Essay, 2003
13 Seiten
Spiegelbild und Behinderung
Zuschreibung als gesellschaftliche Sackgasse
Gesellschaft und Behinderung
Behindertensorgen ? - Nicht in den USA!
Der Terror der Normalität
Die vorliegende Arbeit kritisiert die einseitige Fokussierung auf das soziale Modell von Behinderung und hinterfragt dessen gesellschaftliche Folgen sowie das damit verknüpfte, oft missverstandene Autonomieideal. Der Autor analysiert, warum dieses Modell im sozialen Miteinander zu Isolation führen kann, und beleuchtet die Rolle behinderter Menschen als Spiegel der modernen Gesellschaft sowie die soziokulturellen Unterschiede zwischen den USA und Deutschland.
Spiegelbild und Behinderung
Im August 2002 fand sich in der Wochenzeitung >Die Zeit< ein Portrait des britischen Bioethiker und Behindertenaktivisten Tom Shakespeare. Der kleinwüchsige Wissenschaftler arbeitet beim International Center for Life im nordenglischen Newcastle. Dort wird das Leben und wie es funktioniert erforscht, indem Wissenschaft und Biotechnologie, Forschung und Bildung, Unterhaltung und Ethik zusammenwirken. Shakespeare ist einer der Direktoren. Er organisiert Gentechnikdebatten, koordiniert Forschungsprojekte zu ihren sozialen Folgen und sucht nach Möglichkeiten, Paare besser über vorgeburtliche Untersuchungen zu informieren.
Tom Shakespeare, einer der Gründerväter der britischen Selbstbestimmt-Leben-Bewegung propagierte bis vor kurzem ebenfalls das rein soziale Modell von Behinderung. Und er verglich den Protest der Behinderten mit dem Kampf von unterdrückten Minderheiten. Durch eine schreckliche Fügung, schrieb er, mache die Gentechnik zur gleichen Zeit so große Fortschritte, dass die Geburt behinderter Menschen verhindert werden könne. Die Medizin degradiere auf diese Weise das eben erlangte Selbstbewußtsein behinderter Menschen zum Buchstabierfehler im Erbgut. Der britische Behindertenaktivist nahm sogar das Wort Nazi in den Mund, brachte die Horrorvision einer genetisch gesäuberten Zukunft zu Papier: >Der Schluß aus einem großen Teil der Genforschung ist, dass Leute wie ich nicht hätten geboren werden sollen.<
Es war nicht nur das Alter, das Shakespeare mäßigte. Es ist der behinderte Körper selbst und seine Gebrechlichkeit, der die Illusion des rein sozialen Modells von Behinderung über kurz oder lang zerstört oder nie aufkommen läßt. Shakespeare machte diese Grunderfahrung als er 1997 wegen seines geschundenen Skeletts, volle sechs Monate sein Bett nicht verlassen konnte. >Das hat mein Leben verändert.<
Spiegelbild und Behinderung: Anhand der Biografie von Tom Shakespeare wird die kritische Auseinandersetzung mit dem sozialen Modell von Behinderung und die Bedeutung der körperlichen Realität veranschaulicht.
Zuschreibung als gesellschaftliche Sackgasse: Das Kapitel argumentiert, dass eine rein dekonstruktivistische Kritik an der Gesellschaft ohne positive Vision in der Sackgasse endet und historisch gesehen zu inhumanen Konsequenzen führt.
Gesellschaft und Behinderung: Hier wird diskutiert, wie behinderte Menschen durch gesellschaftliche Teilhabe heute aktiver integriert sind und welche Rolle sie als Spiegelbild gesellschaftlicher Normalitätsvorstellungen spielen.
Behindertensorgen ? - Nicht in den USA!: Das Kapitel hinterfragt den Erfolg der US-amerikanischen Behindertenbewegung und verdeutlicht, dass dieser Erfolg eng an spezifische soziokulturelle Bedingungen gebunden ist, die sich nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen lassen.
Der Terror der Normalität: Der Autor beschreibt den hohen Anpassungsdruck der modernen Gesellschaft und wie die Independent-Living-Bewegung versucht, diesem Druck entgegenzuwirken, wobei er die Ambivalenzen dieser Bewegung aufzeigt.
Soziales Modell von Behinderung, Selbstbestimmung, Integration, Disability Studies, Gentechnik, Tom Shakespeare, Gesellschaftskritik, Dekonstruktivismus, Autonomie, Behindertenbewegung, Normalität, Inklusion, USA, Deutschland, Körperlichkeit.
Die Arbeit analysiert kritisch das soziale Modell von Behinderung und beleuchtet dessen Grenzen sowie die Auswirkungen auf das gesellschaftliche Miteinander.
Zu den zentralen Themen gehören das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, die Rolle behinderter Menschen in der Moderne, medizinethische Fragen sowie die kulturellen Unterschiede in der Behindertenbewegung.
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass ein rein soziales Modell von Behinderung den komplexen Realitäten nicht gerecht wird und eine differenziertere Betrachtung des Verhältnisses von Behinderung und Gesellschaft notwendig ist.
Der Autor nutzt eine politikwissenschaftliche und kulturhistorische Analyse, um aktuelle gesellschaftliche Diskurse kritisch mit theoretischen Modellen und historischen Beispielen zu konfrontieren.
Der Hauptteil befasst sich mit der Dekonstruktion des sozialen Modells, dem Einfluss des "Terrors der Normalität" sowie einem Vergleich zwischen der US-amerikanischen und der deutschen Tradition der Behindertenbewegung.
Zentrale Begriffe sind Soziales Modell, Selbstbestimmung, Gesellschaftskritik, Inklusion, Normalität und der kritische Diskurs über Autonomie.
Er argumentiert, dass dadurch die reale körperliche Erfahrung von Behinderung ausgeblendet wird, was zu einer gesellschaftlichen Isolation führt, anstatt wirkliche Integration zu fördern.
Der Autor zeigt auf, dass die US-amerikanische Behindertenbewegung zwar sehr erfolgreich ist, dies aber eng mit dem dortigen, spezifischen soziokulturellen Klima von Leistungsbereitschaft und Wettbewerb verknüpft ist.
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