Bachelorarbeit, 2021
49 Seiten, Note: 1,3
1 Einleitung
2 Theoretische Grundlagen
2.1 Zum Stand der Drogen- und Suchtforschung
2.1.1 Drogen und Drogenkonsum im Kontext Sozialer Wirkfaktoren
2.1.2 Suchtmodelle im aktuellen wissenschaftlichen Diskurs
2.1.3 Reflexive Suchtforschung
2.2 Zum Verhältnis von Wissen und Wirklichkeit
3 Rausch-Sünde-Krankheit - Ein geschichtlicher Abriss
4 Zum naturwissenschaftlich-medizinischen Suchtmodell
4.1 Diagnosekriterien
4.2 Theorien der genetischen Prädisposition
4.3 Pathophysiologische Theorien
4.4 Behandlung und Therapie
4.5 Zusammenfassung der Analyse
5 Semantiken des Krankheitskonzepts
5.1 Drogensemantik
5.2 Suchtsemantik
5.3 „Sucht“ und Alltagstheorie
6 Die interaktionistische Reproduktion der „Sucht“
7 Perspektiven einer kritisch-reflexiven Sozialen Arbeit
8 Fazit
Die Arbeit untersucht kritisch das medizinische Krankheitsmodell von „Sucht“ aus einer sozialwissenschaftlichen Perspektive und analysiert, wie dieses Modell durch Definitions- und Zuschreibungsprozesse das Handeln von drogenkonsumierenden Menschen beeinflusst und Stigmatisierungen reproduziert.
Die interaktionistische Reproduktion der „Sucht“
Letztendlich bleibt die Frage zu beantworten, wie sich die beschriebenen Semantiken des Krankheitskonzepts der „Sucht“ auf das Handeln von Drogenkonsument*innen auswirken können. Dollinger und Schmidt-Semisch bezeichnen Wechselwirkungsprozesse dieser Art als „doing addiction“. Die Verwendung des Begriffs ist angelehnt an den bekannten Ansatz des „doing gender“ aus der sozialwissenschaftlichen Geschlechterforschung. Geschlecht ist demgemäß keine objektive oder vorsozial gegebene Kategorie, sondern wird erst durch die interaktive Hervorbringung männlichen oder weiblichen Verhaltens erzeugt. Ausgehend von unserem kulturell etablierten Wissen über die Verhaltensunterschiede der Geschlechter interpretieren wir unser Gegenüber als männlich oder weiblich (vgl. Dollinger & Schmidt-Semisch, 2010, S. 4). Diese Vorstrukturierung unseres Denkens kann als Zuschreibung bzw. Sinnzuweisung verstanden werden. Demgemäß erwarten wir dann ein bestimmtes Verhalten von einer Person, die wir aufgrund bestimmter Merkmale beispielsweise als weiblich einordnen und vermitteln diese Wahrnehmung dann kommunikativ, z.B. über die Verwendung der weiblichen Pronomen. Somit wird Weiblichkeit, oder Männlichkeit erst durch wechselseitiges aufeinander bezogenes Handeln hergestellt.
Geschlecht ist also nicht ein Merkmal von Personen, sondern von sozialen Situationen bzw. Interaktionen und verweist damit zugleich auf ein kulturell tief verwurzeltes Wissen zur Differenz der Geschlechter, das durch das konkrete Handeln (aller Beteiligten) permanent aktualisiert und reproduziert wird - und vor dessen Hintergrund wir uns verhalten wie ein Mann oder wie eine Frau. (ebd.)
Diese theoretische Fundierung des „doing gender“ kann analog auch auf „süchtiges“ Verhalten bezogen werden. Vor diesem Hintergrund wäre auch „Sucht“ kein objektiv bestimmbares oder inhärentes Merkmal eines Individuums. Es ist anzunehmen, dass die Verhaltensattribute, welche Drogenkonsument*innen durch den übergeordneten Suchtdiskurs zugeschrieben werden, sich gleichermaßen im Individuum reproduzieren können, sprich „süchtiges Verhalten“ durch wechselseitige Interaktion hergestellt wird.
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik der problematisierten Bilder von drogenkonsumierenden Menschen ein und benennt das Erkenntnisinteresse, Suchtmodelle kritisch zu hinterfragen.
2 Theoretische Grundlagen: Dieses Kapitel legt die theoretische Basis durch die Betrachtung von Drogen- und Suchtforschung sowie symbolisch-interaktionistischer Theorien zum Verhältnis von Wissen und Wirklichkeit.
3 Rausch-Sünde-Krankheit - Ein geschichtlicher Abriss: Der historische Abriss zeigt die Wandlung der gesellschaftlichen Bewertung von Drogenkonsum von einer Rausch- oder Sündenerfahrung hin zum modernen Krankheitsparadigma.
4 Zum naturwissenschaftlich-medizinischen Suchtmodell: Das Kapitel analysiert medizinische Diagnosekriterien sowie genetische und pathophysiologische Theorien zur Suchtentstehung und unterzieht diese einer sozialwissenschaftlichen Kritik.
5 Semantiken des Krankheitskonzepts: Hier werden die Drogensemantik und Suchtsemantik als symbolische Strukturen herausgearbeitet, die unser Alltagswissen über „Sucht“ prägen.
6 Die interaktionistische Reproduktion der „Sucht“: Dieses Kapitel erläutert den Prozess des „doing addiction“ und wie gesellschaftliche Erwartungen das Selbstbild und Handeln von Konsument*innen beeinflussen.
7 Perspektiven einer kritisch-reflexiven Sozialen Arbeit: Es werden Handlungsansätze für eine Soziale Arbeit skizziert, die sich von starren Pathologisierungsmustern distanziert und die Autonomie der Adressat*innen in den Mittelpunkt stellt.
8 Fazit: Das Fazit fasst die Kritik am medizinischen Suchtparadigma zusammen und plädiert für einen einzelfallbezogenen, flexiblen Umgang in der Drogenhilfe.
Sucht, Drogenkonsum, Suchtmodell, Krankheitskonzept, Medizin, Soziale Arbeit, Suchtsemantik, Drogensemantik, Doing Addiction, Stigmatisierung, Symbolischer Interaktionismus, Handlungsforschung, Pathologisierung, Autonomie, Reflexive Soziale Arbeit.
Die Arbeit widmet sich der kritischen Untersuchung des medizinischen Suchtparadigmas und dessen Auswirkungen auf das Verständnis und die Behandlung von drogenkonsumierenden Menschen.
Zentrale Themen sind die historische Entwicklung des Suchtbegriffs, medizinische Erklärungsmodelle, die soziale Konstruktion von „Sucht“ durch Semantiken sowie die Rolle dieser Prozesse in der Sozialen Arbeit.
Ziel ist es, das medizinische Suchtmodell sozialwissenschaftlich zu hinterfragen, um ein differenzierteres Verständnis von Drogenkonsum zu fördern und eine kritisch-reflexive Praxis in der Sozialen Arbeit anzuregen.
Die Arbeit nutzt eine deskriptiv-analytische Vorgehensweise unter Einbeziehung von Literatur aus Soziologie, Medizin und Kulturanthropologie, insbesondere aus dem Bereich der reflexiven Suchtforschung.
Der Hauptteil behandelt die theoretischen Grundlagen, einen geschichtlichen Abriss zur Entwicklung des Suchtkonzepts, eine kritische Analyse des medizinischen Modells sowie die Untersuchung der interaktionistischen Reproduktion von „Sucht“.
Wesentliche Begriffe sind Sucht, Drogenkonsum, Suchtsemantik, Doing Addiction, Stigmatisierung, Krankheitsparadigma und reflexive Soziale Arbeit.
Diese Theorie ist eine klassische Annahme der Alkoholabhängigkeit, nach der ein „trockener Alkoholiker“ durch den kleinsten Konsum sofort wieder in ein süchtiges Trinkmuster zurückfällt.
Während das medizinische Modell „Sucht“ als inhärente Hirnkrankheit betrachtet, versteht „doing addiction“ süchtiges Verhalten als ein Produkt interaktiver Zuschreibungsprozesse und sozialer Situationen.
Die Autorin kritisiert, dass das Modell den Fokus auf biologische Defizite legt, eine scheinbare Objektivität suggeriert und bei Konsumenten eine kognitive Erwartungsstruktur der Hilflosigkeit sowie Stigmatisierung hervorrufen kann.
Der GRIN Verlag hat sich seit 1998 auf die Veröffentlichung akademischer eBooks und Bücher spezialisiert. Der GRIN Verlag steht damit als erstes Unternehmen für User Generated Quality Content. Die Verlagsseiten GRIN.com, Hausarbeiten.de und Diplomarbeiten24 bieten für Hochschullehrer, Absolventen und Studenten die ideale Plattform, wissenschaftliche Texte wie Hausarbeiten, Referate, Bachelorarbeiten, Masterarbeiten, Diplomarbeiten, Dissertationen und wissenschaftliche Aufsätze einem breiten Publikum zu präsentieren.
Kostenfreie Veröffentlichung: Hausarbeit, Bachelorarbeit, Diplomarbeit, Dissertation, Masterarbeit, Interpretation oder Referat jetzt veröffentlichen!

