Examensarbeit, 2008
55 Seiten, Note: 2,0
Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft
Die moralische Leerstelle
I. Einleitung
II. Iser und der Akt des Lesens
1. Voraussetzungen
2. Der implizite Leser
3. Textrepertoire
4. Thema und Horizont
5. Zwischen Retention und Protention
6. Die Leerstellen
7. Negation
III. Siegfried Lenz: Der seelische Ratgeber
1. Analyse
2. Die Sinnkonstitution und ihre Bedeutung
IV. Siegfried Lenz: Die Flut ist pünktlich
1. Analyse
2. Die Sinnkonstitution und ihre Bedeutung
V. Judith Hermann: Ruth (Freundinnen)
1. Herangehensweise
2. Störfaktoren im Figurenverhältnis
3. Ursachenforschung
4. Die Lösungsstrategien der Ich-Erzählerin
5. Die Sinnkonstitution und ihre Bedeutung
VI. Was soll ich tun? – Die Erzählungen im Überblick
VII. Grenzen der Rezeptionsästhetik
Die vorliegende Arbeit untersucht anhand der rezeptionsästhetischen Theorie von Wolfgang Iser, wie literarische Texte durch sogenannte „Leerstellen“ den Leser zur aktiven Sinnkonstitution auffordern, und wendet diese methodisch auf drei Erzählungen von Siegfried Lenz und Judith Hermann an, um insbesondere die moralische Dimension des Leseprozesses und die gesellschaftliche Relevanz der dargestellten Konflikte zu beleuchten.
III. Siegfried Lenz: Der seelische Ratgeber
Ausgehend vom Titel als einem ersten Lesesegment bildet der Leser ein Satzkorrelat, das sich aus Vorstellungen über den möglichen Protagonisten speist und in einem ersten Horizont niederschlägt. Dieser wie auch alle weiteren Horizonte stehen dabei immer vor dem Hintergrund der jeweiligen Leserdispositionen, sodass das Interaktionsfeld zwischen Text und Leser bereits eröffnet ist.
Zunächst ist der mögliche Protagonist rein über seine Funktion als Ratgeber definiert. Diese Funktion ist nun aber nicht als eine professionelle im klassischen Sinne ausformuliert, denn es handelt sich nicht etwa um einen Psychologen oder Psychiater, sondern eher um jemanden, der sich mit den alltäglichen Sorgen und Nöten der Menschen mit eingeschränkter Professionalität auseinandersetzt und damit eher einem „Hobby-Psychologen“ gleicht. Der Leser wird infolgedessen hier keine psycho-pathologischen Erkrankungsfälle im Rahmen der Protention erwarten, sondern Fälle von Menschen, die einzelne Teile ihres alltäglichen Lebens alleine nicht organisieren können und daher eine Art von kompetenter Lebensberatung benötigen.
Im ersten Satz erfährt der Leser durch den Ich-Erzähler, dass der seelische Ratgeber „Wenzel“ mit Vornamen heißt und für eine Zeitschrift tätig ist. Die Verwandtschaft der tschechischen Entlehnung zum Namen „Vincent“, was soviel wie „Sieger“ heißt, ist offensichtlich. Der Leser wird hinter diesem Namen also einen erfolgreichen, wenigstens aber einen besondern Mann vermuten und den entsprechenden Horizont bestätigt sehen. Dieser wird im Folgenden durch den Kommentar „Nie habe ich für einen Menschen gearbeitet wie Wenzel Wittko.“ der erzählenden Figur aufgefüllt. Gleichzeitig wird der Status der Figuren sichtbar: Wenzel Wittko ist Dienstherr und der Ich-Erzähler sein Gehilfe. Die sich daraus ergebende Hierarchie der beiden Figuren passt sich den Vorstellungen innerhalb des ersten Horizonts an. Die Beschreibung, die durch die erzählende Figur im Weiteren gegeben wird, beschränkt sich im Bereich der Äußerlichkeiten auf den Kopf und wird ergänzt durch Wesenzüge, welche die erzählende Figur meint, an Wenzel Wittkos Gesicht ablesen zu können. Dadurch fällt die Betonung hier auf geistige und charakterliche Eigenschaften von Wenzel Wittko.
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in die rezeptionsästhetische Theorie ein und stellt die Absicht dar, Isers Konzept der Leerstellen auf drei ausgewählte Erzählungen anzuwenden.
II. Iser und der Akt des Lesens: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen von Wolfgang Iser, insbesondere Begriffe wie impliziter Leser, Textrepertoire, Leerstelle und Negation.
III. Siegfried Lenz: Der seelische Ratgeber: Die Analyse untersucht die Interaktion zwischen Leser und Text sowie die Konstruktion der Hauptfiguren und ihres Scheiterns.
IV. Siegfried Lenz: Die Flut ist pünktlich: Dieses Kapitel widmet sich der Interpretation des Natur-Kultur-Konflikts und der moralischen Dimension der erzählten Ereignisse.
V. Judith Hermann: Ruth (Freundinnen): Die Analyse fokussiert auf Identitätsbildung, das Modell der Freundschaft und die Rolle von Störfaktoren in der zwischenmenschlichen Beziehung.
VI. Was soll ich tun? – Die Erzählungen im Überblick: Hier werden die Ergebnisse der Analysen zusammengefasst und in den größeren moralischen Kontext der Kantschen Frage gestellt.
VII. Grenzen der Rezeptionsästhetik: Dieses Kapitel diskutiert die methodischen Begrenzungen der Rezeptionsästhetik bei der Anwendung auf unterschiedliche Lesertypen und Textarten.
Rezeptionsästhetik, Wolfgang Iser, Siegfried Lenz, Judith Hermann, Leerstellen, Sinnkonstitution, Literaturanalyse, Leserdisposition, moralische Fragestellung, Identitätsbildung, Kommunikation, Textstruktur, Protention, Retention, Interaktionsprozess.
Die Arbeit untersucht, wie literarische Texte den Leser durch die Struktur von Leerstellen dazu anregen, aktiv Sinn zu stiften und moralische Aspekte zu reflektieren.
Die zentralen Felder sind die literarische Rezeptionsästhetik, die Analyse moralischer Dilemmata in Erzählungen sowie das Verhältnis von Text, Autor und Leser.
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Isers „Leerstellen“ in den untersuchten Erzählungen zur Konstitution von Sinn führen und welche moralische Bedeutsamkeit sich daraus für den Leser ergibt.
Es wird die rezeptionsästhetische Analysemethode nach Wolfgang Iser verwendet, die den Text als Kommunikationsmodell zwischen Autor und Leser begreift.
Der Hauptteil analysiert drei spezifische Erzählungen („Der seelische Ratgeber“, „Die Flut ist pünktlich“, „Ruth (Freundinnen)“), um die theoretischen Konzepte auf die Praxis anzuwenden.
Zu den prägenden Begriffen zählen Rezeptionsästhetik, Sinnkonstitution, Leerstelle, Identitätsbildung und Normenrepertoire.
Die Analyse zeigt, dass Lenz’ Texte stärker mechanische oder naturgebundene Konflikte thematisieren, während bei Hermann Fragen der Identitätssuche und Spiegelung der eigenen Persönlichkeit durch die Freundin im Vordergrund stehen.
Sie dient als Metapher für den Aufforderungscharakter literarischer Texte, da der Leser durch die Lektüre und die moralische Unbestimmtheit der Figuren gezwungen wird, sich zur eigenen ethischen Positionierung und Handlungsfähigkeit zu verhalten.
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