Fußball &
Religion
Eine dokumentarische Bestandsaufnahme
Volkskunde
im Erziehungswissenschaftlichen
Studium
Regensburger Zulassungsarbeiten
zur Europäischen und Bayerischen
Ethnologie
Marco Nadler
Fußball &
Religion
Eine dokumentarische Bestandsaufnahme
Wissenschaftliche Zulassungsarbeit zur Ersten Staatsprüfung für das Lehramt an
Realschulen in Bayern nach der LPO I an der Universität Regensburg im Fach
EWS-Volkskunde am Lehrstuhl für Vergleichende Kulturwissenschaft
Regensburg 2008
D ieses W erk ist m einen E ltern,
Irm gard und K arl N adler, gew idm et,
m einem B ruder M ario,
m einer F reundin Jessica,
m einen guten F reunden,
F rau D r. E rika L indig
und natürlich dem TSV 1860 M ünchen,
der m ich gelehrt hat,
w as L eben, L iebe und Leidenschaft w irklich bedeutet.
E uch gehört m ein innigster D ank und m ein H erz.
M öge G ott m it E uch sein...
Inhalt
1.
Gegenstandsfeld und Problemstellung
6
1.1
Faszination Fußball
6
1.1.1 Fußball als Massenphänomen
6
1.1.2 Fußball als ,,Weltreligion" der Neuzeit?
11
1.2
Fußball ,,Religion"?
15
1.2.1 Begriffliche Annäherung zu Fußball als mögliche Religion
15
1.2.2 Parallelen von Religion und Fußball
20
2.
Vorgehensweise (Quellen und Methoden)
22
3.
Darlegung, Analyse und Interpretation
25
3.1
Religiöse Momente in der Entwicklung des Fußballsports
25
3.2
Religiöse Symbolik im Fußballsport
37
3.2.1 Das Stadion
37
3.2.2 Der Ball
44
3.2.3 Der Fuß
47
3.2.4 Die Elf
50
3.2.5 Die Farben
54
3.3
Fußballer und Religion
60
3.3.1 Gläubigkeit bei Fußballern
60
3.3.2 Aberglaube im Fußball
68
3.3.3 Fußball(er) als Wertevermittler
73
3.4
Fußball-Fans und Religion
89
3.4.1 Identität
89
3.4.2 Religiöse Einstellungen der Fans zu Fußball
98
3.4.3 Rituale und Liturgie
110
3.4.4 Religiöses Liedgut
119
3.4.5 Heiligenverehrung
128
3.4.6 Devotionalien und Reliquien
141
3.4.7 Fußballgott
149
3.4.8 Religiöse Metaphorik
159
3.4.9 Boom in der Präsenz der Thematik ,,Fußball & Religion"
164
3.5
Kirche und Fußball
170
3.5.1 Entwicklung des Verhältnisses von Kirche und Fußball
170
3.5.2 Geistliche und Fußball
180
3.5.3 Papst und Fußball
189
4.
Erkenntnisse
195
4.1
Fußballwelt gespickt mit ungeahnten religiösen Bezügen
195
4.2
Fußball inszeniert sich als Religion mit kirchlichen Anleihen
200
4.3
Fußball ist eine (Zusatz/Ersatz-) Religion des Herzens
204
Bibliographie
210
Abbildungsnachweise
220
1.1.1 Fußball als Massenphänomen
6
1. Gegenstandsfeld und Problemstellung
1.1 Faszination Fußball
1.1.1 Fußball als Massenphänomen
,,Die Welt schaut zu und hat ihr Vergnügen."
1
(Fair Pray. Die Fußball-Bibe1, Korinther 4,9)
Fußball ist längst mehr als nur Sport Fußball ist ein Massenphänomen.
2
Kein anderes
Ereignis schafft es solche Massen, ja ganze Völker in Verzückung zu versetzen. Kein
Politiker, keine Rockband, niemand sonst bringt die Menschen so zum Feiern, Beben und
Singen wie der Fußball.
3
Es ist auch keineswegs ein Kriterium anderer Sportarten, die Erdenbewohner so in Feierlaune
zu versetzen.
4
Vergleicht man Fußball mit anderen Sportarten, so ist festzustellen, dass
Fußball grundsätzlich einfach >>anders<< ist. Leichtathletik und Trendsportarten wie Golfen
sind zu individuell; Tennis wirkt mit seinem monotonen Hin und Her kühl und digital. Viele
Mannschaftssportarten wie Handball oder Basketball erfreuen sich vergleichsweise nur sehr
geringer Beliebtheit und andere Teamsportarten wie Eishockey und Football finden oft nur
regional eine große Anhängerschaft. Einzig und allein der Fußball ist und bleibt universal.
5
Nicht einmal olympische Spiele sind imstande, ganze Nationen so zu fesseln wie das Spiel
mit dem Lederball.
6
Um Fußball zu spielen, benötigt man im Gegensatz zu den meisten
anderen Sportarten auch nicht viel Zubehör. Jeder hat sicher schon einmal beobachten
können, wie Schulkinder an der Bushaltestelle mit ihren Schulranzen Tore stellten und sich
mit einer Dose als Spielball vergnügten. Und so ist es auch diese Einfachheit der Struktur, die
den Fußball weltweit so beliebt macht. Wo die Prioritäten und das Herz der Menschen liegen,
wird dann auch klar, wenn man beispielsweise betrachtet, dass der Deutsche Fußball Bund
1
Merkel, Ulle u. Wolle Schumacher (Hg.): Fair Pray, Die Fußball-Bibel. Stuttgart: Kreuz Verlag 2006. S. 93.
2
Vgl. http://tutzing-evangelisch.de/?page=Fussball, entnommen am 20.02.2007.
3
Vgl. Kadel, David: Fußball Gott, Erlebnisberichte vom heiligen Rasen. 5. Aufl. Asslar: Gerth Medien GmbH
2006. S. 59.
4
Vgl. http://www.matthias-jung.de/fussball_verbindet.htm, entnommen am 13.02.2007.
5
Vgl. http://www.unsere-kirche.de/240_1602.html, entnommen am 18.02.2007.
6
Vgl. http://www.matthias-jung.de/fussball_verbindet.htm, entnommen am 13.02.2007.
1.1.1 Fußball als Massenphänomen
7
(DFB) circa 12 mal mehr Mitglieder hat als die größte deutsche Partei.
7
Von Wirtschafts-
forschern wird sogar behauptet, dass der Erfolg einer Fußballnationalmannschaft die
konjunkturelle Lage eines Landes verbessern kann. Passend dazu stellten Wahlforscher fest,
dass der Gewinn der Fußball-WM stets der gerade amtierenden Partei nützt, weil dadurch die
Stimmung im Land enorm gehoben wird.
8
Als ein Beweis der Popularität und Universalität des Fußballs kann die Weltmeisterschaft
1990 in Italien genannt werden. Diese WM war mit einem Publikum von 16 Milliarden
Fernsehzuschauern bis dato das meistbeachtetste Ereignis aller Zeiten.
9
Acht Jahre später,
1998 in Frankreich, wurde die Fußball-WM sogar als ,,`Vollversammlung der Menschheit'"
10
bezeichnet. Einerseits war bei dieser Weltmeisterschaft ein Großteil der Menschen durch den
Ausrichter des Turniers, die Fédération Internationale de Football Association (FIFA,
gegründet 1904), formal repräsentiert, da diese zu dem Zeitpunkt schon über 200 Länder, und
damit sogar mehr als die UNO, zu ihren Mitgliedern zählte. Andererseits haben auch hier das
Medieninteresse und die TV-Quoten wieder sämtliche Rekorde gebrochen. Während der
Fußball-WM 1998 hat sich statistisch gesehen jeder der 5,7 Milliarden Erdenbewohner
sechsmal in die TV-Berichterstattung über die WM eingeschaltet. So beliefen sich die
aggregierten Zuschauerzahlen am Ende der WM auf 39 Milliarden. Die nachfolgenden
Weltmeisterschaften in Japan/Südkorea 2002 und Deutschland 2006 brachen stets neue
Medien-Rekorde, und so gibt es heutzutage kein anderes Ereignis, das in den Medien eine
derartig große Aufmerksamkeit erfährt wie der Fußball.
11
Nach der Historikerin Christiane Eisenberg hat sich der moderne Fußball im Verlauf seiner
mehr als hundertjährigen Geschichte auch längst zu einem ,,`Kulturgut' sui generis"
12
entwickelt.
13
In Europa ist Ende der Neunziger sogar ein ,,`Menschenrecht auf Fußball'"
14
geltend gemacht worden.
15
Der Fußball heutzutage ist ein wahrlich globales Spiel, da er sich nicht nur auf das
Medienereignis reduziert, sondern Menschen auf der ganzen Welt zu sportlichen Aktivitäten
7
Vgl. http://www.ekd.de/download/abschlussbericht_ulrichs.pdf, S. 1, entnommen am 15.02.2007.
8
Vgl. http://www.matthias-jung.de/fussball_verbindet.htm, entnommen am 13.02.2007.
9
Vgl. Bromberger, Christian: Fussball als Weltsicht und als Ritual. In: Ritualtheorien, Ein einführendes
Handbuch. Hrsg. von Andréa Belliger u. David J. Krieger. 2. Aufl. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 2003. S.
285.
10
Eisenberg, Christiane: Von England in die Welt: Entstehung und Verbreitung des modernen Fußballs*. In:
Über Fußball, Ein Lesebuch zur wichtigsten Nebensache der Welt. Hrsg. von Werner Lang u. Wolfgang
Schlicht. Schorndorf: Hofmann Verlag 2000. S. 59.
11
Vgl. ebd. S. 59.
12
Ebd. S. 81.
13
Vgl. ebd.
14
Ebd. S. 59.
15
Vgl. ebd.
1.1.1 Fußball als Massenphänomen
8
veranlasst. Laut einer statistischen Erhebung der FIFA im Jahre 2000 beläuft sich die
Gesamtzahl der Spieler/innen weltweit auf 242 Millionen, was circa 4,1 % der Welt-
bevölkerung entspricht. Und das sind nur die Spieler die offiziell in Verbänden angemeldet
sind.
16
Der Autor David Kadel zu dieser globalen Faszination des Fußballs:
,,Aber warum ist das so? Warum schauen sich 2 Milliarden Menschen auf der Welt gleichzeitig irgendein
Rasen-Spiel an, bei dem 22 Mann einem Ball hinterherlaufen? Was ist es, das sie völlig gebannt vor dem
Fernseher auf den bestimmten Schuss warten lässt? Warum umarmen sich wildfremde Menschen an
einem lauen Sommerabend auf offener Straße, als wäre es die Millenniums-Nacht oder ihr Hochzeits-
tag?"
17
Möglicherweise zeigt die fußballbegeisterte Menschheit hier, wie sehr sie das Gemein-
schaftliche in der heutigen Zeit vermisst, und wie groß die Sehnsucht nach einem großen
Ganzen ist, das alle vereint. So ist es vielleicht eine Sehnsucht nach etwas Höherem, einem
anhaltenden Glück, das die Menschen hemmungslos ihren grauen Alltag im Fußball
vergessen lässt. Doch es gibt Tage, sogar Wochen im Jahr, in denen die Hemmungslosigkeit
rauschender Feste wieder der unerträglichen Stille weichen muss die fußballfreie Zeit.
Genau hier entsteht dann auch die Fußball-Sucht. Man wartet auf Fußball. Und wenn es dann
so weit ist, vor dem Fernseher oder im Stadion, wartet man wieder auf den goldenen Schuss
beispielsweise. Das macht das Geheimnis Fußball aus: Warten und Hoffen. Da man vorher
nie weiß, wie es ausgeht, kommt man immer wieder. Man wartet und hofft auf das
entscheidende Tor oder das eine ganz bestimmte legendäre Spiel. Und in dieser Hinsicht
können Fußball-Fans sehr geduldig sein.
18
Kadel: ,,Sie warten Wochen und Monate,
manchmal Jahre, um dieses gemeinschaftliche Glück beim unglaublichen 5:4-Sieg im Derby
noch einmal schmecken zu dürfen."
19
So würde manch ein Psychologe Fußball etwas lieblos vielleicht als ,,Ersatzbefriedigung"
analysieren. Viel eher passt hier wohl aber der Ausdruck ,,Leidenschaft". Wenn Fans wieder
mal ihren letzten Groschen für ein Ticket ihrer Mannschaft zusammenkratzen, nur um danach
durch eine frustrierende 1:3 Heimniederlage das ganze Wochenende ,,versaut" zu bekommen
da schafft der Fußball wahrlich Leiden.
20
Doch Fußballfans lassen sich von so was nicht zurückschrecken. Sie sind ,,strenggläubig" und
kommen auch immer wieder. Sie geben den Glauben an das Große, an das Unberechenbare
niemals auf. So ist nach dem Spiel stets vor dem Spiel. Nur ein paar Tage Frust, bis die
16
Vgl. http://leisser.de/download/fussball%20und%20politik.pdf , S. 7, entnommen am 15.02.2007.
17
Kadel: Fußball Gott, S. 59 f.
18
Vgl. ebd. S. 60.
19
Ebd.
20
Vgl. ebd. S. 60 f.
1.1.1 Fußball als Massenphänomen
9
Chance wieder kommt, alles gut zu machen und die ,,Bußfertigkeit der Sünder"
21
getestet
wird. Für Karl Marx war die Religion das Opium des Volkes. Aber was hätte er wohl zum
deutschen Nationaltrainer Sepp Herberger gesagt, wenn er 1954 die jubelnden Menschen in
Deutschlands Straßen nach dem ,,Wunder von Bern" gesehen hätte?
22
,,`Fußball ist
Religion'?"
23
Der Mensch wird geboren und muss dann auch irgendwann sterben. Wie im Fußball folgt im
Leben der Schlusspfiff dem Anstoß unweigerlich. Auch dies macht den Fußball, der
eigentlich ja nur ein Spiel sein sollte, so ernsthaft. Wie im richtigen Leben gibt es auch hier
Gewinner und Verlierer. Es geht um viel in einem Fußballspiel. Aus diesem Grunde werden
im Fußball auch nicht selten höhere Mächte beschworen. So besuchte Franz Beckenbauer mit
seinem kompletten Team vor dem Achtelfinale der WM 1990 gegen Holland einen
Gottesdienst, die Bild-Zeitung verbuddelt Glückspfennige im Spielrasen und viele glauben
daran wie Kinder an den Osterhasen, während in Brasilien Fans mit Vodoo-Puppen auf der
Tribüne sitzen und die Gegner verfluchen. Hier wird klar: Fußball ist längst mehr als einfach
nur ein Spiel. Das wird auch am Beispiel der WM 1950 in Brasilien deutlich. Als die
brasilianische Nationalelf im WM-Finale in Rio 2:1 gegen Uruguay verliert, versinken rund
200.000 Zuschauer im Maracana-Stadion in tiefste Trauer und mit ihnen eine ganze Nation.
An diesem Tag haben sich in Brasilien mit mehr als 30 Menschen überdurchschnittlich viele
umgebracht. Und als Brasilien 1958 dann endlich Weltmeister wird, erhält das Land einen
neuen Nationalfeiertag und ein ganzes Volk ist in Ekstase. Im Fußball wird nämlich noch
richtig gefeiert. In der Kirche spricht man von ,,Gottesdienst feiern", obwohl die Stimmung
hier doch für manche oft alles andere als feierlich ist. Es ist heutzutage auch nicht ersichtlich,
nicht einmal bei kirchlichen Top-Events wie dem Weltjugendtag, dass Menschenmassen den
Gottesdienst, ja Gott, so ausschweifend feiern wie den Weltmeistertitel im Fußball.
24
Auch der Anthropologe Christian Bromberger stellte diese immense Bedeutung des Fußballs
heutzutage heraus:
,,Tatsächlich ist Fussball in nur fast einem Jahrhundert die Kodifizierung seiner Regeln geht auf das
Jahr 1863 zurück zu einer `weltweiten Leidenschaft' geworden, einer Art universellem Bezugspunkt,
einem der wenigen, wenn nicht sogar dem einzigen Element einer [...] Weltkultur, das allen klar ist, un-
geachtet der Verschiedenheit von Region, Nation und Generation, der jemand angehört."
25
21
Kadel: Fußball Gott, S. 61.
22
Vgl. ebd.
23
Ebd.
24
Vgl. ebd. S. 61 f.
25
Bromberger, S. 285.
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