Diplomarbeit, 2008
132 Seiten, Note: 1,0
1. Einleitung
2. Erläuterung wichtiger Begriffe
2.1. Erläuterung und Abgrenzung der altersbezogenen wissenschaftlichen Disziplinen
2.2. Demografischer Wandel – definitorische Erfassung eines viel verwendeten Begriffs
2.3. Modernisierung und Individualisierung – eine Reflexion gesellschaftlicher Wandlungsprozesse
3. Der Altersbegriff im Blick wissenschaftlicher Disziplinen
3.1. Soziohistorische Entstehungsgeschichte der Lebensphase Alter
3.2. Soziologische Kriterien zur Abgrenzung der Lebensphase Alter
3.3. Die Lebensphase Alter nach dem Lebenslagenkonzept
3.4. Das Alter aus Sicht der Medizin
3.5. Die klassischen Alterskonzepte der Sozialen Gerontologie
3.5.1. Aktivitätskonzept
3.5.2. Disengagementkonzept
3.5.3. Kontinuitätskonzept
3.5.4. Gesamteinschätzung der klassischen Alterskonzepte
4. Gesellschaftliche und sozialpolitische Rahmenbedingungen
4.1. Pflegebedürftigkeit im Kontext deutscher Sozialpolitik
4.1.1. Wie die Pflegebedürftigkeit zu einem Sozialen Problem wurde
4.1.2. Die Soziale Pflegeversicherung als sozialpolitische Antwort auf Pflegebedürftigkeit
4.1.3. „Ambulant vor Stationär“ – Ein Grundsatz der Sozialen Pflegeversicherung
4.2. Der Einfluss des demografischen Wandels auf die Entwicklung der Pflegeversorgung seit Einführung der Sozialen Pflegeversicherung
4.3. Die Konsequenzen des demografischen Wandels für das Gesundheitswesen
4.4. Zwischenfazit
5. Die Rolle sozialprofessioneller Akteure
5.1. Pflegebedürftigkeit und Pflege im Kontext pflegewissenschaftlicher Konzepte
5.1.1. Potentiale und Defizite professioneller ambulanter und teilstationärer Hilfen
5.1.2. Bedingungen für die Inanspruchnahme professioneller ambulanter Hilfen in häuslichen Pflegearrangements
5.1.3. Soziostrukturelle Merkmale der institutionalisierten pflegebedürftigen Bevölkerung
5.2. Alternative und kombinierte Versorgungskonzepte
5.3. Zwischenfazit
6. Die Bedeutung sozialer Netzwerke
6.1. Pflegebedürftigkeit im Kontext Sozialer Netzwerke – eine erste Bestandsaufnahme
6.2. Familiale Soziale Netzwerke
6.2.1. Familie gestern, heute, morgen – Über den Wandel einer fundamentalen Institution deutscher Sozialpolitik
6.2.2. Destabilisierende Einflüsse in familialen Pflegearrangements
6.2.3. Pflegemotive und pflegekulturelle Orientierungen
6.3. Die Bedeutung sozialer Unterstützung von nicht-familialen Netzwerkpartnern im Kontext von Pflegebedürftigkeit
6.4. Zwischenfazit
7. Individuelle Perspektiven
7.1. Stadt-Land-Unterschiede in den Lebenslagen pflegebedürftiger Menschen
7.2. Finanzielle Situation älterer Menschen
7.3. Wohn- und Lebenswelten
7.4. Soziale Beziehungen
7.5. Objektiver Gesundheitszustand & subjektive Gesundheitseinschätzung
7.6. Zwischenfazit
8. Zusammenfassung und Ausblick
Die Diplomarbeit untersucht multiperspektivisch die Ursachen und Rahmenbedingungen für die Übersiedlung alter Menschen in stationäre Pflegeheime in Deutschland. Im Fokus stehen dabei das Zusammenspiel zwischen demografischem Wandel, gesellschaftlicher Individualisierung sowie den Rollen sozialpolitischer Akteure, professioneller Pflegedienste und informeller sozialer Netzwerke. Die Arbeit zielt darauf ab, zu ergründen, warum trotz politischer Strategien wie „ambulant vor stationär“ die Inanspruchnahme stationärer Pflege kontinuierlich zunimmt.
3.1. Soziohistorische Entstehungsgeschichte der Lebensphase Alter
Eine wichtige Voraussetzung einer gesellschaftlichen Lebensphase Alter ist eine ausreichende durchschnittliche Lebenserwartung, also das Altwerden breiter Teile der Bevölkerung. Bei einer historischen Betrachtung der durchschnittlichen Lebenserwartung der deutschen Bevölkerung fällt auf, dass diese über lange Zeit bei um die 30 Jahre stagniert. Im Jahre 1650 liegt die durchschnittliche Lebenserwartung bei 29 Jahren. Im Jahre 1800, also rund 150 Jahre später, liegt sie mit 33 Jahren nur um 4 Jahre höher. Für weitere 4 Jahre an höherer durchschnittlicher Lebenserwartung waren nur noch 80 Jahre notwendig – sie liegt im Jahre 1880 bei 37 Jahren (Backes & Clemens 2003, S. 26). Um die Jahrhundertwende steigt die durchschnittliche Lebenserwartung dann sprunghaft an und beträgt kurz vor dem ersten Weltkrieg knapp 50 Jahre (Statistisches Bundesamt 2008a, S.315ff). An den genannten Zahlen ist erkennbar, dass der in Deutschland einsetzende Prozess der Industrialisierung ab Mitte des 19. Jahrhunderts und die Steigerungsrate der durchschnittlichen Lebenserwartung parallel zueinander verlaufen. Durch die im Zuge der Industrialisierung einsetzenden Verbesserungen der allgemeinen Lebensbedingungen breiter Teile der Bevölkerung kann die Entwicklung von Alter zur eigenständigen Lebensphase und die Etablierung von älteren und alten Menschen als sozialstrukturell bestimmbare gesellschaftliche Gruppe mit vergleichbaren Merkmalen als ein Ergebnis der Industrialisierung angesehen werden. (Backes & Clemens 2003, S.25). Die verbesserten Lebens- bzw. Hygienebedingungen sind insbesondere am Rückgang der Säuglingssterblichkeit und an der prozentualen Zunahme derjenigen, die ein Alter von über 65 Jahren erreichen, erkennbar. Während noch im Jahre 1880 rund ein Viertel aller Neugeborenen innerhalb des ersten Lebensjahres verstarben (Statistisches Bundesamt 2008a, S.331ff), so lag der Anteil im Jahre 1910 nur noch bei etwa 17% (ebd. S.315ff). Gleichzeitig erreichten im Jahre 1910 rund 43% einer Geburtenkohorte ein Alter von 65 Jahren (ebd. S.316ff), im Jahre 1880 lag dieser Anteil noch bei lediglich 27,5% (ebd. S.332ff).
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Relevanz der Untersuchung zur Heimübersiedlung und stellt die multiperspektivische Forschungsstrategie vor, die verschiedene Akteure und soziologische Phänomene betrachtet.
2. Erläuterung wichtiger Begriffe: Dieses Kapitel definiert zentrale Konzepte wie Gerontologie und Geriatrie sowie die Auswirkungen des demografischen Wandels und gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse.
3. Der Altersbegriff im Blick wissenschaftlicher Disziplinen: Der Abschnitt diskutiert die Entstehung des Alters als soziale Lebensphase und vergleicht medizinische und sozialwissenschaftliche Alterskonzepte.
4. Gesellschaftliche und sozialpolitische Rahmenbedingungen: Es wird die Entwicklung der Pflegebedürftigkeit als soziales Risiko und die Einführung der Sozialen Pflegeversicherung kritisch analysiert.
5. Die Rolle sozialprofessioneller Akteure: Dieses Kapitel untersucht die Professionalisierung der Pflege und die Wirksamkeit ambulanter Versorgungsstrukturen sowie innovativer Case-Management-Ansätze.
6. Die Bedeutung sozialer Netzwerke: Es wird analysiert, wie familiale Netzwerke und informelle Pflegepotentiale durch gesellschaftliche Veränderungen wie Individualisierung unter Druck geraten.
7. Individuelle Perspektiven: Dieser Teil betrachtet spezifische Einflussfaktoren wie Stadt-Land-Unterschiede, finanzielle Situation und Wohnformen auf die Lebensgestaltung im Alter.
8. Zusammenfassung und Ausblick: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und diskutiert die zukünftige Relevanz von Pflegekonzepten angesichts der demografischen Herausforderungen.
Pflegebedürftigkeit, Stationäre Pflege, Demografischer Wandel, Soziale Pflegeversicherung, Ambulante Versorgung, Soziale Netzwerke, Individualisierung, Altenhilfe, Lebenslagenkonzept, Pflegeorganisationsfähigkeit, Case-Management, Pflegemotive, Altenheim, Pflegefähigkeit, Sozialpolitik
Die Diplomarbeit untersucht die Gründe für die Übersiedlung älterer Menschen in stationäre Pflegeheime in Deutschland und betrachtet diesen Prozess aus einer multiperspektivischen Sicht, die sowohl soziale als auch politische und individuelle Faktoren berücksichtigt.
Die zentralen Themenfelder umfassen den demografischen Wandel, die Auswirkungen der modernen Sozialpolitik auf die Pflegeversorgung, die Rolle professioneller Akteure und die Bedeutung informeller sozialer Netzwerke sowie die Auswirkungen der Individualisierung auf das Alter.
Das Hauptziel besteht darin, Forschungsergebnisse zu den Hintergründen von Heimübersiedlungen zu erfassen und in einen Gesamtzusammenhang zu setzen, um zu verstehen, warum trotz gesetzlicher Priorisierung der ambulanten Pflege die stationäre Unterbringung weiterhin stark zunimmt.
Die Arbeit nutzt eine interdisziplinäre theoretische Herangehensweise, wertet vorhandene Studien (z.B. Altenheimsurvey, Kasseler Studie) sowie statistische Daten der Pflegestatistik aus und setzt diese in Beziehung zu soziologischen Konzepten wie dem Lebenslagenkonzept oder Theorien zur Modernisierung.
Der Hauptteil gliedert sich in verschiedene Akteursperspektiven: Er analysiert sozialpolitische Rahmenbedingungen, die Rolle professioneller Pflegedienstleister, die destabilisierenden Einflüsse auf familiale soziale Netzwerke sowie individuelle Lebenslagen von älteren Menschen.
Zu den prägenden Schlüsselbegriffen zählen Pflegebedürftigkeit, Pflegenotstand, Sozialhilfe, Individualisierung, informelles Pflegepotential, Pflegefähigkeit und Wohnraumanpassung.
Der Autor ordnet die Soziale Pflegeversicherung als „Teilkaskoversicherung“ ein, die zwar den Ausbau ambulanter Hilfen förderte, jedoch durch fehlende Dynamisierung der Leistungen und einen hohen Bedarf an informellen Ressourcen an ihre Grenzen stößt, was in der Praxis oft zu einer Lücke führt, die nur durch private Mittel oder Sozialhilfe geschlossen werden kann.
Dieser vom Autor eingebrachte hypothetische Begriff bezeichnet die Kompetenz, Pflegesituationen zu reflektieren und notwendige Ressourcen (professionelle Hilfe) gezielt zu mobilisieren, um Belastungen auszugleichen. Er dient dazu, soziale Ungleichheiten im Umgang mit Pflegebedürftigkeit differenzierter zu erklären.
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