Magisterarbeit, 1997
155 Seiten, Note: sehr gut
Einleitung
TEIL 1: DIE AUTOBIOGRAPHIE ALS GATTUNG
A. Forschungsbericht zur Autobiographie
B. Zur Entwicklung der Autobiographik - Stationen der Gattungsgeschichte
1. Die religiöse Autobiographik
a) Die Confessiones des Augustinus
b) Die deutsche Mystik
2. Die weltliche Autobiographik
3. Renaissance und Barock
4. Die religiöse Autobiographik des Pietismus
5. Die klassische Zeit der Autobiographie
a) Jean-Jacques Rousseau
b) Johann Wolfgang von Goethe
6. Die Autobiographik im 19. und 20.Jahrhundert
TEIL 2: DAS MITTELALTER ALS BEDINGUNGSRAHMEN FÜR AUTOBIOGRAPHISCHES SCHREIBEN
A. Historische Voraussetzungen und Zugangsweisen
1. Historische Bedingtheit der Subjektivität
a) Historische Distanz und Annäherungsversuche
b) Historischer Wandel der Mentalitäten
c) Historische Anthropologie
B. Das Autobiographische im Mittelalter
1. Zur Forschungslage
2. Überlegungen zur Begrifflichkeit von Autobiographie im Mittelalter
3. Stationen der Gattungsgeschichte im Mittelalter
a) Vita, Legende und Confessiones
b) Abälard
c) Autobiographik im späteren Mittelalter
1. Familienbücher und kaufmännische Merkbücher
2. Reisebeschreibungen und ritterliche Autobiographik
d) Frauendienst
TEIL 3: DIE "AUTOBIOGRAPHISCHE LYRIK" OSWALDS VON WOLKENSTEIN
A. Exkurs: Zur Forschung zu Oswald von Wolkenstein
B. Versuch einer Definition des Autobiographischen im Mittelalter
C. Darstellungsdispositionen des Autobiographischen im Mittelalter
1. Weltliche und geistliche Autobiographik unter formalen Gesichtspunkten
2. Oswalds Alterslieder - Variationen geistlicher Autobiographik
3. Die autobiographische Mitteilung
a) der autobiographische Beweis
4. Die Handlungs-Autobiographie
5. Die Darstellung eines einzelnen Ereignisses innerhalb der autobiographischen Lyrik Oswalds von Wolkenstein
6. Räumliche und zeitliche Disposition der Verlaufsform von Handlungs-Autobiographie
7. Typenstammbaum für das Autobiographische im Mittelalter
D. Die "autobiographische Lyrik" Oswalds im Kontext wesentlicher Einflußfaktoren
1. Dichtung und Wahrheit - ein zulässiger Dualismus bei der Bewertung von Kunstwerken
2. "Realismus" im Spätmittelalter und bei Oswald?
3. Oswalds autobiographische Lyrik als Erlebnisdichtung?
4. Das Problem des lyrischen Ichs
5. Oswalds Namensnennung und ihre Bedeutung für seine autobiographischen Lieder
6. Exkurs: Die mittelhochdeutsche Lyrik als Darstellungsrahmen des Autobiographischen im Mittelalter
7. "Autobiographische Lieder" und Publikum
8. "Autobiographische Lieder" - Motivation und Funktion
9. Artistik und literarische Kompetenz als Primärimpetus für autobiographisches Schreiben bei Oswald
E. Zusammenfassung und Ergebnisse
Diese Arbeit untersucht das autobiographische Schreiben Oswalds von Wolkenstein vor dem Hintergrund der mittelalterlichen Gattungstradition und der spezifischen Bedingungen literarischer Produktion im Spätmittelalter. Ziel ist es, die häufig vorgenommene, aber methodisch problematische Klassifizierung als "Autobiographie" im modernen Sinne zu hinterfragen und stattdessen eine historisch adäquate literaturwissenschaftliche Einordnung zu finden.
Die "autobiographische Lyrik" Oswalds im Kontext wesentlicher Einflußfaktoren
Der vorgelegte Typenstammbaum ist nur ein Teil des Versuches, Oswalds autobiographische Dichtung näher und genauer zu bestimmen und ihre Bedeutung innerhalb des Autobiographischen im Mittelalter zu erfassen. Zur Darstellung der Dispositionsarten hinzukommen muß die Untersuchung, inwieweit Oswalds Leben Eingang in seine Lieder gefunden hat. Das heißt anders formuliert: Wie hat Oswald die empirsche Realität, die hinter seiner Dichtung aufscheint und die sich durch Einstilisierung biographischer Elemente in seine Gedichte manifestiert, poetisch-literarisch transformiert, und inwiefern ist es legitim, von seinen "autobiographischen Liedern" auf eine wie auch immer geartete, gelebte Realität zurückzuschließen? Flankiert werden muß eine so geartete Untersuchung durch die Darlegung, welche Absichten Oswald mit der Stilisierung seines Ichs, die als biographische Konkretisierungen in seinen "autobiographischen Liedern" zum Ausdruck kommen, verfolgt haben könnte. Für welches Publikum waren seine Lieder konzipiert und welche Wirkung wollte er mit ihnen erzielen? Die Frage nach der beabsichtigten Wirkung seiner Lieder ist zugleich jene nach der Motivation des Dichters.
Der erste Komplex berührt die berühmte Frage nach "Dichtung und Wahrheit" in Oswalds Liedern. Diese zur Pilatus-Frage der Oswald-Forschung gewordene Problemstellung konnte in den letzten Jahren erheblich beleuchtet und entschärft werden. Gleichzeitig berührt dieser Bereich die Frage nach der spezifischen Ausdrucksform des Lyrischen im Zusammenhang mit autobiographischen Texten. Die beiden Bereiche hängen deshalb so eng zusammen, weil die Beurteilung des Ichs in Oswalds Liedern gleichzeitig den Realitätsstatus der von diesem Ich getroffenen Aussagen betrifft.
TEIL 1: DIE AUTOBIOGRAPHIE ALS GATTUNG: Dieser Teil bietet einen Überblick über die historische Gattungsgeschichte der Autobiographie und diskutiert gattungstheoretische Ansätze, wobei besonders die "klassische" Autobiographie des 18. und 19. Jahrhunderts als normatives Modell kritisch hinterfragt wird.
TEIL 2: DAS MITTELALTER ALS BEDINGUNGSRAHMEN FÜR AUTOBIOGRAPHISCHES SCHREIBEN: Hier werden die historischen und mentalitätsgeschichtlichen Voraussetzungen erläutert, die das autobiographische Schreiben im Mittelalter prägten und von der neuzeitlichen Entwicklung unterschieden.
TEIL 3: DIE "AUTOBIOGRAPHISCHE LYRIK" OSWALDS VON WOLKENSTEIN: Der Hauptteil analysiert Oswalds Lieder unter Einbeziehung formaler und funktionaler Aspekte und untersucht, wie Oswald biographisches Material zur künstlerischen Stilisierung nutzt.
Oswald von Wolkenstein, Autobiographie, Mittelalter, Spätmittelalter, literarische Gattung, Lyrik, Selbstdarstellung, Dichtung und Wahrheit, Stilisierung, Autobiographische Mitteilung, Literaturwissenschaft, Mentalitätsgeschichte, Individualität, Literaturgeschichte, Rezeptionsästhetik
Die Magisterarbeit untersucht das autobiographische Schreiben bei Oswald von Wolkenstein und analysiert, inwieweit moderne Gattungsbegriffe auf mittelalterliche Lyrik angewendet werden können.
Die Themen umfassen die Geschichte der Autobiographie, die historischen Rahmenbedingungen im Mittelalter, die Abgrenzung von "Dichtung und Wahrheit" sowie die künstlerische Stilisierung des lyrischen Ichs.
Das Ziel ist eine sachgerechte Einordnung von Oswalds "autobiographischen Liedern" in den historischen Gattungskontext, fernab einer normativen Interpretation durch das klassische Autobiographie-Modell.
Der Autor nutzt einen literaturwissenschaftlichen Ansatz, der Mentalitätsgeschichte und eine kritische Auseinandersetzung mit der bisherigen Forschung zur Autobiographie kombiniert.
Der Hauptteil gliedert sich in eine gattungsgeschichtliche Einführung, die Bedingungsrahmen des Mittelalters und eine detaillierte Analyse der "autobiographischen Lyrik" Oswalds inklusive ihrer Einflußfaktoren.
Die Arbeit fokussiert auf Begriffe wie Autobiographik, Mittelalter, Oswald von Wolkenstein, Gattungstradition, Stilisierung und Literarizität.
Der Autor argumentiert, dass das lyrische Ich bei Oswald nicht mit dem realen Leben des Dichters gleichgesetzt werden darf, sondern eine stilisierte, oft rollenhafte Figur darstellt, die künstlerischen Zwecken dient.
Weil der moderne Begriff der Autobiographie von einem historischen und wahrheitsorientierten Anspruch geprägt ist, der den mittelalterlichen Texten nicht gerecht wird, da diese primär literarisch und artistisch gestaltet sind.
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