Doktorarbeit / Dissertation, 2002
224 Seiten, Note: legitime
I. EINLEITUNG
1. DAS KONZEPT “SUCHT” UND “SUCHTKARRIERE”
1.1 UNTERSCHIEDLICHE PERSPEKTIVEN VON SUCHTKARRIERE(N)
1.1.1. Die Perspektive der Medizin: Sucht als Krankheit
1.1.2. Entwicklungspsychologische Perspektiven: Sucht als zeitlich begrenzter und altersabhängiger Reifungsprozess
1.1.3. Die Perspektive der soziologischen Forschung: Suchtkarriere als Sozialisation und Labelingprozess
1.1.3.1.Das Verständnis von sozialer Identität
1.1.3.2.Das Verständnis von persönlicher Identität
1.1.3.3.Das Verständnis von Ich- Identität
1.2. GESELLSCHAFT UND DROGENPROBLEMATIK – WANDEL DER KONZEPTE UND DES VERSTÄNDNIS DER DROGENSUCHT
1.2.1. Zum Beginn des Prohibitionismus und eines öffentlich-moralischen Problems
1.2.2. Der Drogenabhängige als kranker, jedoch selbstverantwortlicher psychosozialer Akteur
1.2.3. Der portugiesische Kontext
1.3. DIE REPRÄSENTATION DER DROGENABHÄNGIGKEIT – EINE INSTITUTIONELLE PERSPEKTIVE
1.3.1. Die Repräsentation des biopsychosozialen Paradigmas
2. DIE QUALITATIVE SOZIALFORSCHUNG UND DAS INTERPRETATIVE PARADIGMA
2.1. FORSCHUNGSDESIGN
3. DAS “AUSGESTIEGEN-SEIN” ERLEBEN: NEUORGANISATION DER IDENTITÄT, VERÄNDERUNG DES SELBST, BIOGRAFISCHE RUPTUR, REKONZEPTUALISIERUNG DER SOZIALEN KOMPETENZEN
3.1. INTERVIEW SITUATIONEN ALS REFLEKTIVER MOMENT DES SUCHTIDENTITÄTWANDELS
3.2. MOTIVATIONEN ZUR VERÄNDERUNG
3.2.1. “Positive reinforcement” Interaktion
3.2.2. Leidensdruck
3.2.3. Interaktion mit dem Selbst
3.2.4. Erschwerte Zugang zu Konsumgelegenheiten
3.2.5. Ausstieg und “turning-point” Erfahrung
3.3. NEUE ROLLENBESETZUNG UND IDEALISIERTES ROLLENVERHALTEN
3.3.1. Suchtausstieg, Rollenbesetzung und Eindrucksmanipulation
3.3.2. Die Rolle der Sprache beim Verkauf von Kredibilität
3.3.2.1.Beispiele der Aneignung sozial kredibler Sprachen
3.3.3. Idealisierte Rollen, virtuelle soziale Identität und Prestigesymbole
3.3.4. Die positive und die negative Visibilität
3.3.5. Suchtausstieg und Identitäts-Ambivalenz
3.4. PROZESS DER MODULATION UND REDEFINITION VON NORMEN UND WERTEN
4. WEGE ZUR KONSTRUKTION EINER SUCHTAUSSTIEGS - IDENTITÄT
4.1. SUCHTAUSSTIEG ALS AKTIVER PROZESS DER GUTEN IMAGEPFLEGE
4.2. DIE SOZIALE DARSTELLUNG DES IDENTITÄREN NEUANFANGS
4.2.1. Sozialer Rückzug als Darstellung des identitären Neuanfangs
4.2.1.1.Der “freiwillige” Rückzug in eine Instituition
4.2.1.2.Der nichtinstitutionelle identitäre Rückzug
4.3. ZUM ALLGEMEINEN IDENTITÄREN BEDÜRFNIS “PLUSPUNKTE” ZU SAMMELN
4.3.1. Beschreibung einiger Verhaltensmerkmale die eine Ausstiegskarriere symbolisieren
4.3.1.1.Die Symbolisierung der Unterwürfigkeit
4.3.1.2.Die Fähigkeit der konstruktiven Ausdruckskontrolle
4.4 DIE ZEREMONIE DER EHRERBIETUNG
4.4.1. Die Vermeidungsrituale
4.4.2. Die Zuvorkommenheitsrituale
4.5. IMAGEPFLEGE, EHRERBIETUNG UND BENEHMEN
4.6. ÜBER DIE ROLLE DER THERAPEUTISCHEN INSTITUTIONEN ZUR BEIBEHALTUNG DER EHRERBIETUNGSRITUALE
4.7. SUCHTAUSSTIEG UND BEDEUTENDE IDENTITÄRE (VERÄNDERUNGS)MECHANISMEN
4.7.1. Die Reduktion von Dissonanzen
4.7.2. Scham und Suchtausstieg
4.7.2.1.Schamgefühle und die nicht erfüllte Erwartung des beruflichen Erfolges durch die Suchtkarriere
4.7.2.2. Schamgefühle und die nicht erfüllte Erwartung innerhalb der Familie
4.7.2.3. Schamgefühle und traumatische Erlebnisse
4.7.2.4.Die Strategie des sozialen Rückzugs
4.7.2.5.Schamgefühle und der Niedergang des “Babykönigs”
4.7.3. Suchtausstieg und der Neid
4.7.3.1.Der Neid und die Identifikation
4.7.3.2.Der Neid innerhalb der Beziehung zwischen Geschwistern
4.7.4. Definition von Suchteinstiegsatributionen
5. “WIE DEFINIERE ICH MEINE NEUE BEZIEHUNG ZUM PRODUKT UND ZUM MILIEU?” – TYPOLOGIE IDENTITÄRER BEZIEHUNGEN ZUM DROGENMILIEU UND ZUM PRODUKT DROGE
5.1. AUSSTIEGSKARRIERE DES TYPS 1: VOM JUNKIE ZUM TOTALEN ABSTINENZLER - DIE FUNDAMENTALISTEN
5.1.1. Die Dimension des Suchtausstiegs als erlebter Neuanfang
5.1.1.1.“...als ich ein klein war, hatte ich einenTraum...” – die Symbolisation der Traumerfüllung durch den Neuanfang
5.1.1.2.Die Suchtkarriere als zweite, aber diesmal “richtige” Jugend
5.1.2. Die Dimension des Suchtausstiegs als Konversionskarriere
5.1.3. Die Dimension des Suchtausstiegs als Rehabilitation verlorengegangener identitärer Referenzen
5.1.4. Die Dimension des Suchtausstiegs als eine altruistische Suchtausstiegskarriere
5.2. AUSSTIEGSKARRIERE DES TYPS 2: VOM FREUDIGEN JUNKIE ZU EINEM SELEKTIVEN KONSUM – DIE RISIKOFREUDEN
5.2.1. Die Suche nach dem idealen Produkt: “Was konsumieren, dass mir nicht schadet?”
5.2.2. Die Dimension der kontrollierten Wochenendkonsumenten: „Wie nur ab und zu mal stoned sein“
5.3. EXKURS: AUSSTIEGSVERSUCHE ODER DIE IDENTITÄRE PROBLEMATIK DES SUCHTSELBSTES IN WANDLUNG
5.3.1. Die identitäre Problematik der Bewältigung des Alltags: „Ich bin ein normaler Typ der morgens arbeiten gehen muss“
5.3.2. Das Aufarbeiten von erfolglosen Suchtbehandlungen: „...es ist während der Behandlung nichts geblieben was hätte bleiben sollen...“
5.3.3. Der spontane Ausstieg im Gegensatz zu programmierten Ausstiegsversuchen: „Der Klick der mir später passiert ist hätte früher passieren sollen“
5.3.4. Psychosoziale Probleme die einen Ausstieg lange Zeit nicht ermöglichen: „Ich habe endlich angefangen mich zu öffnen“
5.3.5. Fehlgeleitete Ausstiegsversuche und der Versuch den Konsum kognitiv zu kontrollieren: „Ich habe nichts kontrolliert und bin wieder zurückgefallen“
5.3.6. Rückfälle und die Reduktion der Sucht auf eine exklusiv körperliche Abhängigkeit
II. SCHLUSSBETRACHTUNG
Die vorliegende Arbeit untersucht die identitären Mechanismen und Strategien, die bei Suchtakteuren zur Anwendung kommen, wenn diese seit mindestens zwei Jahren als "ausgestiegen" gelten. Im Zentrum steht die soziologische Analyse, wie ehemalige Suchtabhängige ihre Identität neu organisieren, ihr Selbstbild transformieren und ihre sozialen Kompetenzen rekonzeptualisieren, um sich als ausgestiegene Akteure in der Gesellschaft zu positionieren und Kredibilität zu erlangen.
3.1. INTERVIEWSITUATION ALS REFLEKTIVER MOMENT DES SUCHTIDENTITÄTWANDELS
An erster Stelle geht es mir darum über die Situation des Interviews nachzudenken und die vom Interviewpartner vorgestellte Geschichte. Im Rahmen dieser Forschungsarbeit geht es um die vorgestellte und subjektive Erfahrung des Suchtausstiegs, innerhalb dieses formalisierten und institutionalisierten Rahmen eines „Interviews“, zu verstehen. Dabei ist die gesellschaftliche Situation des Interviews und die Rolle die dieses im aktuellen gesellschaftlichen Kontext spielt zu erörtern. Das Interview ist die Form in der der Standpunkt des Forschungssubjektes, in meinem Fall das Individuum welches bestimmte Kriterien erfüllt um „ausgestiegen“ zu sein, zur Geltung gebracht wird.
Innerhalb des Interviewrahmens gibt uns der Interviewpartner, der sich seit seines Suchtausstiegs eine Fähigkeit zum reflektiven Denken angeeignet hat und dieses in Form einer gesellschaftlichen anerkannten Kommunikationsweges und Verhaltens, nämlich der Sprache, seine Erfahrung was für ihn sein Suchtausstieg bedeutet, wieder. So kann der dargestellte Suchtausstieg als ein Prozess der bewußten Identitätskonstruktion gesehen werden, der durch reflektives Denken, welches wiederum durch eine angelernte und gesellschaftliche akzeptierte Sprache, ermöglicht wird.
Dabei ist es wichtig den Suchtausstieg als ein Verhalten der Aneignung von „kleinen und infolgedessen handlichem Vokabular von Fassaden auf die die Akteure zu reagieren wissen um sich in sehr verschiedenen Situationen orientieren zu können“ (Goffman gibt uns das Beispiel von Kaminkehrer und Perfümverkäufer in London, die weiße Laboratoriumskittel tragen um den Eindruck zu erwecken, daß die Verkäufer schwierige Aufgaben in einer standadisierten, klinisch reinen und vertrauenswürdigen Weise erledigen). In unserem Falle sind alle Interviewpartner was man als gesellschaftlich gepflegt nennt, d.h., z.B., gepflegt angezogen, etc., zum Interview kommen, pünktlich zum vereinbarten Termin erschienen, beispielsweise bei Olinda mit Ehemann und Kind kommen und vor einem Supermarkt zu treffen, etc.
DAS KONZEPT “SUCHT” UND “SUCHTKARRIERE”: Dieses Kapitel legt die theoretischen Grundlagen dar, indem es medizinische, psychologische und soziologische Perspektiven auf Suchtkarrieren sowie deren historische Entwicklung und institutionelle Repräsentation analysiert.
DIE QUALITATIVE SOZIALFORSCHUNG UND DAS INTERPRETATIVE PARADIGMA: Hier wird der methodologische Rahmen der Arbeit etabliert, welcher auf der qualitativen Sozialforschung und dem symbolischen Interaktionismus basiert, um das subjektive Erleben des Suchtausstiegs zu erfassen.
DAS “AUSGESTIEGEN-SEIN” ERLEBEN: NEUORGANISATION DER IDENTITÄT, VERÄNDERUNG DES SELBST, BIOGRAPHISCHE RUPTUR, REKONZEPTUALISIERUNG DER SOZIALEN KOMPETENZEN: Dieses Kapitel untersucht die subjektiven Erfahrungen, Motivationen und die Rolle der Sprache, die bei der Neuorganisation der Identität nach dem Suchtausstieg eine zentrale Rolle spielen.
WEGE ZUR KONSTRUKTION EINER SUCHTAUSSTIEGS - IDENTITÄT: Es werden grundlegende Mechanismen wie Imagepflege, soziale Darstellung und rituelle Ausgleichshandlungen analysiert, durch die Akteure ihre neue Ausstiegsidentität in sozialen Kontexten validieren.
“WIE DEFINIERE ICH MEINE NEUE BEZIEHUNG ZUM PRODUKT UND ZUM MILIEU?” – TYPOLOGIE IDENTITÄRER BEZIEHUNGEN ZUM DROGENMILIEU UND ZUM PRODUKT DROGE: Abschließend werden aus dem empirischen Material Typologien entwickelt, die zeigen, wie verschiedene Ausstiegskarrieren unterschiedliche Formen der Beziehung zu Drogen und Milieu ausprägen.
Suchtausstieg, Suchtkarriere, Identitätskonstruktion, Erving Goffman, Symbolischer Interaktionismus, qualitative Sozialforschung, psychosoziale Rehabilitation, Identitätswandel, Suchtidentität, Ausstiegskarriere, soziale Repräsentation, Biographieforschung, Stigmatisierung.
Die Arbeit befasst sich mit den Strategien und Mechanismen der Identitätsveränderung bei ehemaligen Suchtabhängigen, die seit mindestens zwei Jahren keine Drogen mehr konsumieren. Der Fokus liegt auf der soziologischen Perspektive der Identitätskonstruktion im Alltag nach dem Ausstieg.
Die Schwerpunkte umfassen das Konzept der Suchtkarriere, die Identitätstheorie nach Erving Goffman, die Rolle von Selbstdarstellung und Sprache bei der sozialen Reintegration sowie die Typologie verschiedener Ausstiegswege aus der Drogensucht.
Das Hauptziel ist es, zu verstehen, wie und durch welche identitären Mechanismen Suchtakteure, die sich selbst als ausgestiegen definieren, ihre neue Ausstiegsidentität konstruieren und wie diese in der sozialen Interaktion sowie in Institutionen validiert wird.
Die Arbeit nutzt ein qualitativ-interpretatives Forschungsdesign. Dabei wurden thematisch strukturierte, narrative Interviews mit 14 ausgestiegenen Suchtakteuren im Raum Lissabon durchgeführt und biographisch analysiert.
Der Hauptteil analysiert die Neuorganisation des Selbst nach der Suchtphase, die Bedeutung von Motivation und Sprache, verschiedene Typen von Ausstiegskarrieren sowie die soziopolitische Einbettung dieser Prozesse in den Kontext der portugiesischen Suchtpolitik.
Die zentralen Begriffe sind Identitätsreorganisation, Suchtausstiegskarriere, symbolischer Interaktionismus, Impression Management (Eindrucksmanagement), Stigma-Management, Verlaufskurven und die soziologische Interpretation des Alltags.
Goffmans Konzepte von "Dramaturgie" und "Selbstdarstellung im Alltag" bieten ein theoretisches Fundament, um die interaktionellen Prozesse zu deuten, durch die die ausgestiegenen Akteure ihr neues, gesellschaftlich akzeptiertes Image (Vorderbühne) inszenieren und ihre Suchtvergangenheit (Hinterbühne) kontrollieren.
Der portugiesische Kontext wird als Fallbeispiel genutzt, um zu zeigen, wie sich nationale Suchtpolitiken – von prohibitionistischen Ansätzen hin zu biopsychosozialen Paradigmen – auf die institutionelle Behandlung und die individuelle Ausstiegserfahrung der Akteure auswirken.
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