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Der Witz ist das einzige Ding,
das umso weniger gefunden wird,
je eifriger man es sucht
FRIEDRICH HEBBEL
Inhaltsverzeichnis
1. Zur Einführung: Die Bedeutung der Rhetorik für die pädagogische Theorie und
Praxis 4
2. Das Phänomen des Komischen 8
2.1. Differenzierung der Begriffe: Die Komik’ ( das Komische’/ komisch’), das
Lachen’, der Witz’, der Humor’ und die Ironie’ 9
2.1.1 . Die Komik’, das Komische’, komisch’ 9
2.1.2 . Das Lachen’ 11
2.1.3 . Der Witz’ 15
2.1.4 . Der Humor’ 18
Exkurs: Der Humor’ bei SIGMUND FREUD 20
2.1.5 . Die Ironie’ 21
3. Haupterklärungslinien der Entstehung des Komischen und Humoristischen 24
3.1. Aggressionstheorie 24
3.2. Inkongruenztheorie 26
3.3. Entspannungstheorie 31
3.4. Bürgerlich-intellektuelle Vorbehalte gegenüber dem Komischen 32
4. Kritik an den kognitiven Humortheorien: Weshalb lachen wir wirklich? 35
4.1. Ist Humor reine Problemlösungsaktivität? 35
4.2. Der Überraschungseffekt und seine Situationsabhängigkeit 37
4.3. Individuelle Unterschiede bei der Rezeption von Komik 39
5. Humorforschung international: Disziplinen, Themen, Probleme 43
6. Der Stellenwert von Humor und Komik in der Geschichte der Rhetorik 46
6.1. Rhetorik als Theorie, Didaktik und Methodik des guten Redens und
Schreibens 46
6.2. Die Affektenlehre 48
6.2.1. Allgemeines 48
6.2.2. Komik als affektrhetorisches Mittel 52
3
6.3. Angemessenheit (aptum) 54
6.3.1. Das aptum als allgemeines Stilprinzip 54
6.3.2. Äußeres und inneres aptum 55
6.3.3. Die Angemessenheit von Komik 56
7. Verschiedene Ansätze der praktischen Rhetorik 59
7.1. Technokratische Ansätze 59
7.2. Eine Alternative: Kritische Rhetorik 62
7.2.1. Kritische Rhetorik und Humor 62
7.2.2 . Humorhaltung und Problemlösungskompetenz 63
8. Der Stellenwert von Humor und Komik in populären rhetorischen Ratgebern 65
8.1. Der Textkorpus 65
8.2. Autoren und ihre Gebrauchswertverspreche n 66
8.3. Zu Witz, Humor und Komik in den populären Rhetoriken 67
8.3.1 . Humorlose Ratgeber 68
8.3.2. Ratgeber mit Humorempfehlung 69
8.3.3. Ratgeber, die vor der Verwendung von Humor warnen 72
8.3.4. Fazit 73
9. Rhetorische Wirkungsforschung 75
9.1. Sprechwirkung 75
9.2. Redewirkung 79
10. Fazit 81
Literaturverzeichnis 83
Textkorpus Populäre rhetorische Ratgeber 89
4
1. Zur Einführung: Die Bedeutung der Rhetorik für die pädagogische Theorie und Praxis
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die Bedeutung von Humor und Komik für die Redepädagogik zu untersuchen und zu beschreiben. Hierbei handelt es sich um eine sprechwissenschaftliche Aufgabenstellung. Die Wissenschaftsdisziplin "Sprechwissenschaft" umfasst die Theorie und Praxis der mündlichen Kommunikation, ihr Teilgebiet "Sprecherziehung" hat die Didaktik und Methodik der mündlichen Kommunikation als Aufgabenbereich. Die "Sprechwissenschaft" besteht aus drei Bereichen:
♦ Rhetorische Kommunikation, ♦ Ästhetische Kommunikation und ♦ Therapeutische Kommunikation 1 .
Das Thema dieser Diplomarbeit ist aus dem Bereich der Rhetorischen Kommunikation gewählt. Die Rhetorik hat zwei Funktionen: Sie ist die Theorie der Beredsam-
keit und die Praxis der Redekunst (vgl. OTTMERS 1996, 6) 2 . Mit "Redepädagogik" 3 wird hier die Didaktik und Methodik der Redekunst bezeichnet und als solche terminologisch abgegrenzt von der praktischen Redekunst. Die verschiedenen Bereiche der Rhetorik lassen sich theoretisch allerdings nur schwer voneinander abgrenzen, sie sind interdependenziell miteinander verbunden: "Die Theorie der Rhetorik ist einerseits aus der Praxis hervorgegangen, sie soll andererseits auf diese zurückwirken (und sie dabei verbessern)" (ebd. 7). Die klassische Rhetorik hat neben den mündlichen Redeformen auch schriftliche Darbietungsformen zum Untersuchungsgegenstand, die Sprechwissenschaft hingegen widmet sich ausschließlich der mündlichen Kommunikation. Ein erster Zusammenhang zwischen Rhetorik und Pädagogik wird durch die Bezeichnung "Redepädagogik" evident: Pädagogik ist die "Wissenschaft vom Menschen und seiner Bildung" (RÖHRS 1993, 21). Redepädagogik als Teilbereich der Pädagogik stellt "ein System präskriptiver Regeln" (OTTMERS 1996, 8) auf, nach welchen ein Mensch seine Redeleistung verbessern kann.
1 Einen knappen Überblick über die drei Teilbereiche bietet GEISSNER (2000).
2 Eine ausführliche Definition der Rhetorik folgt in Kapitel 6.
3 Der Begriff wurde in Anlehnung an GEISSNER (2000) gewählt, der seinen Überblick über den Fachbereich der Sprechwissenschaft mit "Kommunikationspädagogik" überschreibt.
5
Bei genauerer Analyse ergibt sich ein zweiter Zusammenhang, der sich nicht sofort aufdrängt, der aber noch viel weiter geht als der zuerst genannte: Die Rhetorik war über Jahrhunderte ein Bestandteil des Kanons der allgemeinen Bildung. Die septem artes liberales (sieben freien Künste) 4 umfassten seit der römischen Klassik das Trivium aus Grammatik, Rhetorik und Dialektik (Logik) als sprachlich-philosophische Bildung und das Quadrivium aus Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie als mathematisch-musische Studien (vgl. BLANKERTZ 1982, 14). "Mit der Grammatik wurde das Regelsystem der Sprache geübt, mit Rhetorik die Ordnung der Gedanken und der Stil der Rede erworben; die Dialektik diente dazu, die Argumentation zu üben" (APEL/KOCH 1997, 9 f.). Ursprünglich war die Rhetorik allerdings mehr als nur eine Technik der Rednerschulung, sie war "eine ganze Weltanschauung mit eigener Erkenntnistheorie, Moral und Anthropologie" (DOCKHORN 1974, zit. nach APEL/KOCH 1997, 8). Erst im mittelalterlichen Unterrichtswesen ist sie zu einem reinen Nachahmungssystem verflacht (vgl. BLANKERTZ 1982, 15). Diese jahrhundertelange Verflachung verdeckte lange Zeit den Blick für die Tatsache, dass Rhetorik und Pädagogik gemeinsame Wurzeln haben, denn das antike Rednerideal war identisch mit dem allgemeinen Bildungsideal. Dies wird besonders an den Schriften CICEROS und QUINTILIANS deutlich: "In Ciceros De oratore oder in Quintilians Institutio oratoria finden wir umfassende Abhandlungen über die Bildung der römischen humanitas 5 , die der griechischen paideia entspricht, und zwar in Gestalt einer Rednerbildung" (APEL/KOCH 1997, 8 f.). Ein Rhetor ist dementsprechend nicht, wer nur gut Reden schreiben und halten kann; ein Rhetor ist "der gebildete Mensch schlechthin" (ebd.). Der Zusammenhang zwischen Rhetorik und Pädagogik ist also fundamental:
• Gemeinschaftsbildende Verständigung ist stets eine Sprachleistung, die im rhe-torischen Sprachbegriff von Beginn an erfasst worden ist (vgl. ebd. 11).
• Das pädagogische Verhältnis zwischen dem Pädagogen und dem Educanden ist vergleichbar mit dem rhetorischen Verhältnis zwischen dem sachkundigen Redner und dem sachunkundigen Hörer.
• Überzeugung, das Ziel jeder Rede, kann erreicht werden durch die Wirkkräfte Logos, Ethos und Pathos 6 . Dieselben Kräfte wirken in der pädagogischen Situation, auch hier gelingt ein Lernerfolg nur durch Überzeugung. Gleiches gilt für
4 "Frei hießen diese Künste (oder wie es für uns verständlicher klingt: Disziplinen), weil sie dem antiken Verständnis zufolge für den freien, nicht versklavten Menschen zugänglich waren" (Blankertz 1982, 14).
5 Humanitas ist der lat. Ausdruck für die Theorie der menschlichen Bildung, das griech. Äquivalent ist paideia.
6 Die Begriffe w erden in Kap. 6 näher erläutert.
6
das Wirkungsschema von delectare, docere und movere (vgl. Kap. 6), welches genuin rhetorisch ist, aber eine ebenso wichtige Bedeutung für die Pädagogik hat.
• Der Lehrer ist immer auch Rhetor, wenn er versucht, seine Schüler von einer Sache zu überzeugen (vgl. APEL 1997, 53 ff.).
Die Liste stellt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, sie verdeutlicht aber trotz der stark verkürzten Darstellung 7 die hohe Bedeutung der Rhetorik für die Pädagogik. Diese theoretische und praktische Verzahnung wird jedoch von der Pädagogik nicht immer erkannt und fruchtbar gemacht. Dies wird u. a. von den Tübinger Rhetorikern UEDING/STEINBRINK (1994, 157) kritisiert: "Pädagogik und Didaktik arbeiten nur noch mit Schwundformen. Die rhetorischen Methoden der Erziehung und des Unterrichts leben nur noch verdeckt und vereinzelt in der empirisch ausgerichteten Erziehungswissenschaft fort, das rhetorische Bildungsideal wurde durch pragmatische Wissensschulung und politisch-ideologische Leitvorstellungen ersetzt und die Redepraxis sich selbst überlassen".
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die traditionelle Rhetorik und die Pädagogik das gleiche Ziel haben, nämlich ein System von Regeln bereitzustellen, mit dessen Anwendung es gelingen kann, andere von einer Sache zu überzeugen und deren Einstellung und/oder Verhalten somit dauerhaft positiv zu verändern 8 . Diese Überzeugungsversuche geschehen mittels Sprache und anderer Medien. Die Sprechwissenschaft als Theorie der mündlichen Kommunikation interessiert sich diesbezüglich für die Fragestellung, wie solche Überzeugungsversuche gelingen können. Außerdem ist sie daran interessiert, ihr Menschenbild ständig den Anforderungen einer sich schnell verändernden Gesellschaft anzupassen, ohne dabei egalitär und ethisch-moralisch indifferent Wirkungen zu entfalten. JASKOLSKI (1999, 27) bemerkt dazu: "Rhetorik ist - wie die Pädagogik - eine Handlungswissenschaft. Eine Rhetorik, deren präskriptive Kompetenz sich darin erschöpft, für
7 Weitere Argumente finden sich in dem von APEL/KOCH 1997 herausgegebenen Sammelband.
8 Es ist wohl unstrittig, dass eine theoretische Pädagogik, sobald sie sich um Maßgaben für Erziehung und Unterricht müht, nicht nur mit logischen Wahrheitsbeweisen hantieren kann. Dies ist Ausweis dafür, dass die Provenienz und die Art ihrer Argumente rhetorisch sind: Die rhetorische Argumentation ist auf eine Plausibilisierung angewi esen, die dezidiert auf eine Zustimmung der Angesprochenen setzt (vgl. HELMER 1997). Es ist hierbei zunächst unbedeutend, ob diese "Angesprochenen" die Hörer in einer Redesituation oder die Schüler in einer Erziehungssi- tuation sind.
7
unterschiedliche Rollen und Situationen Variationen rhetorischer Handlungsmuster bereitzustellen, ist beliebig instrumentalisierbar."
Vorliegende Arbeit möchte auf ein Theoriedefizit aufmerksam machen: Die Rolle der Affekterregung bei der kommunikativen Überzeugungsarbeit ist bisher nur unzureichend erforscht (vgl. Historisches Wörterbuch der Rhetorik 9 , Bd. 1, 247). Es ist allgemeiner Konsens, dass rationale Argumentation alleine nicht genügt, um andere von einer Sache zu überzeugen. Was aber könnte diese Überzeugungsarbeit positiv unterstützen? Welche Affekte sind beim Hörer (bzw. Schüler) hervorzurufen, damit das Redeziel (bzw. das Erziehungs-/Bildungsziel) erreicht wird? Humor und Komik könnten diesbezüglich eine wichtige Rolle spielen, dies ist jedoch bisher nicht empirisch belegt. Aus diesem Grund soll in dieser Arbeit ein möglichst breites Spektrum von Erkenntnissen zum Thema "Humor und Komik in der Redepädagogik" zusammengetragen werden; im Anschluss daran sollen Möglichkeiten aufgezeigt werden, wie das Theoriedefizit überwunden werden könnte.
Zunächst werden die für die Arbeit relevanten Begriffe aus dem Sinnbezirk des Komischen differenziert (Kap. 2) und die wichtigsten Erklärungslinien der Entstehung des Komischen vorgestellt (Kap. 3) und kritisiert (Kap. 4). In Kap. 5 wird der noch junge Wissenschaftsbereich der Humorforschung vorgestellt. Bereits die antike Rhe-torik hat sich mit der Affekterregung im Allgemeinen und mit Humor im Besonderen befasst, eine zusammenfassende Darstellung bietet Kap. 6. Die verschiedenen Ansätze praktischer Rhetorik werden in Kap. 7 skizziert, hier wird auch der kritische Ansatz der Sprechwissenschaft vorgestellt. In der folgenden Literaturanalyse soll der Stellenwert von Humor in populären rhetorischen Ratgebern kritisch beleuchtet werden (Kap. 8). Die Problematik der empirischen Untersuchung rhetorischer Wirkung, welche m. E. für die Bestimmung der Wirkungskraft von Humor unerlässlich wäre, wird in Kap. 9 zusammenfassend dargestellt. Im Fazit (Kap. 10) werden Leitfragen formuliert, die für eine weiterführenden Untersuchung der Wirkung von Hu-mor in der öffentlichen Rede hilfreich sein könnten.
9 Diese Literaturangabe wird im folgenden Text verkürzt auf HWdR.
8
2. Das Phänomen des Komischen
Das Komische als abstrakte Instanz ist ein höchst komplexes und ambivalentes Phänomen, denn es kann zufällig, intentional und sogar institutionalisiert 10 sein. Täglich passiert überall auf der Welt irgendetwas Komisches. Viele verschiedene Wissenschaftsbereiche haben sich dieses Phänomens angenommen [prominente Beispiele sind unter anderem FREUDS (1963) Analyse "Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten" (1963a) für die Psychoanalyse, PLESSNERS (1950) Werk "Lachen und Weinen" (1950) für die anthropologische Philosophie]. Nicht alle Ergebnisse können und müssen hier referiert werden, da eine für alle Fachbereiche universalgültige Definition des Komischen nicht möglich ist. Die Probleme, die sich ergeben, wenn man eine für alle Textsorten und Gattungen des Komischen gültige Definition erarbeiten wollte, würden noch potenziert, wenn man mit dieser auch spontane mündliche Äußerungen und nonverbale Verhaltensweisen erfassen wollte, die in irgendeinem Sinne eine komische Wirkung entfalten. Dennoch ist eine Arbeitsdefinition notwendig, auf deren Grundlage scherzhafte/komische von ernsthafter Kommunikation unterschieden werden kann.
Weiterhin müssen andere Begriffe, die im Sinnbezirk des Komischen eine Rolle spielen, differenziert werden, so z. B. "die Komik" / "komisch", "der Witz", "der Hu-mor", "das Lachen" und "die Ironie". Vielleicht gelingt es gerade durch den Vergleich der verschiedenen Begriffe dieses Wortfeldes, dem Phänomen des Komischen möglichst exakt auf die Spur zu kommen.
Dennoch ist es nicht zu umgehen, dass sich in dieser Arbeit literarische Gattungsbegriffe (z. B. Komödie), Textsorten (z. B. Anekdote), Sprech- und Schreibstile (z. B. Ironie), philosophische Kategorien (z. B. Humor), alltagssprachliche Begriffe (z. B. lustig, Spaß etc.) und andere Begrifflichkeiten vermischen, da diese Begriffe oft sehr eng miteinander verwandt sind.
10 Zum Beispiel im Kasperletheater.
9
2.1. Differenzierung der Begriffe: ‘Die Komik’ (‘das Komische’/ ‘komisch’), ‘das Lachen’, ‘der Witz’, ‘der Humor’ und ‘die Ironie’
2.1.1. ‘Die Komik’, ‘das Komische’, ‘komisch’
Übereinstimmend weisen die meisten deutschen Wörterbücher 11 darauf hin, dass das Adjektiv ‘komisch’ in der Neuzeit aus dem Französischen comique in die deutsche Sprache übernommen wurde. Begriffsgeschichtlich kann es auf das lateinische Adjektiv comicus und auf das griechische komikos zurückgeführt werden; beide bedeuten "zur Komödie gehörig", als Substantiv verwendet bezeichnen sie den Komödiendichter.
Der Ursprung aller dieser Wörter liegt im griechischen komos (Gelage; festlicher Gesang; festlicher, fröhlicher Umzug; Zug; Schwarm).
Trotz der großen Menge verfügbarer Definitionen des Komischen stimmen die meisten darin überein, dass "das Kennzeichen des Komischen (...) ein Konflikt [ist], der sich vom tragischen Konflikt unter anderem dadurch unterscheidet, daß er Lachen oder Lächeln bewirkt. Komik, d.i. die das Komische darstellende Kunst, soll erfreuen (delectare), Tragik soll erschüttern (movere)" (HWdR, Bd. 4, 1166). Der Autor des Artikels unterscheidet objektive und subjektive Bedingungen der dem komischen Konflikt eigenen Wirkung. Objektiv feststellbar ist die Verletzung einer (kognitiven, ethischen, sozialen, religiösen oder ästhetischen) Norm. Mit der subjektiven Komponente ist die ästhetische Einstellung des Publikums gemeint. Hier wird bereits auf eine trivial erscheinende, aber sehr wichtige Eigenheit des Phänomens des Komischen hingewiesen: Was für den einen komisch ist, kann auf einen anderen eine tragische oder auch gar keine Wirkung haben.
So findet man in verschiedenen, zum Teil disparaten Komiktheorien oft ein Beispiel, das so etwas wie die Urszene des Komischen zu sein scheint: den Sturz. Bei dem französischen Philosophen HENRI BERGSON (1972, urspr. 1900) ist er das schlagendste Beispiel für seine Theorie: Ein Mann läuft auf der Straße, stolpert und fällt. Bestimmt würde niemand lachen, wenn man annehmen könnte, er habe sich plötzlich entschlossen, sich hinzusetzen. Man lacht, weil er sich unfreiwillig hingesetzt
11 Hier wurden verwendet: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache (1989), DUDEN, Etymologie (1997), Historisches Wörterbuch der Rhetorik (1992 ff.).
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hat. Ungelenk, zerstreut, zu schnell oder versteift, das sind die Erklärungen, die BERGSON bereithält: Eine ungewollte mechanische Steifheit steht dem Lebendigen gegenüber 12 . Würde sich aber zeigen, dass der Stürzende sich verletzt hat und wäre der Stürzende gar ein uns Nahestehender, so bliebe uns das anfängliche Lachen im Halse stecken. Verschiedene Elemente des Komischen werden an diesem Beispiel deutlich: Ein Sturz an sich ist nicht komisch, komisch wirkt die Durchbrechung einer Erwartung, einer Norm, der Vernunft; das Lachen weist den Lachenden als Nichtbetroffenen oder gar als den Überlegenen aus. Dasselbe, was Anlass des Lachens ist, kann unter bestimmten Umständen auch Anlass des Schmerzes s ein, und spätestens dann wird das Lachen moralisch bedenklich. Und noch etwas lässt sich am Beispiel des Sturzes verdeutlichen: der Unterschied zwischen zufälliger Komik des Alltags und geplanter Komik in der Literatur oder in Reden. In der Regel steht man nicht auf der Straße und wartet ab, ob jemand stürzt, damit man sich erheitern kann. Ganz anders in der komischen Literatur, in der Komödie, bei einer Comedy-Show, bei einem Büttenredner im Karneval: dort erwartet man etwas Komisches, das dann eine erwartete überraschende Erwartungsverletzung darstellt. Auf der Seite des Zuschauers gehört außerdem eine allgemein heitere Stimmung dazu, in welcher man zum Lachen aufgelegt ist.
Der Wandel der gesellschaftlichen Normen erklärt auch die historische Relativität des Komischen: Was vor hundert Jahren komisch war, muss heute keineswegs mehr komisch sein. Es wird nicht mehr als komisch verstanden, da die Normverletzung nicht mehr als solche erkannt wird.
Erst ab dem 15. Jahrhundert wird zwischen dem Komischen und dem Lächerlichen unterschieden. In der Antike wurde das oben als komisch Definierte vor allem mit dem Begriff des Lächerlichen beschrieben (griech. to geloion; lat. ridiculum). PREISENDANZ (zit. nach HWdR, a.a.O.) konstatiert: "Erst in der Neuzeit stellt sich das bis heute geltende Verhältnis von Begriff, Wort und Sache her, indem das Komische vom schlichtweg Lächerlichen abgehoben wird." Der Ausdruck ‘Komik’ bezeichnet seit dem 19. Jahrhundert eine Kunstform. Morphologisch analog zu den Begriffen ‘Rhetorik’ und ‘Ästhetik’ ist sie hier ‘die Kunst, das Komische darzustellen’. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird das Wort ‘Komik’ allerdings zur Bezeichnung all dessen verwendet, was eine komische, erheiternde
12 Im Original "le mécanique, plaqué sur du vivant" (BERGSON 1900, zit. nach SCHÄFER 1996, 67).
11
Wirkung hat, das uns lachen lässt. Dadurch ergeben sich grundsätzliche Schwierigkeiten für eine Begriffsdefinition, wie SCHMIDT (1976, 166 f.) betont: "Nach den Ka-tegorien der analytischen Wissenschaftstheorie haben wir es bei der ‘Komik’ mit einem undefinierten qualitativen oder klassifikatorischen Begriff zu tun, der aus der Umgangssprache in die Bildungssprache der sog. Geisteswissenschaften (vor allem der Literaturwissenschaft, allgemein der Ästhetik) übernommen worden ist und dort je nach der herrschenden Konzeption inhaltlich bestimmt worden ist". SCHÄFER (1996, 17) weist darauf hin, dass ‘komisch’ und auch ‘das Komische’ semantisch ambivalente Begriffe sind: "Im 17. Jahrhundert vollzog sich eine Begriffserweiterung, und vor allem das Adjektiv hat heute ein breit gefächertes Spektrum von Bedeutungen. Synonyme können sein: ‘erheiternd’, ‘spaßhaft’, ‘lustig’, aber auch ‘sonderbar’, ‘seltsam’, ‘wunderlich’ und ‘fremd’. (...) Diese semantisch ambivalente Erscheinung, die nicht nur im Deutschen, sondern auch in anderen Sprachen existiert, läßt auf einen grundsätzlichen Zusammenhang zwischen den beiden Bereichen ‘lustig’ und ‘seltsam’ schließen." Als Beweis für die Verquickung dieser beiden Bereiche auch in der ‘komischen Literatur’ führt SCHÄFER (ebd.) den Typus des verkrüppelten Hofnarren und die Figur des Juden Shylock in Shakespeares Kaufmann von Venedig an. Auf den Rezipienten kann diese Figur nur komisch wirken, solange ihm die Normverletzung als unschädlich gilt, solange er sie nicht als bedrohlich empfindet. Um die nötige Trennschärfe zwischen diesen beiden möglichen verschiedenen Wortbedeutungen zu ermöglichen, wird im Folgenden das Adjektiv ‘komisch’ auf die Bedeutung ‘zum Lachen anregend’ festgelegt.
2.1.2. ‘Das Lachen’
Nach SCHOPENHAUER entsteht ‘das Lachen’ "aus der plötzlich wahrgenommenen Incongruenz zwischen einem Begriff und den realen Objecten, die durch ihn, in irgend einer Beziehung, gedacht werden, und es ist selbst eben nur der Ausdruck dieser Incongruenz. Jedes Lachen also entsteht auf Anlaß einer paradoxen und daher unerwarteten Subsumtion" [Die Welt als Wille und Vorstellung I. Bd., § 13; Bd. II, C. 8 (Zit. nach: Die digitale Bibliothek der Philosophie 13 , S. 4295]. SCHOPENHAUER beschreibt hier die Phänomene des Komischen (als Ursache des Lachens) und des Lachens in einem Satz, eine getrennte Betrachtung der beiden Phänomene scheint nicht möglich zu sein.
13 Diese Literaturangabe wird im Folgenden verkürzt auf DdBdP.
12
Den Lautäußerungen verdankt das Lachen seine Bezeichnung; das Verb "lachen" (von ahd. "[h]lahhan") ist lautnachahmenden Ursprungs. Die Verwandtschaft der Begriffe ‘das Lachen’ und ‘das Komische’ ist bereits daran zu erkennen, dass beide im selben Abschnitt des Historischen Wörterbuchs der Philosophie (Bd. 4) abge-handelt werden. ‘Das Komische’ ist die Ursache der physiologischen Reaktion des ‘Lachens’, dennoch werden beide Begriffe hier gleichgesetzt. Auch BERGSON (1972) überschreibt seine Abhandlung mit "Le Rire" (franz. ‘das Lachen’), beschreibt dann aber die Struktur des Komischen. Es besteht offenbar eine reziproke Beziehung zwischen den Begriffen, das Lachen kann nicht ohne seine Ursache und das Komische nicht ohne seinen Effekt beschrieben werden.
‘Das Lachen’ ist allerdings nicht nur eine physiologische Reaktion auf etwas Komisches, man lacht auch aus Verlegenheit oder aus (Schaden-)Freude. SCHÄFER (1996, 18) spricht von der "Polyfunktionalität des Lachens, denn als eine Art nonverbale Kommunikation kann es echt oder künstlich sein und viele gesprächssteuernde Funktionen haben: es kann beschämen, stören, kritisieren oder ermuntern, einladen oder ablehnen, Spannungen erzeugen oder abbauen usf.". Auch ZIJDERFELD (1976) kritisiert an den großen Theorien zum Lachen, wie sie von FREUD oder BERGSON entworfen wurden, dass ihnen letztendlich ein Reiz-Reaktions-Modell zugrunde liege, das behavioristisch angelegt sei. Wir lachen (Response), wenn wir etwas witzig finden oder uns freuen (Stimulus). Die Möglichkeit, dass Lachen ethnomethodisch betrieben werden könnte, wurde erst später von Konversationsanalytikern mit Konsequenzen für die Forschung aufgedeckt. Es gibt genauso Gelächter ohne Humor wie es auch Humor ohne Gelächter geben kann (schließlich kann einem das Lachen auch im Halse stecken bleiben). Dementsprechend ist ‘das Lachen’ auch kein zuverlässiger Indikator für den Grad des Komischen.
SCHÄFER (1996, 18 ff.) fasst in ihrer Arbeit die wissenschaftsgeschichtliche Ausein-andersetzung mit dem Phänomen des Lachens zusammen: IMMANUEL KANT (1724-1804) konnte dem Lachen als einzig positiven Aspekt die diesem unterstellte kurative Wirkung abgewinnen. Auch HERBERT SPENCER (1820-1903) und CHARLES DARWIN (1809-82) spekulierten in ihren biologistisch orientierten Auseinanderset- zungen mit dem Lachen in erster Linie auf eine positive Wirkung des Lachens auf
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Geist und Seele. Für SPENCER war die wichtigste Funktion des Lachens die, Spannungen abzubauen. Diese Idee wurde später von Sigmund FREUD (1856-1939) übernommen, wenn auch in veränderter Form.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde ‘das Lachen’ vor allem im angelsächsischen Raum untersucht, auch hier konzentrierten sich die Wissenschaftler jedoch auf die physiologischen Abläufe und deren angenommene gesundheitsfördernde Wirkung.
Die erste größere soziologische Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Lachens ist das Essay Le Problème sociologique du Rire (1928) des belgischen Soziologen EUGÈNE DUPRÉEL. Darin unterscheidet er aggressives und integrierendes Lachen. Für ihn ist das Lachen der Gefühlsausdruck, der unsere fundamentalsten sozialen Instinkte wiedergibt. Lachen kann also Ausdruck der Befriedigung aufgrund eines Zusammengehörigkeitsgefühls in einer Gruppe (le rire d´acceuil) sein. Andererseits drücken wir damit das Gegenteil aus, wenn wir jemanden auslachen und damit aus der Gemeinschaft ausschließen (le rire d´exclusion) (vgl. CHRISTMANN 1996, 71). Diese Dichotomie des Lachens greift sicher zu kurz, wie bereits oben erwähnt gibt es noch weitere Funktionen des Lachens. Dennoch gab DUPRÉELS Idee der ‘Dialektik des Lachens’ den Anstoß zur weiteren Erforschung des Komischen in der Soziologie. Heute werden die beiden von DUPRÉEL unterschiedenen Arten des Lachens oft mit "out-group-" und "in-group-humor" bezeichnet.
Der soziale Kontext hat eine nicht zu gering zu schätzende Bedeutung bei der Analyse des Lachens; jemand, der einsam vor sich hin lacht, wirkt doch befremdlich auf uns. In einer Gruppe allerdings wirkt Lachen meist positiv und oft ansteckend. Aus diesem Grund wird zum Beispiel bei TV-Serien mit witzigem Inhalt häufig Gelächter von Band - sog. Canned Laughter - als künstliche Stimulanz eingespielt.
Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob etwas per se komisch sein kann: Wenn nie-mand darüber lacht, ist ein komischer Text, eine komische Äußerung, ein komisches Geschehen dann überhaupt komisch? Oben wurde das Komische so definiert, dass es Lachen erzeugen will. Was aber, wenn es kein Lachen erzeugt? LESSING (1981) beschreibt einen solchen Fall in seiner Hamburgischen Dramaturgie: Die Komödie Der Zerstreute von JEAN-FRANÇOIS REGNARD (1655-1709) wurde bei ihrer Uraufführung im Jahre 1679 vom Publikum nicht als komisch empfunden und fiel durch. 34 Jahre später erzielte sie (ebenfalls in Frankreich) große Lacherfolge. War die Ko-
14
mödie nun komisch oder nicht, welches Publikum war im Recht? Nach LESSING kommt es darauf an, welchen Maßstab man an das Stück legt: Erwarte man eine "gute förmliche Komödie", so sei man enttäuscht. Erwarte man dagegen eine "Farce" oder ein "Possenspiel", so sei das Stück belustigend (vgl. LESSING 1981, 149). Vielleicht war REGNARDS Komik im Jahre 1679 ihrer Zeit voraus und das Publikum erst 34 Jahre später in der Lage, das Komische zu erkennen. So wie sich der Geschmack für Kleidung, Kunst und Literatur im Laufe der Zeit wandelt, so ist auch das Komische modischen Strömungen unterworfen.
Grundsätzlich können ‘das Komische’ und ‘das Lachen’ nicht isoliert als ahistorische und asoziale Phänomene untersucht werden 14 . Gleiches gilt für alle Phänomene im Bereich der Kommunikation. Auch beim Entstehen von Komik wird Sinn konstituiert, nämlich komischer Sinn.
Der Sprechwissenschaftler HELLMUT GEISSNER (1988, 129 f.) fasst die „vorläufigen Bestimmungen“ der ‘Sinnsituation’ so zusammen:
− „Sinn ist nicht ‘greifbar’ losgelöst von der (Sozial-, Handlungs-, Sinn-) Situation, sondern begreifbar nur in seiner Entstehung aus der und seiner Einbettung in die (Sozial-, Handlungs-, Sinn-)Situation.
− Sinn ist kein ‘Produkt’ eines Sprechers oder eines Hörers, sondern nur gemeinsames, intentionales ‘Erzeugnis’ der sozial situiert situierend Miteinandersprechenden.
− Sinn ist nicht mit Struktur und Bedeutung der Sprache (Zeichen und Symbole) oder der Sprechakte gegeben, sondern nur in deren kommunikativem Vollzug in Sprechhandlungen (Sprech-Hörhandlungen).
− Sinn ist kein Ergebnis spontaner Einfälle, sondern kontingent nur innerhalb tradierter Formbestimmtheit.
− Sinn ist nicht das rißhafte Konstrukt kognitiver Operationen allein, sondern komplett und komplex nur in der leibhaften Präsenz sozialemotionaler Sinnlichkeit. Deshalb gilt: Sinn ist nicht zu beobachten, sondern zu verstehen“. Diese Bestimmungen der Sinnsituation sind m. E. auf die Situation zu übertragen, in der etwas Komisches entsteht. Nach GEISSNER konstituiert sich Sinn durch die Gemeinsamkeit von Sprechhandeln und Hörverstehen. Dementsprechend kann ein Text / eine Äußerung auch nicht per se komisch sein. GEISSNERS Formel "Sinn ist
14 Gleichwohl wird dieser Versuch auch heute noch in verschiedenen Wissenschaftbereichen unternommen, z. B. von Linguisten oder Literaturwissenschaftlern.
15
nicht, Sinn geschieht" (ebd. 131) könnte für das Komische übernommen werden: ‘Das Komische’ ist nicht, es geschieht.
Um komischen Sinn zu konstituieren, bedarf es also eines Hörer-, bzw. Leserbeitrags. Der Rezipient muss die Bereitschaft und die Fähigkeit mitbringen, komischen Sinn zu konstituieren. Wenn Komik darauf abzielt, ein Lachen zu erzeugen, dieses Lachen aber ausbleibt, so kann das auch an der mangelnden Bereitschaft bzw. (emotionalen oder kognitiven) Fähigkeit des Rezipienten liegen.
2.1.3. ‘Der Witz’
Das Wort "Witz" entstand etymologisch aus dem althochdeutschen "wizzî", welches "Verstand, Wissen, Weisheit" bedeutet. Der Volkskundler RÖHRICH (1977,4) weist darauf hin, dass einige Komposita heute noch diese ältere Bedeutung wahren, zum Beispiel "Aberwitz" (verhält sich zum Witz wie der Aberglaube zum Glauben) oder "Mutterwitz" (der natürliche, gesunde Menschenverstand). Er bemerkt weiter: "Es ist interessant, wie schon allein sprachgeschichtlich betrachtet, der Witz aus dem Wortfeld des Verstandes kommt. Und noch das Verstehen eines Witzes im heutigen Sinne des Wortes ist ja eine intellektuelle Angelegenheit" (ebd.). Durch den Einfluss des Französischen kam es im 17. Jahrhundert zu einer Bedeutungsverengung; "witzig" bedeutete nun "geistreich" (vgl. frz. "ésprit") und meinte "insbesondere die intellektuelle Kombination, die geistliche Beweglichkeit, die Leichtigkeit des Beziehens und Assoziierens" (ebd.).
Erst im 19. Jahrhundert wurde das Wort "Witz" auf die Produkte witziger Veranlagung bezogen, es wurde zu der Bezeichnung eines bestimmten Genres (vgl. DUDEN 1997): Im modernen Sprachgebrauch ist ‘der Witz’ ein scherzhafter Einfall in sprachlich prägnanter Form, der in einer Pointe 15 gipfelt. Wirkungsziel des zu den so genannten einfachen Textformen zählenden Witzes sind Überraschung und Lachen. Erzielt wird dieses Ergebnis auf der Grundlage einer von der Erzählung gelenkten Erwartungshaltung, die von der - einen unvermuteten semantischen Richtungswechsel vollziehenden - Pointe plötzlich durchbrochen wird. Das feste Sche- 15 ULRICH(1980, 9) definiert die Pointe wie folgt: "Sie ist Mittel- und Angelpunkt der kunstvollen Komposition sprachlicher wie bildlicher Aussagen. Formal gesehen, von der Aussageweise und Bautechnik des Witzes her, ist die Pointe die Überlagerungsstelle zweier Bedeutungen, zweier Sachverhalte, zweier Vorstellungsbereiche, zweier Denk- und Äußerungsebenen. Inhaltlich gesehen, von der Tendenz des Witzes her, zielt die Pointe als "Spitze" auf einen Gegenstand oder Sachverhalt und "trifft" ihn; inhaltlich wird dem gelingenden Witz ein "wahrer Kern", ein richtiger Gedanke zuerkannt."
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ma, das sich aus hintergründiger Konstruktion und präzise formulierter Pointe ergibt, ist Voraussetzung für die Eignung des Witzes zum Weitererzählen. Jeder gelungene Witz durchkreuzt die Grenzlinien des gewohnten Denkens, ist also ein Angriff auf bestehende Ordnungen. Er kann so zum sprachlichen Ventil von Regungen werden, die sozial, sprachlich, ethisch etc. tabuisiert sind. Die Zote zielt auf die Aufhebung moralischer Befangenheit, der politische Witz auf die Desavouierung staatlicher Au-torität, der pointenlose absurde oder surrealistische Witz auf die Irreführung der Logik. Standardisierte Situationen (running gags) und Typisierungen (Professorenwitz, Schottenwitz, Irrenwitz etc.) sind charakteristische Merkmale.
Nicht jeder Mensch kann über jeden Witz gleichermaßen lachen 16 ; ob man etwas witzig findet, hängt unter anderem von der Persönlichkeitsstruktur ab. Schon Horaz hat gefragt: "Quid rides? Mutato nomina, de te fabula narratur." (Warum lachst du? Ändere die Namen, und schon handelt die Geschichte von dir.) (zit. nach RÖHRICH 1977, 35). Auch FREUD (1963a, 113 f.) geht in seiner Abhandlung über den Witz darauf ein: "Der Witz hat eine Wirkung auf den, der ihn hört, und zugleich kennzeichnet er auch die psychische Situation dessen, der ihn macht, der ihn erzählt, dem er einfällt. (...) Dabei ergeben sich mitunter starke individualpsychologische Unterschiede: Nicht alle Menschen sind in gleicher Weise befähigt, sich des Witzes als Lustgewinn zu bedienen". Nicht die objektive Beschaffenheit eines Witzes als solche erzeugt die psychologische Voraussetzung des Lachens und den Eindruck des Komischen, sondern die Art und Weise, wie der Witz von unserem Bewusstsein erfasst und aufgefasst wird.
ULRICH (1980, 8 f.) beschreibt den Witz als ein "kommunikatives Ereignis", welches gelingen oder misslingen kann: "Es hängt entscheidend von der Kommunikationssituation ab, ob ein Witz vom Rezipienten verstanden, angenommen und mit Lachen quittiert oder zurückgewiesen und mit eisigem Schweigen übergangen oder empört abgelehnt wird, ob also die vom Produzenten beabsichtigte Wirkung mit der tatsächlich erzielten Wirkung übereinstimmt. Qualität und Wirkung sind also nicht das gleiche."
Mit dem Witz verwandte Genres sind die Anekdote, der Schwank und das Epigramm.
16 So sollte man einem Polizisten im Dienst besser keinen Polizistenwitz erzählen...
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• Witz und Anekdote: Beides sind kurze, oft dialogische, skizzenhafte Erzählungen, die auf eine Pointe am Schluss zielen. Für beide kennzeichnend ist das völlig Unerwartete. Witz und Anekdote sind ursprünglich mündliche Überlieferungen, ihre Autorschaft ist dementsprechend anonym (dies gilt nicht für die Anekdote als Kunstform, welche u.a. von HEINRICH VON KLEIST und JOHANN PETER HEBEL zur Vollendung geführt wurde). Im Gegensatz zum Witz ist die Anekdote intellektuell gehobener, bildungsmäßig anspruchsvoller, ihr Wirkungsziel ist nicht in erster Linie das Lachen. Oft knüpft die Anekdote an einer bekannten historischen oder zeitgenössischen Persönlichkeit an, ihr biographischer Wahrheitscharakter ist jedoch zumeist recht niedrig (vgl. LITERATUR-BROCKHAUS 1995, BAUSINGER 1968, RÖHRICH 1977).
• Witz und Schwank: Der heutige Begriff "Schwank" geht auf das mittelhochdeutsche Wort "swanc" (= lustiger Einfall) zurück. Auch der Schwank ist eine erzählerische Kurzform, allerdings ist er zumeist umfangreicher als der Witz. Gegen-stand des Schwanks ist der Alltag mit seinen Tücken, oft die Verspottung eines Dummen durch einen Listigen/Schlauen. Stoffe liefern die verschiedenen Lebens- und Tabubereiche sowie Ehekonflikte. Im Schwank werden Geschehnisse und Milieus ausführlicher geschildert als im Witz, er lebt mehr vom Stoff, der Witz mehr von der Sprache (vgl. ebd.).
• Witz und Epigramm: Das Wort Epigramm kommt aus dem Griechischen und bedeutet "Daraufgeschriebenes/Aufschrift". Es bezeichnet eine poetische Kurz-form, in der, gedanklich und formal konzentriert, meist antithetisch eine geistreiche, überraschende oder auch nur pointiert formulierte Sinndeutung zu einem Sachverhalt gegeben wird. Das Epigramm wird deshalb auch oft als "Sinngedicht" bezeichnet. In der modernen Literatur findet sich das Epigramm seltener, seine Blütezeit war das Zeitalter des Barock. Die formale Festlegung (zum Beispiel im Barock auf den Alexandriner als Versmaß) und der intellektuell höhere Anspruch unterscheiden das Epigramm vom Witz (vgl. ebd.).
Nicht zu verwechseln mit dem Witz jedoch ist die Witzigkeit: Diese arbeitet auch mit dem Mittel der Pointe, sie ist allerdings nicht auf die Gattung des Witzes angewiesen. Witzigkeit gelingt durch "Sinnüberschneidung", dadurch wird eine "erheiternde Auflockerung" erreicht (vgl. PLESSNER 1961, 126).
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2.1.4. ‘Der Humor’
"Humor ist, was man nicht hat, sobald man ihn definiert" (SEIBERT, WITTMANN, ZÖPFEL 1994, 10). Trotz dieser Mahnung soll hier der Versuch unternommen werden, zu erörtern, wie in dieser Arbeit der Humorbegriff gebraucht wird, ohne den Humor dabei zu verlieren.
In der antiken und mittelalterlichen Medizin kannte man vier Körpersäfte (lat. ‘humores’ = Feuchtigkeit): Blut, Phlegma, gelbe Galle und schwarze Galle. Ihre Mischung wurde als ausschlaggebend für Temperament und Charakter eines Menschen angesehen. Man unterschied vier Menschentypen: den Choleriker, den Melancholiker, den Sanguiniker und den Phlegmatiker. Der jeweils dominierende Körpersaft entschied über den momentanen Stimmungszustand (die Dominanz der Säfte unterliegt einem rhythmischen Wechsel). Deshalb wurde die jeweils vorherrschende Stimmung oder Laune auch als ‘Humor’ bezeichnet (vgl. HWdR, Stichwort ‘Humor’).
Die Schwierigkeit, ‘den Humor’ zu definieren, wird deutlich, wenn man den Weg betrachtet, auf dem der Begriff im 18. Jahrhundert in die deutsche Sprache gefunden hat: Aus dem englischen Lehnwort "humour", dem franz. "humeur" und dem deutschen Wort "Laune" wurde ein lateinisch geschriebenes, nach franz. "humeur" betontes, durch die Rezeption der englischen Semantik geprägtes deutsches Wort (vgl. ebd.). Daraus ergaben sich terminologische Verwicklungen: "In dem englischen/amerikanischen Wort humo(u)r vereinen sich die beiden deutschen Bedeutungen, aber wie aus der entsprechenden Sekundärliteratur hervorgeht, verwendet das Amerikanische den Begriff humor analog dem deutschen Begriff des ‘Komischen’ und versucht damit, die am wenigsten restringierte Bedeutung zu umfassen. (...) Im Französischen ist die Ambiguität des Begriffs aufgelöst: frz. humour entspricht dem deutschen Wort ‘Humor’, das frz. humeur muß dagegen mit ‘Laune’, ‘Stimmung’ übersetzt werden" (SCHÄFER 1996, 23).
In der deutschen Romantik wurde der Humorbegriff aufgewertet, besonders in den Schriften JEAN PAULS und HEGELS wurde der Humor überhöht dargestellt. Subjektivität, Willkür, geistige Freiheit und künstlerische Kreativität sind die Stichworte, mit denen die romantischen Theorien die Begriffe ‘Humor’, ‘Komik’, ‘Witz’ und ‘Ironie’ füllen, wenn sie über das Verhältnis des Subjekts zum Absoluten und über die End- lichkeit der menschlichen Existenz philosophieren.
Arbeit zitieren:
Christof Scherberger, 2002, Die Bedeutung der Komik für die Redepädagogik, München, GRIN Verlag GmbH
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