Magisterarbeit, 2008
86 Seiten, Note: 1,1
1. Zusammenfassung
2. Einleitung
3. Begriffsbestimmung ‘ADHS’
4. Psychoanalytische Positionen beim Verständnis von ‘ADHS’
4.1. Störungen der Selbst- und Objektabgrenzung
4.2. Abwehr depressiver Gefühle mit Sexualisierung und Aggressivierung
4.3. Bindungs- und Trennungsstörungen
4.4. Analytisch-systemische Verstehensgründe
4.5. Neurophysiologische Hintergründe zum Verständnis von ‘ADHS’
4.6. Zusammenfassung psychoanalytischer Positionen
5. Diagnostik
5.1 Geschichte der Diagnostik beim ‘ADHS’
5.2. Zur Situation der Diagnostik beim ‘ADHS’
5.3. Praxis der Diagnosestellung
5.4. Diagnoseinstrumente
5.4.1. Intelligenzdiagnostik
5.4.2. Fragebogenverfahren zur Erfassung von Verdachtsmomenten auf das ‘ADHS’
5.4.2.1. Die Conners-Skala zur Verhaltensbeurteilung hyperaktiver Kinder
5.4.2.2. Der Stärken und Schwierigkeiten Fragebogen
5.4.2.3. Der Cargive-Teacher-Report Form
5.4.2.4. Die Child Behaviour Checklist (CBCL)
5.4.2.5. DISYPS
5.4.3. Projektive Verfahren
5.4.3.1. Familie-in-Tieren
5.4.3.2. Sceno-Test
5.4.4. Zusammenfassung Diagnose
6. Diagnostiker
6.1. Lehrer/ Pädagogen
6.2. Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten
6.3. Ärzte/ Psychiater
7. Diskussion
8. Schlussfolgerungen
Die vorliegende Magisterarbeit verfolgt das Ziel, die gängige Praxis der Diagnostik bei ADHS aus einer psychoanalytischen Perspektive kritisch zu hinterfragen und die biologistisch-medizinische Einseitigkeit des vorherrschenden Verständnisses aufzuzeigen.
4.1. Störungen der Selbst- und Objektabgrenzung
Lars, 11 Jahre alt, wird von beiden Elternteilen zur psychotherapeutischen Behandlung vorgestellt. Er ist bereits in kinderpsychiatrischer Behandlung, erhält hoch dosiert Medikamente zur Eindämmung seines ‘ADHS’ durch das er in der Schule stark stört und zuhause nicht mehr steuerbar ist. Einerseits sind die Eltern mit der Medikation nicht einverstanden, andererseits wissen sie sich aber nicht anders zu helfen. Lars soll und muss funktionieren. Von Geburt an. Er selbst ist sehr aufmerksam bei dem Erstgespräch dabei, hört genau zu und kommentiert Ausführungen seiner Eltern. Er wünscht keine psychotherapeutische Behandlung, sieht sich aber genau in den Räumlichkeiten um.
Lars ist einziges Kind seiner Eltern, einem Gastwirtehepaar, das über der Gaststätte wohnt, in der beide berufstätig sind. Die Eltern der Mutter helfen bei der Erziehung aus, sind ausgesprochen nachgiebig, die Mutter pendelt zwischen Wohnung und Arbeitsplatz mit schlechtem Gewissen hin und her: Entweder wird sie ihre Ansprüchen an die Erziehung ihres Sohnes nicht gerecht oder sie erfüllt nicht die Ansprüche ihres Mannes, der sie dringend zur Mitarbeit in der Gastwirtschaft benötigt. So schaltet sie Lars oft und anhaltend den Fernseher ein, damit er seine Mutter nicht so vermisst und ruhig ist, während sie arbeiten geht. Anfangs erschien Lars häufig im Gastraum und suchte die Nähe zu seinen Eltern. Er wurde wieder in die Wohnung geschickt, wo seine Großmutter ihn – zu ihrer eigenen Beruhigung – vor den Fernseher setzte und ihm Essen anbot.
So gewöhnte sich Lars an eine mediale Welt, setzte alle Erwachsenen mit seinen Wünschen und einer Verweigerungshaltung unter Druck und macht eigentlich – sehr auf sich allein gestellt – was er will, was sich laufend in deutlichen Grenzüberschreitungen mit Gleichaltrigen im Dorf zeigt und die Umwelt appellativ zum haltenden, begrenzenden Handeln auffordert.
1. Zusammenfassung: Die Arbeit stellt psychoanalytische Gesichtspunkte zur ADHS-Problematik dar und analysiert kritisch die gängige, primär standardisierte Diagnosepraxis.
2. Einleitung: Hier wird das Spannungsfeld zwischen dem vorherrschenden biologisch-genetischen Verständnis und der psychoanalytischen Betrachtungsweise als beziehungs- und sozialorientierter Sinnzusammenhang skizziert.
3. Begriffsbestimmung ‘ADHS’: Dieses Kapitel befasst sich mit der Unschärfe und Verwirrung, die durch die Vielzahl an Begriffen und die mangelnde diagnostische Präzision des Syndrombegriffs entstehen.
4. Psychoanalytische Positionen beim Verständnis von ‘ADHS’: Der Fokus liegt hier auf Konfliktmodellen, Bindungs- und Trennungsstörungen sowie der Funktion der Symptomatik als Abwehrmechanismus.
5. Diagnostik: Es erfolgt eine detaillierte Auseinandersetzung mit Diagnoseinstrumenten, ihrer Anwendung in der Praxis und der Kritik an einer rein statistisch-psychometrischen Vorgehensweise.
6. Diagnostiker: Dieses Kapitel thematisiert die unklare Zuständigkeit und die konkurrierenden Interessen verschiedener Berufsgruppen innerhalb des Versorgungssystems.
7. Diskussion: Hier wird der Bedarf an interdisziplinären Kompetenznetzwerken betont, um über eine rein oberflächliche Diagnostik hinauszugehen und den Menschen in seiner Ganzheit zu erfassen.
8. Schlussfolgerungen: Die Arbeit schließt mit dem Plädoyer für ein tieferes Verständnis von ADHS, das Ursachenzusammenhänge und die Bedeutung korrigierender Beziehungserfahrungen in den Mittelpunkt stellt.
ADHS, Psychoanalyse, Bindungstheorie, Diagnostik, Verhaltensauffälligkeit, Psychodynamik, Erziehungsstil, Symptombildung, Kinderpsychotherapie, Beziehungsstörungen, Triangulierung, Fremdbeurteilung, medikamentöse Behandlung, Elternarbeit, subjektives Erleben.
Die Arbeit untersucht die gängige diagnostische Praxis bei ADHS aus einer psychoanalytischen Perspektive und kritisiert die einseitige Fokussierung auf biologische Erklärungsmodelle.
Die zentralen Themen sind psychoanalytische Konfliktmodelle, die Rolle der Bindungstheorie, die Kritik an standardisierten Fragebogen-Verfahren sowie die Bedeutung des sozialen und familiären Umfelds.
Das Ziel ist es, den "methodischen Bruch" in der aktuellen Diagnosepraxis aufzudecken, bei dem die individuelle Lebensgeschichte des Kindes hinter standardisierten, symptombasierten Verfahren zurücksteht.
Der Autor führt eine darstellende Inhaltsanalyse gängiger Diagnosepraxen durch und stützt sich dabei auf psychoanalytische Theoriebildung und klinische Fallbeispiele.
Der Hauptteil analysiert theoretische Positionen der Psychoanalyse, die Geschichte der Diagnostik, verschiedene Messinstrumente wie die Conners-Skala oder die CBCL sowie die Rolle der beteiligten Diagnostiker.
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Psychoanalyse, ADHS, Bindungsstörungen, Diagnostik, Symptomentwicklung und soziale Beziehungsdynamik charakterisieren.
Er argumentiert, dass Medikamente oft nur Symptome unterdrücken, ohne den zugrunde liegenden beziehungsdynamischen Konflikt oder die seelische Notlage des Kindes zu bearbeiten.
Der Autor sieht in der Einbeziehung der Eltern einen essenziellen Aspekt, kritisiert jedoch, dass diese oft aus der Verantwortung entlassen werden, indem die Störung einseitig auf das Kind als "Symptomträger" projiziert wird.
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