Examensarbeit, 2008
75 Seiten, Note: 1,5
1. Unnatürliche Erzählstimmen
2. Erzähltheoretische Grundlagen
2.1. Stimme
2.2. Modus
3. Theoretische Hintergründe: linguistische, soziologische und philosophische Überlegungen
3.1. Die Sprechergruppendeixis „wir“
3.2. Gruppenidentität
3.3. Das Wesen des „wir“
4. Lesererwartungen an eine Wir-Erzählung
4.1. Die Offenheit bezüglich des Numerus und der Referenz
4.2. Die Nicht-Koppelbarkeit von Bewusstseinen
4.3. „Das schöne warme Wir-Gefühl“
5. Kategorisierung der Wir-Erzählungen
6. Exkurs: Trauma und Traumatisierung
7. Agota Kristof: Das große Heft (1986)
7.1. Identität und Einheit
7.2. Die Zweiheit der Zwillinge
7.3. Ursprung des Zusammenhalts
7.4. Stimme und Perspektive
7.5. Deutung des großen Hefts
7.6. Die Trilogie
7.7. Gesamtdeutung der Trilogie Kristofs
8. Kevin Vennemann: Nahe Jedenew (2005)
8.1. Gruppenzusammengehörigkeit
8.2. Die Zwillinge
8.3. Fiktion und Wirklichkeit
8.4. Modus und Stimme
8.5. Literarische Umsetzung eines Traumas
9. Gert Hofmann: Der Blindensturz (1985)
9.1. Identität
9.2. Einheit
9.3. Ursachen der Gruppenidentität
9.4. Stimme
9.5. Modus
9.6. Soziale Kategorisierung
9.7. Deutung
10. Funktionen und Typen der Wir-Erzählung
10.1. Funktionen der Wir-Erzählungen
10.2. Typen der Wir-Erzählung
10.3. Imaginiertes oder konstruiertes Kollektiv
Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht das literarische Phänomen der „Wir-Erzählung“, bei der das Geschehen aus der Perspektive eines Kollektivs in der ersten Person Plural berichtet wird. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert auf die Plausibilität dieser Erzählweise sowie auf die linguistischen, soziologischen und philosophischen Hintergründe, wobei insbesondere geklärt werden soll, ob Erzählerkollektive reale Instanzen darstellen oder lediglich vom Erzähler konstruierte Konstrukte sind.
7.1. Identität und Einheit
Ihre Identität beschreiben die Zwillinge allein durch das Personaldeiktikon in der ersten Person Plural. Das einzig trennende und näher differenzierende Moment enthält die Beschreibung „einer von uns“ und „der andere.“77 Der Leser findet weder Angaben über ihre Namen oder Aussehen noch ihrem genauen Alter. Wir wissen lediglich, dass es sich um „Zwei Jungen. Zwillinge“ (GH, 6) handelt, die im Schulalter sind, Milchzähne besitzen und noch keine Schambehaarung haben (vgl. GH, 35). Ihre beiden Vornamen sind mit dem Doppelnamen ihres Großvaters identisch (GH, 44), der dem Leser jedoch unbekannt ist. Viele Einzelheiten bezüglich ihrer Identität bleiben für den Leser verschleiert.
Die eindrücklichste Charakterisierung findet sich im Kapitel „Die Schule“, wo die beiden Kinder an ihrem ersten Schultag in unterschiedliche Klassen gebracht werden sollen. Hier geben die Zwillinge ein Gespräch der Eltern wieder, das sie vor drei Jahren belauschten. Während sich der Vater für eine Trennung während der Schulstunden ausspricht (vgl. GH, 24), betont die Mutter, dass die beiden sich nie daran gewöhnen würden, da sie „ein und dieselbe Person“ sind (GH, 24). Der Vater bestätigt dies:
Eben, das ist nicht normal. Sie denken zusammen, sie handeln zusammen. Sie leben in einer Welt für sich. In ihrer Welt. Das ist nicht sehr gesund. Es ist sogar beängstigend. Ja, sie ängstigen mich. Sie sind merkwürdig. Man weiß nie, was sie denken. Sie sind zu weit für ihr Alter. Sie wissen zuviel. (GH, 24)
Nach außen hin wirkt ihr Wissen, Denken und Handeln so identisch, so dass ihre unmittelbaren Bezugspersonen sie als eine Entität bezeichnen. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl erstreckt sich jedoch nicht allein auf ihr Denken und Handeln, sondern auch auf ihre körperliche Wahrnehmung. So schildern sie den Trennungsversuch in der Schule folgendermaßen:
1. Unnatürliche Erzählstimmen: Einführung in das Phänomen der Wir-Erzählung als ungewöhnliche Erzählform und Definition der zentralen Forschungsfrage.
2. Erzähltheoretische Grundlagen: Anwendung und Anpassung der Erzähltheorie von Gérard Genette, insbesondere im Hinblick auf Stimme und Modus bei Wir-Erzählungen.
3. Theoretische Hintergründe: linguistische, soziologische und philosophische Überlegungen: Analyse des Personalpronomens „wir“, soziologische Konzepte der Gruppenidentität und philosophische Überlegungen zum Wesen des Kollektivs.
4. Lesererwartungen an eine Wir-Erzählung: Erörterung der Herausforderungen für den Leser, wie die unklare Referenz des „wir“ und die Problematik der Bewusstseinskopplung.
5. Kategorisierung der Wir-Erzählungen: Systematisierung der Wir-Erzählungen in thematische Gruppen wie politisch-ideologische oder psycho-pathologische Erzählformen.
6. Exkurs: Trauma und Traumatisierung: Einbindung traumatheroretischer Erkenntnisse als Basis für das Verständnis der späteren Werkanalysen.
7. Agota Kristof: Das große Heft (1986): Tiefgehende Interpretation des Werkes unter dem Aspekt der Zwillingsidentität, Identitätsverschleierung und dem Versuch der Traumaverarbeitung.
8. Kevin Vennemann: Nahe Jedenew (2005): Untersuchung der Wir-Erzählung in Vennemanns Werk als Spiegel kindlicher Wahrnehmung und Bewältigung von Pogromerfahrungen.
9. Gert Hofmann: Der Blindensturz (1985): Analyse des komplexen Wir-Kollektivs in Hofmanns Roman, in dem die Grenze zwischen individueller Identität und Gruppenidentität verschwimmt.
10. Funktionen und Typen der Wir-Erzählung: Zusammenfassende Aufarbeitung der Erkenntnisse in Form von acht identifizierten Funktionen und einer Typologisierung in totale und funktionale Wir-Erzählungen.
Wir-Erzählung, Erzählerkollektiv, Gruppenidentität, Identität, Trauma, Traumatische Erfahrungen, Erzähltheorie, Gérard Genette, Soziologie, Kollektivbildung, Persönlichkeitsspaltung, Sprachwissenschaft, Fiktion, Wirklichkeit, Dissoziation.
Die Arbeit untersucht das literarische Phänomen der Wir-Erzählung, bei der eine Erzählinstanz in der ersten Person Plural über Geschehnisse berichtet, und analysiert deren Funktion sowie erzähltheoretische Einordnung.
Das Spektrum reicht von linguistischen Aspekten der Sprecherdeixis über soziologische Gruppenidentität bis hin zu psychologischen Themen wie Trauma und Dissoziation.
Das Ziel ist zu klären, warum Wir-Erzählungen als Erzähltyp so außergewöhnlich sind, und zu untersuchen, ob es sich dabei um reale Erzählerkollektive oder nur um konstruierte Instanzen handelt.
Es werden primär erzähltheoretische Modelle, insbesondere nach Gérard Genette, mit linguistischen und soziologischen Theorien kombiniert, um die ausgewählten Romane interpretierend zu analysieren.
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen, eine Systematisierung von Wir-Erzählungen sowie die detaillierte Analyse spezifischer Romane von Agota Kristof, Kevin Vennemann und Gert Hofmann.
Wichtige Begriffe sind Wir-Perspektive, Gruppenidentität, Trauma, Identitätsverschleierung, Dissoziation und das Verhältnis von Fiktion und Wirklichkeit.
In den analysierten Werken dient das „Wir“ oft als Konstrukt zur Bewältigung von Traumata, wobei die Identität der Erzähler häufig verschleiert oder durch eine vermeintliche kollektive Einheit ersetzt wird, um eine feindliche Umwelt zu bewältigen.
Die Arbeit zeigt, dass das „Wir“ als Abwehrstrategie fungiert, um die Last von Schicksalsschlägen auf eine Gruppe zu verteilen oder eine Sehnsucht nach ursprünglicher, ungeteilter Einheit zu manifestieren.
Trauma führt häufig zu dissoziativen Prozessen oder einer emotionalen Abstumpfung, die sich formal in der Wir-Erzählweise, der Wahl des Erzähltempus oder der Wiederholung von Motiven widerspiegelt.
Die Arbeit differenziert zwischen einer „totalen“ Wir-Erzählung, die auf eine fast untrennbare Einheit der Instanzen zielt, und einer „funktionalen“ Wir-Erzählung, bei der das „Wir“ primär eine Gemeinschaftsform zur Bewältigung der Ereignisse darstellt.
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