Masterarbeit, 2020
99 Seiten, Note: 1,0
1 Einleitung
1.1 Müll als literarischer Untersuchungsgegenstand
1.2 Postkolonialer Ecocriticism und indigene Literaturen
1.3 Auswahl der Quellen
2 Müll liegt im Auge des Betrachters
2.1 Definition und Bedeutungsvielfalt im Englischen
2.2 Müll und Natur – ein Gegensatz?
2.3 „There’s good shit and there’s bad shit“
2.3.1 Die Rolle der Materialität
2.3.2 Anthropologen im Abwasserkanal
2.4 Abfall des Körpers, der Körper als Abfall
2.4.1 Ambivalenz und Spiritualität von Körperabfällen
2.4.2 Entsorgung oder Bestattung?
3 Wasted places, wasted people – Marginalisierung und (Umwelt)Rassismus
3.1 „Wastelands“ und „leftovers“
3.2 Leben im und vom Abfall
3.3 Ruinen und ruinierte Menschen
3.3.1 Zerstörte Landschaften
3.3.2 Radioaktiver Kolonialismus
4 Garbage – the new buffalo?
4.1 Das Stereotyp des Ökologischen Indianers
4.1.1 Shepard Krechs The Ecological Indian
4.1.2 Indigene und die Verbindung zur Natur
4.2 Der finanzielle Reiz der Deponie
4.2.1 Die zwei Seiten der Souveränität
4.2.2 Das Deponie-Dilemma
4.3 Wessen Müll, wessen Land?
4.3.1 Der Müll kommt auf vielen Wegen ins Reservat
4.3.2 „It is still Mother Earth“ – Abfallentsorgung auf euroamerikanischem Land
4.4 Abfall als Symbol für Exzess
4.5 Aus den Augen, aus dem Sinn
4.5.1 Naturverbindung durch Müllmeditation
4.5.2 Das ‚weg‘ in wegwerfen existiert nicht
5 Positive pollutions
5.1 Problematisierung von Reinheitskonzepten
5.2 Plastikschamanen und Müllrituale
5.2.1 Eine Frage der Authentizität
5.2.2 Keine Kultur bleibt unverändert
5.3 Gegenstände und ihre Geschichten
5.3.1 Betonies Abfallarchiv
5.3.2 Helens Quilt
5.3.3 Spielerischer Umgang mit Müll
5.4 Geschichten recyceln
6 Fazit: Müll steht für Veränderung
Die Arbeit untersucht, wie Müll als Motiv in zeitgenössischen literarischen Texten indigener Autor*innen Nordamerikas dargestellt wird. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie diese Texte stereotypische Vorstellungen und festgefahrene Meinungen in Bezug auf Abfall, Natur und indigene Bevölkerung kritisch hinterfragen und Müll sowohl als physisches Objekt als auch als Metapher für marginalisierende Machtstrukturen neu bewerten.
1 Einleitung
Trommelschläge ertönen, ein Mann paddelt in einem Kanu über den Fluss. Sein langes schwarzes Haar ist zu zwei Zöpfen geflochten und mit einer Feder geschmückt, er trägt hellbraune Lederkleidung mit langen Fransen an Ärmeln und Hosenbeinen und eine Kette aus Knochen um den Hals. Im Hintergrund zeichnet sich bei dramatischer Steigerung der Musik eine qualmende Industrielandschaft ab. Der Mann zieht sein Kanu an ein müllübersätes Ufer. Während an ihn herangezoomt wird, verkündet eine Männerstimme aus dem Off: „Some people have a deep abiding respect for the natural beauty that was once this country.“ Überblendung zur Aufnahme einer stark befahrenen Straße. Aus dem Fenster eines der Autos fliegt eine mit Abfall gefüllte Plastiktüte, deren Inhalt sich vor den Füßen des Mannes verteilt, während die Off-Stimme fortfährt: „And some people don’t. People start pollution, people can stop it.“ Zoom auf das rechte Auge des Mannes, aus dem eine dicke Träne rinnt. Dieses 1971 erstmals ausgestrahlte Werbevideo der amerikanischen Non-Profit-Organisation Keep America Beautiful trägt den Titel „The Crying Indian“ und zählt laut eigener Angabe der mitbeteiligten Werbeagentur Ad Council zu den erfolgreichsten Kampagnen der Werbegeschichte. Der als Iron Eyes Cody bekannte Schauspieler, der sich sowohl als Cherokee als auch als Cree ausgab, jedoch Sizilianer war, verkörpert im Rahmen dieser Kampagne ein stereotypisches Indianerbild. Zum einen entsprechen seine Kleidung und sein Aussehen diesem Stereotyp, zum anderen nutzt das Video, wie Lee Schweninger schreibt, die stereotype Annahme, Indigene seien besonders umweltbewusst, und vertieft diese gleichzeitig. Greg Garrard zufolge unterstellt die Kampagne, Euroamerikaner*innen würden Umweltverschmutzung verursachen und man benötige die indigene Einstellung des Respekts gegenüber der Natur, um dem entgegenzuwirken.
1 Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema ein, skizziert den theoretischen Rahmen des postkolonialen Ecocriticism und begründet die Auswahl der primären literarischen Quellen.
2 Müll liegt im Auge des Betrachters: Dieses Kapitel definiert den Müllbegriff aus verschiedenen Perspektiven und hinterfragt die Dichotomie zwischen Natur und Müll sowie die kulturelle Einordnung von Körperabfällen.
3 Wasted places, wasted people – Marginalisierung und (Umwelt)Rassismus: Der Fokus liegt auf der Verbindung zwischen sozialer Marginalisierung und der Zuweisung von Müll oder als Müll betrachteten Räumen, inklusive der Problematik des (Umwelt)Rassismus.
4 Garbage – the new buffalo?: Hier wird das Stereotyp des „Ökologischen Indianers“ dekonstruiert und die wirtschaftliche sowie soziale Rolle der Müllentsorgung in indigenen Gebieten und Reservaten analysiert.
5 Positive pollutions: Dieses Kapitel widmet sich der Problematisierung von Reinheitskonzepten und untersucht, wie indigene Literatur durch Vermischung und kreative Umdeutung von Abfall neue, positive Bedeutungsebenen schafft.
6 Fazit: Müll steht für Veränderung: Das Fazit fasst die Analyseergebnisse zusammen und betont die Dynamik und Anpassungsfähigkeit indigener Kulturen im Kontext von Abfall und literarischer Darstellung.
Müll, Abfall, indigene Literaturen, Postkolonialer Ecocriticism, Ökologischer Indianer, Umwelt(Rassismus), Bricolage, Storytelling, Souveränität, Marginalisierung, Natur-Kultur-Dichotomie, Waste Colonialism, Identität, Materialität, Transformation.
Die Arbeit untersucht das Motiv des Mülls in zeitgenössischer indigener Literatur aus Nordamerika, um festgefahrene Stereotype über Indigene und deren Naturverständnis zu hinterfragen.
Zentrale Themen sind die soziale und ökologische Bedeutung von Abfall, die Dynamik indigener Identitäten im kolonialen Kontext, (Umwelt)Rassismus sowie der kreative Umgang mit Müll als kulturelle Ressource.
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie indigene Autor*innen Müll nicht nur als ökologisches Problem, sondern als Werkzeug nutzen, um Machtstrukturen zu entlarven und ihre eigene Geschichte neu zu erzählen.
Die Autorin wendet einen postkolonial-ökokritischen Forschungsansatz an, der Literaturwissenschaft mit soziologischen und umweltpolitischen Perspektiven kombiniert.
Der Hauptteil analysiert, wie Müll definiert wird, wie indigene Figuren mit Müll umgehen (sowohl als Entsorger als auch als Betroffene) und wie Müll zu einem Teil von Ritualen und Erzählungen (Storytelling) wird.
Wichtige Begriffe sind „Positive Pollutions“, „Waste Colonialism“, „Ökologischer Indianer“ und der als kulturelle Methode verstandene Begriff der „Bricolage“.
Diese Figuren, wie etwa Betonie in Silkos „Ceremony“, verkörpern die Hybridität und Dynamik indigener Identitäten und dienen dazu, starr-stereotypische Vorstellungen von ethnischer Reinheit aufzubrechen.
Er beschreibt die bewusste Vermischung von kulturellen Elementen – oft unter Einbeziehung von Müll –, die historisch als negativ kodiert wurden, nun aber als Strategie für Überleben und kulturelle Identitätsbildung dienen.
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