Examensarbeit, 2008
69 Seiten, Note: 1,0
I. Einleitung
II. Theoretische Grundlagen
II.1 Die Anfänge: Halbwachs’ Konzept des „Kollektiven Gedächtnisses“
II.2 Pierre Noras « Lieux de Mémoire »
II.3 Das Assmannsche „Kulturelle Gedächtnis“ und die Differenzierung von „Speicher- und Funktionsgedächtnis“
II.4 Holocaust-Erinnerung in den Vereinigten Staaten
III. Jonathan Safran Foers Everything Is Illuminated
III.1 Trachimbrod: Die Kulturgeschichte eines Schtetls
III.1.1 Die Rolle mnemonischer Symbole für das kollektive Gedächtnis Trachimbrods
III.2 Was ist Geschichte? Die Frage im Spannungsverhältnis von Bewahren und Neugestalten
III.2.1 Die konservierte Vergangenheit – das Speichergedächtnis als unbeseelter Erinnerungsträger
III.2.2 History repeating – oder: wir alle schreiben Geschichte
III.2.2.1 Das Formspiel der Geschichtsschreibung im intersubjektiven Beziehungsgeflecht
III.3 There was nothing – Die Nicht-Darstellung des Holocaust
III.3.1 Die Würdigung des Unvorstellbaren über die Repräsentation
III.3.2 “This is not true,” Grandfather said. – Die zerberstende Maske des Selbstschutzes
IV. Schlussbetrachtung und Ausblick: Die ewige Suche
Die vorliegende wissenschaftliche Arbeit untersucht die zentrale Rolle von Erinnerung und Identität in Jonathan Safran Foers Roman "Everything Is Illuminated" vor dem Hintergrund kultureller Gedächtnistheorien. Ziel ist es zu analysieren, wie der Roman durch komplexe narrative Strukturen und den Prozess des Schreibens einen eigenen Zugang zur Holocaust-Erinnerung konstruiert und dabei die Unwiederholbarkeit des historischen Ereignisses reflektiert.
III.1.1 Die Rolle mnemonischer Symbole für das kollektive Gedächtnis Trachimbrods
Das Ereignis selbst, so rätselhaft es den Bewohnern bereits zum Zeitpunkt des Geschehens erschienen sein mag, bildet zunächst nur den Ausgangspunkt des neu entstehenden Mythos. Um diesen zu formen, bedarf es einer organisierten Erinnerungspraxis; denn erst in der gemeinsamen Vergangenheitsauslegung in Foers Roman konstituiert sich das kollektive Gedächtnis und mit ihm die kollektive Identität. Zwei Aspekte der Vergangenheitsauslegung sollen an dieser Stelle herausgegriffen werden, die auf besonders markante Weise verdeutlichen, mit welcher Nachhaltigkeit das mythisierte Ereignis das Selbstverständnis des Schtetls prägt.
Zum einen soll es um den Umstand der Namensgebung des Schtetls gehen. In der abendländischen Kultur gibt es wohl kein Element, welches unmittelbarer mit der Identität seines Trägers verknüpft ist als der Name. Zu Beginn des Romans haben wir es allerdings mit einem namenlosen Schtetl zu tun; eine Tatsache, die folgerichtig als Verweis auf seine Identitätslosigkeit gedeutet werden kann. Aufgrund äußerer Umstände wird es dazu aufgerufen, sich selbst zu benennen („[…] an irascible magistrate in Lvov had demanded a name for the nameless shtetl […]“ E 50). Der Prozess, der von den Bewohnern unmittelbar mit der Frage nach der eigenen Sinnhaftigkeit verknüpft wird, gestaltet sich wiederum als ein Geschehen im Zeichen der Dialektik von Vernunft und Wahnsinn: Denn im Zuge einer Abstimmung wird Sofiowka offizieller Namenspate des Schtetls. Der Wahnsinn selbst schreibt sich in die Identität des Schtetls unwiderruflich bis zu seinem Ende ein: „The new name was, much to the dismay of those who had bear it, official and irrevocable. It would be with the shtetl until its death.“ (E 51). Der Vorgang des Sich-Benennens als Prozess der Selbst-Zuschreibung, der Verständnissuche also auch nach der eigenen Rolle in der Welt, ist für die Bewohner in dem Signifikat des Wahnsinns, dem Bewohner Sofiowka, nicht repräsentiert, was sich im allgemeinen Unmut über die Entscheidung äußert.
I. Einleitung: Die Einleitung etabliert das zirkulare Verhältnis von Erinnerung und Identität als Leitmotiv und führt die theoretischen Ansätze der Gedächtnisforschung in Bezug auf den Holocaust ein.
II. Theoretische Grundlagen: Dieses Kapitel erarbeitet die wissenschaftliche Basis durch Konzepte von Maurice Halbwachs, Pierre Nora sowie Jan und Aleida Assmann, wobei insbesondere die Unterscheidung von Speicher- und Funktionsgedächtnis hervorgehoben wird.
III. Jonathan Safran Foers Everything Is Illuminated: Eine komplexe Analyse der verschiedenen Erzählebenen des Romans, die das Ineinandergreifen von fiktionaler Schtetl-Geschichte und der Suche Jonathans untersucht.
III.1 Trachimbrod: Die Kulturgeschichte eines Schtetls: Untersuchung der Mythisierung eines Schtetls als Reaktion auf ein traumatisches Ereignis und der Bedeutung kollektiver Sinnstiftung.
III.1.1 Die Rolle mnemonischer Symbole für das kollektive Gedächtnis Trachimbrods: Analyse der symbolischen Bedeutung von Namen und Riten bei der Konstruktion kollektiver Identität.
III.2 Was ist Geschichte? Die Frage im Spannungsverhältnis von Bewahren und Neugestalten: Kritische Auseinandersetzung mit der narrativen Repräsentation von Geschichte und der Rolle des Schreibens als notwendiger Prozess.
III.2.1 Die konservierte Vergangenheit – das Speichergedächtnis als unbeseelter Erinnerungsträger: Darstellung der Archivierung von Geschichte und der Gefahr einer "sinnentleerten" Bewahrung im Speichergedächtnis.
III.2.2 History repeating – oder: wir alle schreiben Geschichte: Reflexion über den Prozess des fortwährenden Schreibens und Um-Schreibens von Vergangenheit, um diese lesbar zu machen.
III.2.2.1 Das Formspiel der Geschichtsschreibung im intersubjektiven Beziehungsgeflecht: Analyse, wie die Briefe Alexanders als Metaebene die komplexe Struktur des Romans reflektieren und hinterfragen.
III.3 There was nothing – Die Nicht-Darstellung des Holocaust: Untersuchung des Umgangs mit dem "Unsagbaren" des Holocaust und der Notwendigkeit der Repräsentation trotz des Scheiterns der Sprache.
III.3.1 Die Würdigung des Unvorstellbaren über die Repräsentation: Erörterung der Spannung zwischen dem Erinnerungsgebot und der Unzulänglichkeit sprachlicher Mittel.
III.3.2 “This is not true,” Grandfather said. – Die zerberstende Maske des Selbstschutzes: Analyse der Figur des Großvaters und seines schmerzhaften Durchbrechens des Schweigens.
IV. Schlussbetrachtung und Ausblick: Die ewige Suche: Fazit über die Prozesshaftigkeit der Erinnerungsarbeit und die Erkenntnis, dass das Suchen nach Wahrheit das eigentliche Ziel des Romans ist.
Erinnerung, Identität, kulturelles Gedächtnis, Holocaust, Repräsentation, Narration, Jonathan Safran Foer, Everything Is Illuminated, Trachimbrod, Speichergedächtnis, Funktionsgedächtnis, Geschichtsschreibung, Trauma, Identitätsstiftung, Sprachkritik
Die Arbeit untersucht, wie Jonathan Safran Foers Roman "Everything Is Illuminated" das komplexe Zusammenspiel von individueller und kollektiver Erinnerung sowie Identität darstellt, insbesondere in Bezug auf die Verarbeitung des Holocaust.
Die zentralen Themen sind die theoretischen Konzepte des kulturellen Gedächtnisses, das Spannungsfeld zwischen geschichtlicher Faktizität und fiktionaler Erzählung sowie die Rolle der Sprache bei der Repräsentation von traumatischen Ereignissen.
Die Forschungsfrage konzentriert sich darauf, wie der Roman durch seine narrative Komposition und die Thematisierung des Schreibprozesses eine Antwort auf die Frage findet, wie eine angemessene Erinnerungskultur ohne das direkte Zeugnis von Überlebenden möglich ist.
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die unter Heranziehung von kulturwissenschaftlichen Gedächtnistheorien (Halbwachs, Assmann, Nora) den Primärtext in seinem historischen und theoretischen Kontext interpretiert.
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung, eine Analyse der narrativen Ebenen des Romans und eine Untersuchung des Holocaust-Diskurses, wobei das Verhältnis von Erinnerung, Schrift und identitätsstiftender Mythisierung detailliert analysiert wird.
Die Arbeit wird vor allem durch Begriffe wie "kulturelles Gedächtnis", "Identitätsstiftung", "narrative Repräsentation", "Holocaust-Diskurs" und "Prozessualität" charakterisiert.
Die Figur des Großvaters dient als exemplarisches Beispiel für den schmerzhaften Prozess, das lebenslange Schweigen über die eigene traumatische Vergangenheit zu brechen, um durch den Akt des Erinnerns eine Form der Wahrheit oder Erlösung zu finden.
Die Schtetl-Geschichte dient als ein "mythischer Mikrokosmos", an dem die Bewohner versuchen, eine kollektive Identität zu formen, was den Roman dazu nutzt, allgemeine Prinzipien der Gedächtnisbildung und Sinnstiftung durch Narration zu demonstrieren.
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