Diplomarbeit, 2007
94 Seiten, Note: 1,0
1. Das neoliberale Gesundheitssystem
2. Historie der medizinischen Diskurse
2.1 Die Evolution des medizinischen Blicks
2.2 Der rationale Diskurs
2.3 Der politische Diskurs
3. Gesundheitsprogramme im gesellschaftlichen Kontext
3.1 Systemtheorie als Gesellschaftstheorie
3.1.1 Der systemtheoretische Hintergrund
3.1.2 Die Methode der funktionalen Analyse
3.2 Der authentische Patient
3.2.1 Die strukturierten Gesundheitsprogramme
3.2.2 Betreuungsziel Patient
3.2.3 Wissen ermöglicht Selbstständigkeit
3.2.4 Krankheit beeinflusst die Lebensführung
3.2.5 Autonomie als Hindernis
3.2.6 Autonomie durch Erziehung
3.2.7 Die Reproduktion der Asymmetrie
3.2.8 Die wichtigste Ressource ist Zeit
3.2.9 Der Patient wird zum authentischen Sprecher
3.3 Der prekäre Arzt
3.3.1 Der Arzt als Störenfried der DMP
3.3.2 Das Problem der Kontrolle
3.3.3 Der moderne Arzt braucht Hilfe
3.3.4 Der Arzt als Entscheider
3.4 Der ökonomische Blick der Krankenkassen
3.4.1 Organisation als Bedingung der Möglichkeit
3.4.2 Die Herstellung des aktiven Subjekts
4. Fazit: Der verantwortliche Patient wird ökonomisch hergestellt
Die Arbeit untersucht die Genese des "verantwortlichen Patienten" innerhalb des neoliberalen Gesundheitssystems, wobei der Fokus auf Disease Management Programmen (DMP) liegt. Die Forschungsfrage zielt darauf ab zu zeigen, wie durch medizinische Diskurse, Erziehung und ökonomische Sachzwänge neue Patientenkonzepte "hergestellt" werden, anstatt sie als naturgegeben vorauszusetzen.
Die Normierung der Gesundheit
In der „pathologisch-anatomischen Erfahrung“ der neuen Methodologie wird ausgeblendet, dass Leben nicht auf mechanische und chemische Faktoren reduzierbar ist. Dadurch wird die Definition eines Bezugspunkts notwendig, von dem aus die pathologischen Veränderungen zu beurteilen sind. Gesundheit ist damit nicht mehr an Sittlichkeit gebunden, an standesabhängige, moralische Integrität, sondern wird - durchaus folgenreich - normiert. Um die pathologischen Abweichungen angeben zu können, muss ein Normalwert definiert sein, auf den sich die Abweichung bezieht. Es entsteht ein Blick, der an einer selbst geschaffenen Normalität orientiert nur noch Abnormes sehen kann. „Erst als konstruktives Normproblem wird Gesundheit sowohl theoretisch begründungspflichtig, als auch empirisch ein Problem kausal gebündelter Parameter [...] Die naturwissenschaftliche Medizin kehrt aus methodischen Gründen das Verhältnis von Gesundheit und Krankheit um und kennt ab sofort nur noch Krankheit“ (Göckenjan 1985, S. 253 f.). Nichtmehr die Krankheit ist das Abnorme, von außen die Gesundheit Bedrohende, sondern unter das Verständnis von Gesundheit fallen nur noch Zustände, die den richtigen Parametern entsprechen.
Alles kann jetzt Krankheit auslösen: falsche Ernährung, Hygienemangel, Feinstaub oder Stress. Die positive, ganzheitliche Körperkonzeption verschwindet und Gesundheit gerinnt zu einem inhaltslosen Reflexionswert. Es ist dies, was Luhmann die „perverse Vertauschung der Werte“ (Luhmann 1990, S. 180, vgl. Fuchs 2006) nennt. Gesundheit wird zum Objekt medizinischer Eingriffe und bezahlt dafür mit dem Verlust des Konzeptes eines über Selbstregulationskräfte verfügenden Körpers.
1. Das neoliberale Gesundheitssystem: Einführung in die aktuelle Debatte um Kostenreduktion und die Forderung nach vermehrter Selbstverantwortung im Gesundheitswesen.
2. Historie der medizinischen Diskurse: Historische Herleitung des modernen medizinischen Blicks, von der mittelalterlichen Sicht auf Krankheit bis hin zum rationalen und kausalen Denken des 19. Jahrhunderts.
3. Gesundheitsprogramme im gesellschaftlichen Kontext: Empirischer Hauptteil, der die Betreuungspraxis in DMP analysiert, inklusive theoretischem Hintergrund und der Rolle von Arzt und Krankenkasse.
4. Fazit: Der verantwortliche Patient wird ökonomisch hergestellt: Zusammenfassung der Ergebnisse, wonach der "verantwortliche Patient" ein Produkt spezifischer gesellschaftlicher und ökonomischer Bedingungen ist.
Neoliberalismus, Gesundheitssystem, Patientenaktivierung, Disease Management Programme, Systemtheorie, Medizinkritik, Autonomie, Eigenverantwortung, Risikofaktormodell, Krankenkassen, Arzt-Patient-Verhältnis, Gesundheitsökonomik, Diskursanalyse, Chronische Krankheit, Patientenrechte.
Die Arbeit analysiert, wie sich das Bild des Patienten im deutschen Gesundheitssystem gewandelt hat und warum die heutige Forderung nach "Selbstverantwortung" und "Aktivierung" nicht einfach gegeben ist, sondern durch politische, medizinische und ökonomische Diskurse aktiv konstruiert wird.
Zentrale Themen sind die historische Entwicklung der Medizinkritik, die Rolle des Patienten als "Koproduzent" von Gesundheit und die ökonomische Logik, die hinter Disease Management Programmen (DMP) steht.
Ziel ist es, den "verantwortlichen Patienten" als Produkt spezifischer, evolutionärer Prozesse in der Gesellschaft zu dekonstruieren und aufzuzeigen, wie unterschiedliche Logiken (Medizin, Pädagogik, Wirtschaft) im DMP-Kontext ineinandergreifen.
Der Autor stützt sich primär auf systemtheoretische Ansätze nach Niklas Luhmann sowie eine diskursanalytische Perspektive, ergänzt durch eine qualitative Auswertung von Experteninterviews mit Betreuern in Disease Management Programmen.
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Patientensituation, die Rolle der Ärzte als "prekäre" Akteure und den ökonomischen Blick der Krankenkassen, die durch DMP versuchen, Effizienz und Kostenkontrolle zu erreichen.
Begriffe wie Neoliberalismus, Autonomie, Patientenaktivierung, Risikofaktormodell und funktionale Differenzierung stehen im Zentrum der theoretischen und empirischen Analyse.
Das Risikofaktormodell markiert eine entscheidende Wende, da es Krankheit nicht mehr nur im Körper lokalisiert, sondern als etwas behandelt, das durch Verhalten (Lebensstil) beeinflusst werden kann. Dies bietet die notwendige Grundlage für die Erziehungsprogramme der DMP.
Krankenkassen agieren heute zunehmend als "kundenorientierte Dienstleistungsunternehmen", die durch den ökonomischen Druck auf Managed-Care-Modelle setzen. Dies schränkt die Autonomie der Ärzte ein, da sie nun stärker in organisatorische und ökonomische Kontrollstrukturen eingebunden sind.
Der Begriff beschreibt den Patienten, der im Kontext der DMP lernt, seinen eigenen Zustand in einem Vokabular zu beschreiben, das die medizinische Logik stützt. Er wird zum Experten für seine eigene "Compliance" und damit zum integralen Bestandteil der medizinischen Steuerung.
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