weil wir uns darin wiedererkennen und es selbst erleben. Dieses Ja hat dazu geführt, daß die Ideen der Humanistischen Psychologie auch in den Leib Christi Einzug gehalten haben (vgl. Adams, 1987). Auch die Entwickler und Anhänger der Humanistischen Psychologie selbst zeigen eine starke Begeisterung für ihre Lehren und haben Visionen bis hin zur Schaffung eines neuen Menschen und einer neuen Welt. Abraham Maslow (1908-1970) schrieb 1968, zwei Jahre vor seinem Tod:
„Diese ,Dritte Psychologie‘ […] ist im Augenblick nur eine Facette einer allgemeinen Weltanschauung, einer neuen Lebensphilosophie, einer neuen Konzeption des Menschen, der Beginn eines neuen Jahrhunderts der Arbeit (selbstverständlich nur, wenn es uns gelingt, die allgemeine Katastrophe abzuwenden). Für jeden Menschen guten Willens, jeden Menschen, der für das Leben Stellung bezieht, gibt es hier Aufgaben, gibt es effektive, lohnende, befriedigende Arbeit zu leisten, die dem eigenen Leben und dem Leben anderer Menschen neuen, bedeutenden Sinn verleihen kann“ (Maslow, 1973, S. 11).
„Wir verfügen heute einfach noch nicht über genügend verläßliches Wissen um den Aufbau der Einen Guten Welt voranzutreiben. Wir haben nicht einmal genügend Wissen, um einzelne zu lehren, wie man einander liebt - zumindest nicht mit einiger Gewißheit. Ich bin überzeugt, daß die beste Antwort in der Förderung und im Fortschritt des Wissens liegt“ (S. 13).
Es wäre interessant zu wissen, wie Maslow auf die heutige Ernüchterung in bezug auf Wissenschaftsgläubigkeit und Machbarkeit reagieren würde. Doch auch der
heute weitverbreiteten Suche nach Religiosität und Esoterik hat Maslow etwas anzubieten: Er sieht in der „Dritten Kraft“ der Psychologie den Grundstein für eine neue Religion, die geradezu esoterische Züge haben dürfte, und die das Christentum offensichtlich endgültig ablösen soll:
„Ich sollte auch sagen, daß ich die Humanistische Psychologie, die ,Psychologie der Dritten Kraft‘ […] als vorübergehend betrachte, als Vorbereitung für eine noch ,höhere‘ Vierte Psychologie, die überpersönlich, transhuman ist, ihren Mittelpunkt im All hat, nicht in menschlichen Bedürfnissen und Interessen, und die über Menschlichkeit, Identität, Selbstverwirklichung und ähnliches hinausgeht […] Diese neuen Entwicklungen […] können sich zu einer Lebensphilosophie entwikkeln, zu einem Religionssurrogat, zu dem Wertesystem und Lebensprogramm, das man bisher vermißt hat […] Wir brauchen etwas ,Größeres, als wir es selbst sind‘, um Ehrfurcht davor zu empfinden und uns in einer neuen, naturalistischen, empirischen, nichtkirchlichen Welt zu engagieren […]“ (S. 11f). Dennoch sind die Leistungen der Humanistischen Psychologie wegweisend für das Verständnis des Menschen und für die therapeutische Hilfe. Die Beschäftigung mit ihnen lohnt sich auch für Christen - einerseits, um ihre brauchbaren Erkenntnisse zu erkennen und zu nutzen, andererseits, um ihr meist unerkanntes Eindringen in die Gemeinden und die christliche Seelsorge zu entlarven.
Die Beschäftigung mit der Humanistischen Psychologie und anderen säkularen Erkenntnissen erfolgt in dieser Arbeit natürlich ebenfalls unter einem weltanschaulichen Vorzeichen, nämlich dem biblischen Welt- und Menschenbild. Weltanschaulich neutrale Erkenntnisse gibt es nicht. Die in der Erkenntnisgewinnung ange-wandten wissenschaftlichen Methoden helfen zwar, weitgehend Neutralität anzustreben. Aber dennoch sind es immer Menschen, die diese Methoden anwenden, und die doch mehr oder weniger bewußt ihre persönliche Weltanschauung in ihre Erkenntnisse einfließen lassen. Anders ausgedrückt: Weil Erkenntnis immer im Menschen entsteht, ist sie immer zumindest ein Stück subjektiv. Rein objektive Erkenntnis gibt es nicht. Es ist wichtig für uns, diesen weltanschaulichen Ballast zu erkennen, um nicht selber davon infiziert zu werden.
3.2.5. Kritik des humanistischen Menschenbildes
Abraham Maslow beschreibt die für uns Christen entscheidende Grundannahme des Menschenbildes der Humanistischen Psychologie folgendermaßen (es lohnt sich, dieses komplizierte Zitat ganz genau zu lesen):
„Diese innere Natur [des Menschen], soweit wir bisher über sie Bescheid wissen, scheint an sich nicht primär [= vorrangig, ursprünglich] oder notwendig böse zu sein. Die Grundbedürfnisse (nach Leben, Sicherheit und Geborgenheit, Achtung und Selbstachtung und Selbstverwirklichung), die grundlegenden menschlichen Emotionen und die grundlegenden menschlichen Fähigkeiten sind offenbar entweder neutral, prämoralisch [= dem Moralischen vorausgehend] oder positiv ,gut‘. Destruktivität, Sadismus, Grausamkeit, Bosheit usw. scheinen nicht inhärent [= innewohnend] zu sein, sondern eher heftige Reaktionen auf Frustrationen unserer
inhärenten Bedürfnisse, Emotionen und Fähigkeiten darzustellen. Ärger ist an sich nicht böse, auch nicht Furcht, Faulheit oder gar Unwissenheit. Selbstverständlich können sie zu bösem Verhalten führen und tun es auch, doch es muß nicht so sein. Dieses Ergebnis ist nicht eigentlich notwendig“ (Maslow, 1973, S. 21). Es ist spürbar, wie Maslow hier mit seiner Argumentation „ins Schleudern“ kommt. Er sieht zwar böses Verhalten, das aber seiner Meinung nach nicht auf eine böse Natur des Menschen schließen läßt. Das böse Verhalten ist nur eine Reaktion darauf, daß unseren guten Bedürfnissen Befriedigung vorenthalten wird. Maslow bewertet den Menschen aufgrund seiner guten Bedürfnisse, Emotionen und Fähigkeiten als gut. Das beobachtbare böse Verhalten und die bösen Emotionen läßt er nicht gelten, weil sie zwar böse sein können, aber nicht böse sein müssen. Bemerkenswert ist auch Maslows Formulierung im ersten Satz, daß die menschliche Natur nicht böse zu sein scheint. Damit steht diese zentrale Grundannahme der Humanistischen Psychologie bei ihm von vornherein auf sehr wackeligen Füßen! Zusammenfassend widerspricht Maslow noch einmal dem, was „man“ (als ob er die Autorität der Bibel ignorieren und umgehen will) bisher über die menschliche Natur gedacht hat.
„Die menschliche Natur ist bei weitem nicht so schlecht, wie man gedacht hat. Tatsächlich kann man sagen, daß die Möglichkeiten der menschlichen Natur unter ihrem Wert verkauft worden sind“ (S. 21). Das Urteil der Bibel über den Menschen fällt ganz anders aus: „Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf“ (1. Mo. 8,21).
„Aber sie sind alle abgewichen und allesamt verdorben; da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer“ (Ps. 14,3).
„Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsches Zeugnis, Lästerung“ (Mt. 15,19) . „Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten. [Wörtlich: »Alle haben gesündigt und die Herrlichkeit verloren, die Gott ihnen zugedacht hatte.«]“ (Rö. 3,23).
Das „Herz“ steht hier, wie in der Humanistischen Psychologie das „Selbst“ (vgl. Kapitel 3.3. „Das Selbst“, S. 36) für die wesenhafte Mitte, die innere Natur des Menschen.
Ursprünglich ist dem Menschen von Gott Herrlichkeit zugedacht worden (vgl. Rö. 3,23; Ps. 8,6), eine Herrlichkeit, die aus der Gottesebenbildlichkeit kommt (1. Mo. 1,27). Durch den Sündenfall, also durch das Bestreben des Menschen, Gott gleich sein zu wollen und wissen zu wollen, was gut und böse ist (1. Mo. 3,5), verlor der Mensch diese Herrlichkeit.
„Als der Mensch von Gott abfiel, vertauschte er die Herrlichkeit Gottes mit dem Götzendienst, der Verehrung der äußeren Gestalt und Macht von Mensch und Tier (Röm1,23). Das Bild Gottes im Menschen wird nun durch die Sünde verzerrt und verdunkelt, wenn auch nicht vernichtet; als Herrschaftsanspruch des recht-
mäßigen Herrn bleibt es auch unter Empörung und Abfall erhalten. Aber der Mensch und alles Menschliche stehen jetzt im Widerspruch zu Gott und damit unter seinem Gericht. Alle Menschen sind Lügner und haben gesündigt (Röm3,4; 5,12). So warnt Christus seine Jünger: Hütet euch vor den Menschen (Mt10,17)“ (Rienecker/Maier, 1996, Stichwort „Mensch“, Hervorhebungen von mir).
Der Ausweg besteht in Selbstverleugnung statt Selbstverwirklichung. Verleugnen heißt, „so zu handeln und zu reden, als ob man mit etwas oder jemandem, den man sehr wohl kennt und mit dem man eng verbunden ist, nichts zu tun habe“ (vgl. Rienecker/Maier, 1996, Stichwort „Verleugnen“). Selbstverleugnung heißt dann also, zu meinem eigenen, bösen, antigöttlichen Wesen Nein zu sagen. In der Humanistischen Psychologie gilt Selbstverleugnung als psychisch krankmachend und wird daher abgelehnt. In der Tat scheint Selbstverleugnung nur innerhalb der liebevollen Beziehung zu Gott, also eingebettet in die unbeirrbare Liebe Gottes und aus der Kraft Gottes, ohne negative „Nebenwirkungen“ möglich zu sein. Positive „Nebenwirkung“ wird dann die Veränderung unseres Herzens sein. Nachfolge bedeutet,
„dem ungöttlichen Wesen absagen (Tit2,12), ja sich selbst zu verleugnen, zu seinem Ich und dessen eigenwilligem Begehren und Wünschen nein zu sagen (Mt16,24). Diese Selbstverleugnung im Glauben an Jesus und aus seiner Kraft findet ihren Lohn darin, daß er vor seinem Vater die nicht verleugnen wird, die ihn nicht verleugnet haben (Mt10,33). Denn Jesus bekennen kann nur, wer sich selbst aufgibt und seiner Hand überläßt“ (Rienecker/Maier, 1996, Stichwort „Verleugnen“).
Die Gefallenheit und Bosheit des Menschen ist eine Folge einer Grenzüberschreitung. Der Mensch hat die von Gott gesetzte Grenze, nicht vom Baum der Erkenntnis zu essen, überschritten. Im Menschenbild der Humanistischen Psychologie fehlen solche von außen gesetzten Grenzen, die andere schützen. Im Gegenteil, die behauptete Notwendigkeit der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse und der Verwirklichung menschlicher Potentiale („Selbstverwirklichung“) fordert geradezu Grenzenlosigkeit. Daher wird in der Praxis Selbstverwirklichung zumeist als ein Durchsetzen eigener Bedürfnisse auf Kosten anderer erlebt. Daß sich der Mensch selbst als Maß der Dinge setzt, führt zu Maßlosigkeit.
Das Menschenbild der Humanistischen Psychologie steht an seinem zentralen Punkt in krassem Widerspruch zum biblischen Menschenbild. Das humanistische Menschenbild sieht den Menschen als gut und behauptet daher die Notwendigkeit, daß sich das Innere des Menschen durch Selbstverwirklichung frei entfalten muß, damit der Mensch psychisch gesund bleibt. Das biblische Menschenbild sieht den Menschen als böse, weswegen Jesus von uns Selbstverleugnung fordert.
3.3. Das Selbst
Die Selbstverwirklichung - in dieser Arbeit als zur Berufung gegensätzliches Konzept vorgestellt - bedeutet allgemein gesagt ein Verwirklichen oder Wirklich-werdenlassen des Selbst.
3.3.1. Vielfalt der Definitionen
Was aber ist eigentlich das Selbst? Dazu gibt es unter den Humanistischen Psychologen viele Definitionen. Jürg Kollbrunner (1987, S. 285) führt beispielhaft einige auf. Das Selbst kann sein:
• „das Individuum, wie es sich selbst innerhalb eines sozial bedingten Bezugssystems wahrnimmt“,
• „die Erfahrung der Identität, die aus der Interaktion eines Menschen mit Gegenständen, eigenen Körperteilen und anderen Menschen entsteht“, • „der Stil des Individuums“ oder
• die „organisierte, veränderliche und doch konstante Struktur gegliederter Erfahrungen über die Eigenheiten oder Beziehungen des ,ich‘ oder des ,mich‘“. So unterschiedlich wie diese (und viele weitere) Definitionen sind auch die dahinterstehenden Theorien über das Selbst. Das vielbeanspruchte Wort Selbst schafft damit „eine komplette Kommunikationsverwirrung“ (S. 285). Kollbrunner versucht Klarheit zu schaffen:
„Umgangssprachlich und lexikalisch ist das Wort ,Selbst‘ ein Wort, das wir dazu verwenden, ein bestimmtes Individuum zu beschreiben, auf dieses Individuum hinzuweisen; es als einzigartige Einheit vom Rest aller anderen Untereinheiten des Universums hervorzuheben […]“ (Kollbrunner, 1987, S. 285). Um überhaupt eine Annäherung an den Begriff Selbst zu ermöglichen, führe ich zunächst die einfacheren Erklärungen aus Nachschlagewerken an. Im etymologischen Wörterbuch (Duden, 1997, Stichwort „selb“) wird Selbst kurz als „das seiner selbst bewußte Ich“ definiert, in der Enzyklopädie Encarta (1997, Stichwort „Selbst“) als „eine Person als Ganzes mit ihren Eigenschaften, Wünschen, Fähigkeiten usw.“ Selbst und Ich werden oft sinnverwandt (synonym) verwendet, wobei Ich mehr das subjektive Erlebnis beschreibt („meine Hierheit“), während Selbst eher den Menschen als Subjekt seiner eigenen Betrachtungen oder Handlungen meint (vgl. Stein, 1999, S. 17). Einige Vertreter der Humanistischen Psychologie behaupten, das Selbst sei verbal nicht faßbar. Es könne nicht definiert, sondern nur erfahren werden (vgl. Kollbrunner, 1987, S. 286f). Ein biblischer Begriff für das Selbst könnte „Herz“ sein.
So vielfältig wie der Begriff Selbst ist auch seine Verwendung in Verbindungen wie „Selbst-Bild, Selbst-Bestätigung, Selbst-Erkenntnis, Selbst-Sucht, Selbst-Verwirkli- chung, Selbst-Schutz usw.“ (Kollbrunner, 1987, S. 286). Einzig der Begriff Selbstbild
wird einigermaßen einheitlich verstanden. Es sind die Einstellungen eines Individuums gegenüber sich selbst, also „das, was eine Person von sich selbst glaubt“ (S. 286).
3.3.2. Verständnis der Humanistischen Psychologie
In der Humanistischen Psychologie ist das Selbst vor allem ein motivationstheoretisches Konzept. Es gilt als Quelle von Wachstum und als „Ursprung aller Ziele, die der einzelne sich setzt“ (Kollbrunner, 1987, S. 289). So gesehen ist das Selbst nichts weiter als der Wunsch nach dem Verwirklichen seiner selbst. Das Selbst wird als Triebkraft der Selbstverwirklichung definiert, die Selbstverwirklichung als Wirklichwerden (oder Wirksamwerden) des Selbst. Solch eine um sich selbst kreisende Definition scheint unausweichlich, weil die Humanistische Psychologie keine Erklärung für die Wachstums- und Entfaltungskräfte hat, die sie entdeckt hat.
Weiter gilt das Selbst als „Zentrum der Persönlichkeit“ und als „innerster (guter oder wertneutraler) Kern“ des Menschen. Hier wird in dem Begriff Selbst von der Definition her gleich auch der Begriff Gut einbezogen (oder zumindest der Begriff Böse ausgegrenzt)! Mit den Aussagen „Das Selbst ist ein Sein“ oder „Das Selbst ist die Essenz“ (das innere Wesen) bekommt es existentielle Bedeutung. Kollbrunner setzt die Folge der Definitionen fort bis hin zu den Lehren des Buddhismus: „Das Selbst ist also das, was Buddha als ,unveränderliches Wesen, das in jedem Moment anders ist‘ bezeichnet hat […]“ (S. 289).
Da stets auch die Definition des Gegenteils zum besseren Verständnis des Eigentlichen beiträgt, fragt Kollbrunner auch, was der Ausdruck „das Selbst verlieren“ (oder „Entfremdung“) bedeutet. Es bedeutet, „daß das Individuum den Kontakt zu seinem innersten Kern, zu seinem Wesen verloren hat (oder […] daß der innerste Kern an Ausstrahlungskraft verloren hat)“ (S. 289). Auch Abraham Maslow kann in aller Kürze zunächst nur sagen, was er mit dem Selbst nicht meint: „Das Wort ,Selbst‘ scheint abzustoßen, und meine Neudefinitionen und empirischen Beschreibungen versagen oft vor der mächtigen linguistischen Gewohnheit, das ,Selbst‘ mit ,selbstbezogen‘, ,egoistisch‘ und mit reiner Autonomie zu identifizieren“ (Maslow, 1973, S. 14f).
Das Selbst im Verständnis der Humanistischen Psychologie ist der innerste Kern des Menschen, das Zentrum der Persönlichkeit, die Quelle von Wachstum und Motivation - also gewissermaßen die Triebkraft oder Energiequelle des Menschen. Dabei gilt das Selbst von seiner Definition her als gut oder zumindest als wertneutral. Das Selbst, dessen Ausstrahlung und Verwirklichung Ziel des gesunden Menschen ist, wird damit zum Zentrum der Humanistischen Psychologie. Auf diese Weise erfüllen sich die Worte: Der Mensch ist das Maß aller Dinge.
3.4. Selbstverwirklichung
Selbstverwirklichung, so faßt Kollbrunner (1987) zusammen, „bedeutet nichts anderes als ,wirken lassen des Selbst‘, d. h., das Selbst, den innersten Kern des Menschen zur Wirkung kommen lassen“ (S. 290).
„Selbstverwirklichung ist die systematische Entfaltung der angeborenen Möglichkeiten des Organismus. Sie beruht auf der Anerkennung und dem Ausdruck (sichausdrücken lassen) des innersten Kerns, des Selbst des Menschen […] Selbstverwirklichung ist eher Emittieren (Ausstrahlen) als Imitieren (Nachahmen) von Verhalten. Selbstverwirklichung ist deshalb auch Selbstbestimmung, das willentliche und bewußte Erschaffen des eigenen Schicksals (oder: das Sich-selbstakzeptieren als Schicksal-produzierende Kraft) […]“ (Kollbrunner, 1987, S. 290). In diesem Zitat steckt eine Fülle von Fakten und Behauptungen, die in den weiteren Abschnitten genauer beschrieben, weitergeführt, aber auch hinterfragt und kritisiert werden.
3.4.1. Das höchste der Bedürfnisse
Selbstverwirklichung wird von der Humanistischen Psychologie als das höchste aller Bedürfnisse bezeichnet und unterscheidet sich grundlegend von den niedrigeren Bedürfnissen. Bedürfnisse, so das ursprüngliche Verständnis der Psychoanalyse, sind durch Mangelzustände ausgelöste psychische Spannungen. Diese Spannungen sind die Triebfeder des menschlichen Handelns. Das durch die Bedürfnisspannungen ausgelöste Verhalten zielt dann logischerweise auf die Beseitigung dieser Spannung hin. So gesehen sind Bedürfnisse etwas Negatives. Sie sind die Reaktion auf ein Defizit. Die Humanistische Psychologie hat das Konzept der Bedürfnisse um so entscheidende Punkte erweitert, daß ich es hier beleuchten möchte. Bedürfnisse des Menschen gelten - im Gegensatz zur Psychoanalyse - in der Humanistischen Psychologie nicht als negativ und unmittelbar konfliktauslösend, sondern werden dem Einzelnen weitgehend zugestanden.
3.4.1.1. Die Maslowsche Bedürfnispyramide
Berühmt geworden ist die Maslowsche Bedürfnispyramide, die veranschaulicht, wie Abraham Maslow die Grundbedürfnisse des Menschen in eine hierarchische Ordnung gebracht hat.
Schon Alfred Adler (1870-1937), der Begründer der Individualpsychologie, die den Hauptantrieb des menschlichen Handelns im Macht- und Geltungsstreben sieht, beschäftigte sich mit den Bedürfnissen des Menschen. Adler sagte, daß der Mensch in einer aufsteigenden Hierarchie Bedürfnisse nach Sicherheit, Bedeutsamkeit und Machtausübung habe. Abraham Maslow übernahm diesen Ansatz und verfeinerte ihn. Je tiefer ein Bedürfnis in dieser Pyramide steht, desto grund- legender ist es. Nach Maslow melden sich die höheren Bedürfnisse erst, wenn die
niedrigeren befriedigt sind. Hier sind die Ansätze Adlers und Maslows zur besseren Übersicht nebeneinandergestellt (nach: Adams, 1987, S. 34):
Abbildung 1: Hierarchien der Bedürfnisse nach Alfred Adler und Abraham Maslow
Die Adlersche Hierarchie möchte ich hier nicht weiter betrachten. Wie ist nun die Maslowsche Pyramide zu deuten? Jeder Mensch hat Bedürfnisse, die sich im Laufe der Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen verändern. Nach Maslow bauen die fünf grundlegenden Bedürfnisse aufeinander auf. Sobald ein Bedürfnis optimal befriedigt ist, wird das folgende Bedürfnis dominierend. Als letztes, anspruchsvollstes Bedürfnis entsteht, so Maslow, das der Selbstverwirklichung. Während die vier unteren Ebenen Defizit-Bedürfnisse darstellen, handelt es sich erst bei der Selbstverwirklichung um ein Wachstums-Bedürfnis. In manchen Quellen gibt es Formen der Bedürfnispyramide, die noch eine weitere Ebene oben aufgesetzt enthalten: die spirituellen Bedürfnisse (vgl. Dorsch, 1982, S. 80). Menschen, die über die Defizit-Bedürfnisse hinauswachsen und die Ebene der Selbstverwirklichung erreichen, sind nach Maslows Beobachtungen selten. Er spricht von einem Prozent und weniger (Kollbrunner, 1987, S. 293). Die meisten Menschen bleiben auf einer der niedrigeren Defizit-Ebenen stehen. Die Darstellung der Pyramide kann mißverstanden werden. Es ist nicht so, daß ein höheres Bedürfnis erst auftritt, wenn ein niederes erfüllt ist - sondern es existiert vorher schon und wird dann erst dominant. Auch ein Baby braucht neben der Erfüllung der grundlegenden körperlichen Bedürfnisse beispielsweise zugleich auch Schutz und liebevolle Zuwendung. Gleichermaßen verliert auch ein Erwachsener nicht seine grundlegenden körperlichen Bedürfnisse. Man muß also davon ausgehen, daß stets alle Bedürfnisse - zumindest alle Defizitbedürfnisse - existieren, dabei aber einen unterschiedlichen und veränderlichen Stellenwert haben. Ein weiteres Mißverständnis könnte in der Schlußfolgerung liegen, daß es nicht mehr als fünf Bedürfnisse - die in der Pyramide dargestellten - gibt. Tatsächlich handelt es sich hier um Bedürfnisgruppen. Die Gruppe der körperlichen Bedürfnisse umfaßt beispielsweise so unterschiedliche Bedürfnisse wie Essen, Trinken, Atemluft, aber beispielsweise auch Bewegung oder Schlaf.
Die Bedürfnispyramide übt auch auf Christen eine große Faszination aus. Sie gibt in komprimierter und glaubwürdiger Form das wieder, was wir ja selbst erleben, und sie kann unser Erleben bestätigen. Sie kann verstehen helfen, daß die Bedürfnisse auf den verschiedenen Stufen von unterschiedlicher Natur sind. Wir können nicht Bedürfnisse nach Sicherheit, Sozialkontakt (Liebe, Zugehörigkeit) oder Anerkennung (Wertschätzung) auf der körperlichen - also materiellen - Ebene befriedigen. Gerade das versuchen wir aber in unserer Wohlstandsgesellschaft. Die Folgen sind gut zu beobachten: Unzufriedenheit, Maßlosigkeit, Sucht und moralischer Verfall.
3.4.1.2. Defizit-Bedürfnisse in der Bibel
Das Maslowsche Bedürfniskonzept bestätigt offenbar das biblische Bild des bedürftigen Menschen. Beispielhaft habe ich zu jeder der vier unteren Bedürfnisebenen (Defizit-Bedürfnisse) ein Bibelwort herausgesucht, das die von Maslow gefundenen Bedürftigkeiten bestätigt und zeigt, wie Gott sich darum kümmert (Hervorhebungen von mir). • Körperliche Bedürfnisse:
„Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, daß ihr all dessen bedürft“ (Mt. 6,31). • Sicherheit, Schutz:
„Von David, dem Knecht des Herrn, der zum Herrn die Worte dieses Liedes redete, als ihn der Herr errettet hatte von der Hand aller seiner Feinde und von der Hand Sauls; vorzusingen. Und er sprach: Herzlich lieb habe ich dich, Herr, meine Stärke! Herr, mein Fels, meine Burg, mein Erretter; mein Gott, mein Hort, auf den ich traue, mein Schild und Berg meines Heiles und mein Schutz!“ (Ps. 18,1-3) • Liebe, Zugehörigkeit, Geborgenheit, Sozialkontakt:
„Und Gott der Herr sprach: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei. [Wörtlich: ich will ihm eine Hilfe schaffen als sein Gegenüber (d. h. die zu ihm paßt)]“ (1. Mo. 2,18). • Wertschätzung, Anerkennung, Bestätigung:
„… Ich habe Ägypten für dich als Lösegeld gegeben, Kusch und Seba an deiner Statt, weil du in meinen Augen so wert geachtet und auch herrlich bist und weil ich dich lieb habe. Ich gebe Menschen an deiner Statt und Völker für dein Leben“ (Jes. 43,1-4).
All diese Bibelworte faßt Fritz Rienecker in einem schönen Satz zusammen: „Alle Geschöpfe leben in ihrer Schwachheit allein von der ständig neuen Schöpfergnade Gottes“ (Rienecker/Maier, 1996, Stichwort „Mensch“). Und er verweist auf Hiob 34:
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Reimar Lüngen, 2000, Berufung - Selbstverwirklichung oder Gottesbegegnung?, München, GRIN Verlag GmbH
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