Lizentiatsarbeit, 2006
123 Seiten, Note: 5,5
Einleitung
Prolog – Erkenntnisse aus der Vergangenheit
1. Das russische Unternehmertum vor 1917
2. Der Ursprung des russischen Feindbildes „Unternehmer“
2.1. Der Unternehmer als charakterloser Krämer
2.2. Der Unternehmer als soziale Bedrohung
Teil 1 – Raubtierkapitalismus
3. Perestrojka und die ersten Jahre der Transformation
3.1. Das Ende der Sowjetunion
3.1.1. Historischer Umriss
3.1.2. Gorbatschows wirtschaftliche Reformen
3.1.3. Schattenwirtschaft und Korruption
3.2. Der Aufstieg der Oligarchen
3.2.1. Vladimir Vinogradov
3.2.2. Aleksandr Smolenskij
3.2.3. Michail Chodorkovskij
3.2.4. Vladimir Gusinskij
3.2.5. Boris Berezovskij
3.2.6. Vladimir Potanin
3.2.7. Michail Fridman
3.2.8. Petr Aven
3.2.9. Kinder der Perestrojka
3.3. Die ersten Jahre der Transformation
3.3.1. Jelzins Reformpolitik
3.3.2. Verfassungskrise und Neuwahlen
3.4. Die Entwicklung der Finanz-Industrie-Gruppen
3.5. Der Griff nach der Macht
3.5.1. Der Klub der Oligarchen
3.5.2. Massenmedien als politische Waffe
3.5.3. Das Loans-for-shares Programm
4. Die „Neuen Russen“
5. Die Männer mit dem Rubel
5.1. Schluss mit dem Leben à la Lenin!
5.1.1. Der Mann mit dem Rubel
5.1.2. Auf dünnem Eis
5.2. Männer von Welt
Teil 2 – Oligarchenkapitalismus
6. Jelzins zweite Amtszeit
6.1. Düstere Wolken über dem Kreml
6.2. Die Semibankirščina und der „Pakt von Davos“
6.2.1. Die Rettung Jelzins
6.2.2. Auf dem Höhepunkt der Macht
6.2.3. Berezovskij und die „Familie“
6.2.4. Verflechtungen mit dem Staat
6.3. Der Bankenkrieg
6.4. Das System kollabiert
6.5. Ausblick: Die Oligarchen unter Putin
7. Die „Oligarchen“
7.1. Experten-Ratings
7.2. Das Bild vom allmächtigen (jüdischen) Oligarchen
7.3. Das Bild vom schädlichen Oligarchen
8. Geschäftsmann oder Politiker?
8.1. Was den Oligarchen zum Oligarchen macht
8.2. Die jüdischen Wurzeln der Oligarchen
8.3. Die Angst geht um
8.4. Rechtfertigungsversuche
8.4.1. Die Oligarchen und ihr Ruf
8.4.2. Ehrliche Schaffer anstatt kriminelle Ausbeuter
8.4.3. Erbauer anstatt Blutsauger
8.5. Eine Oligarchie in Russland?
8.5.1. Team Tycoon
8.5.2. Die Oligarchen über „Oligarchie“
8.6. Die historische Rolle der Oligarchen
8.6.1. Vladimir Potanin
8.6.2. Boris Berezovskij
8.6.3. Michail Chodorkovskij
8.6.4. Aleksandr Smolenskij
8.6.5. Vladimir Gusinskij
8.6.6. Michail Fridman
8.6.7. Petr Aven
8.6.8. Vladimir Vinogradov
Diese Arbeit untersucht das Selbstverständnis und die Selbstdarstellung der acht wichtigsten russischen Oligarchen während der 1990er Jahre, um deren Rolle im russischen Transformationsprozess aus ihrer eigenen Perspektive zu beleuchten.
3.1.3. Schattenwirtschaft und Korruption
Die Politik der Perestrojka war mitunter ein Versuch, die alles durchdringende Schattenwirtschaft staatlich zu legitimieren, um sie besser kontrollieren zu können. Trotz Androhung drakonischer Strafen war es der Kommunistischen Partei zu keiner Zeit gelungen, der Untergrundwirtschaft Einhalt zu gebieten. John Steinbeck, der 1948 gemeinsam mit Robert Capa die Sowjetunion bereiste, brachte die Ohnmacht der angeblich allmächtigen Partei auf den Punkt: „[T]he leaders of a communist or socialist regime must get very tired of the long-living quality of capitalism. Just when you have stamped it out in one place, it comes to life in another. It is like those sandworms which cut in two go on living, each a seperate individual.” Gemäss Schätzungen beschäftigte die Schattenwirtschaft am Vorabend der Perestrojka 10% aller Werktätigen, die zusammen 15% des sowjetischen BIP erwirtschafteten und 33% aller Haushaltseinkommen generierten. Die neuen Unternehmen, die während der Perestrojka wie Pilze aus dem Boden schossen, entsprangen vielfach bestehenden Organisationen, die zuvor ausserhalb des rechtlichen Rahmens ihren Geschäften nachgegangen waren.
„[T]he black market has always been the real market in Russia”, erklärte der Gründer der Wirtschaftszeitung Kommersant" Vladimir Jakovlev im Jahr 1991. Entscheidend geprägt wurde dieser „Markt“ durch ein Geflecht aus persönlichen Beziehungen und Netzwerken, für das es im Russischen ein eigenes Wort gibt: blat. Das System des blat ist eng verwandt mit der Korruption, einem weiteren Merkmal des sowjetischen, und später des russischen Kapitalismus. Ebenso wie das Schmieren von Beamten galt das Stehlen von Staatseigentum als wenig verwerflich. Vor allem am Arbeitsplatz herrschte das Prinzip der Selbstbedienung. Die sowjetische Gesellschaft hatte sich so weit von ihrem Regime entfremdet, dass sie bei Angelegenheiten, die den Staat oder die staatliche Wirtschaft betrafen, alle ihre moralischen Grundsätze über Bord warf. „‚They’ take bribes; ‚their trade’, ‚their services’ are corrupt through-and-through, so in dealing with ‚them’ the norms of human morality do not apply“, schreibt Simis.
Prolog – Erkenntnisse aus der Vergangenheit: Historischer Rückblick auf das Unternehmertum vor 1917 und die Entstehung russischer Feindbilder gegenüber Geschäftsleuten.
3. Perestrojka und die ersten Jahre der Transformation: Analyse des Zerfalls der Sowjetunion und der Entstehung erster privater Wirtschaftsstrukturen durch die Oligarchen.
4. Die „Neuen Russen“: Untersuchung der gesellschaftlichen Wahrnehmung der neuen Reichen als Spottfigur des Umbruchs.
5. Die Männer mit dem Rubel: Darstellung des Lebensstils und der frühen Selbstdarstellung der Oligarchen sowie ihrer Angst vor staatlicher Repression.
6. Jelzins zweite Amtszeit: Analyse der politischen Allianz der "Semibankirščina" zur Sicherung der Wiederwahl Jelzins und deren Auswirkungen.
7. Die „Oligarchen“: Untersuchung der Begriffsgeschichte und der zunehmenden öffentlichen Wahrnehmung einer mächtigen Finanzoligarchie.
8. Geschäftsmann oder Politiker?: Eingehende Analyse des Selbstbildes, der Rolle von ethnischen Wurzeln und der Rechtfertigungsversuche der Oligarchen.
Oligarchen, Russland, Perestrojka, Transformation, Jelzin, Semibankirščina, Kapitalismus, Schattenwirtschaft, Korruption, Privatisierung, Wirtschaftsgeschichte, Selbstbild, politische Macht, Finanz-Industrie-Gruppen, Raubtierkapitalismus
Die Arbeit analysiert das Selbstverständnis und die Selbstdarstellung von acht führenden russischen Oligarchen in den 1990er Jahren, um deren Rolle und Motivation im Transformationsprozess zu verstehen.
Zu den zentralen Themen gehören der wirtschaftliche Aufstieg der Oligarchen, ihr politischer Einfluss, das öffentliche Bild der "neuen Russen" sowie ihr Umgang mit Kritik und ihrer eigenen Rolle.
Das Ziel ist es, die Perspektive der Akteure selbst – also der Oligarchen – anhand von Selbstzeugnissen und Interviews zu rekonstruieren, anstatt sich nur auf externe Beschreibungen zu verlassen.
Die Arbeit stützt sich auf eine tiefgehende Auswertung von Selbstzeugnissen (Interviews, Erklärungen) der Oligarchen im Zeitraum 1991–2006, ergänzt durch historische Analysen und zeitgenössische Sekundärliteratur.
Der Hauptteil gliedert sich in zwei Phasen: Die Jahre 1985–1995 des "Raubtierkapitalismus" und die Phase 1995–1999, in der die Oligarchen ihren Machtzenit erreichten.
Oligarchen, Russland, Perestrojka, Transformation, Semibankirščina, Kapitalismus, Schattenwirtschaft, Korruption und Privatisierung.
Der Autor definiert den Begriff eng, um sich auf die acht einleitend vorgestellten Protagonisten zu konzentrieren, da eine allgemein gültige Definition historisch und politisch stark umstritten ist.
Sie reagierten meist zögerlich oder mit pauschalen Dementis und versuchten später, durch wohltätige Aktivitäten oder politische Rechtfertigungen (z.B. als Manager Russlands) ein besseres Image aufzubauen.
Die meisten sahen sich nicht als klassische politische Akteure, sondern als notwendige Akteure in einer chaotischen Zeit, die Verantwortung für Betriebe und deren Angestellte übernommen haben.
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