Essay, 1996
10 Seiten
Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)
Der stets mögliche Zivilisationsbruch
Ganz normale Männer?
Der vermeintlich gelungene Zivilisationsprozeß
Die Arbeit untersucht das Paradoxon, dass gerade moderne Zivilisationsprozesse Strukturen hervorbringen können, die grausame Handlungen durch ansonsten nicht grausame Menschen ermöglichen. Sie hinterfragt die Annahme, dass zivilisatorischer Fortschritt per se zur Humanität führt, und analysiert die Mechanismen von Autoritätsgehorsam, Konformitätsdruck und arbeitsteiliger Distanz zu moralischen Konsequenzen.
Ganz normale Männer?
Im Zentrum des Buches von Browning, das er bezeichnenderweise "Ganz normale Männer" nannte, findet sich folgende Geschichte: Am 13. Juli 1942 gegen zwei Uhr morgens verläßt das Hamburger "Reserve-Polizeibataillons 101" die polnische Stadt Bilgoraj in Richtung Jozefow, einer kleinen Gemeinde im Süden Lublins, in der 1.800 Juden wohnen. Kurz vor vier Uhr sind die Männer am Ziel und sammeln sich im Morgengrauen um ihren Bataillonskommandeur Major Trapp.
Erst jetzt erfahren sie ihren Auftrag. Trapp, bleich und nervös, erklärt ihnen, daß sie den Befehl hätten, die Juden des Ortes zusammenzutreiben, die arbeitsfähigen Männer "auszusondern", und die übrigen, einschließlich der Alten, Frauen und Kinder, zu erschießen.
Ihm gefalle dieser Auftrag auch nicht, aber der Befehl komme von ganz oben, und die Polizisten sollten an den Bombenhagel denken, dem ihre eigenen Frauen und Kinder in Deutschland ausgesetzt seien. Im übrigen seien die Juden die Feinde Deutschlands und steckten mit den Partisanen unter einer Decke.
Dann jedoch macht Trapp ein ungewöhnliches Angebot: Wer von den Älteren sich dieser Aufgabe nicht gewachsen fühle, könne beiseite treten.
Wer nicht schießen wollte, hatte also durchaus Möglichkeiten, sich zu "drücken", nicht mitzumachen, ohne daß er ernste Konsequenzen für sich fürchten mußte. Doch nur ein Dutzend von mehr als 500 machte von dem Angebot Gebrauch und trat an jenem Morgen in Jozefow, an dem die Schwelle zum Massenmord erstmalig überschritten wurde, aus dem Glied.
Der stets mögliche Zivilisationsbruch: Dieses Kapitel thematisiert die Anfälligkeit für zivilisatorische Brüche und hinterfragt, ob solche Gewaltphänomene auf spezifische Regionen beschränkt sind oder ob sie in jedem Krieg durch die Außerkraftsetzung gesellschaftlicher Tötungsverbote entstehen können.
Ganz normale Männer?: Das Kapitel untersucht anhand des Reserve-Polizeibataillons 101, wie gewöhnliche Individuen durch Konformitätsdruck, Autoritätsgehorsam und die Brutalisierung durch den Krieg zu Tätern des Holocaust wurden.
Der vermeintlich gelungene Zivilisationsprozeß: Dieses Kapitel schließt mit der Schlussfolgerung, dass die moderne arbeitsteilige Gesellschaft moralische Verantwortung durch Distanz neutralisiert und dass gerade die Errungenschaften der Zivilisation zur neuen Unmenschlichkeit führen können.
Zivilisationsbruch, Nationalsozialismus, Holocaust, Reserve-Polizeibataillon 101, Daniel J. Goldhagen, Christopher Browning, Gehorsam, Milgram-Experiment, Konformitätsdruck, Autoritätsfixierung, Zivilisationsprozess, Arbeitsteilung, Moral, Humanität, Politische Diakonie.
Die Arbeit reflektiert über die dunkle Ahnung, dass auch heutige Generationen in vergleichbaren Situationen zu willigen Vollstreckern von Grausamkeiten werden könnten, da der Zivilisationsprozess selbst Bedingungen für Unmenschlichkeit schafft.
Die zentralen Themenfelder sind die moralische Täterschaft im Nationalsozialismus, die Rolle des Zivilisationsprozesses als ambivalenter Fortschrittsbringer und die psychologischen Mechanismen des Gehorsams.
Das primäre Ziel ist es aufzuzeigen, dass das Böse in der modernen Gesellschaft keine bösen Menschen benötigt, sondern durch vernünftige Akteure in unpersönlichen, arbeitsteiligen Organisationen ausgeübt wird.
Die Arbeit stützt sich unter anderem auf die Studien von Daniel J. Goldhagen, Christopher Browning, die Milgram-Experimente zur Gehorsamsbereitschaft sowie die Zivilisationstheorie von Norbert Elias.
Der Hauptteil analysiert den Übergang von zivilisierten Gesellschaftsnormen zum Massenmord im Holocaust, den Konformitätsdruck innerhalb des Reserve-Polizeibataillons 101 und die heutige Relevanz von Affektkontrolle und Distanz zum Handeln.
Die Arbeit wird durch Begriffe wie "Zivilisationsbruch", "Banalität des Bösen", "Autoritätsgehorsam" und "Strukturelle Gewalt" charakterisiert.
Das Experiment dient als wissenschaftlicher Beleg dafür, dass auch "anständige Bürger" unter Autoritätsfixierung bereit sind, moralische Hemmschwellen zu überschreiten und andere Menschen zu schädigen.
Angesichts der Gefahr, dass zivilisatorische Erfolge selbst Unmenschlichkeit hervorbringen, sieht der Autor die Kirche und eine "Politische Diakonie" als notwendige Instanzen, um gegen den Zeitgeist und die öffentliche Meinung zu intervenieren.
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