Masterarbeit, 2021
106 Seiten, Note: 1,3
1. Einleitung
2. Verbreitung des Französischen im neuzeitlichen Europa
2.1 Südeuropa
2.2 Mittel- und Nordeuropa
2.3 Osteuropa
3. Russland und der Westen
4. Frankophonie in Russland
4.1 Französischunterricht in der russischen Aristokratie
4.2 Verwendung des Französischen in der Kommunikation der russischen Aristokratie
4.3 Russisch-französischer Bilingualismus
4.4 Frankophonie und russische Identität
4.5 Frankophonie und die russische Literatursprache
4.6 Frankophonie in Russland zur Zeit der Napoleonischen Kriege und Tolstois
5. Zur Biografie Lew Tolstois
6. Krieg und Frieden
7. Verwendung des Französischen zur Darstellung fingierter Mündlichkeit in Krieg und Frieden
7.1 Fingierte Mündlichkeit
7.2 Anreden, Begrüßungen, Verabschiedungen, Glückwünsche und Aufforderungen
7.3 Charakterisierung der Romanfiguren durch Sprachkompetenzen
7.3.1 Die Kuragins
7.3.2 Die Bolkonskis
7.3.3 Die Rostows
7.3.4 Pierre Besuchow
7.3.5 Weitere Romanfiguren
7.4 Imitation der Romanfiguren
7.5 Russisch und Französisch: Funktionen im Sprachgebrauch der Romanfiguren
7.6 Oppositionen zwischen Russland und Frankreich
8. Vergleichende Untersuchung deutscher Übersetzungen von Krieg und Frieden
8.1 Deutsche Übersetzung von Hermann Röhl
8.2 Deutsche Übersetzung von Barbara Conrad
8.3 Fazit des Übersetzungsvergleichs
9. Zusammenfassung
Die Arbeit untersucht die Funktion der französischen Sprache in Lew Tolstois Roman „Krieg und Frieden“ als Mittel zur Darstellung fingierter Mündlichkeit und analysiert, wie diese Sprachwahl zur Charakterisierung des russischen Adels sowie zur kritischen Auseinandersetzung mit der Identität Russlands im Verhältnis zum Westen beiträgt.
7.1 Fingierte Mündlichkeit
Wenn Tolstoi seine Romanfiguren Französisch sprechen lässt, so dient dies der Darstellung fingierter Mündlichkeit. Die fingierte Mündlichkeit bzw. fingierte Oralität ist eine Methode, derer die Literatur sich bedient, um die klare Trennung zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit zu überwinden. Dies ist kein neues Phänomen, hat jedoch auch in der Gegenwartsliteratur noch immer Konjunktur. Schon das Attribut „fingiert“ deutet auf einen Gegensatz zur Mündlichkeit in echten, natürlichen Kommunikationssituationen hin. Anders als in einer solchen Kommunikationssituation sind hier nicht echte Gesprächspartner beteiligt, sondern der Autor erschafft einen Dialog oder Monolog. Durch bestimmte Stilmittel, die der gesprochenen im Gegensatz zur geschriebenen Sprache eigen sind, fingiert er die natürliche Mündlichkeit.
Für seine Beschreibung fingierter Mündlichkeit greift Paul Goetsch auf das Nähe- und Distanzsprache-Modell von Koch/Oesterreicher zurück. Koch/Oesterreicher „ersetzen den üblicherweise postulierten Gegensatz von Mündlichkeit und Schriftlichkeit durch die Unterscheidung zwischen der Sprache der Nähe und der Sprache der Distanz“ (Goetsch 1985: 208). Koch/Oesterreicher unterscheiden zwischen der Konzeption geprochen/geschrieben und dem Medium graphischer Kode/phonischer Kode (vgl. Koch/Oesterreicher 1985: 17). Phonischer und graphischer Kode werden als Dichotomie beschrieben, der ‚gesprochene‘ und ‚geschriebene‘ Kode als Kontinuum von Konzeptionsmöglichekeiten mit zahlreichen Abstufungen (Koch/Oesterreicher 1985: 17). Die Fähigkeit literarischer Texte, Unmittelbarkeit durch fiktionale Dialoge in Form fingierter Mündlichkeit zu erzeugen, ist nach Koch/Oesterreicher ohne die Adaption von Eigenheiten der Nähesprache nicht möglich.
1. Einleitung: Die Einleitung erläutert die Bedeutung der französischen Sprache in Tolstois „Krieg und Frieden“ als Mittel zur Darstellung der russischen Aristokratie und benennt die zentrale Forschungsfrage zur Absicht des Autors hinter der Integration fremdsprachiger Passagen.
2. Verbreitung des Französischen im neuzeitlichen Europa: Dieses Kapitel skizziert den Aufstieg des Französischen zur europäischen Lingua franca und beleuchtet die kulturellen Faktoren sowie die Bewunderung der Eliten für den französischen Lebensstil.
3. Russland und der Westen: Die Untersuchung betrachtet die historische Opposition zwischen Russland und dem Westen und bereitet damit den Boden für das Verständnis der kulturellen Identitätskonflikte innerhalb der russischen Elite.
4. Frankophonie in Russland: Dieses Kapitel bietet eine tiefgehende Analyse des Französischlernens, der sozialen Funktionen der Sprache und der Rolle des russisch-französischen Bilingualismus bei der Identitätsbildung des Adels.
5. Zur Biografie Lew Tolstois: Der Fokus liegt hier auf Tolstois Herkunft, seiner frankophonen Erziehung und der Spannung zwischen seinem aristokratischen Leben und seinem späteren Wunsch nach Einfachheit.
6. Krieg und Frieden: Es wird die Entstehungsgeschichte des Romans beleuchtet, wobei Tolstois Anspruch, ein nationales Epos zu schaffen, und die Einbettung historischer Ereignisse in das Werk diskutiert werden.
7. Verwendung des Französischen zur Darstellung fingierter Mündlichkeit in Krieg und Frieden: Das Kernstück der Arbeit analysiert methodisch, wie Tolstoi durch den Einsatz französischer Dialoge und Akzente Charaktere formt und soziale Abgrenzungen in der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts abbildet.
8. Vergleichende Untersuchung deutscher Übersetzungen von Krieg und Frieden: Hier wird anhand der Übersetzungen von Hermann Röhl und Barbara Conrad kritisch hinterfragt, ob die Beibehaltung oder Übersetzung französischer Textstellen die Authentizität und Intention des Originals beeinflusst.
9. Zusammenfassung: Die Arbeit schließt mit einer Synthese der Ergebnisse, in der die Bedeutung des Französischen als Spiegel für Tolstois kritische Sicht auf die russische Gesellschaft hervorgehoben wird.
Krieg und Frieden, Lew Tolstoi, Frankophonie, russische Aristokratie, fingierte Mündlichkeit, Bilingualismus, Literaturübersetzung, russische Identität, Code-Switching, Sprachkultur, Sprachvergleich, gesellschaftliche Abgrenzung, französische Sprache, russische Literatursprache.
Die Arbeit untersucht die systematische Verwendung der französischen Sprache in Lew Tolstois Monumentalwerk „Krieg und Frieden“ und deren Bedeutung für die Darstellung der russischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts.
Zentral sind die Frankophonie des russischen Adels, die Funktion des russisch-französischen Bilingualismus, Fragen der nationalen Identität sowie die Herausforderungen der literarischen Übersetzung.
Das Ziel ist es, zu ergründen, warum Tolstoi französische Passagen in sein russisches Werk einfügte und wie er diese gezielt zur Charakterisierung seiner Figuren und zur Kritik an der aristokratischen Gesellschaft nutzte.
Die Arbeit nutzt Ansätze der Literaturwissenschaft, der historischen Soziolinguistik und der Übersetzungskritik, insbesondere das Nähe- und Distanzsprache-Modell von Koch/Oesterreicher.
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Einordnung der Frankophonie, die Analyse von Tolstois Biografie und dessen Werk sowie eine detaillierte Untersuchung der „fingierten Mündlichkeit“ durch spezifische Textbeispiele aus dem Roman.
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Frankophonie, fingierte Mündlichkeit, Identitätskonflikt, literarische Übersetzung und Bilingualismus geprägt.
Tolstoi nutzt die ausgeprägte Frankophonie der Kuragins vornehmlich als negatives Stereotyp für Oberflächlichkeit und Künstlichkeit, während die Sprachwahl der Bolkonskis oft neutraler oder als Ausdruck einer komplexen, traditionellen Identität gezeichnet wird.
Die Autorin argumentiert, dass die Beibehaltung der französischen Originalpassagen – wie von Barbara Conrad praktiziert – essenziell für den Erhalt der vom Autor intendierten Authentizität und sozialen Charakterisierung ist.
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