Masterarbeit, 2021
62 Seiten, Note: 0,75
Psychologie - Klinische Psychologie, Psychopathologie, Prävention
1. Einleitung
2. Psychiatrische Kriterien des bulimischen Syndroms
2.1. Diagnostische Einordnung
2.2. Prävalenz und Epidemiologie
2.3. Komorbidität
2.4. Verlauf und Remission der Bulimie
3. Die psychodynamische Spezifität des bulimischen Syndroms
3.1. Kriterium A: Der Essanfall
3.2. Kriterium B: Unangemessene Kompensation ̶ Erbrechen
3.3. Die „Bulimie-Familie“und das rigide Kindimago
3.4. Die Bulimie als Beziehungsstörung
4. Verkörperte Sozialität
4.1. Das bulimische Syndrom als weibliche (Über-)Lebensstrategie
4.2. Wandelnde Erwartungshaltung gegenüber der weiblichen* Geschlechtsrolle im 20. Jahrhundert
4.3. Internalisierte Sozialität im Rahmen der Konfliktverarbeitung nach Focks
4.4. Die vergeschlechtlichte Flucht vor Verletzbarkeit bei Bergoffen
4.5. Die Bulimie als Reaktion auf weibliche Abhängigkeit
5. Die Bulimie als feministischer Widerstand
5.1. Die Beziehungsstörung – Aufbegehren als feministische Widerständigkeit
5.2. Leibliche Selbstbehauptung und Sprache des Leibes
6. Denkangebote für die Körperpsychotherapie als Ausblick
6.1. Verkörperte Sozialität in der KPT
7. Zusammenfassung und Ausblick
Die Arbeit untersucht das bulimische Syndrom als eine auf Nahrung und den eigenen Körper verschobene Beziehungsstörung. Ziel ist es, das Syndrom nicht nur als pathologisches Phänomen zu verstehen, sondern als individuellen weiblichen Lösungsversuch sowie als eine Form von körpersprachlichem feministischem Widerstand gegen patriarchale Anforderungen und gewaltvolle Abhängigkeitsbeziehungen zu deuten und für die Körperpsychotherapie fruchtbar zu machen.
3.1.2. Der bulimische Hunger und die Verschiebung auf die Nahrung
Der Hunger, der nach den kränkenden Auslösesituationen empfunden wird, ist nicht stillbar: „Menschen mit Bulimie sind ständig auf der Suche nach etwas Eßbaren. Sie werden aber niemals satt“ (Gerlinghoff 1998: 18). Damit hat der Hunger eine Abwehrfunktion und dient der Vermeidung von Konflikten mit anderen Personen sowie des Spürens der inneren Anspannung. Er lenkt von den Gefühlen ab, die den Selbstwert bedrohen, und schiebt die Aufmerksamkeit auf den Körper (Ettl 2001: 46). Dadurch wird das Ich somatisiert und regrediert zum Körperselbst (ebd.: 19ff). Um die Frage zu beantworten, warum das Unbehagen als Hunger empfunden wird, stellt Ettl (2001: 38) die These auf, dass der Hunger gesellschaftlich anerkannter ist als die libidinösen Wünsche, die sich dahinter vermuten lassen. Nach Ettl (2001: 38f) richtet sich der eigentliche Hunger auf die Liebe beziehungsweise die Anerkennung des Über-Ichs. Gerlinghoff (1998: 24) sieht dies als eine Verwechslung: „Die später an Eßstörung Erkrankten hungern nach Anerkennung, die sie mit Liebe verwechseln.“
Von lebendigen Objekten wird die Nahrung als unbelebtes, dafür aber kontrollierbares Objekt besetzt. Als Grund wird die Angst vor den überfordernden Gefühlen, die in lebendigen Objektbeziehungen auftreten und die Beziehung dadurch scheinbar zerstören würden, genannt. Nahrung bekommt eine exklusive Bedeutung, die an die primäre, dyadische Ausschließlichkeitsbeziehung zur Mutter bzw. zur ersten Bezugsperson erinnert (Ettl 2001: 23). Diese Perspektive auf Hunger und Nahrung wirft die Fragen auf, warum gewisse Wünsche der Frauen* nicht direkt in Beziehungen geäußert werden können und welche Form von Beziehung und Liebe gesucht, erwartet, aber auch verhindert wird.
1. Einleitung: Einführung in das Störungsbild und die psychodynamische sowie gesellschaftskritische Perspektive auf die Bulimia Nervosa.
2. Psychiatrische Kriterien des bulimischen Syndroms: Klinische Einordnung nach DSM-V und ICD-10 sowie Darstellung von Prävalenz, Komorbidität und Verlauf.
3. Die psychodynamische Spezifität des bulimischen Syndroms: Psychodynamische Deutung der Symptome (Essanfall, Erbrechen) als Beziehungsstörung und Abwehrmechanismus.
4. Verkörperte Sozialität: Analyse der Verschränkung von gesellschaftlichen Machtverhältnissen und individuellen weiblichen Identitätskonflikten unter Einbezug feministischer Theorie.
5. Die Bulimie als feministischer Widerstand: Interpretation des bulimischen Syndroms als körpersprachliches Aufbegehren gegen patriarchale Strukturen.
6. Denkangebote für die Körperpsychotherapie als Ausblick: Übertragung der Erkenntnisse in therapeutische Ansätze zur Arbeit mit Körperbild und Sozialität.
7. Zusammenfassung und Ausblick: Synthese der Forschungsergebnisse und Ausblick auf zukünftige therapeutische Forschungsmöglichkeiten.
Bulimia Nervosa, Beziehungsstörung, psychodynamische Perspektive, verkörperte Sozialität, feministischer Widerstand, patriarchale Strukturen, Körperpsychotherapie, Essanfall, Identitätskonflikte, Geschlechtsrolle, Selbstbehauptung, Über-Ich, Abwehrmechanismen, Körper-Geist-Dualismus, Anerkennung.
Die Arbeit untersucht das bulimische Syndrom aus einer psychodynamischen und feministischen Perspektive und betrachtet es als Beziehungsstörung, die eng mit gesellschaftlichen Anforderungen an Frauen* verknüpft ist.
Zentrale Themen sind die psychodynamische Genese des Syndroms, das Konzept der verkörperten Sozialität, patriarchale Machtverhältnisse sowie die Interpretation der Bulimie als körpersprachlicher Widerstand.
Die Forschungsfrage lautet, inwiefern das bulimische Syndrom als Ausdruck einer Beziehungsstörung im Kontext verkörperter Sozialität betrachtet und als feministische Widerständigkeit sowie Ergänzung zur Körperpsychotherapie gedeutet werden kann.
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Zusammenführung psychodynamischer Modelle mit feministischen und phänomenologischen Ansätzen, um das Syndrom in seinen sozio-historischen Kontext einzubetten.
Im Hauptteil werden zunächst die klinischen Kriterien der Bulimia Nervosa definiert, gefolgt von einer psychodynamischen Deutung der Symptome und einer Analyse des Einflusses gesellschaftlicher Rollenerwartungen auf die Identitätsbildung von Frauen*.
Wichtige Schlüsselbegriffe sind Bulimia Nervosa, Beziehungsstörung, verkörperte Sozialität, feministischer Widerstand, patriarchale Strukturen und Körperpsychotherapie.
Weil die Betroffenen Schwierigkeiten haben, libidinöse Bedürfnisse und Konflikte direkt in interpersonellen Beziehungen zu äußern, wodurch diese Bedürfnisse auf das kontrollierbare Objekt „Nahrung“ verschoben werden.
Indem das Syndrom körpersprachlich gegen die gesellschaftliche Passivität und die Unterwerfung unter patriarchale Rollenerwartungen protestiert, auch wenn dieser Widerstand aufgrund des sozialen Drucks oft im Verborgenen stattfindet.
Der Körper fungiert als „Scharnier zwischen Struktur und Subjekt“, in dem gesellschaftliche Machtverhältnisse und Normen materialisiert werden und somit als erfahrbare Wirklichkeit wirken.
Die Arbeit schlägt vor, dass körperpsychotherapeutische Ansätze notwendig sind, um die auf den Körper verschobenen Konflikte re-sensibel zu machen, die unterdrückten Affekte zu integrieren und das gestörte Körperbild zu heilen.
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