Examensarbeit, 2003
118 Seiten, Note: 1,5 (sehr gut)
1 Einleitung
Kapitel I: Die „zweite Geschichte“ des Nationalsozialismus
2 Ein Rückblick auf die Geschichte der „Vergangenheitsbewältigung“ in Deutschland
2.1 Die Instrumentalisierung der Erinnerung im innerdeutschen Systemkonflikt
2.1.1 „Politik mit der Erinnerung“ in der DDR
2.1.2 „Politik mit der Erinnerung“ in der alten Bundesrepublik nach 1945
2.2 Erinnerung zwischen Beschweigen, juristischer Aufarbeitung und moralischer Distanzierung
2.3 Erinnerung zwischen Historisierung und Singularität
2.4 Resümee
Kapitel II: Grundlagen der individuellen und kulturellen Erinnerung
3 Psychologische Aspekte der Erinnerung
3.1 Die Kodierung eines Ereignisses
3.2 Der Abruf von Erinnerungen
3.3 Erinnerungen konstruieren
3.4 Zeit und Autobiographie
3.4.1 Das Vergessen – eine adaptive Eigenschaft des Gedächtnisses
3.4.2 Die Konsolidierung von Erinnerungen
3.5 Die Erinnerung einer Lebensgeschichte
3.6 Emotionale Erinnerungen
3.7 Zusammenfassung der wesentlichen Merkmale des individuellen Gedächtnisses
4 Kulturelle Aspekte der Erinnerung
4.1 Individuelles und kollektives Gedächtnis
4.2 Die Außendimensionen des menschlichen Gedächtnisses
4.2.1 Das kommunikative Gedächtnis
4.2.2 Das kulturelle Gedächtnis
4.3 Der Übergang vom kommunikativen zum kulturellen Gedächtnis
4.4 Medien des Gedächtnisses – Sprache, Schrift, Bild
4.5 Zusammenfassung der wesentlichen Merkmale des kollektiven Gedächtnisses
4.6 Charakteristika moderner Erinnerungskulturen
4.6.1 Säkularisierung, technische Modernisierung und Politisierung der Erinnerungskultur
4.6.2 Demokratisierung und Materialisierung der Erinnerung
4.6.3 Globalisierung der Erinnerung
Kapitel III: Erinnerung nach Auschwitz
5 „Erinnern einer Wunde“ – Erinnerung der Überlebenden nach Auschwitz
5.1 Die Perspektive der Überlebenden
5.2 Die Scham der Überlebenden
5.2.1 Die Scham der Erinnerung
5.2.2 Die Scham, überlebt zu haben
5.2.3 Die Scham der Welt
5.3 Die Singularität der Katastrophe
5.4 Moralische Erinnerung
5.5 Resümee
6 Formen der Repräsentation von Erinnerung nach Auschwitz
6.1 Gedenkstätten, Denkmäler und Museen – Die Perspektive der Erinnerung
6.1.1 Die ersten Museen – ein Beweis der vollbrachten Vernichtung
6.1.2 Die Museen der Überlebenden – das Beweisen des Verbrechens
6.1.3 Die Nachkommen der Überlebenden – dem Schweigen eine Stimme geben
6.1.4 Yad Vashem und die Erinnerungskultur im Staat Israel
6.1.5 Dachau - Eine Gedenkstätte der Täter
6.1.6 Versöhnliche Erinnerung
6.2 Postmoderne Ästhetik des Holocaust
6.2.1 Vergangenheit aus zweiter Hand
6.2.2 Anti-erlöserische Erinnerung
6.2.3 Anti-erlöserische Erinnerung in Deutschland
6.3 Wie der Leere eine Form geben? - Das neue Jüdische Museum in Berlin
6.3.1 Eine Verortung
6.3.1.1 Das Jüdische Museum und das Berlin Museum
6.3.1.2 „Erweiterung des Berlin Museums mit Abteilung Jüdisches Museum“
6.3.2 „Between the Lines“ - Der Entwurf von Daniel Libeskind
6.3.2.1 Die vierdimensionale geistige Struktur des Gebäudes
6.3.2.2 „Zwischen den Linien“
6.3.2.3 „Void“
6.3.2.4 Die unterirdische Verbindung zwischen dem Berlin Museum und dem Erweiterungsbau Jüdisches Museum
6.3.3 Architektonische Skulptur versus Ausstellung
6.3.4 Resümee
6.4 Irritationen
7 Perspektiven: Verstehen – Erinnern – Schweigen
Die Arbeit untersucht die komplexe Funktion und Bedeutung der Erinnerung für das Individuum und die Gesellschaft, insbesondere im Kontext des Holocaust. Dabei wird die zentrale Forschungsfrage gestellt, wie eine Erinnerung an Auschwitz in das kulturelle Gedächtnis integriert werden kann, ohne das Ereignis zu banalisieren oder der Unmöglichkeit des Erinnerns zu unterliegen.
Die Scham der Welt
Schließlich gib es noch eine dritte Form von Scham, die abstrakteste, „(...)die Scham der Welt“. Diese Scham betrifft nicht einzelne Menschen, sondern sie betrifft die Spezies Mensch allgemein. Auschwitz hat gezeigt, zu was der Mensch fähig ist. Gemeint sind nicht nur die monströsen und wahnsinnigen Vertreter dieser Gattung, sondern, wie die Unmenschlichkeiten in Auschwitz unmissverständlich verdeutlicht haben, sind alle Mensch potentiell vom selben Schlag.
„Die Gerechten unter uns, weder größer noch geringer an der Zahl als in jeder anderen menschlichen Gemeinschaft, haben Gewissensqualen und Scham, kurz gesagt: Leiden für eine Schuld ertragen, die nicht sie, sondern andere verursacht hatten, in die sie sich aber dennoch verstrickt fühlten, weil ihnen bewusst war, daß das, was um sie herum vorging – sowohl in ihrem Beisein als auch in ihnen selbst – unwiderruflich war. Niemals mehr würde das abgewaschen werden können. Es hatte gezeigt, daß der Mensch, das menschliche Geschlecht, also kurz gesagt: wir, potentiell in der Lage sind, unendliches Leid hervorzurufen; und daß das Leid die einzige Kraft ist, die man aus dem Nichts erzeugt, ohne Kosten, ohne Mühen. Es reicht, wenn man nichts sieht, nichts hört, nichts unternimmt.“
Das Menschengeschlecht ist nach Auschwitz ein anderes, es ist die Gattung, die Auschwitz hervorgebracht hat.
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet das wachsende Interesse an der Aufarbeitung des Nationalsozialismus und führt in die existenzielle Bedeutung der Theologie "nach Auschwitz" ein.
2 Ein Rückblick auf die Geschichte der „Vergangenheitsbewältigung“ in Deutschland: Dieses Kapitel analysiert die politische Instrumentalisierung der Erinnerung in der DDR und der alten Bundesrepublik sowie die Phasen der Auseinandersetzung.
3 Psychologische Aspekte der Erinnerung: Es werden die Grundlagen individueller Erinnerungsprozesse wie Kodierung, Abruf und Konstruktion beschrieben und deren Bedeutung für die Identität erläutert.
4 Kulturelle Aspekte der Erinnerung: Hier wird das soziale Gedächtnis untersucht und die Bedeutung von Medien wie Sprache, Schrift und Bild für die kulturelle Formung von Erinnerung dargelegt.
5 „Erinnern einer Wunde“ – Erinnerung der Überlebenden nach Auschwitz: Das Kapitel befasst sich mit der spezifischen Perspektive der Überlebenden, dem Phänomen der Scham und der Unverstehbarkeit des Holocaust.
6 Formen der Repräsentation von Erinnerung nach Auschwitz: Eine Analyse verschiedener Gedenkstätten und Museen sowie architektonischer Ansätze wie des Jüdischen Museums in Berlin zur Repräsentation des Unvorstellbaren.
7 Perspektiven: Verstehen – Erinnern – Schweigen: Das Fazit fasst die Aporie der Erinnerung nach Auschwitz zusammen und betont die Notwendigkeit, das Wissen um den Verlust wachzuhalten.
Auschwitz, Erinnerungskultur, Kollektives Gedächtnis, Holocaust, Vergangenheitsbewältigung, Identität, Überlebende, Scham, Gedenkstätten, Jüdisches Museum Berlin, Anamnetische Kultur, Moralische Erinnerung, Repräsentation, Singularität, Postmoderne Ästhetik
Die Arbeit befasst sich mit der theoretischen und praktischen Auseinandersetzung mit der Erinnerung an den Holocaust ("Erinnerung nach Auschwitz") in Deutschland und deren Bedeutung für die heutige Identität.
Zentrale Themen sind die psychologischen Grundlagen des Gedächtnisses, die kulturelle Formung von Erinnerung sowie die verschiedenen Formen der Repräsentation des Holocaust in Museen, Denkmälern und Literatur.
Ziel ist es zu klären, wie das traumaerfüllte und unvorstellbare Ereignis Auschwitz in das kollektive Gedächtnis integriert werden kann, ohne dessen Einzigartigkeit und den damit verbundenen Schrecken zu verfälschen.
Es handelt sich um eine interdisziplinäre kulturwissenschaftliche und theologische Analyse, die auf der Auswertung von Fachliteratur sowie zeitgenössischen philosophischen und psychologischen Theorien basiert.
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung individueller Erinnerungsprozesse, die Analyse politischer Debatten in Deutschland sowie die kritische Betrachtung von Gedenkstätten und der architektonischen Repräsentation durch Daniel Libeskind.
Wichtige Begriffe sind unter anderem die „anamnetische Kultur“, die „Singularität von Auschwitz“, das „kollektive Gedächtnis“ sowie die „Aporie des Erinnerns“.
Scham ist laut Primo Levi ein zentrales, komplexes Gefühl bei Überlebenden, unterteilt in die Scham der Erinnerung, die Scham überlebt zu haben und die abstrakte Scham der Welt.
Es wird so genannt, da sein architektonisches Konzept nicht auf die Präsentation vorhandener Exponate zielt, sondern das Verschwundene und die Abwesenheit der vernichteten jüdischen Kultur zum eigentlichen Inhalt macht.
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