Masterarbeit, 2020
121 Seiten, Note: 1,0
1. Einleitung
1.1 Persönlicher Zugang
1.2 Aktueller Forschungsstand
1.3 Aufbau der Arbeit
2 Vergemeinschaftung – Eine Begriffsbestimmung
2.1 Gemeinschaft und Gesellschaft
2.2 Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung
2.3 Subkulturen als Form von Gemeinschaft
2.4 Gemeinschaft und Jugend in der modernen Gegenwart
2.4.1 Posttraditionale Gemeinschaften
2.4.2 Vergemeinschaftung in Szenen
2.5 Kurzes Zwischenfazit
3 Ultras – Eine Annäherung
3.1 Vom Publikum zum Fan
3.2 Die Ursprünge von Ultrà in Italien
3.3 Ultrà in Deutschland – damals und heute
3.3.1 Die Konstitutionsphase
3.3.2 Die Etablierungsphase
3.3.3 Die Wandlungsphase
3.4 Ultras in Deutschland – eine Bestandsaufnahme
3.4.1 Daten und Fakten
3.4.2 Werte, Normen und das Selbstverständnis
3.4.3 Geschlecht und Ultra
3.4.4 Politische Ausrichtung und Protest gegen den modernen Fußball
3.4.5 Gewalt und Pyrotechnik
3.5 Weitere Fangruppierungen im Stadion
3.5.1 Kuttenfans
3.5.2 Hooligans
4 Ultras – Eine Szene, Jugend- oder Subkultur?
5 Zusammenfassung und Fragestellung
6 Untersuchungskonzeption
6.1 Stichprobe
6.2 Untersuchungsmethode
6.3 Durchführung der Untersuchung
6.3.1 Leitfadenkonstruktion und Pilotphase
6.3.2 Interviewdurchführung
6.4 Auswertung
7 Untersuchungsergebnisse
7.1 Spielregeln der Lebenswelt von Ultras
7.1.1 Einstiegsszenarien
7.1.2 Hierarchisierung bei Ultras
7.1.3 Werte und Normen des Zusammenlebens
7.1.4 Solidaritätsgemeinschaft
7.1.5 Gesellschaftspolitischer Anspruch
7.1.6 Distinktions- und Autonomiebestrebungen
7.1.7 Mitgliederakquise
7.1.8 Ausstiegsszenarien
7.2 Regelverstöße in der Lebenswelt von Ultras
7.2.1 Konflikte mit der Polizei
7.2.2 Gewalt und Reviermarkierungsverhalten
7.2.3 Pyrotechnik
7.2.4 Stadionverbote
7.2.5 Sexismus und Männlichkeitskult
7.2.6 Konflikte außerhalb des Fußballs
8 Zusammenfassung und Ausblick
Die vorliegende Masterarbeit verfolgt das Ziel, auf explorative Weise die Lebenswelten, Handlungspraktiken und identitätsstiftenden Merkmale der Ultraszene zu erforschen. Basierend auf einem qualitativen Forschungsdesign mit leitfadenorientierten Interviews wird der Frage nachgegangen, wie Vergemeinschaftung in dieser oft verschlossenen Szene funktioniert und welche Werte und Normen das Handeln der Mitglieder prägen.
1.1 Persönlicher Zugang
Bevor es zu einer Aufarbeitung der bereits vorliegenden Fachliteratur über Ultras kommt, möchte ich in diesem Kapitel kurz meinen persönlichen Zugang zum Forschungsfeld erläutern und erklären, mit welchen Motiven ich mich dazu entschlossen habe, die Lebenswelt der Ultras zu erforschen.
Ich spiele selbst seit meiner frühen Kindheit Fußball im Vereinsbetrieb und ließ mich schon immer von Geschichten und Mythen rund um die „schönste Nebensache der Welt“ faszinieren. Als Kind genoss ich es, mit meinem Onkel ins nahe gelegene Stadion zu gehen und meinen Herzensverein von der Sitzplatztribüne aus zu unterstützen. Auch wenn zu der Zeit der sportliche Erfolg und damit einhergehende niedrige Zuschauerzahlen kein besonders guter Grund für einen Stadionbesuch waren, ließ mich der Verein nicht los. Alle zwei Wochen versuchte ich, die Spiele zu besuchen, um die Stadionatmosphäre erleben zu können und mich mit all den anwesenden Zuschauer*innen kollektiv über Tore zu freuen oder mich gemeinsam mit ihnen über vergebene Torchancen und niederschmetternde Niederlagen aufzuregen. Doch oftmals war das Spiel ohnehin nicht so wichtig, denn meine Aufmerksamkeit galt stets einer kleinen Gruppe auf der anderen Seite des Stadions, die für Stimmung sorgte. Ich war fasziniert von den Fangesängen, die ich auswendig zu lernen pflegte, war begeistert von den bunten Fahnen, Doppelhaltern und regelmäßig präsentierten Choreographien, sodass ich mich eines Tages entschloss, die Sitzplätze zu verlassen und selbst in die Masse einzutauchen.
Von dem Tag an ließ mich die Fankultur mit all ihren Facetten nicht mehr los, ich lernte mit der Zeit einige Gesichter der hiesigen Ultraszene kennen, erhielt Einblick in eine spannende Lebenswelt und sympathisierte als Jugendlicher mit ihrer rebellischen Grundhaltung. Dennoch möchte ich an dieser Stelle hervorheben, dass ich selbst nie Mitglied einer Ultragruppierung gewesen bin und mich selbst auch nicht als Ultra bezeichnen kann. Es wird sich im Laufe der Arbeit zeigen, dass Ultra oft „Ganz oder gar nicht“ bedeutet und ich mich mit diesem Paradigma nur bedingt identifizieren kann und die Handlungsweisen der Ultras im Laufe meiner eigenen Fanbiographie stets kritisch zu hinterfragen wusste.
1. Einleitung: Dieses Kapitel erläutert den persönlichen Zugang des Autors zum Thema und gibt einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand, der die Basis für die wissenschaftliche Einordnung bildet.
2 Vergemeinschaftung – Eine Begriffsbestimmung: Hier wird der theoretische Rahmen durch die soziologische Definition von Gemeinschaft, Gesellschaft, Subkultur und modernen Vergemeinschaftungsformen (Szenen, posttraditionale Gemeinschaften) abgesteckt.
3 Ultras – Eine Annäherung: Es erfolgt eine geschichtliche und inhaltliche Annäherung an das Phänomen „Ultra“, inklusive der Entstehung in Italien sowie der Phasen der Entwicklung in Deutschland.
4 Ultras – Eine Szene, Jugend- oder Subkultur?: In diesem Kapitel werden die theoretischen Begrifflichkeiten zusammengeführt, um die soziologische Verortung der Ultraszene im Spannungsfeld zwischen Sub- und Jugendkultur kritisch zu diskutieren.
5 Zusammenfassung und Fragestellung: Das Kapitel synthetisiert die vorangegangenen Theorie-Teile und leitet daraus die konkrete Fragestellung für den empirischen Teil ab.
6 Untersuchungskonzeption: Dieses Kapitel beschreibt das qualitative Forschungsdesign, die Stichprobenauswahl sowie die Durchführung und Auswertung der leitfadenorientierten Interviews.
7 Untersuchungsergebnisse: Den Kern der Arbeit bildend, werden hier die empirischen Daten zu den Spielregeln, Werten, Konflikten und Verhaltensweisen in der Ultraszene analysiert.
8 Zusammenfassung und Ausblick: Hier werden die Ergebnisse final zusammengefasst und Potenziale für weiterführende Forschungsfragen aufgezeigt.
Ultras, Vergemeinschaftung, Subkultur, Fankultur, Fußball, Identität, Soziologie, Gruppendynamik, Stadion, Jugendkultur, Männlichkeitskult, Pyrotechnik, Fanbiographie, Fanforschung, Solidarität.
Die Arbeit untersucht das soziologische Phänomen der Ultras als spezielle Form der Vergemeinschaftung in der heutigen Gesellschaft.
Im Mittelpunkt stehen die Entstehung von Ultrakulturen, ihre Werte und Normen, die gruppeninterne Hierarchisierung sowie der Umgang mit Konflikten (Gewalt, Pyrotechnik) und gesellschaftlichen Erwartungen.
Das Ziel ist es, auf explorative Art und Weise die Lebens- und Verhaltensweisen sowie die identitätsstiftenden Merkmale der Ultraszene aus der Sicht der Beteiligten zu verstehen.
Es wurde ein qualitatives Forschungsdesign mit leitfadenorientierten Experteninterviews gewählt, um tiefe Einblicke in die ansonsten verschlossene Lebenswelt zu ermöglichen.
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Teil zur Vergemeinschaftung und zur Geschichte der Ultras sowie einen empirischen Teil, der die Ergebnisse aus den durchgeführten Interviews analysiert.
Neben dem Kernbegriff „Ultras“ sind Begriffe wie „Vergemeinschaftung“, „Subkultur“, „Identität“, „Gruppendynamik“ und „Stadionkultur“ entscheidend.
Die Studie zeigt, dass Jugendliche in einer individualisierten Welt nach Orientierung und einer Gemeinschaft suchen, die durch kollektives Handeln, gemeinsame Erlebnisse und einen klaren Wertekanon Halt und Sicherheit bietet.
Die Untersuchung macht deutlich, dass Ultras einen hohen moralischen Anspruch an ihren Verein haben; sie leben ihre Liebe zwar bedingungslos aus, nutzen ihre Präsenz im Stadion jedoch aktiv als Plattform für Proteste gegen Kommerzialisierung und Fremdbestimmung.
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