Bachelorarbeit, 2020
51 Seiten, Note: 1,3
1 Einleitung
2 Grundlegendes zur historischen Wanderschaft
2.1 Historischer Abriss
2.2 Traditionsschächte und Männerbund-Mentalität
2.3 Die ,,neuen“ Schächte und „die Freireisenden“
2.4 Zur Rolle der Frau im Handwerk
3 Quellen und Methoden
3.1 Feldzugang
3.2 Bemerkungen zur Forschungsethik
3.3 Erhebung und Analyse der Daten
3.4 Quellen- und Methodenkritik
4 WandergesellInnentum in heutiger Zeit
4.1 Grundlegende Regeln der Wanderschaft
4.2 Gepflogenheiten auf der „Walz“
4.2.1 Die Kluft als Fluch und Segen der Wanderschaft
4.2.2 Die „Sprache der Landstraße“
5 Frauen auf „Tippelei“ – Genderspezifische Aspekte der Wanderschaft
5.1 Motivation für die Wanderschaft
5.2 Schacht oder Freireisend? – Struktureller Ausschluss von Frauen?
5.3 „Frauen waren doch schon immer auf Wanderschaft“ – Invention of Tradition
5.4 FAQ der Wandergesellinnen – Stereotype und Außenwahrnehmung
5.5 Frauenthemen, Frauensachen – Hygiene, Verhütung & Co.
6 Fazit und Ausblick
Diese Arbeit untersucht die Lebensrealität und Erfahrungen von Frauen in der heutigen traditionellen Wanderschaft (auch „Walz“ oder „Tippelei“ genannt). Im Zentrum steht dabei die Forschungsfrage, wie sich die Wanderschaft für Frauen gegenwärtig gestaltet, welche Motive sie haben, wie sie sich in der männerdominierten Tradition behaupten und wie ihre Selbst- sowie Außenwahrnehmung durch genderspezifische Aspekte geprägt ist.
4.2.1 Die Kluft als Fluch und Segen der Wanderschaft
Die Kleidungsordnung der WandergesellInnen, die sogenannte Kluft (siehe Abb.1 im Anhang), entstand, obwohl sie Kontinuität suggeriert, erst zur Gründungszeit der „Traditionsschächte“ (vgl. W7, 5f.).40 Die WandergesellInnen tragen die Kluft in der jeweiligen Farbe ihres Gewerks (beispielsweise ist die Farbe der Metallgewerke Blau). Die genauen Vorschriften der jeweiligen Kluft sind von Schacht zu Schacht unterschiedlich geregelt und können sich in kleineren Details unterscheiden. Mittlerweile gibt es sogar Frauen, die mit einem Zunftrock reisen. W8 erzählt mir sogar von einer Frau, die im Kleid reist (vgl. W8, 16). Das entspricht allerdings nicht der standardmäßigen Kluft. W8 und W6 stehen diesen Abwandlungen der Kluft eher kritisch gegenüber. W6 äußert, dass sie findet die Kluft sollte für beide Geschlechter gleich sein und alles andere „Humbug“ wäre (vgl. W6, 5f.). W8 ist hier nicht ganz so radikal und fordert lediglich, dass die Kluft, auch wenn es sich um ein Kleid handelt, als solche erkennbar bleibt (vgl. W8, 16). Hier lässt sich zum einen die Traditionsverbundenheit dieser Gesellinnen erkennen, die eine gewisse Kontinuität einfordern, aber auch der ausgeprägte Gleichberechtigungsgedanke, denn schließlich wird deutlich, dass beide sich mit der Geschlechtertrennung und -zuordnung von Mann und Frau durch eine unterschiedliche Kluft schwertun.
Das Tragen der Kluft ist allein den zünftig reisenden (vgl. Glossar) Wandergesellen vorbehalten und dient als Erkennungszeichen in der Öffentlichkeit und somit als „Türöffner“, bringt aber auch entsprechende Verpflichtungen und Herausforderungen mit sich. Die Funktion als „Türöffner“ lässt sich auf den Vertrauensvorschuss zurückführen, den WandergesellInnen durch ihren guten Ruf in der Öffentlichkeit genießen. So sind sie durch ihre Kluft klar erkennbar und müssen sich Außenstehenden nicht mehr großartig erklären (vgl. W6, 8; W7, 26f.).41 Man wird deswegen beim „Trampen“ schneller mitgenommen oder findet leichter einen Schlafplatz bei Privatpersonen (vgl. W7, 14; W6, 8). Diese Erkennbarkeit führt unter anderem auch dazu, dass reisende GesellInnen von Außenstehenden häufig eine ausgeprägte Gastfreundschaft erfahren, indem ihnen Außenstehende Essen und Getränke spendieren oder ihnen Geld zustecken (vgl. W2, 14; W7, 26f.).
1 Einleitung: Einführung in das Thema, Motivation der Autorin und Darlegung der zentralen Forschungsfragen zur Wanderschaft von Frauen.
2 Grundlegendes zur historischen Wanderschaft: Historischer Überblick über die Entstehung des GesellInnenwanderns, die Entwicklung von Bruderschaften zu Schächten und die Männerbund-Mentalität.
3 Quellen und Methoden: Erläuterung des qualitativen Forschungsdesigns, des Feldzugangs, der Forschungsethik sowie der Datenerhebung durch Interviews.
4 WandergesellInnentum in heutiger Zeit: Analyse der zeitgenössischen Wanderschaft als rite de passage, der Bedeutung der Regeln und der Rolle der Kluft als Identitätsmerkmal.
5 Frauen auf „Tippelei“ – Genderspezifische Aspekte der Wanderschaft: Untersuchung der Motive, des Umgangs mit dem Ausschluss aus traditionellen Schächten sowie der Wahrnehmung durch die Öffentlichkeit.
6 Fazit und Ausblick: Zusammenfassung der Ergebnisse und Reflexion über die heutige Bedeutung der Wanderschaft für Frauen als Abenteuerreise zu sich selbst.
Wanderschaft, Walz, Tippelei, Wandergesellinnen, Handwerk, Geschlechterforschung, Schächte, Freireisende, Identität, Kluft, Männerbund, Ethnographie, Qualitative Sozialforschung, Übergangsritus, Tradition
Die Arbeit untersucht die heutige Praxis der Wanderschaft von Frauen im Handwerk, ihre Beweggründe und wie sie sich in dieser traditionell männerdominierten Kultur behaupten.
Die Themen umfassen die Geschichte der Wanderschaft, die Organisation in Schächten versus das freireisende Dasein, die Bedeutung der Kluft und die genderspezifische öffentliche Wahrnehmung.
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Frauen die Wanderschaft heute erleben, welche Barrieren sie wahrnehmen und wie sie sich als Individuen innerhalb dieser traditionsreichen, oft als männerbündisch kritisierten Struktur positionieren.
Es handelt sich um eine kulturanthropologische Arbeit, die auf qualitativen Interviews mit acht WandergesellInnen sowie teilnehmender Beobachtung basiert, ausgewertet nach der Methode der qualitativen Inhaltsanalyse.
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der allgemeinen Regeln und Gepflogenheiten der Wanderschaft sowie die tiefgehende Analyse genderspezifischer Herausforderungen, wie etwa die Akzeptanz in Schächten oder die Konfrontation mit Stereotypen.
Zentrale Begriffe sind Wanderschaft, Walz, Tippelei, Wandergesellinnen, Schächte, Freireisende, Geschlechterforschung und Übergangsritus.
Die Kluft ist einerseits ein Symbol der Identität und ein „Türöffner“ für Gastfreundschaft, wird aber auch als ambivalentes Privileg wahrgenommen, das die Privatsphäre einschränkt und zu unerwünschten Reaktionen der Öffentlichkeit führen kann.
Da viele der traditionellen Schächte Frauen den Zutritt verwehren oder sie dort nicht gleichberechtigt behandeln, bietet das freireisende Wandern eine unabhängige Alternative ohne hierarchische Zwänge der Männerbünde.
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