Doktorarbeit / Dissertation, 2000
330 Seiten, Note: magna cum laude
1. Einleitung
2. Von der „Kinopest“ zur „siebten Kunst“. Die Kontroverse um den frühen Film
2.1. Zwischen Faszination und moralischer Entrüstung: Die Kinoreformbewegung
2.1.1. Phasen und Entwicklung der Kinoreformbewegung
2.1.2. Positionen und Fraktionen
2.1.3. Gesellschaftliche, politische und ideologische Implikationen
2.1.4. Integrations- und Desintegrationsstrategien
2.2. Zwischen wohlwollender Süffisanz und ästhetischer Entrüstung: Die Auseinandersetzung der Literaten mit dem Film in der Kino-Debatte
2.2.1. Die Krise des Wortes
2.2.2. Der Kino-Theater-Streit
2.2.3. Das Kino-Buch
2.2.4. Ausgrenzung und Assimilation
2.3. Das Schmuddelkind in den Tempeln der Kunst: Frühe Filmtheorien
2.3.1. Ästhetische Nobilitierung des Films: Kunstgriffe
2.3.2. Das Ende der Aura – Rückwirkungen des Films auf den Gesamtcharakter der Kunst
3. Unterwegs nach Digitalien. Die Kontroverse um digitale Medien
3.1. „Cyberdemokratie“. Die politischen Chancen und Gefahren digitaler Medien als Gegenstand des aktuellen Mediendiskurses
3.1.1. Das Internet provoziert, den Status quo der politischen Kultur zu bilanzieren
3.1.2. Zur politischen Theorie des Internetdiskurses
3.1.3. Das Internet als Medium des „herrschaftsfreien Diskurses“
3.1.4. Die Genese des Begriffs politischer Öffentlichkeit bei Habermas
3.1.5. Das Internet ermöglicht der „kritischen Medientheorie“ ein Comeback
3.2. „Computerisierung“ und „Digitalisierung“ und der Strukturwandel von Raum und Zeit
3.2.1. Mimesis und Simulation: Großklaus’ Modell der Geschichte von Medien und Wahrnehmungswandel
3.3. Die Neuordnung von Wissensproduktion und Wissensverfügung durch den Computer als Gegenstand des Diskurses
3.3.1. Externalisierungen von Gedächtnis und Gehirn. Die Bezugnahme auf die „Medienrevolutionen“ Mündlichkeit/Schriftlichkeit und Buchdruck
3.3.2. Memex und Xanadu. Der Wunschtraum von der universalen Bibliothek
3.3.3. Externalisierung, Vernetzung, Vollständigkeit. In der „digitalen Revolution“ bekommt Wissen eine neue Qualität
3.3.4. Ein neues Denken!? Die Debatte um „Künstliche Intelligenz“ verlagert ihren Schauplatz
4. Homologe Strukturen der „Medienrevolutionen“
4.1. Das Polarisierungspotential eines neuen Mediums
4.2. Epochenschwellenbewußtsein
4.3. „Wirklichkeitsverluste“ und technische Tore
4.4. „Anwendungsunbestimmtheit“ und „Universalcharakter“
5. Exkurs: Die Magie des Digitalen
6. Schluß
Die vorliegende Arbeit untersucht die wiederkehrenden diskursiven Muster und Strukturen, die bei der Etablierung neuer Medien – exemplarisch dargestellt am frühen Film und dem Computer – in der öffentlichen Debatte entstehen. Ziel ist es, aufzuzeigen, dass die Debatten um „Medienrevolutionen“ weniger von den tatsächlichen technischen Eigenschaften der Medien geprägt sind, als vielmehr von einem Bedürfnis, gesellschaftliche Werte und Identitäten in einer sich wandelnden Medienlandschaft neu zu verhandeln.
1. Einleitung
Im Jahre 1912 verfaßte der Theaterleiter Carl Hedinger eine Invektive gegen den damals noch jungen Film und bezeichnete ihn als „kulturellen Krebsschaden“. Achtzig Jahre später – andere Medien und andere Krankheiten drängten sich in der Zwischenzeit in den Vordergrund des öffentlichen Bewußtseins – macht Neil Postman gegen den Computer und dessen Auswirkungen Front: „Wir leiden unter einer Art von kulturellem Aids.“ Demgegenüber sieht der Philosoph Istvan Bodnar durch die Neuerungen des Computers „eine Großkultur neuer Art“ entstehen, und Walter Hasenclever reklamierte 1913 für den Film: „Von allen Kunstfertigkeiten unserer Zeit ist der Kintopp die stärkste“. Die Frage, wer von ihnen recht hat und ob man für oder gegen die neuen Medien sein soll, wird in vorliegender Arbeit nicht beantwortet werden. Gleichwohl steht diese Frage meistenteils im Zentrum der folgenden Untersuchung, denn es ist gerade ihre Unbeantwortbarkeit, die den Reiz ausmacht, sie einer eingehenden Analyse zu unterziehen.
Solange Medien neu sind, löst die Frage, ob sie denn gut oder von Übel seien, ein beträchtliches Redebedürfnis aus. Der Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Studie besteht in der eigentümlichen Sorte Text, in der sich dieses Redebedürfnis niederschlägt und die in Zeiten einer „Medienrevolution“ enorme Blüten treibt: Texte, die mit zumeist unverhältnismäßig anmutender Leidenschaft auftreten und sich mit jenem Aplomb anheischig machen, „das Wesen“ eines neuen Mediums zu bestimmen und es zu bewerten, der gleichermaßen ins Euphorische wie ins Hysterische umschlagen kann.
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die diskursanalytische Untersuchung ein, die erforscht, wie über neue Medien („Medienrevolutionen“) debattiert wird, statt deren technische Eigenschaften direkt zu bewerten.
2. Von der „Kinopest“ zur „siebten Kunst“. Die Kontroverse um den frühen Film: Dieses Kapitel rekonstruiert die Debatten um den frühen Film als Massenmedium, geprägt durch die moralisch aufgeladene Kinoreformbewegung und die ästhetische Kritik literarischer Intellektueller.
3. Unterwegs nach Digitalien. Die Kontroverse um digitale Medien: Der Fokus liegt hier auf der aktuellen Auseinandersetzung um digitale Medien, das Internet und deren behauptete revolutionäre Auswirkungen auf Demokratie, Raum, Zeit und Wissensverwaltung.
4. Homologe Strukturen der „Medienrevolutionen“: Dieses Kapitel vergleicht die Mediendiskurse um Film und Computer und arbeitet übergreifende formale sowie strukturelle Parallelen heraus, wie etwa das Polarisierungspotential neuer Medien.
5. Exkurs: Die Magie des Digitalen: Ein Exkurs, der die These hinterfragt, ob Diskurse über Medien lediglich als eigenständige, von den technischen Gegebenheiten unabhängige Projektionsflächen fungieren.
6. Schluß: Hier werden die Ergebnisse zusammengefasst und die These bekräftigt, dass Medienrevolutionen primär als diskursive Effekte zu verstehen sind, die als Antwort auf kulturelle Unsicherheiten fungieren.
Medienrevolution, Diskursanalyse, Film, Computer, Kinoreformbewegung, Digitale Revolution, Öffentlichkeit, Kulturkritik, Epochenschwellenbewußtsein, Technikreflexion, Wirklichkeitsverlust, Mimesis, Simulation, Wissensproduktion, Medialität.
Die Arbeit untersucht nicht die Medien selbst, sondern die Art und Weise, wie in Zeiten von sogenannten „Medienrevolutionen“ (früher der Film, heute der Computer) über diese neuen Medien gesprochen und geschrieben wird.
Zentrale Felder sind die öffentliche Debatte um den frühen Film zu Beginn des 20. Jahrhunderts und der aktuelle Diskurs über digitale Medien, das Internet und Computerkulturen.
Das Ziel ist es, homologe (ähnliche) Strukturen und Funktionsweisen in diesen Diskursen aufzudecken und zu zeigen, dass neue Medien oft als Projektionsflächen für gesellschaftliche Wertekonflikte und Ängste dienen.
Es wird eine diskursanalytische Methode angewandt, bei der die Texte über die Medien systematisch auf ihre formalen und strukturellen Muster hin untersucht und miteinander verglichen werden.
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Rekonstruktion des Filmdiskurses (Kap. 2), die Untersuchung der Computerkontroverse (Kap. 3) und einen vergleichenden Strukturvergleich (Kap. 4).
Neben dem zentralen Begriff der „Medienrevolution“ sind Begriffe wie „Diskursanalyse“, „Wirklichkeitsverlust“, „Epochenschwellenbewußtsein“ und „Polarisierungspotential“ von entscheidender Bedeutung für das Verständnis der Untersuchung.
Obwohl sie technisch und historisch verschieden sind, zeigen beide Medienumbrüche verblüffende Parallelen in der Rhetorik ihrer Kritiker und Befürworter, was Rückschlüsse auf die Funktionsweise öffentlicher Debatten zulässt.
Es bezeichnet das Phänomen, dass ein neues Medium die gesellschaftliche Wahrnehmung in extreme Positionen spaltet – beispielsweise zwischen euphorischen Fortschrittsglauben und apokalyptischen Ängsten vor Kulturverlust.
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