Inhalt
INHALT
EINLEITUNG 2
I. ALLMACHT ALS EIGENSCHAFT GOTTES 2
I.1. Gottes Eigenschaften 3
a) Eigenschaften des personalen Gottes der Bibel 3
b) Eigenschaften des metaphysischen Gottes der abendländischen Theologie 4
c) Wege zur Erkenntnis göttlicher Eigenschaften 5
d) Die Einheit Gottes und die Vielzahl seiner Eigenschaften 7
I.2. Umstrittene Allmacht 8
a) Allmacht - ein logisch widersprüchlicher Begriff? 9
b) Allmacht und Theodizee 10
c) Allmacht und Ohnmacht 11
I.3. Heute von Gottes Allmacht reden 12
a) Gründe für ein theologisches Reden von Allmacht 12
b) Kriterien für ein theologisch verantwortliches Reden von Allmacht 13
II. TILLICH: ALLMACHT ALS ÜBERWINDUNG DES NICHT-SEINS 15
II.1. Ontologie der Macht 15
a) Beobachtungen 15
b) Ontologie 17
c) Sein als Seinsmächtigkeit 18
d) Die ontologische Einheit von Macht, Liebe und Gerechtigkeit 19
II.2. Phänomenologie der Macht 21
a) Aktualisierung von Macht in der Begegnung 21
b) Macht, Gewalt, Zwang 23
c) Phänomenologie und Ontologie 24
d) Ontologie der Macht - ein „survival of the fittest“? 26
II.3. Theologie der Macht 27
a) Ontologie und Theologie 27
b) Symbolische Rede von Gott 29
c) Gottes Allmacht 29
d) Die theologische Einheit von Liebe, Macht und Gerechtigkeit 31
Inhalt
III. HÄRLE: ALLMACHT ALS EIGENSCHAFT DER LIEBE 32
III.1. Erkenntnistheoretische Grundlegung 32
III.2. Theo- logie der Liebe 33
a) Der Begriff „Gott“ 33
b) Gottes Wesen 34
c) Gottes Personalität 35
d) Gottes Eigenschaften 36
III.3. Allmacht als Eigenschaft Gottes 37
a) Allmacht der Liebe 37
b) Konsequenzen für eine Theodizee 39
IV. HEUTE THEOLOGISCH VERANTWORTLICH VON ALLMACHT ALS
EIGENSCHAFT GOTTES REDEN 40
IV.1. Die Kriterien der dogmatischen Tradition 40
a) Das Kriterium der offenbarungstheologischen Begründung 40
b) Das Kriterium der analogischen Redeform 41
c) Das Kriterium der Einheit Gottes 41
IV.2. Die Kriterien der gegenwärtigen Situation 42
a) Das Kriterium der (selbst)begrenzten Allmacht 42
b) Das Kriterium der „guten“ Allmacht 43
IV.3. Das Kriterium des biblischen Zeugnisses 44
IV.4. Zusammenfassung 45
a) Grundlegende Unterschiede zwischen Tillich und Härle 45
b) Die zentrale Übereinstimmung zwischen Tillich und Härle 46
c) Stärken und Schwächen 46
LITERATUR 48
THESEN I
SELBST ÄNDIGKEITSERKLÄRUNG III
Wer heute theologisch von Allmacht als Eigenschaft Gottes redet, muß sich verteid igen. Die feministische Theologie und die Befreiungstheologie kritisieren den despotischen Charakter des Allmachtsbegriffes. Die Religionsphilosophie hinterfragt die logische Konsistenz von Allmacht. Persönlich erfahrenes Leid und die Existenz des Übelswie es sich jüngst in den Terroranschlägen auf die Symbole der wirtscha ftlichen, militärischen, politischen und kulturellen Macht der USA manifestierte - lassen zweifeln, ob Gott der Allmächtige ist. Diesen Fragen steht Erfahrung gegenüber, daß Gottes schöpferische Macht birgt und heilt. Diesen Fragen steht die Hoffnung gegenüber, daß Gottes erlösende Macht rettet und vollendet.
Das erste Kapitel stellt auf Grundlage des biblischen Zeugnisses und in Weiterführung der dogmatischen Tradition Kriterien auf, wie heute angesichts der kritischen Einwände theologisch verantwortlich von Gottes erfahrener und erhoffter Allmacht geredet werden kann.
Die beiden folgenden Kapitel stellen zwei Entwürfe vor, die von unterschiedlichen Zugangsweisen zum Allmachtsbegriff geprägt sind. TILLICH spricht von der Allmacht Gottes im Rahmen einer Theologie der Macht, die weitgehend ontologisch entfaltet wird. HÄRLE dagegen spricht von der Allmacht Gottes im Rahmen einer Theologie der Liebe, die offenbarungstheologisch begründet ist.
Im letzten Kapitel werden die Eingangs aufgestellten Kriterien auf TILLICHS und HÄRLES Allmachtskonzeption angewandt. Dabei wird sich zeigen, daß beide trotz ihrer unterschiedlichen Ansätze übereinstimmend Gottes Allmacht als schöpferische und erlösende Macht beschreiben. Obwohl beide Entwürfe auch ihre spezifischen Schwächen haben, können sie als Beispiele für ein theologisch verantwortliches Reden von Allmacht als Eigenschaft Gottes gelten.
Wie kann man heute theologisch verantwortlich von der Allmacht als Eigenschaft Gottes reden? Diese Fragestellung impliziert verschiedene Voraussetzungen und stellt damit Aufgaben, die zu Beginn dieser Arbeit diskutiert werden müssen: § Von der Allmacht als Eigenschaft Gottes zu reden, setzt zweierlei voraus: Zum einen, daß Gott Eigenschaften zukommen und zum anderen, daß es sich bei Allmacht um eine solche göttliche Eigenschaft handelt.
Aber hat Gott Eigenschaften? Woher wissen wir etwas über diese? Wenn Gott Eigenschaften zukommen, welche sind das? Und gehört Allmacht auch zu den göttlichen Eigenschaften? 1
§ Heute theologisch verantwortlich von Allmacht zu reden, setzt wiederum zweierlei voraus: Zum einen, daß man heute auch theologisch unverantwortlich (oder gar nicht) von Allmacht Gottes reden kann und zum anderen, daß „gestern“ auch schon von Allmacht als göttlicher Eigenschaft gesprochen wurde. Aber wie wurde „gestern“ von Allmacht geredet? Muß heute anders von Allmacht geredet werden als gestern und warum? Wo liegen die Schwierigkeiten bei der Rede von Allmacht als Eigenschaft Gottes? Lassen sich Kriterie n für ein theologisch ve r-antwortliches Reden von Gottes Allmacht formulieren?
Dem so umrissenen Themenkomplex widmet sich das erste Kapitel der Arbeit. Dieser wird in 3 Teilen abgeschritten:
Teil 1 beinhaltet grundlegende Beobachtungen zur biblischen und traditionellen Rede von Gottes Eigenschaften (I.1.),
Teil 2 beinhaltet eine Problematisierung der Rede vom allmächtigen Gott (I.2.) und Teil 3 beinhaltet die Frage, inwiefern es notwendig ist, von Allmacht als Eigenschaft Gottes zu reden und welche Kriterien für ein theologisch verantwortliches Reden von Allmacht als Eigenschaft Gottes heute genannt werden können (I.3.).
I.1. Gottes Eigenschaften
Dieser erste Teil gibt einen Überblick darüber, welche Eigenschaften Gott zugesprochen wurden, wie Gottes Eigenschaften erkannt und ausgesagt werden können und wie trotz der zu beobachtenden Viehlzahl der Eigenschaften Gottes Einheit gewahrt bleibt.
a) Eigenschaften des personalen Gottes der Bibel
In der Bibel begegnet uns ein weitgehend anthropomorph vorgestellter Gott. Wie der Mensch, so hat auch Gott ein Antlitz, daß zu- oder abgewendet sein kann (Ps 27,8f), der Saum seines Gewandes füllt den Tempel (Jes 6,1) und mit ausgerecktem Arm will er sein Volk aus Ägypten erlösen (Ex 6,6). Von Gott kann als betrogenem Ehemann (Ez 16), als Hirte (Ps 23, Joh 10), als suchende Frau (Lk 15,7-10) oder als liebender und anzubetender Vater (Ps 68,6; Lk 15,11-32; Mt 6,9) geredet werden. Dem entsprechen auch seine Eige nschaften: Der Gott der Bibel ist ein eifernder (Ex 20,5), sogar zürnender (Jes 57, 16f; Lk 14,21), ein barmherziger (Ex 34,6; Röm 12,1) und gerechter (Röm 3,26) Gott. Er kann
1 Daß Allmacht eine Eigenschaft Gottes sei, wird von verschiedenen Theologinnen und Theologen bestrit-
ten. Vgl. beispielsweise HANS-JÜRGEN BENEDICT : Gott ist barmherzig, nicht allmächtig, S. 6-8 und DORO-
THEE SÖLLE: Gott denken, S. 244f.
sich aber auch etwas gereuen lassen (Am 7,3-6), denn der Gott der Bibel ist nicht der unveränderliche, sondern der lebendige Gott (Dtn 32,40; Joh 6,57). Neben diesen vordergründig auch Menschen prädizierbaren Eigenschaften kennt die biblische Überlieferung Eigenschaften Gottes, die explizit seine Gottheit zum Ausdruck bringen: So wird Gott ewig (Jes 40,28), heilig (Jesaja) und allmächtig (Hiob 34,17) genannt. Die biblischen Aussagen über Gottes Eigenschaften sind keine Aussagen über Gottes Wesen an sich, sondern über sein Verhältnis zum Menschen. Gottes Eigenschaften erweisen sich in seinem Tun. 2 Weil Gott Sünden vergibt, ist er barmherzig (Ps 78,38). Weil Gott rechtfertigt, ist er gerecht (Röm 3,26). Und nur weil Gott sich in seinem Handeln als barmherzig erwiesen hat, kann er andererseits wieder bei diesen Eigenschaften behaftet werden: „Du aber, Herr, Gott, bist barmherzig und gnädig, geduldig und von großer Güte und Treue. Wende dich zu mir und sei mir gnädig; stärke deinen Knecht mit deiner Kraft und hilf dem Sohn deiner Magd!“ können die Gläubigen mit Ps 86,15f beten. Fazit: Die Bibel spricht von Gottes Eigenschaften, weil Gott den Menschen in bestimmter Weise begegnet. Da die Situationen, in denen Gott begegnet, verschieden sind, ist auch das Wie der Gottesbegegnung verschieden. Deshalb kennt die Bibel eine Vielzahl göttlicher Eigenschaften. 3 Gott selbst läßt sich von Menschen auf die in seinen Taten offenbarten Eigenschaften anreden. Weil Gott dem Menschen gegenübertritt und sich als ein Du ansprechen läßt, haben wir es in der Bibel mit einem personalen Gott zu tun. Seinen Höhe- und Wendepunkt findet das personale Reden von Gott in dem Bekenntnis zu Jesus Christus als menschgewordenem Gott (Joh 1; Mt 16,16). Höhepunkt ist dies, weil Gott in Christus nicht wie, sondern als ein Mensch begegnet und Wendepunkt, weil - vor die Herausforderung gestellt, Gottes Menschsein zu denken - metaphysische Elemente Einzug in das theologische Reden von Gott hielten.
b) Eigenschaften des metaphysischen Gottes der abendländischen Theologie
War in den christologischen und trinitarischen Streitigkeiten der Alten Kirche noch das soteriologische Handeln Gottes der ausschlaggebende Grund, um über Wesen und Eigenschaften Gottes nachzudenken, so tritt später, insbesondere bei THOMAS, der Zusammenhang von persönlich erfahrbarem Handeln Gottes und daraus resultierender Zuschreibung bestimmter Eigenschaften in den Hintergrund. 4 THOMAS ist an Gott als der „prima causa efficiens“ und als einem Sein, das durch sich selbst notwendig ist, 5 interes-
2 Vgl.HORST DIETRICH PREUß: Theologie des Alten Testaments I, S. 274.
3 Sofern Gott auch heute und in Zukunft noch begegnet, kann es keinen abgeschlossenen Kanon göttlicher
Eigenschaften geben.
4 Vgl. zum Folgenden: WOLF KRÖTKE: Gottes Klarheiten, S. 49-59.
5 THOMAS VON AQUIN: STh I, q. 2, a. 3.
siert. Dieses Sein beziehungsweise Wesen Gottes zeichnet sich durch absolute Eige nschaften wie simplicitas, perfectio, bonitas, infinitas, immutabilis… aus. Damit betont THOMAS die vollkommene Unabhängigkeit und Andersheit Gottes. Daß und wie dieser gänzlich autarke Gott auf seine Schöpfung wirkt, holt er mit einer zweiten Reihe von relativen Eigenschaften ein: Demnach ist Gott scientia, vita, amor, iustitia, potentia… Auch bei diesen Aussagen bleibt die absolute Andersheit Gottes gewahrt. Nicht nur weil Gottes potentia als omnipotentia näher bestimmt wird, sondern auch weil alles Reden von Gott nach THOMAS analogisches Reden ist.
Grundlage des analogischen Redens ist eine wesensmäßige Ähnlichkeit, eine analogia entis zwischen Gott und Welt, die ihre Ursache darin hat, daß Gott Schöpfer, prima causa efficiens ist, wodurch das Geschaffene Teil an Gottes Sein hat. Aufgrund dieser Ähnlichkeit kann THOMAS Gott die verschiedenen Eigenschaften zusprechen, die Gott aber - und damit wahrt er die Unterschiedenheit zwischen Gott und Welt - auf andere, beispielsweise vollkommenere, Weise zukommen als den Geschöpfen. Fazit: Vom metaphysischen Gott können Eigenschaften nur in Form analogischer Rede ausgesagt werden, da nur so sein absolutes Anderssein gewahrt bleibt. Letztendlich tendiert dadurch die ganze Eigenschaftslehre dahin, Gottes Unterschiedenheit von der Welt und seine Unabhängigkeit auszusagen. Mit Recht fragt deshalb KRÖTKE, „ob der hier gedachte Gott mit dem Gott zusammenstimmt, der sich in einem Menschen der Menschenwelt zuwendet“ 6 . KANT stellte zudem die grundlegende These in Frage, daß die geschaffene Wirklichkeit an Gottes Sein partizipiere. 7 In der Tat würde heute wohl ein beträchtlicher Teil zumindest der europäischen Bevölkerung diese Aussage anzweifeln. Kann jedoch der Schöpfungsgedanke nicht mehr vorausgesetzt werden, wird sowohl einer Analogielehre, die auf natürlicher Theologie basiert, als auch der von THOMAS praktizierten natürlichen Erkenntnis der Eigenschaften Gottes 8 das Fundament entzogen.
c) Wege zur Erkenntnis göttlicher Eigenschaften
Seit DIONYSIUS AREOPAGITA kennt die abendländische Theologie drei Wege, die zur Erkenntnis göttlicher Eigenscha ften führen:
§ Auf der via eminentiae werden bei den Geschöpfen beobachtete Vollkommenheiten von Gott in höchster Steigerung ausgesagt (z.B. Allmacht).
§ Auf der via negationis werden bei den Geschöpfen zu beobachtende Unvollkommenhe iten Gott abgesprochen (z.B. Endlichkeit à Unendlichkeit).
6 WOLF KRÖTKE: Gottes Klarheiten, S. 58.
7 IMMANUEL KANT : Kritik der reinen Vernunft.
8 Siehe unten: I.1.c) Wege zur Erkenntnis göttlicher Eigenschaften.
§ Auf der via causalitatis werden Gott Eigenschaften zugesprochen, die er haben muß, weil er die Ursache unserer beobachtbaren Wirklichkeit ist (z.B. Weisheit). Diese Wege beschreiten auch THOMAS 9 und die altprotestantische Orthodoxie 10 in ihrer Eigenschaftslehre. Gemeinsam ist allen drei Wegen, daß sie die geschaffene Welt ansehen und von dieser auf Eigenschaften Gottes schließen. Daß die Welt eine geschaffene ist und darum Anteil am göttlichen Sein hat, wird dabei vorausgesetzt. Da diese Voraussetzung mit KANTS Kritik zweifelhaft geworden ist, mußte ein neuer Weg gesucht werden, der zur Erkenntnis göttlicher Eigenschaften führt. SCHLEIERMACHER betrat diesen neuen Weg, indem er - anschließend an die durch KANT vollzogene subjektivitätstheoretische Wende - die Eigenschaften Gottes als Erfa hrungsweisen des frommen Selbstbewußtseins bestimmt. 11 Es geht nun also nicht mehr darum, analog zur geschaffenen Wirklichkeit auf Eigenschaften des metaphysischen Gottes zu schließen, sondern die in jeder Situation anders erfahrene Art der schlechthinnigen Abhängigkeit des Menschen zu beschreiben. 12 Diese schlechthinnige Abhängigkeit ist eine Grunderfahrung des Menschen. Das Woher dieser Abhängigkeit ist mit dem schlechthinnigen Abhängigkeitsgefühl unmittelbar mitgesetzt und kann deshalb von SCHLEIERMACHER als „schlechthinnige Ursächlichkeit“ 13 bezeichnet werden. Da jedoch alle Eigenschaften Gottes „Modalitäten dessen aussagen, wie das schlechthinnige Abhä ngigkeitsgefühl auf Gott bezogen ist und wie die schlechthinnige Ursächlichkeit konkret zum Bewußtsein kommt“ 14 , lassen sie sich letztlich alle auf die göttliche Ursächlichkeit zurückführen. Damit bleibt auch in der Theologie SCHLEIERMACHERS das Kausalitätsprinzip beherrschend, wenngleich es hier nicht vom Schöpfungsgedanken abhängt, sondern durch das Selbstbewußtsein vermittelt wird. An dieser Stelle bringt KRÖTKE eine kritische Frage ein, die immer dort greift, wo ein kausaler Zusammenhang zwischen Gott und Welt gedacht wird: Ob nämlich - insbesondere wenn es sich bei den Eigenschaften Gottes um einen Modus des Abhängigkeitsgefühls in Bezug auf Gott handelt - Gott da-
9 Vgl.THOMAS VON AQUIN: STh I, q. 12, a. 12, resp.
10 HEINRICH SCHMID: Dogmatik, S. 88f.
11 FRIEDRICH SCHLEIERMACHER: Glaubenslehre § 50, S. 255: „Alle Eigenschaften, welche wir Gott beile-
gen, sollen nicht etwas Besonderes in Gott bezeichnen, sondern nur etwas besonderes in der Art, das
schlechthinnige Abhängigkeitsgefühl auf ihn zu beziehen.“
12 SCHLEIERMACHERS Lehre von den Eigenschaften Gottes erstreckt sich aus diesem Grund über alle drei
Teile der Glaubenslehre: Im Ersten Teil behandelt er die ursprünglichen Eigenschaften, die sich auf das
Bewußtsein der Abhängigkeit (§§ 50-56), im Zweiten Teil die abgeleiteten Eigenschaften, die sich auf das
Bewußtsein der Sünde (§§ 79-85) und im Dritten Teil die abgeleiteten Eigenschaften, die sich auf die Erlö-
sung (§§ 164-169) beziehen.
13 FRIEDRICH SCHLEIERMACHER: Glaubenslehre § 51, S. 263.
14 GERHARD EBELING: Schleiermachers Lehre von den göttlichen Eigenschaften, S. 329.
durch nicht vom Abhängigkeitsbewußtsein (noetisch) abhängig und durch dieses bedingt wird. 15
Eine Alternative zu den Eigenschaftslehren, die auf das Kausalitätsprinzip bauen, stellt CREMERS offenbarungstheologischer Ansatz dar. CREMER erkennt, daß „auf dem Wege der Entschränkung des Weltgedankens überhaupt keine Gotteserkenntnis zu g ewinnen“ ist. Erst aufgrund der Offenbarung Gottes, seines Handelns für uns, erkennen wir, „wie er Gott ist“ und „was Gott sein oder das Prädikat Gott eigentlich in sich beschließt“ 16 . Als Ergebnis der Offenbarung Gottes in Christus nennt CREMER die „Erkenntnis des Wesens Gottes als Liebe“ 17 . Im Glauben erkennen wir, daß Gottes Liebe den Menschen nicht notwendig als Objekt braucht, sondern in Freiheit ganz und ewig für uns dasein will. Entsprechend seinem offenbarungstheologischen Ansatz expliziert CREMER dann Gottes Heiligkeit, Gerechtigkeit und Weisheit als „die in der Offenbarung sich erschließenden Eigenschaften Gottes“ 18 . Dieses System durchbrechend interpretiert er im Anschluß daran die im Gottesbegriff enthaltenen Eigenschaften Allmacht, Allgegenwart, Allwissenheit und Ewigkeit zwar im Lichte der Offenbarung, ma cht sie aber nicht als Wirkungsweisen der Liebe einsichtig. 19
Fazit: Zur Erkenntnis göttlicher Eigenschaften gelangen wir heute nicht mehr auf einem Weg, der Gott als notwendig für die Existenz der Welt voraussetzt. Der neuzeitliche Mensch braucht zur Welterklärung die Arbeitshypothese Gott nicht mehr. 20 Als Alternative kommt eine Theologie in Frage, die ausgehend von Gottes Selbstoffenbarung zur Erkenntnis göttlicher Eigenschaften gelangt.
d) Die Einheit Gottes und die Vielzahl seiner Eigenschaften
Sowohl das biblische als auch das metaphysische Reden von Gott kennt eine Vielzahl göttlicher Eigenschaften. Zugleich wird jedoch stets Gottes Einheit beziehungsweise Einfachheit betont. 21 In Gott gibt es keine Zusammensetzung. 22 Aus diesem Grund stellt sich die Frage, wie von dem schlechthin einfachen Gott unterschiedliche Eigenschaften ausgesagt werden können. Das Grundschema, nach dem dieses Problem im allgemeinen gelöst wird, besteht in der Unterscheidung zwischen Wesen und Eigenschaften Gottes. THOMAS entfaltet die absoluten Eigenschaften, die das Wesen Gottes beschreiben unter der „Primäreigenschaft“ der simplicitas. KRÖTKE wirft diesem Verfahren vor, daß alle
15 WOLF KRÖTKE: Gottes Klarheiten, S. 67.
16 HERMANN CREMER: Eigenschaften Gottes, S. 23.
17 HERMANN CREMER: Eigenschaften Gottes, S. 24.
18 HERMANN CREMER: Eigenschaften Gottes, S. 34.
19 Vgl. zur Kritik an CREMERS Eigenschaftslehre: WOLF KRÖTKE: Gottes Klarheiten, S. 79-82.
20 Vgl. DIETRICH BONHOEFFER: Widerstand und Ergebung, S. 193f. und I.2.c) Allmacht und Ohnmacht.
21 Vgl. Dtn 6,4: Jahwe ist unser Gott, Jahwe ist einzig. (Vgl. zu Übersetzung und Verständnis: HERBERT
NIEHR: Einheit, Sp. 1166.) und THOMAS VON AQUIN: STh I, q. 3 und 11.
Differenzierungen „nur scheinbar in eine große Vielfalt des Redens von Gott“ 23 hineinführen. Die beherrsche nde Stellung der simplicitas führt vielmehr dazu, daß alle Eige nschaften das sich selbst genügende, unabhängige Wesen Gottes aussagen. Und die anderen Attribute deshalb nicht mehr sein können, „als nur aus der Sicht der Geschöpfe anders gewendete Wiederholungen des ersten Attributs“ 24 .
Der Kritik, daß Gottes Eigenschaften nur seine Unabhängigkeit aussagen, läßt sich dadurch begegnen, daß die Beschreibung des Wesens Gottes bereits ein Element der Beziehung enthält. Dies geschieht beispielsweise, wo Gottes Wesen als Liebe 25 oder Macht 26 bestimmt wird.
Eine Alternative, die den Beziehungsaspekt noch stärker betont, stellt die trinitarische Bestimmung des Wesens Gottes als Beziehung von Vater, Sohn und Geist dar. 27 Von diesem Ansatzpunkt aus entfaltet KRÖTKE Gottes Eigenschaften als Klarheiten der göttlichen doxa. 28
Fazit: Dem Problem, daß von dem einen Gott verschiedene Eigenschaften ausgesagt werden sollen, kann mit der Unterscheidung zwischen Wesen und Eigenschaften Gottes begegnet werden. Da die Eigenschaften Gottes seinem Wesen zugeordnet werden, wirkt sich jedoch umgekehrt die Bestimmung des göttlichen Wesens auf die Interpretation der göttlichen Eigenschaften aus. 29
I.2. Umstrittene Allmacht
Der allmächtige Gott ist in die Kritik geraten. Das ausschlaggebende Ereignis im 20. Jahrhundert war der Zweite Weltkrieg. In seinen Gefängnisbriefen beschreibt BONHOEF- FER Gottals den sich ohnmächtig aus der Welt drängen lassenden Gott und fordert dazu auf, in der Welt zu leben, als ob es Gott nicht gäbe. Die Nachkriegsliteratur fragt, wo Gott in seiner Macht eigentlich gewesen sei, als die Bomben brüllten. 30 WIESEL zeigt als Ant-wort auf einen Galgen in Auschwitz. „Dort - dort hängt er, am Galgen…“ 31 Die Tatsache, daß sich Auschwitz ereignen konnte, erweist, daß es keinen allmächtigen Gott geben
22 Vgl. THOMAS VON AQUIN: STh I, q. 3, a. 7, resp.
23 WOLF KRÖTKE: Gottes Klarheiten, S. 52.
24 WOLF KRÖTKE: Gottes Klarheiten, S. 56.
25 HÄRLE beispielsweise bestimmt Gottes Wesen als Liebe. (Vgl. WILFRIED HÄRLE: Dogmatik, S. 236-248.)
26 BAYER bestimmt Allmacht als „mehrdeutiges Metaprädikat“. (Vgl. OSWALD BAYER: Eigenschaften Go t-
tes, Sp. 1141.)
27 Vgl. WOLF KRÖTKE: Gottes Klarheiten, S. 82-103.
28 Diese wenigen Bemerkungen zu einer trinitarischen Grundlegung der Eigenschaftslehre müssen genügen.
Die Trinitätsproblematik ist zu umfangreich, als daß sie im Rahmen dieser Vorbemerkungen ausführlich
aufgenommen werden könnte.
29 Dies wird beispielhaft an HÄRELS Bestimmung der Allmacht als Allmacht der Liebe deutlich. Vgl.
III.3.a) Allmacht der Liebe.
30 Vgl. WOLFGANG BORCHERT : Draussen vor der Tür, S. 42.
31 ELIE WIESEL: Die Nacht, S. 94.
kann. 32 „Der Gottesbegriff nach Auschwitz“, so der Titel des breit rezipierten Vo rtrages des jüdischen Philosophen JONAS, muß deshalb neu gedacht werden. Aber auch von anderer Seite wird Kritik an der Allmacht als Eigenschaft Gottes vo rgebracht. Die feministische Theologie und die Befreiungstheologie zweifeln aufgrund ihres speziellen erfahrungstheologischen Ansatzes an dem Bild eines allmächtigen Gottes; 33 und die Religionsphilosophie 34 überlegt, ob Allmacht ein logisch konsistenter Begriff ist.
Im folgenden sollen die Anfragen von verschiedenen Seiten an das Allmachtsprädikat systematisiert werden, nicht um sie aus dem Weg zu räumen, sondern um ihre oft durchaus berechtigte Kritik an der Allmacht als Eigenschaft Gottes wahrzunehmen. Denn theologisch verantwortlich zu reden bedeutet, neben der Bibel und der Tradition auch die Situation zu betrachten, in der und in die geredet werden soll.
a) Allmacht - ein logisch widersprüchlicher Begriff?
Kann der allmächtige Gott Geschehenes ungeschehen machen? Kann der allmächtige Gott einen quadratischen Kreis malen? Wenn die moderne Religionsphilosophie 35 mit solchen Fragen Kritik an der logischen Kohärenz des Allmachtsbegriffes übt, greift sie damit Probleme auf, die bereits die scholastische Theologie beschäftigte. Hinter dieser Kritik steht ein mit einem metaphysischen Gottesbild verbundenes Verständnis von Allmacht: Allmacht wird hier verstanden als „alles können“. Schon THOMAS hat daraufhin einschränkend gesagt, daß Gott nichts kann, was in sich widersprüchlich ist. Das heißt positiv formuliert, Gott kann nicht alles, sondern nur alles Mögliche. 36 Aber kann der allmächtige Gott einen Stein schaffen, der so schwer ist, daß er ihn nicht hochheben kann? 37 Diese Frage fordert von Gott nichts Widersprüchliches. Jedoch beweist Gott, wenn er den Stein schafft, zugleich sein Können und sein Nicht-Können. Eine Lösung des Stein-Paradoxes impliziert deshalb nach BAUKE-RUEGG, daß „Allmacht keine Gott wesensmäßig zukommende Eigenschaft ist, sondern eine Eigenschaft, zu der
32 Zu recht warnt jedoch JAN BAUKE-REUGG vor einer Instrumentalisierung von Leiden. „Auschwitz“ darf
kein „diktatorischer Begriff“ werden, der „die Opfer der Shoah […] zu Argumentationsmitteln“ macht. (JAN
BAUKE-RUEGG: Die Allmacht Gottes, S. 193.)
33 Vgl. I.2.c) Allmacht und Ohnmacht.
34 Vgl. beispielsweise ANTHONY KENNY: Die Definition der Allmacht, insbesondere S. 221-223; JOHN L.
MACKIE: Das Wunder des Theismus, S. 254-257.
35 Vgl. beispielsweise ANTHONY KENNY: Die Definition der Allmacht, S. 218-223.
36 THOMAS VON AQUIN: STh I, q. 25, a. 3.
37 In der Form „Kann Gott (freie) Wesen schaffen, die er nicht mehr kontrollieren kann?“, problematisiert
diese Frage das Verhältnis von Freiheit und Allwirksamkeit. Das Nachdenken über Gottes Allwirksamkeit
ist eng mit dem Allmachtsbegriff verbunden. Nicht umsonst behandelt HÄRLE Allmacht und Allwirkamkeit
Gottes in einem Kapitel. (Vgl. WILFRIED HÄRLE: Dogmatik, S. 258f.) TILLICH kommt aufgrund der alles
umfassenden Macht Gottes zu der Aussage, daß Gott sich durch den Menschen selbst liebt. (Vgl. PAUL
TILLICH: ST I, S. 312.) Im Rahmen dieser Arbeit kann dem Zusammenhang zwischen Allmacht und All-
wirksamkeit Gottes jedoch nicht im Einzelnen nachgegangen werden.
Arbeit zitieren:
Robert Mahling, 2001, Wie kann man heute theologisch verantwortlich von der Allmacht als Eigenschaft Gottes sprechen? - Diskussion dieser Frage auf der Grundlage der Ausführungen Paul Tillichs und Wilfried Härles, München, GRIN Verlag GmbH
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