Examensarbeit, 2020
55 Seiten, Note: 1,0
1. Einleitung
2. Die sexualpolitische Utopie Wiens um 1900
3. Das Element Weib: Eine erotische Wissenschaft
4. Männerphantasien: Erotik in der literarischen Wiener Moderne
4.1 Frauenbilder in Männeraugen
4.1.1 Femme Fatale
4.1.1.1 Die junge Frau Emma – Reigen
4.1.1.2 Albertine – Traumnovelle
4.1.2 Femme Fragile
4.1.2.1 Madonna Dianora – Die Frau im Fenster
4.1.2.2 Der Tod Georgs und die Femme Fragile
4.1.3 Femme Enfant
4.1.3.1 Altenbergs Skizzen
4.1.3.2 Josefine Mutzenbacher
4.2 Erotische Anderswelten
4.2.1 Das Chambre Séparée
4.2.2 Der Prater
4.2.3 (Alp)Traumwelten: Geheime Vereinigungen
4.3 Erregen, Aufregen, Anregen: Die literarische Pornographie
5. Schluss
Die Arbeit untersucht die Darstellung erotischer Literatur in der Wiener Moderne um 1900 und analysiert, wie in einer von gesellschaftlichen Restriktionen und Tabus geprägten Zeit durch die literarische Auseinandersetzung mit Sexualität männliche Identitätskrisen verarbeitet und Frauenbilder konstruiert wurden.
4.1.1.1 Die junge Frau Emma – Reigen
Arthur Schnitzlers „Reigen“ spielt mit der ambivalent lustvollen Angst eines gehörnten Ehemannes. Im Zentrum seines Stücks steht die für verlässlich gehaltene Annahme Weiningers, dass das weibliche Wesen durchtrieben, animalisch und ganz und gar betrügerisch sei. Klar ist, dass von den realgewordenen Femme Fatales, den schönen Schauspielerinnen und verführerischen Dirnen eine gewisse sexuelle Freizügigkeit erwartet wird, diese Vorstellung ist daher für ein männliches Ego der Wiener Jahrhundertwende im Rahmen des Reigens erträglich. Anders ist es jedoch beim Auftritt der Jungen Frau, die sich trotz ihrer Mutterschaft und Ehe, also trotz ihres äußeren Erscheinungsbilds einer anständigen Frau, mit dem Jungen Herrn Alfred vereinigt.
Das Verhältnis zwischen der Jungen Frau Emma – eine Anspielung auf die Ehebrecherin Madame Bovary – und Alfred scheint ein bloßes sexuelles Rollenspiel zwischen Devotion und Dominanz zu sein. Der junge Herr erwartet seine Liebschaft voller Unruhe. Der Décadent Alfred kostet eine glasierte Kastanie, besprüht den Salon mit Veilchenduft, geht nervös auf und ab, richtet angespannt sein Haar und erschrickt schlussendlich beim Klingeln an der Türe. All diese Verhaltensmuster – das Naschen, das Versprühen von Veilchenduft, Nervosität, Zurechtmachen und Erschrecken – sind ursprünglich weiblich kodiert. Alfred gibt also beim Betreten des Raumes bereits seine Männlichkeit ab. Die junge Frau betritt dicht verschleiert den Raum und wird mit Handkuss und einem devoten „Ich danke Ihnen“ begrüßt, auf das sie gebieterisch nur „Alfred, Alfred“ antwortet. Ihr Gebaren, ihre Verschleierung und ihre Angst, von „zwei Herren auf der Stiege“ erkannt worden zu sein ist Ausdruck der Gefahr ihrer Beziehung.
1. Einleitung: Die Einleitung bettet das Thema in das gesellschaftliche Klima des Fin de Siècle ein, das von Identitätskrisen, dem Bruch mit Traditionen und einer paradoxen Tabuisierung der Sexualität geprägt war.
2. Die sexualpolitische Utopie Wiens um 1900: Dieses Kapitel beleuchtet die gesellschaftlichen Restriktionen gegenüber Frauen und wie diese zur Etablierung einer männlich dominierten Sexualmoral führten, die Frauen auf die Rolle der Ehefrau reduzierte.
3. Das Element Weib: Eine erotische Wissenschaft: Es wird analysiert, wie zeitgenössische Wissenschaftler durch pseudowissenschaftliche Diskurse versuchten, weibliche Sexualität zu normieren, um männliche Ängste vor Identitätsverlust zu bewältigen.
4. Männerphantasien: Erotik in der literarischen Wiener Moderne: Hier werden die zentralen Frauenbilder (Femme Fatale, Femme Fragile, Femme Enfant) und die erotischen Anderswelten als männliche Projektionsflächen analysiert, die als Ventil für verdrängte Wünsche dienen.
5. Schluss: Das Kapitel fasst zusammen, dass Erotik und Pornographie in der Wiener Moderne als politisches und identitätsstiftendes Werkzeug fungierten, um die restriktive Gesellschaft zu parodieren und männliche Selbstbilder neu zu verhandeln.
Wiener Moderne, Fin de Siècle, Erotik, Sexualmoral, Identität, Femme Fatale, Femme Fragile, Femme Enfant, Chambre Séparée, Pornographie, Sozialkritik, Arthur Schnitzler, Otto Weininger, Geschlechterrollen, Männerphantasien.
Die Arbeit untersucht, wie sich die Wiener Moderne literarisch mit dem Tabuthema Sexualität auseinandersetzte und wie dabei durch bestimmte Frauenbilder männliche Ängste und Wünsche reflektiert wurden.
Die Schwerpunkte liegen auf der Sexualpolitik um 1900, der wissenschaftlichen Konstruktion von Weiblichkeit, literarischen Frauentypen und der Funktion von Erotik als gesellschaftliche Provokation.
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Schriftsteller wie Schnitzler, Salten und Altenberg durch ihre Texte die Scheinheiligkeit der bürgerlichen Sexualmoral entlarvten und die Frau als Projektionsfläche für männliche Identitätsprozesse nutzten.
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die primär literarische Primärtexte in den Kontext zeitgenössischer gesellschaftlicher, psychologischer und sexualwissenschaftlicher Diskurse stellt.
Im Hauptteil werden die Konzepte der Femme Fatale, Femme Fragile und Femme Enfant an Fallbeispielen analysiert sowie die Bedeutung von erotischen Rückzugsorten wie dem Chambre Séparée und dem Prater erörtert.
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Femme Fatale, Wiener Moderne, Sexualmoral, Männerphantasien, gesellschaftliche Restriktionen und soziale Provokation.
Es dient als Metapher für den halböffentlichen Raum, der es den Protagonisten ermöglicht, gesellschaftliche Normen temporär auszusetzen und ihre unterdrückten Triebe in einem geschützten Rahmen auszuleben.
Der Text wird als politische Provokation verstanden, da er durch die schamlose Sprache die Doppelmoral der katholischen Kirche und das bürgerliche Verständnis von Kindheit und Sexualität gezielt parodiert.
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