Examensarbeit, 2008
90 Seiten, Note: 1,0
1. Einleitung
1.1 Sportunterricht und Bildung
1.2 Die Bildungsdebatte
1.2.1 Hierarchisierung von höherer und niederer Bildung
1.2.2 Bildungsstandards im Sportunterricht
1.3 Grundannahmen der leiblichen Reflexion
1.3.1 Die Ästhesiologie
1.3.2 Die Ästhetik
1.3.3 Ästhesiologie, Ästhetik und Erkenntnis
1.4 Die ästhetisch-expressiven Fächer
1.4.1 Gemeinsamkeiten
1.4.2 Unterschiede
2. Voraussetzungen der Theorie der leiblichen Reflexion
2.1 Entwicklung der sportwissenschaftlichen Bewegungstheorien
2.1.1 Rousseaus „Émile“ und die Folgen
2.1.2 Bewegungstheorien nach dem Zweiten Weltkrieg
2.2 Moderne Bewegungsmodelle
2.3 Die phänomenologisch-anthropologische Perspektive
3. Annäherung an die Theorie der Reflexionsniveaus
3.1 Cassirer: Philosophie der symbolischen Formen
3.1.1 Vernunft und Sprache, Sprache und Handlung
3.1.2 Die Eigenweltlichkeit des Sports
3.1.3 Exkurs: Handlungspsychologie
3.1.4 Symbolische Formung
3.1.5 Logos und Mythos
3.2 Bourdieu: Der Körper als Speicher des Habitus
3.2.1 Implizites Wissen
3.2.2 Sport und Habitus
3.2.3 Irritationen des Habitus und Erinnerung
3.2.4 Zusammenfassung
3.3 Plessner: Die zentrische und die exzentrische Position
3.3.1 Pflanze und Tier
3.3.2 Das Spezifische des Menschen
3.3.3 Reflexivität im nicht-verbalen Mensch-Welt Bezug
3.4 Zusammenfassung der Voraussetzungen leiblicher Reflexion und Gutmanns Perspektive
4. Reflexionsniveaus im Bewegen
4.1 Die reflexionsrelevante Körper-Ich-Weltaneignung des Menschen
4.2 Grenzerfahrungen des Handelns
4.2.1 Vollzugserfahrungen
4.2.2 Reflexionserfahrung
4.3 Niveau-Stufen
4.3.1 Erste Stufe: Bewegungskompetenz
4.3.2 Zweite Stufe: Handlungskompetenz
4.3.3 Dritte Stufe: Partizipationskompetenz
4.3.4 Vierte Stufe: Wissenschaftspropädeutik
4.3.5 Zusammenfassung
5. Beurteilungskriterien
5.1 Die Form der Beurteilung
5.1.1 Sportzensur
5.1.2 Verbalbeurteilung
5.1.3 Keine Beurteilung
5.1.4 Eine Frage der Legitimation
5.2 Der Inhalt von Beurteilungen
5.2.1 Reflexionsebenen und genetisches Lehren
5.3 Beispiel: Skifahren
5.3.1 Basisniveau - Wahrnehmungskompetenz
5.3.2 Erfahrungskompetenz - Handlungssituationen
5.3.3 Urteilskompetenz
5.3.4 Erkenntniskompetenz und Rückblick
6. Fazit
Diese Arbeit untersucht die theoretischen Grundlagen und praktischen Anwendungsmöglichkeiten von Reflexionsniveaus im sportlichen Bewegen, um Kriterien für eine bildungstheoretisch fundierte Beurteilung im Sportunterricht zu entwickeln, die über reine motorische Leistungsmessungen hinausgehen.
4.2 Grenzerfahrungen des Handelns
Vor über 30 Jahren beschreibt Bollnow, dass es keine angenehmen Erfahrungen gibt.31 Erfahrung geht, Bollnow zufolge, über die Aufnahme und Verarbeitung von Daten und Informationen hinaus. Er (1974, S. 21) stellt heraus, dass die „Rekonstruktion der sinnhaft konstituierten Wirklichkeit durch Abarbeitung von Enttäuschungen“ verläuft. (vgl. ebd., S. 20ff) Maraun unterstützt diesen Ansatz: Eine Erfahrung zu machen bedeutet immer, dass sich die Verhältnisse anders darstellen als erwartet. Durch eine Erfahrung kann nur gelernt werden, wenn eben jene Enttäuschungen akzeptiert und daraus neue Erfahrungen aufgebaut werden. (vgl. Maraun, 1980, S. 30)
In der aktuellen Diskussion beschreibt Benner, dass das Lösen einer Aufgabe immer in einem Verhältnis zwischen eigenem Wissen und Nicht-Wissen, zwischen Können und Nicht-Können steht. (vgl. Benner, 2003, S. 96ff) Nicht-Können und Nicht-Wissen sind für ihn wesentliche Bestandteile einer problemorientierten Auseinandersetzung, sie kennzeichnen eine Negativität im Erfahrungsprozess. Benner (ebd., S. 98) zeigt anhand eines anschaulichen Beispiels, dass sich ein Irrtum als „konstitutiv für die spätere Lösung des Problems [erweist], die ohne ihn gar nicht hätte gefunden werden können.“ Er (ebd.) zieht daraus folgenden Schluss: „Über Enttäuschungen und Irritationen, über negative Erfahrungen also, gelangt er [der Schüler; Anm. N.H.] zu der Antwort auf die an ihn gerichtete Frage“.
Diese negativen Erfahrungen innerhalb des Erfahrungsprozesses stellen für Franke (2007b, S. 176) die Ursache dar, einen Bezug zur eigenen Handlung aufzubauen. Es ergibt sich immer dort, „wo Störungen auftreten, wo Lernen schmerzhaft ist, wo sich eine Unterscheidung aus Negativität zum Geplanten oder Erwarteten zeigt“, ein Bezug des Handelnden zu seiner Bewegung. Dieser Bezug ist es, durch den eine leibliche Reflexivität in Erscheinung tritt. Gutmann (2004, S. 705) betont, dass eine Störung alleine nicht zwangsläufig zu einer Entwicklung führen muss: „Die Störung dessen, was bisher immer, also ’nach-vollzieh-bar’, möglich war, und schließlich die Veränderung dieser Verhältnisse können Anlässe solcher Reflexion sein. Dies sollte allerdings nicht dazu verleiten, zu vermuten, dass Störungen ein adäquater Entwicklungsmodus seien.“
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Thematik der bildungstheoretischen Relevanz des Sportunterrichts ein und hinterfragt die traditionelle Leistungsbewertung im Kontext leiblicher Reflexion.
2. Voraussetzungen der Theorie der leiblichen Reflexion: Dieses Kapitel zeichnet die historische Entwicklung sportwissenschaftlicher Bewegungstheorien nach und legt die anthropologischen Grundlagen für das Verständnis leiblicher Reflexivität dar.
3. Annäherung an die Theorie der Reflexionsniveaus: Hier werden die philosophischen und soziologischen Kernkonzepte von Cassirer, Bourdieu und Plessner aufbereitet, die das Fundament für das Modell der Reflexionsniveaus bilden.
4. Reflexionsniveaus im Bewegen: Der Hauptteil systematisiert die Reflexionsniveaus im Bewegen in vier Stufen und verknüpft sie mit spezifischen Kompetenzen der Körper-Ich-Weltaneignung.
5. Beurteilungskriterien: Dieses Kapitel diskutiert die Problematik der Sportzensur und erarbeitet beispielhaft am Skifahren, wie Beurteilung an Reflexionsniveaus orientiert werden kann.
6. Fazit: Die Arbeit resümiert, dass das Strukturkonzept der Graduierungsparameter einen wertvollen, wenn auch komplexen Rahmen für die Selbstreflexion im Sportunterricht bietet.
Leibliche Reflexion, Sportpädagogik, Bildung durch Bewegung, Reflexionsniveaus, Bewegungskompetenz, Handlungskompetenz, Partizipationskompetenz, Wissenschaftspropädeutik, Habitus, Phänomenologie, Ästhesiologie, Leistungsbewertung, Sportzensur, Körpererfahrung, Differenzerfahrung.
Die Arbeit untersucht die Bedeutung von sportlicher Bewegung für Bildungsprozesse und entwickelt ein Modell von Reflexionsniveaus, um sportliches Handeln als selbstreflexiven Prozess zu begreifen und beurteilen zu können.
Im Zentrum stehen die Konzepte der leiblichen Reflexion, die Bildungstheorie im Sport, die anthropologische Fundierung von Bewegung sowie die Problematik und Legitimation der Leistungsbewertung (Sportzensur).
Das Ziel ist es, auf Basis philosophischer und anthropologischer Ansätze (Cassirer, Bourdieu, Plessner) ein Modell der Reflexionsniveaus im Bewegen zu entwerfen, das als Kriterium für eine zeitgemäße Beurteilung im Schulsport dienen kann.
Es handelt sich um eine theoretisch-analytische Arbeit, die philosophische und sportpädagogische Literatur auswertet, um daraus ein Strukturkonzept (Graduierungsparameter) abzuleiten, welches anschließend am Beispiel des Skifahrens überprüft wird.
Der Hauptteil gliedert sich in die Erarbeitung der theoretischen Voraussetzungen (Kapitel 2 & 3) und die detaillierte Darstellung des Modells der vier Reflexionsniveaus (Kapitel 4), gefolgt von einer kritischen Reflexion der Beurteilungskriterien im Sportunterricht (Kapitel 5).
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie "leibliche Reflexion", "Habitus", "exzentrische Positionalität" sowie durch die vier Niveaustufen "Bewegungs-", "Handlungs-", "Partizipationskompetenz" und "Wissenschaftspropädeutik" geprägt.
Leibliche Reflexion findet laut der Arbeit während des Bewegungsvollzugs statt und ist nicht zwingend an sprachliche oder kognitive Prozesse gebunden; sie ist vielmehr eine nonverbale Erkenntnisform durch sinnliche Erfahrung.
Diese Forderung (nach Alkemeyer) zielt darauf ab, nicht nur ein fehlerfreies Ergebnis (das Produkt) zu bewerten, sondern auch die Bereitschaft des Schülers, sich neuen, schwierigen Situationen zu stellen, in denen es zu Grenzerfahrungen und damit zu Reflexion kommt.
Stolpersteine fungieren als Irritationen, die den "Fluss der Normalität" stören und das Subjekt zwingen, sich mit seiner Bewegung, seinem Körper und der Welt auseinanderzusetzen, was erst die Voraussetzung für eine reflexivere Ebene schafft.
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