Masterarbeit, 2020
93 Seiten, Note: 1,0
1. Einleitung
2. Erinnerungskultur(en)
2.1 Kollektive Gedächtnisformen
2.1.1 Das nationale Gedächtnis
2.2 Wer erinnert sich?
2.2.1 Heroisches und traumatisches Opfergedächtnis
2.2.2 Täter*gedächtnis
2.2.3 Die Figur des moralischen Zeugen
2.3 Umgang mit historischen Traumata
3. Aktuelle ‚deutsche‘ Erinnerungskultur
4. ‚Kriegskinder‘ und ihre Traumatisierungen
4.1 Psychologisches Trauma
4.2 ‚Kriegskinder‘
5. ‚Kriegskinder‘ national erinnern! – Sabine Bodes „Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen.“
5.1 Sabine Bodes Argumentation
5.2 Sabine Bodes erinnerungspolitische Forderung aus gedächtnistheoretischer Perspektive
6. Gesellschaftliche Wahrnehmung der ‚Kriegskinder‘
7. ‚Kriegskinder‘ national erinnern? – Diskussion
7.1 Perspektive: ‚Kriegskinder‘
7.2 Perspektive: Identitätsstiftung ‚nach innen‘
7.3 Perspektive: Außenwahrnehmung
7.4 Funktion symbolpolitischer Rituale
7.5 Fazit: ‚Kriegskinder‘ werden erinnert.
8. Schluss
Die vorliegende Arbeit untersucht hermeneutisch am „Fall Sabine Bode“, ob nichtjüdische deutsche Kinder des Zweiten Weltkriegs als spezifische „Kriegskinder“ kollektiv erinnert werden sollten. Dabei wird die zentrale Forschungsfrage gestellt, wie eine Einordnung dieser Opfererfahrungen in den bestehenden deutschen Gedächtnisrahmen, der stark auf der Holocaust-Erinnerung basiert, ohne eine problematische Opferkonkurrenz möglich wäre.
2.2.2 Täter*gedächtnis
Zwischen (viktimologischem) Opfer- und Täter*gedächtnis besteht eine grundlegende Asymmetrie. „Dem Opfergedächtnis entspricht kein ebenso klares Tätergedächtnis, weil Täter gerade nicht um öffentliche Anerkennung, sondern im Gegenteil um Unsichtbarkeit bemüht sind.“ Im Gegensatz zum Selbstbild stärkenden Leid droht Schuld dieses zu zerstören, weil es mit dem von Stolz und Ehre genormten eigenen ‚Identitätsprofil‘ nicht kompatibel ist. So „wehren die Täter ihre Schuld unter dem Druck des sozialen Affekts der Scham ab“. Um ihr Gesicht zu wahren, entsorgen sie alles, was gesellschaftlichen Werten widerspricht, durch Schweigen. Dieses Schweigen hat eine andere Funktion als das von Gewaltopfern:
Schweigen verschafft dem Opfer für eine Weile Distanz zu dem bedrohenden Trauma, dem Täter dagegen gewährt es Sicherheit und Schutz vor Verfolgung. Tabuisierung der Tat ist deshalb das Ziel des Täters, während aufarbeitende Erinnerung das therapeutische und moralische Ziel des Opfers ist.
Schweigen ist aber nicht nur Ausdruck fortgesetzter Macht oder Ohnmacht, sondern auch Ausdruck von Unaussprechlichem. Dem amerikanischen Literaturwissenschaftler George Steiner zufolge ist Sprachlosigkeit als Rückzug des Wesentlichen ins Schweigen ein untrennbar mit der Moderne verbundenes Phänomen, welches nach Aleida Assmann aber erst mit dem Holocaust „kollektiv traumatische Züge“ angenommen habe:
Das Schweigen war […] ein Symptom des Exzesses einer willkürlichen und schrankenlosen Vernichtungsgewalt, die die Verarbeitungsmuster des Bewusstseins und die Kategorien der Sprache mit zerschlug.
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den aktuellen Wandel der deutschen Erinnerungskultur angesichts eines Generationenwechsels und die Kritik am bestehenden, Holocaust-fokussierten Gedächtnisrahmen.
2. Erinnerungskultur(en): Dieses Kapitel konturiert theoretische Grundbegriffe wie kollektives Gedächtnis, Erinnerungskultur und Trauma, um einen wissenschaftlichen Rahmen für die Arbeit zu schaffen.
3. Aktuelle ‚deutsche‘ Erinnerungskultur: Es wird die Etablierung der Holocaust-Erinnerung als moralisches Grundverständnis der deutschen Gesellschaft seit den 1990er Jahren beschrieben.
4. ‚Kriegskinder‘ und ihre Traumatisierungen: Hier wird der Forschungsstand zu „Kriegskindern“ und deren Traumatisierung im Zweiten Weltkrieg sowie in der Nachkriegszeit dargelegt.
5. ‚Kriegskinder‘ national erinnern! – Sabine Bodes „Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen.“: Das Kapitel analysiert die Argumente von Sabine Bode und ihre Forderung nach einer Erweiterung der Erinnerungskultur.
6. Gesellschaftliche Wahrnehmung der ‚Kriegskinder‘: Es wird untersucht, inwieweit das Thema seit Erscheinen von Bodes Buch in das öffentliche Bewusstsein gerückt ist.
7. ‚Kriegskinder‘ national erinnern? – Diskussion: In diesem kritisch-konstruktiven Kapitel wird Bodes Forderung aus verschiedenen Perspektiven debattiert und die Machbarkeit einer Integration in den nationalen Gedächtnisrahmen hinterfragt.
8. Schluss: Das Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass kollektives Erinnern an Kriegskinder bereits stattfindet, eine institutionelle Erweiterung des nationalen Rahmens jedoch problematisch bleibt.
Erinnerungskultur, Kriegskinder, Holocaust, Kollektives Gedächtnis, Trauma, Vergangenheitsbewältigung, Opferdiskurs, Sabine Bode, Identität, Generationenwechsel, Schuld, Scham, Opferkonkurrenz, Nation, Gedenkkultur.
Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen der offiziellen deutschen Holocaust-Erinnerungskultur und dem Bedürfnis nach einer öffentlichen Anerkennung der leidvollen Erfahrungen deutscher Kinder des Zweiten Weltkriegs.
Die zentralen Themen sind Erinnerungskultur, transgenerationale Traumaweitergabe, die Konstruktion von Identität in Familien sowie die Dynamiken zwischen Täter- und Opfergedächtnis.
Das Ziel ist die kritische Analyse der Forderung von Sabine Bode, die Erfahrungen deutscher „Kriegskinder“ in den nationalen Gedächtnisrahmen zu integrieren, ohne dabei die historische Verantwortung für den Nationalsozialismus zu relativieren.
Die Arbeit ist konzeptionell und setzt sich hermeneutisch am „Fall Sabine Bode“ mit dem Problem auseinander, ob die von ihr identifizierten deutschen Opfer kollektiv erinnert werden sollten.
Der Hauptteil behandelt theoretische Grundlagen des kollektiven Gedächtnisses, den Forschungsstand zu Traumata bei Kriegskindern sowie eine kritische Diskussion der politischen Forderungen Bodes aus verschiedenen Perspektiven.
Zu den Schlüsselwörtern zählen Erinnerungskultur, Kriegskinder, Trauma, Kollektives Gedächtnis, Opferdiskurs, Schuld, Scham und nationale Identität.
Während eine Niederlage retrospektiv als sinnvoll gedeutet werden kann, entzieht sich ein Trauma aufgrund des extremen Ausmaßes an Gewalt jeder nachträglichen Sinngebung und Rechtfertigung.
Die Autorin argumentiert, dass eine solche Erweiterung die Gefahr der Opferkonkurrenz birgt und die notwendige, zentrale Fokussierung auf die Holocaust-Verbrechen sowie die deutsche Verantwortung für diese schwächen könnte.
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