Evangelische Fachhochschule Berlin
Diplomarbeit
,,Hiermit trete ich aus der Evangelischen Kirche Berlin-
Brandenburg-schlesische Oberlausitz aus!"
Motive für Kirchenaustritte - eine qualitative Untersuchung auf der Basis
narrativer, poimenischer Interviews - mit Fallbeispielen von Kirchenaus-
tritten, erhoben in einer Berliner Kirchengemeinde
zur Erlangung des akademischen Grades des
,,Diplom-Religionspädagogen (FH)"
Evangelische Fachhochschule Berlin (EFB)
Studiengang Evangelische Religionspädagogik
Schwerpunkt Gemeindepädagogik
Vorgelegt am 03. März 2008
Von Andreas Bloch
Vorwort
In der Zeit vom 11. August 2003 bis 07. September 2003 absolvierte ich das
nach der Studienordnung der EFB vorgesehene Orientierungspraktikum ,,Ge-
meinde" unter der wissenschaftlichen Begleitung von Herrn Professor Dr. theol.
Götz Doyé und unter der Betreuung meines Mentors Herrn Pfarrer Thilo Haak
in der Berlin-Brandenburgischen Kirchengemeinde Berlin-Lichtenrade
1
, im Ge-
meindebereich Süd.
Während dieses Praktikums lernte ich die Mehrzahl der gemeindlichen Aktivitä-
ten kennen. Ich war über die Vielzahl, das Engagement der Beteiligten und über
die Arbeitsergebnisse, die die diversen Gruppen hervorbrachten, sehr begei-
stert. Hier wurde von Menschen für Menschen in Teamarbeit effizient und zum
Nutzen Gebender und Nehmender gleichermaßen qualitative und wichtige Ar-
beit geleistet (beispielsweise zu nennen ist hier die Tätigkeit der Küsterei, die
Seniorenarbeit, die Trauergruppe, die Gemeindebriefredaktion und die an die
Gemeinde gekoppelte Arbeit der Diakoniestation Lichtenrade).
Ich erkannte während und noch viel deutlicher nach Beendigung des Prakti-
kums, wie wichtig kirchliche Arbeit auf Gemeindeebene für die Menschen aller
Altersgruppen und unterschiedlichster sozialer Stellungen, ist.
In diesem Zusammenhang ist mir allerdings aufgefallen, dass gemeindliche An-
gebote, die sich an die Altersgruppe der 25- bis 45-Jährigen richten, sich ledig-
lich auf eine Bibelgesprächsgruppe im Gemeindebereich Ost beschränken.
,,Ich bedauere sehr, kein Gemeindeangebot, das sich an Menschen im Alter
zwischen 25 und 45 Jahren wendet, im Gemeindebereich Süd vorgefunden zu
haben; schließlich sind es doch die Menschen, die durch ihre Kirchensteuerab-
gaben kirchliche Arbeit hauptsächlich finanzieren. Ich vermute, dass es in die-
sem Altersbereich nur sehr wenige Menschen gibt, die sich regelmäßig kirchlich
engagieren wollen bzw. können, da sie Kinder erziehen, arbeiten, einer berufli-
chen Ausbildung und anderweitigen Verpflichtungen nachgehen müssen. Aber
Vorwort
dennoch müssen die Gemeinden von sich aus Angebote für diese Altersgruppe
unterbreiten (Angebot schafft Nachfrage; Aspekt der Gemeindeentwicklung). Im
Ostbereich der Gemeinde wird allerdings seit längerem eine Bibelgruppe von
Herrn Diakon Dr. Karl Griese, Herrn Pfarrer Roland Wieloch und der Katechetin
und Beauftragten im Amt für Religionsunterricht Berlin-Neukölln, Frau Andrea
Hannewahr, angeboten, die sich speziell an Menschen im Alter zwischen 25
und 35 Jahren wendet."
2
Diese Feststellung, dass es für die Altersgruppe der 25- bis 45-Jährigen nur ein
einziges Angebot gibt, brachte mich zum Staunen, dann zum Nachdenken und
schlussendlich auf die Idee, im Rahmen der Diplomarbeit der Frage nachzuge-
hen: Gibt es in dieser Altersgruppe den höchsten Anteil an Kirchenaustritten zu
verzeichnen?
1
Seit 01. Januar 2004 Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EK-
BO).
2
Bloch, Andreas (2003): Bericht zum Orientierungspraktikum ,,Gemeinde", 15.09.2003: Seiten
11 und 12 (unveröffentlichtes Manuskript).
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
Vorwort ... 2
Inhaltsverzeichnis ... 4
1
Einleitung... 6
1.1
Kirchenaustritte im Bewusstsein der EKD ...8
1.2
Hypothese und Fragestellungen zum Kirchenaustritt ...10
2
Kirchenmitgliedschaft ... 12
2.1
Kirchenrechtliche und formale Aspekte der Mitgliedschaft...12
2.1.1
Finanzierung der EKD ... 14
2.1.1.1
Kirchensteuerverfahren ... 15
2.1.1.2
Steuerberatung und Kirchenaustritt... 17
2.2
Ekklesiologische und theologische Aspekte ...19
3
Motive für Kirchenaustritte aus der Literatur ... 21
3.1
Fallbeispiele...21
3.1.1
Retrospektive Wiedereingetretener nach MICHEL-SCHMIDT... 21
3.1.2
Theologischer Briefwechsel nach WIRSCHING... 24
3.1.2.1
Diskurs zum Fallbeispiel nach W
IRSCHING
... 27
3.2
Kirchenbindung und Kirchenaustritt...35
3.2.1
Mitgliedschaftsverhalten bei Jugendlichen... 36
3.2.2
Mitgliedschaftsverhalten anderer Evangelischer... 37
3.3
Mangelndes Handeln / Mangelnde Einmischung ...38
3.4
Katholische Protestthemen...39
4
Motive für Kirchenaustritte aus dem Internet... 40
4.1
www.kirchensteuer.de ...40
4.2
www.kirchensteuern.de ...40
4.3
www.kirchenaustritt.de...41
4.4
www.studivz.net ...42
4.4.1
Forum ,,Gott ist nicht tot - Er ist nur aus der Kirche ausgetreten!"... 42
4.4.2
Forum ,,Escapope - Ja zum Kirchenaustritt"... 42
4.4.3
Forum ,,Kirchenaustritt - ausgetreten und Seele bei Ebay verkauft" ... 43
4.5
www.humanistische-aktion.de...44
Inhaltsverzeichnis
5
Vorgehensweise bei den Interviews... 48
6
Motive für Kirchenaustritte aus den Interviews ... 50
6.1.1
Interview 01 ... 52
6.1.2
Interview 02 ... 55
6.1.3
Interview 03 ... 56
6.1.4
Interview 04 ... 58
6.1.5
Interview 05 ... 58
6.1.6
Interview 06 ... 60
6.1.7
Interview 07 ... 61
6.1.8
Interview 08 ... 61
7
Kritische Würdigung... 65
7.1
Kommentierte Zusammenfassung ...65
7.2
Bedeutung von Kirchenaustritten für die Zukunft der EKD ...67
7.3
Maßnahmen und Empfehlungen, weiterer Forschungsbedarf...68
8
Nachwort... 70
9
Quellenverzeichnis ... 71
9.1
Literatur...71
9.2
Internetquellen...75
9.3
Verwendete Hilfsmittel...77
10
Danksagung... 78
Einleitung
1 Einleitung
,,Hiermit trete ich aus der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische
Oberlausitz aus!"
Dieser, das Thema der Arbeit einleitende Ausruf ergibt sich 100 000 bis 300
000 Mal jährlich seit den 1970er Jahren in der Evangelischen Kirche in
Deutschland (EKD).
3
Situationen wie die folgenden sind hundertfach vorstellbar:
Ein Mann mittleren Alters, der emotional erregt bei einer Diskussion am Stamm-
tisch seinen Entschluss, aus der Kirche auszutreten, mitteilt und nach dem
Ausspruch ein ,,Prost!" zur Bekräftigung hinzufügt; oder eine Seniorin, die ihrem
Pfarrer einen Brief in die Hand drückt, mit Tränen in den Augen, verbunden mit
eben diesem einleitend aufgeführten Ausspruch. Ein junger Student erklärt sei-
nen Kirchenaustritt mit demselben Ausruf beim Amtsgericht, während er den
Standardvordruck
4
unterschreibt und somit seinen Entschluss, die Mitglied-
schaft in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg- schlesische Oberlausitz
(EKBO) zu beenden, rechtswirksam werden lässt.
Die sich daraus ergebende Frage dieser Arbeit lautet demnach:
Aus welchen Gründen
5
treten Kirchenmitglieder aus der Kirche als volkskirchli-
cher Organisation
6
aus?
Das Phänomen Kirchenaustritt hat zu einem Anstoß einer wissenschaftlichen
Auseinandersetzung innerhalb der theologisch-soziologischen Forschung ge-
führt. Die Religionspsychologie, hierunter wird die Entwicklungspsychologie mit
3
http://www.kirchenaustritt.de/statistik/ bezogen auf die Datenerhebungen des Kirchenamtes
der EKD, Referat Statistik.
4
Siehe Kapitel 11.1.12: Erklärung des Austritts aus einer Religionsgemeinschaft öffentlichen
Rechts (AVR 13).
5
Die Begriffe ,,Motive", ,,Gründe", ,,Hintergründe", ,,Faktoren" und ,,Ursachen" werden in Bezug
auf ,,Kirchenaustritte" in dieser Arbeit synonym verwandt. Leisering (1988): Seite 254: ,,Motiv":
Beweggrund, Antrieb, Grund (aus dem man etwas tut, sagt) und ,,Faktor": Maßgeblicher Um-
stand (Seite 125). Wissenschaftlicher Rat der Dudenredaktion (2006): Seite 705 definiert ,,Mo-
tiv" folgendermaßen: Beweggrund, Antrieb, Ursache, Leitgedanke und ,,Faktor" als bestimmen-
der Grund, Umstand (Seite 393).
6
Kieser & Walgenbach (2003): Seite 04: Definition ,,Organisation": Organisationen sind ,,soziale
Gebilde, die dauerhaft ein Ziel verfolgen und eine formale Struktur aufweisen, mit deren Hilfe
die Aktivitäten der Mitglieder auf das verfolgte Ziel ausgerichtet werden sollen."
Einleitung
Blick auf Glaubens- und Moralentwicklung des Menschen gezählt, die Religi-
onssoziologie und die Gemeindepädagogik, hier insbesondere die Frage des
Gemeindeaufbaus und der Kybernetik,
7
sind an der Kirchenaustrittsforschung
beteiligt. Sie versuchen Kirchenaustritte seit Ende der sechziger Jahre durch
empirische Forschung qualitativ und durch statistische Erhebungen quantitativ
zu erfassen und zu systematisieren.
Die vorliegende Arbeit ordnet sich in den Bereich der Kirchenaustrittsforschung
ein, insofern sie die Motive des Kirchenaustritts thematisiert, wobei hier qualita-
tive Aspekte im Vordergrund stehen.
Die Arbeit gliedert sich in einen Theorieteil (Kapitel 2 bis 4) und in einen empiri-
schen Teil (Kapitel 6), dem die Darstellung der eigenen Vorgehensweise voran-
gestellt ist. Der theoretische Teil stellt die Erkenntnisse zu dem Thema aus der
Literatur dar und dient zur Veri- bzw. Falsifizierung der aufgestellten Hypothese
und den dazugehörigen Fragen. Zu Beginn wird der Frage nachgegangen, in-
wieweit die EKD sich der Problematik der Kirchenaustritte bewusst ist und wie
sie damit umgeht. Anschließend soll ein Verständnis für den unterschiedlichen
Sachverhalt, was es bedeutet, Mitglied in der Kirche als Organisation (Ecclesia
visibile) bzw. Glied in der unsichtbaren Kirche am Leib Christi
8
zu sein (Ecclesia
invisibile
9
), hervorgerufen werden. Diese Differenzierung ist wichtig für die
Schlussfolgerungen bei der Auswertung von Theorie wie Empirie. Im empiri-
schen Teil wird mittels narrativer, poimenischer Interviews (Fallbeispielen)
10
ein
Befund erhoben, der mit dem aus der Literaturrecherche ins Verhältnis gesetzt
wird. Die Arbeit schließt mit einer kritischen Einschätzung der vorliegenden Un-
tersuchung und benennt lohnende weitere Forschungsfelder.
7
Da der Begriff in vielen Wissenschaften jeweils unterschiedlich definiert wird, soll hier unter
,,Kybernetik" als theologischer Begriff die Theorie der kirchlichen Leitung verstanden werden.
,,Im evangelischen Kirchenverständnis ist die Kirchenleitung (das Amt) eine Funktion des Ge-
meindedienstes (während für katholisches Kirchenverständnis der Gemeindedienst eher eine
Funktion des Leitungsamtes ist). Darum muss der Dienst der Gemeinde als von Gott ,gestiftet`
und das Amt als ,Delegation` der Gemeinde verstanden werden." Genest (2002, Seite 104).
Betrachte in diesem Zusammenhang auch Barmen IV.
8
Auch als universelle Kirche Christi bezeichnet.
9
Unter dem Terminus der "unsichtbaren Kirche" soll in diesem Zusammenhang die Gemein-
schaft derer, die von Jesus Christus durch das Evangelium aus der Welt herausgerufen wur-
den, sich um ihn im Gottesdienst zu versammeln und von ihm zum Glaubenszeugnis und
Dienst der Liebe gesendet zu werden, gemeint sein. Eine biblische Verankerung findet sich
beispielsweise in: Deutsche Bibelgesellschaft
(1985):
Seiten: 206-207,
1. Korinther 12, 12.
10
In Anlehnung an Knoblauch (2003).
Einleitung
Diese Arbeit richtet sich vor allem an diejenigen, die sich für ihre Schwestern
und Brüder im Glauben interessieren oder eine Verantwortung ihnen gegenüber
empfinden, bzw. diese von Berufswegen ihnen gegenüber tragen. Das heißt
insbesondere auf Parochieebene alle Pfarrer, Gemeindehelfer, Diakone, Kate-
cheten, Ehrenamtliche, Religionspädagogen aller Ausbildungsrichtungen und
Schwerpunkte. Auf der Ausbildungsebene Dozenten der Religionspsychologie
und Poimenik / Pastoralpsychologie, der Kommunikations- und Organisations-
lehre, der Gemeindepädagogik (hierunter Gemeindeaufbau und Kybernetik),
der Praktischen Theologie und Diakonik. Ferner angesprochen werden die Ent-
scheider, die mit Reformprozessen auf landeskirchlicher als auch auf gesamt-
kirchlicher Ebene befasst sind.
Im Grunde richtet sich diese Arbeit an alle Personen, die direkt oder indirekt mit
Kirchenmitgliedern oder an der Kirche Interessierten in Kontakt stehen und mit
ihrem Handeln und Wirken meinungsprägend sind. In den nachfolgenden Kapi-
teln wird deutlich, dass die sehr umfassend gewählte Zielgruppe dieser Arbeit
nur schwerlich eingeschränkt werden kann, da die Ursachen der Kirchenaustrit-
te vielschichtig sind und daher auf breiter Ebene diskutiert werden sollten. Mit
dieser Arbeit soll ein Anstoß für solcherlei Diskussionen geliefert werden.
1.1 Kirchenaustritte im Bewusstsein der EKD
Mitte der sechziger Jahre, als die ,,große" Austrittwelle in der Bundesrepublik
Deutschland begann, startete die EKD ihre erste wissenschaftlich fundierte Er-
hebung ,,Wie stabil ist die Kirche? Bestand und Erneuerung." Im Abstand von
jeweils zehn Jahren folgten Aktualisierungen und Ergänzungen, sowie Untersu-
chungen zu neu aufgekommenen Fragen. Bis heute liegen diese empirischen
Untersuchungen in den Mitgliedschaftsstudien in Buchform für jedermann be-
ziehbar und gut verständlich vor; auf ,,Wie stabil ist die Kirche? Bestand und
Erneuerung" (1974), folgt ,,Was wird aus der Kirche? Ergebnisse der zweiten
EKD-Umfrage über Kirchenmitgliedschaft" (1984), hierauf ,,Fremde Heimat Kir-
che Die dritte EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft" (1994 / 1997), ge-
folgt von ,,Weltsichten, Kirchenbindung, Lebensstile, der vierten EKD-Erhebung
über Kirchenmitgliedschaft: ,,Kirche, Horizont und Lebensrahmen" (2003) als
empirische Vorabveröffentlichung der zweibändigen Gesamtuntersuchung (er-
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